Richard Strauss

Also sprach Zarathustra op. 30

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Werkhintergrund:

Wir kennen sie alle: die fünf ersten Noten aus Richard Strauss’ Tondichtung „Also sprach Zarathustra“. Frei basierend auf der fünfzehn Jahre früher erschienenen gleichnamigen Dichtung des Philosophen Friedrich Nietzsche, zählt das Werk heute zu den bekanntesten des klassischen Repertoires, nicht zuletzt dank seiner exzessiven Verwendung in Film und Fernsehen. Doch wer war Zarathustra eigentlich? Und warum hat das Werk einen solchen Kultstatus erreicht?

Der historische Zarathustra war wahrscheinlich ein persischer Priester und Philosoph, der im 1. oder 2. Jahrtausend vor Christus lehrte. Tatsächlich wissen wir nur wenig über die Person und ihr Wirken: Historiker und Philosophen streiten bis heute, wo genau Zarathustra geografisch tätig war, in welcher Sprache er geschrieben hat und auf welchen Grundlagen seine Lehren basierten. Auch ist nicht eindeutig geklärt, ob der echte Zarathustra tatsächlich Gründer der auf ihn zurückgeführten monotheistischen zoroastrischen Religion war.

Der Zoroastrismus bzw. Zarathustrismus hat heute noch ca. 100.000 bis 300.000 Anhänger in Indien, Iran, Pakistan und den USA. Der vielleicht bekannteste davon, zumindest einmal in Musikerkreisen, ist der Dirigent Zubin Mehta, der mit einigen Aufnahmen des Werkes von Strauss in unserer Sammlung von Einspielungen prominent vertreten ist.

Der Glaube ist vom Kampf zwischen Gut und Böse geprägt. Seine drei Grundsätze sind im Avesta dokumentiert, der Heiligen Schrift der Religion: „Gutes Denken, gutes Sprechen, gutes Tun“. Dabei wird unterstrichen, dass der Mensch als vernünftiges Wesen geboren wird, das sich nicht von seinen Instinkten leiten lassen muss, sondern sich bewusst und jederzeit für das Gute entscheiden kann.

 

Wer ist Zarathustra in Nietzsches Dichtung?

Nietzsche schuf eine diesseitsbetonte Lehre. Nicht die weltverneinende Philosophie Arthur Schopenhauers, sondern ein stolzer, dionysischer Mensch sollte zum Leitbild unserer Kultur werden. Dieser erhebt sich über alle in sinnsuchende Religionen flüchtenden "Hinterweltler" (nicht zu verwechseln mit den „Hinterwäldlern“, die es ebenfalls gibt). Die „Hinterweltler“ versuchen alles Mögliche, insbesondere Gott „hinter der (real existierenden) Welt“ zu entdecken. Nietzsches Schrift "Also sprach Zarathustra" (1883) nutzt eine hymnische Sprache. Die Worte dazu sind dem altiranischen Propheten Zoraster (Zarathustra) in den Mund gelegt, der wie bereits erwähnt wahrscheinlich im ersten oder zweiten Jahrtausend vor Christus lebte.

Erstaunlich also, dass Friedrich Nietzsche für seine Dichtung „Also sprach Zarathustra“ ebendiesen Namen auswählte: als Kronzeuge seiner eigenen Abneigung zum Christentum und seiner Utopie eines unbarmherzigen Übermenschen. Der Ausgangspunkt der Dichtung war ein mystisches Erlebnis, das Nietzsche zu Glückstränen rührte: eine Inspiration, eine plötzliche Klarheit, ein Sonnenaufgang. Mit ihm beginnt und endet die Dichtung, und auch in Richard Strauss’ ersten Noten der gleichnamigen Tondichtung ist er deutlich zu erkennen.

Nietzsches "Also sprach Zarathustra" handelt also von der Überwindung des Menschen hin zum "Übermenschen", der sich jenseits traditioneller Moral neu erschafft, nachdem Gott "tot" ist. Zarathustra ist dabei der Prophet und Lehrer, der den Weg weist, symbolisiert durch den "Seiltänzer", eine zentrale Metapher für den Menschen als gefährdetes Übergangswesen. Er balanciert über einem Abgrund zwischen Tier und Übermensch. Der Seiltänzer symbolisiert den riskanten, instabilen Prozess der Selbstüberwindung und das Streben nach neuen Werten, wobei er schließlich abstürzt, was das Risiko des Scheiterns auf diesem Weg verdeutlicht.

Zentrale Konzepte sind der "Wille zur Macht" als schöpferische Kraft, die ewige Wiederkehr des Gleichen als Bejahung des Lebens und die Kritik am "letzten Menschen". 

 

Zarathustra als Figur:

Symbolfigur:

Er ist möglicherweise kein historischer Prophet, sondern ein Symbol für den Suchenden und Lehrer, der die Leere nach dem "Tod Gottes" füllen will.

 

Lehrer der Selbstüberwindung:

Er lehrt die Menschheit, sich selbst zu überwinden und neue Werte zu schaffen, statt sich an alte Moralvorstellungen zu klammern.

 

Kontrast zu Jesus:

Nietzsche sieht in Zarathustra den Antitypus zu Jesus, der die Moral umwertet, im Gegensatz zu Jesus, der die Moral verkündete.

 

Zentrale philosophische Konzepte:

Der Übermensch:

Das Ziel des Menschen, der über sich hinauswächst und ein schöpferisches, lebensbejahendes Wesen wird.

 

Der Wille zur Macht:

Die grundlegende schöpferische Kraft in allem Lebendigen, die nach Wachstum und Selbstüberwindung strebt.

 

Die ewige Wiederkehr des Gleichen:

Die Vorstellung, dass das Leben unendlich oft in genau derselben Weise wiederkehren wird, was dem Leben Sinn verleiht, wenn es bejaht wird (Amor fati).

 

Der letzte Mensch:

Eine Karikatur des modernen Menschen, der bequem, konfliktscheu und ohne höhere Ziele ist und das Gegenteil des Übermenschen darstellt.

 

Symbolik und Stil:

Adler und Schlange:

Zarathustras Begleiter symbolisieren Mut und Weisheit (Adler) sowie Weisheit und Erdverbundenheit (Schlange).

 

Seiltänzer:

Symbolisiert den gefährlichen Übergang des Menschen über dem Abgrund des Nihilismus hin zum Übermenschen.

 

Aphoristischer Stil:

Das Werk ist in einer poetischen, oft rätselhaften Sprache verfasst, die viele Interpretationen zulässt.

 

Zusammenfassend ist "Also sprach Zarathustra" Nietzsches Werk über die Herausforderung, nach dem Verlust traditioneller Werte ein neues, lebensbejahendes Sinnstiftungsprinzip zu finden und den Menschen zu einer höheren Daseinsform zu entwickeln.

 

 

Strauss´ Zarathustra:

Es sei doch eigentlich unmöglich, Nietzsche zu vertonen, protestierten damals viele, als sie von Strauss´ Werk hörten. Strauss bewies auf seine unnachahmliche Art das Gegenteil.

Richard Strauss (u.a. kurze Zeit nach seinem Abitur ein Student der Philosophie) fand 1895 Gefallen an Nietzsches kulturkritischen Angriffen auf das deutsche „Philistertum“. So war er erklärtermaßen dem Christentum ebenfalls abgeneigt. Vielleicht hatte auch die Sprache Nietzsches Strauss musikalisch unmittelbar herausgefordert: Bemerkenswert ist, dass die vier Teile von Nietzsches Zarathustra den Sätzen einer Sinfonie entsprechen. Nietzsche konzipierte die Schrift als einen dionysischen Dithyrambos, eine Hymne, der eine große Musikalität innewohnt. Nietzsche selbst meinte: „Unter welche Rubrik gehört eigentlich dieser ‚Zarathustra‘? Ich glaube beinahe, unter die ‚Symphonien‘.“ Ob Strauss bei der Arbeit von Beginn an bereits an Nietzsche dachte, steht nicht fest; Hinweise in den Skizzen lassen erkennen, dass ihm bei der Komposition auch Goethes Faust vor Augen stand, daraus vor allem der Monolog Fausts zu Beginn sowie die Beschwörung des Erdgeistes. Und die Einteilung in neun Teile, die wie Nietzsches Dichtung durch drei Pausen (wie bei einer Sinfonie) geteilt werden, gab es zuerst ebenfalls noch nicht.

Zur selben Zeit vertonte Gustav Mahler übrigens im vierten Satz seiner 3. Sinfonie das Lied „O Mensch! Gib acht!“. Ebenfalls aus Nietzsches Zarathustra. Und auch Frederick Delius (A Mass of Life, 1905) sah sich ebenfalls zu einer Komposition veranlasst, die Bezüge zum Literaten und Philosophen aufweist. Das nur nebenbei um zu unterstreichen, dass der Dichter damals en Vogue war.

Strauss filterte die visionäre Sprache und das Ungeheure der Schrift sozusagen als akustische Essenz heraus. Bereits die von Strauss als Sonnenaufgang gedeutete langsame Einleitung mit ihrer von Moll zu Dur aufgehellten Naturton-Fanfare der Trompeten besitzt eine geradezu futuristische (allerdings genauso archaische) Wirkung (von der veränderten Wirkung heutzutage später mehr). Die neun Teile der Komposition basieren auf Kapitel-Überschriften Nietzsches, der seinerseits in seiner Schrift allerdings noch viel mehr nutzt als nur neun und die Strauss zudem in veränderter Reihenfolge verwendet. Zum Gipfel des Werks macht Strauss “Der Genesende“ und "Das Tanzlied", einen Wiener Walzer mit ausgedehntem Violinen-Solo. Trotz des nachdenklichen Ausklangs dieser Tondichtung im „Nachtwandlerlied“ scheint die Botschaft klar: Nicht dem Zweifler, sondern dem im Hier und Jetzt tanzenden Menschen gehört die Welt. Ursprünglich bezeichnete Strauss seinen "Zarathustra" als "Symphonischen Optimismus in Fin de Siècle-Form" und widmete ihn vorausschauend "dem 20. Jahrhundert". Der Mann hatte damals schon wieder oder immer noch den Schalk im Nacken, der „Till“ war noch gar nicht lange her. Fortschrittlich sind die furiose Orchesterbehandlung und die dynamisch offene Form. Und die Harmonik klopfte bereits bei der Moderne an. "Ich bin doch ein ganzer Kerl und habe wieder einmal Freude an mir.", schrieb der Komponist selbstbewusst nach der Frankfurter Uraufführung am 27. November 1896 an seine Frau. Offenbar fühlte er sich auch ein wenig (oder gänzlich?) als bajuwarische Ausprägung von Nietzsches Menschenbild. Damit schrieb er seiner Frau allerdings sicher nichts (für sie) Neues. Sie wusste sicher bereits, dass ihr Mann nicht gerade an einem allzu geringen Selbstwertgefühl leidet, warum auch?

 

„Also sprach Zarathustra“ erfordert folgende immense Instrumentenbesetzung, die die zuvor verwendete in „Till“, „Don Juan“ oder „Tod und Verklärung“ noch übertrifft. Das Orchester ist bis auf kleine Abweichungen auf die Stärke der „Salome“ angewachsen (mit 6 Hörnern und 4 Trompeten), verlangt zusätzlich noch eine zweite Tuba und eine Orgel. Dies allerdings nicht (in erster Linie) zur Massierung physischer Klanggewalt, sondern zugunsten einer Differenzierung des Klangbildes, die bis dahin nur Hector Berlioz (etwa in der Scène d´amour von „Romeo und Julia) ansatzweise gebracht hatte.

 

Die Orchesterbesetzung:

1 Piccoloflöte, 3 Flöten, 3 Oboen, 1 Englischhorn, 1 Klarinette in Es, 2 Klarinetten in A/B, 1 Bassklarinette in B, 3 Fagotte, 1 Kontrafagott

6 Hörner in F, 4 Trompeten in C, 3 Posaunen, 2 Tuben

Pauken, Große Trommel, Becken, Triangel, Glockenspiel, Röhrenglocken

Orgel

2 Harfen

Streicher (16 erste, 16 zweite Violinen, 12 Bratschen, 12 Celli, 8 Bässe, es dürfen auch gerne noch mehr sein)

 

Eine Aufführung dauert ca. 30-38, meistens ca. 33-35 Minuten. Das Stück ist wie gesagt in neun Teile gegliedert, die allerdings nur an drei Stellen von Pausen getrennt werden, sodass sich ganz grob und fast unmerklich die vier Teile einer Sinfonie ergeben. Richtig spürbar ist allerdings nur die Generalpause inmitten des „Genesenden“.

 

Strauss benannte die Teile seiner Komposition nach den folgenden Kapiteln aus dem Buch Nietzsches:

 

  1. Einleitung, oder Sonnenaufgang (gemeint war aber genauso der Erkenntnisvorgang mit der „Geburt“ einer leuchtenden Eingebung, T. 1-34), ab Seite 5 der wohl meistverbreiteten für den „Zarathustra“ jedoch viel zu kleinen Studienpartitur von Eulenburg, denn man muss sie allzu oft quer halten, damit alle Stimmen gleichzeitig abbildbar bleiben, wie beispielsweise bereits bei unserem Beitrag zu Scriabins „Le Poème de l´Extase“ gesehen.
  2. Von den Hinterweltlern (T. 35-74), ab Seite 8
  3. Von der großen Sehnsucht (T.75-114) ab Seite 18
  4. Von den Freuden und Leidenschaften (T.115-163) ab Seite 28
  5. Das Grablied (T. 164-200) ab Seite 47
  6. Von der Wissenschaft (T. 201-286) ab Seite 61
  7. Der Genesende (T. 287-408) ab Seite 79
  8. Das Tanzlied (Z. 409-875) ab Seite 126
  9. Nachtwandlerlied (T. 876-987) ab Seite 202/203

 

Kurze Analyse:

Der Partitur ist der Eröffnungspassus von Zarathustras „Vorrede“ vorangestellt (allerdings nicht bei der Eulenburg-Studienpartitur mit der bezeichnenden Nummer 444, die uns vorlag!) - der Anfang also des Nietzsche-Textes - die große Ansprache an die aufgehende Sonne worauf sich offenbar die langsam-feierliche Introduktion mit der Trompetenfanfare in Naturtönen bezieht. Mit der berühmten Steigerung (Crescendo) ausgehend von dem „Natur-Motiv“ (c’-g’-c’’) – wobei das Tongeschlecht zunächst zwischen Dur und Moll changiert. Dieses Motiv durchzieht den ganzen ersten Teil, der, nach lautstarker Wiederkehr ebendieses „Natur-Motivs“ im Genesenden in einer Generalpause (der einzigen) endet. Die musikalische Struktur kurz vor der Generalpause entspricht dem Zusammenbruch Zarathustras aus Überdruss am Menschen. Die Rekonvaleszenz Zarathustras im zweiten Teil der Komposition ist (nachdem sie im „Genesenden“ abgeschlossen wurde) ganz vom „Tanzlied“ geprägt, das, lange zwischen H-Dur und C-Dur pendelnd, zuletzt in ein verklärtes H-Dur mündet. Doch ganz zum Schluss (im Nachtwandlerlied) ertönt in den tiefen Streichern gegen H-Dur in höchster Lage wieder das Naturmotiv C-G-c, wie am Anfang: die ewige Wiederkehr des Gleichen?

 

Die Tondichtung beginnt also mit der Entscheidung Zarathustras vor dem Sonnenaufgang zu den Menschen herabzusteigen. Das Dunkle der Nacht und die Ideenlosigkeit wird dargestellt durch Bässe, Orgelpedal und Gran Cassa. Damit eröffnet das Stück. Das Tremolo der Kontrabässe sowie der Orgelpunkt im Orgelpedal, der Gran Cassa und im Kontrafagott auf dem Grundton C bilden also nicht nur den Hintergrund zum durch das „Natur-Motiv“ dargestellten Sonnenaufgang, das sich aus den ersten fünf Tönen der physikalischen Obertonreihe zusammensetzt. Angetrieben von Paukenschlägen wird nach einigen Sforzati und Kadenzen der C-Dur-Höhepunkt erreicht, zu dem Strauss die Orgel, die dem Ganzen einen religiösen und wenn es gut läuft auch mächtigen, grandiosen, majestätischen Ton beigibt, hinzuzieht. Da sollte man als "Interpret" nicht übertreiben, denn die Einleitung ist nicht der Höhepunkt des Werkes. Andererseits hört es sich einfach toll an, wenn ein Orchester der Superlative alles gibt. Man kann verstehen, wenn man der Versuchung erliegt und insgeheim hat man nichts dagegen, wenn die anderen wirklich für das Werk noch wichtigeren Höhepunkte dagegen nicht schwächeln.

 

Das Kontrastprogramm zu dieser fulminanten Introduktion folgt: „Von den Hinterweltlern“, die an einen vollkommenen Gott glauben und in ihrer Welt zwischen Gut und Böse gefangen sind. Strauss erzeugt durch ein von vielfach geteilten Streichern „mit Andacht“ vorgetragenes kantables As-Dur-Thema eine religiöse Atmosphäre. „Credo in unum deum“, spielen die Hörner und die Orgel, durchaus mit Ironie. Zitiert wird auch das Magnificat. Ein subtil andachtsvoller Streichergesang. In „Von der großen Sehnsucht“ kämpft das in gebrochenen Dreiklängen aufsteigende Sehnsuchtsmotiv (in h-Moll) gegen die andächtigen Motive des vorhergehenden Teils. Die Sehnsucht obsiegt und wird nur vom wieder auftretenden „Natur-Motiv“ gebändigt. Im „Von den Freuden und Leidenschaften“, einem großen Thema in c-Moll, (dem Sehnsuchtsmotiv fern verwandt) wird selbigen Gefühlen freien Lauf gelassen. Das „Freude-Motiv“ kann an dem Dezimsprung erkannt werden, dem eine chromatisch fallende Melodie folgt. Ein Gesang von kraftvoll gespannter Ekstatik und feuriger, stolzer Jugendlichkeit. Gegen Ende kündigen sich allerdings im „Ekel-Motiv“ (wenn man Lust, Freude und Leidenschaft übertreibt) der Posaunen Zweifel an. Dies leitet über zum „Grablied“, in dem die Oboe eine klagende Melodie anstimmt. Motive aus den vorhergehenden Teilen (Sehnsucht und das ins Elegische gewendete Leidenschaftsthema) klingen an, vor allem in der Solovioline, wie in Reminiszenz an eine bessere Zeit. Die Auseinandersetzung mit dem Tod. Ein Liegeton leitet über zu „Von der Wissenschaft“. In diesem Teil nimmt Strauss kleinkarierten Akademismus allgemein, jedoch insbesondere und aus naheliegenden Gründen die Musikwissenschaft mit einer trockenen, schulmäßigen Fuge aufs Korn. In seinen ersten Tönen tritt das Naturmotiv in C auf, daneben der h-Moll-Dreiklang. Als Besonderheit enthält das Thema dieser Schul-Fuge alle zwölf Töne der chromatischen Skala. Das lahme Tempo vieler Einspielungen deutet auf mangelnde Tatkraft von Wissenschaft und Wissenschaftlern. So können die Probleme des Daseins ebenfalls nicht gelöst werden. Danach Scherzo-Episode, welche gleichsam auf die Gelehrsamkeit pfeift (das musikalische Genie eines Richard Strauss darf sich das wohl erlauben), darin spielt ein bereits früher eingeführtes Thema mit einem sogenannten „Tritonus-Kopf“ eine nun größere Rolle.

 

„Der Genesende“ ist das ziemlich ausgedehnte Zentrum oder „Herz“ des Werks mit ausgeprägtem Durchführungscharakter.  Dieser Abschnitt beginnt mit dem Quint-Quart-Motiv der Trompeten aus der Einleitung, das ausgehend vom Spitzenton mit einer Zwölftonreihe, die wir aus „Von den Wissenschaften“ kennen, fortgesetzt wird. Es trollt sich mit dem Tritonus-Kopf. Das Fugenthema verliert zunehmend seinen lastenden Charakter. So steuert im ersten Teil von „der Genesende“ (vor der Generalpause) die Musik immer stärker auf Zarathustras Zusammenbruch zu: Am Ende einer dramatischen Steigerung schmettern die Blechbläser triumphal oder vernichtend, das ist hier die Frage, das „Natur-Motiv“ über einem in dreifachem Forte gehaltenen C-G-Akkord des ganzen Orchesters. Strauss hierzu im Skizzenbuch: „Schütteln vor Lachen, gestopfte Trompeten – hi, hi, hi.“ Generalpause.

Langsam erhebt sich Zarathustra wieder, der zweite Teil des Werkes beginnt. Im Vergleich zum ersten Teil ist er einheitlicher gestaltet. Geistvolles Verflechtungsspiel von Sehnsuchts-, Tritonus- und Leidenschaftsthema verwebt mit dem „Wissenschafts-Scherzando“. Zarathustras Genesung nimmt ihren Lauf: Ein schwungvoller Walzer in C-Dur, in dessen dithyrambischen Jubel auch die Themen des ersten Teils hineingezogen werden: das „Tanzlied“: Mit einem merkwürdig süddeutsch-volkstümlich anmutenden Geigenthema (oder hat er es sich in Österreich geliehen bei einem seiner Namens-Vettern?). Dann sämtliche Themen des Werkes in Abfolge und Symbiose, hineingenommen in den allbeherrschenden Geist des Tanzes, in die unverhüllte Huldigung an den Wiener Walzer als reine Bewegung und frohgemute Kantilene im Wechsel. Der ausgedehnteste Teil der Sinfonischen Dichtung. Ein Walzer, der sich selbst immer stärker parodiert.

 

Nach zwei großen Steigerungswellen klingt der Schwung des Tanzlieds aus. „Nachtwandlerlied“, das mit dem ersten Glockenschlag von insgesamt zwölf Mitternachtsschlägen beginnt. Die Musik scheint sich in H-Dur, der Tonart der großen Sehnsucht, zu erfüllen, terzengesättigt in den hohen Streichern, einstmals der Abgesang des Sehnsuchtsthemas. Entschweben in die Regionen des Übermenschen. Doch in der Tiefe lauert mit Celli und Kontrabässen die Stimme der Natur. Das Werk klingt in einem Zwiespalt zwischen C-Dur und H-Dur aus, zwischen Natur und Geist. Während die Violinen und die hohen Holzbläser mit H-Dur-Akkorden das Werk zu einem friedlich-ätherischen Schluss zu bringen versuchen, hindert sie daran das „Natur-Motiv“ in C-Dur, von Celli und Bässen im Pizzicato gespielt. Es bleibt unaufgelöst und dissonant. Eine völlig offene Geste am Schluss, so als solle es mit den Fragen und Kämpfen vielleicht noch lange kein Ende haben. Damit trifft Strauss den sprichwörtlichen Nagel wohl auf den sprichwörtlichen Kopf. Ein höchst ungewöhnliches Ende für die Zeit der Komposition.

 

Der Bogen zum Beginn des Stücks ist geschlagen. Verheißt das den nächsten Morgen, die „ewige Wiederkehr des Gleichen?“ In jedem Fall wirkt zumindest die formale Geschlossenheit, die Strauss dem Werk gegeben hat, und die Schönheit seiner Musik wie ein Narkotikum gegen die Widersprüche der Welt, an denen Nietzsche verzweifelte.

Auf Basis der Figur des Zarathustra (historisch Zoroaster) hat Strauss ein Meisterwerk von durchschnittlich 33-35 Minuten Länge geschaffen. Dieses programmmusikalische Epos stellt in sich als eine Welt voller Lebenserfahrungen dar, wie dem im Fanatismus endenden religiösen Glauben, der in die Irre führenden Wissenschaft, Heiterkeit, Depression, Genesung, Verdrängung und schwere Krisen. Ganz erstaunlich übrigens für die Erfahrungswelt eines damals gerade einmal (bei der Uraufführung 1896) 32jährigen Komponisten. Ein Ende, das sich bewusst jeglicher Auflösung verweigert und die Frage vom Anfang des Werkes wieder aufflammen lässt, rekapituliert den in Summe endlosen Kampf des Menschen in seiner Suche nach Erlösung.

 

Ein Skizzenbuch des Komponisten nennt das Trompetenthema des Anfangs eine Formel für das Universum oder eine „Weltformel“. Das Changieren der gesamten Partitur zwischen den beiden Haupttonarten C-Dur und H-Dur kann man als die ewige Polarität von Natur (C-Dur) und Mensch (H-Dur) begreifen: ein Ringen, ein Kampf, aber auch ein Sich-Bedingen. Die Gegensätze bleiben erhalten, unaufgelöst, auch wenn zum Schluss beide Töne unmittelbar nacheinander erklingen. Es bleibt dissonant.

„Zarathustra“ lässt sich formal nicht ohne Verrenkungen in eine Kategorie wie Sonatenform, Rondo oder in irgendeine derartige klassische Form einordnen. Es ist eine freie und recht kompliziert anmutende Form, die sich allenfalls und wenn man unbedingt möchte in vier Sätze einteilen lässt aber so oder so (nur) als Ganzes überzeugend wirkt. Norman del Mar, mit dem wir eine von ihm dirigierte Einspielung aus London mit in unsere Liste aufgenommen haben, hat eine Aufstellung der Formteile in seinem Vorwort zur Eulenburg-Taschenpartitur (No. 444) geliefert. Auf Seite XXIV kann man sie einsehen. Er meint abschließend dazu, dass „Zarathustra“ für immer ein Zeugnis der meisterhaften Art bleiben wird, mit der Strauss die Idee der sinfonischen Form hier behandelt hat.

Die Instrumentation erscheint ebenso meisterhaft und wirkte stilbildend auf einige nachkommende Komponisten. So erscheinen ohne den „Zarathustra“ und sein vielfaches Teilen der Streicher, seine Themenbildung und -verarbeitung und seine delikate Holzbläserbehandlung Partituren wie „Le Poème de l´Extase“ von Scriabin oder die genialen „Gurre-Lieder“ Schönbergs kaum denkbar. Strauss hat hier, so Hartmut Becker in „Der Konzertführer“, Wunderlich Verlag, - mehr noch als im „Don Juan“ – „eine Musik geschaffen, deren optimistische, ja euphorische Züge der Seelenlandschaft seiner Generation entsprachen; es ist kaum verwunderlich, dass gerade dieses Werk bei seiner ungarischen Premiere in Budapest den jungen Béla Bartok aus einer tiefen Schaffenskrise riss.“

 

Gegen die missbräuchliche Vereinnahmung durch die Herrenmenschen-Ideologien in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts und dem daraus folgenden grässlichen Unheil in der Welt war diese Musik freilich nicht gefeit, genau wie Nietzsches Vorlage. Diese Ideologien erheben sich derzeit erneut in schriller Dissonanz. Es wiederholt sich eben alles. Strauss selbst verband mit der Schrift Nietzsches und der davon inspirierten Tondichtung allerdings etwas völlig anderes: Für ihn ging es vor allem um die Befreiung des Individuums aus der Enge kleingeistiger Moralität, der Dogmatik von Religion und Wissenschaft. So wie er sich selbst aus seinem katholischen Umfeld zu einem freigeistigen und kosmopolitischen Atheisten entwickelte, so ist auch sein "Zarathustra" ein klingender Befreiungsschlag. Und im Gegensatz zu Nietzsches „Zarathustra“ geerdet und tatsächlich urmusikalisch.

 

 

(Mindestens) eine Frage wäre noch zu klären:

Warum ist Strauss’ Werk (oder vielmehr die ersten 1 ½ bis 2 1/2 Minuten daraus) so berühmt bzw. fast schon berüchtigt?

Weltberühmt wurden die einleitenden Takte des Stückes durch Stanley Kubricks Film 2001: Odyssee im Weltraum. Für den Film wurde übrigens die Decca-Aufnahme von 1959 mit den Wiener Philharmonikern unter Herbert von Karajan verwendet. Vom Regisseur eigens aus dem damaligen Angebot ausgewählt, wahrscheinlich nicht zuletzt aus klanglichen Gründen. Wobei wir nicht wissen, ob er sich das gesamte damalige Angebot angehört hat. Es hätte bereits andere auch klanglich hochwertige Einspielungen gegeben, z.B. 2x Reiner oder Maazel (1962). Kubrick verwarf dazu die bereits eigens komponierte Musik für den Film und das kurz vor dessen Veröffentlichung. Zum Klang der Zarathustra-Fanfare, wir erinnern uns, erlangt der Affe Bewusstsein und wird Mensch. Und zwar eben in dem Moment, da er einen Knochen als Werkzeug, genauer als Tötungswaffe, benutzt. Was für ein filmischer Coup, als der triumphal in die Höhe geschleuderte und um die eigene Achse rotierende Knochen sich plötzlich in eine Raumstation verwandelt und aus Urzeit Zukunft wird. Zur Umdrehung des Raumschiffs ertönt aber jetzt auf einmal, ungleich friedvoller, „An der schönen, blauen Donau“. Stärker, so könnte man meinen, könnte der Kontrast kaum ausfallen: dort das blechstarke C-Dur-Pathos der von Nietzsche inspirierten Tondichtung, hier das streicherweiche Walzerglück in A-Dur beziehungsweise D-Dur. Und doch wird Kubrick, wenn nicht gewusst, so doch gespürt haben, dass Strauss´ Tondichtung den gleichen Weg durchmisst: Mündet sie doch in einen Walzer, in „Zarathustras Tanzlied“ für das der Münchner Strauss durchaus kreative Anleihen beim Wiener Strauß aufgenommen hat. Als ob er bereits damals vom „Rosenkavalier“ geträumt hätte. Auf der als Soundtrack veröffentlichten Schallplatte wurde Karajans Aufnahme allerdings durch die DG-Einspielung von Karl Böhm mit den Berliner Philharmonikern (1958) ersetzt. Warum? Vielleicht wegen des Vermarktungsrechtes, denn der Soundtrack wurde von einer Firma vertrieben, zu der die DG gehörte, damals aber noch lange nicht Decca. Und eine DG-Aufnahme Karajans gab es damals noch nicht. Damals untersagte Decca übrigens die Nennung der Aufnahme im Abspann des Films, weil man mit der Schallplatte nicht mit dessen vermeintlich popkultureller Ausstrahlung in Verbindung gebracht werden wollte. Das waren damals noch zwei völlig unvereinbare Welten, „Pop“ und „Klassik“. Was man später, angesichts des Erfolges des Films, bitterlich bereute. Dann klebte man auf die Plattenhüllen der Neuauflage kleinere, immer noch relativ diskrete Hinweisschilder: „Das Original. Wie im Film „2001: Odyssee im Weltraum“ gehört“. So kann es gehen.

 

Auf diesen Film und das Musikstück beziehen sich seitdem viele andere Filme, meist in komödiantischer Art, wie Wikipedia berichtet. Wir zählen mal auf:

"Werner – Beinhart!" in der Das-erste-menschliche-Wort-Szene

"WALL-E – Der Letzte räumt die Erde auf", als der Kapitän des Raumschiffs sich gegen den Schiffscomputer auflehnt.

"Simpsons" in mehreren Folgen und im Kinofilm, z. B. um die Ausdehnung von Homer Simpsons Bauch zu verdeutlichen.

"Futurama", als der Roboter Bender im All treibend zum „Metallgott“ für winzige Wesen wird, die auf ihm leben.

"Scott & Huutsch" beim ersten Auftritt der Dogge Huutsch

"Eine schrecklich nette Familie" als Soundtrack in Al Bundys selbst produziertem Film „Sheos“ (im Film ein absichtlich falsch geschriebenes „Shoes“ = engl. für „Schuhe“ um auf Al Bundys Bildungsniveau hinzuweisen, der Mann stellte in der Serie einen Schuhverkäufer dar).

"Charlie und die Schokoladenfabrik" zur Teleportation einer riesigen Schokoladentafel.

