Hector Berlioz

Harold in Italien op.16

(Harold en Italie, Harold in Italy)

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„Als das Publikum (nach einer von Berlioz selbst dirigierten Aufführung der „Symphonie fantastique, Anm.) hinausgegangen war, blieb ein Mann mit langen Haaren, durchdringendem Blick und eigentümlichem, verwittertem Gesicht, ein Mann, der von Genie besessen war, der ein Riese unter den Größten war, ein Mann, den ich noch nie gesehen hatte und dessen erster Anblick mich tief verwirrte, allein im Saal stehen und erwartete mich. Er hielt mich an als ich vorüberging, um mir die Hand zu drücken, überschüttete mich mit glühenden Lobreden, die mir Herz und Kopf entflammten, es war Paganini.“

Von diesem Zusammentreffen berichtet Hector Berlioz in seinen Memoiren unter dem Datum des 23.Dezember 1833; wenig darauf besuchte ihn Paganini und bat ihn um die Komposition eines Werkes für Bratsche. Genauer um ein Bratschenkonzert für seine neue Stradivari-Bratsche, die sogenannte „Paganini-Mendelssohn“ von 1731. Paganini spielte also damals schon ein damals über einhundert Jahre altes „Originalinstrument“. Berlioz darauf: „Sicher, antwortete ich, es schmeichelt mir mehr, als ich ausdrücken könnte, aber um Ihren Erwartungen gerecht zu werden und in einem solchen Werk einen Virtuosen wie Sie angemessen glänzen zu lassen, muss man Bratsche spielen können, und das kann ich nicht.“ Dennoch beharrte Paganini auf dem Auftrag und Berlioz gab schließlich nach. Nach dem Betrachten der Skizzen zum ersten Satz protestierte Paganini und zeigte sich enttäuscht, weil es dem Werk an zahlreichen virtuosen Passagen für den Solisten fehle. „Das geht nicht! Ich schweige zu lange darin; ich muss immerzu spielen!“ sprach´s und verließ den gerade 30jährigen Berlioz, welcher nun auf den Gedanken kam, „für das Orchester eine Reihe von Szenen zu schreiben, in denen die Solobratsche die Rolle einer mehr oder weniger wichtigen Person spielen würde, die durch das Ganze ihren eigenen Charakter bewahrt.“ Allerdings so scheint es, könnte dies auch von Beginn an bereits eine Intention Berlioz’ gewesen zu sein.

Jetzt sollten wir uns noch ein paar Jahre in Berlioz´ Leben zurückbewegen, denn das Werk hat auch einen autobiographischen Hintergrund, nämlich Erfahrungen, die Berlioz in Italien gemacht hatte, nachdem er 1830 den Rompreis gewonnen hatte.

Hector Berlioz sitzt beim Komponieren in der Villa Medici in Rom. Dieser kostenlose Aufenthalt ist die Zugabe zum gewonnenen Rompreis. "Nach dem Frühstück Ballspiel im Garten, dann Pistolenschießen auf die Amseln in den Lorbeerbäumen. Und jeden Abend ins Café." Natürlich ist es schön hier, aber Berlioz hat Langeweile. Und es ist ihm viel zu heiß. Er will raus aus der Stadt und macht sich auf in die wilde Bergwelt der Abruzzen.

Berlioz macht, so würde man heute sagen: Wanderurlaub in den Abruzzen

 

Angenehm kühl ist es hier, auf tausend und, wenn er will, weit über zweitausend Metern Höhe. Endlich kann er wieder atmen. Er wandert – stundenlang, tagelang, wochenlang. Und er hat Lektüre dabei: romantische Gedichte von Lord Byron über die Pilgerfahrt des melancholischen Träumers Harold. Und plötzlich wird Berlioz selbst von der Melancholie gepackt, von der Sehnsucht nach der Einsamkeit, vom Drang, eins zu werden mit der Natur: "Ich lebe nicht in mir allein, ich werde ein Teil von dem, was mich umgibt. Mir schenkt das Hochgebirge ein Hochgefühl."

Berlioz notiert die ersten Melodien. Und schnell weiß er, wer seinen Pilger, seinen Wanderer musikalisch verkörpern soll: eine Bratsche. Eigentümlich herb sei dieses Instrument in der tiefen Lage und traurig-leidenschaftlich in der Höhe, so Berlioz. Und genau das braucht er für seinen Helden, der im ersten Satz von der bizarren Schönheit der Bergwelt verzaubert wird und sich im zweiten einer Gruppe von Pilgern anschließt. Harold wandert mit, verschmilzt mit der Gruppe – und löst sich dann wieder. Und die Pilger ziehen ohne ihn weiter. Das Abendständchen eines Dorfbewohners gibt dem dritten Satz dieser Sinfonie das Thema vor. Und im Finale gerät Harold sogar noch unter die Räuber.

Diese Erfahrungen verband Berlioz mit der literarischen Figur des Harold aus Lord Byrons „Childe Harold’s Pilgrimage“. Berlioz schreibt dazu in seiner Autobiographie: „Ich wollte aus der Bratsche, in dem ich sie in den Mittelpunkt poetischer Erinnerungen stellte, die meine Wanderungen in den Abruzzen bei mir hinterlassen hatten, eine Art melancholischen Träumer von der Sorte von Byrons Childe Harold machen.“ Die Komposition folgt der literarischen Vorlage inhaltlich aber nicht, so sind die Szenen der Sinfonie in Byrons Werk gar nicht enthalten. Der literarische Bezug ist demnach eher als Paraphrase zu verstehen. Und Berlioz wollte das Werk aber doch nicht „Berlioz in Italien“ nennen. Das wäre selbst für den großen Ich-Erzähler, bereits gut bekannt aus der „Symphonie fantastique“ zu viel gewesen. Außerdem war Lord Byron gerade populär, sodass allein der Namen (oder eines Teils davon) des damals populären Buches ein gewisses Interesse an der Komposition sichern sollte.

„Harold en Italie“ (französisch für ‚Harold in Italien‘; op. 16, H. 68) ist eine Sinfonie mit Solobratsche (Symphonie en quatre parties avec alto principal). Monsieur Berlioz komponierte das Werk im Jahr 1834 in Paris; die Uraufführung fand dort am 23. November desselben Jahres in der Salle du Conservatoire mit Christian Urhan als Solisten und Narcisse Girard als Dirigenten statt.

Die Besetzung besteht aus Solobratsche, 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 4 Fagotten, 4 Hörnern, 2 Trompeten, 2 Kornette, 3 Posaunen, Ophikleide, 2 Pauken, Triangel, Becken, 2 kleinen Trommeln, Harfe und Streichern.

 

Paganini hörte das Werk erst 1838 zum ersten Mal, soll aber Berlioz zufolge sehr gerührt gewesen sein. Paganini soll ihn am Arm genommen haben und ihn zurück auf die Bühne geführt haben, wo noch viele Musiker verweilten: „Dort kniete er nieder und küsste meine Hand.“ Einige Tage später erhielt Berlioz einen Gratulationsbrief von Paganini und einen Scheck in Höhe von 20.000 Francs. Das war damals eine riesengroße Summe. Der heutige Wert würde umgerechnet stark davon abhängen, ob sich Paganini von 20000 Francs in Goldmünzen oder Banknoten getrennt hätte, da wir nicht wissen, was genau auf dem Sckeck stand. So hätten wir eine Schwankungsbreite im heutigen Wert von fünfstellig bis sechsstellig (Sammlerwert bei Münzen) in Euro. In jedem Fall war es eine großartige Anerkennung, gerade wenn man bedenkt, dass es sich (höchstwahrscheinlich) noch nicht einmal um einen zuvor vereinbarten Kaufpreis, sondern um ein Geschenk handelt. Falls man zuvor bereits einen Preis ausgehandelt hätte, wäre er kaum so hoch gewesen denn für sein Requiem bekam Berlioz „nur“ 2000 Francs und er musste dabei auf alle Rechte verzichten. Das Werk gehörte danach dem Staat, der dabei als Auftragsgeber fungierte. Der ideelle Anreger der „Harold-Sinfonie“ zeigte sich in jedem Fall äußerst kulant und ermöglichte damit Berlioz zumindest die sorgenfreie Komposition der nächsten hochbedeutenden dramatischen Sinfonie „Romeo et Juliette“. Eine ausgesprochen großzügige Abbitte. Paganini hatte wohl erkannt, was dieser "Harold" für Berlioz war: eine Selbstfindung. Und eine Hommage an die fremdartige, erschreckende, faszinierende Bergwelt der Abruzzen.

 

Formal gesehen kann die Komposition als Sinfonie betrachtet werden. Eine Sinfonie mit einer obligaten Viola. Berlioz war ein großer Erfinder von neuen Formen oder Kreuzungen von alten Formen, heute würde man sagen, er war ein Meister des „Cross-Over“. Das bringt jedoch zunächst einmal einige Form-Probleme mit sich, denn der Viola-Solist hat eine Doppelfunktion: er ist Träger der „idée fixe“ und dazu führt er den Solopart in einem konzertierenden Werk aus - was keineswegs dasselbe ist. So ist die Sinfonie gattungsgemäß in vier Sätzen angelegt, nicht wie ein Solo-Konzert in drei. Die Bratsche hat nie dermaßen virtuose Aufgaben wie üblich in Instrumentalkonzerten; zentrale Aufgaben hat sie vor allem im ersten Satz, in dem sie das Harold-Thema sowie das 1. und 2. Nebenthema einführt. Eine Kadenz ist nicht vorhanden. Harold ist hier im Dialog mit der Natur, oder: im Angesicht der Natur im Dialog mit sich selbst. Im zweiten und dritten Satz bleibt der Einsatz des Soloinstruments beinahe vollständig auf den Vortrag des Harold-Themas beschränkt, im letzten Satz ist die Bratsche auf noch kürzere kommentierende Passagen beschränkt, die einen reminiszenzartigen Charakter haben; in Form von „Erinnerungen“ (franz: „Souvernirs“) an die drei Sätze zuvor, schweigt aber im Hauptteil des Satzes gänzlich. Auch dies ist dabei programmatisch: der melancholische Träumer wird vom orgiastischen Taumel erschreckt und flieht, weswegen in der letzten Reminiszenz (T. 473 ff) auch von einem in „weiter Ferne“ postierten Ensemble eingeleitet wird. Dieser „Lontano-Effekt“ ist übrigens ein Topos der Musik des 19. Jahrhunderts und wird zuvor bereits im dritten Satz der „Symphonie fantastique“ (Hirtenweise) oder auch von Wagner (Venusbergszene im „Tannhäuser“) oder Mahler („Das Klagende Lied“, 2. Sinfonie) verwendet. Die relative Einheitlichkeit der thematischen Zuteilung der Solobratschenpartien, die oft aus dem Vortrag des Harold-Themas bestehen, lassen die Zuordnung der Solopartie zur Rolle des „melancholischen Träumers“ Harold problemlos zu. Das Harold-Motiv entspricht dabei der „idée fixe“ des Werks. Doch gibt es auch in diesen (den letzten drei) Sätzen konzertante Verschränkungen, thematische Übernahmen zwischen Solopart und Orchester; der träumende Held steht dann im „Ständchen“ und dem es umrahmenden „pifferari“-Elementen gar nicht mehr so abseits und im Finale mündet auch sein Part in das letzte Orchestertutti ein. Harold wird vom „Allegro frenetico“ der anarchischen Räuber mit- und hingerissen. Manches dürfte da doch eher einer musikalisch zwingenden Notwendigkeit entsprungen sein, nämlich ein mitreißendes Finale zu entwickeln, als purem erdachten Geschehen oder gar autobiographisch Erlebtem. Denn eigentlich hat er bei seinen Wanderungen gar keine gefährlichen Briganten getroffen.

 

1. Harold in den Bergen

Der erste Satz trägt den vollen Titel « Harold aux montagnes. Scènes de mélancolie, de bonheur et de joie » (deutsch: „Harold in den Bergen. Szenen der Melancholie, des Glücks und der Freude“) und besteht aus mehreren Themen, die eigenständig wirken. Er beginnt mit einem Adagio, in dem nach einer chromatischen Einleitung das Harold-Thema eingeführt wird, welches sowohl solistisch als auch durch das Orchester gespielt erklingt. Darauf folgt das Allegro. Dieses ist nicht streng nach Sonatensatzform komponiert; die Durchführung und die Reprise sind nicht klar voneinander getrennt und beide Themen erscheinen bei ihrem Wiederauftreten verändert. In der den Satz beschließenden Coda werden die Themen ein weiteres Mal variiert, und das Tempo steigert sich bis auf das Doppelte desjenigen des Allegro. Diese drei Teile entsprechen charakterlich den drei in der Überschrift genannten Szenen.

 

2. Marsch der Pilger

Der zweite Satz ist mit « Marche des pèlerins chantant la prière du soir » (deutsch: „Marsch der Pilger, die das Abendgebet singen“) überschrieben. Das inhaltliche Motiv ähnelt dabei demjenigen des zweiten Satzes der „italienischen“ Sinfonie Felix Mendelssohn-Bartholdys. Zu Beginn beschreibt der Satz in musikalischer Form einen sich nähernden Pilgerzug, was durch ein crescendo repräsentiert wird. Die dazugehörende Melodieabfolge wird in der Partitur als „canto“ bezeichnet. Dieser wird darauf unterbrochen, was Berlioz folgendermaßen beschreibt: « la sonnerie des cloches du couvent se fait entendre […], représentée par deux notes de harpe que redoublent les flûtes, les hautbois et les cors. » (deutsch: „Das Läuten der Klosterglocken ertönt, dargestellt durch zwei Noten der Harfe, die von den Flöten, den Oboen und den Hörnern verdoppelt werden“). Dem entgegengesetzt ertönt das Harold-Thema in der Solobratsche, welches adagio gespielt wird. Auf diesen ersten Teil des Satzes folgt ein Mittelteil. Dieser wurde von Berlioz als canto religioso in Harmonien in der Art Palestrinas beschrieben.  Der Solist begleitet diese, indem er sul ponticello Arpeggios spielt. S8ul ponticello bedeutet, dass der Bogen möglichst nahe am Steg geführt werden soll. Dadurch werden verstärkt hohe Obertöne angeregt und eine insgesamt schärfere Klangfarbe erzeugt (im Gegensatz zu dem weichen Klang des flautando bzw. „sul tasto“.) Der Satz endet damit, dass der Canto des ersten Teils wieder aufgenommen wird. Durch ein decrescendo wird das Weiterziehen des Pilgerzugs symbolisiert. Ein solches Allegretto gab es bereits in der 7.Sinfonie Beethovens, der damit ebenfalls einen echten langsamen Satz in der Sinfonie vermied, genau wie es ihm Berlioz hier nachmacht. Daher sollte dieser Satz nicht zu behäbig nach Adagio klingen und nicht allzu ruhig wirken. Wahrscheinlich handelt es sich um keine ausgemergelten Pilger auf einem „ewig“ weiten Weg nach Rom, sondern man begibt sich voller Vorfreude zum Abendmahl, vielleicht in die Taverne des nahegelegenen Dorfes? Ein Sonntagsausflug, aber man wahrt den Schein…

Der Satz könnte Borodin als Vorbild zu seiner „Steppenskizze aus Mittelasien“ gedient haben. Genauso ließ später Wagner im „Tannhäuser“ Pilger nun aber klanggewaltig über die Bühne marschieren. Berlioz als „Trendsetter“.

 

3. Ständchen

Der dritte Satz trägt den Titel « Sérénade d’un montagnard des Abruzzes à sa maîtresse » (deutsch: „Abendliches Ständchen eines Abruzzen-Gebirglers an seine Geliebte“). Man könnte ihn entfernt als eine Art Scherzo ebenfalls in der Tradition Ludwig van Beethovens (besonders wiederum der 7. Sinfonie mit dem punktierten Rhythmus) ansprechen. Wesentlicher Bestandteil ist das im Titel erwähnte abendliche Ständchen, welches parallel – in kontrapunktischer Weise – durch das Harold-Thema begleitet wird. Die Serenade wird flankiert von zwei Allegro-Teilen, die doppelt so schnell gespielt werden. Letztere tragen Züge eines Sicilianos. Als Abschluss des Satzes dient ein Teil, in dem alle drei bisher im Satz vorhandenen Elemente kombiniert werden. Der Siciliano-Rhythmus begleitet in Form eines Ostinato, die Melodie der Serenade und das Harold-Thema. Kunstvoll.

 

4. Gelage der Räuber

Die Überschrift des vierten Satzes lautet « Orgie de Brigands. Souvenirs de scènes précédentes » (deutsch: „Gelage der Räuber. Erinnerungen an vergangene Szenen“). Der Satz beginnt mit einer ausführlicheren Einleitung, die fünf Wiederaufnahmen von Motiven der vergangenen Sätze, gespielt vom Solisten, enthält. Berlioz hatte hier den vierten Satz von Beethovens Neunter vor Augen, die in Paris gerade erst aufgeführt wurde, mit Berlioz im Publikum. Da gab es im vierten Satz erstmals Remiszenzen an die vorherigen Sätze. Ein Verfahren, das später von anderen Komponisten ebenfalls wieder aufgenommen wurde. Diese „Souvenirs“ werden immer wieder unterbrochen durch das einsetzende Final-Thema. Nach dieser Einleitung beginnt ein im Sonatensatz gehaltener Teil, dem allerdings eine richtige Durchführung fehlt. Der Charakter dieses Teils ist sehr lebhaft und wild und kann als die Orgie selbst gedeutet werden. Dabei fehlt die Solopartie vollständig, was Berlioz später durch Harolds „Flucht“ erklärte. Er macht sich aus dem Staub, weil es ihm unheimlich wird, ob der Wildheit, die ihm zu gefährlich anmutet. Zum Schluss setzt die Bratsche nochmals mit dem Thema des Pilgermarschs als letztem Augenblick des Erinnerns ein.

 

„Harold“ ist also die zweite Sinfonie von Hector Berlioz nach der ersten, der Symphonie fantastique, in deren gewaltigem Schatten er nach wie vor steht, wenn man sich alleine die Anzahl an Einspielungen anschaut. Da geht der Vergleich ca. drei oder sogar vier zu eins für die Fantastique aus. Die dritte Sinfonie „Romeo et Juliette“ haben wir ja schon erwähnt. Der Vollständigkeit halber sei aber auch noch die vierte und letzte Sinfonie aus Berlioz Feder erwähnt, an die denkt man nämlich nicht ohne weiteres intensiveres Nachdenken: das wäre die „Grande symphonie funèbre et triomphale“, sie hat zwar die Opus-Zahl 15 bekommen, ist aber später als Harold entstanden.

Neben aller Unterschiede gibt es jedoch zwischen der ersten und der zweiten Sinfonie auch Gemeinsamkeiten. Wie in der Symphonie fantastique wird ein Hauptthema, eine sogenannte „idée fixe“ (die Eröffnungsmelodie der Viola) während des gesamten Werks immer wieder gebracht. Der Unterschied besteht darin, dass, während in der Symphonie fantastique die „idée fixe“ wie eine leidenschaftliche Obsession auf Szenen prallt, die ihr fremd sind und ihren Lauf ablenken, Harolds Melodie den anderen Orchesterstimmen jedoch überlagert wird und in Tempo und Charakter mit ihnen zwar kontrastiert, ohne aber ihre Entwicklung zu unterbrechen.

Der Vergleich könnte noch weitergeführt werden. „Harold en Italie“ ist eines der entspanntesten und poetischsten Werke Berlioz´(zumindest mal in den Sätzen zwei und drei), sehr unterschiedlich in der Atmosphäre von der Symphonie-fantastique von 1830. Er vermittelt ein neues Gefühl der Nostalgie und blickt auf glückliche Erinnerungen zurück. Harolds Melancholie ist (weitgehend) frei von Angst und sie wird in Grenzen gehalten: Anders als Faust in „La Damnation“ denkt Harold beispielsweise nicht über Selbstmord nach. Und er landet auch nicht auf dem Schaffot, wie der Held in der Symphonie fantastique. Die grübelnde, chromatische Musik der Eröffnungstakte in g-Moll weicht bald der diatonischen Musik in G-Dur mit dem Eintritt der Viola, begleitet von der Harfe. Harolds Thema ist einzigartig ruhig und fast frei von Emotionen. Wie bereits erwähnt, besteht das Thema für Berlioz ungewöhnlich regelmäßig in der Form aus zwei symmetrischen Vier-Takt-Phrasen. Es ist auch völlig frei von Chromatik, im Gegensatz zur „idée fixe“ der Fantastique.

Die vorherrschende Stimmung der ersten drei Sätze der Harold-Sinfonie ist freudig. Der zweite Satz erwies sich regelmäßig als beliebt beim Publikum, wie es Berlioz erwartet hatte und nach der ersten Aufführung bemerkte er, dass dies „das (religiöse und sanfte) Gegenstück zum „Marche au supplice“ sein könnte. Der dritte Satz mit dem Titel „Serenade eines Bergbewohners der Abruzzen für seine Geliebte“ enthält ein direktes Echo von Berlioz’ italienischen Erlebnissen: Er imitiert das Musizieren der „Pifferaris“ (Hirten), das Berlioz in Rom und in den Bergen bewunderte.

Nach den ersten drei Sätzen hatte Berlioz offensichtlich das Gefühl, dass die Sinfonie ein Finale braucht, das einen Kontrast zu ihnen bilden würde: die Orgie der Briganden. Während seiner Reise nach Italien hatte Berlioz über den Lebensstil der Briganden fantasiert, die er als Männer idealisierte, die sich von den Fesseln der Gesellschaft befreit hatten. Er drückte diese Ideen in einem der Monologe von The Return to Life (Lélio) und dem Brigands’ Song aus, obwohl er auf seinen Reisen in Italien eigentlich gar nicht auf echte Briganden gestoßen war. In „Harold en Italie“ ist die abschließende Orgie der Briganden das Gegenstück zum Hexensabbat der Symphonie-fantastique. Aber es hat nichts von dessen alptraumhafter Qualität. In Bezug auf ein Gastspiel, das er im April 1863 in Loewenberg (das heutige Lwówek Śląski in Polen, damals noch im deutschen Schlesien) gab, sagte Berlioz, dass er diesen Satz "in seinem eigenen Stil, mit Wut; mit knirschenden Zähnen" durchgeführt habe. Doch die schrillen Dissonanzen und die unharmonischen Rhythmen dieses energiegeladenen Satzes werden durch Passagen großer Delikatesse ausgeglichen (T. 231-268, 394-440). Berlioz´ Räuber sind Menschen, keine übernatürlichen Monster, wie in den Albtraumfantasien der Fantastique. Es gibt auch nostalgische Erinnerungen an die früheren Sätze am Anfang (T 12-98) und gegen Ende des Satzes (T. 464-500), eine Eigenart die er, wie bereits erwähnt, aus dem Finale von Beethovens 9. Symphonie adaptierte. Trotz all ihrer unkonventionellen Wildheit scheinen sich die Briganden vor allem zu amüsieren, und das Ende des Satzes klingt fast triumphierend. Aber das Finale von Harold ist musikalisch vielleicht weniger überzeugend als das der Fantastique. Allerdings, welches Finale könnte je überzeugender sein? Letztere entwickelt eine unerbittliche Progression von einem Abschnitt zum nächsten, während im Finale von Harold der Hauptabschnitt (T 118-247) einfach fast Note für Note wiederholt wird (T. 280-410). Der Satz endet mit einer ausgedehnten Coda, mit einer letzten Erinnerung an den Pilgermarsch und der letzten Rückkehr der Musik der Briganden (T. 411 bis Ende).

 

Die Verwendung eines Soloinstruments zur Darstellung einer Person war eine Innovation seitens Berlioz, nicht zuletzt als Reaktion auf Paganinis Auftrag eines Werks, das der Bratsche so oder so einen prominenten Teil geben musste. Auf die Idee gehen später Rimsky-Korsakov (Scheherazade) und Richard Strauss (Don Quijote, Ein Heldenleben) wieder ein und vielleicht noch ein paar mehr an die wir uns jetzt gerade nicht erinnern. Denn guten Ideen eifert man ja gerne nach. Berlioz hatte eine besondere Vorliebe für die Viola und nutzte ihre besonderen klanglichen Qualitäten in vielen seiner Werke – er hatte bereits eine Solo-Viola verwendet, um Marguerites Ballade des Königs von Thule in seinen Huit Scènes de Faust von 1828-9 zu begleiten (einer Vorarbeit zu „La Damnation de Faust“), in der gleichen Tonart G-Dur, später folgerichtig in „Fausts Verdammung“ integriert, aber nach F-Dur gewendet. Harold en Italie ist natürlich kein Violakonzert – daher die anfängliche Bestürzung von Paganini, als Berlioz ihm den ersten Satz des Werks zeigte. Der Viola-Teil ist frei von jedem Element der technischen (Selbst-)Darstellung um seiner selbst willen, was Berlioz in seinem Komponieren immer vermieden hat, auch in einem Werk wie seiner „Rêverie et caprice“ für Violine und Orchester. Harold ist eine Fusion aus Konzert und Symphonie, genauso aber auch eine von Kammermusik und Symphonik.

Zeitgenossen und Spätere haben Berlioz oft vorgeworfen, er könne keine Melodien erfinden. Das über zweieinhalb Oktaven sehnsuchtsvoll-kühn und chromatisch-melancholisch sich aufschwingende Thema des Allegro ist wohl der plastische Gegenbeweis. Und wenn der Solopart keine virtuosen Ansprüche befriedigen kann und auch nicht will, so werden doch an das Orchester außergewöhnliche Anforderungen gestellt. Farbliche Nuancierung, rhythmische Prägnanz, gegenläufige Dynamik in den einzelnen Instrumentengruppen, sogar Ansätze von Polymetrik (Pilgermarsch und Harold-Thema sind im zweiten Satz übereinandergeschichtet). Bei aller expressiv-melancholischen Versonnenheit muss hier doch auch virtuos-effektvoll gespielt werden, bis hin zu einer Ästhetik des Hypertrophen und brutalen (Coda des ersten Satzes; Finale des vierten). Daraus ergeben sich unter anderem die Kriterien für die Bewertung der vorhandenen Einspielungen. Hinzu kommen besondere Anforderungen an die Stimmungshaftigkeit, Ansprüche an die besonderen Raumklangvorstellungen, z.B. vorbeiziehender Pilgermarsch, Simultaneität von Pilgergesang und kommentierendem Solisten in unterschiedlicher Metrik, Fernwirkung im Finale und vieles mehr. Dazu bedarf es eines räumlich gut gestaffelten Orchesteraufbaus und einer weitmöglich dynamischen Artikulation, vor allem im Piano-Bereich. Und nicht zu vergessen sind die ekstatischen Ausbrüche in den Ecksätzen. Hier geht es nicht nur um plumpe Gewalttätigkeit, sondern das Orchester wird hier von Berlioz bis an die Grenze des instrumentaltechnisch Leistbaren vorangetrieben. Das sollte man hören können.

 

Text erstellt mithilfe der deutschen Wikipedia-Seite, der Sendung „Allegro“ des BR mit einem Text von Michael Altzinger, der offiziellen Berlioz-Seite mit einem Text von Michael Austin und einem Text von Hartmut Lück im FonoForum.

 

Unerfreulicher Appendix: Die Bratscher-Witze, die im Orchester, vornehmlich unter den Streichern, die keine Bratsche spielen, kursieren. Da gibt es viele, die unter die Gürtellinie zielen und das ist gemein. Die gibt es ja auch zwischen Preußen und Bayern, Pfälzern und Saarländern, Düsseldorfern und Kölnern, Friesen und Nichtfriesen etc., was die Sache im Prinzip nicht besser macht. Man darf sie nicht ernstnehmen.

Berlioz seinerseits liebte die Bratsche, war aber zugleich ein „Bratschen-Schmäher“ und wer weiß, vielleicht war sein Urteil der Startschuss für die Bratscher-Witze: „Die Bratscher rekrutieren sich aus dem Ausschuss der Geiger: Wenn sie den Posten des Geigers nicht genügend zu bekleiden wissen, so wurden sie zu den Bratschen versetzt.“

Unter den Bratscher-Witzen gibt es auch ein paar die man vielleicht auch als Bratscher(in) noch gerade so als witzig empfinden könnte, falls nicht, so entschuldigen wir uns dafür, sie doch noch erwähnt zu haben. Geschmacklos sind sie nicht und eigentlich kennt man sie sowieso schon:

 

Wie heißt die Bratsche auf Arabisch: Is lahm.

Wie wurde die Bratsche erfunden? Jemand spannte Saiten über einen Geigenkasten.

Was ist der Unterschied zwischen Robin Hood und einem Bratscher? Robin Hood konnte mit dem Bogen umgehen.

Wie ist ein Toncluster definiert? Eine Bratschengruppe spielt unisono.

Ein Bratscher begehrt an der Himmelspforte Einlass. Vor ihm wird ein Pfarrer von Petrus abgewiesen, der Bratscher aber eingelassen. Natürlich beschwert sich der Pfarrer, worauf Petrus erwidert: „Wenn Du gepredigt hast, hat die Gemeinde geschlafen, wenn der Bratscher ein Solo hatte, hat das gesamte Orchester gebetet.“

 

 

Zusammengestellt bis 19.1.2026

 

 

 

Hector Berlioz (Gemälde unbekannten Datums von Ernst Hader) Nach Vergleich mit anderen datierten Gemälden könnte er so oder so ähnlich zur Zeit der Komposition des "Harold" ausgesehen haben. 

 

 

 

Es wurden 56 Aufnahmen gehört, davon waren:

 

32 Stereo-Aufnahmen

  3 Aufnahmen mit historischen Instrumenten

  3 Video-Produktionen auf YouTube

  8 historische Mono-Aufnahmen und

10 Radio-Mitschnitte, zum großen Teil in den Mediatheken der Sender oder ebenfalls auf YouTube zu finden.

 

 

 

Überblick über die gehörten Aufnahmen, die Rezensionen en detail wie immer im Anschluss:

 

 

Die Stereo-Aufnahmen:

 

 

5

Charles Munch

William Primrose

Boston Symphony Orchestra

RCA

1958

12:05  6:40  6:28  12:26  37:39

 

5

Leonard Bernstein

William Lincer

New York Philharmonic Orchestra

CBS-Sony

1961

14:25  8:12  6:21  12:18  41:16

 

5

Sir Colin Davis

Tabea Zimmermann

London Symphony Orchestra

LSO Live

2003, live

14:05  7:48  6:22  11:30  39:45

 

5

Myung Whun Chung

Laurent Verney

Orchestre de l´Opéra de Bastille

DG

1994

14:44  7:32  6:37  12:32      41:25

 

5

Michel Plasson

Gerard Caussé

Orchestre National de Capitol de Toulouse

EMI

1991

14:31  7:49  5:56  11:43  40:19

 

 

 

4-5

David Oistrach

Rudolf Barshai

Moskauer Philharmoniker

Melodija. Eurodisc

1964

15:38  8:31  6:09  12:15  42:33

 

4-5

Eugene Ormandy

Joseph de Pasquale

Philadelphia Orchestra

CBS-Sony

1965

15:36  8:57  7:03  12:53  44:29

 

4-5

Andrew Manze

Lawrence Power

Bergen Philharmonic Orchestra

Hyperion

2017

14:00  7:11  6:03  11:42  38:56

 

4-5

Dietrich Fischer-Dieskau

Josef Suk

Tschechische Philharmonie, Prag

Supraphon

1976

15:33  7:48  6:06  12:13  41:40

 

 

 

4

Jan Latham-Koenig

Ulrich Koch

Sinfonieorchester des SWF Baden-Baden (heute: wegfusioniert)

Aurophon

1992

16:05  8:13  6:03  12:00  42:21

 

4

Eliahu Inbal

Yuri Baschmet

Radio Sinfonieorchester Frankfurt (heute: HR-Sinfonieorchester)

Denon

1988

15:01  6:44  5:55  12:31  40:11

 

4

Vladimir Fedosejev

Yuri Baschmet

Großes Radio- und Fernseh-Sinfonieorchester Moskau

Russian Disc, Audiophile Classics

1989, live

16:32  7:06  6:36  12:57  43:11

 

4

John Nelson

Timothy Ridout

Orchestre Philharmonique de Strasbourg

Erato-Warner

2021

15:31  6:59  6:05  12:13  40:49

 

4

Vladimir Ashkenazy

David Cameron Carpenter

Helsinki Philharmonic Orchestra

Ondine

2011

15:51  8:18  6:37  12:13  42:59

 

4

Charles Dutoit

Pinchas Zukerman

Orchestre Symphonique de Montréal

Decca

1987

16:51  8:27  6:55  12:22  44:15

 

4

Andrew Davis

James Ehnes

Melbourne Symphony Orchestra

Chandos

2014

15:19  7:44  6:21  12:21  41:45

 

4

Frantisek Jilek

Lubomir Maly

Tschechische Philharmonie, Prag

Supraphon-Denon

1981

15:01  8:24  6:21  12:36  42:32

 

4

Zubin Mehta

Daniel Benjamini

Israel Philharmonic Orchestra

Decca

1974

14:48  8:17  6:36  11:33  41:14

 

4

Lorin Maazel

Wolfram Christ

Berliner Philharmoniker

DG

1985

15:44  7:25  6:26  12:12  41:47

 

4

Lorin Maazel

Robert Vernon

Cleveland Orchestra

Decca

1978

14:24  7:25  6:13  11:10  39:37  

 

4

Maxim Schostakowitsch

Bruno Giuranna

BBC Symphony Orchestra

Carlton

1982

13:47  8:37  6:05  12:17  40:46

 

4

Sylvain Cambreling

Jean-Eric Soucy

Sinfonieorchester des SWR Baden-Baden und Freiburg (mittlerweile wegfusioniert)

Hänssler

2002

15:59  7:34  5:57  12:34  42:04

 

 

 

3-4

Leonard Bernstein

Donald McInnes

Orchestre National de France

EMI, Warner

1976

14:57  8:35  6:43  12:52  43:07

 

3-4

Ondréj Lenard

Milan Telecky

Slowakische Radio-Sinfonieorchester Bratislava

Opus, Blaricum

1981

17:13  8:23  6:35  12:37  44:48

 

3-4

Colin Davis

Yehudi Menuhin

Philharmonia Orchestra London

EMI

1962

16:22  8:58  6:27  12:11  43:58

 

3-4

Georges Prêtre

Walter Trampler

London Symphony Orchestra

RCA-Sony

1969

17:05  10:10  6:46  12:09  46:10

 

3-4

Cyril Diederich

Bruno Paquier

Orchestre Philharmonique de Languedoc-Roussillon, Montpellier

Forlane

1987

15:33  8:53  6:25  12:47  43:38

 

3-4

Yoav Talmi

Rivka Golani

San Diego Symphony Orchestra

Naxos

1995

15:02  7:30  6:45  11:49  41:06

 

 

 

3

Leonard Slatkin

Lise Berthaud

Orchestre National de Lyon

Naxos

2013

15:10  8:08  5:58  12:42  41:58

 

3

Valery Gergiev

Antoine Tamestit

London Symphony Orchestra

LSO Live

2013, live

15:03  7:55  6:24  12:45  42:07

 

3

Daniel Barenboim

Pinchas Zukerman

Orchestre de Paris

CBS-Sony

1976

16:14  8:27  7:29  12:51  45:01

 

 

Die Einspielungen, bei denen ein Orchester mit Originalklang-Instrumenten der Zeit Berlioz´ spielt. Mehr oder weniger unter Berücksichtigung der damaligen Spielweisen.

 

 

5

François-Xavier Roth

Tabea Zimmermann

Les Siècles

Harmonia Mundi

2018

15:08  7:44  5:54  11:32  40:18

 

5

Marc Minkowski

Antoine Tamestit

Les Musicien de Louvre, Grenoble

Naive

2012

14:24  7:02  6:12  11:03  38:41

 

 

 

4-5

John Eliot Gardiner

Gérard Caussé

Orchestre Revolutionaire et Romantique

Philips

1994

14:55  7:29  6:09  12:14  40:47

 

 

Die Videoproduktionen, gehört und gesehen auf YouTube

 

 

5

Eliahu Inbal

Antoine Tamestit

HR-Sinfonieorchester

HR, YouTube

2018

15:00  7:38  6:18  12:10  41:06

 

 

 

4-5

Paavo Järvi

Antoine Tamestit

Tonhalle-Orchester Zürich

Tonhalle-Orchester, YouTube

2023

15:22  8:25  6:24  12:11  41:22

 

4-5

Emmanuel Krivine

Nicolas Bône

Orchestre National de France

Radio France Concerts oder France Musique über YouTube

2019

14:01  6:40  6:08  11:48  38:37

 

 

Die historischen Mono-Einspielungen:

 

 

5

Arturo Toscanini

William Primrose

NBC Symphony Orchestra

Music and Arts

1939, live

15:30  7:43  5:35  11:22  40:00

 

 

 

4-5

Sir Thomas Beecham

William Primrose

Royal Philharmonic Orchestra

Columbia-Sony

1951

13:24  9:00  6:54  12:47  42:05

 

4-5

Serge Koussevitzky

William Primrose

Boston Symphony Orchestra

Naxos

1944

12:50  8:45  6:43  13:02  41:20

 

4-5

Igor Markewitsch

Heinz Kirchner

Berliner Philharmoniker

DG

1956

15:04  7:05  6:07 9:10  37:26

 

 

 

4

Herrmann Scherchen

Frederick Riddle

London Philharmonic Symphony Orchestra (= Royal Philharmonic Orchestra)

Nixa, Westminster, Tahra, Archipel, PRT

1953

14:19  10:21  6:11  11:51  42:12

 

4

Arturo Toscanini

Carlton Cooley

NBC Symphony Orchestra

RCA, Urania

1953, live

16:04  7:59  5:56  11:48  41:47

 

 

 

3-4

David Oistrach

Mikhail Tolpygo

Staatliches Sinfonieorchester der UdSSR

Melodija, Revelation

1972, live

15:00  8:27  6:24  11:56  41:47

 

 

 

3

Hans Müller-Kray

Hermann Hirschfelder

Sinfonieorchester des Süddeutschen Rundfunks (heute: SWR-Sinfonieorchester)

SWR Classic Archive

1950

15:47  11:37  7:41  13:43  48:48

 

 

Die Mitschnitte aus dem Radio, zum Teil abrufbar in den Mediatheken der Sender oder der ARD oder auf YouTube.

 

 

5

John Eliot Gardiner

Antoine Tamestit

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR

2015, live

15:14  7:49  6:25  12:19  41:47

 

5

Tabea Zimmermann

Tabea Zimmermann

Bundesjugendorchester

WDR

2022, live

15:26  7:10  6:14  11:55  40:45

 

 

 

4-5

Serge Baudo

Nils Mönkemeyer

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (heute: SWR-Sinfonieorchester)

SWR

2012, live

16:02  8:52  7:12  12:48  44:54

 

4-5

Klaus Mäkelä

Antoine Tamestit

Oslo Philharmonic Orchestra

ORF

2023, live

15:57  8:34  6:28  12:23  43:22

 

4-5

Hugh Wolff

Tabea Zimmermann

HR-Sinfonieorchester

HR

2003, live

14:52  7:33  5:52  11:43  40:00

 

4-5

Jakub Hrusa

Pinchas Zukerman

Orchestra dell´Academia Nazionale di Santa Cecilia

ORF

2024. live

16:01  7:33  6:45  13:05  43:24

 

4-5

Yan-Pascal Tortelier

Shoko Mabuchi

Radio-Sinfonieorchester Frankfurt (heute: HR-Sinfonieorchester)

HR

ca. 1994, live

15:17  7:11  6:30  11:55  40:53

 

4-5

Zoltan Pesko

Werner Ehrbrecht

Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken (heute: Deutsche Radio Philharmonie)

SR

2000, live

15:10  7:30  6:18  12:46  41:41

 

 

 

4

Hiroyuki Iwaki

Nobuku Imai

Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks (heute: HR-Sinfonieorchester)

HR

1969, live

15:32  8:08  6:35  13:27  43:42

 

 

 

3-4

Dennis Russell-Davies

Atilla Aldemir

MDR-Sinfonieorchester

MDR

2023, live

17:27  8:27  6:34  13:59  46:27

 

 

Es wurden 56 Aufnahmen gehört, davon waren:

 

32 Stereo-Aufnahmen

  3 Aufnahmen mit historischen Instrumenten

  3 Video-Produktionen auf YouTube

  8 historische Mono-Aufnahmen und

10 Radio-Mitschnitte, zum großen Teil in den Mediatheken der Sender oder ebenfalls auf YouTube zu finden

 

 

Die Rezensionen:

 

 

Die Stereo-Aufnahmen:

 

 

5

Charles Munch

William Primrose

Boston Symphony Orchestra

RCA

1958

12:05  6:40  6:28  12:26  37:39

Vier der fünf bekannten Aufnahmen mit William Primrose als Solisten können wir in unserer Liste vorstellen. Nur die mittlere der drei Live-Aufnahmen mit Arturo Toscanini konnten wir nicht zum Vergleich besorgen. Es hätte zu den bekannten fünf noch eine weitere folgen sollen: Die mit Leonard Bernstein 1961 mit den New Yorker Philharmonikern hätte ebenfalls mit ihm als Solisten stattfinden sollen, aber er musste aus Krankheitsgründen absagen. Sein Namenvetter William Lincer, damals Solo-Bratschist der New Yorker Philharmoniker konnte einspringen. So wurde die Bostoner Aufnahme seine letzte, zumindest einmal von den uns bekannten. Er war vor seiner Solo-Karriere ab 1937 für ein paar Jahre Co-Solo-Bratscher bei Toscaninis NBC Symphony Orchestra und wurde 1939 von seinem Chef angeregt, die Partie des „Harold“ einzustudieren. Daraus resultierte dann die erste Einspielung des Harold überhaupt, zunächst allerdings nur als Radiomitschnitt, der erst nach Toscaninis Tod auf Tonträger veröffentlicht wurde. Von der Bratschenpartie her gesehen ist diese erste Aufnahme seine beste geblieben und bis heute nach wie vor eine der besten überhaupt. Obwohl auch von Toscanini herausragend dirigiert erscheint uns doch nicht zuletzt aus klanglichen Gründen die Aufnahme mit Charles Munch aus der Bostoner Symphony Hall seine insgesamt empfehlenswerteste zu sein. Mister Primrose war der „Harold“ seiner Zeit.

Gegenüber den älteren Mono-Aufnahmen mit Toscanini, Koussevitzky und Beecham wirkt die RCA-Living-Stereo geradezu hedonistisch-prachtvoll im Klang. Das Orchester ist wie so oft, wenn es mit seinem damaligen Chef Charles Munch französische Musik einspielte mit einer euphorisierenden Strahlkraft gesegnet. Und was für eine Dynamik! Und erneut findet man die bereits bei Berlioz´ Ouvertüre „Der Korsar“, bei „La valse“ (Ravel) oder „Iberia“ (Debussy) gehörten drangvoll-dramatischen Gestus. Sobald die Wanderung in die Berge nicht mehr introvertiert und beschaulich anmutet wird es bei Munch geheimnisvoll und abenteuerlich. Primrose selbst erhält nicht mehr die ungeteilte Präsenz wie in der 39er Toscanini-Aufnahme, da gab es ja nur ein Mikrophon vor dem er selbstverständlich einen prädestinierten Platz erhielt. Er wirkt jetzt viel besser in das nun erheblich vielgestaltiger wirkende Klangrelief der Stereo-Aufnahme eingebettet. Er spielt seine Partie nach wie vor virtuos, klangfarbenreich und nuanciert, steht aber lange nicht mehr so im Mittelpunkt des Geschehens wie bei den Mono-Aufnahmen. Der Idee Berlioz´ von einer Sinfonie mit obligater Bratsche wird man nun viel besser gerecht. Das BSO zeigt sich wieder von seiner besten Seite, spielt ganz ähnlich wie 1939 das NBC Symphony Orchestra unter Toscanini sagenhaft akzentuiert und katzenschnell-spontan. Da weiß der arme Harold oft nicht, was für ein Raubtier da hinter dem nächsten Busch auf ihn warten könnte. Die Spannung erscheint wie zum Zerreißen. Das Drama steht hier im Vordergrund. Munch fordert die Virtuosität seines Orchesters und seines Solisten ganz enorm, beide parieren grandios. Es wird sich so schnell wohl auch in Zukunft keine temperamentvollere oder lebendigere Darbietung des ersten Satzes finden lassen.

Beim zweiten Satz, dem Marsch der Pilger werden sich wohl die Geister scheiden. Es geht um ein Allegretto, ganz ähnlich wie beim nur sogenannten langsamen Satz der 7. Sinfonie Beethovens (die damit ganz ohne langsamen Satz auskommt), der in Paris zur Zeit der Komposition des „Harold“ gerade erst langsam entdeckt wurde. Ein schnelles Tempo an der Stelle des sogenannten langsamen Satzes also auch für den „Harold“ und das macht Munch unmissverständlich klar. Mit einer ziemlich seltsamen Wirkung auf die Pilger. Da geht es ungemein beschwingt zu, hocherfreut wahrscheinlich bald am Ziel zu sein legt man den schnellstmöglichen Gang ein. Kaum oder vielmehr überhaupt nicht leidgeplagt vom langen Marsch singt man unbekümmert den Canto religioso. Mister Primrose nimmt die sportliche Herausforderung spielend an, bleibt klar, klangvoll und deutlich. Er kann hier nicht schwelgen und die Pilger scheinen sich von einer Religiosität im landläufigen Sinn, die ja immer auch etwas zu bedrücken scheint, völlig befreit zu haben. Beseelt wandeln sie trotzdem und unglaublich geschmeidig, ein junges, aufgewecktes Völkchen ganz ohne Gelenkarthrose. Man hetzt nicht, ist aber ungemein sportlich unterwegs. Dieser Marsch wird zu einer rundum erfreulichen Begebenheit in einer fast schon ausgelassenen Stimmung. Das gilt insbesondere im Vergleich zu den anderen gehörten Einspielungen, wiewohl es im Verlauf der Diskographie einige Dirigenten gibt, die Munch nacheifern.

Die Serenade des „Abruzzen-Bewohners“ erklingt in hautnaher Präsenz und bestechend transparent. Der nächtliche Zauber kommt gut durch und der Staccato-Klang des Bostoner Holzes verstärkt die ländlich-folkloristische Wirkung der „Pifferari“-Einlagen. Nur das Englischhorn wirkt klanglich noch dünn und hart, ob der gute Mann damit seine Chancen bei der Geliebten verbessert bleibt fraglich, zumal es mittlerweile sehr viele geschmeidig und verführerisch klingende Mitbewerber gibt. Aber manchmal triumphiert ja auch entwaffnende Ehrlichkeit vor Verführungskraft. Jedenfalls ist für jeden Englischhorn-Geschmack in der Diskographie des „Harold“ was dabei.

Voll in seinem Element ist das BSO mit seinem enthusiasmierenden Dirigenten wieder bei der Orgie der Briganten. Man ist zwar etwas überrascht vom relativ „normalen“ Tempo, das Monsieur Munch gerade gegenüber dem zweiten Satz einschlägt, aber die Intensität wir nur von sehr wenigen anderen Aufnahmen erreicht. Bis auf die Reminiszenzen der Viola aus den übrigen Sätzen (diesen Kompositionseinfall hat sich Berlioz vom letzten Satz der 9. Sinfonie Beethovens, die er kurz zuvor erstmals in Paris hören konnte, übernommen). Bei denen zeigt sich Primrose voller melancholisch angehauchter Poesie. Der Satz sprüht ansonsten vor Lust und explosiver Lebensfreude. Voller Esprit spielt das virtuose Orchester frei von jeder Erdenschwere, voller Vitalität. Nicht ganz so überstürzt wie bei Toscanini 1939 (die 53er Aufnahme steht da deutlich zurück, davon aber später mehr). Die Artikulation bleibt dabei völlig klar, woran man ersehen kann, dass das BSO noch Reserven hätte. Der „Lontano-Effekt“ des Streichtrios aus zwei Violinen und einem Cello ist gut gelöst, die Stereotechnik macht es jetzt möglich. Der knackige Sound lässt öfter mal an die Verwandtschaft des „Harold“ mit der „Symphonie fantastique“ denken, eine Assoziation, die sich nicht gerade bei vielen Aufnahmen einstellt. Im Finale zeigt Munch und sein BSO ein nochmals gesteigertes Spannungspotential.

Die Aufnahme gab es eine gewisse Zeit auch als SACD zu erwerben. Gegenüber den anderen Primrose-Einspielungen ist der Klang der „Living-Stereo“ ein Quantensprung. Sehr präsent, prall, mit einer anspringenden (umwerfenden) Dynamik ist sie selbst für eine „Living-Stereo“ sehr räumlich. Darauf hat man beim Remastering für die SACD besonderen Wert gelegt. Man hört ein tolles Orchesterpanorama. Die enorm druckvolle Dynamik wird nur von wenigen der gelungensten neuen Aufnahmen erreicht. Ein musikalischer und audiophiler Tipp zugleich.

 

5

Leonard Bernstein

William Lincer

New York Philharmonic Orchestra

CBS-Sony

1961

14:25  8:12  6:21  12:18  41:16

Dies ist die erste von zwei Einspielungen des „Harold“, die L.B. vorgelegt hat. Sie ist der zweiten aus Paris, 1976 in Quadro-Technik mit dem Orchestre National de France bei der Qualität des Orchesters (vor allem in Präzision und Virtuosität) und klangtechnisch, obwohl 15 Jahre früher entstanden, hoch überlegen. Wie bereits oben erwähnt sollte 1961 erneut William Primrose Solist sein, er musste jedoch aus Krankheitsgründen durch den Stimmführer der New Yorker William Lincer ersetzt werden. Und der erledigte seine Aufgabe ganz hervorragend. Ein Glücksfall war es, dass die Aufnahme ein Jahr vor dem (ungeliebten) Umzug des Orchesters von der Carnegie Hall ins akustisch trockene und zudem tückische Lincoln Center entstanden ist.

Mister Lincer zeigt sich als versierter mit allen „Harold“-Wassern gewaschener Solist. Er spielt flexibel, klangschön und technisch sicher, vielleicht nicht ganz so traumwandlerisch sicher wie Primrose 1939 mit Toscanini. Bernstein überzeugt mit spontan wirkender ungemein zugespitzter Musizierweise, setzt gleichsam die Tradition von Toscanini, Koussevitzky und Munch fort. Das Orchester spielt hochvirtuos und sauber (allenfalls im letzten Satz wirkt es nicht so klar durchgezeichnet wie das BSO Munchs) und setzt überfallartige Kontraste und begeistert mit atemlosen Steigerungsverläufen. Bernstein nimmt die Vorschrift Berlioz´ der Tempoverdopplung im Finale des ersten Satzes sehr genau und erreicht als einer der wenigen das Ziel.

Im zweiten Satz wird das Manko der Einspielung offensichtlicher als im ersten. Wie so oft, gerade bei älteren Aufnahmen, vielleicht um das Rauschen (durch Aufnahme auf Magnetband und den Lauf des Diamanten des Tonabnehmers in der Rille der Platte) und die Sdabei auftretenden Störgräusche besser in den Griff zu bekommen, spielt und hört man kaum einmal ein p, geschweige denn ein pp oder gar pppp. Man spielt und hört da stattdessen ein gesundes und markantes mf. Die Pilger sind lange nicht so flott unterwegs wie bei Munchs Geschwindmarsch aber man bewegt sich immer noch schwungvoll voran. Wir hören einen inbrünstig vorgetragenen Canto religioso, garniert mit einem sehr schönen, sanften Streicherklang.

Beim Ständchen werden die schnellen, rhythmisch und prägnant vorgetragenen „Pifferari“-Teile spielerisch und musikantisch vorgetragen. Das Englischhorn-Solo wirkt stimmungsvoll und bereits erheblich runder und weicher als in Boston. Die gute Laune kontrastiert stark mit den melancholischen Selbstgesprächen, die Harold in diesem Satz beredt beizusteuern hat. Stimmungsvoll.

Bernstein und die New Yorker setzen die Allegro frenetico-Anweisung Berlioz´ im vierten Satz sehr gut um. Es gibt deftige ff-Schläge, das Blech spielt kraftvoll und brillant, das ganze Orchester con fuoco. Die Bratsche, bevor sie sich vom enthemmten Gelage absetzt, melancholico, wie verlangt. Das Brio wäre kaum zu überbieten, schlichen sich nicht ein paar kleinere, eigentlich unbedeutende, weniger präzise wirkende Passagen ein und wären die kraftvollen sf und ff-Entladungen gänzlich unverzerrt eingefangen worden. Das Streichtrio erhält eine gute Fernwirkung, die Schlussstretta ist grandios gesteigert und sorgt für anhaltende und nachwirkende Begeisterung. Lennie voll in seinem Element.

Der Klang der Aufnahme wirkt offen, sehr transparent, breitbandig und sehr dynamisch. Sie kann mit der CD-Version der Munch-Aufnahme fast mithalten, wenn man das Problem der fehlenden richtig leisen Töne einmal außen vorlässt. Sie wirkt unmittelbar, räumlich, präsent, transparent und bereits recht körperhaft. Nur die Violinen wirken im ff noch leicht gepresst. Ansonsten herrscht ein voller Ton. Wenn es ganz laut wird, so spürt man manchmal eine leichte Übersteuerungstendenz. Wie bereits erwähnt wirkt die Dynamik in Richtung laut verschoben, dafür klingt es jedoch voll und saftig. Die Bratsche wirkt nah mikrophoniert und passt somit zum enorm präsenten Gesamteindruck.

 

5

Sir Colin Davis

Tabea Zimmermann

London Symphony Orchestra

LSO Live

2003, live

14:05  7:48  6:22  11:30  39:45

Mit seiner dritten Einspielung überflügelt Sir Colin seine beiden älteren von 1962 mit Yehudi Menuhin und dem Philharmonia Orchestra für EMI und 1975 mit Nobuko Imai ebenfalls mit dem LSO jedoch für Philips eingespielt. Das LSO hat ja seit 1999 ein eigenes Label, das zwar viele Aufnahmen des Orchesters herausbringt, aber nicht immer in guter Klangqualität. In diesem Fall gesellt sich zum hervorragend gelungenen musikalischen Auftritt eine selten so beim Label zu hörende fast schon audiophil zu nennende Klangqualität.

Doch zunächst zur musikalischen Seite der Einspielung. Sie beginnt schon lebendiger, rhythmischer als die beiden vorherigen Aufnahmen, wirkt geradezu vom Leben durchpulst, mit mehr Druck, größerer, stärker vorantreibender Entschlossenheit. Es klingt durchweg kraftvoller, zunächst sogar geheimnisvoller und atmosphärischer. Das Orchester wirkt dynamischer und spontaner als in den beiden älteren Einspielungen. Wir vernehmen nun klarer charakterisierte Abschnitte. Schon sehr früh, nach den ersten Takten spürt man eine enorme Verbesserung gegenüber den beiden übrigen Aufnahmen des Dirigenten, der hier einmal tatsächlich seinem Ruf gerecht wird, ein exzellenter Berlioz-Fachmann zu sein. Tabea Zimmermann spielt mit dunklem Ton äußerst nuancenreich und mit einer Phrasierung, die sich mehr als üblich an der Sprache bzw. am Sprechen orientiert. Sie geht aufmerksam in den Dialog mit den Orchestersolisten bzw. mit den Gruppen des Orchesters. Bei ihr ist Harold kein „Weichei“, sondern ein abenteuerlustiger, zumindest bisweilen tatkräftig vorausgehender junger Mann, ohne dass ihm dabei Details bei seinen Beobachtungen verlorengehen würden. Im Gegenteil. Er sieht noch schärfer hin als die anderen. Das LSO spielt (auch live) ganz hervorragend, man spürt das nun mittlerweile anscheinend vorliegende blinde Vertrauen zwischen dem Orchester und seinem damaligen langjährigen Chefdirigenten. Die Balance zwischen Bratsche und Orchester gelingt vorbildlich.

Der Pilgermarsch erklingt ebenfalls schneller als 1962 und 1975. Es wird jedoch kein Geschwindmarsch daraus gemacht wie bei Charles Munch, die Pilger behalten noch einen mehr oder weniger schreitenden Gang, immer noch fromm, aber doch auch beseelt-fröhlich und zielgerichtet Das Zusammenspiel mit der agilen Tabea Zimmermann gelingt klanglich delikat. Sie lässt die Sul-Ponticello-Arpeggien wieder urig knarzen und pfeifen, wie man es zuvor bereits ähnlich bei Rudolf Barshai hören konnte. Das bringt Leben in den Satz. Ihr Harold scheint mehrere Sprachen zu sprechen. Die Violinen des LSO spielt super weich, geradezu flauschig.

Bei der Serenade kommen die Holzbläser, die an die „Pifferaris“ Italiens erinnern sollen, gut zur Geltung. Am besten kamen sie jedoch bei Frantisek Jilek heraus, bei ihm durften sie anscheinend an die Rampe vorgehen und klangen zudem ganz besonders volksnah und deftig (Tschecjische Philharmonie). Englischhorn und Oboe klingen nun so gut wie noch nie zuvor beim LSO. Holz und Solobratsche passen besonders gut zueinander und werden klar und deutlich voneinander getrennt. Immer wieder besticht die Phrasierungsgenauigkeit und -prägnanz von Frau Zimmermann. Man hört einen gewissen HIP-Einfluss deutlich heraus.

Obwohl Sir Colin von allen drei Aufnahmen bei dieser am ältesten war, wird der letzte Satz zum schwungvollsten und temperamentvollsten seiner drei Aufnahmen. Das Orchester spielt rhythmisch und klanglich geschärfter und brillanter als 1975. Die Elemente der Klangrede machen die mehr oder weniger kurzen Einwürfe Harolds noch interessanter als üblich. Sehr gut gelungener „Lontano-Effekt“ des Streichtrios vervollkommnet den Gesamteindruck. Das Orchester zieht auch in der Stretta man Ende des Satzes gut mit, jedoch bleiben hier Munch, Bernstein und Chung unerreicht. Frau Zimmermann wird uns noch in Rundfunkaufnahmen begegnen und in einer sehr prägnanten Einspielung mit Francois-Xavier Roth von 2018.

Im notorisch trocken klingenden Barbican-Center ist den Technikern eine zwar etwas bassarme, aber doch offene, räumliche, plastische Aufnahme mit sehr guter Dynamik gelungen. Sie klingt vor allem transparenter und brillanter als die Vorgänger-Aufnahme bei Philips von 1975. Sie staffelt das Orchester besser in die Tiefe und wirkt körperhafter. Üppig doch auch sehnig (was man von der Philips nicht behaupten kann, die war nur üppig). 2003 klingt es viel detailgenauer und deutlicher. Eine überaus deutliche Verbesserung gegenüber 1975 und noch mehr gegenüber 1962. Obwohl live aufgenommen sind keinerlei Publikumsgeräusche zu hören.

 

5

Myung Whun Chung

Laurent Verney

Orchestre de l´Opéra de Bastille

DG

1994

14:44  7:32  6:37  12:32      41:25

1994 war bereits das letzte Jahr Myung Whun Chungs als Direktor der Pariser Bastille-Oper. Er musste nach Querelen mit der Verwaltung vorzeitig 1994 seinen Hut nehmen. Gut, dass er „Harold“ noch gemeinsam mit dem Orchester aufnehmen konnte. Die Diktion beim ersten Satz wirkt frisch und angetrieben von Neugier und Abenteuerlust. Much und/oder Bernstein (1961) könnten da als Vorbild oder Inspirationsquelle gedient haben. Durch die ziemlich hell aber doch homogen klingenden Violinen erhält das Orchester einen besonders brillanten Klang, der gut zur Musik Berlioz´ passen will. Allerdings fehlt ihm bisweilen (noch? denn es war ja erst 1990 gegründet worden) der sonore Tiefgang. Übrigens nicht, wenn es um die Erhabenheit der Bergwelt geht, da sind die Bässe zur Stelle und fundamentieren das ganze Orchester. An Präzision, Kraft, Reaktionsschnelligkeit und Schwung aber auch an Eleganz mangelt es ihm nicht. So fällt es ihm nicht schwer zu Beginn die erhabene Natur entsprechend klanglich vor uns entstehen zu lassen, noch mehr beeindruckt jedoch die straffe Rhythmik und die genaue, aber auch ein wenig nervös wirkende Intensität, die es braucht, um die Musik des „Harold“ zu einem Ereignis werden zu lassen. So stellt man sich ein gutes Berlioz-Orchester vor, mit aufblitzendem Blech und weit ausgreifender, unerbittlich wirkender Dynamik und voller, aber auch blitzschneller Kraftentfaltung und gedankenschnellem Esprit. Für die Poesie ist insbesondere Monsieur Verney zuständig. Er zeigt uns ein ganz ausgezeichnetes pppp, einen eigentlich vollen und besonders differenzierten Ton. Manchem könnte sein Ton jedoch ein wenig zu sehr nasal verfärbt vorkommen. Insbesondere wenn man Mister Primrose oder Tabea Zimmermann noch im Ohr hat kommt man fast nicht umhin. Dennoch fehlt es bei ihm nicht an lyrischer Schönheit, nicht an abenteuerlichem Entdeckerschwung, wenn er erstmal vom Orchester infiziert wurde. In dieser Aufnahme erleben wir eine berstende Intensität, die nur selten einmal Entspannung bietet. Was manch einen Kritiker vielleicht dazu bringen könnte, dass man eine einseitig dramatisierende Einspielung hören würde. Dieser Einschätzung könnten wir uns kaum anschließen.

Wenn, dann vielleicht beim zweiten Satz, den man schon sonorer und konturenreicher gehört hat. Nach Munch ist man ja schon nicht mehr überrascht, aber auch die „Pariser Pilger“ sind schon fast sausenden, sehr leichten Schrittes unterwegs, etwas schemenhaft, so als wäre man schon zu vorgerückter Abendstunde unterwegs oder bei einer nebligen Witterung. Monsieur Verney bleibt leise, ganz sanft, aber auch mit den leicht verfremdeten Sul-Ponticello-Arpeggios ein wenig flüchtig. Da klingt es manchmal schon nach einer Maultrommel, seit Barshai wird dieser Klang immer mal wieder aufgegriffen, als ob Harold plötzlich eine Fremdsprache sprechen würde. Er fühlt sich ja auch als Fremder. Und schließlich ist er es ja als Franzose in Italien auch.

Im dritten Satz erscheint das Holz bei den folkloristisch geprägten Folklore-Anklängen leider ein wenig zu weit zurückgesetzt. Das setzt sich beim Ständchen des Englischhorns fort. Die Oboe ist dann seltsamerweise stark und kräftig zu hören. Wir hören eine stimmungsvolle Serenade, die fast schon einem Schunkel-Modus anheimfällt.

Die Orgie der Briganten erfreut wieder mit dem erfrischenden und idiomatisch wirkenden Berlioz-Klang eines mit gebührender Vehemenz angetriebenen Orchesters. Der kraftvolle Schwung erinnert wirklich einmal an eine echte Orgie von rauen Burschen, da wird man erfolgreich dem Zusatz frenetico gerecht. Die geschärfte Rhythmik erfreut ganz besonders, das Blech glänzt mit ganz enormer Durchschlagskraft, die Violinen klingen hell und knackig. Dies ist zweifellos eine der besten Orgien des gesamten Tableaus. Mit Herr Chung als Veranstalter und DJ in einem, wenn man so will. Wir hören das mit Abstand beste französische Blech unseres Vergleiches. Das ganze Orchester wirkt immer präzise und sauber durchgezeichnet, da sind keine Nachlässigkeiten durchgegangen. Die Lontano-Gruppe ist sehr weit entfernt und erklingt trotzdem plastisch. Die finale Stretta sucht mit ihrer stürmischen Rasanz ihresgleichen.

Der Klang der Aufnahme wirkt offen, sehr transparent und sehr brillant. Er wirkt als wäre er absichtlich ein wenig rau belassen worden. Beeindruckend ist die quirlige enorm kraftvolle Dynamikentfaltung. Obwohl das Orchester räumlich klingt ist das Orchesterpanorama nicht besonders weitläufig. Es wird viel Wert auf unmittelbare Präsenz gelegt. Einziges Manko: Das Holz kommt nicht immer so hervorragend im Gesamtklang zur Geltung wie die einzelnen Streichergruppen (!) oder das Blech. Berlioz besonders im 1. und 4. Satz mächtig unter Hochspannung gesetzt.

 

5

Michel Plasson

Gerard Caussé

Orchestre National de Capitol de Toulouse

EMI

1991

14:31  7:49  5:56  11:43  40:19

Mit Gerard Caussé als Solisten gibt es noch eine weitere Einspielung, die sich deutlich von dieser, seiner ersten unterscheidet. Sie entstand mit dem Orchestre Romantique et Revolutionaire und Sir John Eliot Gardiner nur drei Jahre später. Da spielt man auf sogenannten Originalinstrumenten und pflegt einen an der HIP orientierten Aufführungsstil mit Beachtung einer an der Sprache angelehnten Phrasierung und gekennzeichnet durch einen weitestgehenden Verzicht auf Vibrato.

Gerard Caussé ist gebürtiger Toulouser und Gründungsmitglied des Ensemble intercontemporain von Pierre Boulez, also bestens mit der zeitgenössischen Musik vertraut. Inzwischen ist er Leiter des Toulouser Kammerorchesters und des Kammerorchesters im spanischen Salamanca. Wir haben diese Aufnahme nach der Einspielung mit Leonard Slatkin und dem Orchester der zweitgrößten Stadt Frankreichs, Lyon, gehört und der Vergleich geht nicht gut für Mister Slatkin und Lyon aus. Bei Plasson klingt es ungleich temperamentvoller mit einem drängenden, frischen Gestus, der die Geschichte viel spannender erzählt. Erwartungsgemäß spielt Monsieur Caussé mit erheblich mehr Vibrato als bei Gardiner, aber der Vortrag passt zum Spiel und Klang des Orchesters, sodass man seine Flexibilität beide „Welten“ bedienen zu können, eigens herausstellen muss. Sein Klang ist voller, vielleicht sogar noch freier als bei Gardiner und sein Spiel kann auch in Toulouse auf eine differenzierte Dynamik und eine unerschütterliche Sicherheit zurückgreifen. Was vielleicht stören könnte sind die teils recht lauten Atemgeräusche, die man aber auch als Leistungsbeweis eines hohen Grades an Emphase werten kann, die man aber bei Gardiner so nicht hört. Das Spiel vom Solisten und Orchester erscheint sehr lebendig artikuliert, das Orchester gefällt dieses Mal sehr gut, wirkt sehr aufmerksam und spontan, antrittsschnell, wie immer auf dem Sprung, differenziert und flexibel. In der Artikulation mag es bei Gardiner noch hellhöriger und nuancenreicher zugehen und zwar beim Solisten und Orchester, aber der Klang wirkt in Toulouse einnehmender, flutet den Hör-Raum mit mehr Volumen und Fülle. Die Orchester aus Lyon (unter Slatkin) und Paris (unter Barenboim und Bernstein) werden von den Toulousern klar und in jeder Hinsicht übertroffen.

Der Zug der Pilger erscheint zum Schreiten eigentlich zu schnell, zu bewegt. Allegretto eben. Es wird empathisch „gesungen“, man scheint das heimische Kloster bereits vor Augen zu haben und vielleicht spürt man bereits den Duft des Abendmahls aus der Ferne in der Nase. Monsieur Caussé verfremdet seine Arpeggien Sul-Ponticello noch nicht wie bei Gardiner, noch klingen sie weitgehend voll und klangschön, wenn auch bereits leicht differenziert.