"Die haarsträubende Reise in einem verrückten Bus", als der atomangetriebene Superbus „Cyclops“ langsam aus der Garage gefahren wird.

"Planet 51", als der Astronaut Chuck den vermeintlich unbewohnten Planeten betritt und in überzogener „Neil-Armstrong-Manier“ die Flagge aufsetzt.

"Die fantastische Welt von Gumball" am Anfang der Folge 2.20a, „Die Welt“.

"Zoolander" beim Versuch von Hansel und Zoolander, an die Daten auf Ballsteins Computer zu kommen.

"The Big Bang Theory", Episode #1.09 (Der Cooper-Hofstadter-Antagonismus): Howard steuert die Stereoanlage über das Internet, man hört die Anfangssequenz.

"Alf" Staffel 2, Episode 3: Nachdem Nachbarin Raquel Alf gesehen hat, glaubt sie, verrückt zu sein. Mithilfe seines Raumschiffscomputers manipuliert er den Fernseher, maskiert sich notdürftig und spricht zu Raquel, dass er wirklich existiere. Im Hintergrund hört man dabei die Anfangssequenz.

"Toy Story 2": Während Buzz auf Zurgs Planet über dem Abgrund über runde Platten springt.

"Cars 3": Während Lightning am Autorennen „Thunder Hollow“ teilnimmt.

"Barbie": Im Intro vom Film wird Bezug auf die Anfangsszene von 2001 genommen. Während Ken anscheinend erstmals etwas über das Patriarchat erfährt, wird das Musikstück abgespielt.

 

Zitate in der Pop-Musik:

Die englische Rockband Deep Purple setzte das Anfangsmotiv am Beginn ihrer Interpretation von "River Deep, Mountain High" ein, erschienen auf dem Album "The Book of Taliesyn" (1968).

Elvis Presley benutzte es als triumphierende Einleitung jedes seiner Konzerte seiner späteren Karriere von 1971 bis zu seinem letzten Konzert im Juni 1977.

Der brasilianische Musiker Eumir Deodato arrangierte eine funkige Interpretation der Einleitung auf seinem Album "Prelude", deren Singleversion 1972 auch in die Charts einzog. Eine Coverversion des Arrangements wurde 2001 von der Mardi Gras Brass Band mit Deodato als Gastmusiker veröffentlicht.

1973 erschien eine jazzige Big-Band-Interpretation von Stan Kenton & His Orchestra.

Der japanische Elektronikkünstler Isao Tomita (1932–2016) komponierte eine Version für Synthesizer.

Das Salsoul Orchestra setzte die Anfangstakte als Auftakt für seinen Titel "Salsoul 3001" ein, welcher auf der B-Seite der LP "Nice 'N' Naasty" (1976) erschien.

Perplexer verwendete den Anfang des Stückes 1994 als Motiv seiner Single "Da Capo", welche bis in die Top Ten der deutschen Charts stieg.

Die US-amerikanische Progressive-Metal-Band Dream Theater spielte die Anfangstakte als Eröffnungsthema ihrer "Chaos-in-Motion-Tournee 2007".

2009 wurde es von der US-amerikanischen Nu-Metal-Band Limp Bizkit auf der "Unicorns N' Rainbows Tour" als Intro verwendet.

Von der US-amerikanischen Nu-Metal-Band Mudvayne wurde es in früheren Konzerten als Anfangsthema/Intro verwendet.

Das deutsche Blechbläserensemble Blechschaden arrangierte das Thema in dem Stück "Also Brass Zarathustra", erschienen auf dem gleichnamigen Album (2009).

Das Technomusikprojekt Members of Mayday verwendete das Anfangsmotiv in der Hymne "Made in Germany" zur 2012 stattfindenden Technoveranstaltung "Mayday".

Die Ärzte benutzen eine verfremdete Version als Intro ihrer Festivalkonzerte 2019.

2020 nutzte die US-amerikanische Rockband The Flaming Lips die Anfangssequenz des Stückes als Einleitung zu ihrem Konzert in der Oper von Sydney anlässlich des 20-jährigen Jubiläums ihres Albums "The Soft Bulletin".

 

Und darüber hinaus:

Verschiedene Planetarien begleiten das Herauffahren des Sternenprojektors mit dem Anfangsthema des Stückes.

Es dient auch zur Untermalung des Feuerwerks am Ende jeder Vorstellung der Störtebeker-Festspiele in Ralswiek auf Rügen.

Der US-amerikanische Wrestler Ric Flair verwendet es als Einzugshymne.

Das Anfangsthema wurde bereits in den 1970er Jahren jeweils einige Minuten vor dem Anpfiff der Heimspiele der Fußballmannschaft von Borussia Mönchengladbach im alten Bökelbergstadion intoniert.

Im 1996 erschienenen Computerspiel "Heroes of Might and Magic II" wird das Stück als Musikuntermalung verwendet; auch in vielen weiteren Videospielen ist die Einleitung des Musikwerks an bestimmten Stellen zu hören. So zum Beispiel in der Evolutionssimulation Spore, wenn die eigene Spezies das Feuer entdeckt.

Das Stück wurde für einige Jahre in Werbespots der Biermarke Warsteiner verwendet.

Auch Ikea verbaute den „Sonnenaufgang“ im Werbespot zur Nachhaltigkeit.

 

Ein einfach haarsträubend inflationärer Gebrauch, der abnutzen muss. Der Fluch von Strauss´ Musik scheint zu sein, dass sie so beschaffen ist, dass jeglicher Anspruch und Inhalt, den sie ursprünglich hatte, nun nicht mehr wahrgenommen werden kann. Die ersten Takte dieser Komposition erscheinen so markant, dass sie als Synonym für bahnbrechende Erkenntnis und Offenbarung oder aber für einen gewissen Gigantismus jederzeit wiedererkennbar sind. Gleichzeitig aber verliert der Rest der Musik für viele potentielle Hörer durch diese Fokussierung auf den – zugegebenermaßen genialen – Anfang anscheinend von vorne herein ihre gesamte Tragweite und inhaltliche Kohärenz. Diese immer mehr ins Spöttische und ab einem gewissen Zeitpunkt auch ins Lächerliche abdriftende Verwendung im Sinne moderner Meme-Kultur erweist der ursprünglichen Komposition einen Bärendienst. Denn eine solche Verbindung zur Popular-Satire birgt die Gefahr, die ursprüngliche Absicht hinter der Musik bis zur Unerkennbarkeit zu zerstören. Im Fall von Zarathustra wäre das tragisch, steht hinter dessen Eingangssignal doch eine in sich geniale Komposition, in der jede Minute voller Ekstase und neuer Eindrücke und durch ihr Programm auch voller Inhalt steckt. Das für einen im Vergleich geradezu flachen Ausdruck von Grandiosomanie oder Satire einzubüßen wäre wirklich ein Verlust.

Wohl gemerkt: Strauss´ auf wenige Töne heruntergebrochenes Epos wird wohl so oder so noch lange in Erinnerung bleiben. Nur wahrscheinlich weniger für das, was es eigentlich aussagt. Wird die Kunst, mit nur 3 oder 5 Tönen eine ganze Welt auszukleiden, überdauern?

 

Nochmal nachgehakt, was macht die ersten Noten des Werkes so besonders?

Es ist eine der berühmtesten Einleitungen der Musikgeschichte: Aus einem düsteren Kontrabasstremolo unterstützt von der Orgel, dem Kontrafagott und der großen Trommel, erhebt sich eine Trompetenfanfare in gleißender Helle. Zusammen mit dem gesamten Orchester mündet diese, in der Tonhöhe weiter ansteigend, in einen alles überstrahlenden C-Dur-Jubel. Der Sieg des Lichts über die Finsternis.

Der Partitur hat Richard Strauss den "Hymnus an die Sonne" aus Nietzsches philosophischer Schrift "Also sprach Zarathustra" vorangestellt – mit dem Kernsatz nicht nur für die Musiker: „Zu lange hat die Musik geträumt; jetzt wollen wir wachen. Nachtwandler waren wir, Tagwandler wollen wir werden."

Zwei Theorien sind im Angebot, warum der Anfang dermaßen besonders ist: Zunächst ist da die Instrumentierung, mit leuchtend feierlichen Tönen der Trompeten und kraftvollen Paukenschlägen. Eine festliche (?) Fanfare, die auf natürlichen Obertönen basiert und die vor 60.000 Jahren, gespielt auf primitiven Instrumenten aus Tierhörnern, möglicherweise ähnlich geklungen hätte. Nicht umsonst wird dieses erste Motiv oft das »Natur-Motiv« genannt. So weckt es bei uns vielleicht einen primitiven Instinkt, der uns an unsere Ursprünge erinnert.

Eine zweite Theorie stützt sich auf die Verwendung der Tonart C-Dur in diesen ersten Takten. Hier haben wir nicht nur ein tiefes und durchdringendes C in der Orgel und im Kontrafagott, sondern auch oktaviert ein intensives Tremolo in den Kontrabässen. Darauf legen sich die leuchtenden Töne der Trompeten und die Schläge der Pauken, dann die der nach und nach einsetzenden anderen Orchesterinstrumente, immer weiter in die Höhe steigend. In der westlichen Kultur haben Komponisten und Musiker seit Jahrhunderten ein besonderes Verhältnis zur Tonart C-Dur, in der zahlreiche berühmte Werke komponiert wurden: von Bachs erstem Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier über Mozarts „Jupiter“-Sinfonie bis zu Mendelssohns Hochzeitsmarsch: Als Zuhörer fühlen wir diese Tonart mehr als dass wir sie hören. Wie die Fanfare und die Pauke transportiert uns das C-Dur möglicherweise musikalisch zu einem Gefühl des Ursprungs, des Anfangs, auf dem alles andere aufbaut.

Die Tondichtung als Ganzes erscheint bei weitem nicht so unmittelbar wie ihr Anfang, trotz der mit den im literarischen Original oft gemeinsamen Abschnitten (von den Hinterweltlern, von der Wissenschaft, der Genesende). Das Stück scheint vielmehr eine künstlerische Phantasie über den Gesamt-Nachhall der Lektüre im Bewusstsein von Strauss zu sein. Wenn man bedenkt wie lang und kompliziert der Text ist, dann ist die doch erkennbare programmatische Tendenz von Strauss geradezu eine sehr gewagte Vereinfachung. Aber trotz sehr großer Wertschätzung für Nietzsche muss man bekennen, dass Strauss etwas geschaffen hat, was mit großer Wahrscheinlichkeit durchaus im Sinne von Nietzsche ist und schon einen weltanschaulichen, philosophischen Eigenwert über die Attraktivität des rein Musikalischen hinaus hat.

Der Grundgedanke von Strauss ist offenbar, dass der menschliche "Geist" und die Natur in einem unlösbaren Spannungsverhältnis stehen. Aus diesem sucht der Mensch eben mit verschiedenen Ansätzen, die aber eher eine notwendige Illusion sind, zu entfliehen (religiöse Schwärmerei, ekstatische Leidenschaften, gigantische Wissenschaftsgebäude) und ist zuletzt enttäuscht, weil seine Unternehmungen keine ausreichend befriedigende Fluchtstrategien sind. Er sucht zuletzt Zuflucht in eine lebensbejahende Heiterkeit und Beschwingtheit, wo man nichts mehr so richtig ernst nehmen will. Dass dies aber auch ein Ende hat, dafür sorgt eben doch die Natur und der Gegensatz zwischen Geist und Natur bleibt unauflöslich in Form der Schlussdissonanz in den Posaunen und tiefen Streichern bestehen (H-Dur, der Geist und C-Dur, die Natur) lassen sich nicht zusammen ohne eine solche spielen. Das letzte Wort hat die Natur. Wenn auch nur im Pizzicato und dreifachem p. Auf immer und ewig. Und der Mensch verbleibt ohne die letzte Erkenntnis.

 

Zitate:

Strauss anlässlich der Berliner Erstaufführung: „Ich hatte nicht die Absicht, philosophische Musik zu schreiben oder Nietzsches großes Werk musikalisch darzustellen. Ich hatte mich vielmehr mit dem Gedanken getragen, durch Musik eine Idee von der Entwicklung der Menschheit von ihrem Ursprung über die verschiedenen Phasen ihrer religiösen und wissenschaftlichen Entwicklung bis hin zu Nietzsches Idee des Übermenschen zu vermitteln. Die ganze Tondichtung ist als meine Huldigung an das Genie Nietzsches gedacht.“

Darauf werden sicher manche fragen: „Ach, wirklich?“ oder „Ist das alles? Darauf hätte Strauss vielleicht geantwortet (was allerdings kein Zitat ist, sondern gänzlich fiktiv): „Nun vergessen Sie Nietzsche einmal für den Moment. Lehnen Sie sich einfach zurück, freuen Sie sich an meinen Melodien (nicht unbedingt die schönsten, aber ich tat, was ich konnte), versinken Sie in meine üppigen Harmonien (auf diesem Feld bin ich doch, wie Sie zugeben müssen, unschlagbar) und schwelgen Sie vor allem im herrlichen Orchesterklang: dem Glanz der Trompeten, dem Brausen der Orgel, den abgründig-dunklen Bässen, dem Schwung der Solo-Geige.“

 

Strauss in einem Brief an Romain Rolland: Das poetische Programm „war nichts anderes als der formbildende Anlass zum Ausdruck und zur rein musikalischen Entwicklung meiner Empfindungen…Mehr als ein gewisser Anhalt soll auch für den Hörer ein solch analytisches Programm nicht sein. Wen es interessiert, der benütze es. Wer wirklich Musik zu hören versteht, braucht es wahrscheinlich gar nicht.“

 

Strauss schrieb nach der Generalprobe zur Uraufführung an seine Frau Pauline: „Zarathustra ist herrlich, er ist das Bedeutendste, Formvollendetste (er nutzte den Superlativ), Inhaltsreichste, eigentümlichste meiner Stücke, der Anfang ist herrlich, alle die vielen Streichquartettstellen sind mir famos gelungen, das Leidenschaftsthema ist hinreißend, die Fuge grauselig, das Tanzlied einfach entzückend. Die Steigerungen sind gewaltig und instrumentiert: tadellos.“

 

(In unseren Text flossen Texte von der deutschen Wikipedia-Seite, Quellen siehe dort; Daniel Janz für „Klassik begeistert.de; von Mascha Vannier: 5 Fragen an „Also sprach Zarathustra“ gestellt auf der Website der Berliner Philharmoniker; Robert Jungwirth in der Sendereihe des BR „Das starke Stück“; Norman del Mar aus dem Vorwort zur Eulenburg Studienpartitur No. 444; Dr. Friedrich Hörmann, Wien, aus einer privaten E-Mail; von Uwe Steiner in HiFi und Records 4/2016; Hartmut Becker in „Der Konzertführer“ hrsg. von Attila Csampai und Dietmar Holland; Matthias Corvin in einer Werkeinführung des WDR und Josef Häusler aus dem Beiheftchen zur CD-Ausgabe von Wergo mit Hans Rosbaud und dem Sinfonieorchester des SWF Baden-Baden mit ein.)

 

 

13.3.2026

 

 

Richard Strauss im Jahr 1894. In zwei Jahren wird er selbst die Uraufführung von "Also sprach Zarathustra" in Frankfurt am Main geben.

Friedrich Nietzsche, fotografiert von Friedrich Hermann Hartmann (ca. 1875): Bis zum "Zarathustra" dauert es noch sieben, acht Jahre.

 

 

Überblick über die insgesamt 108 gehörten Aufnahmen des Stückes, die Rezensionen folgen wie immer im Anschluss.

 

Wir hörten: 

76 Stereoaufnahmen

11 historische Monoaufnahmen und

21 vom Rundfunk übertragene Konzerte stets mit dem "Zarathustra" als finalem Werk.

 

 

 

Die Stereoaufnahmen:

 

 

5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DG

1973

35:01

 

5

Rudolf Kempe

Staatskapelle Dresden

EMI, Brilliant, Eterna

1971

32:55

 

5

Fritz Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA, Pristine, HDTT

1954

31:56

 

5

William Steinberg

Boston Symphony Orchestra

DG

1971

29:56

 

5

Bernard Haitink

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1973

34:13

 

 

 

4-5

Herbert Blomstedt

San Francisco Symphony Orchestra

Decca

1994

33:43

 

4-5

Lorin Maazel

Wiener Philharmoniker

DG

1983

33:57

 

4-5

Lorin Maazel

Philharmonia Orchestra London

EMI

1962

32:57

 

4-5

Fritz Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA, MFSL

1962

34:03

 

4-5

Andris Nelsons

City of Birmingham Symphony Orchestra

Orfeo

2012

31:50

 

4-5

Stanislaw Skrowaczewski

Yomiuri Nippon Symphony Orchestra

Denon

2008

34:43

 

4-5

Mariss Jansons

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR Klassik

2017, live

34:12

 

4-5

Mariss Jansons

Concertgebouw Orchester Amsterdam

RCO Live

2012, live

33:24

 

4-5

Thomas Dausgaard

Seattle Symphony Orchestra

SSM (Seattle Symphony Media)

2019, live

32:00

 

4-5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DG

1983

35:58

 

4-5

Lorin Maazel

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

RCA

1995

34:43

 

4-5

Mark Elder

London Philharmonic Orchestra

EMI

1989

32:34

 

4-5

Norman del Mar

London Philharmonic Orchestra

EMI, Classics for Pleasure

1977

32:48

 

4-5

François-Xavier Roth

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (mittlerweile zum SWR-Sinfonieorchester zwangsfusioniert)

Hänssler

2013, live

32:25

 

4-5

Kazushi Ono

Badische Staatskapelle Karlsruhe

Antés

1998, live

34:57

 

4-5

Krzysztof Urbanski

NDR Elbphilharmonie Orchester

Alpha

2016, live

32:31

 

4-5

Michael Tilson Thomas

London Symphony Orchestra

Sony

1990

35:03

 

4-5

Riccardo Chailly

Lucerne Festival Orchestra

Decca

2017, live

34:03

 

4-5

Georg Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1975

30:42

 

4-5

Wolfgang Sawallisch

Philadelphia Orchestra

EMI

1996

32:33

 

4-5

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS-Sony

1963

32:49

 

4-5

Zubin Mehta

Los Angeles Philharmonic Orchestra

Decca, JVC, Lime, K2HD

1968

33:23

 

4-5

Zubin Mehta

New York Philharmonic Orchestra

CBS-Sony

1980

31:23

 

4-5

André Previn

Wiener Philharmoniker

Telarc

1987

34:46

 

4-5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

Testament

1970, live

35:02

 

4-5

Herbert von Karajan

Wiener Philharmoniker

Decca

1959

33:21

 

4-5

Herbert Blomstedt

Staatskapelle Dresden

Denon, Eterna

1987

33:55

 

4-5

Sir Charles Mackerras

Royal Philharmonic Orchestra

Tring, Membran, Centurion, Alto

1995

33:28

 

4-5

Klaus Tennstedt

London Philharmonic Orchestra

EMI

1986 und 89

35:10

 

4-5

John Fiore

Düsseldorfer Symphoniker

Hänssler

2002, live

33:45

 

4-5

Andris Nelsons

Gewandhausorchester Leipzig

DG

2021

34:39

 

4-5

Gabriel Feltz

Stuttgarter Philharmoniker

Dreyer Gaido

2005

38:37

 

 

4-5

Andrew Litton

Dallas Symphony Orchestra

Delos

1997, live

34:05

 

 

 

4

Karl Böhm

Berliner Philharmoniker

DG

1958

34:55

 

4

Ferdinand Leitner

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1976, live

35:00

 

4

Seiji Ozawa

Boston Symphony Orchestra

Philips

1981

33:39

 

4

Sebastian Weigle

Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Oehms

2018, live

34:15

 

4

Giuseppe Sinopoli

New York Philharmonic Orchestra

DG

1987

36:56

 

4

Toshiyuki Kamioka

New Japan Philharmonic Orchestra

Exton

2016

33:40

 

4

Santtu Matias Rouvali

Philharmonia Orchestra

Signum

2021, live

34:40

 

4

François-Xavier Roth

London Symphony Orchestra

LSO Live

2018, live

31:50

 

4

Vasily Petrenko

Oslo Philharmonic Orchestra

LAWO

2018

34:07

 

4

Neeme Järvi

Scottish National Orchestra

Chandos

1987

32:30

 

4

Vladimir Jurowski

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

Pentatone

2016

32:45

 

4

David Zinman

Tonhalle Orchester Zürich

Arte Nova

2001

34:20

 

4

Gustavo Dudamel

Berliner Philharmoniker

DG

2012, live

35:00

 

4

Zdenek Kosler

Slowakische Philharmonie

Naxos

1989

33:21

 

4

Jac van Steen

BBC National Orchestra of Wales

BBC Music

2009, live

34:06

 

4

Leon Botstein

American Symphony Orchestra, New York

ASO live

2010

30:23

 

4

Paavo Järvi

NHK Symphony Orchestra

RCA

2016

32:58

 

4

Semyon Bychkov

Philharmonia Orchestra London

Philips

1989

36:58

 

4

Antal Dorati

Detroit Symphony Orchestra

Decca

1982

33:54

 

4

Pierre Boulez

Chicago Symphony Orchestra

DG

1996

33:21

 

4

Gary Bertini

Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester (heute: WDR-Sinfonieorchester Köln)

Capriccio

1988

32:15

 

4

Vladimir Ashkenazy

Cleveland Orchestra

Decca

1989

31:14

 

4

Alain Lombard

Orchestre National Bordeaux Aquitaine

Auvidis-Valois

1994

34:42

 

 

 

3-4

Djong Victorin Yu

Philharmonia Orchestra London

Guild

1994

34:24

 

3-4

Georges Prêtre

Philharmonia Orchestra London

RCA

1983

37:06

 

3-4

Steven Mercurio

Czech National Symphony Orchestra

The Audiophile Society

2023

32:43

 

3-4

Edvard Gardner

National Youth Orchestra of Great Britain (NYGB)

Chandos

2016

31:35

 

3-4

Sir Georg Solti

Berliner Philharmoniker

Decca

1996, live

32:29

 

3-4

Edo de Waart

Radio Filharmonisch Orkest

Exton

2005

33:54

 

3-4

Gerard Schwarz

Seattle Symphony Orchestra

Delos, später Naxos

1986

35:56

 

3-4

Hartmut Haenchen

Netherlands Philharmonic Orchestra

Delta, Laserlight

1996, live

33:00

 

3-4

Zubin Mehta

Israel Philharmonic Orchestra

Decca, Helicon

2007, live

31:21

 

3-4

Johannes Wildner

Neue Philharmonie Westfalen

Sonarte

1997

32:09

 

3-4

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS-Sony

1970

38:01

 

 

 

3

Dmitri Kitajenko

Moskauer Philharmoniker

Olympia, Melodija

1985

34:26

 

3

Henry Lewis

Royal Philharmonic Orchestra, London

Decca Phase IV

1969

37:52

 

3

Bernhard Klee

Bundesjugendorchester (BJO)

Ars Musici

2004

33:00

 

3

Jacek Kaspszyk

London Symphony Orchestra

Collins

P 1989

34:32

 

 

Die historischen Aufnahmen in Mono-Technik:

 

 

5

Clemens Krauss

Wiener Philharmoniker

Decca, Testament, El Pais

1950

32:47

 

5

Dmitri Mitropoulos

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Orfeo

1958

32:33

 

5

Rudolf Kempe

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (heute: SWR-Sinfonieorchester)

Hänssler

1961, live

31:49

 

5

Richard Strauss

Wiener Philharmoniker

Berlin Classics, Preiser, Membran

1944, live

33:20

 

5

Hans Rosbaud

Sinfonieorchester des SWF, Baden-Baden (heute: im SWR-Sinfonieorchester aufgegangen)

Wergo

1957

31:56

 

5

Carl Schuricht

Südfunk-Sinfonieorchester Stuttgart (heute: SWR-Sinfonieorchester)

Urania, Aurophon, Archiphon

1953, live

31:00

 

 

 

4-5

Richard Strauss

Wiener Philharmoniker

Music and Arts

1942, live

33:45

 

4-5

Serge Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

RCA, History, Magic Talent, Biddulph, Naxos, Dutton

1935, live

31:40

 

4-5

Dmitri Mitropoulos

Sinfonieorchester des Westdeutschen Rundfunks (heute: WDR-Sinfonieorchester Köln)

Medici Masters, NAR

1959, live

32:46

 

4-5

Frederick Stock

Chicago Symphony Orchestra

YouTube, Biddulph

1940, live

30:57

 

4-5

Artur Rodzinski

Chicago Symphony Orchestra

RCA-Victor, His Master´s Voice, Pristine, BnF

1947, live

29:47

 

 

Die Auswahl der vom Radio übertragenen Konzerte:

 

 

5

Christian Thielemann

Staatskapelle Dresden

ORF

2014, live

32:38

 

5

Christian Thielmann

Staatskapelle Dresden

ORF

2010, live

32:57

 

5

Vladimir Jurowski

Bayerisches Staatsorchester

BR

2026, live

32:08

 

5

Daniel Harding

Wiener Philharmoniker

ORF

2023, live

33:59

 

5

Gustavo Dudamel

Wiener Philharmoniker

ORF

2014, live

32:13

 

5

Elias Grandy

Bundesjugendorchester

WDR

2024, live

31:11

 

5

Andris Nelsons

HR-Sinfonieorchester

HR

2010, live

33:50

 

5

Robin Ticciati

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

Deutschlandfunk

2017, live

32:21

 

5

Hugh Wolff

RSO Stuttgart des SWR (heute: SWR-Sinfonieorchester)

SWR

2011, live

34:23

 

 

 

4-5

Daniel Harding

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

BR

2022, live

33:25

 

4-5

James Gaffigan

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

BR

2022, live

33:03

 

4-5

Vasily Petrenko

Royal Philharmonic Orchestra London

BBC, gesendet vom SWR

2022, live

33:23

 

4-5

Zubin Mehta

Staatskapelle Dresden

MDR

2010, live

30:42

 

4-5

Andrés Orozco-Estrada

HR-Sinfonieorchester

HR

2022, live

33:50

 

4-5

Antonio Pappano

European Union Youth Orchestra

SWR

2023, live

33:35

 

4-5

Mikko Franck

NDR Elbphilharmonie Orchester

NDR

2022, live

34:58

 

4-5

Daniel Harding

Schwedisches Radio-Sinfonieorchester Stockholm

ORF, SWR

2024, live

34:39

 

4-5

Zubin Mehta

Wiener Philharmoniker

ORF

2020, live

35:21

 

 

 

4

Pablo Gonzalez

Bochumer Symphoniker

WDR

2025, live

33:41

 

4

Guillermo Garcia Calvo

Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz

MDR

2018, live

33:45

 

 

 

3-4

Dennis Russell Davies

MDR-Sinfonieorchester

MDR

2023

34:11

 

 

 

 

 

 

 

Es wurden also insgesamt 108 Aufnahmen des Stückes gehört. Darunter waren:

 

76 Stereoaufnahmen

11 historische Monoaufnahmen und

21 vom Rundfunk übertragene Konzerte, stets mir dem "Zarathustra" als letztem Werk.

 

 

Die Rezensionen:

 

Die Stereoaufnahmen:

 

5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DG

1973

35:01

Karajan war wie viele österreichische und deutsche Dirigenten (z.B. Clemens Krauss, Karl Böhm oder Carl Schuricht) zutiefst von Richard Strauss beeinflusst und inspiriert, nicht zuletzt da er ja auch ein genialer Dirigent der eigenen Werke war.

Herbert von Karajan hat das Werk drei Mal unter Studiobedingungen aufgenommen: (1959 im Sophiensaal in Wien für Decca, 1973 für DG in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem und 1983 in der Philharmonie zu Berlin ebenfalls für die DG. Hinzu kommt noch mindestens eine Live-Aufnahme 1970 mit den Berliner Philharmonikern in Salzburg auf Testament. Diese vier Einspielungen konnten wir hören. Eine letzte Aufzeichnung für das Videoband bzw. die DVD fand 1987 für Sony statt.

In keinem der vier gehörten Fälle klingt es oberflächlich. Oberflächliche Glätte ist einer der Kritikpunkte, der sich die Aufnahmen Karajans wiederholt (und oft völlig zurecht) ausgesetzt sahen. Die 1973er Version ist jedoch an Schönheit und Glanz kaum zu überbieten und stellt für uns einen ganz besonders gelungenen Tribut an die Sinnlichkeit der Musik Richard Strauss´ dar. Karajan hat das Werk in dieser Einspielung von A bis Z im Griff und verliert in keiner Phase den Blick auf das Große und Ganze. Wie in der Salzburger Live-Aufnahme ist Michel Schwalbé in dieser Aufnahme Konzertmeister, was nicht unwesentlich zum Gesamterscheinungsbild der Einspielung beiträgt, aber das gesamte Orchester zeigt sich hervorragend motiviert und bestens einstudiert. Dass Herr von Karajan nahezu beliebig viele Proben (über all die Jahre) ansetzen konnte, um das Orchester auf den gewünschten Stand zu bringen und um den bestmöglichen Zeitpunkt für eine Aufnahme auszuwählen, scheint in diesem Fall zumindest einmal nicht geschadet zu haben.

Die „Geschichte“ Zarathustras wird jedenfalls gespannt, hochemotional und hochexpressiv erzählt und dazu lässt man sich genügend Zeit. Das zu jener Zeit besonders reiche Klangspektrum der Philharmoniker ist kaum je klanggewaltiger eingefangen worden. Da könnten sich jedoch die Geister der Hörer/innen bereits scheiden, denn man kann seinen Strauss-Klang gerne auch etwas schlanker bevorzugen. Das ist Geschmackssache. Hier geht es zwar üppig, aber nicht überladen zu. Und trotz des detailverliebten Spiels scheint jedes Detail doch im Ganzen zu verschmelzen, das jedoch differenziert bleibt.

Die Introduktion ist ziemlich partiturgenau, die Trompeten beginnen p und zunächst gibt es kein Crescendo sondern ein decrescendo bevor das Crescendo einsetzt. Beim Einsatz des kompletten Orchesters gibt es beim Crescendo kein „verschießen der letzten Munition“, wie es manch einer handhabt und was auch viel Effekt bringt, sondern es bleibt sozusagen im Rahmen, denn die „echten“ Höhepunkte des Werkes kommen ja erst viel später. Die Orgel klingt kraftvoller als z.B. im Salzburger Live-Mitschnitt. Die hört man oft, wenn sie mit vollem Werk fast alleine übrigbleibt allzu schmächtig. Viel besser als drei Jahre zuvor in Salzburg gelingen auch die leiseren Passagen, die in Salzburg ziemlich laut erscheinen, die hervorragend genaue Realisierung wirkt in Berlin nun viel stimmungsvoller und hat ihre Vorteile beim Aufbau einer plausibleren Dramaturgie. Der wunderbar weiche Streicherklang bringt eine tröstliche Wirkung an sich mit ein, wirkt zugleich aber bei Bedarf auch mit am expressivsten von allen gehörten Einspielungen. Die Geschmeidigkeit erscheint herausragend. Die vollständige Beherrschung des musikalischen Materials mündet in einem völlig frei wirkenden Vortrag. Auch das Holz der Philharmoniker klang nie besser, einzeln wie auch gemeinsam fast schon in surrealer Perfektion. Es ist möglich aus einer enormen Ruhe und Gelassenheit heraus die Musik jederzeit völlig souverän, aber auch lebendig klingen zu lassen. Da geht alles Hand in Hand, zumindest vermittelt sich dieser Eindruck bei uns.

Als besonders hervorhebenswert erscheint uns die Süße des Tons von Konzertmeister Michel Schwalbé und der warme Oboenklang mit Kern aber auch die verführerische Fülle und Weichheit des gesamten Orchesters im Tanzlied. Wird da nicht eine gewisse tänzerische Laszivität spürbar, die dann in Überschwang übergeht? Das wirkt glänzend und doch dringlich. Alle Philharmoniker erscheinen hier in Topform vereint. Sogar die Schläge der Mitternachtsglocke haben viel mehr Substanz und klingen nicht so gnadenlos trocken als im Salzburger Mitschnitt drei Jahre zuvor. Das Nachtwandlerlied bringt eine transzendente Klanglichkeit mit ein, die aufnahmetechnisch ins beste Licht gerückt wird. Die Einleitung ist in dieser Einspielung wirklich einmal nur die Einleitung und nicht bereits der Höhepunkt, denn es folgt noch eine wahre Flut an Klangschätzen mit dem eigentlichen Höhepunkt: dem Tanzlied. Den Fin de Siècle-Luxus der Zeit der Komposition bringt diese Aufnahme wie kaum eine andere.

Die Aufnahmequalität erscheint (zumindest im neuesten Remastering aus dem 2014er Jubiläumsjahr, das war die LP-große Ausgabe in Buchdicke incl. Blu-Ray) meisterhaft. Das Orchester wirkt einzig im Raum ein klein wenig distanziert, aber damit steht sie nicht alleine da. Sie bringt von der Kirchenakustik eine ausgeprägte Tiefenstaffelung mit, wirkt aber nicht hallig, sehr farbig und sehr dynamisch. Die Hochglanzpolitur und die enorme Opulenz passen zur Musik von Strauss und insbesondere zu Zarathustra mit am besten. Die Orgel kommt lange nicht so stark ins Bild wie im digitalen Remake von 1983. Auch erscheint die Dynamik nicht so geweitet wie in der Philharmonie 1983. Alles bleibt noch im Rahmen, der zwar prall gefüllt aber stimmig erscheint. Auf dem Niveau dieser Einspielung befinden sich nur wenige andere, die seltsamerweise alle schon vor vielen Jahrzehnten entstanden sind.

 

 

5

Rudolf Kempe

Staatskapelle Dresden

EMI, Brilliant, Eterna

1971

32:55

Diese Aufnahme entstand in Co-Produktion der EMI mit dem VEB Deutsche Schallplatten in der Dresdner Lukaskirche und obwohl der gleiche Tonmeister beteiligt war wie bei der 1987er Aufnahme der Kapelle mit Herbert Blomstedt klingt sie doch ganz anders. Die EMI-Aufnahme war auch als Quadro-Schallplatte verfügbar und im Jahr 2001(!) gab es für kurze Zeit eine vierkanalige DVD-Audio von dieser Aufnahme zu kaufen. Wer könnte die heute noch abspielen?

Die Einleitung erscheint wunderbar gesteigert, unprätentiös, nicht überlaut und trotzdem durchschlagskräftig. Das Orchester verfügt im sehnig-fülligen EMI-Klang (als VEB-Platte haben wir die Aufnahme leider nie hören können) über einen wunderbar warmen und weichen Streicherklang und ein Blech mit sonorer Fülle. Eine klare Linienführung ist ein weiterer Trumpf dieser Einspielung. Mit dem Espressivo eines Karajan oder Clemens Krauss mag sie nicht so recht mithalten, das hätte aber auch nicht unbedingt zu Rudolf Kempe gepasst und den Vorwärtsdrang (mit „Vollgas“) von Krauss bringt das Dirigat ebenfalls nicht unbedingt mit. Aber die Dresdner spielen mit Enthusiasmus und durchaus unter Spannung gesetzt. Man höre sich nur einmal die wunderbar detailreich und lyrisch-zart in Szene gesetzten „Hinterweltler“ an und man schmilzt dahin. Das Holz kann mit seiner edlen Fülle fast mit den Berlinern mithalten, andere mögen behaupten: In jedem Fall mithalten…Im Verlauf wird an lebendigem Espressivo nicht gespart und auch Kempes Steigerungsverhalten wirkt von Ruhe und unaufgeregter Souveränität geprägt. Den Höhepunkten bleibt man nichts an Kraft schuldig und der Klang der Staatskapelle wirkt kaum weniger sinnlich und verführerisch als bei Karajan (1973). Kempe neigt nie zum Übertreiben oder Aufbauschen, doch er lässt es nicht an Brio fehlen ohne in den mitunter übereilenden Überdruck eines Georg Solti (nur 1975) zu verfallen. Es fehlt bei Kempe nicht an der subtilen Nuance. Der Druck unbedingt einen großen Klang und viel Espressivo zu zeigen (wie bei Karajan) fehlt bei Kempe, seine Lesart wirkt natürlicher fließend und die Kunst die Übergänge zu gestalten erscheint bewunderungswürdig. Die „Wunderharfe“ Wagners wird dem Ruf, das beste (oder zumindest eines der besten) Orchester zur Darstellung der Musik von Richard Strauss zu sein in dieser Aufnahme sehr wohl gerecht. Die Verinnerlichung der Partitur und voller Einsatz sind da bereits der halbe Weg.

Der Walzer des Tanzlieds erscheint mitunter nachdenklich, vielleicht sogar makaber (auch der „klassische“ Totentanz wird ja als Walzer getanzt), aber am fulminant gesteigerten ekstatischen Jubel fehlt es ebenfalls nicht. Aus dem leuchtenden Streicherklang ragt das souverän gestaltete und hervorragend gespielte Violinen-Solo Christian Funkes nochmals hervor. Beim Höhepunkt zum Übergang ins Nachtwandlerlied kommt die Mitternachtsglocke nur leidlich zu Geltung. Aus dem wundervoll schimmernden, zartschmelzenden Fin-de-Siècle Klang kann man sich kaum satthören, trotz Dissonanz. Diese Einspielung kann als besonders gelungener Kompromiss aus „Übertreibung ist der beste Beweis einer guten Strauss-Interpretation“ und stilvoller Klarheit gelten. Und das über 50 Jahre nach ihrer Entstehung.

Die Aufnahme verfügt über einen breiten, unverzerrten Frequenzbereich und lässt uns eine plastische Körperhaftigkeit hören. Der Orchesterklang erscheint sehr transparent, weich und sehr geschmeidig. Er gefällt uns erheblich besser als die 87er Denon-Aufnahme aus Dresden, die ebenfalls in Co-Produktion mit dem VEB Deutsche Schallplatten entstanden ist. Auch die zuvor erwähnte Berliner DG-Aufnahme mit Karajan erscheint nicht so natürlich und „unmanipuliert“, aber im Gegenzug noch glanzvoller, brillanter. Nochmals differenzierter und klarer klingt es von der alten EMI-LP und von der ebenfalls mittlerweile auch schon recht alten DVD-Audio.

 

 

5

Fritz Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA, Pristine, HDTT

1954

31:56

Diese Aufnahme aus der Orchestra Hall in Chicago war die allererste Stereoaufnahme des Zarathustra und nur kurze Zeit nach dem Heldenleben aufgenommen die zweite Stereoaufnahme der RCA überhaupt. Und gleich eine, die lange Zeit als konkurrenzlose Referenzaufnahme gelten durfte und auch heute noch dazugehört, obwohl sie sich jetzt bereits in ihrem 72. Jahr befindet! Immer noch klingt sie bestechend klar, präsent und ungewöhnlich mitreißend-dynamisch.

Fritz Reiner erhielt seine wahrscheinlich wichtigste Prägung in Dresden, wo er von 1914 bis 1921 als Hofkapellmeister wirkte. In allabendlichen Opern- und Konzertdirigaten in der Dresdner Oper lernte er sein musikalisches Handwerk und in jenen Jahren arbeitete er viel mit Richard Strauss zusammen. Unter anderem dirigierte Reiner hier die deutsche Erstaufführung von „Die Frau ohne Schatten“. Er blieb Richard Strauss über 35 Jahre hinweg bis zu Strauss Tod freundschaftlich verbunden.

Es gibt eine ganze Reihe von Einspielungen des Zarathustra aus Chicago, geht es doch bereits 1940 mit der zweiten Aufnahme des Zarathustra überhaupt los (Frederick Stock), wenig später folgt Rodzinski 1947, dann zwei Mal Fritz Reiner (1954 und 62), Solti setzte den Reigen 1975 fort, es folgt Pierre Boulez 1996 und 2024 beendet ihn zumindest vorläufig Jakub Hrusa. Bei Barenboim und Muti blieb Zarathustra Fehlanzeige.

Die 54er Aufnahme ist dabei keine Show-Veranstaltung (die 62er klingt nicht einmal schlechter, nur ein wenig anders). Sie zeigt ein herausragend knackig klingendes Blech und einen beispielhaft warmen, bestens konturierten und zugleich seidigen, superpräzisen Streicherklang. Fritz Reiner hatte gleichwohl bei seinen Orchestern den Ruf eines „Zuchtmeisters“. Er bietet ganz ähnlich wie 21 Jahre später Georg Solti viel Drive und Vitalität, so als ob der Übermensch bereits in der Einleitung und bei den Hinterweltlern verwirklicht wäre. Die passende Wucht gesellt sich dann bei „Von den Freuden und Leidenschaften“ hinzu. Das Orchester zeigt sich von seiner allerbesten Seite. Hochmotiviert und hochkonzentriert. Dem gestrengen Reiner entgeht nichts. Nur ganz selten hört man bei der bei anderen meist „dröge“ klingenden „Wissenschaft“ trotz schulmeisterlichem Fugato und angemessener Schwere ein dermaßen leidenschaftlich gesteigertes Espressivo. Bei diesen Wissenschaftlern scheint man das Allerbeste geben zu wollen, um den Sinn des Lebens zu entschlüsseln oder doch zumindest mal zu erforschen. Der Genesende kommt in der Wirkung fast (aber wirklich nicht ganz) an die 73er Karajan heran, wirkt nicht ganz so enthemmt und vielleicht auch nicht mit derselben leuchtenden Farbenflut. Bei Reiner klingt es jedoch noch klarer, beherrschter. Wie man das bewerten will bleibt jedem selbst überlassen. Dem Höhepunkt fehlt gegenüber Karajan das Besondere. Das Tanzlied klingt sehr zügig. John Weicher spielte wahrscheinlich die Solo-Violine, zumindest spielte er sie im nur zwei Tage zuvor aufgenommenen Heldenleben, da wird er jedenfalls genannt. Er hatte sie auch bereits 1940 mit Frederick Stock gespielt und 1947 mit Rodzinski. Da gibt es am „Feeling“ nichts auszusetzen, weder bei ihm noch beim Orchester. Es erklingt mit tollem Streicherklang und wird bis zum Triumphalen gesteigert. Die Mitternachtsglocke tut sich 1954 noch schwer, um gegen das exzessiv gesteigerte Orchestertutti (Blech!) anzukommen. Bezaubernd schön lyrisch gespielt das Nachtwandlerlied mit einem fragenden Finale.

Auch heute noch eine umwerfende Produktion (vor allem als 180g LP oder als eine der zahlreichen CD-Spezialpressungen). Produzent war Jack Pfeiffer, der Tonmeister Leslie Chase. Es wurde angeblich (ob das nur eine Legende ist?) während der Mittagspause der Techniker vom Orchester selbst (ein Musiker soll die Bandmaschine in Gang gesetzt haben) auf „Befehl“ Reiners mit nur einem Take aufgenommen.

Der Klang ist Living-Stereo typisch sehr präsent, sehr dynamisch und  beispielhaft sonor. Man sitzt in der ersten Reihe und da sieht und hört man bekanntlich besser. Wir hörten die PCM-Spur der SACD. Da gab es nur minimales Rauschen und keinerlei Schärfen zu hören. Und schön körperhaft klang es ebenfalls. Die normale CD klingt enttäuschend. Die LP am besten. Am allerbesten klang es von der vier LP-Edition von Classic Records bei der von den vier LPs nur jeweils eine Seite bespielt ist und die Abspielgeschwindigkeit 45 rpm beträgt.

 

 

5

William Steinberg

Boston Symphony Orchestra

DG

1971

29:56

Hans Wilhelm Steinberg war bereits 1924 Chef der Kölner Oper, nachdem er dort drei Jahre Assistent von Otto Klemperer gewesen war. Von 1929 bis 1933 war er Generalmusikdirektor an der Oper Frankfurt. In dieser Zeit, als Strauss seine Opern (wie Die schweigsame Frau oder Arabella) noch aktiv betreute und in Deutschland dirigierte, kam es zu Begegnungen zwischen beiden. Steinberg galt in den frühen 1930er Jahren als einer der vielversprechenden jungen Kapellmeister, die Strauss’ Werke aufführten. Er war ein sehr geschätzter Interpret der Werke von Richard Strauss. Er musste aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus Deutschland fliehen (1936). Seitdem nannte er sich William. Als Charles Munch 1962 in Boston aus dem Amt schied war jedermann überzeugt (auch Steinberg selbst), dass er, der bereits seit vielen Jahren gerngesehener Gast in Boston war, als neuer Chef engagiert werden würde. Er erkundigte sich bereits, in welchem Bostoner Vorort sich am besten wohnen ließe. Doch die Politik der Schallplattengesellschaft wollte es anders und Erich Leinsdorf, damals Favorit von RCA, mit der das BSO bereits seit dem ersten Weltkrieg aufnahm, wurde als neuer Musikdirektor eingesetzt. 1969, nachdem Leinsdorf gegangen war kam Steinbergs Zeit. Aber er war da gesundheitlich nicht mehr auf der Höhe und verfügte nicht mehr über die Energie früherer Jahre. Es entstanden jedoch noch Aufnahmen für RCA, später dann für die DG. Bei DG hat es leider nur noch für drei LPs gereicht, allesamt exzellent. Um vertragliche Verpflichtungen zu erfüllen kamen Gastdirigenten zum Einsatz. Abbado, Kubelik, Tilson Thomas und Eugen Jochum nahmen u.a. Ravel, Scriabin, Debussy, Smetana, Tschaikowsky und Schubert für die DG auf. Später übernahm dann Seiji Ozawa das Amt des Musikdirektors. Eine traurige Geschichte. Wir hätten gerne noch mehr Einspielungen mit dem BSO auf DG mit Herrn Steinberg genossen. Die drei Platten betrafen übrigens Kompositionen von Hindemith, Holsts Planeten und eben den Zarathustra.

In dieser Einspielung treffen sich auf hellwache Art brachiale Gewalt und „philosophisches“ Einfühlungsvermögen. Besonders elementar ist dies auf der Audio-Only-Blu-Ray zu erleben, die erstmalig die originale Vierkanal-Aufnahmen mit vier diskreten Kanälen zu Gehör bringt. Die DG war die einzige Plattengesellschaft, die ein Verfahren mit vier diskreten Kanälen entwickelt hatte. Das Problem war die Wiedergabe mittels Schallplatte, das nicht befriedigend gelöst werden konnte, sodass zumindest nach unserer Kenntnis niemals vierkanalige LPs mit dem DG-Verfahren auf den Markt kamen. Erst jetzt kann man die ganze Pracht dieser Aufnahme vollumfänglich genießen. Dazu später mehr.

Die ganze Darbietung ist mit der von Herrn Rodzinski die schnellste, bleiben diese beiden doch als einzige unter 30 Minuten.

Die Einleitung ist bei Steinberg bereits eine der spektakulärsten des gesamten Angebots. Ganz besonders kraftvoll mit einem „Wahnsinns-Crescendo“ des ganzen Orchesters, super präsenter Pauke und Trompeten mit Intonationsgenauigkeit und außergewöhnlicher Strahlkraft. Da stimmt alles, auch Rhythmus und Orgeleinsatz. Dennoch klingt es nicht getrieben, sondern erhaben. Oder vielleicht sogar nach beidem. Die Hinterweltler erhalten ein besonders reichhaltiges Espressivo, allerdings nicht mit der Wärme der Berliner 1973. Dennoch nimmt man ihnen ihr Bemühen mit liebevoller Inbrunst Erleuchtung zu erhalten sofort ab. Herzergreifend, aber gewissermaßen im Sauseschritt, man kann sich nur schwer der Sogkraft der Einspielung entziehen und nahtlos und schleunigst geht es bereits weiter. Das Orchester kommt hier übrigens erst zu seiner zweiten Einspielung nach der 1935er mit Koussevitzky. Ozawa wird dann mit einer der ersten Digitalaufnahmen 1981 wieder zur Stelle sein. Das Orchester spielt übrigens in allen drei Aufnahmen in Topform, aber mit Steinberg stimmt einfach alles. Wie gut Oboe und Englischhorn nun bereits klingen, beide waren bei Munch doch noch eine kleine Hypothek. Bei „Von den Freuden und Leidenschaften“ klingt es zwar immer noch satt und homogen jedoch auch enorm aufgewühlt. Steinberg scheint die Möglichkeiten des exzellenten Orchesters voll auszureizen. „Von der Wissenschaft“ bringt Geigenglanz auf Chicago Niveau (mit Reiner!). Bei Karajan in Berlin, Kempe in Dresden, Haitink in Amsterdam und bei vielen Wiener Einspielungen klingt es noch minimal voller und sonorer. Ein Unterschied der, wenn man Steinberg von der BD (Blu-Ray-Disc) hört komplett dahinschmilzt. Der Durchführungscharakter bei „Der Genesende“ wird voll getroffen, es klingt mit am dramatischsten überhaupt (was für ein rasantes Tempo!). Wir erkennen auch die besonders strahlungsintensiven Trompeten aus den Ravel-Munch-Aufnahmen und von Berlioz (Harold und Korsar) wieder. Gleißende Orchestervirtuosität erscheint gepaart mit analoger Wärme und verbinden sich zu einem herausragend majestätischen Höhepunkt (und Hochgefühl).

Beim Tanzlied kommt dann noch Konzertmeister Joseph Silverstein hinzu, der seinerseits weitere Glanzlichter setzen kann. Das Tanzlied erhält viel Energetik, wirkt wunderbar zügig, gerade noch nicht zu schnell; besonders kraftvoll wird hier der tanzende „Übermensch“ dargestellt, besonders charmant wie bei Karajan oder Kempe wirkt es zwar nicht und besonders wienerisch womöglich ebenfalls nicht. Man setzt eben verschiedene Prioritäten. Man vermeidet jeden „Schmalz“, ohne ganz auf Schmelz zu verzichten. Der Jubel wirkt zwischenzeitlich nahezu grenzenlos. Der Höhepunkt lässt deutliche Mitternachtsglocken hören. Das Nachtwandlerlied klingt wunderbar transparent, doch immer noch lebendig, aber es verwandelt sich und erscheint dann wie ein ätherisch und hell strahlender Sternenklang. Diese Aufnahme ist trotz aller gefühlshaften Assoziationen ein Muster an Stringenz. Es gibt fesselnde, fast atemlose Hochspannung von A-Z. Die Einspielung könnte in ihrer Rasanz polarisieren, sie sollte aber unserer Meinung nach in keiner Sammlung fehlen. Sie stellt einen echten Gegenpol zu den süffig-sinnlichen Versionen von z.B. Karajan oder Haitink dar.

Bei dieser Aufnahme treffen sich die Klangideale der 50er Jahre (ultimative Präsenz) mit denen der 90er Jahre (größtmögliche Übersichtlichkeit, aber ganz schön weit weg). Die Aufnahme wurde als Blu-Ray neu abgemischt, wobei man wieder auf die ursprüngliche Mischung der Quadro-Aufnahme zurückging und gar keine Veränderungen vormahm. Sie wirkt nun ausgezeichnet ausbalanciert und verfügt über eine weite Räumlichkeit, behält aber immer noch eine anspringende Präsenz. Es klingt luftig und offen. Es gibt bestes Konzertsaalfeeling und größtmögliche Deutlichkeit, ohne dass man die Orchestersolisten künstlich vorziehen müsste. Es gibt Größe und Einheit, Biss und Sogkraft; gut integriert erscheint die Orgel. Es wird eine brachiale Kraft geboten, sozusagen Dynamik bis zum Abwinken. Zweifellos auch klanglich ein Highlight der Diskographie. Es wurde mit 24 Bit und 196 Hz gemastert und genauso wird es auch abgespielt.

 

 

5

Bernard Haitink

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Philips

1973

34:13

Dass diese Aufnahme in demselben Jahr wie die erste Aufnahme Karajans für die DG entstand, beförderte nicht gerade ihre Reputation oder ihren Abverkauf. Sie wurde viel weniger bekannt, wurde fast übergangen. Völlig zu Unrecht, wie man heute gut nachhören kann. Es wurde im Concertgebouw aufgenommen mit Hermann Krebbers als Konzertmeister.

Wenn man die 73er Karajan-Aufnahme dagegen nimmt, wirkt die Einspielung Haitinks fast schnörkellos, unkompliziert, fast mit einem gewissen Understatement dargeboten. Dabei steht das COA den Berlinern in Raffinesse, Klangfülle und Präzision in nichts nach. Die Introduktion wirkt imposant mit grandiosem Blechbläserklang und einer mächtigen Orgel. Sie wirkt völlig idiomatisch, die Introduktion. Der Verlauf erklingt wunderbar nuanciert, wird zu keinem Gewaltakt. Es klingt bei den Hinterweltlern traumhaft schön, nichts wirkt aufgesetzt, nichts dem Zufall überlassen. Es fehlt das exzessive Espressivo Karajans und man kommt ins Überlegen, ob es überhaupt wirklich fehlt. Bei „Von der Wissenschaft“ macht Haitink und sein Klangkörper die Rat- und Ziellosigkeit im Getriebe der Fuge, die zu nichts führt, gut hörbar. Der „Genesende“ klang selten einmal so transparent, sehr wohl drängend aber auch besonders klar und sauber. Intensität und Macht, doch ohne Drill. Der Schwung im Tanzlied bringt viel Atmosphäre mit, hat Tiefe und Räumlichkeit, lässt das Orchester voll und strahlend hören. Auffallend ist neben dem Schwung (den man allerdings schon etwas empathischer und impulsiver gehört hat) auch die Leichtigkeit, es klingt erneut unprätentiös und ansteckend. Trotz dem vielleicht fehlenden tänzerischen Hochdruck vielleicht eine angenehmere Daseinsform für den vorgestellten tanzenden Übermenschen. Er wirkt so weniger vereinnahmend oder, wie man heute sagen würde: übergriffig. Die Stimmungen wirken in Haitinks Einspielung besonders nuancenreich umgesetzt. Das Violinen-Solo von Herrn Krebbers wirkt passagenweise ein wenig geziert und vielleicht nicht ganz frei von der Leber weg, jedoch klanglich vom Feinsten. Vielleich könnte das als mäßig empfundene Tempo dem ein oder anderen Hörer als mit zu wenig „Drive“ vorkommen.

Die Mitternachtsglocken klingen schön voll, man konnte anscheinend auf eine Art Kirchenglocken zurückgreifen und die Röhrenglocken im Arsenal belassen. Der volle, warme Klang dieses Höhepunkts (nicht zuletzt durch die Wahl der Glocke befördert) empfanden wir als einnehmend. Haitinks Ansatz erscheint ohne jede „philosophische Überfrachtung“. Er kam uns wie ein rein musikalischer vor, leichter, luzider und gelassen. Völlig überzeugend und in großen Teilen begeisternd gespielt und ebenso klingend. Diese Einspielung hätte schon damals den vollen kommerziellen Erfolg verdient gehabt.

Die Aufnahme aus dem Concertgebouw wirkt räumlich, natürlich, ohne störenden Nachhall, realistisch, sehr detailreich und unaufdringlich. Und enorm klar. Nicht übermäßig weich, aber warm getönt, sinnlich und körperhaft. Wir würden trotz ihrer relativ zurückhaltenden Wirkung dennoch das Attribut „luxuriös“ vergeben. Es klingt von zart bis aufbrausend, bestens in die Tiefe hinein gestaffelt. Schwelgerisch aber wenig „kantig“. So klingt die beste Philips-Analog-Technik der goldenen 70er Jahre. Genauso gut gelungen wie die 73er Karajan nur nicht so glamourös.

 

 

 

4-5

Herbert Blomstedt

San Francisco Symphony Orchestra

Decca

1994

33:43

Mit Herbert Blomstedt liegen zwei Einspielungen des „Zarathustra“ vor. Die erste entstand in der Zeit als er Chefdirigent in Dresden war 1987 mit der Staatskapelle für Denon.

Das Orchester aus San Francisco steht den Dresdnern kaum nach, spielt beweglich und klingt sonor und die Decca-Einspielung bringt zudem einen erheblich brillanteren Klang zu Gehör. Zudem wirkt die Gangart Blomstedts in San Francisco dramatischer, feuriger. Sie erscheint geprägt von stärkeren dynamischen Gegensätzen, die Musizierweise ist nicht mehr so ausgeprägt ruhevoll wie in Dresden, sie wirkt nun lebendiger. Beim amerikanischen Orchester lassen sich keine Schwächen erkennen. Dass es nicht so klingt wie die Dresdner, die Berliner, Wiener oder Amsterdamer, dafür kann es ja nichts. Es klingt für ein amerikanisches Orchester warm und füllig, ganz anders als das CSO, ein wenig europäischer vielleicht. Aber doch mit der Perfektion für die die amerikanischen Orchester berühmt sind.

„Von der Wissenschaft“ schiebt sich nur langsam voran, behäbig gar. Da muss lange überlegt werden, wie es weitergehen könnte. Die Scherzo-Passage, die das kompositorische Genie auf die (Musik)Wissenschaft pfeifen lässt, drängt mehr als in Blomstedts Dresdner Aufnahme. Im melancholisch-pulsierenden Tanzlied erklingt die Violinen-Stimme des ungenannten Konzertmeisters erneut sehr gefällig. Beim Höhepunkt kommen die Mitternachtsglocken nicht besonders deutlich heraus. Das gelingt nur wenigen Aufnahmeteams wirklich zufriedenstellend, denn mitunter dreht man das ff des ganzen Orchesters zurück, nur um die Glocke zu hören. Das kann ja nicht die Lösung sein und von dieser Lösung ist in San Francisco nichts zu hören. Da klingen Glocke und Orchester um die Wette und es ergibt einen allerdings sehr dynamischen, prachtvollen Mischklang. Die drei Schluss-Pizzicati in ppp von Celli und Bässen sind problemlos hörbar.

Diese Einspielung ist meisterhaft dirigiert, meisterhaft gespielt und meisterhaft aufgenommen. Gegenüber den zuvor genannten fehlt nur das spezifische Flair.

Die Decca-Aufnahme klingt erheblich präsenter als die Denon-Aufnahme Blomstedts aus Dresden. Sie ist zudem frei von frühdigitaler Härte, klingt dynamischer, straffer und fülliger. Allerdings gelang die Tiefenstaffelung in Dresden klarer und erheblich tieferreichend, das gesamte Klangbild räumlicher. Die Decca klingt dann wieder quirliger und drängender, feuriger. Das sind Vorgaben der musikalischen Interpretation, die von der Klangtechnik verstärkt werden.

 

 

4-5

Lorin Maazel

Wiener Philharmoniker

DG

1983

33:57

Seltsamerweise hat diese Aufnahme den Zusatz „live“ mitbekommen, obwohl sie größtenteils im akustisch exzellenten Sophiensaal Wiens entstanden ist. Dieser Saal verfügt allerdings, wie bereits bei der 59er Karajan-Einspielung über keine Orgel. Daher musste man in diesem Fall zur Einspielung der Passagen, bei der die Partitur Orgelunterstützung verlangt, in den Musikverein wechseln, obwohl man damals mit der dort installierten Walcker-Orgel, die sich gerade erst einmal seit 15 Jahren dort befand, nicht ganz zufrieden war. Man empfand sie, so war zu lesen, bereits damals bereits als renovierungsbedürftig. Und tatsächlich, sie wirkt zumindest einmal nicht so gut gestimmt wie die Orgel in Maazels letzter Aufnahme mit dem BRSO aus dem Münchner Herkulessaal (für RCA). Bereits 1959 nahmen, damals allerdings mit Decca, die Wiener Philharmoniker im Sophiensaal auf. Die fehlende Orgel musste damals ohne Mehrkanalmischpult eigens zugemischt werden. Ein abenteuerlicher Prozess, auf den wir eingehen wollen, wenn wir zur betreffenden Einspielung mit Herrn von Karajan kommen. Dieses Mal nahm man die Orgelpartien mit dem gesamten Orchester eben im Musikverein auf und schnitt beides zusammen. Warum man nicht die ganze Aufnahme aus dem Musikverein veröffentlicht hat? Wir mutmaßen, dass das wohl an der Akustik des Sophiensaals gelegen haben muss. Ähnlich wie die Kingsway Hall in London waren beide mit einer ganz besonderen Akustik "gesegnet".

Noch ein Wort zu den Orgeln im Goldenen Saal des Musikvereins: Die heutige Orgel, eingeweiht etwa 1989, ist ein Instrument der Firma Rieger Orgelbau mit 85 Registern. Zuvor gab es mehrere Instrumente, darunter eine Friedrich Ladegast-Orgel (1872), eine Rieger/Jägerndorf-Orgel (1907) und eine Walcker-Orgel (1968/69), die wie erwähnt bei dieser Einspielung zu Ehren kam. Das äußere Erscheinungsbild der Orgel blieb, wie zu erfahren war, bei den diversen Umbauten weitgehend unverändert. Doch jetzt zurück zu Herrn Maazels Einspielung Nr. 2.

Er hat „Also sprach Zarathustra“ drei Mal eingespielt. 1962 mit dem Philharmonia Orchestra für EMI, dann die vorliegende Wiener Aufnahme von 1983 (übrigens als 53jähriger) und zuletzt 1995 mit dem BRSO für RCA. Jeweils also durch über 20 Jahre voneinander getrennt liegen qualitativ alle drei sehr eng beieinander und sie zählen sicher zu den besten Aufnahmen dieses Dirigenten überhaupt. Maazel muss wohl eine spezielle Ader für die Kompositionen von Richard Strauss gehabt haben. Es ist jedenfalls für uns keine Spur einer gewissen Lustlosigkeit oder Selbstgefälligkeit zu spüren, die einem mitunter bei seinen Aufnahmen (vor allem bei den späteren) anderer Komponisten auffallen.

Das Blech der Wiener bringt eine gewisse (sehr angenehme und besonders strahlende) Schärfe mit in die Introduktion ein. Sie klingt noch etwas erhabener als beim PO in London. Die Orgel will nicht ganz so gut passen wie die im Münchner Herkulessaal in der dritten Einspielung, die zudem etwas fülliger wirkt. Die Wiener Streicher spielen über jeden Zweifel erhaben sehr transparent und (sogar bei Maazel) dieses Mal molto espressivo. Die Hinterweltler erklingen sehr langsam und gehen ihrem Glauben gebührend bedächtig aber hochexpressiv nach. Man will ja schließlich auf den nächsten Erkenntnis-Level kommen. Bei „Von den Freuden und Leidenschaften“ ist besonders zu beachten, mit welch einer Inbrunst sich die Wiener Hörner zu Wort melden. Davon lassen sich die Kollegen von den Trompeten und den Posaunen mitreißen, man will ja schließlich nicht zurückstehen, sodass man als Hörer ein Fest feiern kann. Ähnlich klang es auch bei den diversen Live-Aufnahmen der Wiener aus dem Rundfunk. Die Komposition scheint dem Orchester ganz besonders zu gefallen oder wie man so schön sagt: „zu liegen“ und das über die Jahrzehnte hinweg. Das Philharmonia Orchestra klang, obwohl die Aufnahme 21 Jahre älter ist, passagenweise klarer, ohne dass sich daraus ein immenser Vorteil ergeben würde. Im Gegenzug bietet die DG eine sehr gut verfolgbare Basslinie. Das Orchester kann also auf einem guten Fundament aufbauen. Schöner kann das Werk kaum noch gespielt werden, die Philharmoniker wirken sehr motiviert; kaum zu glauben, wenn man sie mit Maazels Einspielung von Mahlers V auf CBS-Sony vergleicht, die war von 1981. Das Tanzlied erklingt temporeich und wirkt überschwänglich. Rainer Küchl spielt detailliert und frisch, silbrig hell und tänzerisch beschwingt. Da werden von Orchester stattliche Steigerungswellen durch den heimischen Hör-Raum geschickt. Enttäuschender Weise ist die Mitternachtsglocke kaum bis gar nicht zu hören. In diesem Bereich muss die neue Digitalaufnahme gegenüber der alten Philharmonia-Aufnahme zurückstecken. Da gelingt die aufgenommene Dynamikentfaltung nicht vollständig gelungen. Dabei war „Also sprach Zarathustra“ ein ganz besonders beliebtes Stück um die Errungenschaften der neuen Digitaltechnik zu Beginn der 80er Jahre ins rechte Licht zu rücken, sodass die Technik-Abteilung eigentlich besonders sorgfältig hätte vorgehen müssen. Das Nachtwandlerlied entschädigt jedoch mit ätherischer Entrückung.