Im dritten Satz veredeln die guten Solo-Holzbläser sowohl die „Pifferari“-Musik als auch das Ständchen. Der ganze Satz wird recht bewegt von Caussé und dem Orchester dargeboten. Harold wirkt bei diesem Solisten wacher als zumeist und gerade in diesem Satz nicht so verschlafen. Allerdings spielt sich die Szene ja abends oder vielmehr sogar nachts ab, sodass eine gewisse Müdigkeit noch nicht einmal fehl am Platz wäre.

Im Orgien-Satz wirkt das Spiel wieder temperamentvoll, teils sogar rasant. Man nimmt den Zusatz des Allegro „frenetico“ ernst und bringt viel Brio mit ins Spiel ein. So sollte es klingen. Gutes, sattelfestes, recht brillantes Blech (kommt allerdings nicht an die Strahlkraft des Bastille-Orchesters heran), aber dafür klingen die Streicher blitzeblank und saftiger. Das Holz klingt in beiden Fällen flink. Wir hören ein wunderbar feuriges Finale. Hier sind Briganten unter sich, eine ganze Bühne voll. Das Finale klingt sogar ein Bisschen sauberer als bei den New Yorkern.

Die Aufnahmetechnik, oft ein Manko bei EMI-Einspielungen aus den 80ern, gerade aus Frankreich, zeigt sich kundig. Es klingt transparent, offen, brillant und ziemlich dynamisch. Ein minimaler Rest von frühdigitaler Härte ist noch hörbar. Die Balance ist ein wenig der Solobratsche zugeneigt, sodass man fast schon die Aufnahmedisposition wie bei einem Solokonzert verspürt. Es klingt voller als die DG-Aufnahme Chungs, aber nicht so präzise geordnet und knackig. Eine klare und wohlklingende Darbietung mit viel Charakter.

 

 

 

4-5

David Oistrach

Rudolf Barshai

Moskauer Philharmoniker

Melodija. Eurodisc

1964

15:38  8:31  6:09  12:15  42:33

Es existieren zwei Aufnahmen mit David Oistrach als Dirigenten, keine mit ihm als Solisten, obwohl er durchaus auch einmal seine Violine mit der Viola getauscht hat, meist, wenn sein Sohn Igor den Violinen-Part in einem Doppelkonzert übernahm. In diesem Fall übernahm der mit Oistrach befreundete Rudolf Barshai den Bratschen-Part, der den meisten Musikfreunden jedoch eher als Dirigent bekannt sein dürfte. Damals 1964 war er ein beliebter Kammermusikpartner und bereits Dirigent des Moskauer Kammerorchesters.

Insgesamt stellt sich der Vortrag als ausdrucksvoll und differenziert dar, sowohl war den Anteil des bratschenspielenden Dirigenten anlangt als auch des dirigierenden Geigers. Die Bratsche erscheint deutlich im Vordergrund, sodass man eher das Konzept verfolgt, dass „Harold“ ein Violakonzert sein solle. Vielleicht war aber auch nur der Pegel des Mikrophons nahe der Viola ein wenig zu weit aufgedreht. Das hat aber auch den Vorteil, dass man das bewegte zugleich formbewusste und zugleich mit einem hohen solistischen Anspruch versehene Spiel Barshais bestens verfolgen kann. Es wirkt nicht nur wunderbar erzählend, sondern wie miterlebt. Zudem ergibt sich ein sehr gutes, eng verzahntes Zusammenspiel mit dem Orchester. Man nimmt den Hörer mit auf eine aufregende Erkundungstour mit allen emotionalen Höhen und Tiefen. Harold ist kein selbstbezogener Langweiler, sondern ein Abenteurer. Die Orchesterleistung ist eigentlich sehr gut, auch klanglich und Oistrach führt temperamentvoller und leidenschaftlicher durch den Satz als viele andere. Frei vom schweren Ballast unnützer Bedenken, wenn man so will. Mit beherztem Esprit und dramatischem Schwung wirkt der erste Satz kurzweiliger als es die relativ lange Spielzeit auszudrücken vermag.

Oistrach schlägt im zweiten Satz ein eigentlich angemessenes Tempo für einen Pilgermarsch an und trotz der erheblich längeren Spielzeit (als z.B. bei Charles Munch) wirkt der Satz immer noch angemessen schnell. Die Pilger müssen ja nicht unbedingt als olympiareife Athleten erscheinen. Das Tempo bedingt auch, dass die Arpeggien der Viola besonders deutlich zu hören sind, das erste Mal in der Diskographie werden sie klanglich deutlich verfremdet, was damals sicher sehr speziell gewirkt haben muss, denn es quietscht und changiert, zumal es dem Viola-Part an Präsenz nicht mangelt. Wohltuend deutlich auch der Canto religioso der Pilger (gespielt von den Violinen 1 und Celli). Das in diesem Satz kultivierter klingende Orchester drängt sich nicht über Gebühr in den Vordergrund.

Die Serenade erklingt nicht mit der üblichen südländischen Leichtigkeit, da ist doch mehr „russische Gefühlstiefe“ mit drin. Die Herren Barshai und Oistrach wissen jedoch was zu tun ist, damit es dabei nicht übertrieben klingt. Intensiv und gefühlskräftig.

Im Allegro frenetico des Orgien-Satzes klingt das Orchester schwungvoll und vorantreibend, straff und fast schon ein wenig militärisch geprägt. Man bringt jedoch viel Spielfreude mit ein, ja sogar Überschwang. Bei 7:03 Minuten gibt es einen harten Schnitt, der jedoch nicht weiter stören sollte. Es fällt bei diesem Satz jedoch am meisten auf, dass es dem Orchester, wenn es virtuos gefordert wird und alleine (d.h. ohne Solisten) spielt wenig voll klingt und ihm der Glanz fehlt, besonders bei den Violinen. Allerdings muss man bei der russischen Klangtechnik der 60er Jahre mit dem Ergebnis sehr zufrieden sein. Das Blech klingt nicht mit der damals häufig zu hörenden Schärfe und stählernen Brillanz. Der Lontano-Effekt des Streichtrios gelingt. David Oistrach zeigt in dieser Aufnahme, dass man ihn als Dirigent wohl doch landläufig unterschätzt hat.

Der Klang der nun schon über 40 Jahre alten Aufnahme wirkt offen, transparent, räumlich, dynamisch und leichtfüßig. Die gute Aufnahme ist wichtig um die hervorragende musikalische Qualität ins rechte Licht zu rücken. Jedoch fehlt es bisweilen merklich an Fülle und die Präsenz der Aufnahme mit Munch, Bernstein (nur 1961) und Chung bringt sie nicht mit. Mitunter klingt es etwas rau.

 

4-5

Eugene Ormandy

Joseph de Pasquale

Philadelphia Orchestra

CBS-Sony

1965

15:36  8:57  7:03  12:53  44:29

Zu Beginn bietet Ormandy nicht den spannendsten Zug ins Abenteuer, aber es klingt klangprächtig und farbig. Joseph de Pasquale, der damalige Solo-Bratscher des Orchesters klingt nicht ganz so üppig, anschaulich und vielschichtig wie Primrose, Tamestit (in seinen besten Aufnahmen) oder Tabea Zimmermann, aber da fehlt nicht viel. Es klingt gut und er spielt energisch. Das Orchester zeigt sich im Verlauf von seiner besten Seite, virtuos, spontan und dynamisch. Und dass es dünn klingen würde, wie es bisweilen bei den Kollegen aus Moskau auffällt, das kann man gewiss nicht behaupten, obwohl die Aufnahme gerade einmal ein Jahr jünger ist. Die Violinen klingen sehr gut, besser (d.h. nicht so schmal) als in vielen älteren Aufnahmen des Orchesters. Obwohl Ormandy eine tolle Steigerungskurve beim ersten Satz hinbekommt, wirkt es nicht ganz so hochspannend wie bei Munch oder Bernstein (nur 1961). Gegen Ende des Satzes nötigen Präsenz und Präzision des Orchesters jedoch Staunen und Bewunderung ab.

Der Pilgermarsch bietet im Vergleich eines der langsameren Tempi unserer Liste. Aber der nun wunderbar klar, voll und seidig und bisweilen geradezu ätherische Klang der Violinen gefällt dafür besonders gut. Auch de Pasquale spielt sein Arpeggien bereits 1965 stark verfremdet und lässt seine Viola manches Mal ganz schön quietschen und ächzen, da ist der Klang einer „Maultrommel“ gar nicht mehr so weit. Der Satz fließt nichtsdestotrotz wunderschön dahin. Ist er langsamer nicht doch aussagekräftiger? Jedenfalls denkt man dieses Mal nicht darüber nach, ob die Pilger nicht vielleicht doch gedopt sind, wie bei Munch oder 20 bzw. 40 Jahre später bei Eliahu Inbal und John Nelson.

Während die beiden „Pifferari“-Einlagen eher beschaulich und wenig folkloristisch geprägt erscheinen, wartet Mister Ormandy mit einem tänzerisch-flotten Ständchen auf, genau umgekehrt wie man es gewähnt ist. De Pasquale hat zarte und introvertierte Momente von großer Eindringlichkeit.

Den vierten Satz nimmt man nicht besonders schnell, aber mit viel Brio und sehr kontrastreich. Diese Räuber haben sich viel (Spiel)kultur und gute Manieren im präzisen Zusammenspiel erhalten und ihr Auftreten erscheint besonders farbig. Nicht zuletzt zeigen sie vollen Einsatz. Eine erstklassige Darbietung ohne Rekorde und ohne Mätzchen. Spritzig im Klang und nicht ohne eine noble Gediegenheit.

Der Klang der Aufnahme kann mit seinen amerikanischen Zeitgenossen Bernstein (1961) und der Stereo-CD-Spur der SACD der Munch-Aufnahme im Wesentlichen mithalten. Der Philadelphia-Sound ist sehr gut und weit in die Breite gestaffelt und kann dieses Mal auch schon eine hörbare Tiefenstaffelung aufweisen. Die Dynamik wirkt erwachsen, der Gesamtklang offen, recht sonor und recht warm.

 

4-5

Andrew Manze

Lawrence Power

Bergen Philharmonic Orchestra

Hyperion

2017

14:00  7:11  6:03  11:42  38:56

Diese Aufnahme entstand in den Grieghallen in Bergen. Andrew Manze war einmal ein Vertreter der HIP, jetzt verbindet er HIP-Elemente mit der Spielweise und dem Klang normaler Sinfonieorchester. Seit den ausgehenden 1980er Jahren wurde er bekannt als Barockgeiger. 1988 berief ihn Ton Koopman, in Nachfolge von Monica Huggett, als Konzertmeister in das Amsterdam Baroque Orchestra. Von 2003 bis 2007 leitete er das führende englische Barockorchester The English Concert und war damit Nachfolger des Orchestergründers Trevor Pinnock. Von 2006 bis 2014 war er Chefdirigent des Helsingborger Symphonieorchesters.

Manze arbeitet auch mit dem auf alten Instrumenten spielenden Orchestra of the Age of Enlightenment. Ab 2014 bis 2023 leitete Manze die NDR-Radiophilharmonie in Hannover. Hier und da, je nach Komponisten kann man auch noch spezielle Tugenden der HIP entdecken.

So ist der Vortrag enorm differenziert gestaltet, gerade auch von Herrn Power, sein ppp ist so leise, dass man es kaum noch hören kann. Der Viola-Stimme wird überhaupt besondere Aufmerksamkeit zuteil, wirkt manchmal präsenter und lauter als das Orchester in Relation und insgesamt sehr diskret aber doch besonders deutlich und klar. Allerdings ziemlich weit links positioniert. Insgesamt durchwandert man das Abruzzen-Gebirge im ersten Satz recht akzentuiert und mit einem ruhigen Grundpuls, ohne jedoch die Stimmungsschwankungen und nicht ohne das Temperament zu vernachlässigen, wie nicht zuletzt die Stretta am Satzende beweist.

Fast so beschwingt und schnell- und leichtfüßig wie bei Charles Munch und einigen anderen (Inbal und Nelson) lässt man in Norwegen die Pilger vorbeimarschieren. Das Orchester klingt jedoch viel hintergründiger, sodass man davon fast nur am Rande mitbekommt. Noble Diskretion ist Trumpf auch bei Herrn Power (ganz entgegengesetzt wie man es von seinem Namen erwarten könnte). Zwar klingen seine Arpeggien ausgesprochen behände und im Klang ebenfalls verfremdet, jedoch ohne das Stöhnen und Knarzen, das man bei Zimmermann, Barshai, de Pasquale oder Tamestit (nicht immer so stark) hören kann.

Ein bisschen zu kultiviert um folkloristisch-rustikale Assoziationen zu wecken klingt das Holz in den sogenannten „Pifferari“-Teilen. Fein ziseliert das Spiel von Herrn Power, sanft und sehr klangschön nimmt er Anteil am musikalischen Verführungsversuch des Bergbewohners, der selbst kaum weniger kultiviert wirkt (Englischhorn).

Üppig und besonders sauber, klangschön und zügig stimmt man die Orgie der Briganten an. Das ist bei aller Freude an einem kultivierten Orchesterklang vielleicht doch etwas glatt und wenig tumultuös gespielt für eine orgiastische Party. Power ist einer der feinsten, distinguiertesten und exaktesten Harolds, die man hören kann. Genauso verabschiedet er sich im letzten Satz: ein Gentleman durch und durch. Im Finale lässt Mister Manze etwas mehr zuspitzen, ohne dass man dadurch mitgerissen würde.

Die Aufnahme bietet ein großräumiges, weit aufgespanntes Orchesterpanorama, ganz ähnlich wie bei den zahlreichen BIS-Aufnahmen des Orchesters. Es klingt weniger präsent, sehr transparent, offen und abgerundet. Und bestens gestaffelt und warm. Etwas entfernt und weniger spritzig und weniger brillant. Ein ausgereifter Harold mit nordischem Akzent.

 

4-5

Dietrich Fischer-Dieskau

Josef Suk

Tschechische Philharmonie, Prag

Supraphon

1976

15:33  7:48  6:06  12:13  41:40

Als Dietrich Fischer-Dieskau in den 70er Jahren seine Karriere als Dirigent vorantreiben wollte und es bei diversen Labels zu ersten Veröffentlichungen kam, wurde er insbesondere von der deutschen Kritik ziemlich niedergemacht. Nach fast 50 Jahren gehört, erscheint uns die Einspielung mit einem der besten Harolds überhaupt und in jedem Fall mit dem besten Harold unter den „hauptamtlichen“ Geigern der Zeit (Menuhin, Zukerman) als viel besser als ihr ramponierter Ruf. Wenn es auch (nur) zu Beginn noch etwas unorganisiert (also durcheinander) wirkt, so denkt man sich gut in die Klangwelt von Herrn Berlioz ein. Auch wenn das Orchester nicht ganz so ausgewogen klingt wie bei Karel Ancerl oder Vaclav Neumann, so können wir doch eine frische Dynamik und eine besonders kantable Artikulation hören, wie man sie zumindest klischeeweise von einem der besten Sänger seiner Zeit erwartet. Allerdings erscheint das Spiel manchmal auch ein wenig wie durchbuchstabiert, damit die Motive und Figuren möglichst deutlich und anschaulich wirken. Wie in Zukermans zweiter Aufnahme aus Montreal mit Charles Dutoit, (die erste mit Barenboim klingt ziemlich schrecklich) klingt Josef Suks Bratsche einfach toll: körperhaft, weich, flexibel, voll und warm. Er phrasiert auch besser als viele andere und man merkt ihm an, dass er es gewöhnt ist, stets als Solist auf der Bühne zu stehen. Das Orchester unter der Leitung des Sängers gefällt uns besser als die bei den bekannten Nur-Dirigenten die zur Zeit der Fischer-Dieskau-Aufnahme ebenfalls Einspielungen vorlegten (Mehta, 1974, Barenboim und Bernstein, 1976 und Maazel,1977). Da wirkt sogar die Rhythmik klarer, die Akzentuierung kontrastreicher, der Gestus temperamentvoller, der Klang spritziger, heller. Wie konnte das der zeitgenössischen Kritik nicht auffallen, sollte die LP damals so schlecht geklungen haben? Das war ja damals die Quadro-Zeit und den Supraphon-Technikern gelang es nicht überzeugend qgute Aufnahmen zu etablieren. Klar, der erste Satz könnte noch etwas flotter und fetziger sein. Aber das, was man hören kann, nötigt Respekt ab. Besonders die Partnerschaft mit Herrn Suk. Da wurde sorgfältig geprobt.

Die Pilger im zweiten Satz erscheinen sehr stimmungsvoll, das Tempo wirkt ziemlich flott der Canto religioso wunderbar kantabel und innig. Herr Suk brilliert mit sauberen Arpeggios. Er erscheint erneut als der beste Virtuose unter den Bratschern seiner Zeit. Das Verschwinden der Pilger wird plastisch dargestellt und so leicht nachvollziehbar.

Sehr lebendig und rustikal wirkt die „Pifferari“-Reminiszenz im dritten Satz, nicht gerade so pfiffig inszeniert wie bei Frantisek Jilek ein paar Jahre später, ebenfalls mit der Tschechischen Philharmonie. Der Bläsersatz wirkt transparent und die räumlichen Verhältnisse der verschiedenen Ebenen: Außen, drinnen und weiter weg (Harold) werden plausibel imaginiert. Da haben andere viel weniger Sorgfalt und Mühe darauf verwendet, man muss es nur hören wollen. Suk ist hier fast eine Klasse für sich, sehr nuanciert und so emotional wie erforderlich.

Spritzig und feurig geht man den 0letzten Satz an. Frenetico vielleicht nicht unbedingt, dazu ist das Tschechische Orchester noch etwas mit zu viel Erdenschwere beladen, dazu hätte man das Tempo vielleicht noch ein wenig rasanter gestalten müssen, um die Virtuosität noch mehr herauszufordern. Deftige Zutaten kommen von Blech und Schlagwerk, die rhythmisch kraftvoll und markant akzentuiert werden. Der Orchesterklang wirkt mittlerweile sehr gut ausbalanciert, ganz anders als noch zu Beginn des ersten Satzes. Was man vermisst ist dann doch der zusammenhängende Spannungsbogen. Wir hören hier keinen „deutschen Berlioz“, was damals als negative Kritik gemeint war, es klingt durchaus nach Clarté made in France mit einem leichten tschechischen Akzent. Aber die Tschechische Philharmonie klingt immer nach Tschechischer Philharmonie. Auch heute noch und das will was heißen und das ist auch gut so. Es muss ja nicht überall gleich klingen.

Der Klang der Aufnahme lässt die Violinen manchmal noch ein wenig scharf hören, sie wirkt klar, sehr dynamisch, recht voll, farbig und offen. Sogar plastisch, also körperhaft und mit einer guten Staffelung in den Raum nach hinten. Die Aufnahme klingt besser wie ihre unmittelbar in der zeitlichen Nachbarschaft produzierten Konkurrenzaufnahmen der Mitbewerber: (Mehta,1974 für Decca, Barenboim (CBS) und Bernstein (EMI), beide 1976 und Maazel (Decca),1977).

 

 

 

4

Jan Latham-Koenig

Ulrich Koch

Sinfonieorchester des SWF Baden-Baden (heute: wegfusioniert)

Aurophon

1992

16:05  8:13  6:03  12:00  42:21

Ulrich Koch ist vielleicht dem ein oder anderen noch als Partner Mstislaw Rostropowitschs in der Aufnahme des „Don Quixote“ mit Karajan und den Berliner Philharmoniker am besten bekannt. Unseres Wissens war er jedoch nicht Solobratscher bei den Philharmonikern, sondern 1949-55 in dieser Position beim SWF-Sinfonieorchester Baden-Baden tätig und danach als Pädagoge vor allem in Freiburg und später in Tokio und freiberuflich tätig. Der Dirigent ist Gründer des Sinfonieorchesters in Porto und war zuletzt Direktor des Opernhauses Teatro Colón in Buenos Aires tätig, bevor er dort vorzeitig wegen sexueller Belästigung von Kindern 2024 entlassen wurde. Seiner Position in Moskau kann er nichtsdestotrotz unterdessen immer noch oder wieder ausüben. (Genaueres würde den Rahmen sprengen, bitte ggf. bei Wikipedia nachzulesen). Eigentlich macht es jetzt gar keinen Spaß mehr weiterzuschreiben, aber zu Ehren der anderen an der Aufnahme beteiligten Musikern machen wir es trotzdem.

Die Basslinie erhält eine beispielhafte Präsenz. Der Gestus ist geheimnisvoll und spannend und auch der monumental-erhabene erste Höhepunkt beim Erreichen der großartig anmutenden Gebirgswelt überzeugt, obwohl man sich viel Zeit dabei lässt. Das Blech erklingt dabei nicht ganz so frisch und nachdrücklich als bei Inbal und dem HRSO. Herr Koch spielt differenziert, auch das ppp, eine Herausforderung, gelingt ihm gut. Er spielt sich nie in den Vordergrund und bisweilen geht seine solistische Präsenz ein wenig verloren. Es sind auch minimale Unsicherheiten hörbar. Er trumpft nicht so gekonnt auf, wie man das in den besten Aufnahmen beispielsweise von Herrn Tamestit, Herrn Primrose oder Tabea Zimmermann hören kann. Sein Ton kann in Sachen Klangfülle und -Reichhaltigkeit nicht ganz mithalten. Sicher spielt da auch die Qualität des Instruments direkt mit rein. Er ist ganz und gar Beobachter mit kleinen Intonationsproblemen. Der Orchesterpart überzeugt deutlich mehr. Da fehlt es weder an Akkuratesse noch an Kontrastreichtum. Uns gefallen das Orchester und der Klang, den man von ihm einfangen konnte, sogar noch besser als in der Einspielung mit Sylvain Cambreling zehn Jahre später mit dem gleichen Orchester.

Auch der Pilgermarsch ist nicht von Zeitmangel geprägt. Eine glaubhaft würdevolle, geschmeidig ablaufende Prozession steht nun im Vordergrund. Der Exzentrik Berlioz´ folgend sollte das Allegretto gerade diesen Eindruck eher vermeiden, sonst hätte der Compositeur français eher ein Andante gewählt, kein Allegretto. Die Aufnahme strahlt viel Wärme aus. Die Arpeggien erklingen auf die herkömmliche (konservative) Weise ohne Verfremdungen im Klang.

Die Serenade gelingt atmosphärisch, wobei das Holz für etwas derbere „Pifferari“-Anklänge einfach zu weit entfernt ist. Das Englischhorn-Solo kann man als eines der besten bezeichnen, besser als bei Cambreling zehn Jahre später.

Während das Orchester den Orgien-Satz mit ordentlichem Drive beginnt, jammert „Harold“ in den als kurze Zwischenspiele ausgelegten Reminiszenzen an die vorherigen Sätze ziemlich rum. Das Orchester zeigt danach, was es damals draufhatte und die Techniker, dass sie ihr Handwerk bestens verstehen. Trotzdem klingt der letzte Satz ein wenig lärmend. Die Posaunen, Berlioz´ Lieblingsinstrument, kommen trotz eines homogenen Blechbläsersatzes sehr gut heraus.

Die CD von Aurophon klingt beispielsweise viel besser als die Denon-CD mit Inbal (die aber den besseren Bratscher mitbringt). Voller, offener, sonorer, plastischer. Das Orchester erscheint gut gestaffelt und sehr transparent auch beim Streicherchor. Dynamisch und im Frequenzbereich erscheint sie breiter aufgestellt. Auch die zehn Jahre jüngere Produktion des SWR mit dem gleichen Orchester bei Hänssler wird in allen relevanten Punkten übertroffen.

 

4

Eliahu Inbal

Yuri Baschmet

Radio Sinfonieorchester Frankfurt (heute: HR-Sinfonieorchester)

Denon, Brilliant

1988

15:01  6:44  5:55  12:31  40:11

Diese Aufnahme entstand in der Alten Oper Frankfurt. Das HR-Sinfonieorchester ist in unserer kleinen Übersicht das am häufigsten vertretene Orchester, wenn man die Rundfunkmitschnitte hinzuzählt, liegen außer der CD-Einspielung mit Eliahu Inbal noch Rundfunk-Sendungen mit den Dirigenten Hugh Wolff, Jan-Pascal Tortelier und Hiroyuki Iwaki vor. Und nicht zu vergessen das Video, erneut mit Inbal. Mit dem Bratscher Yuri Baschmet liegt noch eine weitere Aufnahme aus Moskau vor, die nur ein Jahr später live eingespielt wurde.

Die Frankfurter Aufnahme wirkt etwas straffer als die Moskauer und das Blech lässt bei ihr besonders aufhorchen, denn es agiert mit viel Kraft und Brillanz. Baschmets Viola klingt weniger rau, genauso nuancenreich und man merkt ihm jederzeit an, dass er es gewöhnt ist als Solist im Rampenlicht zu stehen. Er spielt ausdrucksvoll, wirkt in Moskau jedoch noch extrovertierter und markanter. Die Live-Situation scheint ihn zusätzlich beflügelt zu haben. Das Orchester macht klanglich und musikalisch “eine gute Figur“, wirkt schwungvoll und spontan. Vor allem das Blech mit seinem kräftigen Strahl. Das Holz hingegen gefällt heute besser.

Der Pilgermarsch erklingt noch ein wenig zügiger als in Moskau ein Jahr später, ähnlich wie bei Charles Munch scheinen die Pilger in Form eines Springtanzes sehr, sehr flott unterwegs zu sein. Energiegeladen und frohgemut. Die Arpeggien Baschmets erklingen sauber und klangvoll ohne zusätzliche Verfremdungseffekte und schon gar nicht ähnlich einer Maultrommel klingend. Das Verschwinden des Pilgerzuges in die Ferne wirkt anschaulich.

Beim Ständchen vergisst Eliahu Inbal nicht, den folkloristischen Einschlag sehr schwungvoll und musikantisch umzusetzen. Das sich vorwitzig ins Klangbild drängende Englischhorn überrascht nicht eben positiv mit einem breiten Vibrato. Der Bergbewohner auf Freiersfüßen hat es eilig. Anscheinend steht er bei seinen verführerischen Bemühungen ein wenig unter Druck, Zeitdruck und drückt daher aufs Tempo.

Das Allegro frenetico gelingt zwar nicht unbedingt frenetisch, aber doch animato. Die akustischen Souvenirs Harolds aus den vorherigen Sätzen erscheinen nicht ganz präzise mit dem Orchester synchronisiert. Das Schlagwerk klingt noch etwas scharf und schrill, da hatte man auch bei Denon die Kinderkrankheiten der noch neuen Digitaltechnik noch nicht ganz im Griff. Im Verlauf entwickelt man ein beachtliches Brio.

Die Aufnahme klingt viel besser als die fast zeitgleich entstandene sowjetische Aufnahme mit Baschmet in Moskau 1989. Sie wirkt klarer, voller, plastischer und etwas dynamischer aber doch leicht distanziert. Dennoch kann man ihr heutzutage keine audiophilen Attribute zusprechen, dazu wirkt sie nicht warm genug (zu höhenlastig), zu wenig sonor, zu wenig körperhaft und ein wenig zu dünn.

 

4

Vladimir Fedosejev

Yuri Baschmet

Großes Radio- und Fernseh-Sinfonieorchester Moskau

Russian Disc, Audiophile Classics

1989, live

16:32  7:06  6:36  12:57  43:11

Aufgenommen wurde im Großen Konzertsaal des Moskauer Konservatoriums. Das Orchester vermittelt zunächst einen getragenen majestätischen Ausdruck angesichts der Gebirgslandschaft. Bashmets Ton ist rauer als bei Tamestit, Primrose oder Tabea Zimmermann, jedoch dunkel und warm getönt und sehr sonor. Sein Spiel nuancenreich (ppp!), virtuos, seine Erzählung spannend und dramatisch. Er scheint tiefer graben zu wollen und dabei auch fündig zu werden, man spitzt jedenfalls die Ohren. Gegenüber dem Orchester kommt er deutlich heraus, sodass sich zumindest im ersten Satz bisweilen ein richtiges Solistenkonzert zu ergeben scheint, mit einem sehr eloquenten Solisten. Das langsame Tempo fällt dabei weniger zur Last als bei anderen, die ein ähnliches anschlagen. Im Verlauf wird man zunehmend lebhafter um schließlich zu einem leidenschaftlich zugespitzten Finale zu gelangen. Zupackend.

Ähnlich wie bei Inbal, Münch oder John Nelson schlägt auch Fedosejew ein für Pilger sehr schnelles Marschtempo ein, als ob sie gerade einmal um die Ecke schnell im Supermarkt einkaufen gehen wollten, um sich ein deftiges Abendmahl zubereiten zu können. Denn man drängt ganz schön nach vorne. Frömmigkeit scheint jedenfalls im Moment als Harold sie trifft nicht ihr vordringliches Befinden zu sein. Vielleicht haben sich aber auch die Briganten des vierten Satzes verkleidet um unerkannt die Stellung zu wechseln. Bashmets Arpeggien erklingen auch in Moskau ohne jede klangliche Verfremdung (die Spielweise Rudolf Barshais hat in der Sowjetunion offensichtlich nicht unbedingt Schule gemacht), stimmungsvoll trotz des rauen, etwas schroffen Klangs.

Die Serenade wird recht transparent gehalten und erhält eine räumlichere Wirkung als die vorherigen Sätze, vielleicht aufgrund der Instrumentierung, denn die Klangtechnik scheint generell wieder etwas lieblos vorgegangen zu sein. Die Holzbläser steigen locker und leicht in den Satz ein. Die melancholische Weise des verliebten Bergbewohners gelingt durch die hart und unbeweglich geblasene Weise von Englischhorn und Oboe sogar noch archaisch bzw. rustikal angehaucht. Herr Bashmet spielt auch hier sehr ausdrucksvoll und wirkt energiereicher und mitteilungsfreudiger als die neueren Harolds.

Nicht gerade besonders schnell, aber mit Biss und vorantreibendem Schmiss, spannend, intensiv und griffig zudem mit viel Freude am Radaumachen stellt man in Moskau die etwas ungehobelter Räuberbande vor. Beim kurzen Lontano-Abschnitt des entfernt zu hörenden Streichtrios (ohne Viola) hören wir plötzlich eine ganz andere Akustik, viel transparenter, offener, glatter und weicher. Beim nächsten Tutti ist dann wieder alles beim Alten. Da hat man wohl nachproduziert und reingeschnitten. Leider ist diese Aufnahme nicht auf der Höhe der Zeit und die Zeit war sowieso keine Gute in der Aufnahmegeschichte klassischer Orchestermusik.

Gerade die so eminent für den Gesamtklang wichtigen Violinen klingen (wie tendenziell das ganze Orchester) aufgeraut. Im ff klingt es sehr hallig, das Orchester als Ganzes entfernt, wenig transparent und noch weniger aufgelichtet (keine Mittelmeer-Sonne, keine Mittelmeer-Farben), obwohl alles etwas zu hell klingt und es an sonorer Fülle fehlt. Es klingt also ausgedünnt. Die Viola glänzt mit besserer Dynamik als das ganze versammelte Orchester. Der Aufnahme der Herren Oistrach und Barshai von 1964 ist diese von 1989 in allen Bereichen deutlich unterlegen.

 

4

John Nelson

Timothy Ridout

Orchestre Philharmonique de Strasbourg

Erato-Warner

2021

15:31  6:59  6:05  12:13  40:49

Bei dieser im Salle Erasme des Palais de la Musique in Straßburg entstandenen Einspielung wirkt das Tempo zunächst sehr zurückhaltend für ein Allegro, der Gestus dabei beschaulich, weder geheimnisvoll, noch ehrfürchtig-erhaben, noch besonders abenteuerlich. Timothy Ridout setzt sein ppp deutlich vom pp ab, spielt ausgesprochen klangschön, kultiviert und präzise. Sein eher zarter Ton und seine zauberhaften Pianissimi weisen ihn als Meister der leisen Töne aus. Allerdings bleibt er daher meist vornehm im Hintergrund. Leider, denn im ersten Satz ist Harold noch eher ein anpackender Akteur als in den anderen Sätzen wo er nur noch passiv betrachtet und eher mit sich selbst „spricht“. Bei diesen Verhältnissen würde er von einem kraftvoll aufspielenden Orchester im Konzert wahrscheinlich häufig übertönt werden, aber die Straßburger passen sich an (oder umgekehrt), spielen ähnlich fragil und pastellfarben wie ihr Solist und eine satte Dynamik gibt es ebenfalls nicht, dank der Mithilfe der Klangtechnik. Fällt das Spiel also wenig prall aus, so klingt es doch fein und gerade im unteren Dynamikbereich gut nuanciert. Der Klang vom Solisten und Orchester bringt also etwas nobel-distinguiertes mit, was man so in der Diskographie noch nicht unbedingt gehört hat. Das Brillante und dynamisch Brachiale geht ihm jedoch ab. Die Temposteigerung beim Satzfinale bleibt beschaulich und hinter der von Berlioz geforderten Tempobeschleunigung auf das doppelte Tempo zurück.

Im Pilgermarsch wird tatsächlich der Marschcharakter betont, man ist sehr zügig unterwegs und der Klang erscheint sehr transparent. Herr Ridouts Spiel macht einen virtuosen und stark involvierten Eindruck. Er nimmt das Werk keineswegs auf die leichte Schulter, auch wenn sich alles vielleicht leichter anhört als bei anderen. Die Arpeggien klingen bei ihm extrem sauber und er gestattet keine speziellen Sul-Ponticello-Verfremdungseffekte. Er macht aus der sinnfälligen Betonung sogar noch was Tänzerisches.