Die Aufnahme vermittelt insgesamt ein beeindruckendes Gefühl von Räumlichkeit und Tiefe. Sie klingt offen, saftig und voll. Man merkt dem substanzreichen Klang die frühdigitale Herkunft kaum an. Das muss man als kleines Wunder bewerten. Es klingt (zumeist) sehr transparent, brillant und sehr dynamisch.

 

 

4-5

Lorin Maazel

Philharmonia Orchestra London

EMI

1962

32:57

Der junge Lorin Maazel wurde in jenen Jahren oft zum Philharmonia Orchestra eingeladen, denn der Wechsel Karajans zu Decca und DG hinterließ eine Lücke, die nicht so einfach zu schließen war. Maazel sollte, zur Zeit der Aufnahme gerade einmal 32, mit dieser Aufnahme die Lücke, die Otto Klemperer damals mit seinen unvollständigen Strauss-Einspielungen ließ ergänzen. Später sorgte man dann mit Kempe für Vollständigkeit und Karajan kehrte (nicht nur) für die Sinfonia Domestica und Don Quixote zu EMI zurück.

Die Pauke in der Introduktion fällt durch die besonders harte Art aus, mit der sie geschlagen wird, mit rohen Kräfte, das kommt in diesem Fall sehr gut an. Und während das Blech prachtvoll klingt, es befand sich damals in Gala-Form, fehlt es der Orgel deutlich an Volumen. Die Streicher „singen“ sehr schön und klingen voll, spielen mit Emphase und homogener Tonschönheit. Man offenbart viel Sinn für Dynamik und Dramatik, die Darbietung wirkt lebendig und dringlich. Bei der „Wissenschaft“ erklingt die Fuge hochkonzentriert und ernsthaft, das Blech spielt wunderbar knackig beim überschwänglichen Scherzo des Genies (natürlich zeigt sich da Strauss selbst), das sich über die grübelnde Wissenschaft scherzend erhebt. Es verkündigt: „So klingt der Stein der Weisen!“ Zumindest einmal vorübergehend. Der Genesende wirkt temperamentvoll und Maazel genießt es, die Virtuosität des Klemperer-Orchesters voll zu aktivieren. Er fordert es ungemein und es scheint willig zu folgen, sein dramatischer Zugriff überzeugt rundum.

Selten einmal klingt das Tanzlied so flott, ja stürmisch, da steckt wohl noch ein gewisser Übermut eines gerade einmal 32jährigen Riesentalents mit drin (Maazel und Strauss waren beide 32, Maazel bei der Aufnahme, Strauss bei der Uraufführung). Dennoch lässt man es nicht an einer gewissen Melancholie fehlen, sehr sympathisch, wie sich das ehrwürdige Philharmonia Orchestra entfesseln lässt. Vorm Nachtwandlerlied gibt es einen mächtig eruptiven Höhepunkt, der trotz allem Getöse die Mitternachtsglocke gut vernehmbar hören lässt. Eine bereits recht ausgereifte Analogtechnik erreicht da mehr als eine noch etwas unvollkommene neue Digitaltechnik 1983. Alle drei ppp-Pizzicati sind bestens zu hören. Es ist erstaunlich wie oft die in anderen Aufnahmen bei normaler Abspiellautstärke zur Unhörbarkeit verdammt sind.

Dies ist eine weitere landläufig unterbewertete Einspielung, die Orchester und Dirigenten in hellwacher Topform hören lässt. Sehr empfehlenswert.

Die Klangqualität erscheint für 1962 bemerkenswert gelungen. Es klingt offen, tief gestaffelt, präsent. Nur dass der Hochton ein wenig belegt wirkt, weist auf das Alter hin. Das Blech ist gut aufgeteilt, sitzt nicht komplett auf „einem Haufen“, sondern verteilt sich über die ganze Breite. Die Aufnahme klingt erstaunlich frisch, lebendig und dynamisch. Da hat man sich angesichts der Konkurrenz aus dem Hause RCA (Reiner 1954 und 1962) und Decca (Karajan, 1959) bei EMI richtig angestrengt. Da diese Aufnahme ebenfalls bereits vor dem Kubrick-Film produziert war, hätte Kubrick auch Maazel wählen können. Wäre wie Reiner 1954 und 1962 sicher ebenfalls in Frage gekommen. 

 

 

4-5

Fritz Reiner

Chicago Symphony Orchestra

RCA, MFSL

1962

34:03

Das Chicagoer Orchester hat gerade mit diesem Werk ein lange Aufführungstradition vorzuweisen, so gab es bereits ein Jahr nach der Frankfurter Uraufführung die Amerika-Premiere 1897 mit Theodore Thomas, dem damaligen Chefdirigenten. Es reihten sie allerhand Aufnahmen in einer Art Perlenkette zusammen, auf die wir bereits bei der ersten Einspielung von Fritz Reiner 1954 kurz eingegangen sind. Fritz Reiner wurde von seiner Plattenfirma zu diesem Remake nach nur sechs Jahren angehalten, weil man der Meinung war, dass sich die Aufnahmequalität bereits soweit weiterentwickelt hat, dass man dies dokumentieren sollte. Fritz Reiner selbst war jedoch bereits gesundheitlich angeschlagen, kurze Zeit nach der Aufnahme nahm er seinen Abschied vom Orchester und ein Jahr später sollte er im Alter von 74 Jahren versterben.

Die Unterschiede zwischen beiden Aufnahmen halten sich in Grenzen, was bedeutet, dass man vor der 54er Aufnahme noch entschiedener den Hut ziehen muss. Besonders die Orgel klingt jedoch 1962 klarer und besser definiert und die Stimmung passt besser zum Orchester. Die Aufteilung des Blechs gefällt uns bei der 62er ebenfalls besser, da wir uns immer dran erfreuen, wenn es nicht komplett auf einer Seite „zusammengepfercht“ wird. Die Darbietung als Ganzes wirkt auf uns nicht mehr mit dem ehemaligen Drive, die Tempi haben nachgelassen, man scheint vorsichtiger zu spielen, allerdings auch mehr auf das Detail bedacht. Immer noch mit dem Blick aufs Ganze, der die 54er insbesondere auszeichnet (übrigens ganz ähnlich bei William Steinberg zu beobachten). Teils kann man differierende Details hören, was man so oder so bewerten mag, entscheidender ist es, dass das Ausdruckspotential immer noch sehr hoch ist, vielleicht erreicht Fritz Reiner nicht mehr die ultimative Hochspannung wie 1954, aber diese Art des Eindrucks, des Empfindens ist ja besonders subjektiv. Der Konzertmeister im Tanzlied bleibt wie 1954 ungenannt. Die solistischen Darbietungen wirken in der 62er Einspielung viel näher herangeholt und sind folglich erheblich deutlicher aus dem Zusammenhang herausgelöst (Violine, Englischhorn etc.). Und hört man da eine stärker betonte nostalgische Note? Das Tanzlied bleibt jedoch auch 1962 zugkräftig.

Die Mitternachtsglocke ist nun ein klein wenig deutlicher herauszuhören, leider im fff immer noch nicht, da fehlt es jedoch in den allermeisten Einspielungen an Durchschlagskraft, entweder ist die Glocke zu schmächtig, man schlägt nicht hinreichend fest drauf oder das betreffende Mikrophon ist zu weit weg platziert oder zu schwach ausgesteuert. Eine Glocke im fff sollte zu hören sein. Egal wie laut das Orchester zu spielen hat, Man denke nur an Alarmglocken, Feuerglocken, fff ist fff. Wenn sie leiser wird und den Alarmcharakter nach und nach verliert, wird sie meist besser hörbar. So auch hier. Insgesamt erscheint uns die 62er wehmütiger zu wirken, besonders gegen Ende des Nachtwandlerliedes. In beiden Aufnahmen sind die letzten drei ppp-Pizzicati bestens hörbar. Wenn es die 54er nicht gäbe, hätten wir wahrscheinlich die 62er in die 5er-Kategorie eingruppiert, vor allem der interne Vergleich setzt die 62er leicht zurück.

Der Klang erscheint 1962 etwas besser definiert und ein wenig detailreicher, aber nicht mehr mit der frappierenden, ultimativen Direktheit. Nicht mehr so körperhaft und füllig. Der Streicherklang erscheint 1962 etwas besser aufgefächert, die Stereophonie als Neuheit noch stärker betont. 1962 werden Holzbläserdetails besser ans Licht geholt. Es wurden immerhin schon sechs Mikrophone statt zwei (1954) eingesetzt. Das Orchester wurde 1962 anders platziert, man suchte da offensichtlich die Variation. Und tatsächlich, die Details fallen deutlicher ins Ohr, während 1954 die Details zwar genauso vorhanden sind, aber mehr ins Ganze integriert bleiben. Die MFSL-Schallplatte, die man von der 62er produziert hat, klingt um Klassen besser als die normale CD. Aufwendige Überarbeitungen, die der 54er ganz besonders zuteil wurden, sind ansonsten bei der 62er ausgeblieben (oder sie sind uns entgangen). Die 54er wurde „zeitlebens“ dahingehend bevorzugt. 62 war Richard Moore Produzent, Tonmeister der legendäre Lewis Layton.

 

 

4-5

Andris Nelsons

City of Birmingham Symphony Orchestra

Orfeo

2012

31:50

Diese Aufnahme ist die erste von drei, die Andris Nelsons bisher gemacht hat, sie stammt aus der Symphony Hall in Birmingham. Die zweite ist nur auf Video erschienen, sie entstand mit dem Concertgebouw Orchester, auf sie hatten wir spontan keinen Zugriff. Die bisher letzte entstand in Leipzig innerhalb einer Gesamtaufnahme der Sinfonischen Dichtungen, die sich das Gewandhausorchester mit dem Boston Symphony Orchestra untereinander aufteilte. Obwohl uns das Gewandhausorchester viel besser gefällt als das etwas ungeschliffen aufspielende Orchester aus Albions Reich, muss man die Darbietung aus England bevorzugen. Und das liegt nicht nur an den langsamer gewordenen Tempi des Dirigenten in Leipzig. Wenn man nicht wüsste, dass beide Aufnahmen von demselben Dirigenten betreut wurden, man käme nur vom Höreindruck nicht auf diese Idee. Da fällt uns gerade noch ein, dass wir noch auf eine Aufnahme mit dem HR-Sinfonieorchester zurückgreifen können, von 2010. Und bei Andris Nelsons heißt es oft, je älter die Aufnahme, desto besser. So auch dieses Mal…

Die Introduktion gefällt in Birmingham sehr. Sie wirkt jugendlich frisch, bietet kräftige Trompeten und eine prägnante Pauke mit aggressiven Kontrabässen. Die Gran Cassa kommt beim Höhepunkt aber so richtig ordentlich zum Zuge. Das Ganze klingt so transparent, dass man genau hören kann, wie alles „gemacht“ wird. Da ist nichts nur verschleiert zu hören. Der Klang des Orchesters wirkt sehr offen, offener als bei den besten (Berlin, Wien, Dresden Amsterdam, Chicago, Boston), aber weniger sinnlich und homogen. Die brillanten Passagen wirken immer ein wenig nüchtern, klanglich, aber doch intensiv und energisch. „Von der großen Sehnsucht“ gelingt sehr lebendig und mitreißend „Von den Freuden und Leidenschaften“ ebenso. Dabei fehlt es nicht an Virtuosität und Aufopferungsbereitschaft. Am großen Bogen mangelt es hingegen ein wenig, es wird sehr viel Wert auf kleinteilige Details gelegt, was aber vielleicht mehr eine subjektive Beobachtung darstellt. Festzuhalten bleibt, dass es sich um eine besonders dramatisch bewegte Lesart des Stückes handelt. Das wird sich in Leipzig neun Jahre später ändern. Bei „Der Genesende“ holt Nelsons alles aus dem Orchester heraus, was es zu bieten hat, die Wirkung des Höhepunkts bleibt dennoch ein wenig zurück, z.B auch hinter der Londoner Aufnahme mit Mackerras (1996) um mal eine andere aus Großbritannien zu nennen, aber auch gegenüber vielen anderen. Im Gegenzug wirkt der „Genesende“ besonders quirlig und jugendlich-frisch. Wie neugeboren, wie man so schön sagt, was es gut aber gut trifft. Und rasant.

Das Tanzlied erscheint ausschweifend, vielleicht sogar lustig, bisweilen mit einem leicht militanten Rhythmus. Für wienerische Eleganz wirkt es zu straff und kurz angebunden. Das ist vor allem für den ungenannten Konzertmeister bedauerlich, denn er bekommt so keine Gelegenheit zu schwelgen. Für unseren Geschmack erhält das Tanzlied so zu viel Druck, zu wenig Entspannung. Nun, den Übermenschen stellt man sich durchaus verschieden vor, das sollte legitim sein. Diese Einspielung folgt darin direkt den Aufnahmen von Rodzinski und Steinberg. In Leipzig klingt es schon viel mehr nach Karajan.

Herausragend im gesamten Feld an Einspielungen gelingt die Mitternachtsglocke. So sonor und dunkel, warm, voll und resonant, so wie sie sich Nietzsche vielleicht vorgestellt haben mag. Da hat man mal auf die Röhrenglocke verzichtet und auf eine echte Kirchenglocke zurückgegriffen. Ob eingespielt oder in Natura beim Orchester aufgenommen bleibt einmal dahingestellt, in jedem Fall ist der Eindruck erhaben. Leider wirkt der fff-Höhepunkt nicht komplett durchhörbar, das ist aber bei dieser monumentalen Wirkung zweitrangig. Das Nachtwandlerlied kommt sehr schön zur Ruhe und klingt unmittelbar anrührend.

Die Aufnahme wirkt als Ganzes sehr präsent und direkt, meist kammermusikalisch klar, mit einer gewissen hellen Brillanz. Man muss auf die sonore Klangfülle und Abrundung der Nobelorchester aus Berlin, Wien, Dresden, Amsterdam, Leipzig oder München verzichten, zumindest einmal für diese Aufnahme. Die klingen einfach sinnlicher, süffiger und weniger nüchtern. Nichtsdestotrotz liegt hier eine der besten Einspielungen des Werkes aus den 2000er Jahren vor.

 

 

4-5

Stanislaw Skrowaczewski

Yomiuri Nippon Symphony Orchestra

Denon

2008

34:43

Mit Herrn Skrowaczewski gibt es noch eine weitere, ältere Einspielung des Werkes aus den 90er Jahren mit dem National Youth Orchestra of Great Britain, die uns leider nicht zugänglich war. Der Dirigent hatte zum Orchester aus Tokio bereits eine langjährige Verbindung, als er bereits 84jährig zum Musical Direktor ernannt wurde. Er blieb es 2007-2010, die restlichen Jahre seines Lebens blieb er  Ehrendirigent. Er unterhielt zu dem Orchester also eine ähnlich tiefe Verbindung wie zur Deutschen Radio Philharmonie.

Die Introduktion klingt wunderbar präzise, mit einer scharfen Punktierung der Trompetenfanfare und einer sehr guten Bassgrundierung. Sie steigert sich mächtig. Leider kommen die Pauken weniger saftig ins Bild. Dennoch möchten wir die Introduktion als grandios gelungen bezeichnen, kaum je ist sie so mitreißend gesteigert worden. Das will bei über 100 Vergleichsaufnahmen schon was heißen. Es folgt eine weit ausholende, episch wirkende Darstellung, ungemein spannend und bewegend gespielt. Das Orchester lässt sich auf besondere Weise von seinem Dirigenten inspirieren. Ganz so edel wie das NHK Symphony Orchestra, ebenfalls aus Tokio, klingt es nicht, aber viel spannender. Beim NHK gibt es zwar mehr Glanz, aber weniger Präsenz und Tiefgang. Auf eine dritte Aufnahme aus Tokio kommen wir später ebenfalls noch zu sprechen.

Der Klang der Violinen, besonders der solistischen, erscheint etwas heller als von anderen Spitzenorchestern gewöhnt, jedoch enorm transparent und differenziert. Der Orchesterklang wirkt ungewöhnlich klar und deutlich von unten her aufgebaut. Die Tempi liegen auf der getragen wirkenden Seite, die Bögen wirken jedoch ungemein gespannt. Bei „Von der Sehnsucht“ fallen die mächtig gespannten Tremoli auf, während „Von der Wissenschaft“ sehr langsam und schwer erscheint. Jedoch bleiben die Bässe gut durchhörbar, sie verschwimmen nicht im Ungefähren, wie in vielen anderen Aufnahmen. Man arbeitet sich jedoch bis zu einem gewissen klanglichen Reichtum hoch, doch erst das ironisierende Scherzo bringt, pointiert gespielt, die Musik zum Leben, nicht übermäßig geschwind allerdings. „Der Genesende“ bekommt nun genug Energie, damit er sich aufbäumen und sich zu einem grandiosen Höhepunkt vorarbeiten kann. Das klingt monumental, jedoch vermissen wir hier den Orgelklang. Das alles erklingt in höchster Präzision, denn das Orchester macht einen vortrefflich vorbereiteten Eindruck.

Das Tanzlied wirkt bewegt und lebendig, nicht allzu elegant. Das Gelächter wirkt hämisch und kommt deutlich zur Geltung, es wirkt wie ironisch gebrochen. Die Tanzbewegung steigert sich zusehends. Das Violinen-Solo des leider nicht genannten Konzertmeisters (der Konzertmeisterin) wirkt sehr gelungen. Der Höhepunkt wirkt zwar erhaben, doch auch in Tokio gibt es das Problem mit der Durchhörbarkeit der Mitternachtsglocke.  Die hört man nur rudimentär und schon gar nicht alle 12 Schläge. Diese Einspielung hinterlässt trotzdem einen bleibenden Eindruck und beeindruckt mit einer hohen „Produktqualität“ in allen Bereichen, musikalisch und technisch. Eine weitere bei uns völlig zu Unrecht unbeachtet gebliebene Produktion.

Der Klang der Aufnahme ist glasklar, weitläufig doch überhaupt nicht hallig, sehr räumlich, trotzdem präsent, sehr dynamisch und körperhaft. Zudem wunderbar transparent. Dennoch wirkt sie naturbelassen und auch nicht besonders füllig. Trotz der vielleicht für den einen oder anderen mangelnden Fülle, eine der besten Klangqualitäten innerhalb der von uns gehörten Aufnahmen überhaupt.

 

 

4-5

Mariss Jansons

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR Klassik

2017, live

34:12

Das BRSO ist den Werken des berühmten Sohnes der Stadt, wie das Bayerische Staatorchester, das sich naturgemäß als Orchester der Staatoper mehr mit den Opern beschäftigt, natürlich besonders vertraut und verpflichtet, obwohl es streng genommen erst 1949 gegründet wurde und nie mit Strauss persönlich gearbeitet haben kann. Anders als das Bayerische Staatsorchester oder die Wiener Philharmoniker. Mariss Jansons ist mit zwei Einspielungen in der Diskographie des Werkes vertreten, beide sind Live-Aufnahmen. Seine erste kommt aus Amsterdam, 2012 aufgenommen, also fünf Jahre vor der Münchner Aufnahme. Beide sind gleichwertig und beide kann man sich als Video bei YouTube anschauen bzw. anhören.

Der Münchner Mitschnitt, der auch bei BR-Klassik als Tonträger erschienen ist, wirkt aus der Ruhe heraus gespielt, melodisch, fokussiert und sehr konzentriert, intensiv und durchaus mit geschärften Details versehen. Die Darbietung wirkt ausdrucksstark, detailreich und perfektioniert.  In der zügigen, aber nicht gehetzten aber auch schon gar nicht zelebrierten Einleitung wirkt das volle Werk der Orgel gegenüber dem vollen Orchesterklang ziemlich mickrig, gerade wenn man sie beispielsweise mit der Aufnahme William Steinbergs vergleicht. Ansonsten wirkt das Spiel des Orchesters souverän gestaltet, warm klingend und empathisch. Man lässt sich Zeit zum schwelgen, kann aber auch hart zupacken, spielt mit viel Liebe zum Detail. Bei den „Hinterweltlern“ gibt es bereits ein weites dynamisches Spektrum, besonders leise auch später beim „Nachtwandlerlied“. Die Expressivität ist gegenüber Krauss oder Karajan „zurückgefahren“, bei Jansons wirkt das Spiel flexibler, mit einem gewissen Rubato versehen. Die Dynamik ist zwar da, „haut aber nicht vom Hocker“. Wem es darum geht, der ist mit dieser Einspielung weniger gut beraten. Bei „Von der Wissenschaft“ sind die leisen, die zarten Töne gefragt, obwohl sie auch bei Jansons gebührend schwergängig wirken. Der „Genesende“ hat dann wieder die volle Kraft des großen Orchesters incl. Orgel. Es gibt jedoch keine „Kraftmeierei“. An einen Übermenschen im athletischen Sinn mag man trotz aller Kraftentfaltung nicht denken. Die begleitenden Soli klingen wunderschön. Das Tanzlied hat eleganten Swing, der Streicherklang wirkt strahlend, doch immer auch zurückhaltend. Die Soli des Konzertmeisters klingen wunderschön, das Holz passt dazu. Die Mitternachtsglocke klingt sehr gut. Dieser Zarathustra verschwindet leicht und duftig, dissonant und ohne bleibende Antwort. Diese Einspielung bietet nicht die ultimative Hochspannung, wirkt vielmehr elegant und gelassen, auf ihre Weise sehr eloquent und hochkompetent. Erstaunlich luzide und zart. Man vermeidet konsequent jeden Eindruck von Massivität. Wenig kantig oder gar schroff wirkt dieser Zarathustra vielmehr menschlich von Anfang bis zum Schluss. Insgesamt gefällt sie uns etwas besser als die Vergleichsaufnahme mit dem Concertgebouw Orchester.

Die Aufnahme klingt sehr räumlich und völlig transparent, sehr gut in die Tiefe gestaffelt, absolut klar und deutlich auch im ff. Das Orchester klingt weich und voll, licht und abgerundet, sehr ausgewogen, natürlich und vor allem nie massiv. Im Raum leicht distanziert allerdings auch. Das Spiel wird vortrefflich in seiner warmen Kantabilität unterstützt ohne je dick aufzutragen.

 

 

4-5

Mariss Jansons

Concertgebouw Orchester Amsterdam

RCO Live

2012, live

33:24

Mariss Jansons war von 2004-2015 Chef in Amsterdam. Die Aufnahme, die als Download oder Stream erhältlich ist, scheint nie auf dem orchestereigenen Label als SACD erschienen zu sein. Sie könnte aber mit dem auf YouTube ansehbaren Video identisch sein, was wir nicht explizit überprüft haben. Sie unterscheidet sich nicht wesentlich von der fünf Jahre später entstandenen Münchner Einspielung. So klingt die Einleitung recht zügig (fast flott), ohne Pathetik oder ausgestellte Majestät.

Das Orchester befindet sich in hervorragender Verfassung und klingt wie Samt und Seide. Entscheidende Tempoveränderungen gegenüber der Münchner Einspielung sind uns nicht ausgefallen, es gibt kein aufgesetzter Drang nach vorne, kein karajansches Hochdruck-Espressivo, keine unmotivierte Zuspitzung, ohne dass bei uns je der Eindruck entstanden wäre, das Musizieren wirke lasch oder glatt. Ein wenig zahm wirkt es je nach Vergleichspartner passagenweise aber schon. Der Zugang wirkt vergleichsweise Introvertiert, ohne dass auf Impulsivität oder Hochspannung gänzlich verzichtet worden wäre. Schöner kann ein Orchester nicht mehr klingen. So wirkt das Spiel besonders kammermusikalisch und lichtdurchflutet. Beim Tanzlied ist wie in München ein hervorragend spielender Konzertmeister anwesend, dessen Namen ungenannt bleibt. Die Mitternachtsglocke erscheint gedämpft, alles bleibt in einem den Ohren und der Seele schmeichelndem 1 A Top-Sound für die audiophilen Hörer/innen.

In München klang es trotz des ein wenig mäßigeren Tempos insgesamt ein wenig dramatischer, zupackender und zugespitzter, aber im Gegenzug nicht mehr ganz so strömend und luxurierend schön. Wir hätte geschworen, dass die Amsterdamer Darbietung im Tempo viel langsamer abgelaufen wäre als die Münchner, aber so kann man sich irren.

Die Klangqualität der Live-Aufnahme erscheint ebenfalls bestechend transparent, offen, wie lichtdurchflutet, räumlich sehr übersichtlich, wohlgeordnet und sehr gut tiefengestaffelt. Das Orchester klingt voll, sonor, weich und es gibt löblicherweise keine übermäßige Halligkeit mehr, wie noch in den frühen Einspielungen des orchestereigenen Labels RCO Live. Es gibt jedoch wuchtiger, massiver, auch präsenter klingende Aufnahmen des Stückes, aber nur ganz wenige schmeicheln mit einem solchen audiophilen Sahnesound. Übrigens ist diese Aufnahme erst nach der Münchner Aufnahme veröffentlich worden, obwohl sie bereits fünf Jahre früher aufgenommen wurde. Die Münchner Aufnahme wollte man in Amsterdam offensichtlich nicht ohne Echo stehenlassen.

 

 

4-5

Thomas Dausgaard

Seattle Symphony Orchestra

 SSM (Seattle Symphony Media)

2019, live

32:00

Thomas Dausgaard ist seit 2019 als Nachfolger von Ludovic Morlot künstlerischer Leiter des Orchesters von der amerikanischen Westküste. Die Trompeten-Fanfare gerät überaus laut und zügig, während die Pauke kraftvoll, aber ohne crescendo spielt, die Orgel einen ausgewachsenen Klang beisteuert und die Bässe noch mächtiger grummeln als die Orgel. Die weitere Darbietung erklingt kammermusikalisch „durchlässig". Sehr klar erklingen die „Hinterweltler“, mit der gebührenden Emphase und viel espressivo. Ein mächtiger Orgelbass untermalt auffällig. Da wird sogar ein Gefahrenpotential spürbar, das auf den anderen Einspielungen nicht zu bemerken ist. „Von der großen Sehnsucht“ und „Von den Freuden und Leidenschaften“ erklingen temperamentvoll, mit genügend Tempo, aber auch außergewöhnlich deutlich. Das Holz wird nicht vergessen und man kann außergewöhnliche Details bei den Streichern erkennen, die man anschließend sonstwo vermissen wird. „Von der Wissenschaft“ erklingt hintergründig, wie im Ungefähren suchend, doch auch ein wenig geheimnisvoll (wonach sollen wir eigentlich suchen?). Loben muss man bei diesem Orchester, das auch noch mit einer älteren Aufnahme unter seinem langjährigen Leiter, Gerard Schwarz, an der Diskographie beteiligt ist, das mittlerweile klanglich ganz hervorragend abgestimmte Holz, das nun weich, voll und schön abgerundet klingt und sich gar nicht mehr so „amerikanisch“ anhört wie zuvor. Den „Genesenden“ würde man sich vielleicht ein wenig kantiger, will heißen blechdominierter vorstellen, Holz und Streicher klingen jedoch fantastisch. So bleibt er im Ausdruck weicher und milder als sonst, aber er profitiert von einer superben Orgel, die den Höhepunkt vor der Generalpause sogar noch zu dominieren vermag, obwohl das ganze Orchester fff spielt. Orgel: Volles Werk steht da. Volle Power ergänzt man in Seattle selbstständig. Wohl getan.

Das Tanzlied erfreut sich oder leidet unter, je nachdem wie man es sehen will, einer besonders groß abgebildeten Solo-Violine. Nichts zu mäkeln gibt es hingegen an Noah Gellers makellosem und nuanciertem Spiel. Das Tanzlied klingt beschwingt, detailreich, temperamentvoll und wunderbar gesteigert. Es entsteht unweigerlich das Bild (vielmehr der Tonfall) des „Rosenkavaliers“ vor dem inneren Auge des Hörers. So deutlich wie bei kaum einer anderen Aufnahme. Ob Strauss da schon eine Vorahnung hatte? Der Höhepunkt klingt dann erstaunlich flach, aber dennoch bleibt die Mitternachtsglocke ziemlich unscheinbar. Da hätten wir gerade beim letzten Höhepunkt der Einspielung mehr Durchzugskraft gewünscht, es scheint ihr auf den „letzten Metern“ sozusagen die Puste ein wenig ausgegangen zu sein. Ein noch besser herausgearbeiteter Höhepunkt hätte sie noch weiter geadelt.

Die Aufnahme klingt voll, weich abgerundet und sonor, sehr transparent, sehr plastisch, sehr räumlich und körperhaft. Man wünschte sich nur etwas mehr Präsenz. Sie klingt sehr weitläufig.

 

 

4-5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DG

1983

35:58

Die dritte Aufnahme unter Studiobedingungen fand in der Berliner Philharmonie statt. Herr von Karajan war nun 75 Jahre alt und die Leidenschaft in der Beziehung Dirigent und Orchester hatte sich merklich abgekühlt und näherte sich dem Erlöschen. Man meint, dass mitunter eine leichte Trägheit auf der Einspielung lastet, weniger auf dem Spiel der Philharmoniker als auf der Stimmung. Die Aufnahme erscheint uns nun so viele Jahre nach ihrer Entstehung und nachdem man die Umstände ihrer Entstehung fast vergessen hat als viel besser als ihr damaliger Ruf. Natürlich liegt mittlerweile ein erheblich verbessertes Remaster vor (die Karajan Gold-Serie hat die schlimmsten Unebenheiten der Abmischung zu Lebzeiten Karajans unter dem Vorsitz von Karajan selbst, weitmöglich korrigiert), aber es scheint vielleicht auch so, dass man die damals allseits bekannten Beziehungseffekte vielleicht auch ohne (Selbst)Kritik einfach in die Aufnahme übertragen hat. Es scheint nämlich, dass man doch professionell genug war um zumindest für die Zeit der Aufnahmen die Musik in den Vordergrund des Interesses zu stellen. Das Orchester spielt nahezu so schwelgerisch wie 1973, die Orgel zu Beginn klingt kraftvoller und breitbandiger und wirkt auch noch besser gestimmt. Allerdings bleibt man etwas langsamer. Die Fanfare ist jetzt perfekt im Takt, die Sechzehntel kurz und prägnant akzentuiert. Als ganzes wirkt das Spiel jedoch etwas weniger straff, weniger spontan, besonders bei den Wissenschaftlern, die nur noch träge vorankommen wollen und schon fast reptilienartige Züge annehmen. Mit Trauerflor. Es klingt aber auch geheimnisvoll und das Orchester klingt nach wie vor ganz hervorragend. Es spielt generell immer noch meisterhaft und der Höhepunkt des Genesenden übertrifft die 73er Version noch an Virtuosität und Kraftentfaltung, wobei da die Digitaltechnik ihre Vorteile auszuspielen scheint.

Das Tanzlied wirkt jedoch weniger charmant und vielleicht auch etwas langatmig, zumal Thomas Brandis, obwohl er nach wie vor schön spielt, nicht den verführerischen Glanz von Michel Schwalbé zeigen kann. Auch die Oboe wirkt blasser als 1973. Es klingt zwar immer noch nach „Wien“, aber nicht mehr so leicht und tänzerisch als 1973. Viel besser gelingt hingegen die Mitternachtsglocke, durchdringender, effektvoller und noch imposanter. Vielleicht hatte man sich unterdessen ein klangvolleres Instrument besorgt, bei der Symphonie fantastique waren in der zweiten Berliner Aufnahme ja auch erheblich verbesserte Glocken zu hören.

Wenn es von Herbert von Karajan keine andere (bessere) Aufnahme geben würde, so müsste man die 83er Einspielung sicher mehr loben, in diesem Fall misst man sie jedoch nolens volens an der Vorgänger-Aufnahme von 1973, weniger an den Aufnahmen, die andere gemacht haben. Die folgenden Berliner Aufnahme Soltis aus den 90ern oder Dudamels von 2012 überragt sie immer noch deutlich.

Als postume Gold-CD klingt die Aufnahme spektakulär. Es gibt einen erheblich tieferen (Orgel)Bass sie klingt nochmals dynamischer als die ohnehin schon gute 73er und offener in den Klangballungen. Die Grobdynamik kann man nur als überzeugend bezeichnen. Man hört aber auch keine frühdigitalen Kinderkrankheiten mehr. Die konnten anscheinend weitgehend eliminiert werden. Da hat man sich offenbar richtig Mühe gegeben, die noch vom Meisterdirigenten selbst vorgegebenen Einstellungen („Optimierungen“) wieder rückgängig zu machen bzw. zu beheben. So klingt die Aufnahme jetzt meist transparenter als die 73er, was zuvor umgekehrt war. Es klingt nun räumlich, unverhallt, sehr farbig, sehr plastisch und glanzvoll, brillant, imposant und letztlich besser als die neueren Produktionen der Berliner mit Solti und Dudamel. Es ist immer noch ein Genuss zuzuhören. Allerdings wirkt sie kühler (klanglich aber auch von der vermittelten Emotionalität her) als die 73er, die allerdings ein wirklich fieser Vergleichspartner ist.

 

 

4-5

Lorin Maazel

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

RCA

1995

34:43

Diese Aufnahme wurde im Herkulessaal der Münchner Residenz im Dolby Surround-Verfahren aufgenommen. Lorin Maazel war dabei 65 Jahre. Die Aufnahmen der Werke von Richard Strauss gelten gemeinhin als zu Maazels besten gehörend, ob sie nun für die DG oder RCA aufgenommen wurden.

Maazel gewährt uns nun eine gereifte Sicht auf das Werk, detailreich, entspannter als 1962 in London und 1983 in Wien, vielleicht auch „romantischer“ in der Sichtweise. Er behält aber das Gefühl für die Proportionen und für die Dramatik genau im Auge. Die Interpretation und das „Timing“ erscheinen ähnlich wie ´83 in Wien, aber doch etwas gemächlicher, schwärmerischer zu den Höhepunkten hin. Die Pauke kommt in der Introduktion hervorragend ins Bild, genau wie das exzellente Blech. Die Orgel wirkt trotz der unglaublichen Mühe, die man sich in Wien mit der extra Aufnahme mit Orgel und dem ganzen Orchester im Musikverein gemacht hat (zur Erinnerung: den Orchesterpart ohne Orgel hat man im Sophiensaal aufgenommen), stimmiger, sodass man einen monumentalen Gesamteindruck erhält. Die Ausstrahlung wirkt nun nobel, währen der Wiener Glanz nicht ganz erreicht wird. Die Hinterweltler erhalten nur ganz wenig Schwung, jede Dringlichkeit fehlt da, was in dem Fall in der Natur der Sache liegen mag. Bei den „Freuden und Leidenschaften“ und bei der Wissenschaft fehlt es nicht an Dynamik, aber da liegen die Wiener Philharmoniker 1983 wieder knapp vorn. „Der Genesende“ wirkt hingegen in München gediegener, weniger stürmisch als die London (62) und Wien (83), was vor allem am fülligeren Klang liegen mag, weniger an der Virtuosität des Orchesters. Er wirkt in München mittenbetont und ihm sind die am wenigsten „scharfen“ Höhen eigen.

Die Mitternachtsglocke ist nun wiederum in München gut hörbar und im Nachtlied überzeugt der unverkennbare Strauss-Tonfall und der herrlich füllige Klang mit voller „Süße“, Ruhe und Behaglichkeit. Wie schön verabschiedet sich die offene Frage hier aus dem Klangbild!

Von Lorin Maazel liegen uns also drei nahezu gleichwertige Einspielungen vor, wovon die älteste mit dem Philharmonia Orchestra am feurigsten, kecksten und frischsten wirkt. Die jüngste für RCA eingespielte Münchner Aufnahme wirkt am „wohlsituiertesten“, obwohl man auch bei ihr nichts Selbstgefälliges erkenn kann, wie bei einigen anderen späten Einspielungen des Dirigenten. Den strahlkräftigsten Orchesterklang hört man in Wien.

Der Klang wirkt indes ein wenig klarer und voller als in London und Wien, ein wenig abgerundeter und auch etwas dynamischer. Vielleicht wirkt das Klangbild nicht so konturiert wie bei der DG in Wien, zudem klingt es in Wien weniger kompakt. Insgesamt wirkt das DG-Klangbild spektakulärer, währen die RCA wärmer und anheimelnder erscheint. Besonders die Wiener und das BRSO vermitteln in ihren Aufnahmen mit Lorin Maazel einen sinnlichen Strauss-Klang.

 

 

4-5

Mark Elder

 London Philharmonic Orchestra

EMI

1989

32:34

Diese Aufnahme entstand in der St. Augustines Church in Kilburn (London). Der damals noch junge Dirigent war und blieb kein Jet-Set- Dirigent und liebte die langfristige, kontinuierliche Zusammenarbeit. Vielleicht ist er deshalb nicht noch bekannter geworden. Damals, d.h. zur Zeit der Aufnahme war er Leiter der English National Opera (1979-1993), neben diversen Ämtern als 1. Gastdirigent. 2000-2024 war er dann Leiter des Hallé Orchestra in Manchester.

In der Introduktion gefällt besonders die Pauke mit ihrem Crescendo, das man nur erstaunlich selten wirklich mal hört, obwohl es unübersehbar in der Partitur steht und die mächtig dynamische Orgel. Die Hinterweltler erklingen mit viel Espressivo, wobei die Violinen recht hell klingen, aber doch homogen, auch weich und recht voll. Sehr schwungvoll mit viel Drang nach vorne erklingen dann „Von der großen Sehnsucht“ und „Von den Freuden und Leidenschaften“. Die Fuge der Wissenschaftler tönt plastisch das Scherzo jubiliert ganz schön. Der „Genesende“ hat Kraft und Biss, das Orchester zeigt sich unter dem damals 42jährigen Dirigenten mit virtuosem Aplomb in Top-Form.

Das Tanzlied erklingt beschwingt, mit Gefühl und Jugendlichkeit. Die Mitternachtsglocke wirkt sehr volltönend und schön resonant, vor allem aber gut hörbar. Das LPO scheint auf die übliche Röhrenglocke verzichtet zu haben und ein hochwertigeres Instrument bevorzugt zu haben. Es klingt schwerer, vielleicht hat man die Kirchenglocke aufgenommen, wo man schon einmal zur Aufnahme in einer Kirche weilte? Das ist aber eine Spekulation unsererseits und wurde nicht recherchiert. Das „Nachtwandlerlied“ klingt zügig und unsentimental. Transparent bis zu den drei glasklar hörbaren drei Schluss-Pizzicati.

Die Aufnahme ist räumlich und tief gestaffelt doch noch präsent genug. Sie ist transparent, plastisch, dynamisch-zupackend und präzise. Und besonders wichtig: Es gibt keinen langen Kirchennachhall.

 

 

4-5

Norman del Mar

London Philharmonic Orchestra

EMI, Classics for Pleasure

1977

32:48

Der Dirigent und Musikwissenschaftler Norman del Mar schrieb eine mehrbändige Biographie über Richard Strauss und verfasste darüber hinaus das Vorwort zur weitverbreiteten Eulenburg-Studienpartitur No. 444. Die Aufnahme entstand in der Walthamstow Assembly Hall in London.  Mit der später noch gelisteten Einspielung mit Klaus Tennstedt (1982) und der soeben genannten mit Mark Elder (1989) bildet sie ein Trio an Einspielungen des LPO binnen recht kurzer Zeit.

Die Introduktion wirkt in dieser Einspielung wuchtig und erhaben, wenig transparent, aber gut gesteigert. Den „Hinterweltlern“ ist ein erheblich weniger „dröges“ Tempo eigen als man es gewöhnlich hört. Es wirkt bewegt und die Streicher zeigen starkes Espressivo. Der Musikwissenschaftlicher vergisst den Ausdruck keineswegs. Man ist an einem Vorankommen interessiert, „Sehnsucht“ und „Freuden und Leidenschaften“ werden tatsächlich leidenschaftlich gesteigert. Immer den Blick nach vorne gerichtet. Es gibt hier kein „Verweile doch, du schöner Augenblick“, wie beispielsweise bei Bychkov oder Rouvali. Hier gehört das Werk mit Recht zur Sturm-und-Drang-Periode des Komponisten. Der Orchester spielt niveauvoll, präzise, klangschön und nuanciert, aber wie in den beiden anderen Einspielungen möchte man es nicht unbedingt zu den großen Richard-Strauss-Orchestern der Zeit zählen, da fehlt einfach die gewisse sinnliche Note.

„Von der Wissenschaft“ klingt zunächst geheimnisvoll-mysteriös, dann jedoch glasklar und schön aufstrebend. Der Musikwissenschaftler stellt seinen eigenen Beruf durchaus verständnisvoll und positiv dar, was ihn jedoch nicht daran hindert das Scherzo aufgeweckt und auch ein bisschen frech klingen zu lassen. Der „Genesende“ erklingt geradlinig und direkt (was im Übrigen die ganze Einspielung auszeichnet). Aber auch besonders schwung- und druckvoll mit einem ordentlichen Impetus. Der Höhepunkt erklingt intensiv, aber nicht mit der Urgewalt der besten, da fehlen die aufnahmetechnischen Ressourcen, aber auch die rechte Orgelunterstützung. Vorantreibend und geradlinig geht es weiter, das Tanzlied erklingt mit Humor und Witz. Man höre sich nur die Glöckchen an, die versteht man so glasklar und ein bisschen aufdringlich schon viel besser als humoristisch, als wenn sie schamhaft versteckt werden, wie meistens. Im Tanzlied geht es bei del Mar durchaus etwas deftiger zu als üblich. Es könnte allerdings transparenter klingen, übertrifft aber zahlreiche neuere Londoner Einspielungen an Schwung und tänzerischen Esprit (unter anderen die Einspielungen von Yu, Rouvali und Bychkov, alle drei mit dem Philharmonia Orchestra). Allerdings klingt es bei del Mar auch weniger charmant. Der Konzertmeister bleibt leider wieder einmal ungenannt.

Besonders temporeich, erregt und zugespitzt, ja ausgelassen bewegt man sich tanzend zum Höhepunkt. Die Mitternachtsglocke klingt dabei ähnlich wie bei Mark Elder ziemlich resonant und füllig. Da hat man sich wieder Mühe gegeben, obwohl man dieses Mal nicht in der Kirche mit Glocken war. Das „Nachtwandlerlied“ erklingt stimmig, ruhig, leicht, doch noch recht zügig. Die ppp-Pizzicati sind gut hörbar.

Die Aufnahme klingt etwas matter als zu dieser Zeit üblich und viel matter als die besten, doch transparent und offen, gut gestaffelt vor allem in die Breite, weniger in die Tiefe. Die Streicher erscheinen im Gesamtklang ein wenig bevorzugt. Die Dynamik bewegt sich auf einem ordentlichen Niveau.

 

 

4-5

François-Xavier Roth

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (mittlerweile zum SWR-Sinfonieorchester zwangsfusioniert)

Hänssler

2013, live

32:25

Monsieur Roth war der letzte Chefdirigent des Orchesters vor der Zusammenlegung mit dem RSO Stuttgart des SWR (2011-2016). Seit der Saison 25/26 ist er Chef des Nachfolgeorchesters. Aufgenommen wurde im Konzerthaus Freiburg.

Die Introduktion lässt den „Sonnenaufgang“ hören, wie er nun einmal komponiert ist: orgiastisch und brillant, zügig und dynamisch. Die Pauke legt jetzt richtig los, die gute Dynamik nimmt stets zu. Das Ganze geht flott und schnörkellos über die Bühne, jeder soll wissen, das ist zwar toll, aber das Werk endet so nicht, sondern geht jetzt erst richtig los. Man sucht nicht den spektakulären Effekt. Ähnliches ist auch in Roths zweiter Aufnahme zu hören, 2018 live mit dem LSO für LSO Live eingespielt. Die erste Einspielung erscheint uns gelungener.

Im Folgenden begeistert vor allem das Holz des exzellenten Orchesters, das die komplette Spieldauer die Spannung hochhält. Eleganz zählt hier weniger, dagegen vor allem Energie und Kraftentfaltung, alle Längen werden kompensiert, für die sinnliche Seite interessiert man sich nicht explizit. Die Phrasierung erscheint straff, die Klanggebung luzide. Man könnte einwenden, dass der Gestus etwas gehetzt wirkt, die emotionalen Höhepunkte nur etwas abgemildert zur Geltung kommen. Man hört tatsächlich eine gewisse strukturorientierte Sachlichkeit und Geheimnislosigkeit. Eine Tendenz, die man generell bei den moderneren Einspielungen ab ca. 2000 erkennen kann. Der Klang des Orchesters, so gut es auch spielt und klingt, ist weit weg von der Opulenz der prachtvollen, tendenziell opulent klingenden, tendenziell emotionsgesättigten Aufnahmen der 60er und 70er aus Berlin, Amsterdam, Wien oder Los Angeles. Man kann jedoch nicht behaupten, dass man in Freiburg nicht offen für Sehnsüchte und Leidenschaften wäre, und das Orchester klingt dann auch durchaus sinnlich, aber immer auch schlank und beweglich. Der Genesende erfährt eine sehr dramatische Darbietung, der Höhepunkt erscheint jedoch irgendwie nur knapp angerissen und schon geht es weiter. Das zügige Voranschreiten, schon in der Introduktion bemerkbar, wird durchgezogen.

Im Tanzlied kommt die Solovioline von Jermolay Albiker sehr gut zur Geltung, auch er vermeidet jedes dicke auftragen. Das Tanzlied erklingt kammermusikalisch präsent, ungemein tänzerisch und flott. Der Höhepunkt wirkt klanglich etwas leichtgewichtig, die verwendete Röhrenglocke ist ohne größere Einschränkung gut hörbar, ohne dass das fff des Tutti beeinträchtigt erscheinen würde. Das „Nachtwandlerlied“ erklingt ganz zart und luftig, ätherisch und leicht, es erscheint uns als das am Gefühlvollsten dargebotene Teilstück der ganzen Darbietung.

Die Aufnahme klingt sauber und klar. Transparenz erscheint das oberste Gebot gewesen zu sein. Es klingt dynamisch, nicht opulent. Man denkt, das Orchester spiele immer noch in der Tradition Rosbauds.

 

 

4-5

Kazushi Ono

Badische Staatskapelle Karlsruhe

Antés

1998, live

34:57

Diese Aufnahme entstand im Konzerthaus Karlsruhe. Dort war Kazushi Ono 1996-2002 Generalmusikdirektor bis er als Nachfolger von Antonio Pappano ans Königlich Belgische Opernhaus „La Monnaie“ nach Brüssel wechselte.

Die Introduktion erklingt sehr präsent (wie die ganze Aufnahme) und sehr dynamisch. Die Pauke gibt alles (volle Power voraus), die Trompeten zeigen volle Strahlkraft und gerade dynamisch werden nicht nur bei der Orgel alle Register gezogen. Dass die Orgel da dem Orchester als ebenbürtig erscheint überrascht. Da hatten Konzerthäuser in Metropolen mit ihren Orgeln nicht soviel zu bieten. Den Streichern fehlt es ein wenig an der Homogenität, die wir bei den besten hören können. Das kann aber auch auf die direkte Mikrophonierung zurückzuführen sein, etwas weiter weg, wäre der Eindruck schon wieder ein anderer. Ansonsten zeigt sich das Orchester hervorragend disponiert, man wollte, wenn man schon einmal aufgenommen wird und eine CD produziert wird, die Chance beim Schopfe packen und sich im besten Licht präsentieren und das ist auch gelungen. Sonst steht man ja nicht gerade im Fokus der Plattenindustrie oder im Fokus der benachbarten Rundfunkstation des SWR. Einmal im Jahr wird ein Konzert mit der Badischen Staatskapelle vom SWR aufgenommen und gesendet.

Das Spiel im Verlauf erscheint ausdrucks-, druck- und temperamentvoll. Im Tempo nimmt man viel von Strauss´ Eigenaufnahme auf, variiert es jedoch ein wenig und spitzt noch ein wenig mehr zu. Immer hat der Dirigent anscheinend einen Fokus auf dem Blech und geht damit mit den Interessen der Aufnahmetechnik konform. Manches klingt ungewöhnlich deutlich, laut und robust. Das passiert im Eifer eines Mitschnitts eines Live-Konzerts schon einmal ganz gerne. Eine enorme Luftreserve scheinen die Hörner zu nutzen. Besonders hochemotional erklingt der Genesende, dessen Höhepunkt vor der Generalpause beeindruckt.

Das Tanzlied wirkt entspannt und wenn wir das richtig hören, dann ist da eine kleine Portion Wiener Caféhaus oder wie man so schön sagt „Wiener Schmäh“ auch mit drin. Wer hätte das gedacht: Ein Orchester aus Baden mit einem japanischen Dirigenten entführt uns nach Wien. Hochmotiviert spielt man gefühlvoll und mit Wärme, auch Eleganz, aber vor allem mit überschwänglichem Temperament. Der finale Höhepunkt erscheint dynamisch voll ausgereizt zu sein, was den fundamentalen Nachteil mit sich bringt, dass man von der Mitternachtsglocke überhaupt nichts mehr hören kann. Schade. Ansonsten hört man hier einen beeindruckenden Leistungsnachweis aus der Südwestdeutschen Provinz, wobei Provinz nicht abschätzig, sondern nur als Gegensatz zu haupt- oder weltstädtisch gemeint ist.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr offen, sehr präsent, dynamisch, luftig, doch bestens konturiert. Sehr transparent und versehen mit einer guten Tiefenstaffelung. Sehr differenziert, jedoch weniger in der Dynamik, da hört man vor allem ein knackiges Dauer-Forte. Das hat zur Folge, dass alle Publikumseinwirkungen auf den Klang wirkungsvoll übertönt werden.

 

 

4-5

Krzysztof Urbanski

NDR Elbphilharmonie Orchester

Alpha

2016, live

32:31

Diese Einspielung entstand an zwei Abenden noch in der Hamburger Laeiszhalle, kurz bevor die Elbphilharmonie eröffnet wurde und der Namen des Orchesters damit aktualisiert wurde. Herr Urbanski war seit 2015 als erster Gastdirigent beim Orchester engagiert.

Bei der Einleitung gefallen besonders das gut gelungene Crescendo der Pauke, das tiefe Bassfundament und der gute Orgelklang. Sie vollzieht sich ohne Eile. Im Verlauf besticht das Orchester mit seinem satten, sonoren Streicherklang, etwas schwer, jedoch bei Bedarf auch schön kantabel aufblühend. Vor allem bei den Hinterweltlern ergibt sich so eine süße, klangsinnliche Expressivität. Immer ohne Eile gewinnt die Darbietung etwas episches, maßgeblich vom schweren Klang beeinflusst. Nicht ohne Erregung verfährt man hier nach dem Motto: In der Ruhe liegt die Kraft. Eine Überzeugung, die man bei einigen Einspielungen spürt, beispielweise bei Karajan oder auch Michael Tilson Thomas. Die Klangtiefe steht dem Werk zumindest nicht schlecht an. Allerdings wird die Musik nicht unter Hochspannung gesetzt, allzugern wird im süffigen und sinnlichen Streicherklang geradezu „gebadet“. Im Scherzo, bei dem sich das Genie Strauss über die (Musik) Wissenschaft lustig macht reicht das Temperament gerade noch aus. Die Dynamikentfaltung vor der Generalpause des Genesenden überzeugt.

Das Tanzlied erklingt etwas schaumgebremst, das Violinen-Solo wird jedoch von Stefan Wagner charmant gespielt. Das Orchester spielt klanglich hochwertig, sinnlich, ja verführerisch, während die Leidenschaft ein wenig gezähmt erscheint. Da ist man bereits über die Schwelle zur Gemütlichkeit getreten. Zum dunklen Orchesterklang passt die recht sonore Mitternachtsglocke. Obgleich es sich vielleicht noch nicht um eine Kirchenglocke handelt.

Der Klang der Aufnahme verleiht der Einspielung ein volles Orchesterpanorama, übersichtlich, transparent und gut gestaffelt, recht präsent, sonor und klangsatt. Das Klangbild ist keine Spur hallig, die Dynamik ist ausreichend.

 

 

4-5

Michael Tilson Thomas

London Symphony Orchestra

Sony

1990

35:03

Die Aufnahme entstand in der Walthamstow Assembly Hall in London. Michel Tilson Thomas war 1988-95 Chefdirigent des Orchesters, bevor er nach San Francisco ging. Alexander Barantschik war der Konzertmeister, dem das Solo im Tanzlied anvertraut war. Dies ist die beste Aufnahme des Werkes mit dem LSO, sie wirkt expressiv, es wird liebevoll phrasiert und sie klingt viel hellhöriger und eloquenter als bei Jacel Kaspszyk, der das Werk nur ein Jahr zuvor mit dem LSO für Collins aufnahm. Auch hier bekommt die sinfonische Dichtung etwas Episches, sie wirkt jedoch weder gedehnt, noch langatmig. Das Orchester spielt (wie die Orchester oft bei „Zarathustra“ zu ihrer Bestleistung finden) in Top-Form, wobei wir vor allem das Blech der Superlative herausstellen wollen. Besonders die kammermusikalischen Passagen wirken strahlend und luzide, ohne dass die nötige Wärme vernachlässigt werden würde. Die Temponahme im Verbund mit dem Temperament neigt ein klein wenig zur Bedächtigkeit, wirkt zugleich besonders bewusst und „durchdrungen“. Ganz besonders langsam erscheint die Wissenschaft, da wird regelrecht buchstabiert, konjugiert, konfiguriert und substituiert in aller meditativer Breite. Im Fortgang mangelt es nicht an Virtuosität und Brillanz, wenn es beispielsweise um das kleine Scherzo geht. Auch der Genesende strotzt nur so davon, wirkt dann besonders kontrastierend wunderbar dynamisch und offensiv. Das Solo der Violine wirkt, obwohl nicht künstlich herangeholt schön präsent und deutlich. Man darf ebenfalls das Londoner Holz loben, das die Härte früherer Jahre hinter sich gelassen hat. Das Tanzlied erklingt in Summe bewegend. Die Mitternachtsglocke klingt in dieser Aufnahme glasklar, man hat eigens im Orchestergetöse „Platz“ dafür gelassen. Im Nachtwandlerlied paart sich ätherische Wirkung mit einem warmen Klang.

Der Klang der Aufnahme erscheint rundum besser als der fast gleichzeitig mit dem gleichen Orchester aufgezeichnete Klang von Collins mit Herrn Kaspszyk. Es klingt wärmer, runder, voller, weicher und präsenter. Nicht hallig, körperhaft und mit der in diese Musik einkomponierten Sinnlichkeit. Allerdings könnte es noch etwas sonorer klingen und klarer gestaffelt sein.

 

 

4-5

Riccardo Chailly

Lucerne Festival Orchestra

Decca

2017, live

34:03

Die Werke von Richard Strauss waren (und sind) für den Dirigenten Riccardo Chailly, der übrigens ein begeisterter Schallplattensammler ist, nicht unbedingt von zentraler Bedeutung. Es existierten jedenfalls vor dieser Einspielung keine weitere mit Werken von Strauss, weder eine Oper, noch eine Sinfonische Dichtung. Im Konzertsaal mag es anders gewesen sein.

Die Introduktion stellt einen strahlenden und kraftvollen Beginn dar, bei dem auch die Orgel mit viel Kraft und Erhabenheit zur Stelle ist. Das Spiel des aus erlesenen Musiker bestehenden Saisonorchesters (insbesondere auf den Mitgliedern des Mahler Chamber Orchestra aufbauend) wirkt äußerst differenziert und zeigt einen feinen, ausgewogenen Klang der Spitzenklasse, dem höchstens ein wenig mehr Wärme fehlt. Ein Wunderwerk an Präzision, die jedoch das Spiel ein wenig kalkuliert wirken lässt. Die Transparenz des Klangs ist vorbildlich und der Spannungsbogen bricht nie ab, er erscheint jedoch auch nicht so expressiv wie bei Karajan (1973). Den spezifisch schimmernden Glanz der besten Strauss-Orchester aus Berlin, Wien, Dreden, München oder Amsterdam bietet das Orchester nicht an, dennoch darf man die Orchesterkultur als grandios bezeichnen. Das Fehlen an dem spezifisch, über Jahrzehnte gewachsenen Klang mag vielleicht auch von der besonders analytisch geprägten Aufnahmedisposition geprägt oder verstärkt worden sein. Dass das Spiel des Orchesters enorm leichtgängig wirkt und seine Virtuosität ganz besonders schlackenlos, scheint dem Ausdruck sogar etwas Tiefe wegzunehmen. Das Stück bekommt so als Ganzes einen ganz leichten Scherzo-Charakter mit. So viel Till Eulenspiegel klingt in keiner anderen Einspielung mit an. Der Philosophie wirkt die Musik so noch ein Stückchen weiter enthoben als sonst. Für die Partiturleser unter uns ist diese Aufnahme besonders erhellend, so klar und offen liegen sämtliche Details nur höchst selten vor uns. Besonders die kammermusikalischen Passagen klingen bestechend klar und werden empathisch gespielt. Gerade im Tanzlied. Leider konnten wir den Namen des Konzertmeisters oder der Konzertmeisterin nirgends entdecken. Bei dieser Einspielung dürfen die Ohren schon fast Urlaub machen, so leicht und deutlich fliegt hier die Musik hinein. Die Mitternachtsglocken sind bestens hörbar, sogar die lautesten Schläge, die sonst meist vom Orchester-fff übertönt werden und geradezu untergehen.

Die Aufnahme klingt sehr klar und deutlich, so klar, dass sie der Musik fast ihr Mysterium raubt. In allen drei Dimensionen wird das Klangbild bestens gestaffelt. Es klingt bestens konturiert und sehr plastisch, nie plump oder massiv. Diesbezüglich schlägt diese Einspielung nahezu alle anderen aus dem Feld. Die Dynamik erscheint ebenfalls überdurchschnittlich. Es ist erstaunlich, wie leicht verdaulich und eingängig das Werk so wirkt. Brillant und fast holographisch durchleuchtet wirkt die Faktur. Herzenswärme oder nur Empathie ist nicht unbedingt die Stärke dieser Einspielung. Der Klang gewährleistet aber volle Teilhabe an der Komposition, besonders an der fulminanten Orchestrierungskunst des Komponisten.

 

 

4-5

Georg Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1975

30:42

Diese Einspielung wurde im Medinah Temple zu Chicago aufgenommen. Zu LP-Zeiten hatte sie einen schweren Stand, denn der komplette Zarathustra musste sich auf einer Plattenseite regelrecht zusammenkauern. Noch schlimmer ging es auf der anderen Seite zu, da wurde es für Till und Don Juan gemeinsam noch enger. Das tat der Dynamik gar nicht gut und der Klang als Ganzes verflachte deutlich. Da hat man zu viel gewollt oder man wollte den „Korb“ für den Käufer zu reichlich füllen. Vielleicht hat sich Mister Solti von dieser Vorgabe verleiten lassen, nahezu halsbrecherische Tempi vorzugeben, die das hochvirtuose Orchester allerdings nicht ins Schwitzen brachten. Auf CD hört es sich mittlerweile jedoch ganz anders an als damals auf der mit engster Rille gefüllten LP. Es gibt noch eine zweite Einspielung des Zarathustra mit Sir Georg, der unterdessen geadelt wurde, aus den 90ern. Obwohl in Berlin entstanden, stand sie unter keinem glücklichen Stern und sie kann trotz des teils überrasanten Tempos, das Solti 1975 anschlägt, der Chicagoer Aufnahme nicht das Wasser reichen.

Nur in der Introduktion lässt sich Georg Solti mehr Zeit als in Berlin. Alle anderen Tempi sind schneller und wirken erheblich draufgängerischer. Das Orchester scheint mit viel mehr Herz bei der Sache zu sein als die Philharmoniker 1996, vielleicht kam man in Berlin mit Sir Georg auch nicht so recht auf eine Wellenlänge oder man hatte einen dieser „tage“ erwischt, an denen es nicht so recht „lauft“. Es klingt in Chicago viel spannender, mit mehr Emphase gespielt, mit einem durchdringenderen Espressivo. Vielleicht hatte Mister Solti anno ´75, die Aufnahme von Fritz Reiner im Ohr und versuchte alles, um die noch zu übertreffen. Die Aufnahme von 1975 braucht in Sachen Energie lediglich die Bostoner Aufnahme mit William Steiberg zu fürchten. Bei beiden hatte die Orchester den „Tiger im Tank“. Durch das ungemein drängende Spiel gerade bei der großen Sehnsucht und bei den Freuden und Leidenschaften fühlt man sich viel mehr mit eingezogen, auch wenn die Übergänge zwischen den einzelnen Abschnitten vielleicht vor lauter Drang des Raffinements entbehren. Gerade wenn man sich der 73er Karajans erinnert. Da kommt bei Solti etwas Gehetztes mit ins Spiel, wahrscheinlich oder sicher nicht einmal unbeabsichtigt. Es besteht die Gefahr, dass die Abschnitte bruchstückhaft werden. Sehr transparent wird die Fuge der Wissenschaftler gehalten und an Glanz und blendender Virtuosität mangelt es dem kurzen Scherzo-Abschnitt ganz gewiss nicht. Ganz im Gegenteil. Der Genesende klingt enorm zugespitzt. Bei Solti wird der Übergang zum Übermenschen mit enormer Virtuosität, Kraftentfaltung und Zuspitzung glaubhaft gemacht. Das klingt viel muskulöser und auch geistig fulminanter als in Berlin 21 Jahre später. Klar, es klingt auch knallig herausgeputzt, mit einem Maximum an perfektionierter Virtuosität. Da stand vielleicht wirklich noch der Schatten der Reiner-Aufnahme als Triebfeder dahinter. Wir wissen es nicht. Der überaus drängende Gestus hätte das Philisterhafte, das Strauss an seiner Zeit störte sicher im Sturm hinweggefegt. Das Tanzlied mit einem nur auf der LP genannten Samuel Magad als Konzertmeister verströmt wenig Wärme und Eleganz. Da ist immer noch viel forsch und seltsam burschikos wirkende Energie und Impulsivität mit dabei. Da hat der Übermensch plötzlich das Antlitz eines Hochleistungssportlers. Das etwas steife Vibrato der Solo-Violine passt zwar gut dazu, vermag aber nicht so recht zu begeistern. Die Mitternachtsglocke kann sich kaum im druckvollen Getöse des Höhepunkts durchsetzen. Sie erscheint viel zu zurückhaltend. Dem Nachtwandlerlied fehlt es ähnlich dem Tanzlied an Wärme. Da leuchten die Sterne etwas kalt, die Dissonanz klingt recht scharf. Eine Aufnahme, die mit ihrer gleißenden Brillanz und Virtuosität noch lange im Gedächtnis bleibt. Strauss à la Solti. Der 1975 noch voll unter Feuer stand.