In der Serenade kehrt man den Scherzo-Charakter hervor. Besonders durch die sehr flott genommenen temperamentvoll genommenen „Pifferari“-Reminiszenzen. Das Ständchen selbst erhält einen apart-wiegenden Tanzcharakter. Englischhorn und Oboe glänzen mit sehr schönem, weichem und geschmeidigem Klang. Wenn dieses Ständchen kein Erfolg hat, was soll man dann noch aufbieten?

Das Allegro frenetico wird vom Tempo eher realisiert als von der Diktion, die wirkt nämlich wie im ersten Satz leicht und der Orchesterklang eher filigran als aufbrausend oder gar heftig. Es ergibt sich so eher eine beschreibende Anmutung als dass man mitten in der Orgie dabei wäre. Harold selbst hat sich ja seit seinen Erinnerungen vom fröhlichen Treiben distanziert, das ist nicht seine Welt, aber wir als Hörer wären doch gerne mitten drin statt nur dabei. Es klingt aber locker und flockig und durchaus mit freudigem Temperament, nur an eine Orgie würde man nicht denken, wenn man nicht wüsste, dass eine darzustellen wäre. Diese Briganten verströmen zu keiner Zeit den Geruch des Gefährlichen oder Bösen. Es sind wirklich Adlige, die nur durch Zufall auf die falsche Seite geraten sind. Hier herrscht Sitte und Anstand.

Der Klang bringt ein hohes Maß an aufgelichteter Klarheit mit, eigentlich eine gute Voraussetzung zum Gelingen einer guten Berlioz-Aufnahme. Der Orchesterklang wirkt gut aufgefächert und die Instrumente gut gestaffelt und die Balance zwischen Solisten und Orchester stimmig. Vielleicht hätte das Orchester noch präsenter uns Bild kommen können, es bleibt leicht entfernt. Die Klang-Charakteristik erscheint etwas eigen, die sollte man mögen, denn es klingt eher zart, weich, locker und filigran-feinzeichnend.

 

4

Vladimir Ashkenazy

David Cameron Carpenter

Helsinki Philharmonic Orchestra

Ondine

2011

15:51  8:18  6:37  12:13  42:59

Diese Einspielung aus dem hohen Norden bringt eine Besonderheit mit. Man hat eine Fassung des ersten Satzes entdeckt, bei dem Berlioz versucht hat, die Bratschenstimme noch etwas aufzuwerten, wahrscheinlich um die Akzeptanz bei Paganini zu erhöhen. Das scheint jedoch nicht von Erfolg gewesen zu sein und hat den Weg in die endgültige Partitur nicht gefunden. Dennoch spielt man dieses Mal diese Fassung ein und verschafft sich so ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Diskographie. Es zeigt sich jedoch, dass die „Verbesserung“ doch eher halbherzig komponiert erscheint und zumindest einmal in unseren Ohren keinen Vorteil gegenüber der üblichen Fassung mitbringt. Eher im Gegenteil.

Man lässt sich zu Beginn sehr viel Zeit, sodass man schon befürchten muss, dass sich im Verlauf vielleicht Langeweile breitmachen könnte. Der Solist klingt sehr deutlich heraus, er spielt mit reichlich Vibrato, was seinem Klang jedoch nicht die Wärme und Reichhaltigkeit eines William Primrose oder einer Tabea Zimmermann verleiht. Sein dynamisches Spektrum wirkt sehr weit und das gefürchtete ppp mit „quasi niente“ extra noch einmal hervorgehoben, stellt für den jungen Mann kein Hindernis dar. In älteren Aufnahmen ein Stolperstein scheint die junge Generation von Viola-Spielern diese Passage im Repertoire zu haben. Durch die besondere Fassung der Bratschenstimme wird Herrn Carpenter ein besonders hohes Maß an Aufmerksamkeit zuteil, auch aufnahmetechnisch. Er steht noch mehr im Mittelpunkt als bei vielen anderen Einspielungen seit der Mono-Zeit. Man hört so sämtliche ergänzte Figurationen besonders deutlich, auch dann als Hauptsache, wenn sie eigentlich nur die Orchesterstimmen zu untermalen hätten. Das ist wahrscheinlich trotz makellosen Spiels nicht im Sinne des Erfinders. Im Allegro entlockt Ashkenazy dem Orchester dann mehr Biss und die Beschleunigung im Finale wirkt mitreißend. Für Hörer, die speziell an der Bratschenstimme interessiert sind: Bei dieser Aufnahme hört man sie am besten heraus, auch die untergeordneten Begleitfiguren werden wie auf dem Präsentierteller serviert, was uns jedoch nicht gefällt.

Der zweite Satz zeigt uns nun einmal ein anderes Bild von den an Harold vorbeiziehenden Pilgern: Langsam und geduckt und nicht gerade fröhlich, sondern vielmehr bereits erschöpft vom langen Wandern, ganz sanft, fein abgetönt und ziemlich unauffällig untermalt von Carpenters klangvollen und keineswegs verfremdeten Sul-Ponticello-Arpeggien.

Die beiden Scherzando-Teile klingen bei Ashkenazy und den Finnen wenig agil, sehr klangschön und beredt hingegen die Selbstgespräche und/oder Gedankengänge Harolds.

Der vierte Satz klingt nicht unbedingt frenetico nach einer Räuber-Orgie, nicht lahm, jedoch ordentlich temperamentvoll ergibt sich eine eher festliche Stimmung. Das Orchester ist nicht unbedingt ein Berlioz-Orchester par Excellence, kann sich nicht mit den Bostonern unter Munch oder den New Yorkern unter Berstein messen, obwohl es sich eigentlich virtuos behauptet, aber es fehlt ihm das spezifisch Wilde, ist nicht so komplett „on fire“ wie man heute neudeutsch gerne formuliert. Den „Lontano-Effekt“ des Streichtrios hat man nicht vergessen. Beim Finale werden alle Kräfte mobilisiert, da klingt es dann doch mal elektrisiert.

Brillanter, fülliger Klang, plastisch, körperhaft und voluminös. Wir hören eine ausgeprägte Räumlichkeit, eine gut vernehmliche Tiefenstaffelung, gute Transparenz und eine gute Dynamik. Wobei Blech und Schlagwerk im Tutti auffallend wenig prägnant klingen. Es gibt eine reichhaltige Farbpalette, eine deutliche Basswiedergabe und eine gute Balance, wobei die Solobratsche einen leichten Bonus erhält. Wir hören insgesamt einen modernen Top-Klang.

 

4

Charles Dutoit

Pinchas Zukerman

Orchestre Symphonique de Montréal

Decca

1987

16:51  8:27  6:55  12:22  44:15

Dies ist die zweite Einspielung von Pinchas Zukerman und es ist gut, dass er sie gemacht hat, denn die erste 1976 mit Daniel Barenboim und dem Orchestre de Paris klingt wie ein Fiasko. Die zweite rückt die Welt sozusagen wieder ein bisschen zurecht. Eine dritte Aufnahme mit Jakub Hrusa aus Wien sendete der ORF.

Wenig spannend geht es aber auch mit Charles Dutoit an seiner Seite los, getragen jedoch geheimnisvoll und mit einem Hang ins Monumentale, angesichts der erhabenen Gebirgslandschaft. Er spielt nun wesentlich differenzierter mit einem sanften, doch vollen, süffigen Ton und lange nicht so metallisch hart wie in Paris. Er wirkt tiefenentspannt und genießerisch, hat es überhaupt nicht eilig und Entdeckerfreude ist ihm ziemlich fremd. Hören wir da eher einen leicht versnobten Briten (Lord Byron) und deutlich weniger den abenteuerlustig voranstürmenden Franzosen (Berlioz)? Das Orchester spielt zwar gegen Ende temperamentvoller, sogar zugespitzter, aber dass man die Komfortzone verlassen würde, das ließe sich nicht behaupten.

Wunderbar transparent und einschmeichelnd im Klang, da würde man gern mit den Pilgern mitspazieren. Da deuten sich angenehme, mediterrane Temperaturen an, ein laues Lüftchen, Beschwerden in den Knien liegen noch in weiter Ferne, denn es geht langsam genug vorwärts, höchstens besinnlich, aber der Canto religioso wirkt weder drückend noch lastend. Es gibt keinerlei Drang irgendwohin zu kommen und schnell schon einmal gar nicht.

Die „Serenade“ zeigt einen „Lontano“-Effekt bereits im dritten Satz, besonders das Englischhorn ist weit nach hinten gesetzt und wen sollte es wundern das Tempo erscheint langsam. Der verliebte Bergbewohner ist sich seiner Sache ganz und gar nicht sicher, denn da schwingt viel Liebeskummer mit. Man rückt so vom landläufigen Klischee des „klassischen Liebhaber“ Italiens deutlich ab.

Auch im letzten Satz gibt es keine dynamischen Exzesse und kein gespanntes Espressivo, kein zündender Funkenflug aus Esprit oder Brillanz. Zukerman selbst spielt seine „Souvenirs“ aus den Sätzen zuvor sehr klangverliebt. Danach geht es ohne Brio weiter. Man tut aber so viel, dass es nicht langweilig wirkt. An die, die alles geben, Munch, Bernstein und Chung sollte man besser nicht zurückdenken. Hier klingt es romantisch und ein wenig gemütlich. Sauber gespielt und sehr klangschön. Eine Luxus-Räuberbande feiert hier Party und man kann sich mit ihnen entspannt im Sessel zurücklehnen. Ohne Zuspitzung, ohne Überschwang aber irgendwie doch so gehaltvoll und reich klingend wie ein guter italienischer Rotwein. Davon floss bestimmt genug die Räuberkehlen hinunter. Braves Blech. Klingt eher lieblich nach „Beatice und Benedict“ als nach Briganten-Fete. Da hätte auch ein versnobter Brite mitfeiern können.

Der Klang der Aufnahme ist eklatant besser als in der Einspielung Zukermans 1976 in Paris. Sie klingt nun offen, klar, voll und sonor. Differenziert, räumlich und recht körperhaft, recht warm und dreidimensional. Für eine doch noch recht frühe Digitalaufnahme sehr gut. Sanfter, weicher, brillanter, leuchtender, fließender, einschmeichelnder und prachtvoller als in Paris Alles was dem Klang dort fehlte, bringt der Decca-Klang nun mit, sodass man froh über das zeitige Remake sein muss. Für Klang-Gourmets ausdrücklich empfohlen.

 

4

Andrew Davis

James Ehnes

Melbourne Symphony Orchestra

Chandos

2014

15:19  7:44  6:21  12:21  41:45

Bei der Aufnahme in der Hamer Hall des Arts Center in Melbourne war Andrew Davis (2012-2019) Musikalischer Direktor des australischen Orchesters. Er verstarb 2024 an Leukämie. James Ehnes gilt als einer der derzeit weltbesten Geiger, für Harold griff er zu seiner Carlo-Bergonzi-Viola.

Man begibt sich nicht gerade voller Abenteuerlust auf die Wanderschaft durch die Abruzzen, lahm erscheint das Erklimmen der Wanderpfade nicht, aber auch nicht geheimnisvoll. Die Naturschilderung bzw. das erleben derselben spielt sich in einem beschaulichen Rahmen ab. Ehnes´ Harold ist nicht ängstlich, so reich und voll wie seine Viola klingt, so dynamisch und schattierungsreich braucht er nichts zu fürchten, zumal er dynamisch wunderbar abschattieren kann, genauso wie er mit seinem Vibrato wunderbar schwelgen kann. Dabei bleibt er jedoch dezent. Das Orchester spielt klangschön und farbig (wie der Solist) jedoch weniger kontrastreich und weniger straff als die Originalklangensembles oder die Orchester von Munch oder Bernstein (nur 1961). So erzielt man weniger Schubktaft, weniger Dramatik und weniger Leidenschaft wie diese und wirkt ein wenig zahm. Man denkt bei diesem Vortrag vielleicht öfter an Mendelssohn als man es sollte.

Schöner könnte der Pilgerzug kaum klingen. Lieblich würde passen. Ehnes´ Sul-Ponticelli-Arpeggien klingen astrein intoniert, harmonischer und viel runder als man es bei den in letzter Zeit erschienenen Aufnahmen gewöhnt ist (z.B. bei Tabea Zimmermann, Tamestit oder früher bei Rudolf Barshai). Aber letztlich dann auch nicht so glatt und schönklingend wie bei William Primrose oder Josef Suk. Ein Hoch auf die Spielkultur der Streicher der Melbourner Orchesters.

Sehr klangschön klingt in der Serenade auch das Melbourner Holz und die intonationssicheren Hörner gefallen ebenfalls, eine rustikale Einfärbung kann man jedoch nicht erkennen. Anscheinend spielen alle so schön es eben geht, so wie immer, sehr „klangsüffig“ und sehr kultiviert, trotz des beachtlich schnellen Tempos. Spritzig wirkt die Darbietung deshalb aber nicht, auch die „Pifferari“-Anklänge nicht. Harold gibt sich als Melancholiker par Excellence.

Gebremst wirkt der Auftakt zum letzten Satz, zum Allegro frenetico, dabei ist es noch nicht einmal das Tempo das bremst, es ist die so wohlig-warm ausgebreitete Stimmung und die so weich und samtig, so kultiviert und so wenig spritzige Spielweise. Es fehlt auch am Hochtonglanz, der bleibt nämlich vor lauter kultiviertem Sanftmut ebenfalls zurück. Die Steigerungen wirken wohlkalkuliert und sauber gespielt. Die virtuosen Passagen wirken nicht durchbuchstabiert, man bemerkt aber auch keinen temperamentvoll drängenden Zugriff. Bei der Aufnahme war Andrew Davis 70 Jahre alt. Die Posaunen kommen als Berlioz´ Lieblingsinstrument sehr gut zur Geltung. Der „Lontano-Effekt“ des Streichtrios kommt wirklich von weit her, Harold, der das Trio eigentlich zum Streichquartett vervollkommnen würde, bleibt vorne auf dem Solistenplatz.

Der Klang der Aufnahme ist kristallklar, räumlich, voll und weich. Sie wirkt noch farbiger als die Hyperion-Aufnahme aus Bergen und etwas präsenter. Die Brillanz erscheint zugunsten eines wohlig-warmen Klangs wie zurückgefahren.

 

4

Frantisek Jilek

Lubomir Maly

Tschechische Philharmonie, Prag

Supraphon-Denon

1981

15:01  8:24  6:21  12:36  42:32

Lubomir Maly war der langjährige Solobratschist des Rundfunk-Sinfonieorchesters Prag und des Prager Sinfonieorchesters, zudem ein rühriger Kammermusiker. Frantisek Jilek, Orchesterleiter in Ostrava und Brünn (25 Jahre lang) stand zumindest einmal was die Anzahl an Plattenproduktionen anlangt hinter Karel Ancerl und Vaclav Neumann zurück, ob zurecht bleibt nach Kenntnis der Aufnahme des „Harold“ zumindest einmal fraglich.

Herr Maly kann in Sachen Klangschönheit nicht ganz mit der ein paar Jahre älteren Supraphon-Aufnahme mir Josef Suk mithalten. Da wäre vor allem die Tiefgründigkeit, das Volumen und die Geschmeidigkeit zu nennen. Er bekommt aber sowohl vom Dirigenten als auch von der Aufnahmetechnik breiten Raum eingeräumt, der auch einem veritablen Violakonzert gerecht geworden wäre. Er nutzt diesen durchaus feinfühlig aber auch mit dramatischer Geste aus. Das tschechische Vorzeigeorchester ist mit Elan bei der Sache und wirkt unter dem Vollzeit-Dirigenten Jilek vor allem zu Beginn noch etwas konturierter als unter dem dirigierenden Sänger Fischer-Dieskau. Jilek betont die übergreifenden Bögen deutlicher während es Fischer-Dieskau mehr um die Ausgestaltung einzelner Phrasen geht, insbesondere um den Gehalt an Kantabilität. Das Spiel erscheint unter Fischer-Dieskaus Dirigat durchaus detailfreudiger, aber vor allem am Satzende nicht ganz so druckvoll. Überhaupt stellen die Tschechen durchaus unter Beweis, dass sie ein gutes Berlioz-Orchester sein können (in beiden Fällen). Bei Jilek noch etwas knackiger.

Der Zug der Pilger wirkt sehr flüssig artikuliert und viel schneller als es die Uhr dann tatsächlich anzeigt. Er wird von Herrn Maly teils sehr intensiv ausgestaltet, sein Arpeggien bleiben unauffällig.

Die „Pifferari“-Elemente des dritten Satzes, der Serenade, werden beschwingt und ausgesprochen tänzerisch dargestellt. Man übertreibt nicht, wenn man behauptet, dass dies in dieser Einspielung am besten gelingt. Man wählt eine derbere Spielweise als gewöhnlich, das den tschechischen Holzbläsern klasse gelingt: So klingt rustikal, genau im richtigen Maß unkultiviert, dass es trotzdem noch super gekonnt klingt. Die Technik oder aber der tatsächliche Aufbau stellt die beteiligten Holzbläser hierzu in die erste Reihe, man meint: direkt an die Rampe. So wirkt der Volksmusik richtig echt. Die Serenade bekommt dazu einen richtig schroffen Kontrast, denn hier wird nun geschmachtet. In reiner Melancholie, vielleicht weil er kein Liebchen abbekommt stiehlt sich unser Harold davon oder legt sich zur Ruhe. Ein bemitleidenswerter Tropf, ein Antiheld.

Bei der Orgie der Briganten geht es etwas gebremster zu als bei Dietrich Fischer-Dieskau. In diesem Satz fällt es am deutlichsten auf, dass der Klang der Violinen gegenüber der älteren Analogaufnahme abfällt. Der Gestus ist zwar temperamentvoll, aber frenetico nicht unbedingt. Einzig der „Lontano“-Effekt beim dreiköpfigen Streicherensemble gelingt besser als bei Fischer-Dieskau.

Die Aufnahme klingt plastisch, farbig, dynamisch, recht klar und etwas derb. Auffallend ist das teils besonders präsente Holz im dritten Satz. Die Aufnahme mit Fischer-Dieskau klingt deutlich voller. Es sind noch frühdigitale Artefakte hörbar, besonders die Violinen klingen noch angeraut. Manchmal gibt es seltsame unnatürliche Hallfahnen auf die man besser verzichtet hätte.

 

4

Zubin Mehta

Daniel Benjamini

Israel Philharmonic Orchestra

Decca

1974

14:48  8:17  6:36  11:33  41:14

Daniel Benjamini war 1960-1990 Solo-Bratscher des IPO. Er bekleidete dieselbe Position zeitgleich auch beim Orchester de Paris als es unter der Leitung Daniel Barenboims (1975-1989) stand, so zumindest ist es bei Wikipedia zu lesen. Herr Benyamini verfügt über einen vollen, geschmeidigen Ton, ohne an die gestalterische (und akustische) Präsenz von William Primrose (besonders 1939) oder William Lincer ganz heranzukommen, obwohl er eigentlich laut genug in akustische Bild kommt. Seine Artikulation erscheint bisweilen weinerlich. Das Zusammenspiel mit dem Orchester erscheint eng verzahnt. Die zweifellos vorhandene Agilität des Orchesters verläuft sich auf den verschlungenen Pfaden der Aufnahmetechnik.

Die Pilger wirken bei Zubin Mehta recht müde und nähern sich in einem langsamen, gleichsam gedrückten Duktus. Benjaminis Arpeggien klingen sauber. Insgesamt wirkt der Satz stimmungsvoll, er erklingt aber wenig spezifisch, gerade wenn man die Einspielung mit Rudolf Barshai und David Oistrach noch in den Ohren hat, da knarzten die Arpeggien noch hart und knochig. Bei Mehta ist der Satz kein großes Ereignis, er gestaltet wenig und lässt es vornehmlich strömen.

Im Serenaden-Satz baut man schon einen unbeabsichtigten „Lontano“-Effekt mit ein indem man das Holz leicht vom übrigen Orchester entfernt. Es spielt nicht immer ganz intonationssicher und präzise. Die Hörner kommen dieses Mal viel präsenter ins Bild. Sonst entfernt man die gerne akustisch mal vom Rest. Insgesamt wirkt der Satz sehr sanft und weich und ob ein dermaßen melancholisch vorgetragenes Ständchen Erfolg bei der Angebeteten hätte, bleibt ungewiss. Zubin Mehta lässt es auch im „Scherzo-Satz“ fließen.

Wie im ersten Satz ist auch im vierten mehr Gestaltungsinitiative spürbar, wenngleich der Anspruch, den ein Allegro feroce eigentlich fordert, nicht eingelöst wird. Da klingt das IPO einfach zu kultiviert, wobei es an Tempo nicht einmal mangelt. Die Reminiszenzen Harolds (in dem Fall Daniel Benyaminis) zerfließen geradezu in Melancholie. Das Blech bringt keine wilden, angeschärften Akzente. Die Posaunen als Berlioz´ Lieblingsinstrument kommen gut im Blechbläsersatz zur Geltung, während die Trompeten etwas schwach herauskommen. Im Verlauf wünschte man sich eine imponierendere Durchschlagskraft. Bei der Schlussstretta zeigt das Orchester dann mal, was es wirklich draufhat.

Im Ganzen klingt die Aufnahme gerade für eine Decca-Analogaufnahme ziemlich matt. Zwar schön weich und abgerundet, aber die Dynamik bleibt ziemlich schwach und die Brillanz bleibt hinter dem Möglichen zurück. Auch bei einzelnen Instrumenten z.B. bei der Piccolo-Flöte oder den Trompeten erreicht man nicht mehr das Niveau der 60er Jahre. Bei der Maazel-Version 1978 hört es sich übrigens ganz ähnlich an. Das Klangbild erscheint wie hinter einem Schleier, der den Glanz wegnimmt. Die Interpretation verliert dadurch viel von ihrem „wachen“ Charakter. Als nicht unwesentlich dabei erscheint es auch, dass Blech und Schlagwerk zu einheitlich in den Gesamtklang integriert wurden. Insgesamt ist die Einspielung so „nur“ gefällig anzuhören. Da wäre mehr drin gewesen.

 

4

Lorin Maazel

Wolfram Christ

Berliner Philharmoniker

DG

1985

15:44  7:25  6:26  12:12  41:47

Lorin Maazel hat „Harold in Italien“ zwei Mal eingespielt. Im Abstand von sieben Jahren, zuerst für Decca mit dem Cleveland Orchestra und das zweite Mal nach seinem Label-Wechsel für die DG in Berlin. Beide haben wohl ihre Meriten, diskographische Überflieger sind sie jedoch leider nicht geworden.

In Berlin wirkt das Orchesterspiel ein wenig stärker akzentuiert und zumeist kraftvoller. Während das erste Fagott-Solo endlich einmal gut hörbar ist (meistens geht das hinter dem Streicherklang verloren), platzt die Oboe endlich mal nicht überlaut ins Klangbild hinein, was fast genauso selten der Fall ist. Der damalige Solo-Bratscher der Berliner Wolfram Christ klingt sonorer als sein Kollege aus Cleveland Robert Vernon. Er spielt seinen ppp-Einsatz (quasi niente) deutlich leiser als sein pp. Man lässt sich Zeit für die lyrische Seite des Stückes, weshalb Christs Spiel einen erzählenden Charakter erhält, etwas besser charakterisiert und generell etwas ausdrucksstärker und plastischer wirkt als beim Cleveländer. Dabei handelt es sich nur um Nuancen und die Klangtechnik spielt dabei ebenfalls eine Rolle, denn sie betont die Solobratsche etwas stärker im Klangbild als es die Decca-Techniker in Cleveland für richtig befunden haben. Dabei wirkt seine Artikulation stets sorgfältig und er vermeidet es, jederzeit einen gleichmäßig gequälten oder gar ein wenig lustlosen Ausdruck beizubehalten. Abenteuerlustig oder gar draufgängerisch-zupackend wirkt sein Spiel aber nicht. Die Berliner lassen mit einigen Klangschönheiten aufhorchen, insgesamt wirkt die Erkundungstour in den Abruzzen jedoch eher lahm, auch gegenüber Maazels erster Einspielung aus Cleveland.

Die Pilger im zweiten Satz sind hingegen etwas flotter unterwegs als bei Decca sieben Jahre früher. Fast eilig, jedenfalls wenig andächtig klingt der Canto religioso. Christs Ton wirkt lange nicht so sonor und farbenreich wie bei den Kollegen Primrose und Lincer, was jedoch auch an der Klangtechnik liegen könnte, denn auch die DG brachte in den ersten Jahren der damals noch unausgegorenen Digitaltechnik mitunter nur seltsam steril klingende Aufnahmen zuwege. Dies ist zwar eine der besseren, aber an den Klangfarbenreichtum der besten Analogaufnahmen kommt sie nicht heran. Der Streicherklang im Canto religioso klingt dennoch einfach sehr schön.

In der Serenade klingt das Englischhorn so weit entfernt, dass man annehmen muss, dass man die Spielanweisungen der Hirtenweise aus der Symphonie fantastique noch im Kopf hatte, jedenfalls ergibt sich der „Lontano“-Effekt bereits im dritten Satz, den es erst im vierten geben sollte. Selbiges trifft auf die Oboe im gemeinsamen Duo nicht zu, die bleibt auf Position.

Im vierten Satz, der Briganten-Orgie, bemerkt man ebenfalls eine zusätzliche Hall-Zugabe, die die Sätze zuvor nicht trafen (vom Englischhorn im dritten Satz einmal abgesehen). Das Orchester wirkt nicht müde, aber auch nicht besonders gut mit Adrenalin versorgt, sodass der Räuber-Party der rechte Biss fehlt. Harold hatte sich ja eigens in Sicherheit gebracht, weil ihm das Treiben zu unheimlich und gefährlich erschien. Das klappt in Cleveland etwas besser. Im Gegenzug wirken die Berliner klangvoller und wuchtiger in der Dynamik. Die Stretta des Finales wirkt ein wenig verschlafen.

Ist die Aufnahme aus Berlin auch kein audiophiles Highlight, so klingt es doch plastischer, brillanter, voller und besser bassgrundiert als in Cleveland. Sogar etwas räumlicher. Von einem geschärften Berlioz-Klang kann jedoch keine Rede sein. Da waren die Philharmoniker 1957 mit Igor Markewitsch schon näher dran. Leider nahm man damals noch mono auf, weshalb diese Aufnahme erst in der Monoaufnahmen-Liste erscheint. Es fehlen 1985 Präsenz, Temperament und Strahlkraft. Der Klang erscheint zwar in fast allen Kriterien besser als in Cleveland, wirkt aber nicht gerade vorbildlich. Ein empfehlenswerter Klang in dieser zeitlichen Umgebung war damals der Aufnahme der Decca 1987 aus Montréal mit Charles Dutoit und Pinchas Zukerman eigen.

 

4

Lorin Maazel

Robert Vernon

Cleveland Orchestra

Decca

1978

14:24  7:25  6:13  11:10  39:37  

In der ersten Aufnahme Maazels ist man schon vom ersten Einsatz des Fagotts enttäuscht, denn er erscheint vollkommen vernachlässigt. Die Viola klingt stark ins Orchester eingebettet und Herr Vernon unterscheidet nicht zwischen pp und ppp (quasi niente). Dabei ist das landläufig der erste Prüfstein seiner Partie, die bereits den ersten Einblick auf das zu erwartende gewährt. Wir könnten uns gut vorstellen, dass sie als Probespielpassage bei vielen Vorspielen genutzt wird, um dem jeweiligen Probanden auf den Zahn zu fühlen. Auf Fülle, Farbe und Differenzierungskunst eines Primrose (früher) oder Tamestit (heute) oder einer Tabea Zimmermann muss man ebenfalls verzichten. Die Phrasierung erscheint nicht immer ganz präzise und Glanz und Dynamik erreichen ebenfalls nicht das Niveau der Besten. Dennoch liegen Welten zwischen dieser Einspielung und der nur zwei Jahre zuvor also 1976 entstandenen mit Zukerman und Barenboim aus Paris. Das Orchester klingt und spielt viel besser als das OdP bei Barenboim oder das Orchestre National de France bei Bernstein. Auf die geschärfte Brillanz von Toscaninis NBC Symphony Orchestra oder Munchs BSO oder Bernsteins New Yorker hofft man dieses Mal vergebens.

Das Orchester klingt zwar im zweiten Satz seidenweich aber wie durch einen Schleier. Die Pilgerschar durchwandert die Szenerie immer noch recht zügig während Mister Vernon klangschöne und recht saubere Arpeggios beisteuert. Gegenüber dem Canto religioso kommt er jedoch ein wenig zu laut, was wieder am oben bereits beschriebenen Problem liegt, dass er kein ppp anbietet, obwohl es vom Komponisten gefordert wird. Über dem ganzen Satz, eigentlich über der ganzen Aufnahme liegt ein Sfumato-Effekt.

Der vierte Satz beginnt mit einem Fortissimo das klingt als wäre es ohne Blech gespielt worden. Obwohl es nicht an Tempo fehlt ergibt sich kein dramatisch-zugespitzter Verlauf, denn das Orchester und sein Dirigent scheinen einen kammermusikalisch-dezenten Ansatz zu verfolgen, besonders was die allzu dezente Wucht der ff anlangt. Das Spiel wirkt geschmeidig, kann aber kaum die Intensität vermitteln, die ein Miterleben erlauben würde, wie wir es bei Toscanini (1939), Munch, Bernstein (1961) oder Chung hören konnten. So wirkt der Satz kaum elektrisierend, wenn man diese Einspielungen schon einmal gehört hat. Es klingt wie nur die Noten gespielt, ohne einen wirklich beherzten Impetus dahinter. Es ist nur wenig Spannung spürbar. Guter Lontano-Effekt bei den drei Streichern.

Der Klang bietet, wie die etwas weiter oben platzierte Einspielung mit Zubin Mehta nicht die aus den 60er Jahren gewohnte Decca-Brillanz. In Sachen Transparenz und Konturierung wird die Aufnahme den von anderen Aufnahmen, auch aus dem Hause Decca, bekannten Qualitäten des Orchesters nicht gerecht. Es klingt nun schön warm, womit man anscheinend den damals vermuteten Mainstream-Geschmack zu treffen versuchte, aber es fehlt entschieden an Präsenz. Der gewünschte geschärfte Berlioz-Klang stellt sich nicht ein, er wirkt stumpf. Nicht ganz so indifferent, ja diffus und matt wie bei den Pariser Aufnahmen mit Bernstein und Barenboim. Denen gegenüber wirkt sie klarer, jedoch ebenfalls wenig sonor. Wenn man eine Decca-Aufnahme des Harold sucht, sollte man zu Dutoit-Zukerman greifen, da bekommt man am ehesten die erwartete Decca-Qualität.

 

4

Maxim Schostakowitsch

Bruno Giuranna

BBC Symphony Orchestra

Carlton

1982

13:47  8:37  6:05  12:17  40:46

Aus den Archiven der BBC stammend scheint diese CD kaum über einen Raritätenstatus hinausgekommen zu sein. Nach seiner Umsiedelung aus der UdSSR war der Sohn Dmitri Schostakowitschs Musikdirektor in New Orleans (1986-91) und des Hong Kong Philharmonic Orchestra. Bruno Giuranna war seinerzeit ein bekannten Solo-Bratschist, bekannt wurde er bereits als frühes Mitglied des italienischen Kammerorchesters I Musici.

Das Orchester hat sich gut in die Materie des Stücks eingefühlt, vor allem die ehrfurchtgebietende Seite des Beginns der Wanderung kommt voll zur Geltung. Das Tempo wirkt lange nicht so träge wie in so vielen anderen Einspielungen. Giuranna wirkt nicht so präsent an der Rampe stehend wie es bei einem Bratschen-Konzert wäre, sodass er etwas zurückgenommen doch deutlich klingt. Er spielt mit schlankem aber nie dünnem Ton, nicht so dunkel und tiefgründig wie bei William Primrose (1939). Das Orchester klingt sehr gut und erscheint an fast allen Pulten gut besetzt. Es bringt den dramatischen Aspekt des ersten Satzes ziemlich temperamentvoll mit Wucht und Strahlkraft gut zur Geltung.

Der sehr gut aufgelöste und transparente Klang bringt die einzelnen Ebenen plastisch zur Geltung. Man lässt es beim Canto religioso nicht an Inbrunst fehlen, wozu man das Tempo ziemlich langsam für ein Allegretto gewählt hat. Bruno Giuranna lässt seine Bratsche schön singen und lässt dem Orchester bei seinen Arpeggien, die er sehr leise und nicht verfremdet spielt, den Vortritt. Die Wirkung ist apart und poetisch.

Während Giurannas Darbietung völlig zurecht auf CD erschienen ist, so macht das Orchesterspiel im vierten Satz den Eindruck, als hätte noch eine Probe mehr nicht geschadet. Die Kontraste, die Steigerungsverläufe und Akzente sitzen gut und es spielt lebendig. Nur die Präzision im Zusammenspiel lässt zu wünschen übrig. Angesichts des Live-Mitschnitts muss man das Gehörte jedoch wieder etwas relativieren. Besonders das Schlagwerk klingt schrill, da macht sich die noch junge Digitaltechnik anscheinend wieder störend bemerkbar. Der „Lontano“-Effekt beim Streichtrio wird durch Hall-Zugabe gesteigert. Anscheinend sind die beiden Violine und das Cello unterdessen auf eine Empore gewandert. Giuranna bleibt jedoch vorne. Richtig auf der Bühne herumzuwandern wird erst später und besonders in Videomitschnitten modern.

Die Aufnahme zeigt das Orchester breit und tief gestaffelt, wobei der vierte Satz gegenüber den übrigen abfällt. Sehr differenziert wirkt der Streicherchor, die Dynamik ist in Ordnung, wobei auch in diesem Bereich der vierte Satz anfällt, da, wo sie besonders wichtig wäre. Insgesamt könnte die Aufnahme präsenter, sonorer und voller klingen. Sie wirkt nicht ganz frei und im ff leicht gepresst.

 

4

Sylvain Cambreling

Jean-Eric Soucy

Sinfonieorchester des SWR Baden-Baden und Freiburg (mittlerweile wegfusioniert)

Hänssler

2002

15:59  7:34  5:57  12:34  42:04

Monsieur Soucy begann seine berufliche Laufbahn als Solobratschist im "Orchestre symphonique de Québec". Dort war er Gründungsmitglied des Kammerorchesters "Les violons du roy", sowie des Streichquartetts "Quatuor Québec" (acht Jahre lang Mitglied in beiden Ensembles). Seit 1992 Mitglied des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg, seit 2016 Mitglied des SWR-Sinfonieorchesters. Monsieur Cambreling war von 1999 bis 2011 als Nachfolger Michael Gieles Chefdirigent des Orchesters. Die Aufnahme entstand sehr wahrscheinlich live an zwei Tagen. Vom Publikum hört man allerdings nichts.

Harold erfährt hier einen stimmungsvollen, jedoch vor allem im Tempo verhaltenen Beginn. Im Adagio zeigt man sich insgesamt noch schwung- und antriebslos. Soucy operiert mit auffallendem Vibrato, einer breiten dynamischen Palette und einer allgemein deutlichen Ausführung. Ganz makellos gelingt der Vortrag nicht und auf Dauer wirkt er etwas larmoyant. Im Allegro ändert sich das Bild: der Gestus wird nach und nach drängender und auch das Viola-Spiel wirkt impulsiver. Insgesamt oder letztlich ergibt sich so dann doch eine gute Spannungskurve bis zum straffen Finale.

Ein Mangel ergibt sich gleich zu Beginn des zweiten Satzes, „Pilgermarsch“ genannt. Er beginnt nämlich keineswegs im vorgeschriebenen pppp, sondern allenfalls mf. Dadurch überspielt man das sich langsam Nähernde des Pilgerzuges, was damals zu Berlioz´ Zeiten sicher als besondere Attraktion empfunden wurde. Der zunächst noch stockende Marsch wird im Verlauf flüssiger bei einer deutlichen Bassunterstützung, sodass sich letztlich sogar noch ein tänzerischer (fast hüpfender) Gestus ergibt. Die Sul-Ponticello-Arpeggien erklingen sauber und nicht verfremdet, bis auf das letzte, das dann plötzlich klingt, als käme es aus einer Maultrommel.

Der dritte Satz, die „Sérénade“ gefällt bei Cambreling von allen Sätzen am besten. Daran ist nicht die Rekordzeit schuld. Gegenüber den Streichern wird das Holz sehr gut hervorgehoben, (Englischhorn, Oboe und Piccolo-Flöte), sodass das Ständchen im überaus zügigen Tempo recht fidel wirkt, vielleicht sogar ein wenig „siegessicher“. Das ländlich-bukolische der beiden „Pifferari“-Einlagen klingen recht spritzig.

Einen dramatisch-temperamentvollen Drive lässt sich der Einspielung im vierten Satz nicht absprechen, jedoch wirkt das Orchester besonders in den schnellen Passagen der „Party“ nicht vollkommen perfekt, bietet jedoch meist ein gutes Zusammenspiel. An den enorm zugespitzten Verlauf, den man bei Münch, Bernstein, Chung oder auch Colin Davis in seiner jüngsten Aufnahme zu hören bekommt, sollte man jedoch besser nicht zurückdenken, obwohl die New Yorker ebenfalls nicht immer ganz vollkommen aufspielten. In Freiburg spürt man jedoch einigen Enthusiasmus im lebendigen Spiel. Nur die Stretta gerät gerade im Vergleich zu Chung fast behäbig.

Der Klang der Aufnahme erscheint recht offen, weich, ziemlich voll und abgerundet. Das Orchester ist gut in die Breite, deutlich weniger gut in die Tiefe hinein gestaffelt. Die Streichergruppen sind ausgezeichnet zu differenzieren, während das Holz etwas diffus und ziemlich weit entfernt klingt. Das Blech kommt klar und kräftig. Die Transparenz könnte für eine Aufnahme von 2002 besser, die Abbildung körperhafter sein.

 

 

 

3-4

Leonard Bernstein

Donald McInnes

Orchestre National de France

EMI, Warner

1976

14:57  8:35  6:43  12:52  43:07

Leonard Bernsteins zweite Einspielung nun eigens im Land im Land des Komponisten erstellt, erreicht bei weitem nicht dasselbe Spannungspotential und die spontan wirkende Agilität wie seine erste aus New York von 1961. Das liegt vor allem daran, dass sich das Französische Nationalorchester 1976 kaum mit den New Yorker Philharmonikern von 1961 messen können. Es kann dem Rubato zugeneigten Dirigierstil des Dirigenten nicht mit derselben Präzision folgen. Dass ein allgemeines Verständigungsproblem vorlag, davon kann kaum ausgegangen werden. Es reagiert träge, kein Vergleich zu den blitzschnellen New Yorkern. Ein Beispiel für die unterschiedliche Klangcharakteristik können die Violinen sein, sie klingen in Paris zwar etwas wärmer, wirken aber zugleich belegt, die Kollegen aus New York offener strahlender und virtuoser. Ein anderes Beispiel die Harfe, die ja eine dialogisierende Passage mit Harold erhält, die in New York wunderbar offen klingt, in Paris stumpf und verhangen. Ähnlich verhält es sich beim Solo-Bratscher Donald McInnes, der auch einen warmen, recht geschmeidigen Ton mitbringt, aber nicht mit der Makellosigkeit von William Lincer mithalten kann, auch nicht mit demselben Espessivo, demselben Ausdruck. Es fehlt wohl nicht an Engagement, aber dennoch wirkt der Vortrag im Vergleich neutral.

Der zweite Satz kommt sowohl der Akustik, den aufnahmetechnischen als auch den orchestralen Befindlichkeiten besser entgegen als der erste. Es gibt keine Dynamikeruptionen, die man verschleifen könnte und dem Satz gefällt es, wenn er ruhig dahinströmen kann. Nun allerdings schon recht langsam. Der Streicherapparat wirkt jedoch auch jetzt undifferenzierter, klingt immer nur als Ganzes und nicht zusammengesetzt aus verschiedenen Stimmen. McInnes´ Arpeggien klingen weniger klar und manchmal schleift es ein wenig. Er mischt sich gut mit dem Orchesterklang, was bei dieser Aufnahme jedoch zwangsläufig erfolgt, denn irgendwie mischt sich da fast alles mit allem.

Der dritte Satz wirkt genauso stimmungsvoll wie freskohaft. Nicht mit der leidenschaftlichen Musizierfreude der New Yorker. Das Dunkle des Abends kommt hingegen gut heraus, die Aufnahme klingt als Ganzes ziemlich eingedunkelt. Subtiler gelingt die Gestaltung der leisen Passagen.

Die ff-Eruptionen der „Räuber-Party“ im Allegro frenetico wirken allzu weichlich, sanft und gebremst, was sich durch die ganze Einspielung zieht. Beim letzten Satz erscheint es am wenigsten angebracht. Der ganze Satz wirkt gegenüber der 61er Meisterleistung besonders gebremst. Der abgedunkelte Klang gibt dem Satz jedoch in der Stimmung etwas Düsteres mit, wo bei der New Yorker Einspielung mediterranes Licht durchflutete. Da kann man also wählen. Man ertappt sich manchmal beim nachdenken, wohin bei den Franzosen der französische Esprit abhandengekommen sein könnte. Vielleicht liegt es nur einfach daran, dass das Orchestre National damals einfach kein Spitzenensemble war? Beim Orchestre de Paris lagen die Dinge damals keineswegs besser wie die Einspielung unter Daniel Barenboim noch demonstrieren wird. Sehr gute „Lontano“-Wirkung des kleinen Streichensembles. Beim Stretta-Finale macht man vieles wieder gut, was den Konzertbesucher damals zu Beifallsstürmen hinriss, denn France Musique übertrug damals liev im Radio. Leider lief das Aufnahmegerät nicht mit.

Der Klang der Aufnahme wirkt weich und recht voll. Er wirkt diffus, erheblich diffuser als 1961 in New York. Entfernter und undifferenzierter. Besonders das Blech ist weit weg. Es mag sein, dass bei der damaligen Quadro-Aufnahme schon was schiefgelaufen ist oder aber bei ihrer Aufbereitung ins Stereoformat. Es klingt dynamisch verschliffen, weniger präsent und viel weniger brillant als 1961 in New York. Im Tutti mulmig, im ff leicht gepresst. Da ist jedenfalls keine Glanzleistung der französischen EMI-Techniker dokumentiert.

 

3-4

Ondréj Lenard

Milan Telecky

Slowakische Radio-Sinfonieorchester Bratislava

Opus, Blaricum

1981

17:13  8:23  6:35  12:37  44:48

Ondréj Lenard schlägt im ersten Satz ein sehr langsames, breites und allzu beschaulich wirkendes Tempo an, bei dem die Natur erstarrt wirkt und der Wandersmann kaum vorwärtskäme. Die Solobratsche erklingt schlank aber mit einem starken Vibrato mit weiter Amplitude (früher einmal „Meckervibrato“ genannt). Gelingt die Höhe strahlend so fehlt dem Ton doch die Fülle von Primrose, Zimmermann, Zukerman (nur 1989) oder Tamestit in seinen besten Einspielungen. Er und sein Orchester mit den seidig klingenden Violinen schildern die Geschichte nicht ohne Poesie, aber durch das lahmende Tempo fehlt es doch an Esprit. Erst im Satzfinale kommt etwas Brio ins Spiel.

Im Pilgermarsch zeigt das Orchester einen sehr respektablen, weichen Klang, während Herr Telecky saubere und unauffällige Arpeggien beisteuert. Das Kommen des Pilgerzuges gelingt genauso anschaulich wie das verschwinden in der Ferne. Borodin mag bei Berlioz die Inspiration zu seiner „Steppenskizze“ gefunden haben.

Die beiden „Pifferari“-Reminiszenzen erhalten in dieser Einspielung eine etwas andere Betonung als üblich, zudem klingen sie zügig und beschwingt. Umso langsamer, gar träger dann die Serenade. Dieses Mal wirkt unser Abruzzen-Liebhaber (aus Bratislava) noch lahmer als sonst. Er versucht durch Klangschönheit zu überzeugen, bleibt dabei sehr in sich versunken. Genau wie Harold, der mit seinen Selbstgesprächen bzw. Selbstreflektionen einfach nicht weiterkommt um sich dann letztlich von der Szenerie zu entfernen oder sich vor Ort schlafen zu legen.

Im vierten Satz erscheint das Klangbild etwas streicherdominiert, genauer gesagt von den Violinen dominiert und im ff undeutlicher werdend. Blech und Schlagwerk wirken nun etwas undifferenzierter, was nichts über die Orchesterqualität aussagen soll, es spielt nämlich durchaus temperamentvoll und präzise auf. Der Klang wirkt jedoch distanziert und manch ein Detail geht so nicht nur aber vor allem beim Holz verloren. Der kraftvolle Biss verliert sich in den Weiten des allzu halligen Konzertsaals in Bratislava.

Der Gesamtklang wirkt etwas dumpf, vor allem die Harfe verliert ihr typisches Glitzern. Das Orchester wirkt breit aufgebaut und allzu distanziert. Die Bratsche ist gut zu hören und dominiert meist das Klangbild. Es gibt nur eine geringe Dynamik (die Bratsche bietet mehr als das ganze restliche Orchester); im Tutti wird es auch so schon recht schwammig und wenig griffig.

 

3-4

Colin Davis

Yehudi Menuhin

Philharmonia Orchestra London

EMI

1962

16:22  8:58  6:27  12:11  43:58

In Colin Davis erster Einspielung galt er selbst noch nicht als Berlioz-Kenner und -Könner. Yehudi Menuhin war jedoch bereits allseits bekannt, weshalb man seinen Namen viel größer auf dem Cover abbildete als der des Dirigenten und auf dem schmalen Rücken sogar nur alleine anbrachte. Dabei trägt der hauptberufliche Geiger nur wenig zum Erfolg der Einspielung bei. Es wird mitunter meditativ ausgeholt und wirkt im Einzelnen großgestisch. Die bedeutungsschwere Spielweise Menuhins, der sich Colin Davis damals noch unterordnete (das beweisen seine beiden anderen Einspielungen) führt zu schleppenden Tempi, die einen in sich versunkenen „Helden“ zeigen sollen, der sich in Selbstgesprächen bzw. -reflektionen ergeht, wenig bis gar keine Tatkraft zeigt und sich eher als Bremser vom Dienst erweist. Zudem wirkt sein Spiel mit dem größeren Instrument nicht immer von selbstverständlicher Sicherheit getragen.  Er steht in Sachen Klangschönheit hinter den anderen Viola spielenden Geigern zurück. Denken wir nur an Josef Suk, James Ehnes oder Pinchas Zukerman (nur 1987). Er phrasiert eher kleinteilig und wirkt bisweilen etwas nervös. Immerhin wird er von der Aufnahmetechnik nicht im Übermaß herausgestellt, sondern spielt aus dem Orchester heraus. Der Satz ist nicht frei von Längen.

Im Pilgermarsch zeigt uns Menuhin einen nachdenklichen „Harold“, nicht manisch, nicht depressiv, aber es klingt weniger klangschön als 1939 in der Live-Aufnahme von William Primrose und Arturo Toscanini. Das PO wird zu langsam strömendem Spiel angehalten. Die Arpeggien sind nicht ganz sauber, da pfeift auch mal ein Lagenwechsel dazwischen. Spielt das Philharmonia Orchestra den Satz auch klangschön, so wirken die späteren Aufnahmen Davis´ doch differenzierter und souveräner gestaltet.

Die „Serenade“ wirkt wenig kontrastreich, man hat den Eindruck, dass es hier noch fast so weiterströmt wie im Pilgermarsch. Menuhin spielt mit sehr viel Vibrato und es klingt nicht immer mühelos.

Für die im Allegro frenetico bemühten Klangmassen wirkt das Klangbild einfach nicht transparent genug. Das Orchester spielt rau und trotz rekordverdächtig langsamem Tempo klingt es hart. Da könnte man ja noch behaupten, dass das gut zu den räuberischen Briganten passen würde. Es klingt am besten, wenn die Streicher alleine spielen. Ansonsten kann es auch mal richtig lärmen. Auf den Lontano-Effekt des kleinen Streichensembles haben die EMI-Techniker hingegen viel Mühe investiert.

Der Klang der Aufnahme steht noch zwischen offen und muffig, Transparenz ist nicht seine Stärke, vor allem Holz und Blech könnten besser herauskommen. Es klingt recht räumlich doch wenig körperhaft. Die Dynamik ist gar nicht mal schlecht, da übertrifft man sogar die Decca-Aufnahmen von Mehta und Maazel. Es gibt sehr wenig Bass zu hören und das Klangbild wirkt linkslastig, rechts spielt sich nicht viel ab, was man hören könnte. Es klingt für heutige Ohren nicht mehr frisch.

 

3-4

Georges Prêtre

Walter Trampler

London Symphony Orchestra

RCA-Sony

1969

17:05  10:10  6:46  12:09  46:10

Trotz rekordverdächtig langsamen Tempos wirkt der Beginn des ersten Satzes recht spannend. Der Streichersatz erscheint transparent. Die Viola erklingt dann deutlich im Vordergrund und klingt sehr trocken, als gäbe es um sie keine mitschwingende Umgebungsluft. Sie erscheint ohne Körper. Die sie umspielende Harfe klingt besonders deutlich. Man machte damals seine Erfahrungen mit vielen Mikrophonen und großen Mischpulten. Walter Tramplers Spiel wirkt meist flexibel und nur manchmal stark mit Vibrato befrachtet. Prêtre und das Orchester sind mit ihm einig, dass man eine breite Palette von Emotionen darstellen möchte, mal antrittsschnell, mal verschlafen oder verträumt. Insgesamt jedoch bleibt der erste Satz hinter der Vorgänger-Aufnahme bei RCA mit Charles Munch und den Bostonern zurück. Es werden jedoch einige Effekte wirkungsvoll in Szene gesetzt, die einem zuvor noch so deutlich ins Scheinwerferlicht gerückt schienen. Wir hören ein ähnlichen „Spotlight“-Verfahren wie bei Deccas Phase-4-Technik, die zur selben Zeit auf den Markt gebracht wurde. Besonders natürlich wirkt es auch bei RCA nicht.

Beim Pilgermarsch setzt Georges Prêtre ebenfalls eine Rekordmarke für Langsamkeit. Da wirkt das eigentlich für Schwung sorgende Allegretto fast schon verschleppt. Der Gang der Pilger ziemlich lastend. Die Viola wirkt so präsent, als stünde sie leibhaftig mitsamt Herrn Tranpler im heimischen Hörraum. Passend zum dieses Mal wirklich einmal vorhandenen „langsamen Satz“ legt der Solist viel Vibrato auf. Ansonsten gibt es wenig Gestaltung und irgendwie erscheint dem Hörer die Darbietung belanglos. Die Sul-Ponticello-Arpeggien sind hörbar. Sie werden leicht verfremdet, aber nicht so knarzend wie bei Barshai oder Mikhael Tolpygo in den beiden Einspielungen mit David Oistrach als Dirigenten, aber doch ähnlich. Trotz des eigentlich vom Komponisten nicht gewünschten langsamen Tempos, denn sonst hätte er ja ein Andante und kein Allegretto wählen können, geht von dem Satz auch so ein gewisser Reiz aus. Der Dirigent hat eben seinen eigenen Kopf, wie man so schön sagt.

Die „Serenade“ ist der am besten gelungene Satz, zumindest einmal für unsere Ohren. Leise, gedämpft, recht transparent und fließend wirkt sie insgesamt zärtlich und sanft. Die Viola ist nun nicht mehr so prägnant in den Vordergrund gestellt wie bisher. Insgesamt wirkt der Satz detailreich und delikat gespielt. Dass sich Harold am Ende des Satzes schlafen legt wird besonders deutlich.

Das „Allegro frenetico“ kommt deutlicher heraus als bei Maazel und Mehta, mit mehr angriffslustiger Attacke im leider zu weit entfernten Blech. Manchmal klingt es jedoch reißerisch und erneut aufnahmetechnisch beeinträchtigt. Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass Monsieur Prêtre der 61er Aufnahme von Leonard Bernstein nacheifert, aber er erreicht keine durchgehende Spannungskurve und seine Klangtechnik kommt an die acht Jahre ältere CBS-Technik nicht heran.

Durch die durchgehende „Trockenheit“ klingt das Orchester manchmal kleiner (kammermusikalischer) als es ist. Im Tutti klingt es dennoch dick. Die Viola erklingt meist zu weit im Vordergrund, während das Orchester zu pauschal dahintersteht. Das ff kann auch mal in Krach ausarten. Die Dynamik ist gar nicht so schlecht, da werden die etwas blassen Decca-Aufnahmen von Maazel und Mehta übertroffen, aber in Fülle und Farbkraft steht die RCA-Aufnahme zurück. Die Violinen wollen einfach nicht „aufblühen“.

 

3-4

Cyril Diederich

Bruno Paquier

Orchestre Philharmonique de Languedoc-Roussillon, Montpellier

Forlane

1987

15:33  8:53  6:25  12:47  43:38

Bruno Pasquier, Bruder des Geigers Régis Pasquier war zuerst Solobratscher des Orchestre du Théâtre National de l´Opéra de Paris (1965-1985), dann des Orchestre National de France (1985-1990).

Mangelnde orchestrale Transparenz trübt den eigentlich atmosphärisch-stimmungsvollen Beginn ein. Die Bratsche steht sehr deutlich und klar vor dem Orchester. Monsieur Pasquier verfügt über reichlich vorhandene dynamische Abstufungen und einen großen, lebendigen Klang mit einem deutlichen aber nicht überreizten Vibrato. Er genießt gegenüber dem Orchester eine deutliche Vorrangstellung. Wir hören also de facto ein Solokonzert, zumindest im ersten Satz in dem die Bratsche noch relativ häufig zum Einsatz kommt. Das Orchester verbleibt im Verlauf relativ wenig transparent und damit die Musik weniger deutlich durchgeformt. Man erkennt jedoch ohne weiteres sein „leichtes und flockiges“ Spiel und trotz der recht langen Spielzeit genügend Temperament und eine deutliche Affinität zur Steigerung.

Der Pilgermarsch kommt sanft, ziemlich gleichförmig und gebremst aber klanglich federleicht daher. Als ob die Pilger dahinschweben würden. Der leichte Bass vermag sie nicht zu erden. Sehr auffallend die Arpeggien von Monsieur Pasquier: so pfeifend und „maultrommelartig“ hört man sie selten. So kommentiert Harold den Pilgerzug: Mit einer Fremdsprache. Das Verschwinden der Pilger wird gut imaginiert.

Im dritten Satz fällt die mangelnde Transparenz des Orchesters wieder stärker ins Gewicht. Solistisch eloquent, könnten die „Pifferari-Bläser“ dem Hörer buchstäblich und im übertragenen Sinn viel näherkommen, wenn sie klangtechnisch nicht so weit abgerückt wären.

Der letzte Satz klingt innerhalb der vier am unvorteilhaftesten. Die Akustik entspricht einer leeren Halle (noch nicht einmal einem Konzertsaal) mit entsprechend langem Nachhall. Das Orchester klingt so lärmend und aufdringlich, besonders bei den bereits musikalisch tumultuösen Passagen.

Der Klang, wir hatten es gerade erwähnt wirkt entfernt und hallig-diffus, speziell die Violinen hell und leicht, leider etwas „drahtig“ angehaucht. Die Dynamik erscheint dazu besser. Transparent ist der Klang nur, wenn es kein Tutti gibt und/oder die Bratsche nicht allzu dominant herauskommt. Es klingt wenig sonor und dem Orchester, nicht aber der Bratsche, fehlt es an Präsenz. Das Schlagwerk klingt gepresst.

 

3-4

Yoav Talmi

Rivka Golani

San Diego Symphony Orchestra

Naxos

1995

15:02  7:30  6:45  11:49  41:06

Yoav Talmi war 1987-1996 Leiter des San Diego Symphony Orchestra, danach des Orchestre Symphonique de Quebec. In Deutschland mag man ihn noch als Chefdirigent der Hamburger Symphoniker kennen (2000-2004). Rivka Golani war 1969-1974 Mitglied des Israel Philharmonic Orchestra und wanderte dann nach Kanada aus um an der Universität Toronto zu unterrichten.

Das Spiel des Orchesters wirkt weich und transparent, durchaus akzentuiert aber wenig mysteriös-geheimnisvoll und wenig nachdrücklich. Es wirkt zügiger als es die gemessene Zeit suggeriert. Die Viola erklingt laut und deutlich und wird mit einer Extra-Portion Hall versehen. Die berühmt-berüchtigte ppp-Passage (quasi niente!) wird nicht gebührend umgesetzt und unterscheidet sich kaum vom mf zuvor. Der Verlauf wirkt durchaus dramatisch geprägt und das Orchester zeigt dabei eine mehr als ansprechende Qualität in Spiel und Klang. Für den halligen und besonders im ff diffusen und wenig sonoren Klang kann es nichts.

Die klangtechnische Ausrichtung passt zum Pilgermarsch viel besser als zu den Sätzen eins und vier. Es wird ein weit entfernter Pilgerzug imaginiert, der zügig aber nicht eilig unterwegs ist. Es wird mit Einfühlungsvermögen musiziert. Die untermalenden Arpeggien sind sehr viel deutlicher als die Hauptsache des Canto religioso. Sie klingen zwar leicht und nur leicht verfremdet aber gegenüber dem Orchester einfach zu laut. Da zeigt sich die Klangtechnik einmal mehr als unsensibel. Das Kommen und das sich Entfernen des Zuges gelingt weniger anschaulich, da sich der ganze Satz gleichermaßen im leisen Dynamikbereich abspielt.

Die „Pifferari“-Bläser kommen nur sehr zurückhaltend ins Bild, zudem scheinen sie nach links ausgewandert zu sein. Englischhorn, Oboe und Piccoloflöte können beim wiegenden Ständchen klanglich voll überzeugen. Man würde die Klangwirkungen noch mehr bestaunen, wenn das Klangbild nicht so weit entfernt wäre und nicht alles gleichermaßen filigran machen würde.

Das Orchester bringt Schwung und auch gute Attacke-Fähigkeit für das Räubergelage mit nur lässt die Klangtechnik wenig davon bis ans Ohr der Hörer kommen. Da wird Temperament und Dynamik geradezu weggeschluckt und die Brillanz verpufft. Schade um den Elan der Musiker: Das ist fast verlorene Liebesmüh.

Wie so viele Naxos-Einspielungen der ersten Label-Jahre klingt auch diese distanziert und hallig, dabei zeichnet sich ein räumliches und übersichtliches Orchesterpanorama ab, allerdings wie in Nebel gehüllt. In f und ff ist der Klang schlecht durchgezeichnet. Immerhin klingt er schon recht warm. Die Klangfarben klingen eher wie pastell und nicht gerade knallig. Die Dynamik hält sich in Grenzen, der Gesamtklang allzu filigran, wenig saftig und wenig sonor. Es fehlt generell an Präsenz und Durchzeichnung. Sie wirkt dünn. Alles andere als prall und zudem linkslastig.

 

 

 

3

Leonard Slatkin

Lise Berthaud

Orchestre National de Lyon

Naxos

2013

15:10  8:08  5:58  12:42  41:58

Leonard Slatkin war 2011-2017 Chefdirigent in Lyon und hat dort heute noch dort das Amt des Ehrendirigenten inne. Es gelingt ihm mit dem Orchester der zweitgrößten Stadt Frankreichs kaum Spannung zu erzeugen. Lise Berthaud ist anscheinend nur als Solistin und Kammermusikerin unterwegs, einem Orchester scheint sie nicht angehört zu haben. Sie spielt dynamisch, sehr differenziert mit geschmeidig eingesetzten Vibrato, jedoch ebenfalls ziemlich spannungs- und schwunglos, womit sie sich mit Herrn Slatkin einig wäre. Ihr Ton scheint, wenn uns die Aufnahme nicht in die Irre leitet, eher kein zu sein und nicht so farbig und reichhaltig wie der von Primrose, Zimmermann oder Tamestit. Es fehlt noch nicht einmal an Engagement aber dennoch klingt alles matt und müde. Der Klang scheint geradezu am Podium festzukleben und dabei haben wir eine High-Res-Blu-Ray gehört, die eigentlich die CD klanglich überragen müsste. Der Klang will einfach nicht aufblühen, dabei spielt man bei genauerem Hinhören noch nicht einmal unsensibel aber es fehlt gänzlich an Abenteuerlust und Risikobereitschaft. Man bietet nur das Notenbild in Tönen. So fehlt es an Brillanz und an Esprit, vor allem weil es an lebendiger Dynamik, Spielfreude und Spontaneität fehlt. Mag sein, dass das im Konzert alles ganz anders geklungen hat, aber das nutzt den Hörer der Tonkonserve leider gar nichts.

Trotz eines noch passablen Tempos wirkt der Marsch der Pilger schleppend und etwas phlegmatisch, an die Rasanz bei Munch oder Inbal und anderen braucht man gar nicht zurückdenken zudem fehlt es dem Klang an Fülle. Nur der Bass sticht hervor (vielleicht besonders weil die Subwoofer bei der Pure-Audio-Blu-Ray mitarbeiten). So evoziert man einen schwereren Schritt als sonst. Lise Berthaud spielt sauber, auch die Arpeggien. Sie zaubert aber keine Glanzlichter aus ihrem Part und bleibt konventionell am Rande zur Blässe. Vielleicht passt genau das zu unserem Antihelden, der sich nicht gerade durch gesteigertes Selbstbewusstsein hervortut. So wirkt der Satz seltsam ereignisarm.

Der Serenadensatz mit den „Pifferari“-Anklängen wirkt etwas steif und ohne Charme. Sowohl die Bläser- als auch die Streicherstimmen wirken nicht sauber differenziert, was Transparenz kostet. Dann muss man das geschmeidig fließende Ständchen noch als einen der gelungeneren Abschnitte in dieser Einspielung bezeichnen, ohne dass sie einen nachhaltigeren Eindruck hinterließe.

Am eigentlichen Tempo des letzten Satzes liegt es nicht, dass das Spiel des Orchesters so schwerfällig, sogar plump wirkt. Frenetisch oder feurig wirkt da nicht viel. Einen größeren Gegensatz zur Aufnahme mit Myung Whun Chung lässt sich da kaum denken. Bei Slatkin herrscht ein lockerer Divertimento-Sound unverbindlich und stets gleichlautend, bei Cung der bissige Sound einer hochmusikalischen, virtuosen Räubergang. Bei Slatkin fehlt es seltsam stark ausgeprägt an mitreißender Kraft, lebendiger Spielfreude und Spontaneität.

Die Musik kam von einer Blu-Ray im 5.1 DTS-HD Sound. Er wirkt trotzdem distanziert und seltsam leblos, recht warm und rund. Dynamisch hat sich nichts gegenüber einer durchschnittlichen CD verbessert. Allerdings hören wir eine punktgenaue Ortbarkeit der einzelnen Instrumente und einen sehr deutlich aufgeteilten Streicherchor. Die Viola wirkt in der Balance mit dem Orchester hervorgehoben. Die Basslinie erscheint (in unserer vorgenommenen Basseinstellung) prominent hervorgehoben.

 

3

Valery Gergiev

Antoine Tamestit

London Symphony Orchestra

LSO Live

2013, live

15:03  7:55  6:24  12:45  42:07

Diese Aufnahme kommt aus dem Stammsitz des LSO, dem Londoner Barbican Center, das für seine trockene Akustik bekannt ist. Das Orchester vermittelt im Adagio wenig Spannung und eher noch weniger Atmosphäre, es klingt weder mediterran-hell noch bedrolich-düster. Die Viola Antoine Tamestits klingt lange nicht so warm und tiefgründig wie in seinen anderen Aufnahmen; sogar die Einspielungen, die uns nur als Mitschnitte von Radiosendungen vorliegen, bieten da mehr. In der Dynamik wirkt sein Spiel allerdings auch in London herausragend differenziert.  Sein Spiel erreicht den Hörer emotional viel weniger als in all seinen anderen Aufnahmen. Es bleibt relativ blass und bescheiden, auch technisch nicht ganz so souverän und im Ausdruck weniger eloquent. Die Dynamik ist wirklich noch das Beste am Bratschenspiel an diesem Abend. Gemeinsam mit dem Orchester wirkt das Gehörte ziemlich eindimensional. Erst im Allegro kommt etwas Spannung auf, wobei das mitunter flüchtige und im Detail mitunter unpräzise Spiel des Orchesters nicht begeistern kann. Es steht in allen Belangen seiner eigenen glanzvollen Aufnahme 2003 mit Colin Davis zurück. Und das auch noch auf dem gleichen eigenen Label. Am Satzende kann mit einem sehr gut beschleunigten (affrettando!) Finale abschließend dann doch noch Eindruck bei den Konzertbesuchern gemacht werden. Es sieht fast danach aus, als hätte der Dirigent die Probenarbeit auf dieses Finale beschränkt.

Beim Pilgermarsch hören wir einen zwar feinen aber stromlinienförmigen Klang, relativ wenig differenziert. Die Annäherung und das sich Entfernen von Harold und den Hörern wird nur untergeordnet erfahrbar. Die Viola wirkt nun differenzierter, die Arpeggios werden mit dem am Klang einer Maultrommel angelehnten Sound angereichert und verfremdet.

Der Klang im Ständchen bleibt trotz reicher Verwendung der Piccoloflöte stumpf, trotz sehr guter Bläser und eloquenter Streicher läuft der Satz ziemlich oberflächlich ab, kaum wird gezeigt, worum es eigentlich geht. Bei dieser Szene mag ebenfalls keine rechte Stimmung aufkommen. Tamestit wirkt (natürlich eher sein Bratschenklang als er selbst) seltsam rau, als ob er sich nicht recht wohlgefühlt hätte.

Der Mangel an Präsenz und Durchzeichnung raubt dem Orchesterspiel im letzten Satz die letzte Farbe und eine glaubhaft-frenetische Wirkung aus. Nur ganz selten findet man eine ähnlich leblose Aufnahme, die zugleich so „neu“ ist. Schade um das gute Orchester. Einzig die Dynamik scheint halbwegs unversehrt erhalten. Alles andere fällt sogar hinter die Radio-Aufnahmen zurück. Wie am Ende des ersten Satzes gibt es auch beim letzten eine gut beschleunigte Schlusssteigerung, die intensiv wirkt. Da kann man die gleiche Vermutung anstellen wie zuvor beim ersten Satz. Nur die wurde richtig geprobt.

Der Klang der Aufnahme ist nur wenig klar und schlecht durchgezeichnet. Es ist außerdem keinerlei Tiefenstaffelung zu hören. Wir hören hier wieder eine dieser tendenziell klumpigen LSO Live-Aufnahmen, dieses Mal eine der schlimmeren. Auf der rechten Seite des Orchesters scheint sich nichts abzuspielen, die Mittellagen der Streicher bleiben völlig undifferenziert und kaum hörbar. Die Aufnahme klingt brettflach und blass. Die 55 Jahre ältere Aufnahme mit Primrose und Munch deklassiert die vorliegende in jeder Hinsicht.