Von den beiden Einspielungen Soltis klingt die ältere Analogaufnahme freier, detailreicher und offener als die neuere Berliner von 1996. Sie klingt auf CD erheblich transparenter und dynamischer als auf LP. Die ältere erscheint noch mehr von Strauss´ Eigenaufnahme beeinflusst als die neuere und dann zusätzlich noch stark mit dem ungarischen Temperament Soltis versetzt.

 

 

4-5

Wolfgang Sawallisch

Philadelphia Orchestra

EMI

1996

32:33

Herr Sawallisch stand dem Orchester aus Philadelphia von 1993-2003 als Musikdirektor vor. In dieser Zeit erschienen vornehmlich bei EMI zahlreiche Aufnahmen, darunter die meisten Tondichtungen von Richard Strauss. In diesem Fall nahm man das Orchester in den Giandomenico Studios in Collingwood, New Jersey, auf, während man zur Aufnahme der Orgel in die Church of St. Anastasia in Newton Square, Pennsylvania ging. Wenn man die Chance dazu hat, lässt man die Orgel auch klangtechnisch dominieren.

Die Introduktion wirkt weit in den tiefen Raum zurückgesetzt, die Pauke erscheint so besonders wenig präsent, während die Orgel eine größere Rolle einnimmt als gewöhnlich. Trotzdem enttäuscht die Introduktion ein wenig. Die Hinterweltler können dann im warmen und weichen Klang der Streicher des Orchesters langsam und genussvoll schwelgen. Sawallisch scheint sich mehr Zeit zu nehmen, als die Uhr es preisgibt. Dies ist eine der ruhevollen Einspielungen, die es jedoch vermeidet kitschig zu erscheinen. Dazu trägt der ungemein homogene und orgelhaft füllige Orchesterklang viel dazu bei, mehr als die tatsächlichen Tempi. Die „Große Sehnsucht“ erklingt ebenso unaufgeregt und ohne eine von außen herangetragene Dramatisierung. Das aufwallende „sehrende“ Espressivo Karajans bieten die Philadelphians nicht auf. Die Streicher zeigen ihre Leuchtkraft bei den Wissenschaften, das Scherzo zeigt nur zurückhaltende Ironie. Beim Genesenden, der in seiner „Zugkraft“ im Verlauf mächtig zulegt, wirkt die Akustik zu hallig um alle Strukturen hinreichend offenzulegen. Anscheinend hat man sich auch für das Orchester auf die hallige Kirchenakustik der Orgel festgelegt. Es muss ja auch zusammenpassen. So erscheint der Klang zwar hinreichend plastisch, eine straff klingende Zuspitzung ist jedoch nicht möglich. Beim Höhepunkt vor der Generalpause merkt man dann, dass die Orgel dann doch eine längere Nachhallzeit in Anspruch nimmt als das Orchester. Im Großen und Ganzen fällt diese Diskrepanz nicht störend auf. Im Studio hat man den fehlenden Hall der Kirche gekonnt zugemischt.

Das Tanzlied mit dem exzellenten Erez Ofer als Solisten bringt Schwung und Gemütlichkeit mit, klingt weder starr noch besonders aufregend. Durch die weitausschwingende Akustik kommt der „kosmische“ Aspekt ganz gut zum Zuge. Die besonders sonore Kirchenglocke mit ihrem weit ausschwingenden Klang (wenn man schon einmal wegen der Orgel in einer Kirche aufnimmt, dann kann man die Glocke doch gleich auch noch „mitnehmen“, wenn die Stimmung passt) werten die ganze Mitternachtsszene auf.

Der Klang der Aufnahme zeigt eine luftige Räumlichkeit, das Orchester klingt als Ganzes etwas zurückgesetzt, wie man es besonders in den 90er Jahren mochte. Es wird dann nochmals in die Tiefe gestaffelt. So wirkt das Klangbild hallig und leicht diffus, zudem minimal belegt. Dem schwelgerischen Luxusklang hätte etwas mehr Präsenz unserer Ansicht nach nicht geschadet. Es könnte vor allem beim Blech noch etwas praller klingen und das Holz hätten wir gerne etwas deutlicher gehört. Das Orchester klingt trotz dieser Einschränkungen brillant und man kann es in seiner ganzen Klasse und Raffinesse immer noch gut hören.

 

 

4-5

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS-Sony

1963

32:49

Mister Ormandy nahm „Also sprach Zarathustra“ drei Mal jeweils für das für die jeweilige Zeit zuständige Label auf, bei dem er unter Vertrag stand. 1963 für CBS, 1975 für RCA (beide mittlerweile zu Sony gehörend) und 1979 für EMI (jetzt Warner), jeweils mit „seinem“ Philadelphia Orchestra, dem er von 1938 bis 1980 als Musikdirektor vorstand. Leider kennen wir nur die CBS-Aufnahme von 1963. Aber meistens sind die CBS-Stereo-Aufnahmen noch gelungener als die später aufgenommenen. Ausnahmen bestätigen freilich die Regel.

Die Introduktion erklingt schwungvoll, dynamisch und kraftvoll. Das Spiel des Orchesters erscheint hochklassig, sehr ausgewogen und mit viel Espressivo versehen. Es klingt jedoch starrer als die Berliner oder Dresdner, nicht ganz mit derselben Fülle, aber farbig und sonor und noch nicht einmal mit einem zusätzlichen Hang ins Großartige, was man vielleicht aufgrund der Kenntnis vieler andere Einspielungen des Dirigenten mit diesem Orchester hätte vermuten können. Man bleibt immer dicht an der Partitur. Zumindest einmal in dieser ersten von drei Aufnahmen. Die Darbietung wirkt bei aller Kompetenz auf uns nicht ganz so spezifisch oder einzigartig, wie die der großen europäischen Orchester, der Klang bleibt jedoch ebenfalls nahezu unverwechselbar (besonders wenn die Oboe sich meldet). Die Interpretation wirkt schlüssig und spannend, unverbissen, nie glatt aber doch irgendwie wie selbstverständlich. Die harte Oboe und das gut dazu passende und daher ebenso hart klingende Englischhorn können uns nicht so recht begeistern. Von der Wissenschaft wird warm, mild und eigentlich mit viel Herz gespielt mit den glänzend fugierenden Violinen, das halten andere viel mehr im matten, oft drögen Bereich. Auf dem Weg zum Ende der sinfonischen Dichtung findet man immer wieder kleine orchestrale Wunder, von denen sich Ormandy selbst natürlich nicht ablenken lässt. Im Tanzlied findet man viel Sinn für die „Wiener Note“, eine sehr klar und deutlich abgesetzte Solovioline, die es erst im Nachtwandlerlied mit ihrem Vibrato übertreibt. Im Nachtwandlerlied selbst lässt es der Konzertmeister flackern, als wäre das Laternenglas kaputt und die Flamme der Kerze würde vom Wind gebeutelt. Das ist zwar übertrieben dargestellt, aber unseren Geschmack trifft es nicht so recht. Gegenüber der zeitlich benachbarten zweiten RCA-Aufnahme mit Fritz Reiner (1962) erreicht Ormandys Nachtwandlerlied  ein flotteres Tempo, es klingt aber ebenso gebührend dissonant und die drei Schluss-Pizzicati von Celli und Bässen im ppp sind ebenso deutlich.

Angesichts des AD klingt es üppig, sonor, doch konturiert und präsent, räumlich und transparent, farbenfroh und sonor. Ormandy hat immer ein Auge für die Basslinie übrig. Der Klang gefällt besser als der der Nachfolge-Aufnahme bei CBS. Das war die Bernstein-Aufnahme von 1970, die auch sonst nicht ganz an das von Bernstein gewohnte Niveau heranreicht. Es gibt bei Ormandy noch die ausgeprägten Stereo-Effekte, die man auch in der 1962er mit Reiner hören kann. Insgesamt ein sehr guter CBS-Analogklang einer guten Aufnahme, die immer ein bisschen im Schatten der Reier-Aufnahmen stand, zumindest einmal in Europa.

 

 

4-5

Zubin Mehta

Los Angeles Philharmonic Orchestra

Decca, JVC, Lime, K2HD

1968

33:23

Zubin Mehta gehört der parsischen Religionsgemeinschaft an, die bis auf Zarathustra als Religionsstifter zurückgeht. Vielleicht rührt daher das besondere Verhältnis zu dem Stück, denn Herr Mehta hat es sein Dirigentenleben lang immer wieder gerne programmiert. So gibt es von ihm drei Einspielungen auf Tonträger, aus Los Angeles (1968), New York (1980) und Israel (2007), alle drei können wir innerhalb unserer Liste vorstellen. Wir haben in unserem kleinen Rundfunkarchiv jedoch noch eine Live-Aufnahme aus Dresden (2010) und eine aus Wien (2020) gefunden, wobei Zubin Mehta bei der letztgenannten bereits auf 84 Lebensjahre zurückblicken konnte.

Ähnlich der ersten Stereo-Aufnahme mit Fritz Reiner von 1954 eilt dieser 68er Decca der Nimbus voraus, ein audiophiles „Schmuckstück“ oder ein audiophiles „Schlachtross“ zu sein. Ein wirklich seltsamer Ausdruck dafür, dass man in Hörstudios zum Zwecke des Tests von Anlagenkomponenten und/oder Tonträgern gerne genau diese oder ähnlich gelungene Aufnahmen herangezogen hat. Der „Sonnenaufgang“ eignete sich dazu besonders gut, weil er in kürzester Zeit viele verschiedene prägnante Eindrücke vermittelt, an die man sich besonders gut erinnern kann, um sie erneut mit dann ausgetauschten Komponenten der Anlage zu vergleichen. Nur so konnte man sich die Musikanlage zusammenstellen, die den persönlichen Geschmack am besten traf. Oder eben verschiedene Tonträger desselben Stückes in Sachen Klangqualität vergleichen. Viel weiter als bis zum Beginn der Hinterweltler hörte man zu diesem Zweck nicht mehr, sodass das Stück selbst fast zur Gänze unbekannt blieb. Es war nur eine für das Unterfangen notwendige Nebensache. Das nur ganz nebenbei. Wir wissen gar nicht, ob es diese Spezies des Homo musicus überhaupt noch gibt. Er war bzw. ist immer noch übrigens fast immer männlichen Geschlechts.

Entsprechend gibt es auch von dieser Aufnahme unzählige audiophile Spezialeditionen auf CD und LP, die versuchten das Beste aus der Aufnahme herauszuholen. Gegen ein entsprechendes Entgelt, das nur Liebhaber bereit sich zu entrichten.

Doch nun zurück zur 1968er Einspielung von Herrn Mehta. Er war da gerade einmal 32 Jahre jung, also genauso jung wie Richard Strauss bei der Komposition des Zarathustra. In der Introduktion klingt das Blech sehr präsent und direkt, als ob man das Mikro direkt davor aufgestellt hätte, gleiches lässt sich von der enorm spektakulär eingefangenen Pauke schreiben. Sie klingt als stünde sie in unmittelbarer Nähe des Hörers, genau vor ihm, wenn er im „Sweet Spot“ sitzt. Auch die Orgel ist in der Lage gebührend mitzuhalten. Es klingt komplett (also auch im Tutti) etwas vordergründig, aber wirklich sagenhaft spektakulär. Mehta wählt dazu ein langsames, getragenes Tempo, sodass einem kein Detail entgeht. Es klingt extrem mächtig und prunkvoll. Hier wird nicht gekleckert, sondern majestätisch geklotzt. Hollywood ist nicht weit, das merkt man dieser Einspielung an, oder vielmehr dieser Introduktion. Es schließt sich nämlich eine durchaus ernste, eindringliche, sehr farbenfrohe und gut gespielte Version des Stückes an. Man sollte ihr aus der Hollywood-Einleitung keinen Strick drehen, sondern zu Beginn einfach etwas leiser drehen, und danach etwas lauter. Aber bloß nicht umgekehrt.

Es klingt auch bei den Hinterweltlern mit einem großen, üppigen Sound und es gibt ein üppiges Espressivo. Es fehlt jedoch nicht an Differenzierung, es grummelt und glitzert allerdings auf einem klanglichen Referenzniveau. Vor allem die Bässe wirken wie vergrößert, wie eigentlich vieles an dieser Aufnahme. Es klingt jedoch immer noch konturiert. Die recht differenzierte Handhabung der Dynamik verhindert, dass sich der Klang schwülstig anfühlt und dass er sogar zu einem besonderen Genuss wird. Mitunter scheint das Holz stark hervorgehoben. Der Höhepunkt des Genesenden wirkt dann allerdings doch ein wenig gebremst. Es schließt sich die längste Generalpause aller Einspielungen an. Im Tanzlied spielt Konzertmeister David Frisina sehr tonschön, jedoch ein wenig gezierter, steifer als die allerbesten Kollegen. Im Verlauf fehlt es nicht an vorantreibendem Schmiss. Eine ungetrübt jubelnde Stimmung will sich nicht so recht einstellen, dazu wirkt es doch ein wenig zu inszeniert. Spielerische oder auch tröstliche Reminiszenzen gefallen. Der Höhepunkt am Ende des Tanzlieds klingt großartig. Allerdingt lässt man der Mitternachtsglocke nicht den Raum den sie braucht um sich zu entfalten (wie später in New York). Hier gibt das Orchester „volles Rohr“ (con tutta forza) und die Glocke hat das Nachsehen. Das Nachwandlerlied „entschädigt“ durch den angenehmen, warm timbrierten, luziden Klang und mit schonungslosen Dissonanzen. Sehr deutliche Schluss-Pizzicati.

Der Klang der Aufnahme wirkt auch heute noch spektakulär. Das Orchester klingt (mit der Orgel) tief und mächtig, sonor und mit einer saftigen Dynamik Sie wirkt dynamischer als die zwölf Jahre jüngere New Yorker Einspielung, mit der man auf spektakuläre Weise die damals neue Digitaltechnik einführen wollte. Die Decca-Aufnahme klingt brillant, sehr körperhaft und warm, sehr weich und abgerundet, doch noch nicht mit der Transparenz der späteren New Yorker Aufnahme. Auch heute noch ein lukullischer Ohrenschmaus für jung gebliebene Audiophile, die das Spektakuläre mögen oder ihm nicht abgeneigt sind.

 

 

4-5

Zubin Mehta

New York Philharmonic Orchestra

CBS-Sony

1980

31:23

Also sprach Zarathustra kann als ein Paradestück Zubin Mehtas bezeichnet werden. Fünf Aufnahmen liegen uns vor, davon drei für kommerzielle Tonträger und zwei Mitschnitte von Konzerten, die im Rundfunk übertragen wurden. Zubin Mehta wurde 1978 Musikdirektor des New Yorker Orchesters und blieb dort 13 Jahre. Obwohl das die bisher längste Amtszeit eines Musikdirektors in New York war, gilt seine Zeit dort als eine weniger glückliche innerhalb der Geschichte des Orchesters. Die Aufnahme 1980 markiert die erste Aufnahme des Zarathustra in der neuen Digitaltechnik, zunächst noch nur auf LP veröffentlicht. Obwohl man sie unter diesen Umständen als klanglich ausgesprochen gelungen bezeichnen darf, stand sie in der Gunst der Musikfreunde immer hinter der 68er Aufnahme aus Los Angeles zurück. Obwohl es auch bei dieser Einspielung schnell zu Neuauflagen kam, weil die vorigen schnell vergriffen waren. Auffallend ist das beschleunigte Tempo, wobei es ins Auge fällt, dass der Dirigent die Tempi immer bei diesem Werk wieder relativ deutlich variiert hat, das mag mit den verschiedenen Akustiken der Konzertsäle zusammenhängen, dem Zusammenspiel mit der Orgel oder aber auch mit unterschiedlichen Dispositionen des Dirigenten selbst, denn die Aufnahmen ziehen sich über viele Jahrzehnte hin (genauer über 52 Jahre!), und auch ein Zubin Mehta mag dabei mal bessere und schlechtere Tage gehabt haben.

Bei der New Yorker Einspielung war er 44 Jahre und bei bester Gesundheit. Die Tempi wirken gegenüber Los Angeles zügiger.

Die Orgel klingt besonders tief, sodass sich diese Aufnahme bestens zur Dröhn-Probe der Basschassis der Lautsprechen eignet bzw. der Subwoofer, wenn man denn welche im Einsatz hat. Sie klingt wie so oft ein wenig zu tief, aber eine Orgel umzustimmen ist eine Aufgabe, die sich über mehrere Wochen hinziehen, zudem extrem temperaturabhängig ist. Den wenigsten Hörern wird eine leichte Diskrepanz überhaupt auffallen, weshalb man sich diese Sisyphusarbeit gerne erspart. Kostet ja alles eine Menge Geld. Das Espressivo der Violinen überzeugt, man merkt, dass Mister Mehta eine klare Vorstellung vom Werk hat und weiß, worauf es ankommt. Wir hören generell eine effektvolle, dynamische Einspielung, bei der die Harfenstimme besonders deutlich hervorkommt. Auch bei der oft sehr langsam sich entwickelnden „Wissenschaft“ tritt Mehta nicht auf der Stelle, man zieht das Geschehen mit einem gewissen Impetus nach vorne, damit die Aufmerksamkeit nicht nachlässt. Ein ähnliches Tempo schlägt Herr Mehta übrigens in Dresden 2010 wieder an. Er weiß, worauf es ankommt, um das Werk effektvoll und abwechslungsreich klingen zu lassen. Die langjährige Beschäftigung macht sich bereits 1980 „bezahlt“. Es klingt einfach stilsicher und das Orchester zeigt sich von seiner brillanten Seite, was in der 13jährigen Ägide nicht selbstverständlich war. Die Übergänge werden flexibel gehandhabt.

Der Konzertmeister, es ist Glen Dicterow, ist von sehr weit links zu hören, ansonsten erscheint das Orchester ausgewogen im Klangbild verteilt, was nicht selbstverständlich ist. Das Tanzlied klingt schwungvoll, man spürt die Verbindung Mehtas mit dem Wiener Idiom, denn mach bayerischen Ländler klingt es bei ihm überhaupt nicht. An Aufregung mangelt es nicht. Das ist bei den späteren Aufnahmen einer gewissen „Altersweisheit“ gewichen. Die Glocke während des Höhepunkts klingt sehr klar, aber leider nur zu dem Preis, dass man den Rest des fff-Getöses des Tuttis runtergedreht hat. Man musste sich für eine Prämisse entscheiden. Beides zugleich (laute Glocke und lautes Orchester) war anscheinend noch nicht möglich. Das Nachtwandlerlied wird mit Perfektion gespielt, die Wärme vieler europäischer Einspielungen sucht man allerdings vergebens. Da greift man dann doch gerne auf Berlin, Dresden, Wien, München oder Amsterdam zurück. Da hat das alte Europa noch die Nase vorn. Dies ist erneut eine Einspielung, die man landläufig ebenfalls unterschätzt haben mag. Besser als ihr Ruf, der sozusagen mittlerweile gar nicht mehr existent ist, wenn Mehta, dann wird immer die Aufnahme aus Los Angeles genannt.

Sehr tiefer Orgelbass, wuchtige Dynamik, trotz frühester Digitaltechnik bereits gute, kaum unterkühlte Klangfarben, gute Transparenz. Der Klang wurde damals als sensationell gefeiert, allerdings mit dem gewissen Hype des Neuen und der entsprechenden Promo. Vor allem wegen Transparenz und Dynamik. Unter ihresgleichen sticht sie auch heute noch heraus. Während das Gros der Digitalaufnahmen der Frühzeit total enttäuschten, konnte man wegen solcher Einspielungen damals hoffen, dass doch einiges Potenzial in der neuen Technik steckt.

 

 

4-5

André Previn

Wiener Philharmoniker

Telarc

1987

34:46

Diese Aufnahme wurde anders als die DG-Einspielung mit Lorin Maazel zur Gänze im Goldenen Saal des Musikvereis eingespielt. Innerhalb einer Reihe von Einspielungen, die fast alle Sinfonischen Dichtungen von Richard Strauss umfasst. „Till“, „Don Juan“ und „Tod und Verkläung“ hatte Andre Previn bereits zuvor für EMI eingespielt, ebenfalls mit den Wienern.

Die Einleitung bietet einiges. Mächtig und tief grollend und mit viel Glanz lässt sich das österreichische Spitzenorchester mit der besonders reichen Tradition hören. Enorm tief die Gran Cassa, mächtig die Pauken. Eine der spektakulärsten und mächtigsten „Sonnenaufgänge“ überhaupt. Die Orgel erklingt (zumindest in unseren Ohren) deutlich gegenüber der Maazel-Aufnahme verbessert. Gegenüber Karajan (1959) sowieso, denn da nahm man das Orchester im Sophiensaal auf und improvisierte mit einer separat zugemischten Orgel aus der ungeheizten Wiener Militärkapelle, obwohl es an einem geeigneten Mischpult fehlte. Davon später mehr. Bei Previn wirkt nun alles geordnet und ruhig. Nicht nur die Introduktion, die ganze Darbietung erklingt mit dem dieses Mal gegenüber Maazel etwas matter schimmernden Glanz der Wiener, der hier nostalgisch-betörend ins rechte Licht gerückt wird. Man muss sagen erneut ins rechte Licht gerückt wird, denn bisher gab es außer den beiden von Strauss selbst dirigierten Aufnahmen bereits Einspielungen von Clemens Krauss, Karajan und Lorin Maazel mit dem Wiener Traditionsorchester zu hören und alle dürfen als gelungen gelten.

André Previn dirigiert mit viel Feingefühl, ohne dass es zu Spannungseinbrüchen käme, detailreich und nuanciert ohne je mit der Geradlinigkeit eines Clemens Krauss überhaupt konkurrieren zu wollen. Aber auch nicht ohne Temperament (vor allem bei der Genesende).

Das Tanzlied erklingt eher langsam, entspannt und vielleicht ein bisschen verträumt. Weniger euphorisch, aber mit plastischem Gelächter. Das ist vielleicht nicht der Übermensch, den sich Nietzsche vorgestellt haben mag, aber er wirkt so sicher charmanter und liebenswerter. Gerhard Hetzels Solo-Darbietung ist ein Traum, er spielt traumhaft und es klingt auch so. Dieses Mal gibt es mit der Mitternachtsglocke keine Probleme, denn die dieses Mal edel klingende Glocke kann gegenüber dem Orchester-fff bestehen. Da haben sich die Telarc-Techniker viel Mühe gegeben. Das Nachtwandlerlied erklingt (für uns leider) ziemlich vibratogesättigt. Aber da gehen die Geschmäcker wahrscheinlich auch heute noch auseinander. Es wirkt weniger innig und bescheiden, wenn das Vibrato dermaßen „bebt“. Man fragt sich, warum man zum (guten?) Schluss noch so auftragen muss, war die Einspielung bisher doch wunderbar in Balance.

Der Klang der Telarc-Aufnahme klingt nicht so präsent und energisch wie 1983 bei DG, leider wirkt sie auch etwas halliger und distanzierter. Da zeigt sich schon der später weitverbreitete Geschmack der 90er Jahre. Aber man erhält eine verbesserte Übersicht über das ganze Orchester. Der sinnliche Klang des Orchesters ist nach wie vor erfahrbar, sehr dynamisch, sehr detailreich. Besonders hervorzuheben ist die tiefe Raumabbildung. Ein audiophiles Gedicht für die, die gerne ins Schwelgen kommen oder die gerne mit dem Orchester gemeinsam um die Wette schwelgen.

 

 

4-5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

Testament

1970, live

35:02

Diese Einspielung wurde vom ORF 1970 anlässlich der Salzburger Festspiele im Großen Festspielhaus aufgenommen. Die Darbietung bringt prinzipiell alle Meriten mit, die man in der 1973er DG-Produktion ebenfalls hören kann. Sie wirkt ruhig und abgeklärt und obwohl sie klanglich gegenüber der Berliner Produktion deutlich abfällt, funkelnd und glänzend. Der Beginn wirkt seitens der Trompeten leicht verwackelt, die Introduktion wirkt als Ganzes etwas gedämpft, die Orgel klingt sehr nach kleiner Kirchenorgel. Das Blech gemeinsam mit überwältigender Strahlkraft und Durchhaltekraft. Die Hinterweltler erklingen recht durchhörbar, kammermusikalisch klar, ohne Pathos und Überschwang zu verkleinern. Die Soloflöte lässt noch ein weitschwingendes Waber-Vibrato hören, das sich auf der Berliner Aufnahme 1973 nicht mehr findet. Bei den Philharmonikern bemerkt man allgemein einen hohen Grad an Spielfreude, der zweifellos vorhandene Glanz der Streicher geht durch die Aufnahme ein wenig verloren, nicht aber die Expressivität, die in Berlin drei Jahre später ebenfalls zu hören ist. Die Freiheit des Musizierens geht noch über die Studioaufnahme hinaus. Den tiefen Streichern fehlt im Salzburger Klangbild der Raum zur Entfaltung. Bei den Freuden und Leidenschaften dreht das Blech richtig auf, da ist ein auffallender Impetus am Werk. Die Fuge der Wissenschaft könnte besser durchhörbar sein, da fischt man buchstäblich im Trüben, weniger die Streicher als das Holz. Mit dem pp nimmt man es bei den Bläsern nicht so genau, man spielt eben live im Großen Festspielhaus, da muss man erstmal überall gehört werden können. Der Genesende wirkt antrittsschnell, leider wirken die tiefen Streicher immer noch unterbelichtet. Das Musizieren allgemein jedoch mit aller Überzeugungskraft und viel Verve. Im Tanzlied spielt bereits Michel Schwalbé (wie bereits 1958 bei Karl Böhm) mit großem, leuchtendem Espressivo-Ton, besonders gut passend zum sonstigen Orchesterklang. Das Tanzlied wird grandios gesteigert, der Klang der Rundfunkaufnahme kommt da an seine Grenze und lässt das Orchester dabei allzu massiv klingen. Der Höhepunkt lässt eine mit aller Kraft und Härte angeschlagene Glocke hören. Das wäre der richtige Weg, aber es fehlt ihr trotzdem an Substanz und Resonanz. Man bedauert, dass man kein anderes Modell als eine gewöhnliche, schwächlich wirkende Röhrenglocke mitgebracht (oder sich geliehen) hat. Selten passt sie so wenig zum grandiosen, aber auch hier massigen und über die klangtechnische Fassbarkeit hinausgehenden Orchesterklang. Sie verklingt quasi schon mit dem Anschlag sofort wieder. Das Nachtwandlerlied erklingt nie richtig leise, was die Dissonanzen zusätzlich schärft, aber die besinnliche und auch die ätherische Wirkung in Mitleidenschaft zieht. Man hört in dieser Aufnahme sehr gut, was die Berliner damals live „draufhatten“ direkt, ungeschönt, ohne die Korrekturmöglichkeiten des Berliner „Studios“ Jesus-Christus-Kirche und in einem Rutsch.

Die Aufnahme rauscht ziemlich stark, erscheint noch recht transparent und ausgewogen. Die leisen Passagen wirken sogar sehr plastisch. Die Dynamik wirkt ausgeprägt, wenn man bedenkt, dass es sich um einen Radio-Mitschnitt von 1970 handelt. Der Bass ist nur schwach aus-geprägt. Die Orchesterstaffelung wird nur andeutungsweise wiedergegeben. Man hat anscheinend sehr oft die Vollaussteuerung angestrebt und auch erreicht, ziemlich unabhängig davon welche Dynamik in Strauss´ Partitur notiert ist. Das empfinden wir als großen Nachteil gegenüber der DG-Aufnahme, die nur drei Jahre später aufgenommen wurde. Das Zuhören erscheint so ein wenig anstrengender, denn es fehlt an Ruhepunkten, nicht nur für das Gehör. Die spezielle opulente Sinnlichkeit der Berliner erreicht die Salzburger Live-Aufnahme nur ansatzweise. Dafür fehlt es nicht an Spannung. Bis auf den Schlussapplaus sind keine störenden Publikumsgeräusche zu hören.

 

 

4-5

Herbert von Karajan

Wiener Philharmoniker

Decca

1959

33:21

Eigentlich sollte dies bereits die dritte Aufnahme Karajans des Zarathustra sein, denn gewöhnlich gibt es noch eine uralte Mono-Aufnahme aus Amsterdam und eine nicht ganz so alte aus Londoner EMI-Zeiten, aber wo sind sie? Wir konnten sie jedenfalls nicht finden. Recherchen beantworteten die Frage ebenfalls so, dass es keine weiteren Aufnahmen des Zarathustra mit Karajan gibt. HvK hat dann aber für seine erste Einspielung für Decca mit den Wienern gleich den Zarathustra ausgewählt. Man wählte hierzu als Aufnahmeraum den für seine exzellente Akustik bekannten Sophiensaal aus, in dem man gerade dabei war mit Georg Solti einen spektakulär klingenden „Ring des Nibelungen“ aufzunehmen. Man hatte bei den Überlegungen wohl übersehen, dass diesem Saal eine adäquate Orgel fehlt. John Culshaw, der damalige Produzent der Decca hatte einen Assistenten dabei, der übrigens selbst später bei Decca als Produzent arbeitete, der sich dann auf die Suche nach einer passenden Orgel in Wien machte. Er fand sie in der Militärkapelle in der Wiener Neustadt. Bei der Gelegenheit spielte er die betreffenden Passagen der Orgel auch gleich selbst ein. Das hört sich alles so unglaublich spontan an, dass man es kaum glauben mag, zumal man doch eine so teure Produktion mit einem so teuren Orchester nicht ohne die Kenntnis planen kann, dass eine Orgel vorhanden sein muss und ein Organist benötigt wird. Die Improvisation war damit noch beendet, denn wie sollte man die gewonnene Aufnahme der Orgel, die man nachts bei zu tiefer Temperatur und entsprechend tiefer Stimmung gewonnen hatte, mit der Orchesteraufnahme aus dem Sophiensaal zusammenbringen, ohne dass man ein Mehrspurmischpult verwendet, das es jedoch damals noch gar nicht gab? Frühere Ausgaben dieser Aufnahme, der, es sei ruhig nochmal wiederholt, die Ehre zuteilwurde für den Film von Stanley Kubrick „2001 – Odyssee im Weltraum“ als Soundtrack verwendet zu werden, soll man eine gewisse Stückelung oder böse formuliert „Flickschusterei“ noch anhören, bei unserer neusten Ausgabe, die aus derselben Jubiläumsedition aus dem Jahr 2014 stammt in der auch die 1973er Aufnahme aus Berlin zu finden ist (mittlerweile gehören die Decca- und die DG-Aufnahmen zu einem Konzern) konnten wir davon kaum noch was bemerken. Die Praxis Orchester und Orgel in verschiedenen Räumen auszunehmen hat zwar nicht unbedingt Schule gemacht, aber sie wurde noch des Öfteren nachgeahmt, allerdings mit einer weiterentwickelten Technik. Trotz einiger hörbaren Schnitte zählt diese Einspielungen zu den legendären des Werkes. Natürlich auch für Filmfreunde aber auch für den typischen Musikfreund, vor allem durch das Spiel und den Klang der Wiener Philharmoniker. Legato und Klangfülle (in Verbindung mit dem typischen Decca-Klang der Zeit, den man als sehnig, frisch, lebendig und unmittelbar dynamisch bezeichnen darf) sind bereits voll ausgeprägt, man merkt aber, dass Karajan nicht so exzessiv mit dem Orchester proben konnte, wie 14 Jahre später mit den Berlinern. Das Wiener Orchester ist in einen engen Spielplan vor allem als Opernorchester eingebunden. Karajan war zwar von 1957-64 Chef der Wiener Staatoper, aber nicht der Philharmoniker. Die kommen seit jeher ohne Chef aus. Eine nahezu uneingeschränkte Verfügung über das Orchester wie in Berlin hatte er nicht. So erscheint die Versenkung in die Musik noch nicht so weit ausgeprägt, auch bei Karajan selbst noch nicht. Jedoch merkt man dem Orchester eine große Lust am Spiel und am Klang an, besonders „Von der großen Sehnsucht“ und „Von den Freuden und Leidenschaften“ gelingen mitreißend. Karajan beherrscht bereits den Stimmungsgehalt und das Klangfarbenspektrum des Stückes meisterhaft. Er war ja bereits 51. Der Schwung im Tanzlied mit Konzertmeister Willi Boskowsky ist einfach bezaubernd, wenn er auch an den schwebenden und leuchtenden Klang von Michel Schwalbé vielleicht nicht ganz herankommt. Beim Höhepunkt werden echte Kirchenglocken hereingeschnitten, die naturalistische Weise der Tonaufzeichnung des „Rings“ machte damals Schule. Dennoch fehlt es ihnen an der nötigen Intensität. Da sind die Röhrenglocken in Salzburg und Berlin ein wenig voraus, in Wien klingt die Glocke aber einfach viel besser. In dieser Aufnahme gibt es immer wieder berückend gelungene, schöne Stellen; besonders zu finden bei den impulsiven, temperamentvollen; als Ganzes mag sie jedoch noch ein wenig bruchstückhaft wirken. Aber auch flotter, impulsiver als die Berliner Einspielungen.