 

3

Daniel Barenboim

Pinchas Zukerman

Orchestre de Paris

CBS-Sony

1976

16:14  8:27  7:29  12:51  45:01

Im gleichen Jahr als Leonard Bernstein nach Paris zu seiner zweiten Aufnahme des Harold kam (er nahm beim gleichen Besuch auch noch die Symphonie fantastique ein zweites Mal auf), entstand noch eine zweite Einspielung, dieses Mal mit dem Orchester der Stadt Paris. Der einzige Vorteil dürfte sein, dass die Holzbläser etwas besser herauskommen als beim Orchestre National de France Bernsteins. Wir hören jedoch ein geringeres Spannungspotential und vom scharfkantigen transparent-intensiven esprit-geladenen Berlioz-Orchesterklang hören wir nichts. Es wird grob-theatralisch und ziemlich unpräzise gespielt. Zukerman kann mit seinem völlig untypisch leicht metallischen Ton, nicht besonders stark differenzierter Dynamik und mitunter sehr starkem Vibrato kein positives Gegengewicht schaffen. Dennoch kommt er gegenüber dem Orchester gut zur Geltung, was den Harold im ersten Satz dann auch noch zum Solistenkonzert macht, das er gar nicht sein will. Es gibt im Streicherklang des Orchesters überhaupt keine Strukturen zu erkennen, noch weniger als bei Bernstein (1976). Barenboim lässt überhaupt kein Interesse an der Offenlegung von musikalischen Strukturen erkennen.

Die sehr mit dem Weichzeichner versehene Pilgerprozession erscheint noch zügiger als sie tatsächlich ist, wirkt konturenarm und sehr wenig transparent. Die Violinen klingen zeitweise mal deutlich heraus, sehr weich und sehr fein und zeigen damit, dass die einzelne Gruppe gar nicht so schlecht sein kann, wie es im Gesamtklang wirkt. Das funktioniert übrigens nur, wenn das Orchester leise spielt. Laut baut sich dann wieder der undifferenzierte, Konglomerat ähnliche Klang auf.

In der Serenade spielt das Holz ziemlich inhomogen, dabei klingen die einzelnen Soli gekonnt und stimmungsvoll, allerdings immer noch recht hart im Klang. Obwohl man sich die Serenade abends vorzustellen hat, oder sogar nachts, erhält er in Barenboims Einspielung etwas Sonnenlicht durch eine aufhellende Transparenz. Die „Pifferari“ klingen jedoch ausgedünnt. Zukermans Klang verströmt immer noch wenig Wärme, was immer wieder überrascht, wenn man seinen Geigenklang erinnert. Kein Vergleich zu Primrose oder Lincer oder seiner eigenen Einspielung von 1987 in Montreal. Ein liebevolles Verhältnis zum Stück kann man nicht recht entdecken.

Im vierten Satz klingt das Orchester extrem dünn und anämisch. Ein leichtes Übermaß an Hall lässt den Klang diffus werden und gibt ihm den Rest. Beide Toscanini-Aufnahmen klingen besser und die entstanden 1939 und 1953. Der Zusammenhang scheint nur noch gerade so gewährleistet. Wenn man die Einspielungen von Munch oder Bernstein (nur 1961) Revue passieren lässt, dann scheint das Orchestre de Paris wie neben sich zu spielen. Da gibt es keinen zupackenden Impetus, keine beflügelnde Dynamik, kein durchdringender Esprit. Das klingt noch nicht einmal nach Dienst nach Vorschrift. Besonders die Streicher erscheinen besonders im Zusammenspiel gefährdet. Entweder der Dirigent war überfordert oder er hat das Orchester alleine gelassen.

Das Orchester erscheint genauso entfernt und ähnlich mulmig wie bei Bernstein im selben Jahr. In der Dynamik erscheint diese hier nochmals flacher. Die Dynamik geht gegen Null. Allerdings wirkt ihr Klang minimal brillanter als bei EMI, aber weniger warm, weniger sonor und weniger substanzreich. Und eher noch etwas dicker und zäher. Bei Francks „Le chasseur maudit“ machte das Orchester und die Aufnahmetechnik bei der DG einen besseren Eindruck als hier bei CBS.

 

 

 

Die Einspielungen, bei denen ein Orchester mit Originalklang-Instrumenten der Zeit Berlioz´ spielt. Mehr oder weniger unter Berücksichtigung der damaligen Spielweisen:

 

 

5

François-Xavier Roth

Tabea Zimmermann

Les Siècles

Harmonia Mundi

2018

15:08  7:44  5:54  11:32  40:18

Monsieur Roth arbeitete zu Beginn seiner Karriere mit zwei bedeutenden Berlioz-Dirigenten zusammen. Zuerst mit Colin Davis und später mit Sir Eliot Gardiner.

Die historischen Instrumente und die kraftvolle Spielweise verleihen dem Klangbild eine gewisse aufgeraute Herbheit und eine ein wenig eingedunkelte Farbgebung, was beides ganz ausgezeichnet zur teils romantischen Erzählung, teils verträumten Wanderung und vor allem zur romantischen Hymne passen will, die das Werk alles in sich vereint.  Das verlebendigende Differenzierungsvermögen und das behände Rubato sind schon sehr früh zu bemerken und ziehen sich durch die ganze Darbietung. Frau Zummermann spielt extrem nuancenreich (herausragend ihr ppp), wobei sie ihre Aufnahmen von 2003 mit Colin Davis aber auch das WDR-Livekonzert von 2022, bei dem sie als einzige Bratschistin auch noch zu dirigieren hatte, nochmals leicht übertrifft. Das Musizieren von Solistin und Orchester wirkt enorm spritzig und antrittsstark, sehr temperamentvoll und plastisch. Von A bis Z lässt sich hier ohne ins Spekulieren zu verfallen von einer Herzensangelegenheit sprechen. Subtil und draufgängerisch zugleich, jeweils an den richtigen Stellen, das versteht sich ja von selbst. Selten klang der Satz einmal so voll von Überraschungen, so dringlich und abenteuerlustig bei gleichzeitig hervorragendem Viola- und Orchesterspiel. Absolut begeisternd. Roth tritt damit in die Fußstapfen von Toscanini (1939) und Munch, wobei er noch mehr zu nuancieren weiß. Da wurde akribisch geprobt und eine vollkommen frei wirkende Spielweise erreicht. Und dazu kommen dann noch die Originalinstrumente als Besonderheit und der Klang einer modernen, kundigen Klangtechnik.

Beim Pilgermarsch hört die Gemeinsamkeit mit Munch dann bereits auf. Und der Geschwindmarsch der federleichten und zugleich kraftvollen Mönche (man darf annehmen, dass es sich um Mönche handelt, kann man doch ein Kloster von Ferne läuten hören mit Glocken bestehend aus Harfe und Hörnern einerseits und Flöte und Oboe andererseits) verlangsamt sich und wird dadurch eher noch ausdrucksvoller. Er passt jetzt einfach besser zur Vorstellung eines Pilgermarsches, obwohl die Wanderer nun immer noch flotten Fußes unterwegs sind und immer noch keine Zeit zur frommen Erbauung zu haben scheinen. Das Allegretto gibt es so vor, wenn man es beachtet. Das tänzerische Element wird verstärkt, wenn es sich auch „nur“ um einen Marsch handelt. Die Arpeggien klingen noch weiter verfremdet als bei Barshai, ganz erstaunlich vielfältig aber auch bei Frau Zimmermann klingt es bisweilen spitz wie nach einer Maultrommel. Befremdlicher kann ein Kommentar zum Marsch der Pilger kaum ausfallen. Die Pilger stört es nicht, denn ihr Verschwinden aus der Szenerie gelingt hervorragend anschaulich und völlig konfliktfrei.

Bei der „Pifferari-Reminiszenz“ bleibt das Holz etwas hinter den Streichern zurück. Das Ständchen bekommt ein erwartungsvoll-dringliches Tempo verpasst, da hat es jemand eilig. Englischhorn und Oboe spielen jedoch höflich und zurückhaltend, man will ja schließlich nicht mit der Tür ins Haus fallen.  Und mit den Hörnern und den wie neu gehörten Streicherfiguren ergibt sich eine sehr stimmungsvolle Szenerie. Im weiteren Verlauf kommt das Holz dann deutlicher hervor und verbreitet Fröhlichkeit. Insgesamt wirkt der Satz ganz besonders lebendig und rustikal-musikantisch. Offensichtlich wird von dem Treiben auch unser Held Harold mitgerissen, wenn das Holz Harolds Thema übernimmt. Diminuendo und perdenosi werden bestens bis ins ppp hinabgeführt bis zum Verschwinden.

Der erste ff-Schlag im letzten Satz gelingt nicht ganz zusammen (das Holz kommt im Übereifer eine Winzigkeit zu früh), was zwar ungewohnt klingt, aber sogar noch guten Effekt macht. Vielleich steckt sogar Absicht dahinter? Das Orchester treibt richtig an und wirkt mächtig temperamentvoll. Da wird Charles Much als Vorbild (vielleicht auch Arturo Toscanini) spürbar. Die Souvenirs Harolds aus den vorherigen Sätzen empfindet man als weniger retardierend als sonst. Rasanter, bissiger Verlauf. Da wird Party gemacht. Das Orchester zeigt sich dabei von seiner besten Seite, bestechend homogen und präzise. Gute „Lontano“-Wirkung der drei Streicher aus der die Viola wie herauswächst. Dann folgt eine erstaunlich maßvolle Stretta, die nach dem zuvor Gehörten die Hörerwartung torpediert. Da bieten Chung, Munch und Bernstein (nur 1961) mehr. Roth setzt da auf einen Überraschungscoup und zeigt die Räuber letztlich als Menschen und nicht als Monster, wie sie in der Symphonie fantastique dann im letzten Satz (Hexensabbat) auftauchen.

Der Klang der Aufnahme wirkt räumlich, farbig und besonders prägnant, transparent, dreidimensional, also gut in die Tiefe gestaffelt. Sehr dynamisch zeigt sich zudem noch eine hervorragende Balance von Viola und Orchester.

 

5

Marc Minkowski

Antoine Tamestit

Les Musicien de Louvre, Grenoble

Naive

2012

14:24  7:02  6:12  11:03  38:41

Das Ankommen bzw. die ersten Wanderungen in den Abruzzen erfolgen zügiger als bei Roth und Gardiner jedoch genauso geheimnisvoll. Es klart später merklich auf und das Orchester ist mächtig auf Zack. Die Bratsche von Herrn Tamestit kommt deutlicher heraus als die von Gérard Caussé bei John Eliot Gardiner, klingt aber nicht mit der Wärme und Fülle des Klangs der Bratsche von Tabea Zimmermann. Er vermittelt eine klare und sehr deutliche Phrasierung und eine sehr weite dynamische Spreizung. Er soll noch in vielen weiteren Aufnahmen Harold die Stimme leihen. Der Orchesterklang erweist sich als sehr transparent und eher dunkel getönt und schön aufgelockert. Es gelingt ihm mühelos, sich wenn erforderlich der Viola unterzuordnen, weshalb man sehr oft kammermusikalische Züge im Spiel erreicht und umgekehrt braucht die Bratsche sich nicht gegenüber mächtige Orchestermassen zu stellen. Man kommt ihr zuvorkommend entgegen. Das Orchesterspiel wirkt so besonders feinfühlig und so wenig massiv wie in keiner anderen Einspielung, weshalb die ganze Einspielung besonders „violafreundlich“ erscheint. Das Orchester erfreut mit seiner Flexibilität, seiner Lockerheit, Spritzigkeit und Musizierfreude. Der Kopfsatz wirkt so lange nicht so gedrückt und bedrückend wie in vielen anderen Aufnahmen. Für Berlioz wäre er so zu einer klanggewordenen Gute-Laune-Urlaubserinnerung. Sehr beschwingtes, fast stürmisches Satzfinale.

Der Pilgermarsch liegt im Tempo zwischen Roth und Gardiner, er wird exzellent gespielt und zwar mit Leidenschaft und Vorwärtsdrang, wunderbar geschmeidig und mit allerhand Enthusiasmus. Da möchte der Harold Tamestits nicht zurückstehen. Aber auch bei ihm knarzen, glucksen und ächzen die Arpeggien, als ob er plötzlich in einer fremden Sprache spräche. Im Klang auch noch rauchig. Der ganze Satz klingt wunderbar hellhörig, duftig und klar, wie hingezaubert.

Die Serenade erhält eine wunderbar rustikale Note mit einem wunderbar farbigen Englischhorn, klarer und samtiger Oboe und einer herrlich glucksenden Klarinette. Keine Stimme geht hier verloren. Monsieur Tamestit investiert hier einen volleren Klang als im ersten Satz und musiziert hier ebenfalls auffallend lebendig. Super weicher Klang. Da würde man sich ebenfalls gerne betten.

Kraftvolles Blech, antrittsschnelle Streicher und dazu noch feinste Kammermusik auf der wilden Orgie: Da wird Esprit mit messerscharfen Attacken gepaart und es klappert nichts. Und es gibt keinerlei Aufdickungen im Klang und trotzdem gibt es Spannung und Intensität. Die geborenen Briganten ausgestattet mit blitzblanker Musikalität kommen aus Grenoble.

Der Klang bietet die richtige Nähe zum Hörer. Er wirkt sehr transparent und sehr gut konturiert ohne je massiv zu werden, warm und harzig. Die Staffelung in die Tiefe ist gut. Die Balance erscheint ein wenig zugunsten der Viola ausgelegt, ohne je das quirlige Orchester zu überdecken. Lebendiger Klang ganz ohne Alte-Musik-Dunst. Die Rauigkeiten halten sich in Grenzen und sorgen eher noch für das richtige Maß an rustikaler Ausstrahlung.

 

 

 

4-5

John Eliot Gardiner

Gérard Caussé

Orchestre Revolutionaire et Romantique

Philips

1994

14:55  7:29  6:09  12:14  40:47

Von John Eliot Gariner gibt es in unserer Liste noch einen späteren Mitschnitt mit Antoine Tamestit und dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks von 2015 und von Gérard Caussé habe wir seine Aufnahme aus Toulouse mit Michel Plasson (1991) bereits ziemlich weit oben lobend erwähnt. Damals wandelte er noch nicht auf den Spuren der HIP.

Gardiner: „Der Dirigent ist dazu da, um die emotionale Temperatur eines Stückes einzustellen“ und „die kaleidoskopischen Stimmungsschwankungen anzuzeigen, die die Musik von Berlioz charakterisieren.“ Wenn man die Münchner Aufnahme einmal gehört hat, so meint man, dass ihm das 2015 noch etwas besser gelungen ist als 1994.

Mit dem von ihm gegründeten Orchester erreicht er bereits eine extrem geweitete Dynamik, eher durch den enorm geweiteten p-Bereich. Wo es extrem laut zu spielen hätte, gelingt es dem Originalinstrumente-Orchesters eher nicht so spektakulär, weil die einzelnen Instrumente nicht so laut spielen können. So sind trotzdem geschärfte Kontraste möglich. Die Darbietung klingt teilweise wild und unberechenbar und macht dabei auch vor einer gewissen Hysterie nicht halt. So differenziert herausgearbeitet werden die Stimmungsschwankungen sehr selten. Harold, der meist als in sich zurückgezogen oder als Träumer oder gar ängstlich wahrgenommen wird, dreht in dieser Darbietung einmal richtig auf. Ohne dass das Ensemble ungenau spielen würde, höchste Perfektion ist hier der Standard. Übrigens ist dies eine der ganz wenigen Einspielungen, die gleich zu Beginn die Fagottstimme deutlich hören lässt und die Oboe nur wenig später mal endlich leise einsetzt. Mit dieser Aufnahme hält die HIP Einzug in die Diskographie von „Harold en Italie“. Und wie wir sehen, mehr als drei sind es seither nicht geworden. Zudem erfreut auch das kompakte, durchschlagskräftige Blech besonders. Noch ein Wort zum Bratschisten: Gegenüber seiner Einspielung aus Toulouse 1991 begrenzt Monsieur Caussé sein Vibrato deutlich, 1991 pflegte er noch einen romantischen Klang, der uns jedoch ebenfalls gefallen konnte, jetzt passt er sich den Wünschen Gardiners an und sucht den Schulterschluss mit dem Orchester. Er klingt nun schlanker, was besser zum Originalklangensemble zu passen scheint, aber doch mit einem warmen Klang. Wahrscheinlich spielt er nun ein anderes Instrument. Man sollte erwähnen, dass sein Klang in Toulouse durchaus noch saftiger erschien und an Geschmeidigkeit seiner Leistung in der nur drei Jahre jüngeren britischen Aufnahme in nichts nachsteht. Tabea Zimmermann hat von den drei HIP-Einspielungen den saftigsten Klang und die umfassendste Ausdruckskraft. Wie immer geht es im Vergleich der Besten meist nur um Nuancen.

Der Pilgermarsch wirkt zügig, kontrolliert gleich zu Beginn und er profitiert von der weiten Dynamik. Monsieur Caussé überrascht mit verfremdetem Klang bereits vor den Sul-Ponticello-Arpeggien, wie wir es erstmals bei Rudolf Barshai hören konnten, allerdings noch leiser. Dank der subtil gestalteten Dynamik im leisen Bereich ergibt sich ein plastisch gestalteter Bogen vom leisen Herankommen bis zum noch leiseren Verschwinden der Pilger in der Ferne.

Leider gelingen die „Pifferari“-Anleihen im Serenadensatz weniger plastisch. Das Holz wirkt da einfach lange nicht so prägnant wie bei Roth (oder noch prägnanter bei Jilek) und klingt einfach zu leise, um eine rustikale Stimmung zu verbreiten. Es ist doch mf notiert und nicht p. Die Flötenstimme wird schön herausgestellt. Sehr gelungenes perdenosi im ppp. Auf dynamische Abstufungen legt Gardiner besonders viel wert.

Die Briganten-Orgie wirkt hitzig aber nicht übermäßig schnell. Plasson war übrigens drei Jahre zuvor in allen Sätzen außer dem Pilgermarsch schneller und etwas temperamentvoller. Spannend klingt es bei Gardiner jedoch ebenfalls. Die Viola Caussés bleibt in den Souvernirs der vorherigen Sätze nicht so farbig wir Primrose oder Zimmermann. Sein Harold bleibt weit weg von der Party, da möchte er keinesfalls mit reingezogen werden. Zu gefährlich für ihn oder unter seiner Würde. Damit bleibt der Hörer auch von der Bratschenstimme entfernt. Guter Lontano-Effekt der drei Streicher. Im vierten Satz wirkt die Musik nicht so mitreißend angeheizt wie bei Münch, Bernstein (1961), Davis (2003) oder Roth und besonders Chung, dem die „heißeste“ Schlussstretta gelingt. Diesbezüglich gelang Gardiner, obwohl unterdessen 21 Jahre gereift, in seinem Mitschnitt beim BR noch eine Steigerung.

 

 

Die Videoproduktionen, gehört und gesehen auf YouTube:

 

 

5

Eliahu Inbal

Antoine Tamestit

HR-Sinfonieorchester

HR-YouTube

2018

15:00  7:38  6:18  12:10  41:06

Diese Aufnahme stammt vom Rheingau Musik-Festival aus dem Kloster Eberbach, bei dem das HR-Sinfonieorchester stets für das Eröffnungskonzert zuständig ist. 2018 musste der damals 82jährige Eliahu Inbal, der selbst einmal von 1974-1990 Chefdirigent des Orchesters war für Herrn Orozco-Estrada einspringen. Ob er noch Zeit hatte in den Probenprozess einzugreifen wissen wir leider nicht.

Die Schilderung oder vielmehr das Erleben der Bergwelt wirkt jedoch klangvoll und musikalisch. Antoine Tamestit zeigt eine seiner besten Darbietungen, besonders klangschön, besonders schattierungsreich und jederzeit souverän gestaltend. Flexibel, charaktervoll, besonders klar und deutlich. „Saure Töne“ gibt es keine, Makellosigkeit ist Trumpf und die Darbietung schwankt gekonnt zwischen beherzt und versonnen. So oft wie er die Partie spielt (und mit so vielen Dirigenten) hat er alle Klippen, falls es für ihn überhaupt welche gab, längst verinnerlicht. Übrigens meint er, dass seine Arbeit mit Gardiner ihn am meisten beeinflusst hätte, diese Aufnahme entstand 2015 in München.

Das Orchester klingt besonders farbenreich, transparent und souverän strukturiert, ob es am Dirigenten liegt (der allerdings schon ein wenig eingeschränkt in seinen Bewegungen wirkt, was offensichtlich dem Ergebnis nicht geschadet hat) oder daran, dass man sich wegen der Videoproduktion besonders ins Zeug gelegt hat? Für das HRSO ist allerdings eine Videoproduktion nichts Besonderes, soviel wie es davon herstellt. Dieses Mal klingt das Orchester noch besser als bei seinen zugegebenermaßen z.T. schon älteren Radiomitschnitten. Angesichts des fortgeschrittenen Alters von Herrn Inbal erscheint die ausgesprochen vitale Leistung des Orchesters als bemerkenswert.

Der volle, sonore Klang (bemerkenswert für eine Videoproduktion und dann noch über YouTube gehört) des homogen aufspielenden Orchesters kann mit den besten unseres Vergleiches mithalten. Und die sicher nicht unproblematische Akustik im Klostergewölbe macht mit. Die Pilgerschar marschiert zügig. Tamestit gelingt es trotz des angeblich so bescheidenen Parts Glanzlichter zu setzen. Die Arpeggien klingen dieses Mal geschmeidig und rund. Er verfremdet sie nur unaufdringlich, vielleicht weil im Orchester dieses Mal keine Originalinstrumente mitspielen wie bei Les Musicien de Louvre im Jahr 2012.

Das Holz wird im dritten Satz wunderbar präsent eingefangen. So kommt das volkstümliche viel besser zur Geltung als wenn man es nur aus großer Entfernung hören kann. Ob allerdings die Pifferari aus den Abruzzen je so klangschön geklungen haben wie das Holz des HRSO bleibt fraglich. Oboe! Piccolo, Englischhorn bringen zudem in der tänzerisch-beschwingten Serenade sehr viel Spielfreude zum Ausdruck.

Trotz der ein wenig weichzeichnenden aber bestens in den Griff gebrachten Akustik klingt die Orgie der Briganten brillant und farbenreich. Man spielt temperamentvoll, beherzt aber auch detailreich. Wegen Akustik aber auch wegen der Klangcharakteristik des Orchesters wirkt der Gestus vielleicht ein wenig ins mild-sanfte abgewandelt. Das passt aber doch gut zum mild-verklärten Blick den die Literatur damals von ehemals adeligen oder zumindest von guter Herkunft abstammenden Räubern zu Land und zur See (Ouvertüre „Der Korsar“) vermitteln wollte. Lord Byron und Berlioz sprechen da dieselbe Sprache. Irritierend bescheidener Applaus hinter den Klostermauern für eine hervorragende Darbietung des „Harold“.

Trotz relativ unbedämpften Klostergewölbes klingt es nicht hallig, sondern plastisch, offen, voll, sonor, dynamisch und präsent. Die Techniker des HR haben die Tücken der Akustik mittlerweile voll im Griff. Manch ein Detail mag vielleicht doch noch „geschluckt“ werden, aber es fällt nicht negativ auf, die Mikrophone wurden gut platziert.

 

 

 

4-5

Paavo Järvi

Antoine Tamestit

Tonhalle-Orchester Zürich

Tonhalle-Orchester, YouTube

2023

15:22  8:25  6:24  12:11  41:22

Dieses Video wurde anlässlich eines Gastspiels des Zürcher Orchesters im Wiener Musikvereinssaal gemacht. Spontan bemerkt man, dass es im Vergleich zum HR-Sinfonieorchester, dessen Chef Paavo Järvi 2006-2013 war, heller und weniger sonor klingt. Bevor man Bässen und Celli und den anderen tiefen Instrumenten jetzt einen Vorwurf macht, sollte man Bedenken, dass der Klang eines Orchesters nicht unwesentlich vom Aufnahmeequipment mitbestimmt wird. Und die HR-Techniker kennen sowohl ihr Orchester als auch die Aufnahmeräume in denen sie aufnahmen meistens wie ihre Westentasche. Ob sich das beim Technikteam, das in Wien zugange war, ebenso verhält? Bei Tamestits Bratschenton verhält es sich ähnlich wie beim Orchester, er klingt ebenfalls heller, sodass sich unsere Vermutung möglicherweise dadurch erhärtet. Er klingt weniger rund und sonor, weniger saftig und distanzierter. Die Spielfreude scheint beim HRSO stärker ausgeprägt, was sich natürlich auf Harolds Naturerlebnis überträgt. Aber auch das Dirigat Järvis, wenn man sich einmal die Tempoverdopplung der Stretta anhört, scheint etwas schaumgebremst.

Das pppp mit dem der Pilgermarsch beginnt wird wunderbar plastisch umgesetzt, genau wie das sukzessive lauter werden d.h. näherkommen und wieder verschwinden der Pilger. Die Sul-Ponticello-Arpeggien klingen wie im Kloster Eberbach, nur pfeift es bisweilen noch etwas lauter.

In der Serenade und bei den „Pifferari“ gibt es viel Holzbläser-Glanz, wobei das Englischhorn ganz besonders gefällt, denn es vermag die Sehnsucht des Liebhabers besonders sinnfällig auszudrücken. Bei Monsieur Tamestit wirkt nicht jeder Liegeton ganz erfüllt, das ist zwar kein bedeutender Einwand, aber er selbst hat die Messlatte so hochgelegt. Er gibt zudem mehr Bogendruck, sodass manches etwas ausdrucksvoller erscheint. Sein Harold wirkt möglicherweise ein wenig fideler als sonst, hat jedoch ein wenig an sonorer Tonschönheit eingebüßt. An Aufnahmen mit Herrn Tamestit herrscht kein Mangel, man hat die Auswahl.

Der letzte Satz bleibt angesichts der Satzbezeichnung Allegro frenetico etwas betulich. Es wird nur wenig Brio spürbar, gerade wenn man noch die Aufnahme Myung-Whun Chungs in den Ohren hat. Da wirkt die Darbietung in Wien doch sehr vornehm. Lauter frischrasierte und frisch gebadete Räuber, dieses Bild stellt sich jedenfalls ein, amüsieren sich da. Ansonsten fehlt es noch nicht einmal weder an geschärfter Rhythmik und an Lautstärke noch an Dynamik. Das Blech könnte jedoch akzentuierter klingen. Guter „Lontano“-Effekt von dem sich weit nach rechts versetzenden Streichtrio, das in dieser Aufnahme vom Solisten zum Streichquartett vervollkommnet wird. So trifft man sich. Die Schlusssteigerung gelingt effektvoll.

Es klingt noch großräumiger, noch detailreicher und noch klarer als aus dem Kloster Eberbach. Da bemerkt man doch, trotz aller Finessen beim Aufnahmeteam des HR, dass der Musikvereinssaal zurecht als einer der besten Konzertsäle der Welt gilt. Ätzend sind allerdings die Werbeunterbrechungen bei dem Tonhalle-Orchester-Video, besonders wenn man laut hören möchte, denn die Werbung knallt immer noch lauter rein, das kann übel enden. Von daher ist das werbefreie, von Rundfunkgebühren finanzierte Video des HR, aber auch das aus Paris, das jetzt gleich im Anschluss kurz besprochen werden soll und ebenfalls werbefrei zu sehen und zu hören ist, einfach vorzuziehen.

 

4-5

Emmanuel Krivine

Nicolas Bône

Orchestre National de France

Radio France Concerts oder France Musique

2019

14:01  6:40  6:08  11:48  38:37

Emmanuel Krivine war 2017-2020 Leiter des Orchestre National de France und als solcher Vorgänger von Cristian Macelaru. Nicolas Bône spielt im ONdF die Solobratsche. Es wurde im Maison de la Musique de la Radio aufgenommen. Mit Emmanuel Krivine gibt es bei YouTube noch eine allerdings sehr dumpfe Aufnahme mit Amihai Grosz, dem Solobratschisten der Berliner Philharmoniker, und dem Orquesta Sinfònica de Barcelona i National de Catalunya. Diese erschien uns aus klanglichen Gründen wenig verlockend.

Man geht den ersten Satz mit einem temperamentvolleren und leidenschaftlicheren Antrieb an als in Eberbach und Wien und das von Beginn an. Das quirligere Spiel wirkt allerdings etwas weniger präzise.  Die Bratsche klingt sehr präsent, die Harfe im Duo mit der Bratsche ebenso, denn es wurde eigens eine zweite Harfe nah an Herrn Bône platziert, damit beide die gleiche Präsenz erfahren. Der restliche Harfenpart wird von einer zweiten Harfe von der üblichen Stelle aus gegeben. Monsieur Bône verfügt über einen warmen strömenden Ton und er spielt durchaus poetisch und klangstark, allerdings nicht ganz so nuancenreich und reichhaltig wie Antoine Tamestit oder Tabea Zimmermann. Für den einen sind die Unterschiede deutlich, der andere meint, sie seien doch eher marginal. Die melancholischen Töne liegen ihm mehr.

Der Pilgermarsch ist einer der eiligsten überhaupt, noch kein Rekord aber wirklich zügig. Wir bemerken keine ausgeprägte Bogenform, keine großem Lautstärkeunterschiede, die in der Partitur ihren Niederschlag fanden und die das sich nähern und das sich wieder entfernen anschaulich machen würden. Das Entfernen gelingt etwas besser. Die Arpeggien klingen sauber und werden kaum verfremdet.

Im dritten Satz lässt der Dirigent mehr Emotionen investieren als im Satz zuvor. Die Holzbläser hinterlassen einen sehr guten Eindruck.

Das Tempo für die Orgie der Briganten ist temperamentvoll jedoch gelingt es der Aufnahme kaum, daraus Funken zu schlagen. Da fehlt es an Dynamik und Brillanz. Der „Lontano“-Effekt wird in dieser Aufnahme „nur“ durch entfernt sitzende Tutti-Streicher erreicht, das bringt keine Unruhe, wenn sich Musiker während der Aufführung in Bewegung setzen um sich umzusetzen.

Klanglich erscheint die Aufnahme aus Paris etwas weniger transparent als der Klang der beiden anderen gehörten Videos aus Eberbach und Wien. Und nicht so frei wie die HR-Aufnahme. Insgesamt klingt es weich, voll und rund und durchaus warm und angenehm. Die Bildqualität bleibt etwas hinter der der beiden anderen Videos zurück. Da geht es um Schärfe, Bildruhe und digitale Artefakte, die jedoch eher von der mangelnden Stabilität der Internetverbindung herrühren könnten als vom Videomaterial selbst. Das interessiert jedoch nur am Rande. Viel wichtiger ist, dass es keine Werbeunterbrechungen gibt!

 

 

Die historischen Mono-Einspielungen:

 

 

5

Arturo Toscanini

William Primrose

NBC Symphony Orchestra

Music and Arts

1939, live

15:30  7:43  5:35  11:22  40:00

Dies ist zwar die älteste Aufnahme des „Harold“ in unserer Liste, aber nicht die erste Schallplatte. Es handelt sich um eine Rundfunksendung, die erst sehr viel später den Weg auf einen Tonträger gefunden hat. Viel populärer wurde die spätere Produktion von 1953, die zwar ebenfalls mit dem Rundfunkorchester der NBC, aber mit Carlton Cooley als Solisten entstand, aber sogleich von RCA als Schallplatte produziert wurde. Dazwischen liegt eine weitere Toscanini-Aufnahme über die wir leider nicht verfügen konnten. Sie entstand erneut mit William Primrose 1947 live erneut für NBC. Eine Platte davon gab es ebenfalls erst als Toscanini bereits verstorben war. Sie entstand, so ist es überliefert, als Toscanini die Aufnahme von Primrose mit Koussevitzky hörte und er sich über die rhythmischen Ungenauigkeiten mokierte und er es seinem Solisten (den er überaus schätzte) glaubte zeigen zu müssen, wie es richtig zu spielen sei.

Die 1939er Aufnahme entstand, bevor Primrose seine eigentliche Solo-Karriere startete. Da war er noch stellvertretender Solobratscher beim NBC. Er erlernte die Partie auf Wunsch seines Chefs, Arturo Toscanini, dem daran gelegen war „Harold en Italie“ in bestmöglicher Qualität aufzuführen. Es sollte seine beste Aufnahme bleiben, wobei wir damit die Qualität der anderen bei der Munch-Einspielung ganz weit oben genannten Aufnahmen gar nicht kleinreden wollen. William Primrose war nicht nur der „Harold“ seiner Zeit, sondern der Bratscher seiner Zeit.

Typisch für die damalige Zeit ist das viel zu laute Einsteigen der Oboe, die eigentlich p spielen sollte. Die Oboen und die Oboisten bekamen es lange nicht hin, richtig leise zu spielen. Ganz anders Mister Primrose (er war Brite, genauer Schotte), dem das ppp possibile quasi niente, so leise gelang, wie über Jahrzehnte keinem anderen, zumindest einmal, wenn man die Aufnahmen vergleicht. Damals wirkte das atemberaubend und auch heute legt man immer noch die Ohren an, denn der Ton verliert seine Substanz nicht.  Die Klangtechnik konnte das sogar unverschliffen einfangen und heute, dank guter Entrauschungsverfahren rauscht diese Stelle noch nicht einmal. Die Viola spielt sehr frei, da hatte Mister Primrose das Stück vollends in sich aufgenommen. Sein Ton ist voll und tiefgründig, sein Spiel enorm nuancenreich. Der erste Bratscher des NBC in der Aufnahme von 1953, Carlton Cooley, konnte da nicht recht daran anknüpfen, aber auch aus anderen Gründen kommt diese spätere an die erste nicht heran, nicht nur wegen des Solisten. Typisch für die damalige Zeit war das dichte Mikrophonieren von Soloinstrumenten, das praktizierte man auch beim Duo Bratsche und Harfe. Das Allegro klingt bei Toscanini 1939 zupackend und sehr knackig im Blech, der Gestus sehr abenteuerlustig, tatkräftig und sehr temperamentvoll. Toscanini vermeidet den Hauptstimmenkult und legt wunderbar hellhörig die Strukturen frei, da wird nichts zugekleistert. Maßstabsetzend: die überragende Deutlichkeit und die klare Phrasierung. Man höre im Vergleich die Aufnahmen von Gergiev oder Barenboim, da hört man viele Jahrzehnte später das Gegenteil. Hell, transparent, lichtdurchflutet, da weiß jemand wie in Italien die Sonne scheint und welches Licht sich dabei ergibt. Es muss ein herrlicher Morgen gewesen sein im Sommer in den Abruzzen, wenn man der Aufnahme von 1939 glauben darf. Die Orchesterleistung darf man als grandios bezeichnen, das Orchester zeigte sich enthusiasmiert. Doppio movimento für die Stretta des ersten Satzes, das ist bei Toscanini damals noch kein Problem. Damals war er gerade einmal jugendfrische 72, 1953 sieht es dann leider schon etwas anders aus.