Ältere Überspielungen klingen ein wenig linkslastig, so kommen zu Beginn Pauke, das komplette Blech, die wichtigsten Streicher und die Orgel allesamt von links. Kein Wunder, dass es da an Transparenz mangelt. Im spätesten gehörten Remastering von 2014 klingt das erheblich transparenter, obwohl das Orchester natürlich in derselben Aufstellung verbleibt. Gerade die Orgel klingt viel deutlicher, allerdings immer noch von links. Die Dynamik gefällt mit der besten Decca-Qualität. Besonders bei der magisch zu nennenden Sinnlichkeit und der Brillanz kommt sie jedoch noch nicht an die diesbezüglich besonders gut gelungene Aufnahme der DG von 1973 heran. Aber das ist sicher Geschmackssache.

 

 

4-5

Herbert Blomstedt

Staatskapelle Dresden

Denon, Eterna

1987

33:55

Die Aufnahme entstand wie die von 1971 mit Rudolf Kempe in der Lukaskirche zu Dresden. Die Orgel wurde allerdings nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg im gerade von 1976-84 neu aufgebauten Schauspielhaus am Gendarmenmarkt in Ost-Berlin aufgenommen und der Orchesteraufnahme hinzugemischt. 1987 war das schon kein Problem mehr. Heute nennt man das Haus übrigens Konzerthaus, folgerichtig, da dort auch damals, d.h. zu DDR-Zeiten schon keine Schauspiele, sondern Konzerte gegeben wurden.

Die Introduktion bringt viel Dynamik mit und klingt kraftvoll. Die Orgel gefällt mit sonorer Wucht und Fülle, es war eine gute Entscheidung, sich zur Aufnahme nach Berlin zu begeben. Das Blech klingt leider etwas hart, ein Tribut an die noch unausgereifte Digitaltechnik. Übrigens waren trotz der Co-Produktion mit Denon in erster Linie das übliche Techniker-Team von VEB Deutsche Schallplatten federführend. Auch der sehr schöne, weiche, aber leider auch hier ganz leicht beeinträchtigte Klang der Streicher bei den Hinterweltlern erklingt nahezu beispielhaft differenziert und auch körperhaft. Die Dresdner erweisen sich erneut nach der Einspielung von 1971 mit Rudolf Kempe als Strauss-Orchester par excellence. Auch in Blomstedts erster Aufnahme, es erfolgt ja noch eine zweite 1994 in San Francisco für Decca, gelingen die Übergänge meisterhaft und geschmeidig. Wie bei Jansons wirkt der Puls der Musik hier noch etwas ruhiger als in San Francisco. Manchmal sogar ein wenig gemächlich (bei der Wissenschaft), zumeist jedoch stringent. Der Höhepunkt vor der Generalpause gelingt deftig.

Das Tanzlied mit dem nur auf der LP-Hülle genannten Konzertmeister Tosten Janicke klingt sehr schön und besticht mit natürlichem Fluss. Der tänzerische Schwung und die dadurch vermittelte Lebensfreude kommen voll zur Geltung. Blomstedt verbindet die einzelnen Stationen der Komposition nahtlos miteinander und rundet die Phrasen gekonnt ab. Es fehlt weder an Feinfühligkeit noch an dramatischem Feuer an den Höhepunkten. Die drei Schluss-Pizzicati der Celli und Kontrabässe können wohl nur jüngere Menschen oder Hörer mit dem Gehör eines Adlers bei normaler Zimmerlautstärke hören. Wobei wahrscheinlich jeder seine eigene Zimmerlautstärke bevorzugt.

Wie bereits erwähnt gefällt der tiefe Orgelklang sehr gut. Die Aufnahme wirkt sehr räumlich, der Klang ist aber leider leicht mit der typischen frühdigitalen Schärfe und Härte behaftet. Besonders nachteilig wirkt sich der Tatbestand immer bei den Violinen aus. Zudem wirkt das Klangbild etwas distanziert. Der daraus resultierende leicht ätherische Klang mag anderen vielleicht sogar besonders gut zu gefallen. Möglicherweise könnte die LP seinerzeit weniger von der „Digitalitis“ der CD betroffen sein. Damals zur Zeit der Veröffentlichung wurde der Klang der Aufnahme noch als spektakulär gelobt. Heute hört man jedoch eher die gelungene musikalische Seite der Aufnahme, während die technische in die Jahre gekommen zu sein scheint. Wir hätten uns vor allem einen sonoreren Klang gewünscht und etwas präsenter hätte er ebenfalls ausfallen können.

 

 

4-5

Sir Charles Mackerras

Royal Philharmonic Orchestra

Tring, Membran, Centurion, Alto

1995

33:28

Diese Einspielung entstand im Abbey Road Studio One. Bei der Aufnahme sind 110 Musiker dokumentiert, die dabei mitgewirkt haben. Trotzdem denkt man, wenn man den Namen des Studios hört immer sofort an die Beatles. Ob das in 50 Jahren auch noch so ist? Die Introduktion ist gut gegliedert, man könnte aufschreiben: strategisch geplant. Sie klingt viel effektvoller als in der 1969er Aufnahme des Orchesters für Phase IV. Die Fanfare selbst wirkt allerdings ein wenig „künstlich“ auf uns. Das Orchester spielt nun wieder (gegenüber 1969) in der üblichen Aufstellung. Eine für uns ungelöste Fragestellung verbleibt wegen der Orgel. Das Studio dürfte das berühmteste der Welt sein, Otto Klemperer hat dort aufgenommen, noch früher bereits Yehudi Menuhin. Eine Orgel scheint aber nie dort verbaut worden zu sein und es gibt auf dem Cover keine Infos nach der Herkunft der Orgelklänge. Da keine externe Kirchenorgel genannt ist und die Techniker im Studio fast alles können, wurde der Orgelklang vielleicht sogar elektronisch erzeugt. Hier bewegen wir uns jedoch im Bereich der Spekulation.

Die Darbietung macht durchweg einen getragen-erhabenen Eindruck, lässt jedoch die Tempi nie schleifen. Die Musik wird nicht expressiv aufgebauscht, nicht trivialisiert. Das Orchester ist in dieser Aufnahme (in der Zeit war es unglaublich aktiv, denn man wollte ein eigenes Label aus dem Boden stampfen) ausgeglichen besetzt und spielt unter dem erfahrenen Dirigenten mit dem elaborierten Repertoire wunderbar klangschön. Besonders den Streichern ist dieses Mal ein voller, sonorer, fast schwelgerischer Glanz eigen. Es handelt sich allerdings um eine SACD, die etwas mehr Auflösung als üblich bietet. Die Decca Phase IV von 1969 mit Henry Lewis wird in jeder Hinsicht klanglich in den Schatten gestellt. Besonders gut gefällt der Genesende, mit seinem aufbrausenden Impetus und einem extrem gesteigerten Höhepunkt, der zu den monumentalsten der ganzen Diskographie gehört, nicht zuletzt durch eine besondere Unterstützung durch die Orgel unbekannter Herkunft aber auch einer entfesselten Gran Cassa. Da zeigt sich die Überlegenheit von fünf Lautsprechern plus Subwoofer gegenüber nur zwei im Stereo-Abspielverfahren. Das klingt packend.

Zum Tanzlied hat man Hugh Bean als Konzertmeister reaktiviert (?), man kennt ihn bereits aus zahlreichen Einspielungen aus den 60er Jahren für EMI und Decca, meist mit dem Philharmonia Orchestra. Er brilliert nach wie vor mit süßem Ton und natürlicher Anmutung aus dem Orchesterklang heraus. Nicht wie ein Solist von der Rampe herunter. Das Tanzlied erklingt sehr flott, bewegt und wird sehr gut gesteigert. Dies ist eine Aufnahme wie aus einem Guss. Beim Höhepunkt kommt leider nur eine gewöhnliche Röhrenglocke zum Einsatz, sie kann sich aber gut aus dem infernalischen fff des Tutti lösen. Sehr bedauerlich, dass sie eher klingen wie die Glöcklein aus einer kleinen Wanderkapelle, die Glocken aus Westminster hätten zum Klang dieser Aufnahme besser gepasst. Das abschließende Nachtwanderlied wirkt auf uns ein wenig zu zügig, aber das ist vielleicht Geschmacksache. Es ist absolut deutlich bis zum Schluss, die drei Schluss-Pizzicati sind glasklar zu hören, die Dissonanzen wirken maßvoll, werden also nicht zusätzlich durch die Spielweise noch weiter angeschärft. Dies ist eine Aufnahme wie aus einem Guss, der nur ein spezifischer, unverwechselbarer Klang und mehr Individualität zur Besonderheit fehlt.

Der Klang der Aufnahme wirkt klar, sehr räumlich, gut tiefengestaffelt und vor allem im 5.1. Abspielverfahren sehr bassintensiv. Der Gesamtklang wirkt ein wenig gedeckt, etwas weniger brillant, wie man es vom AD 1996 erwartet hätte. Erwähnenswert ist der sinnlich-süße Streicherklang. Es gibt keine extra-herausgeputzte Soli (z.B vom Holz oder der Solo-Violine), das Klangbild wirkt natürlich.

 

 

4-5

Klaus Tennstedt

London Philharmonic Orchestra

EMI

1986 und 89

35:10

Klaus Tennstedt war von 1983-87 Chefdirigent des LPO, als er aus Krankheitsgründen zurücktrat. Danach war er noch dessen Ehrendirigent.

Die Introduktion gelingt wirklich beeindruckend. Die Orgel erklingt als eine der mächtigsten der ganzen Diskographie, soweit sie in unserer Liste gehört werden konnte. Die Steigerung erfolgt langsam, aber mit beeindruckender Intensität. Bei Mark Elder spielt das LPO sieben Jahre später erheblich zügiger. Auch im Folgenden wirkt Tennstedts Vorankommen stets breiter, doch es gibt dennoch einen Zug nach vorne und das Orchester spielt mit gefühlvoller Intensität. Der Dirigent liebt es, die dynamischen Gegensätze auszuspielen, wozu er die leisen Töne besonders stark zurücknimmt und abschattiert. Bis zur Unhörbarkeit (bei „normaler“ Zimmerlautstärke). Das Holz wird sehr deutlich herausgearbeitet. Das Orchester klingt reichhaltig (Chef war damals noch Georg Solti, Tennstedt sollte es jedoch schon bald werden). Man bemerkt einen besonders leidenschaftlichen Zugang zum Werk bei eher langsamen Tempi, eine Konstellation, die auch seinen besten Einspielungen der Sinfonien Mahlers eigen ist. Der erste Teil des Genesenden wirkt sogar grandios und bedrohlich, da gibt das Orchester alles und die Orgel darf wieder zeigen, was in ihr steckt. Es wurde in der Watford Town Hall (Colosseum) aufgenommen in der es tatsächlich eine Orgel gibt. Tennstedt spielt auch mit größeren Tempogegensätzen als üblich, was die Stimmungsgegensätze eher noch verstärkt.

Aus dem Tanzlied spricht die Gemütlichkeit, allerdings kommt auch das Gelächter plastisch zur Geltung. Der Ausdruck von Freude kommt nicht zu kurz, auch wenn das Tempo eher langsam scheint. Dieses Tanzlied hat Charakter und Wärme, auch das Violinen-Solo von David Nolan. Der Höhepunkt ist eine wuchtige Entladung, die Mitternachtsglocke ist hörbar, aber längst nicht alle zwölf Schläge. In der Aufnahme des LPO von 1989 mit Mark Elder klingt sie klarer.  Diese Aufnahme des Zarathustra wirkt gegenüber Tennstedts Einspielung schlanker, transparenter und spritziger. Er orientiert sich deutlicher als Tennstedt an der Eigenaufnahme von Richard Strauss selbst.

Tennstedts Einspielung zeigt eigenes Profil, klingt insgesamt viel breiter, möglicherweise tiefer in die Materie versunken, die straffe Grundhaltung der Eigenaufnahme des Komponisten geht ihr ein wenig ab. Es gibt ein breites Spektrum an Einspielungen, das dem Hörer viel Verschiedenes bietet und das auch noch meist auf hohem und sehr hohem Niveau. Das Nachtwandlerlied erklingt bei Tennstedt sanft und ätherisch. Das Ausklingen hat man etwas übertrieben, denn die drei letzten ppp von Celli und Bässen verschwinden ungehört.

Der Klang der Aufnahme erscheint räumlich, nicht so präsent wie bei Mark Elder, jedoch noch weicher. Es ist keine frühdigitale Härte zu hören. Wir hörten eine Seraphim-CD von 1999. Es klingt transparent, doch Elders Konkurrenz im eigenen Haus klingt transparenter. Mitunter klingt es bei Tennstedt leicht schwammig, vor allem ab ff. Wenn man sich des Wiener Klangs 1983 mit Maazel vergegenwärtigt, so klingt dieser erheblich praller.

 

 

4-5

John Fiore

Düsseldorfer Symphoniker

Hänssler

2002, live

33:45

John Fiore war seit 1999 Chefdirigent der Düsseldorfer Symphoniker, von 2000-2008 dann GMD der Landeshauptstadt Düsseldorf. Die Introduktion wird mächtig aufgebaut, leider klingt sie nicht besonders klar. Die Transparenz bessert sich, sobald die Introduktion beendet ist. Man spielt hörbar in großer Besetzung, denn die Streicher erscheinen reich besetzt, auch das Holz gefällt. Die Orgel unterstützt zurückhaltend, wie es von Strauss explizit in der Partitur erwünscht wurde. Man spielt sehr dynamisch, das Orchester klingt voll, homogen und weitgehend sehr sauber und farbig. Leider kommt das Blech aufnahmetechnisch bedingt nicht knackig genug zur Geltung. Die Streicher bringen aber viel Glanz mit, klingen körperhaft und saftig. Der Genesende bringt mehr Durchschlagskraft mit als beispielweise bei Gabriel Feltz mit den Stuttgarter Philharmonikern, einem weiteren Orchester, das nicht unbedingt im Fokus der Plattenindustrie stand und steht. Uns gefällt das Orchester in dieser Aufnahme besser als bei Adam Fischers Aufnahme von Mahlers V.

Das Tanzlied erklingt zügig und das Violinen-Solo von Jens Langeheine kommt sehr prominent zu Wort. Er spielt einen feinen Ton, allerdings drohen die edel klingenden Holzbläser ein wenig im weiten, etwas diffus abgebildeten Raum der Düsseldorfer Tonhalle zu verblassen und ein wenig unterzugehen. Ansonsten klingt es vital, ja aufbrausend. Im Nachtwandlerlied bleibt der im Tanzlied aufgebaute Schwung noch ein wenig erhalten. Es erklingt dann aber nachdenklich und es wird sehr fein gespielt mit aller Wärme und Transparenz. Die Schluss-Pizzicati sind klar und deutlich zu hören.

Zu Beginn meint man noch ein leichtes Analograuschen zu hören. Der Klang wirkt sehr räumlich und gut gestaffelt. Mitunter wirkt er ein wenig hallig, aber nur selten. Weil sich die Technik nicht um eine hinreichende Präsenz des Bleches bemüht hat, hört man eher eine „Klangwolke“, was zur Stimmungshaftigkeit je nachdem bei welchem Teil der sinfonischen Dichtung man sich befindet, sogar beiträgt. Der Gesamtklang wirkt sehr weich, fast plüschig, wie Samt und Seide. Etwas mehr Kontur hätten wir jedoch begrüßt.

 

 

4-5

Andris Nelsons

Gewandhausorchester Leipzig

DG

2021

34:39

Diese Aufnahme ist Teil einer Sammlung von Sinfonischen Dichtungen von Richard Strauss, die sich das Gewandhausorchester mit dem Boston Symphony Orchestra aufgeteilt hat. Sie entstand im heimischen Gewandhaus, Sebastian Breuninger spielte die Solo-Violine.

Die Einleitung klingt bereits distanzierter als in Nelsons´ erster Aufnahme aus Birmingham. Da fällt uns ein, dass wir ja auch noch einen Rundfunk-Mitschnitt mit ihm und dem HR-Sinfonieorchester von 2010 gefunden haben, der noch mehr nach Birmingham als nach Leipzig klingt. Davon später mehr in der Rundfunkliste.

Die Introduktion klingt also in Leipzig räumlich distanzierter als in Birmingham, vor allem die Pauke. Die Orgel jedoch strahlender und die Trompeten weicher und sonorer. Insgesamt beeindruckt uns die Birminghamer Aufnahme mehr, sie klingt packender und die „Machart“ wird klarer, deutlicher gemacht. Obwohl das Leipziger Orchester das bessere ist. Was ebenfalls gleich auffällt ist, wie deutlich Herr Nelsons in den neun Jahren, die zwischen beiden Einspielungen liegen, langsamer geworden ist. Die Streicher klingen sonorer, homogener, süffiger, vermutlich sind sie zudem zahlreicher. Die Übergänge gelingen jetzt weicher und geschmeidiger, aber an Spannung hat man in Leipzig deutlich verloren. Trotz des seideneichen, glanzvoll-sonoren Klangs der allerbesten Richard-Strauss-Klasse ist die Interpretation nun deutlicher dem sogenannten Mainstream verhaftet. Ob Herr Nelsons nun mehr seinen ehemaligen Lehrern von Karajan und Jansons nacheifert, ohne sie jedoch ganz zu erreichen? Vielleicht hört der Dirigent aber auch nur seinem Orchester noch lieber zu und ist von ihm so bezaubert und dem vollen süffig-weichen Klang ergeben, dass er seine eigentliche Aufgabe vernachlässigt anzutreiben oder mitzureißen? Das gelang ihm in Birmingham noch viel besser. Die Fuge bei „Von der Wissenschaft“ klingt wunderbar voll und sonor, aber auch sehr schwerfällig. Der Genesende wirkt im Vergleich wie gesoftet und nun im Vergleich fast langweilig, bei allem opulentem Glanz.

Im Tanzlied spielt Herr Breuninger launisch und kapriziös, wie man es nur selten einmal hört. Vielleicht auch etwas unstet. Fast etwas persiflierend oder überspitzend. Wird da die Kritik am tanzenden Übermenschen vielleicht zugleich schon mitgeliefert? Der Höhepunkt bringt ähnlich wie in Birmingham eine sonore „Kirchenglocke“ ins Spiel, jedoch weniger klar und deutlich. Das Nachwandlerlied wirkt versöhnlich, sinnlich-verklärend, wenn da die Dissonanz nicht wäre.

Die Aufnahme klingt voluminös, noch präsent (wenn man von der Introduktion einmal absieht), doch distanzierter als in Birmingham. Der Gesamtklang wirkt voll, weich, recht brillant. Er könnte im Tutti etwas transparenter sein. In Birmingham klingt es nicht so luxuriös aber viel aufregender.

 

 

4-5

Gabriel Feltz

Stuttgarter Philharmoniker

Dreyer Gaido

2005

38:37

Gabriel Feltz war von 2004-13 Chef in Stuttgart, ab 2014-25 GMD in Dortmund und war zuletzt bis zu seinem plötzlichen Tod mit 54 Jahren Chef in Kiel. Diese Aufnahme stammt aus der Stiftskirche Stuttgart. Schon der tiefe und sonore Klangteppich durch Orgel, Gran Cassa und Bässe fällt beeindruckend aus. Die Pauke klingt super-präsent. Das ganze Orchester mit der Orgel tragen mit zu einem erhabenen ersten Höhepunkt bei. Die Hinterweltler erklingen ruhevoll und „vielstimmig“, mit dezenter, aber doch hörbar sanft unterstützender Orgeluntermalung. Die Orgel der Stiftskirche scheint für diese Stück besonders gut geeignet zu sein und man konnte auf einen einfühlsamen Organisten zurückgreifen. Der Fortgang geschieht mit Bedacht, deutlich und spannend. Das Orchester zeigt sich von seiner allerbesten Seite, homogen, brillant und motiviert. Das Blech agiert mit Schmackes. Die Wissenschaft zieht sich ein bisschen dahin, besonders im ersten Teil (der Fuge). Die Übergänge wirken geschmeidig. Der Genesende packt ordentlich zu. Das Orchester gehört zwar nicht der allerhöchsten Tarifklasse innerhalb der deutschen Orchester an, aber es spielt virtuos und plastisch, als ob es zur höchsten Klasse gehören würde. Geld ist eben doch nicht alles. Und ein guter Dirigent ist eben ebenfalls wichtig. Das Zusammenspiel wirkt traumhaft sicher.

Im Tanzlied mit Mathias Wächter, Solovioline, wird dem Leben gefrönt, wie man es wohl nur mit einem Wiener Walzer ausdrücken kann. Trotz allem freudigen Elan, werden die melancholischen Töne nicht vergessen. Der Höhepunkt lässt mit den glasklaren Glockenschlägen fast schon die Sterne erblassen und die Musik in die Nacht versinken. Bravo! Im Nachtwandlerlied gibt der Dirigent vielleicht zu sehr im Tempo nach und kommt ins Romantisieren, da hätte eine etwas straffere Gangart vielleicht besser abgerundet. So bleibt es eine langsame, doch individuelle, orchestral und klanglich sehr gelungene Einspielung. Unser Rekordhalter was die zeitliche Ausdehnung anlangt. Eine muss ja die langsamste sein.

Der Klang der Aufnahme ist präsent, räumlich, mächtig, körperhaft und sonor. Wir hören eine tiefe Staffelung, ohne dass die Präsenz Schaden nehmen würde. Es gibt, obwohl in einer Kirche aufgenommen wurde, keinen nachteiligen Nachhall. Das Orchester klingt weich, voll und abgerundet. Wir genießen ein Klangbild der Extraklasse, nur wenige klingen brillanter oder transparenter. Seltsam ist, dass man in Stuttgart aufgenommen hat, aber als Kooperationspartner Radio Bremen gefunden hat. Der SWR schied wohl aus, weil er ein eigenes Orchester in derselben Stadt unterhält.

Es liegt der Ausgabe zur normalen CD noch eine DTS-Surround-CD bei, bei der der Hörer, sofern er über passende Geräte verfügt, die Orgel nicht wie aus dem Orchester heraus hört, sondern wie es in der Stiftskirche tatsächlich war hinter dem Hörer, sodass man von vorne vom Orchester, von hinten von der Orgel komplett von Klang umgeben ist.

 

 

4-5

Andrew Litton

Dallas Symphony Orchestra

Delos

1997, live

34:05

In Andrew Littons Einspielung mutet der Orgelpunkt besonders mächtig an. Eine echte Bewährungsprobe für das Basschassis der heimischen Lautsprecher. Die Pauke dazu klingt auffallend weich und anmutig statt urwüchsig und hart. Das Blech klingt sauber, Schlagwerk und Orgel bringen den Höhepunkt nach vorne. Das Spiel bei den Hinterweltlern wirkt feinsinnig, die Stimmung atmosphärisch. Da wird langsam und sehr behutsam gebetet, klangvoll und detailreich, jedoch wenig expressiv. Die Abschnitte Sehnsucht, Freuden und Leidenschaften lassen letzteres ein wenig vermissen, genau wie eine gesteigerte Dringlichkeit. Von der Wissenschaft erklingt klar und bedächtig. Der Genesende wird vom Tempo her dringlich und wird auch virtuos gespielt, der Ausdruck hält da nicht ganz mit. Der Höhepunkt wirkt dann ausladend und klangstark.

Das Tanzlied erklingt super-transparent und sehr weiträumig, wirkt wie lichtdurchflutet und charmant, allerdings mit reduziertem Temperament, etwas bedächtig, aber mit guter Übersicht. Litton hat alles im Griff. Zum Höhepunkt hin wird gut hin gesteigert, die Mitternachtsglocke (leider nur eine Röhrenglocke) erklingt glasklar. Leider tönen Blech und Schlagwerk nur mit reduziertem Impetus. Vielleicht wäre sonst die Klarheit der Glocke nicht möglich gewesen. Das Nachtwandlerlied erklingt sehr gefühlvoll, ätherisch, wie schwerelos entschwebend. Tröstlich. Insgesamt ist dies eine sehr klangschöne und atmosphärisch wirkende Darstellung, doch auf uns wirkte sie in Impetus und Temperament ein wenig zu zurückhaltend.

Diese Aufnahme gab es außer als CD auch als 5.1. DVD-Video ohne Bild. Sie klingt sehr sauber, transparent, weich, warm und plastisch, jedoch mit einem ziemlich distanzierten Klangbild. Auch Pauke und Blech erklingen ohne Härte, fast als hätte man ihnen „den Zahn“ gezogen. Es klingt offen, räumlich und weit, dynamisch leicht gesoftet. Die Brillanz wirkt ebenfalls leicht soft. Insgesamt überwiegt der ausgefeilte Schönklang bei dieser Aufnahme. Die Streicher wirken etwas überbetont, was einen gewissen audiophil-lukullischen Flair noch verstärkt.

 

 

 

4

Karl Böhm

Berliner Philharmoniker

DG

1958

34:55

Wie die erste Einspielung der Philharmoniker mit HvK 1973 entstand auch diese mit Karl Böhm in der äußerlich schmucklosen aber akustisch günstigen Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem. Karl Böhm gehört zu denjenigen Dirigenten, die am engsten mit Richard Strauss zu tun hatten. Man könnte ihn für dessen Adoptivsohn halten. Er ist so als hervorragender Strauss-Dirigent bekannt, auch auf Schallplatte, so zum Beispiel der Opern, auch des Heldenlebens, des Don Juan oder der Alpensinfonie. Bei Zarathustra wirkt das Zusammenwirken mit dem Orchester ein wenig holprig. Bei dieser Aufnahme gab es noch keine Assoziationen mit Film und Weltall, denn sie ist eine der wenigen in Stereo, die noch vor Kubricks Film entstanden sind. Kaum eine Einspielung klingt noch mehr nach einer Sinfonischen Dichtung à la Liszt. Karl Böhm lässt den ersten Ton der Trompetenfanfare ein wenig vom Rest der Phrase trennen. Wie Karajan 1973 lässt er das Orchester nicht überlaut spielen, schließlich soll die Einleitung nicht bereits als der Höhepunkt des ganzen Werkes erkennbar sein und als solcher in Erinnerung bleiben. Die kurzen Sechzehntel der Trompeten bringen dem „Sonnenaufgang“ bzw. dem „Erkenntnisblitz“ eine gewisse zusätzliche Dramatik und zudem einen modern wirkenden „Touch“. Früher und später wieder zuhauf wurden die Sechzehntel länger gehalten. Die ganze Fanfare wirkt dann schnell träger. Karajan hat sich diese Spielweise 1973 abgeschaut, 1959 fiel sie uns noch nicht so deutlich bei ihm auf. Die Trompeten der Berliner erklingen auch 1958 bereits enorm strahlkräfig. Das Zusammenspiel innerhalb des Orchesters jedoch noch lange nicht so geschliffen wie bei Karajan. Das Werk scheint dem Orchester noch weniger geläufig gewesen zu sein. Eine ältere Aufnahme des Werkes scheint es mit den Berlinern nicht zu geben. Das Spiel des Orchesters macht einen wenig selbstverständlichen Eindruck, es scheint noch mit der Materie zu ringen. So erscheint der Reichtum an Nuancen noch recht gering, die Hinterweltler erscheinen so nicht nur lahm, sondern auch skeptisch, obwohl man schon viel Wärme und cantabile mit in die Phrasierung einbringt. An Espressivo mangelt es nicht. Selten hört man den Seufzer des Englischhorns einmal so deutlich (T. 70 ff). Von den Freuden und Leidenschaften wirkt bewegt und auch dem Grablied fehlt es nicht an Ausdruck. Eigentlich gewinnt man den Eindruck, es werde mit Begeisterung musiziert. Man darf aber nicht an die 54er Reiner-Aufnahme zurückdenken, da werden die Berliner in Sachen Virtuosität und Verve geradezu deklassiert. Diesen Unterschied hat man bis zur Karajan-Aufnahmen 1973 dann aufgeholt. Das Werk erscheint ernster, viel dunkler, eherner als bei Karajan. Im Genesenden klingen Holz und Blech plötzlich viel plastischer (ab T. 362, Zi. 18). Das ganze Klangbild hellt sich auf, wenn er wieder zu Kräften kommt und Licht am Horizont zu sehen ist. Michel Schwalbé im Tanzlied erklingt wieder mit seinem strahlenden Violinen-Klang aber der orchestralen Umgebung fehlt der Glanz und der „elegante“ Schwung klingt bei den Berlinern hier noch mehr nach Preußen als nach Wien. Noch wie durchexerziert.  Die Glocke beim Höhepunkt wirkt wie ein ziemlich trockenes Scheppern. Das ätherische Vergehen im Nachtwandlerlied gelingt viel besser.

In unserer etwas älteren Überspielung auf CD gibt es noch ein deutliches Restrauschen und sie klingt noch etwas belegt, weniger brillant. Das Holz erscheint noch weit zurück und erklingt so recht undeutlich. Der Dynamikbereich wirkt gegenüber der 59er Decca mit Karajan deutlich reduziert. Es fehlt so an der bei Strauss so besonders wichtigen Wucht und Grandezza. Bis auf die Orgel wirkt die Aufnahme gegenüber der Karajans (egal on man nun die 59er, die 73er oder sogar die 83er nimmt) wie „zugeknöpft“. Die herrschende klangliche Trockenheit scheint eine aufkommende Sinnlichkeit zu unterdrücken. Der Klang der Einspielung kann die Interpretation nicht beflügeln.