Toscanini nimmt das Tempo im Pilgermarsch noch nicht so hurtig und nicht ganz so drängend wie Charles Munch 1958. Seine Pilger machen jedoch ebenfalls einen bestens durchtrainierten Eindruck und scheinen im Galopp unterwegs zu sein. Von Kniearthrose keine Spur. Der Canto religioseo scheint bereits große Vorfreude auf das Abendessen auszudrücken, denn das Kloster scheint nicht mehr weit. Ein frohgemutes Singen und Harold fügt sich gleichgesinnt ein, umspielt, geht eine Zeitlang mit oder besser eilt mit. Sehr gute Differenzierung der Dynamik von pppp zu Anfang bis zum ppp am Ende. Dazwischen gibt es auch mal ein ordentliches ff. Verfremdet wurde der Bratschenton damals bei den Sul-Ponticello-Arpeggien noch nicht.

Bei Toscanini sind die „Pifferari“-Anklänge des dritten Satzes gut aufgehoben, er lässt da den typischen Toscanini-Drive entstehen, der auch noch in die Serenade hineinwirkt. Oboe und Englischhorn sind in nach damaligen Maßstäben in guter Form und Mister Primrose spielt sehr ausdrucksvoll. Meisterhaft. Seine Viola hat übrigens nach seinem Tod den Namen „Ex Primrose“ bekommen. Ehre, wem Ehre gebührt.

Das Allegro frenetico der Räuber-Orgie erklingt feurig und straff bei größtmöglicher Prägnanz der Struktur. Die Reminiszenzen Harolds (Souvenirs genannt) aus den drei vorherigen Sätzen wirken dadurch besonders kontrastreich, sehr kantabel, doch nicht ohne Spannung. Toscanini lässt das NBC sehr stürmisch und leidenschaftlich losmusizieren, sie gehen sozusagen voll in den Orgien-Modus. Besser gespielt, d.h. knackiger, straffer und beherzter kann man das auch heute noch kaum einmal hören. Da werden tatsächlich einmal die Parallelen zum Hexensabbat der Symphonie fantastique deutlich. Für die Fernwirkung des kleinen Lontano-Ensembles scheint man wenig Sinn gehabt zu haben. Das wäre damals live auch kaum zu machen gewesen. Sehr wohl hatte man Sinn für eine extrem temperamentvolle Stretta.

Der Klang der Aufnahme ist staubtrocken und bassarm, doch sehr transparent, recht hell und offen. Eine großartige Leistung für den Jahrgang 1939. De facto gibt es keine echte Dynamik, dennoch wirkt die Einspielung so leidenschaftlich wie keine zweite. Primrose und das Orchester sind in Topform. Da wollte die Klang- und Restaurierungstechnik nicht nachstehen. Klingt so immer noch gut hörbar.

 

 

 

4-5

Sir Thomas Beecham

William Primrose

Royal Philharmonic Orchestra

Columbia-Sony

1951

13:24  9:00  6:54  12:47  42:05

Eines gleich vorweg: Klanglich kommt die 51er mit Beecham an die 39er mit Toscanini nicht heran, das betrifft auch den Klang der Bratsche. Aber sie klingt auf ihre Weise etwas geduldiger und anmutiger, maßvoller, doch spannend. Frei von Starrheit und emotionaler Distanz. William Primrose spielt erneut in Topform. Allerdings gelingt ihm das ppp quasi niente nicht mit der atemlos machenden Stille von 1939. Das Allegro wirkt dann duftig und treibt rasant und frisch voran und fast erreicht man die schon beinahe frenetisch zu nennende Kraft der Stretta des ersten Satzes in der Toscanini-Aufnahme von 1939.

Im zweiten Satz, dem Marsch der Pilger, erscheint uns die Viola etwas zu deutlich im Vordergrund zu stehen. Und Primrose kann nicht mehr vollkommen an die Spielperfektion von 1939 anknüpfen. Der Satz wirkt als Ganzes schwerfälliger, die Pilger gramgebeugter in ihrem Canto religioso, vielleicht auch nur einmal fromm. Dieser Eindruck stellt sich bei Toscanini (oder Munch) nie ein. Es klingt nun in etwa wie in der ersten kommerziellen Aufnahme Primroses mit Koussevitzky 1945.

Bei der Serenade darf man das erheblich bessere Englischhorn (gegenüber NBC und BSO bei Koussevitzky) hervorheben. Beecham lässt es bedächtiger angehen, wodurch der Satz mehr Poesie erhält und eine verträumte Note bekommt. Im Vergleich mit Toscanini 1939. Gutes Holz beim Royal Philharmonic.

Bei Beecham verliert die Orgie gegenüber Toscanini deutlich an Gefährlichkeit und Frénésie. Da klingt es dann vergleichsweise pittoresk und ein wenig beschaulich. Das Orchester zeigt seine damals bereits ausgezeichnete Qualität.

Von der Aufnahme konnten wir leider nur eine digitalisierte LP hören, dadurch befand sich der Klang noch fast auf dem Niveau der 44er Koussevitzky. Es klang nur wenig klarer und differenzierter. Die Dynamik zeigt sich bereits verbessert, das Konzertieren ist zudem besser verfolgbar, da es etwas deutlicher klingt.

 

4-5

Serge Koussevitzky

William Primrose

Boston Symphony Orchestra

Naxos

1944

12:50  8:45  6:43  13:02  41:20

Im Jahr als das elektrische Aufnahmezeitalter eingeläutet wurde (zuvor gab es das sogenannte akustische mit dem großen Trichter) war die Symphonie fantastique bereits vier Mal eingespielt worden, „Harold“ musste dagegen noch zwei Jahrzehnte aus seine kommerzielle Ersteinspielung warten. Sie fand 1944 in Boston statt. Der Klang ist nun bereits weicher als 1939 bei Toscanini und Primrose noch viel lauter zu hören bei seinem Prüfstein dem ppp (quasi niente). Toscanini mokierte sich über sein ungenaues Spiel, als er von der Aufnahme Wind bekam, daher die erneute Aufnahme für den Rundfunk 1945 mit Primrose und den NBC-Symphonikern. Dabei gibt es ansonsten gar nicht so viel an dieser Erstaufnahme auszusetzen. Sie beginnt spannend, expressiv und atmosphärisch. Der Klang bereits recht voll und warm aber: Das Boston Symphony Orchestra klingt viel indifferenter als 1939 das NBC bei Toscanini in New York. Mangelnde sanguinisch-glühende Intensität kann man ihr kaum vorwerfen. Sie klingt aufregend und vor allem das Blech auffallend kraftvoll. Etwas langsamer als Münch 1958 und mit einigen schroffen Tempowechsel.

Der Pilgermarsch wird von müden und andächtigen Pilgern bestimmt, eher meditativ und auratisch als kraftstrotzend-athletisch wie später bei Münch. Die Violinen klingen angesichts des Aufnahmedatums 1944 berückend schön im Canto religioso. Primrose spielte allerdings tatsächlich 1939 bei Toscanini besser, d.h. schöner und sauberer. Er verschmilzt gut mit dem (instrumentalen) Chor der Pilger.

Das Englischhorn in der Serenade klingt noch nicht besser als das in der Aufnahme Toscaninis 1939, es fehlt ihm jedoch die Präsenz. Die Imagination des Ländlichen in den „Pifferari“-Teilen gelingt anschaulich. Primrose spielt ausdrucksvoll, jedoch weniger intensiv als 1939, als er sich die Partie frisch erarbeitet hatte.

Der vierte Satz fällt deutlich gegenüber Toscanini 1939 ab, denn es fehlt ihm an Frénésie, an Wildheit. Das Orchester erklingt nur teilweise explosiv genug bei der Schilderung der Briganten-Orgie. Aber nur gegenüber ´39. Primrose mach mit seinen Souvenirs aus den vergangenen Sätzen klar, dass er sich lieber auf Distanz hält, das Briganten-Fest mit der exzessiven Feierlaune ist gar nicht seine Welt. Er setzt sich lieber mit bereits zuvor Erlebtem auseinander. Grandiose Schlusssteigerung des BSO. Das befand sich dann doch ebenfalls in Feierlaune.

Die Aufnahme lässt das Orchester meist schlank hören mitunter klingt es dennoch im ff dröhnend. Der Klang wirkt nicht dumpf, sondern zeigt sich bereits durchaus hochtonaffin. Besonders das harte Schlagwerk, weniger das Blech. Da wurde sicher beim Remastering nachgeholfen. Beim Blech dominieren die erstklassigen Posaunen, Berlioz´ Lieblingsinstrumente. Aber die Trompeten sind ebenfalls nicht von schlechten Eltern.

 

4-5

Igor Markewitsch

Heinz Kirchner

Berliner Philharmoniker

DG

1956

15:04  7:05  6:07  9:10  37:26

Dies ist die erste, damals noch vor allem für den deutschen Markt produzierte Aufnahme. Sie enthält wie man es bei den alten Aufnahmen gar nicht so selten antrifft nicht die Wiederholung der Exposition des ersten Satzes (was sich auch Munch und Beecham leisten) aber auch die nur geringfügig modifizierte Reprise des Hauptsatzes im Finalsatz (T. 248-410) wird ausgelassen. Das lässt sich kaum erklären und schon gar nicht bei einem Musiker vom Format Markewitschs.

Nichtsdestotrotz beginnt die Einspielung spannend und stimmungsvoll. Das Holz ist angenehm deutlich und die Oboe schreit ihren ersten Einsatz bei T. 6 nicht so laut heraus, obwohl ein p dabeisteht, wie es bei den meisten Aufnahmen der frühen Zeit zu hören ist. Die Klangfarben-Mixturen werden differenzierter dargestellt als bei Beecham und allen anderen Mono-Aufnahmen. Der Solist Heinz Kirchner, damals Solo-Bratscher der Philharmoniker, klingt etwas weniger farbenreich und etwas härter im Klang als William Primrose. Das dreifachen p gelingt ihm gut, wenn auch nicht ganz so leise (und nicht mit derselben Magie) wie William Primrose in seiner besten Aufnahme 1939. Es wirkt so, als wäre er nicht unbedingt zum Solisten geboren, es fehlt der große Ton und die Geschmeidigkeit eines Primrose. Damals konnte anscheinend noch niemand sonst bei der Bratsche damit aufwarten. Das Orchester erklingt mit viel Temperament und kraftvoll mit saftigen Steigerungen und glanzvollem Blech. Es entwickelt einen authentischen Berlioz-Klang, extrovertiert, versehen mit einer leichten Schärfe, clarté, leicht vibrierender Nervosität, starkem Vorwärtsdrang und ordentlich Schmackes.

Der Berliner Pilgerzug ist ebenfalls flott unterwegs und erhält einen gewissen Drive, gerade noch so, dass man nicht ins eilen kommt. Kirchner gefällt hier besser. Er mischt seinen Bratschenklang gut mit dem Orchester und die reichlichen Arpeggien klingen leise, leicht und locker, und natürlich noch nicht verfremdet. Der Canto religioso eindringlich von den weich klingenden Violinen vorgetragen und nicht unwichtig: Es gibt eine klare Bassstimme.

Die rustikalen „Pifferari“-Elemente klingen sehr vital und selbstbewusst, das Englischhorn noch nicht so weich und schattierungsreich wie heute, es wird jedoch bereits charaktervoll und intonationssicher geblasen.

Das Allegro frenetico beginnt mit einem kräftigen ff-Knall. Leider lässt Markewitsch die allerdings nur geringfügig modifizierte Reprise des Hauptsatzes einfach weg. Vielleicht dachte man sich damals, dass damit eine formale Schwäche korrigiert wäre, vielleicht aber auch, dass das damals noch relativ unbekannte Werk im gekürzten Zustand besser konsumierbar sei? Heute wirkt der Strich unverzeihlich. Das Orchester spielt die ihm sicher noch wenig bekannte Partitur ansonsten aufopferungsvoll.

Bei der Aufnahme hat man den Beginn der Stereoaufnahme bei der DG, die nur etwas später von Mono auf Stereo umstellte, nur knapp verpasst. Es klingt jedoch schon dynamisch, klar und deutlich. Leichtes Rauschen bei leisen Passagen ist trotz Remastering noch hörbar. Kaum noch topfig ist die jüngste zugleich die am besten klingende Monoaufnahme. Die Aufnahme mit Oistrach und Tolpygo ist allerdings noch jünger, klingt aber schlechter.

 

 

 

4

Herrmann Scherchen

Frederick Riddle

London Philharmonic Symphony Orchestra (= Royal Philharmonic Orchestra)

Nixa, Westminster, Tahra, Archipel, PRT

1953

14:19  10:21  6:11  11:51  42:12

Frederick Riddle war damals Solobratscher des Royal Philharmonic Orchestra, er musste sich nur zwei Jahre nach der Aufnahme mit Beecham und dem RPO dem Vergleich mit William Primrose stellen. Die Aufnahme hat etwas Wildes und Extremes (wie oft bei Herrn Scherchen) aber über weite Passagen auch was Steifes.

So klingt der Beginn eher nach einer Bach-Passion als nach Berlioz. Sehr langsam mit einer trügerischen Ruhe und farblos geht es los, erst nach und nach zeigt sich ein gewisses Gefahrenpotential. Riddle erscheint sehr deutlich vom Orchester abgegrenzt ohne die Fülle, Klangfarbenvielfalt und Wärme von Primrose im Ton. Flexibilität und ein feiner Ton sind ihm im Vergleich weniger abzusprechen, vielleicht aber doch ein gewisses Flair. Immer wieder pendelt die Spannung von schwach bis beherzt zupackend, ganz ähnlich wie wir es auch in Scherchens diversen Aufnahmen von Mahlers Fünfter hören konnten. Mit ungebärdig wirkenden Gegensätzen. Im Prinzip ganz ähnlich wie bei Munch oder Bernstein (1961) jedoch ungeschlachter. Eine starke Dramatisierung gelingt dennoch, die Wanderung durch unsicheres Terrain erscheint so bisweilen halsbrecherisch. Es gibt jähe Stimmungsumschwünge, die man in dieser Form kaum zu hören bekommt. Auch in dieser Aufnahme bekommt „Harold“ das Berlioz- „Feeling“, das man aus der Symphonie fantastique kennt. Rasant und fast schon lebensgefährlich.

Das Allegretto schreitet bei Scherchen rekordverdächtig langsam dahin, so stellt man sich erschöpfte, gar kraftlose, aber fromme Mönche eigentlich vor. Dem Orchester fehlt das Sonore, vor allem bei den Violinen. Aufnahmetechnisch bedingt, denn es ist kaum anzunehmen, dass es seit der Aufnahme mit Beecham nur zwei Jahre zuvor einen größeren Aderlass durchleben musste. Trotz der zeitweisen Verbundenheit Harolds mit dem Orchester (dann, wenn beide sich treffen oder kreuzen), wirkt die Bratsche bei den anderen Passagen zu wenig vom Orchester abgehoben. Wir hören eine extrem gegensätzliche Auffassung zu Munchs tänzerisch-beschwingter Lesart.

Scherchen unterbietet im dritten Satz, der Serenade, die nun nur noch vermeintliche Rekordzeit Münchs nochmals. Da hat Scherchen den Turbo gezündet. So bleibt er im zweiten der (bis dahin) langsamste, im dritten aber der der Schnellste. Der Mann liebt die Gegensätze. Das liegt in diesem Fall an den extrem befeuerten „Pifferari“-Teilen zu Beginn und in der Mitte des Satzes. Dem verliebten Bergbewohner fehlt indes die Geschmeidigkeit und er wirkt unbeholfen. Da erscheint es fraglich, ob sein Ansinnen von Erfolg gekrönt sein könnte. Teilweise wirkt der Klang gerade in diesem Satz wenig klar. Wir müssen also größere klangliche Defizite in Kauf nehmen, eine Eigenschaft, die leider vielen Einspielungen Scherchens den Glanz nimmt. Das wollen wir jedoch nur für die von uns gehörte Archipel-Version behaupten, denn die anderen kennen wir nicht.

Im vierten Satz passt der scharfe Klang der Aufnahme besser als bei den Mittelsätzen. Die Darstellung wirkt sehr kontrastreich, gerade zwischen der Schärfe des Orchesterklangs und der sanften Zurückhaltung Harolds bei den „Souvenirs“. Da kommen die fieberhaften Fantasien der Symphonie fantastique erneut nachdrücklich ins Gedächtnis. Zeitweise übertrifft Scherchen sogar noch Munchs oder Toscaninis Feuer und Drang. Halsbrecherisch wirkt das fast überstürzte furiose Treiben. Da erwartet man bereits eine nochmals gesteigerte Schlussstretta, aber überraschenderweise bremst man der Dirigent wieder ab. Wie bei Mahlers Fünfter neigt Herrmann Scherchen zur Extremisierung von Zeitmaßen und Ausdruck. Bei den Satzkürzungen hält er sich dieses Mal allerdings zurück.

Die Aufnahme klingt dünn, jedoch meistens erstaunlich transparent und recht dynamisch, Gegenüber der nur fünf Jahre jüngeren Aufnahme Munch fällt sie klanglich enorm ab.

 

4

Arturo Toscanini

Carlton Cooley

NBC Symphony Orchestra

RCA, Urania

1953, live

16:04  7:59  5:56  11:48  41:47

Carlton Cooley war der „etatmäßige“ Solobratscher des NBC Symphony Orchestra bis zu Toscaninis Pensionierung 1954. Danach wechselte er wieder zum Philadelphia Orchestra, bei dem er bis 1963, seiner Pensionierung, blieb. Zuvor war er bereits als 21jähriger für ein Jahr in Philadelphia und wechselte danach zum Cleveland Orchestra.

Auffallend ist, wie sehr das Holz gegenüber der Aufnahme von 1939 nach hinten versetzt wurde und auch das Blech klingt nicht mehr so präsent und exponiert. Dem Orchester scheint die packende, ultimative Präzision abhandengekommen zu sein. Trotz der ruhigeren Zeitmaße unterlaufen ihm immer wieder kleinere Unkonzentriertheiten. Vielleicht liegt es daran, dass der Maestro nun bereits 86 Jahre alt war? Die Viola wirkt ebenfalls wie ins Orchester hineingerückt und gegenüber Primrose scheint Cooleys Bratschenklang weniger Substanz zu haben. Es fehlt an Sonorität und der Vortrag wirkt nicht so frei wie bei Primrose. Und das Engagement wirkt nicht mehr so ausgeprägt, eine gewisse Distanzierung ist spürbar. Was aber alleine eine aufnahmetechnische Distanzierung alles begünstigen kann! Aber auch Toscanini ist nicht mehr so auf Hochspannung aus, es geht nun alles lockerer und gemäßigter zu. Gegen Ende immer noch mit mächtigem Steigerungspotential, aber im Tempo nicht mehr so rasant.

Gegenüber 1939 wirkt der zweite Satz geradezu füllig und sonor, besonders in der Urania-Version. Die alte Schallplatte klang lange nicht so voll, wenn die Erinnerung nicht trügt. Man würde ihr so, wenn der Monocharakter nicht wäre, eine Entstehungszeit in den 60er Jahren zutrauen. Die Pilger sind nicht mehr gar so flott unterwegs, aber immer noch guten Mutes, nicht sehr fromm, dafür umso sinnenfreudiger. Die Bratsche steht nun etwas größer vor dem Orchester als im ersten Satz, die Präsenz Primroses erreicht sie immer noch nicht. Sie wirkt vergleichsweise beiläufig. Die Urania-Produktion klingt besonders in diesem Satz überhaupt nicht mehr nach einen typischen RCA von Toscanini.

In der Serenade klingt das Englischhorn schnarrend und völlig substanzlos, wie ein echtes Hirteninstrument, eine Schalmei vielleicht. Die Oboe klingt auch nicht besser. Die Bratsche klingt nun wieder wie im Orchester und nicht wie davor, besonders wenn sie leise spielt fällt sie wie ins Orchester hinein. Cooley zeigt nun, dass er das dreifache ppp ebenfalls beherrscht.

Im vierten Satz macht das Orchester einen besseren Eindruck als der Solist. Cooley lässt Harold mit einem ziemlich weichen, defensiven Charakter erscheinen. Gegenüber Primrose wirkt er nicht so charaktervoll, nicht so vielschichtig und tiefgründig. Das Orchester agiert trotz der 86 Jahre seines Dirigenten immer noch temperamentvoll und nun wieder mit der von ihm gewohnten Präzision. Das kleine Streichensemble bekommt nun einen Lontano-Effekt zugebilligt. Das Finale klingt so beherzt, dass man wohl kaum einen 86jährigen am Dirigentenpult vernuten würde.

Urania hat den Klang der originalen RCA in Richtung auf eine Stereoanmutung hin verändert. Erstaunlich wirkt nun ihre räumliche Anmutung. Man suggeriert so etwas wie eine Perspektive. Es klingt klarer als 1939 und der Klang hat „mehr Fleisch auf den Rippen“. Restored from Original NBC-Tapes steht auf dem Cover geschrieben.

 

 

 

3-4

David Oistrach

Mikhail Tolpygo

Staatliches Sinfonieorchester der UdSSR

Melodija, Revelation

1972, live

15:00  8:27  6:24  11:56  41:47

Mikhail Tolpygo war 1967-1991 der Solo-Bratscher des Staatlichen Sinfonieorchesters der UdSSR, das in diesen Jahren 35 Jahre (1965-2000) unter der Leitung von Jewgeni Swetlanow stand. Dass im Jahre 1972 noch eine professionelle Monoaufnahme entstand ist kurios.

Seit der ersten Aufnahme des Harold unter David Oistrachs Leitung 1964 hat sich seine Auffassung des Werkes nicht geändert, die aufnahmetechnischen Rahmenbedingungen sind jedoch deutlich schlechter geworden. Die Oboe bei ihrem ersten Einsatz spielt, wie üblich möchte man fast schreiben, viel zu laut gerade gegenüber dem Fagott, das man genauso laut hören sollte. Tolpygo gefällt mit seinem warmen Ton da schon besser, er kommt deutlich hervor und spielt ausdrucksvoll. Auch wenn sein üppiges Vibrato (mehr als Rudolf Barshai in Oistrachs 64er Aufnahme) heute nicht mehr jedermanns Sache sein dürfte. Verschiedentlich kommt er zu dominant ins Klangbild, wobei eine ausgewogene Stereoaufnahme da schon ausgleichend hätte wirken können. Oistrach leitet das Orchester genauso temperamentvoll und intensiv bei den feurigen Steigerungen wie 1964, jedoch klingt es viel weniger differenziert.

Im Pilgermarsch wartet Tolpygo erneut mit schönem, ausdrucksvollem Ton auf. Seine Sul-Ponticello-Arpeggien spielt er, wie zuvor Rudolf Barshai, im Klang verfremdet, nicht so viel, sodass man die aufgebaute Stimmungswelt nicht abrupt verlassen muss. Er steht zu sehr im Vordergrund, das Orchester bleibt zu hintergründig.

In der Serenade soll die spezielle Spielweise der Oboen wahrscheinlich volkstümlich-rustikal wirken. Robust klingt es da schon, aber es bringt eine spezielle Atmosphäre mit. Wie in den Sätzen zuvor erscheint die Solobratsche zumeist viel zu vordergründig aufgenommen.

Die Orgie der Briganten klingt temperament- und kraftvoll-vorantreibend. Im Detail wie auch im Großen und Ganzen wie 1964, nur schlechter im Klang. Es gibt keine Lontano-Wirkung für die drei Streicher. Tolpygo scheint sich zu ihnen gesellt zu haben, denn jetzt, als er sich verabschiedet hört man ihn nur noch leise, bei den Souvenirs war er noch laut und deutlich zu vernehmen. Das Finale wirkt äußerst kraftvoll.

Es klingt dumpfer als 1964, weniger räumlich, weniger differenziert, das Orchester wirkt zu hintergründig und eingeengt, der Solist zu vordergründig. Die Dynamik ist stark nivelliert. Es gibt während des Spiels viele Geräusche vom Publikum zu hören.

 

3

Hans Müller-Kray

Hermann Hirschfelder

Sinfonieorchester des Süddeutschen Rundfunks (heute: SWR-Sinfonieorchester)

SWR Classic Archive

1950

15:47  11:37  7:41  13:43  48:48

Hans Müller-Kray war von 1948 bis zu seinem plötzlichen Tod 1969 Chefdirigent des Orchesters. Sie Aufnahme entstand als Studioproduktion.

Das Holz erscheint im Orchester wenig profiliert, nur die Obie kommt (mal wieder) viel zu stark. Viel mehr Augenmerk hat man auf das Blech gelegt. Die Viola von Herrn Hirschfelder erklingt mit viel Vibrato, recht klangschön jedoch weniger virtuos und geschmeidig. Die Akzente der Harfen erscheinen profiliert, ansonsten wirkt das Orchester etwas steif und die Extravaganzen der Komposition wirken bemüht und flügellahm. Da ziehen die Orchester der Herren Beecham, Toscanini oder Scherchen in Sachen Berlioz-Brio mühelos vorbei. Wenn die Viola schweigt scheint das Orchester einen wacheren Eindruck zu machen. Erst bei der guten Schlusssteigerung kommt schließlich Berlioz-Feeling auf.

Nochmals langsamer als Herrmann Scherchen kann man beim Pilgermarsch kaum noch von einem Allegretto reden. Die Pilger wirken schwach und antriebslos. Die Viola geht gut im Pilgerchor auf, wird von ihm mitgenommen. Teils klingen besonders die Violinen duftig und sehr klangschön. Denn bleibt festzuhalten, dass man hier wie so oft beim Allegretto der siebten Sinfonie Beethovens den Satz als langsamen Satz missversteht.

Bei der „Serenade“ wirkt sowohl das beginnende Allegro assai gemächlich, noch mehr das Allegretto des Ständchens. Auch in diesem Satz drängt die Oboe im viel zu lauten p das Englischhorn weg. Die Hörner bringen noch nicht die Qualität von heute mit und die Solo-Bratsche wirkt bemüht und bringt Intonationsprobleme mit.

Kaum frenetisch beginnt der vierte Satz und im Folgenden wirkt die Musik wie durchbuchstabiert, kaum con fuoco. Wenn sich die Viola Harolds erst einmal zurückgezogen hat spielt das Orchester etwas befreiter auf und die ff-Passagen des Tutti sind meist noch gut durchhörbar. Das RSO Stuttgart war damals noch nicht mit dem Nimbus behaftet, das beste deutsche Orchester für französische Musik zu sein, der erst mit Sergiu Celibidache aufgebaut wurde. Ob es je gestimmt hat? Es wirkt teils noch richtig schwerfällig und entfaltet nur wenig Esprit. Die Lontano-Passage des Streichtrios hat man noch übergangen. Damals war diese Aufnahme sicher ein wertvoller Beitrag zum ersten Aufbau eines umfangreicheren Repertoires, heute spielt sie in der Diskographie des Werkes eigentlich nur eine als Zeitdokument noch eine Rolle.

Die Aufnahme klingt noch topfig und die Balance von Viola und Orchester erscheint deutlich zugunsten der Viola verschoben. Wenn sie spielt ist das Orchester kaum als Ganzes zu hören, man hört dann ausschließlich die Stimmen in ihrer unmittelbaren Umgebung (z.B. Harfe und Oboe), der Rest ist ganz weit und undeutlich zurück. Auch die Aufnahmetechnik befand sich noch im Aufbau. Wenn die Viola schweigt, dann kann die Aufnahme mit den anderen Monoaufnahmen mithalten und man erfreut sich am schon recht warmen Klang (viel wärmer und runder als bei Scherchen).

 

 

Die Mitschnitte aus dem Radio, zum Teil abrufbar in den Mediatheken der Sender, der ARD oder auf YouTube.

 

 

5

John Eliot Gardiner

Antoine Tamestit

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR

2015, live

15:14  7:49  6:25  12:19  41:47

Diese Einspielung ist in jeder Hinsicht außerordentlich gut gelungen. Sie bringt ähnlich wie in Gardiners Philips-Aufnahme von 1994 eine kleinteilige Phrasierung mit, die jedoch noch besser in einen übergeordneten Bogen eingefügt wird, der ein sehr hohes Spannungsniveau gewährleistet. Die Artikulation wirkt hellhörig und äußerst genau. Tamestits Ton ist gegenüber seiner Einspielung mit Marc Minkowski noch voller und weicher geworden, vielleicht spielt er seit 2012 auch ein anderes Instrument. Die ppp-Stelle gelingt ganz wunderbar. Sein Spiel wirkt noch bewegter und durchweg wärmer und emotionaler, aber auch bis ins letzte Detail durchgeformt. Gardiners Darbietung scheint sich seit 1994 ebenfalls weiterentwickelt zu haben, er lässt nun noch kontrastreicher, saftiger und feinfühliger spielen. Er lässt der Viola mehr Raum zur Entfaltung und es kommt nun zu überraschenderen Phrasierungsdetails. Das BRSO wirkt ungemein spielfreudig und der ersten Satz wirkt selten so lebendig. Dem Ideal einer großen Kammermusik ist man besonders nahegekommen, ebenso scheint die Fusion aus HIP mit dem großen Sinfonieorchester exemplarisch geglückt. Die Extreme in der Dynamik werden weitmöglich ausgekostet und geht noch über die gute Philips-CD hinaus. Stürmisches Satzfinale, con fuoco. Knackiges Blech.

Im Pilgermarsch erreicht man ein beseelt wirkendes musizieren nicht zuletzt erreicht durch ein gelungenes Ineins von Sprachmelodie und Kantabilität. Monsieur Tamestit lässt es in den Arpeggien nicht übermäßig pfeifen und knarzen, es klingt aber auch so rau und fremdartig genug, während das BRSO beim Canto religioso glänzt.

Der ländlich-robuste „Pifferari“-Beginn der „Serenade“ erklingt flott und fröhlich. Das Englischhorn beim Ständchen charaktervoll und saftig. Das ganze Ständchen wirkt aus der Ruhe heraus leicht und serenadenhaft und immer mit plausiblen Phrasierungsdetails, die man so zuvor noch nicht gehört hat. Makelloses Zusammenspiel mit spürbarer Musizierfreude. Tamestit befindet sich in bravouröser Höchstform, das singt. Er ist mittlerweile zu Primrose 2.0. geworden. Glänzend hervorgehobene Flötenstimme. Eindrucksvoll gelungen.

Die Orgie der Briganten beginnt stürmisch, hochkonzentriert mit furiosem Aplomb, jedoch nicht überwältigend schnell. Die Spannung lässt keine Sekunde nach. Da ist man mit Munch, Bernstein (1961), Chung und Davis (2003) auf Augenhöhe und der 1994er Philips-CD deutlich voraus. Bisweilen hören wir auffällige Phrasierungen nach HIP-Art, jedoch perfekt in den Spannungsablauf integriert und klanglich üppig und brillant vom BRSO umgesetzt. Tamestit reizt den Klang seiner Stradivari-Bratsche in seinen „Souvenirs“, gerade in der Letzten, voll aus. Die Räuberbande, eine verschworene Gemeinschaft.

Es gab mit Gardiner und Tamestit zudem noch eine Video-Produktion bei Arte zu sehen, das geht Tamestit im Auditorium herum wie einst Harold (Berlioz) in den Abruzzen. Davon konnte wir im Münchner Gasteig akustisch nichts mitbekommen (weil ohne Bild).

Die Aufnahme des BR ist sehr plastisch, offen, ungemein detailgenau, präsent, präzise und dynamisch. Auch für die Könner beim BR ein Glückstreffer.

 

5

Tabea Zimmermann

Tabea Zimmermann

Bundesjugendorchester

WDR

2022, live

15:26  7:10  6:14  11:55  40:45

Im Bundesjugendorchester spielen Jugendliche von 14-19 Jahre. Geprobt und aufgeführt wurde in den Osterferien. Im Orchester sitzen hoch begabte und hoch motivierte junge Leute, die unbedingt Höchstleistung bringen wollen. Tabea Zimmermann erfüllte sich mit dem Projekt den Herzenswusch, den „Harold“, den sie schon unzählige Male mit den verschiedensten Dirigenten aufgeführt hat, einmal von der Bratsche aus zu dirigieren. Da hat sie auch in den langen Spielpausen der Bratschenstimme immer was zu tun und muss nicht warten, was ihr besonders im letzten Satz, in dem die Bratsche fast gänzlich schweigt, stets missfallen hat. Das dürfte nicht nur in unserer kleinen Liste einzigartig sein. Zuvor hatte sie in diesem Konzert in der Kölner Philharmonie bereits die „Pastorale“ Beethovens Bratsche spielend aus dem Orchester heraus geleitet. Die Bedingungen ohne hauptamtlichen Dirigenten sind erschwert, man muss jetzt mehr nach dem Ohr musizieren und permanente höchste Konzentration ist erforderlich. Frau Zimmermann war klar, dass dies „keine risikolose Nummer“ sei, wie sie es selbst im Pausengespräch sagte. Da muss voraus geatmet werden und das eigene Koordinieren noch besser mit den Mitspielern abgestimmt werden. Das Orchester müsste zu einer verschworenen Gemeinschaft werden. Zum Glück waren die Corona-Abstände weggefallen, sonst wäre das Projekt wahrscheinlich undurchführbar gewesen, ohne die reichlich vorhandene Probenzeit wahrscheinlich ebenfalls nicht. In Köln fand die Premiere des Programms statt. Tabea Zimmermann kann ihre Erfahrung, die sie bisher mit dem Werk gemacht hat, nun ungeschmälert einbringen. Besonders fasziniert war sie von der Zusammenarbeit mit François-Xavier Roth und Les Siècles. In Köln fand die Premiere des Programms statt. Und die Aufführung geriet zu einem vollen Erfolg.

Der erste Satz hört sich gleich von Beginn an sehr transparent nach sehr großer Kammermusik an. Da wird sorgfältig gehört, was die anderen machen. Spannend und straff geht es voran. Die Solo-Viola-Stimme wirkt extrem differenziert, wozu auch die deutlich zu unterscheidende Tongebung beim ppp und pp gehört. Der Klang ist voll und farbig, sehr flexibel in der Artikulation leicht, locker und pointiert. Auch das Orchester erweist sich als flexibel und zeigt ein ganz erstaunlich präzises Zusammenspiel. Alle Soli sitzen perfekt und klingen prächtig. Über das Ergebnis kann man wirklich nur staunen und sich die Ohren reiben. Was man evtl. noch vermisst ist lediglich die zusammenfassende große Linie.

Im „Pilgermarsch“ hören wir eng verzahntes Zusammenspiel, sehr klangschön und nun auch mit dem großen Bogen. Die Sul-Ponticello-Arpeggien klingen erneut (wie in der Aufnahme mit Les Siècles) wunderbar knarzend und verfremdet. Harold scheint mit den Pilgern nicht dieselbe Sprache zu sprechen, entsprechend geht er auch nicht mit ins Kloster, sondern verbleibt als Außenseiter, als der er sich nun mal fühlt, alleine mit seinen Gedanken allein zurück.

Die „Serenade“ beginnt sehr beschwingt, rhythmisch und volkstümlich-rustikal. Die Bläser beim Ständchen (Oboe, Englischhorn und die Hörner) klingen absolut erstklassig und musizieren sehr plastisch. Allen voran die dirigierende Solistin, deren Bratsche wunderbar voll, sonor und „sprechend“ klingt. Wo hört man die Piccolo-Flöte einmal so schön als Solistin hervor, vielleicht bei Roth? Das könnte dermaßen plastisch gespielt sehr wohl die Antwort der Geliebten sein. Die Tonlage könnte vielleicht passen.

Die Orgie der Briganten wird sehr effektvoll, temporeich und plastisch gespielt, mit dramatischem Impuls und bestens akzentuiert. Man kann das dermaßen homogen und virtuos aufspielende Orchester nur bewundern. Das Blech imponiert mit Perfektion und sonorer Strahlkraft. Da wird richtig „Party“ gemacht und die geht wahrscheinlich völlig verdientermaßen hinter der Bühne der Kölner Philharmonie noch lange weiter. Der Lontano-Effekt wird verschenkt. Man spielt diese Passage, so wie es sich anhört, aus der Gruppe heraus.

Der Klang wirkt genauso gelungen wie die Aufführung, allerdings rundfunktypisch in der Dynamik zurückhaltend, aber ohne „Kompressor“. Bei Direktübertragungen kommt unserer Beobachtung nach, die Manipulation der Dynamik meist weniger drastisch oder gar nicht zum Einsatz. So auch hier. Das Orchester klingt erheblich klarer als beim Mitschnitt des HR, als Frau Zimmermnann im Jahr 2003 mit dem HRSO unter Hugh Wolff in Frankfurt spielte, zudem voller, räumlicher und sogar etwas dynamischer.

 

 

 

4-5

Serge Baudo

Nils Mönkemeyer

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (heute: SWR-Sinfonieorchester)

SWR

2012, live

16:02  8:52  7:12  12:48  44:54

Der französische Dirigent war bei dem Konzert in der Stuttgarter Liederhalle 85 Jahre alt und dennoch wirkt der erste Satz bei ihm etwas spannender und dramatischer als beim wesentlich jüngeren Jakub Hrusa beim Gastspiel mit Pinchas Zukerman in Wien. Dabei ist er objektiv gesehen nicht schneller unterwegs. Ein Jahr nach der Zeit, als Roger Norrington Chefdirigent war, spielt das Orchester immer noch enorm klar, antrittsschnell und mit etwas weniger Vibrato als üblich. Nils Mönkemeyer, der kein altes, sondern ein neues Instrument aus deutscher Produktion spielt, wird nicht so präsent vorm Orchester abgebildet, sondern so, als ob er drinstehen würde. Sein Spiel wirkt dennoch sehr dynamisch. Zudem weich, eher hell und klar, jedoch weniger farbig und tiefgründig als Primrose, Zimmermann oder Tamestit. Harolds Gemüt wirkt so etwas sonniger und weniger verhangen. Beim Orchester fehlt es dem Blech nicht an Durchschlagskraft, ganz im Gegenteil, da spürt man sehr viel Kraft und die Bassstimme kommt gut zur Geltung. Sein transparenter Klang bringt alle Stimmen sehr gut zur Geltung (Pauke!).

Der Pilgermarsch wirkt völlig unforciert, locker und ungezwungen, weder zu schnell, noch zu langsam, vielleicht ein wenig gemütlich, jedoch sonor und unbeirrt. Es klingt nun etwas weniger differenziert als üblich, durch die deutlich Basslinie aber sehr rhythmisch. Mönkemeyer spielt bei seinen Arpeggien keine unverständliche Fremdsprache, sie bleiben unverzerrt und wohlklingend. Wir hören hier eine sanfte, gefühlvolle und einfach sehr wohlklingende Darbietung.

Sehr atmosphärisch und ausdrucksvoll drücken Englischhorn und Oboe das Liebessehen des Abruzzen-Bewohners aus. Die Hörner stehen dem in nichts nach. Die Klarheit des Orchesterspiels wirkt bestechend. Die Viola Mönkemeyers wirkt ebenfalls sehr einfühlsam, ihr Ton wirkt jedoch nicht so reichhaltig oder tiefgründig wie der der alten Instrumente (Primrose, Tamestit) oder der neuen französischen Bratsche von Frau Zimmermann, aber auf ihre Weise ebenfalls schön. Da werden nur verschiedene Geschmacksnuancen bedient.

Im vierten Satz erklingen die „Souvenirs“ Mönkemeyers poetisch und expressiv. Das Orchester nimmt sich der Briganten-Orgie mit starker dynamischer Weitung, vor allem im Blech und Schlagwerk mit geschärftem Klang, doch eher komfortablem Tempo an. Die Streicher spielen wunderbar geschmeidig. Das Ganze wirkt spannend, ausdrucksvoll, lebendig und sehr präzise. Auch urwüchsig-deftig, wie sich das für ein Räuber-Gelage gehört. Die Lontano-Passage klingt hier einmal tatsächlich von weit her. Das Tempo der Stretta hält sich in Grenzen, dafür gibt man sie mit viel „Schmackes“.

Die Aufnahme lässt das Orchester großräumig und vor allem bei Blech sehr dynamisch erklingen. Es ist kein Dynamikbegrenzer spürbar. Die ausgewogene Aufnahme kenn keine akustischen Verlierer.

 

4-5

Klaus Mäkelä

Antoine Tamestit

Oslo Philharmonic

ORF

2023, live

15:57  8:34  6:28  12:23  43:22

Diesen vom ORF gesendeten Mitschnitt aus dem Konzerthaus Oslo gibt es in Ausschnitten als Video auf YouTube zu sehen. Die Schnipsel reichen aus, um zu sehen, warum der junge Mann seit 2020 Chef in Oslo, seit 2021 Musikdirektor beim Orchestre de Paris und bereits seit Jahren designierter Chef des Concertgebouw und des Chicago Symphony Orchestra ist. Selten sieht man eine so stringente und zugleich frei wirkende doch präzise Dirigiertechnik. Der ORF sendete natürlich das ganze Stück.

Im Adagio überrascht Herr Mäkelä mit einem zögerlichen, zaudernden, sehr langsamen Beginn, der lange nicht so im Detail durchgeformt erscheint wie bei Gardiner in München. Atmosphärisch wirkt er dennoch. Der Bratschenklang wirkt wieder voll und breit. Längst ist für diesen Virtuosen kein Problem mehr sein ppp vom pp abzusetzen, ohne dass der Ton dabei matt werden würde. Das Orchester wirkt dabei gleichgesinnt mit. Obwohl recht stark akzentuiert wird, bemerkt man durch das betuliche Tempo einen beträchtlichen Spannungsverlust. Das Allegro bringt dann frischen Wind in die Wanderung, sodass es vorantreibend und entdeckungsfreudig voran geht. Der Solist und das Orchester bringen beste Dialogbereitschaft und einen lebendigen Klang mit ein. Die Beschleunigung gegen Ende mit „affrettando“ deutlich gemacht könnte mitreißender sein (doppeltes Tempo gegenüber dem vorherigen soll erreicht werden), passt jedoch zum langsamen Tempo zuvor.

Ähnlich wie bei Serge Baudo wirkt der Marsch der Pilger langsamer und zaghaft. Im Verlauf kommt er allerdings immer mehr ins „swingen“. Die Streicher der Osloer brillieren nun mit weich getöntem Glanz. Tamestit lässt seine Arpeggien verfremdet klingen ohne dass es zu Knarz- oder Ächz-Lauten kommen würde, er scheint mittlerweile ein breites Angebot an Nuancen zur Verfügung zu haben. Der Satz wirkt besonders stimmungsvoll, auch weil die Pilger kein olympiareifes Tempo anschlagen Zudem: Imagination eines oscarreif dargestellten Verschwindens, und das live.

Rhythmisch markant und ziemlich tänzerisch die „Serenade“. Tamestit erscheint klanglich nicht ganz so rund wie in den Sätzen zuvor, jedoch gelingt es ihm die Stimmungshaftigkeit sehr gut auszudrücken. Beim rustikalen Moment der Pifferari-Einsätze hätten wir uns das Holz gegenüber den Streichern besser hervorgehoben gewünscht. Sie sind für den tänzerischen Impuls besonders wichtig denn so erhält dieser Satz, trotz der Melancholie Harolds seinen besonderen Piff.

Im vierten Satz fällt die Dynamikbegrenzung der Sendung des ORF besonders bedauerlich ins Gewicht. Bei den „Souvenirs“ klingt Tamestit besonders vibratoreich, jedoch ungemein präsent. Das Orchester formuliert seinen Part gut aus, phrasiert sorgfältig. Die Intensität wird trotz maßvollen Tempos recht hochgehalten, sie wirkt jedoch nicht berstend. Man behält den Kopf sozusagen oben und lässt Sorgfalt walten, sodass das Orchester licht, klar und absolut offen klingen kann. Einen Lontano-Effekt der drei Streicher haben wir nicht bemerkt. Im Video gehen die Musiker eigens hinter das Orchester und treffen sich dort mit Herrn Tamestit. Davon hört man am Radio jedoch nichts. Sehr beschwingter Abschluss der Sinfonie.

Leider wurde wieder mit starker Dynamikkompression gesendet, was zur Folge hat, dass das Orchester nicht nur wenn es eigentlich lauter zu hören sein soll gleichlaut bleibt oder sogar leiser wird und zugleich vom Hörer abrückt. Es wird dann nicht nur leiser, sondern auch farbloser. Ob der Effekt schon so auf dem Sendematerial des Norwegischen Rundfunks vorliegt oder erst vom ORF hinzugefügt wurde, können wir nicht sagen.

 

4-5

Hugh Wolff

Tabea Zimmermann

HR-Sinfonieorchester

HR

2003, live

14:52  7:33  5:52  11:43  40:00

Diese Aufnahme aus der Alten Oper Frankfurt entstand im Umfeld der Aufnahme, die Tabea Zimmermann mit Sir Colin Davis im gleichen Jahr in London für LSO live machte. Sie spielt wieder mit ihrem wunderbar runden, sonoren Ton, etwas ruhiger und nicht ganz so ausgefeilt wie mit Colin Davis, jedoch eher noch druckvoller und vorantreibender. Vielleicht passt sie sich da dem Dirigat von Hugh Wolff an, der mehr auf den großen Bogen aus ist als aufs differenzierte Detail. Die Orchesterleistung der Frankfurter mag nicht hinter der des LSO zurückstehen, aber die Londoner Aufnahme lässt das LSO jedoch erheblich differenzierter und prägnanter hören, auch mit etwas mehr Biss. Oft hat man in Frankfurt den Eindruck, als würde die temperamentvolle Tabea Zimmermann führen und das Orchester ihr folgen. Das Konzertierende, das man kompositorisch besonders im ersten Satz antrifft, kommt jedoch ungeschmälert und sinnfällig zum Ausdruck.

Der Marsch der Pilger erfolgt in Frankfurt flott und flüssig. Die Sol-Ponticello-Arpeggien knarzen und pfeifen wunderbar zum Canto religioso der Pilger. Frau Zimmermann lässt da einen Schwall von Tönen auf die sicher verdutzten Pilger los, die damit wahrscheinlich nicht viel anfangen können. Da macht Harold einen verwirrten Eindruck. Die Streicher des HRSO klingen wunderbar klar und fein dazu und bieten so einen denkbar starken Kontrast. Das reicht ja eigentlich schon als Antwort.

Die Serenade zeigt sich agil und fast schon fröhlich, das Holz klingt aber so schön und kantabel, dass man ihm die rustikale Volksmusik nicht so recht abnimmt. Wunderbar fließend und elegisch klingt es dann im Ständchen. Harolds Bratsche zeigt sich von der liebevollen Begebenheit fast mitgerissen, bevor seine chronisch vorhandene Melancholie erneut die Oberhand gewinnt.

Der vierte Satz gefällt besonders gut. Durch die tänzerisch orientierte Herangehensweise von Wolff und dem Orchester können Holz und Blech bestmöglich konzertieren, sodass es hier nicht nach Einheitsbrei klingt, sondern sehr beschwingt und transparent. Die Streicher klingen weich und anschmiegsam, das Orchester insgesamt brillant. Gut eingefangener Lontano-Effekt, rhythmisch-temperamentvolles Finale.

Der Klang der Radiosendung kommt besonders in Transparenz und Dynamik nicht an die Einspielung Tabea Zimmermanns mit dem LSO unter Colin Davis aus demselben Jahr heran. Da klingt sie vergleichsweise dumpf. Mit weniger gelungenen CDs könnte er sich aber schon fast messen. Die Balance ist übrigens ebenso günstig für die Bratsche ausgefallen wie auf der CD, die jedoch alles differenzierter hören lässt, auch die Interaktionen zwischen Solo und Orchester. Die Viola klingt sehr plastisch aus dem Gesamtklang hervor. An die neue Aufnahme des HR, 2018 aus dem Kloster Eberbach, die uns nur als Video vorlag, kommt die Ausgabe von 2003 nicht ganz heran.

 

4-5

Jakub Hrusa

Pinchas Zukerman

Orchestra dell´Academia Nazionale di Santa Cecilia

ORF

2024. live

16:01  7:33  6:45  13:05  43:24

Diese Aufnahme entstand anlässlich der Osterfestspiele in Salzburg im Großen Festspielhaus. Aufgenommen wurde vom ORF-Landesstudio Salzburg, das schon häufiger mit guten Radio-Live-Aufnahmen glänzen konnte. Und 48 Jahre nach seiner ersten Aufnahme des „Harold“ mit Daniel Barenboim in Paris und 37 nach der seiner zweiten mit Charles Dutoit können wir nun Pinchas Zukerman, mittlerweile 76jährig, zum dritten Mal hören.

Jakub Hrusa gibt ein maßvolles, getragenes Tempo vor. Das Orchester klingt voll und farbig. Zukermans Bratsche klingt immer noch voll, recht sonor und füllig. Dem Klang der Dutoit-Aufnahme viel ähnlicher als dem der allgemein verunglückten Barenboim-Einspielung, die aus unerfindlichen Gründen damals gerade aber nicht nur bei der Bratsche einen unschönen metallischen Klang erzeugte. Da klingt es nun viel besser. Und das Orchester verfügt über weich und voll klingende Holzbläser, insgesamt macht das Orchester aus Rom einen erheblich gediegeneren Eindruck als das Orchester der RAI aus Turin, von dem wir öfter Mal eine Live-Aufnahme in einem unserer Tableaus mit aufnehmen können. Zu einer besonders abenteuerlustigen oder entdeckungsfreudigen Gangart wird es jedoch nicht angetrieben. Das Satzfinale klingt dann zwar zügig und sehr sonor, aber auf eine Tempoverdopplung kommt man nicht.

Der Pilgermarsch gleicht einem Klang-Bad. Darin sind sich Solist und Orchester einig. Zukerman schwelgt noch mehr, nimmt aber die Phrasierung nicht immer ganz genau. Die Sul-Ponticello-Arpeggien raut er nach wie vor nicht an und schon gar nicht verfremdet er sie im Klang. Er bleibt dabei, es so zu belassen wie in den beiden älteren Einspielungen. Die Violinen des Orchesters glänzen angenehm.

Auch in der Serenade hinterlässt das Orchester einen hochkarätigen Eindruck. Alleine das Holz, mit dem der Satz ja rustikal beginnt hat demgemäß die internationale Spitzenklasse erreicht und die anderen Gruppen stehen ihm nicht nach. Pinchas Zukerman hat mit dem Solopart trotz seiner 76 Jahre keinerlei Probleme, ganz so sauber wie bei den Solisten der neueren Zeit, und es sind mehr geworden, klingt es aber nicht mehr. Klanglich kann man ihn gut am leicht rauchigen Unterton erkennen, den es bei anderen Bratschern so nicht zu hören gibt.

Der vierte Satz bleibt in Tempo und Intensität hinter dem was ein Allegro frenetico fordert zurück. Da fehlen der rechte Biss und die räuberische Ungezogenheit. Das klingt zu ordentlich und da reicht das prägnante Blech und die nur bisweilen mal geschärften Streicherattacken nicht ganz aus. Damit tut man sich in viele Aufnahmen schwer. Die Räuber sind auch hier keine übernatürlichen Wesen wie beim Hexensabbat der Symphonie fantastique, sondern Menschen mit Gefühlen wie Du und ich, wenn man so will, das wird bei den Römern und Jakub Hrusa wieder deutlich. Zukerman spielt die „Souvenirs“ aus den drei Sätzen zuvor übrigens intensiv und vibratogesättigt. Erfreulich und sicher ein Verdienst der Techniker des Landesstudios Salzburg ist es, dass das Holz stets gut ins Bild kommt und die Basslinie nicht verschwindet.

Die Aufnahme wird dynamisch weniger eingeschränkt als das bei der Sendung des ORF mit den Osloern unter Mäkelä war. Sie klingt voll und gut abgerundet, transparent, offen und räumlich. Die Balance lässt die Bratsche laut genug hören, stellt sie aber nicht so sehr in den Mittelpunkt wie bei einem Solistenkonzert. Also genau richtig für eine Sinfonie mit obligater Bratsche. Ebenso hat man eine gute Balance zwischen Präsenz und Weiträumigkeit gefunden. Das Landesstudio Salzburg enttäuscht wieder einmal nicht.

 

4-5

Yan-Pascal Tortelier

Shoko Mabuchi

Radio-Sinfonieorchester Frankfurt (heute: HR-Sinfonieorchester)

HR

ca. 1994, live

15:17  7:11  6:30  11:55  40:53

Shoko Mabucht gewann 1993 den 3. Preis beim ARD-Musikwettbewerb in München bei nicht vergebenen ersten und zweiten Preisen. Dass Shoko Mabuchi daraufhin Solo-Bratschistin des Frankfurter Orchesters wurde, ist uns nicht bekannt.

Bei Monsieur Tortelier geht es zielgerichteter voran als bei Hiroyuki Iwaki in der ersten Aufnahme des Harold aus Frankfurt. Bei Iwaki geht es stattdessen „suchender“ voran. Der Klang von Shoko Mabuchi bringt nicht die Wärme mit, die Nobuko Imais Bratschenklang auszeichnet. Shoko differenziert die Lautstärke jedoch sehr deutlich und ihr Vibrato wirkt flexibel. Es klingt insgesamt lebendig und farbig. Das Orchester ist seit der 69er Aufnahme mit Imai und Iwaki insgesamt homogener und dynamischer geworden, wobei der technische Fortschritt bei der hinzugewonnenen Dynamik sicherlich ebenfalls ein Wörtchen mitzureden hatte.

Der Marsch der Pilger erklingt zügig, leicht, kontrastreicher als ´69. Der Marschcharakter kommt gut zur Geltung. Die Arpeggien von Frau Mabuchi klingen sauber, es gibt keine organisierten schrägen Töne. Nur ein, zwei Mal rutsch ein „maultrommelähnlicher“ Klang durch. Insgesamt souverän.

Die „Pifferari“-Anklänge im dritten Satz erhalten im Holz einen klaren scharfen Rhythmus, das Englischhorn klingt schon viel ausgewogener als 1969 und die Oboe bringt bereits viel Schmelz und einen weichen, warmen Klang mit. Die Viola wirkt manchmal etwas nervös in der Phrasierung.

Ins Allegro frenetico stürzt man sich mit viel Schwung und Spielfreude, sodass das Frenetische zumindest ansatzweise hörbar wird. Das Blech klingt jetzt voller und sonorer als ´69, wird jedoch nicht mehr so deutlich exponiert. Die Fernwirkung des kleinen Lontano-Streichtrios wirkt reichlich nebulös, zumindest klingt es von weit her. Das Finale klingt gegenüber der Aufnahme mit Hiroyuki Iwaki nicht mehr so ungestüm und nicht mehr so schroff vorneweg wie anno 1969.

Das Orchester klingt in den 90er Jahren schon viel plastischer, sonorer und präsenter als Ende der 60er Jahre. Vor allem die Violinen klingen voller und wärmer. Das Holz erklingt nicht mehr so weit entfernt und die einzelnen Stimmen sind nun auch räumlich gut zu differenzieren. Dynamisch hat man sich nur leicht verbessert, aber immerhin, Die Dynamik ist auch bei heutigen Aufnahmen immer noch das Hauptmanko gegenüber Tonträgern.

 

4-5

Zoltan Pesko

Werner Ehrbrecht

Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken (heute: Deutsche Radio Philharmonie)

SR

2000, live

15:10  7:30  6:18  12:46  41:41

Der Ungar Zoltan Pesko (1937-2020) war Schüler von Franco Ferrara und Sergiu Celibidache und Chef in Bologna, in La Fenice (Venedig) und beim Sinfonieorchester des Italienischen Rundfunks RAI in Milano, das es damals 1979-83 noch gab. In Deutschlang war er eine Zeit lang GMD der Deutschen Oper am Rhein, seine letzte Position war beim Opernhaus in Lissabon. 2012 endete seine Karriere abrupt mit einer Schulteroperation und einem anschließenden Schlaganfall. Werner Ehrbrecht war langjähriger Solo-Bratschist beim RSO Saarbrücken.

Man beginnt recht zügig, spannend und dramatisch. Der Klang der Bratsche wirkt, zumindest wenn wir dem Eindruck der die Aufnahme vorgibt folgen können, etwas kleiner und schlanker als der, den wir von heutigen Viola-Star-Aufnahmen kennen. Das Duo mit der Harfe ist nicht ganz synchron, nicht ohne Grund stellt man die Harfe häufiger eigens wegen dieses großen Duos in der Nähe der Bratsche auf, damit das Zusammenspiel eng verzahnt erfolgen kann. Der Verlauf wirkt sehr lebendig und temperamentvoll. Langeweile kommt da keine Sekunde auf. Es ergibt sich sogar ein mitreißendes Wechselspiel bei dem man sich gegenseitig zu befeuern scheint. So wirkt der Part der Bratsche „draufgängerischer“ als in sehr vielen anderen Aufnahmen, Harold erscheint hier kaum als ein Trübsal blasender Melancholiker.

Der Pilgermarsch erhält in dieser Aufnahme wieder eine sportliche Note, orchestral ziemlich zart und mit viel Feingefühl gespielt, doch kräftigen Schrittes. Die Sul-Ponticello-Arpeggien erklingen sauber und lebhaft, viel weniger verfremdet wie in vielen neueren Aufnahmen. Praktiziert wird die klangliche Fremdartigkeit, so wie es sich in unserem diskographischen Ausschnitt darstellt, erstmals von Rudolf Barshai 1964.

Die Serenade beginnt mit fidelen „Pifferaris“, kraftvoll wie auch das eigentliche Ständchen eher südländisch temperamentvoll als vorsichtig oder unsicher erscheint. Der freiende Abruzzen-Bewohner gibt sich alle Mühe sein Begehr überzeugend kundzutun, ein erfolgreicher Abschluss seiner Bemühungen scheint keineswegs ausgeschlossen, bei dem forschen Tempo. Harold erscheint ebenfalls erregter als in vielen anderen Aufnahmen, er scheint kein Phlegma zu kennen, schläft aber nach seinem stimmungsvollen Abgesang genauso ein wie alle anderen.

Die „Souvenirs“ aus den drei Sätzen zuvor, die Harold mit in den vierten Satz bringt, zeigen ihn mit aufgerautem Klang, vielleicht ist er etwas zerzaust von den Abenteuern zuvor oder aber von den unguten Aussichten, die er nun mit der Briganten-Orgie genau vor sich sieht. Das Orchester kehrt zur bewegten dramatischen Spielweise des ersten Satzes zurück, mit einem gewissen ungarischen Feuer versehen. Leider hat man beim SR im letzten Satz wieder an der Dynamikschraube gedreht und plötzlich wird es im ff wieder leise und das ganze Orchester entfernt sich von den Hörern. Lontano-Effekte dieser Art ist wirklich unerwünscht. Das Orchester selbst zeigt sich hingegen von seiner besten Seite, ist aber Spielball der Technik.

Die Aufnahme klingt offen und bietet ein recht detailreiches Panorama über das Orchester. Der Streicherchor wird wie das übrige Orchester transparent wiedergegeben. Die Dynamik war gar nicht schlecht solange man nicht diese lästigen Regelvorgänge im vierten Satz hören musste

 

 

 

4

Hiroyuki Iwaki

Nobuku Imai

Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks (heute: HR-Sinfonieorchester)

HR

1969, live

15:32  8:08  6:35  13:27  43:42

Nobuku Imai gewann 1967 gemeinsam mit Mikhail Tolpygo (siehe oben in der Aufnahme mit David Oistrach) den zweiten und damit höchsten vergebenen Preis beim ARD-Musikwettbewerb. Sie war lange Mitglied im Vermeer-Quartett. Am Bekanntesten ist aber vielleicht doch ihre Aufnahme des „Harold“ mit Colin Davis bei Philips von 1975, die lange als Referenz (allerdings nicht unbedingt bei uns) galt. Hiroyuki Iwaki (1932-2006) war damals oft in Deutschland zu Gast, berühmt war er vor allem als Erstaufführungsdirigent, denn er betreute im Laufe seines Berufslebens über 1000 Erstaufführungen (Quelle: Wikipedia). Wahrscheinlich ein Rekord für die Ewigkeit. Des Orchesters Chefdirigent war übrigens damals Dean Dixon (Chef von 1961-74). Lange ist es her.

Nobuku Imais Bratsche verfügt über einen vollen Ton und ihr Vibrato erscheint gefühlvoll. Sie ist sehr deutlich vor dem Orchester zu hören. Die Darbietung wirkt detailreich, das Orchester spielt lebendig und kraftvoll, nur mindert die vor allem sehr dynamikschwache Klangqualität das unmittelbare Miterleben daran. Mitreißende Tempogestaltung am Satzende. Da wächst das Orchester über sich hinaus. Musikalische Temperamentsentfaltung war eine weitere unbestrittene Stärke des Dirigenten aus Japan, der international nie so richtig aus dem Schatten Seiji Ozawas heraustreten konnte. Unverdientermaßen.

Der Marsch der Pilger, zwar marschartig, jedoch im Gestus friedlich und freundlich, wirkt stimmungsvoll doch rhythmisch. Die Bratsche ist immer deutlich zu hören, die Sul-Ponticello-Arpeggien sind noch mit sehr geringem Verfremdungseffekt zu hören. Ab und zu pfeift es ein bisschen beim Lagenwechsel, das hört sich jedoch eher unbeabsichtigt an. Durch die an- bzw. abschwellende Dynamik ist das Kommen und Verschwinden des Pilgerzuges bereits sehr gut dargestellt.

Im dritten Satz, der „Serenade“ fällt das Englischhorn noch mit seinem leicht sägenden Ton auf. Das Orchester spielt aufmerksam, Frau Imai wirkt nicht immer ganz sicher bei der Intonation.

Das Tempo bei der Orgie der Briganten erscheint moderat. Es wird gut gesteigert, wobei das Blech immer vorneweg die führende Rolle einnimmt. Insbesondere die Trompeten. Die Posaunen hört man zwar ebenfalls gut, rücken aber sozusagen ins „zweite Glied“. Dennoch gefällt das Blech durchaus. Oft ist es in diesem Satz genau umgekehrt, da haben die Posaunen die Oberhand. Die Spannung wird nicht immer ganz gehalten, das gelingt mit einem flotteren Tempo meist besser. Die Streicher wirken nicht immer ganz homogen. Den „Lontano-Effekt“ der kleinen Streichergruppe bekommt man schon sehr gut hin. Sehr effektvolle Stretta mit grandioser Schlusssteigerung. Da gibt das Orchester alles! Bravo.

Der Klang wirkte damals noch wenig plastisch, aber doch transparent, das Holz noch weit entfernt. Die Streicher erklingen gegenüber heute noch hell und mit wenig Volumen. Die Dynamik ist sehr schwach ausgeprägt. Das Orchester wirkt weit in die Breite gezogen, weshalb man die Streichergruppen gut voneinander unterscheiden kann. Da wurden die neuen Möglichkeiten der Stereophonie bereits ausgelotet, man soll sie zuhause ja auch hören können, trotz der Verluste auf dem Übertragungsweg. Die Tiefenstaffelung ist dagegen noch wenig ausgeprägt. Man muss bedenken, dass es Stereoübertragungen standardmäßig in Deutschland noch gar nicht so lange gab. Stereo wurde zwar bereits 1963 eingeführt, jedoch erst 1967/68 zum Standard.

 

 

 

3-4

Dennis Russell-Davies

Atilla Aldemir

MDR-Sinfonieorchester

MDR

2023, live

17:27  8:27  6:34  13:59  46:27

Dies ist der Mitschnitt eines Matinee-Konzertes aus dem Leipziger Gewandhaus. Atilla (nicht Attila) Aldemir ist der Solo-Bratscher des MDR-Sinfonieorchesters.

Man beginnt den ersten Satz sehr langsam, es handelt sich ja auch um ein Adagio, die Bergwelt beschreibend oder vielmehr bestaunend, aber weder abenteuerlustig noch entdeckerfreudig. Man hat den Eindruck, dass das Ganze für Harold eigentlich zu geheimnisvoll ist. Die Bratsche von Herrn Aldemir klingt schön, seine Tongebung klar und sein Vibrato gefühlvoll. Ihr Ton hat nicht die Fülle der Instrumente von Primrose oder Zimmermann, ist aber nahe dran. Den ppp-possibile Prüfstein erscheint nicht ganz eingehalten. Überhaupt zeigt es sich, dass die Dynamik bei seinem Vortrag wenig ausgelotet wird, was genauso für das Orchester gelten kann. Das Allegro wirkt ohne leidenschaftliches Temperament gespielt handzahm. Da gibt es wenig Vorantreibendes, wenig Biss. Der Effekt wird durch das stark zurückgenommene Blech und das nur leise zu hörende Schlagwerk noch verstärkt. Die abschließende Beschleunigung wirkt allzu beschaulich.

Im Marsch der Pilger erklingen die Hörner zu Beginn, bei dem sie pppp zu spielen hätten lauter als im ersten Satz beim ff. Ob das ein probates Mittel ist, den Hörern die Musik näherzubringen? Der Marsch wirkt gleitend, klangschön, füllig und strömend. Die Pilger sind ausgesprochen leichtgängig unterwegs. Die Sul-Ponticello-Arpeggien zeigen einen angenehm klingenden Mittelweg aus Knarzen und Tonschönheit, passend zur bisherigen eher unauffälligen Interpretaion der Solostimme und des Orchesters. Das abschließende ppp der Bratsche klingt wieder viel zu laut. Es soll anscheinend nicht verlorengehen, auch wenn der Radiohörer schnell fahrend auf der Autobahn unterwegs sein sollte. Dem aufmerksam lauschenden Hörer zuhause geht der von Berlioz einkomponierte Effekt des Kommens und Verschwindens so allerdings komplett verloren.

Im dritten Satz ergibt sich vom Bewegungsablauf her kaum eine Änderung zum zweiten. Bei Herrn Russell-Davies werden so aus zwei recht schnellen Sätzen zwei langsame Sätze. Es ergibt sich so die gleiche fließende Bewegung, sanft, warm, strömend. Das Holz könnte prominenter in Klangbild rücken, denn es hat wichtiges zu sagen. Atilla Aldemir spielt stets zuverlässig und klangschön, weiß aber nur wenige Akzente zu setzen.

Das Allegro frenetico wirkt ziemlich müde. Das Orchester dabei schwerfällig und behäbig. Mit dem Animato tut man sich schwer und von frenetico ist man denkbar weit entfernt (immer in Relation zu den bereits gehörten Aufnahmen). Es gibt keinen „Lontano-Effekt“, wahrscheinlich spielen die drei Streicher von ihren normalen Plätzen im Orchester aus. Das Finale erfährt keine Zuspitzung. Diese Räuber sind anscheinend schon merklich in die Jahre gekommen.

Der Klang der Aufnahme erscheint weich, abgerundet, räumlich und klar. Die Basslinie ist gut erkennbar. Die Balance zwischen Solisten und Orchester erscheint ausgewogen. Der gesamte Klang wirkt warm und anschmiegsam, nicht zuletzt, weil die Streicher stark im Vordergrund stehen, Blech und Schlagwerk jedoch sehr weit zurückstehen. Die Dynamik erscheint leicht nivelliert und es mangelt etwas an Brillanz.

 

 

20.1.2026