 

 

4

Ferdinand Leitner

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

Orfeo

1976, live

35:00

Dieser Einspielung liegt eine Live-Aufnahme des Bayerischen Rundfunks aus dem Münchner Herkulessaal zugrunde. Ferdinand Leitner war zur Zeit der Aufnahme Chefdirigent der Oper Zürich und des Residentie Orchesters Den Haag. Chefdirigent des BRSO war damals Rafael Kubelik (1961-79). Das Orchester pflegte damals bereits einen vollen und abgerundeten Klang, durchweg noch etwas heller als heute anmutend, insbesondere wegen der bereits homogenen Violinen, auch wegen des Holzes. In Sachen Virtuosität war das Orchester noch nicht ganz so weit wie heute, Das gilt allerdings für die meisten. Die Darbietung unter Ferdinand Leitner wirkt schnörkellos und vermeidet zusätzlich jedes oberflächlich wirkende Blendwerk. So erklingen die Freuden und Leidenschaften eher ernsthaft und nüchtern als hochromantisch oder gar ekstatisch angehaucht. Ohne die unwiderstehliche Dynamik eines Reiner und ohne das glanzvolle Espressivo eines Karajan. Es geht partiturgenau zu und trotz der moderaten Tempi haben wir die Darbietung nie als langweilig empfunden. Wenn Strauss die Violinen in die höchsten Höhen treibt merkt man den Unterschied zum heutigen noch homogeneren, strahlenderen und auch ein wenig sonoreren Klang, den man heute meistens hören kann. Die Wissenschaftler wirken beim sorgfältigen Zusammenbau ihrer Fuge beteiligter als bei Strauss selbst. Licht und freudig bewegt, aber nicht mit der unwiderstehlichen „Arroganz“ des Genies vorgetragen erklingt das kurze Scherzo. Das wirkt bereits virtuos und durchaus souverän hingelegt, aber noch nicht mit der Lockerheit und der Grandezza der besten Orchester heute. Dem Genesenden fehlt beim Höhepunkt vor der Generalpause die letzte Entäußerung. Da kann die damalige Klangtechnik auch noch nicht die passende Dynamik dazu liefern. Aber auch die Orgelunterstützung wirkt definitiv zu schwach. Wir konnten sogar gar keine Orgel hören. Das hätte man für eine Plattenaufnahme sicher nochmal überprüft.

Das Tanzlied erklingt schwungvoll, klingt vielleicht etwas nüchtern, das heißt wenig überschwänglich. Der gute Konzertmeister, dessen Namen leider nicht preisgegeben wird, spielt gut, wirkt aber nicht ganz so souverän wie die Allerbesten in unserem Ausschnitt aus der gesamten Diskographie gehört. Man hört ihn deutlich vom restlichen Orchester separiert. Der Walzer blüht im Verlauf aber schön auf und die strahlenden Trompeten setzen Glanzlichter. Die Mitternachtsglocke wird kraftvoll angeschlagen und ist sehr gut hörbar und was durchaus selten gelingt: Man kann sie über die Abfolge der zwölf Schläge hin gut in ihrer stets abnehmenden Dynamik verfolgen. Das gelingt dieser Aufnahme mit am besten. Der Ausklang im ppp erfolgt stimmungsvoll, auffallend dabei die unüblich lauten Posaunen, die den Anschein verbreiten, alle wieder aufwecken zu wollen.

Die Aufnahme klingt recht hell, klar, räumlich und transparent, leicht distanziert und es fehlt ihr etwas an Klangfülle. Es handelt sich jedoch um eine Live-Aufnahme des Rundfunks aus den 70er Jahren und in Anbetracht dessen gebührt ihr Respekt. Sie klingt im Großen und Ganzen besser als die 1970er Karajans aus Salzburg. Die Klangqualität hinterlässt einen guten Eindruck. Ein paar Störgeräusche vom Publikum unterstützen die Live-Atmosphäre und stören kaum.

 

 

4

Seiji Ozawa

Boston Symphony Orchestra

Philips

1981

33:39

Diese Bostoner Aufnahme ist die zweite Digitalaufnahme nach Mehtas New Yorker Einspielung und dürfte die dritte aus Boston sein nach der Koussevitzkys von 1935 und der Steinbergs zehn Jahre zuvor. Die Tempi erscheinen durchweg langsamer und statischer als bei Steinberg. Beide Male spielt das Orchester ganz ausgezeichnet, es klingt jedoch nun erheblich lockerer, ohne die Expressivität und Spannkraft der DG-Aufnahme von 1971. Ozawa scheint jedoch alles unter Kontrolle zu haben, es gibt keinen Raum mehr für Spontaneität. Der vornehmliche Eindruck ist nun ein lockeres, entspanntes Fließen. Von den existenziellen Auseinandersetzungen der literarischen Vorlage fehlt nun fast jede Spur. Es fehlt so der dramatisch geprägte Drang und nicht in jeder Phase kann ein Anflug von Behäbigkeit abgewendet werden. Den Höhepunkten fehlt der letzte Druck von Überzeugungskraft, so erklang der Genesende durchaus schon emotionaler, wütender oder packender. So transparent allerdings ebenfalls nur selten.

Das Tanzlied erscheint makel- aber auch ziemlich schwunglos. Weniger spannend und zupackend im Verlauf. Wie 1971 ist Joseph Silverstein wieder der Konzertmeister der Wahl. Es passt sich dem Gestus an und spielt zurückhaltender und weniger kotrastreich als bei Steinberg. Der Höhepunkt des Tanzlieds hat weniger Biss. Die Einspielung wird jedoch vom Anfang bis zum Ende sehr schön gespielt und viele der Einwände, die sich bemerkbar machen, rühren nur aus dem direkten Vergleichspartner her (Steinberg).

Der Klang bietet in gewisser Weise sogar Vorzüge, denn die Dynamik wirkt gegenüber analog leicht geweitet, die Orgel wirkt voluminöser als 1971, die Bassfülle bringt den Hörraum zum Beben, aber in erster Linie wirkt die Transparenz und die Räumlichkeit großzügiger, zumindest wenn man die DG-Aufnahme nur in Stereo hört. In Quadro von der Blu-Ray hört es sich schon wieder ganz anders an. Dann zieht die ältere Aufnahme in Sachen Dynamik, Klangfülle und Raumempfinden nochmal an der neueren vorbei. Bei Ozawa klingt es völlig unabhängig vom Vergleichspartner sehr aufgeräumt und sauber und auch die Präsenz gefällt. Die einzelnen Soli werden unauffällig aber sinnstiftend ein wenig betont. Bei den Violinen ist nur ein Rest von frühdigitaler Kühle zu hören. Insgesamt klingt es schon angenehm warm und durchweg erfreulich.

 

 

4

Sebastian Weigle

Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Oehms

2018, live

34:15

Nun begeben wir uns an den Ort der Uraufführung 1896 und hören das Orchester der Uraufführung. Statt Richard Strauss selbst leitet es nun Sebastian Weigle, der vor seiner Dirigentenlaufbahn 15 Jahre lang Solohornist der Staatskapelle Berlin war.  Von 2008-23 war er GMD der Stadt Frankfurt am Main. Die Aufnahme entstand in Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk in der Alten Oper Frankfurt. Die Introduktion lässt eine gewaltige Orgel mit einem kraftvollen Pedalton hören. Die Sechzehntel der Fanfare wirkt in dieser Aufnahme ziemlich lang, was bei nicht wenigen Aufnahmen der Fall ist. Nach unserem Empfinden raubt das der Fanfare Energie. Karajan machte das angeblich ab 1960 nicht mehr und akzentuierte die Sechzehntel seitdem kurz, was knackiger, energetischer und schwungvoller oder auch antriebsstärker wirkt. Weigle macht sogar noch eine kleine Pause nach der Sechzehntel. Trotzdem klingt es geradlinig. Die Kontrabass-Tremoli sind sehr deutlich akzentuiert. Die Streicher klingen bei den Hinterweltlern sehr weich, geschmeidig und glanzvoll. Das großbesetzte Orchester beeindruckt mit einer geschlossenen Leistung, sicher könnte man sich etliche Details auch anders vorstellen, da spielt man mal mit viel Vibrato, da könnte das Holz mal ein wenig stärker herauskommen etc. Wenn man da die Badische Staatskapelle nimmt, oder die Stuttgarter Philharmoniker, die Düsseldorfer Symphoniker, da muss man schon feststellen, dass das Orchesterniveau mittlerweile auch bei den Orchestern, die nicht so im Fokus stehen gewaltig angezogen hat. Das mag auch für das Frankfurter Orchester gelten, das man sonst ebenfalls nur selten auf Tonträger hören kann. Da wird es schwer, sich nochmals ein wenig abzusetzen und noch was Besonderes zu bieten. Das Frankfurter Orchester beeindruckt in dieser Aufnahme unter anderem mit Spielkultur, mit Maximalvolumen und Maximallautstärke, es verbleibt aber letztlich ein gewisses Maß an Verhaltenheit, das diese Einspielung von den Besten trennt. Da ist die gewisse Eleganz im Tanzlied, die Klarheit dabei oder den sogenannten Wiener Schmäh, das hat man schon ausgeprägter gehört und ein wenig weniger nervös. Das Feld an respektgebietenden Spitzendarbietungen liegt besonders eng beisammen. Die Mitternachtsglocke hat Glanz und Volumen, da könnte eine echte Kirchenglocke zum Einsatz gekommen sein.

Die Aufnahme klingt ganz ähnlich den vielen Übertragungen, die man schon vom HR-Sinfonieorchester via Rundfunk gehört hat. Es klingt jedoch etwas streicherbetont, sehr transparent, wenn es nicht gerade um ein Tutti in Maximallautstärke geht. Das Blech hätten wir uns etwas präsenter gewünscht. Vom Publikum kann man Störgeräusche nur erahnen. Wie beim HR-Sinfonieorchester klingt die Basslinie deutlich.

 

 

4

Giuseppe Sinopoli

New York Philharmonic Orchestra

DG

1987

36:56

Diese Aufnahme kommt aus dem Manhattan Center. Bereits die Introduktion wirkt langsam und bedächtig, wie ausziseliert, aber sehr dynamisch. Die Orgel klingt bassstark, die klar intonierte Fanfare erfährt starke Paukenunterstützung, die viel Wumms und ein selten gebotenes Crescendo hören lässt (das übrigens mit komponiert wurde, aber meist ignoriert wird). Die Hinterweltler wirken etwas rhapsodisch phrasiert, mit reichlich Rubato, aber eigentlich nachvollziehbar, denn es hört sich so an wie einem Gebet angenähert. Das klingt ungewohnt aber eindrucksvoll, es wird sogar Mitleid mit den Hinterweltlern geweckt. Ein kleines Kunststück. Ähnlich wie in der Aufnahme mit Pierre Boulez lässt auch Sinopoli die Streicher nicht aufblühen, sondern bewusst matt erscheinen. Von der großen Sehnsucht wird sehr bedächtig im Tempo aber spannend und ausdrucksvoll vorgetragen. Die New Yorker spielen mit mehr Herzblut als die Chicagoer Kollegen bei Pierre Boulez. Sinopoli weiß was mit der Musik von Strauss anzufangen. Die Übergänge wirken nicht selten etwas gedehnt, man könnte auch „ausgekostet“ dazu sagen. Von der Wissenschaft wirkt gezogen und betont (also eigentlich schon übertrieben) geheimnisvoll. Der Genesende bekommt seinen zentralen voll ausgespielten Höhepunkt. Nach der Generalpause erscheint sein Selbstbewusstsein betont protzig.

Aus dem Tanzlied wird fast ein Hexensabbat, so betont exaltiert klingt es. Da jault auch mal ein Horn auf. Es gibt ein Wiederhören mit Glen Dicterow, der bereits bei Zubin Mehta 1980 mit dabei war. Er spielt diese Mal betont exaltiert, sodass sich nochmals eine albtraumhafte Qualität der Musik zumischt. Zumal der Klang insgesamt ein bisschen unwirklich erscheint, scheint man sich beim Tanzlied des „Übermenschen“ nicht so ganz wohl fühlen zu sollen. Der Höhepunkt scheint die Mitternachtsglocke geradezu verschluckt zu haben, es sind nur ganz wenige der zwölf Schläge zu hören und dabei sogar nur die leiseren. Beim Nachtwandlerlied scheint man sich wieder wohler fühlen zu dürfen, das fließt in stiller Gelassenheit, Ergebenheit in Erkenntnis, schön strahlend und schön leise. Anders als bei Boulez kann man die Schluss-Pizzicati gut hören. Dies ist eine der ungewöhnlichen Einspielungen, die aus dem Mainstream hervorscheinen. Stringenter geht es bei anderen zu, aber sinnfälliger und individueller hört man das Stück selten. Ob Sinopoli immer richtig liegt steht allerdings auf einem anderen Blatt.

Ein Manko stellt für unsere Ohren zumindest der distanzierte Klang dar, der bereits als typisch für die 90er Jahre gelten kann. Sehr räumlich wird ein sehr weiter Raum suggeriert, ohne hallig zu werden. Das Orchester klingt weich, recht füllig, glänzend und brillant (mehr als die neuere DG-Aufnahme mit Boulez). Die neue Überspielung konnte eine evtl. noch vorhandene frühdigitale Kühle oder Härte erfolgreich eliminieren. Es fehlt an Körperhaftigkeit und es könnte sonorer klingen. Wir hören ein Klang wie von einem Platz auf einer Empore. Extrem transparent und übersichtlich, aber auch weit weg.

 

 

4

Toshiyuki Kamioka

New Japan Philharmonic Orchestra

Exton

2016

33:40

Seit 2016 ist Herr Kamioka Chef beim japanischen Orchester. In Deutschland dürfte man ihn noch von seinen Engagements als GMD in Wiesbaden, bei der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herfort, als GMD am Staatstheater Saarbrücken 2009-2014 und Wuppertal 2004-2016 kennen. Die Einleitung zeigt einen fulminanten Tiefbass und gefällt mit einem breit und gut aufgefächerten Raum. Aber aus der Punktierung wird keine Spannung gezogen und die Pauke spielt (wie so oft) kein Crescendo. Allerdings gibt es eine mächtige Steigerung innerhalb der gesamten Introduktion. Die Orgel kann, wenn sie fast alleine übrig bleibt nicht annähernd das Niveau des Tutti halten. Das Dirigat und infolge dessen das Spiel des Orchesters wirkt zügig, vielleicht noch zügiger als es objektiv gesehen ist. Dabei spielt man nuancenreich und der Streicherklang wirkt noch voller als bei Yomiuri Nippon Symphony Orchestra mit Herrn Skrowaczewski. Die Transparenz fällt jedoch weit hinter die Aufnahme mit dem Yomiuri zurück. Insgesamt klingt das New Japan SO gut, aber es scheint doch leicht hinter die anderen beiden japanischen Orchestern (Yomiuri und NHK) zurückzufallen. Zumindest einmal in dieser Einspielung. Es fehlt der Darstellung zudem ein wenig am durchgehenden Spannungsaufbau und bisweilen fallen einzelne Instrumente aus dem weich dahinströmenden Gesamtklang ein wenig heraus. Genau das kann einem anderen Hörer aber auch vielleicht gerade gut gefallen. Das vorgelegte Espressivo erreicht nicht ganz die allerhöchsten Maßstäbe. Wir wissen allerdings nicht, was vom Dirigenten als das richtige Maß angesehen wird und ob man es erreicht hat. Die Geschmäcker sind ja verschieden. Von der Wissenschaft: Die Fuge beginnt sehr leise und klingt weniger deutlich (Bässe!), ganz ähnlich wie bei der Darbietung des NHK Symphony Orchestra mit Paavo Järvi. Der Genesende wird schnell gegeben, bleibt jedoch ziemlich spannungslos. Dem Höhepunkt fehlt es nicht an wuchtiger Orgelunterstützung, man hat ihn insgesamt allerdings schon nachdrücklicher und eindrucksvoller gehört. Der Verlauf wirkt temporeich und die Wirkung erscheint ziemlich erregt.

Munsu Choi spielt die Solovioline im Tanzlied, das ausgesprochen zügig und tänzerisch erscheint, sodass er seine ganze Virtuosität mobilisieren muss um mitzukommen. Es wirkt etwas zu schnell um alle „Wiener“ Gefühls-Nuancen gebührend einzufangen. Der Höhepunkt wirkt leider abgeschwächt und die Mitternachtsglocke geht im fff des ganzen Orchesters fast gänzlich unter. Sie wird jedoch einfach zu zurückhaltend bedient. Das Nachtwandlerlied erklingt sanft strömend mit einer leichten, nahezu ätherischen Wirkung sanftmütig und nahezu perfekter Intonation.

Die Aufnahme klingt voll und „satt“, nicht übermäßig transparent, dazu wirkt der Raum einfach zu voll und sehr dynamisch. Durchaus präsent und brillant, auch räumlich. Die Bass-Wiedergabe gelingt generell gut.

 

 

4

Santtu Matias Rouvali

Philharmonia Orchestra

Signum

2021, live

34:40

Auf dieser Aufnahme findet man das erste Konzert des finnischen Dirigenten als neuer Chefdirigent des Londoner Orchesters aus der Royal Festival Hall. Und erstmalig wieder mit voller Publikumsbesetzung nach dem coronabedingten Lockdown. Während die Orgel und die Bässe mit der Gran Cassa voll und tief in der Introduktion klingen, ist sich das Blech nicht ganz einig. Es spielt dann aber doch dynamisch und mit „Glanz und Gloria“. Eines der gewaltigsten Orgelplenums unsere Zusammenstellung bleibt alleine zurück. Es folgt nun ganz ähnlich wie es Semyon Bychkov bereits 1989 ebenfalls mit dem Philharmonia Orchestra vorgemacht hat eine sehr langsame, getragene Streicherkantilene, die Hinterweltler beschreibend. Klangschön und fast wie selbstverliebt, wie bei Bychkov. Ähnlich wenig spannend und um die Höhepunkte richtig zuzuspitzen, dazu fehlt der richtige Zug und das richtige Tempo, also die Dringlichkeit. Die Hörner könnten bisweilen besser durchkommen im ansonsten transparenten und voll klingenden Klangbild. Nicht immer wird die komplexe Partitur vollumfänglich deutlich gemacht. Die Wissenschaft wirkt richtig „verkopft“, so wie es sich Strauss vorgestellt haben mag und lahm. Das kurze Scherzo verbleibt jedoch ebenfalls im Lahmen, erklingt aber glanzvoll. Der Genesende wirkt hingegen sehr intensiv und bis ins Monumentale hineingesteigert. Das Orchester gibt sich übrigens keinerlei Blöße und klingt sehr gut.

Zsolt-Tihamér Visontay, der Konzertmeister des Abends, spielt sein Solo charmant und gefühlvoll, er spielt besonders rhythmisch, wird von der Technik jedoch nicht eigens vorgezogen oder herausgehoben. Das Tanzlied wirkt sehr schwungvoll, auffallend dabei die glanzvollen Glöckchen. Freudig-beschwingt zieht man alle Register (quirliges Holz) und verströmt zudem viel Wärme. Dass es dabei nicht ganz 100%ig präzise zugeht sei durch die Live-Situation entschuldigt. Und durch die komplexen Rhythmen. Beim Höhepunkt ist die Mitternachtsglocke sehr gut hörbar, obwohl sie nicht aus dem Gesamtklang hervorsticht. Gegenüber dem ersten Höhepunkt beim Genesenden vor der Generalpause wirkt der zweite Höhepunkt beherrschter und nicht mehr so elementar. Das Nachtwandlerlied erklingt zügiger als bei Semyon Bychkov, aber kaum so zart entschwebend.

Der Klang der Live-Aufnahme wirkt klar und deutlich, voll und saftig, räumlich und gut gestaffelt. Der Bass wirkt satt und die Dynamik ist in Ordnung. Es gibt Störgeräusche als anscheinend ein Instrument oder Zubehör runterfällt.

 

 

4

François-Xavier Roth

London Symphony Orchestra

LSO Live

2018, live

31:50

FX Roth war von 2017 bis 2024 Erster Gastdirigent beim LSO, als er vom Amt zurücktreten musste. Obwohl bereits 2018 aufgenommen, entschloss man sich erst 2023 für die Veröffentlichung dieser SACD. Vielleicht um den Abstand zu Roths Erstaufnahme bei Hänssler 2013 von fünf auf zehn Jahre zu vergrößern? Generell geht es noch flotter zu als 2013. Die Introduktion wirkt so jugendlich-frisch, straff und flink in Szene gesetzt. Das LSO spielt exzellent (mit eloquenten Soli) und steht dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg in nichts nach. Es spielt schlank und virtuos, wie das SWR SO in Freiburg mit einem noch natürlichen Fluss. Durch die flotten Tempi bedingt fehlt es den Höhepunkten an Wucht und sie wirken wie der Gestus allgemein etwas flüchtiger. Es fehlt ihnen ja auch der lang gezogene, Spannung aufbauende „lange Anlauf“. Das verhält sich auch bei den Freuden und Leidenschaften so, die wie gerafft und stark vorangetrieben wirken. Absolut schlackenloses Spiel der Streicher hören wir beim Grablied und „Von der Wissenschaft“. Lastend, doch ohne Opulenz strebt man dem kleinen Scherzo zu, bei dem wie beim Genesenden die Virtuosität des Orchesters mehr als nur aufblitzt. Extrem (allzu) flott und mit weniger Spannung als in Freiburg erreicht man den Höhepunkt.

Das Tanzlied entbehrt der Behaglichkeit, wirkt eher sportlich-olympisch, teils rasant und trotz des elegant gespielten Solos von Roman Simovic fehlt die bayuwarische Wärme (eines sommerlichen Biergartens) oder die Wärme eines Wiener Caféhauses. Für beides scheint sich dieser tanzende Übermensch kaum zu interessieren. Die Mitternachtsglocke ist auch in diesem Live-Mitschnitt kaum zu hören, der Abgang des Nachtwandlerlieds wirkt unruhig, zwar besinnlich (noch gerade so), aber ohne eine spezielle tröstliche Wirkung für uns Zuhörer.

Der Klang der Aufnahme erscheint klar, schlank (frei auch vom Anflug von Opulenz), dynamisch. Es klingt im Prinzip ganz ähnlich wie in Freiburg, vielleicht in London etwas farbiger.

 

 

4

Vasily Petrenko

Oslo Philharmonic Orchestra

LAWO

2018

34:07

Vasily Perenko war 2013-2020 Chefdirigent in Oslo. Jetzt heißt er zumindest noch eine gewisse Zeit: Klaus Mäkelä. Die vorliegende Aufnahme entstand im Osloer Konzerthaus. Eine zweite Aufnahme mit ihm konnten wir vier Jahre später im Rundfunk hören; 2022 war er bereits Musidirektor des Londoner Royal Philharmonic Orchestra. Die BBC nahm auf, der SWR verbreitete die Aufnahme in Deutschland. Die Introduktion erklingt nun wieder zurück in Oslo mit guter Steigerung und mächtiger Orgel eigentlich monumental, mit voller Prachtentfaltung also, wenngleich die Intensität der Spitzeneinspielungen von Karajan, Steinberg, Reiner oder Kempe nicht ganz erreicht wird. Das Orchester zeigt sich jedoch exzellent besetzt und spielt klar, mit Wärme und geschmeidig. Die Hinterweltler erklingen sehr langsam, mit bedächtiger Zartheit, innig. Dynamische Extreme werden nicht aufgesucht. Die Übergänge wirken geschmeidig, höchstes Spannungsniveau wird nicht unbedingt erreicht. Die Orgel ist bei ihren Einsätzen immer gut hörbar, zurückhaltend, wie es Strauss in der Partitur bemerkt hat. Obwohl das Orchester tendenziell dunkel klingt, was besonders den „dunklen“ Abschnitten des Werkes zugutekommt, wirkt die Stimmung nicht anheimelnd warm, es verbleibt sozusagen atmosphärisch ein gewisser Rest an Kühle. Die Fuge der Wissenschaftler klingt etwas verhangen und wirkt dröge. Das Scherzo wird ohne geniehafte Überlegenheit oder nicht so sehr als Humoreske gegeben, da zeigt sich, dass das Orchester noch nicht ganz in Sachen sprühender Virtuosität mit den besten mithalten kann. Ähnlich verhält es sich beim Genesenden, dem der Eindruck des „Übermenschlichen“ daher noch ein wenig abzugehen scheint, was man zudem an der Wucht des Höhepunkts bemerkt. Das Überwältigende der Bostoner Einspielung mit Steinberg erreicht sie beispielsweise nicht. Die Kraftentfaltung bleibt sozusagen erdverbunden.

Das Tanzlied mit Elise Batnes als Konzertmeisterin gerät kaum in tänzerische Schweben, was aber nicht an der Spiel- oder Klangqualität von Frau Batnes liegt. Es wirkt jedoch, wie bei den Holzbläsersolisten ein wenig brav. Fast schulmeisterlich exakt. Der Satz wirkt so, obwohl sehr transparent gehalten etwas schmucklos. Der Höhepunkt streift das Grandiose, klingt jedoch trocken und die Mitternachtsglocke muss ohne Resonanz auskommen, sie klingt flach. Das Vibrato der Solisten im Nachtwandlerlied wirkt (für unseren Geschmack) allzu stark. Die Dissonanzen abgeschwächt.

Der Klang macht durch weite Räumlichkeit und breiter und tiefer Perspektive auf sich aufmerksam. Das Orchester klingt klar, voll, breit, recht sonor und farbenfroh. Der Gesamtklang wirkt weniger brillant, sehr transparent und recht körperhaft und plastisch.

 

 

4

Neeme Järvi

Scottish National Orchestra

Chandos

1987

32:30

Diese Aufnahme entstand in der Caird Hall in Dundee. Edwin Paling spielte dabei die Solovioline. Die Introduktion wirkt langsam, getragen; sie klingt beeindruckend klar und mächtig. Pauke, Bässe und Orgel klingen ausgezeichnet, das Blech besonders weich, der Streicherklang übrigens erstaunlich warm und ohne frühdigitale Härte. Ähnlich der Einspielung mit Bernard Haitink wirkt diese Darbietung unprätentiös und musikalisch ausgereift, die Orgel zeigt sich im Verlauf nicht immer ganz glücklich registriert. Das Orchester gibt sich eigentlich keine Blöße, erreicht jedoch nicht die Klasse des Concertgebouw Orchesters. Den Streichern fehlt es etwas an Fülle, was aber genauso gut an ihrer Position im weit hinten im Raum liegen mag. Das Blech klingt in dieser Einspielung kräftig und sonor. Der Genesende versprüht mehr Temperament als bei Haitink und entwickelt enorme dynamische Durchschlagskraft.

Das Tanzlied erscheint ein wenig zu schnell und zu straff, vielleicht doch zu stürmisch und nach vorne gerichtet. Da geht der Wiener Charme „flöten“.  Das Atmosphärische, das von der Solovioline ausgeht, wirkt etwas kühl, sodass man mit dem Tanzlied nicht so recht warm wird. Großes Getöse beim Höhepunkt, bei dem sich die Mitternachtsglocke gut behaupten kann. Im Nachtwandlerlied legen die solistischen Geigen erneut etwas viel Vibrato auf (warum eigentlich immer im Nachtwandlerlied?) das flackert sogar dieses Mal und mindert die sphärische Wirkung deutlich.

Der Klang der Aufnahme könnte präsenter sein, dennoch kann man dem differenzierten Spiel leicht folgen. Die Instrumente erscheinen gut gestaffelt, das Orchester dynamisch. Die Streicher (insbesondere die Violinen stehen weit zurück und das Klangbild wirkt als Ganzes hallig und aufgedunsen. Das hat zur Folge, dass das Orchester ab ff nicht mehr sauber durchgezeichnet erscheint und in den schnellen Partien der Streicher die Konturen verschwimmen.

 

 

4

Vladimir Jurowski

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

Pentatone

2016

32:45

Mit Vladimir Jurowski haben wir noch eine zweite Aufnahme des Werkes im „Portfolio“, live vom BR 2026 mit dem Bayerischen Staatorchester in München aufgenommen und gesendet. Sie gefiel uns besser und überzeugte uns mehr als die zehn Jahre ältere aus Berlin, die man, was den Orchesterpart anlangt im Haus des Rundfunks aufgenommen hat. Die Orgel hat man in der Matthias-Kirche in Berlin-Schöneberg aufgenommen. Zur Zeit der Pentatone-Aufnahme war Herr Jurowski noch Chef des London Philharmonic (2003-21). Erst seit 2017 ist er Chefdirigent des RSB.

Die Introduktion erklingt in Berlin sehr zügig und geheimnislos. Die Punktierung wird nur schwach apostrophiert, die Pauken klingen zahm. Dem Fortgang fehlt die Hochspannung, die man zum Beispiel bei seiner Londoner Aufnahme der 1. Sinfonie Tschaikowskys hören konnte. Die Streicher klingen dabei allerdings absolut homogen und seidenweich (betörend), das Blech kraftvoll und sonor. Das Orchester zeigt also eigentlich seine hohe Klasse uneingeschränkt, aber es wirkt etwas leblos. So wirken die dramatischen Aufschwünge beim Genesenden ziemlich flach, da es dem Orchester einfach an aufnahmetechnischer Präsenz fehlt, Impetus und Wucht verpuffen. Wir hören eine der entspanntesten Versionen überhaupt. Das Tanzlied mit Konzertmeister Rainer Wolters wirkt ziemlich statisch, der „Übermensch“ macht einen ziemlich selbstzufriedenen Eindruck. Wirkt fast träge und gedämpft statt schwungvoll. Das Gelächter wirkt lahm. Die Mitternachtsglocke wird hervorgehoben zuungunsten des massiven Orchesterklangs. Diese Einspielung wirkt ein wenig langweilig, man vermisst vor allem Brio. Sie wirkt langsamer als sie objektiv ist. Der Dirigent war wohl in Berlin vielleicht doch zu entspannt oder orientierte sich einseitig an der lyrischen Seite des Werkes, weniger am dramatischen Gehalt. Zehn Jahre später in München hört sich das ganz anders an.

Dies ist eine weitere Einspielung in der das Orchester allzu distanziert aufgenommen wurde. Rein klanglich hört sich das Orchester gut an, weich, voll, sonor, sogar brillant, aber nicht gerade lebendig. Ein Klang nur für den HiFi-Gourmet.

 

 

4

David Zinman

Tonhalle Orchester Zürich

Arte Nova

2001

34:20

Die Introduktion erklingt mit eher zurückhaltender (jedenfalls nicht überzogener) Dynamik, die Pauke wirkt schwach und zeigt auch kein Crescendo, die Orgel klingt profund, aber kraftlos. Die Streicher werden bei den Hinterweltlern ganz leicht von den recht hell klingenden Violinen dominiert, an Espressivo wird nicht gespart. Insgesamt ergibt sich im Verlauf jedoch ein voller, kraftvoller Sound. Diese Einspielung gehört zu denen, die wie aus der Ruhe heraus geboren wurden, bisher gehört unter anderen bei Karajan, Tilson Thomas, Chailly, Nelsons (nur Leipzig), Previn, Jansons oder Maazel (vor allem München). In diesem Fall ist damit allerdings eine nicht ultimativ spannende Darbietung verbunden. Der Genesende verbreitet so vor der Generalpause wenig Aufregung, der Zugriff beim Höhepunkt wirkt sehr kontrolliert, der Zugriff zu kalkuliert. Da wird keine Extremsituation, wie Wut oder Entäußerung deutlich.

Das Tanzlied hat Schwung und Klangkultur, der „Wiener Ton“ fehlt nicht, nur vielleicht der Streicherschmelz der Besten. In dieser Aufnahme werden löblicherweise alle Mitspieler namentlich genannt, die bei jedem einzelnen Stück der CD mitgespielt haben, nur der Konzertmeister, der die Soli gespielt hat wird nicht explizit genannt, da anscheinend mehrere Konzertmeister mitwirken. Der erstgenannte ist Pimoz Novsak. Er sollte es gewesen sein. Die Röhrenglocke ist ohne großes Volumen immerhin zurückhaltend hörbar. Zurückhaltend passt überhaupt ganz gut als Beschreibung der Einspielung, wenn man nur ein einziges Wort benutzen dürfte. Das Nachtwandlerlied wirkt ruhevoll-schwebend. Die beiden letzten ppp-Pizzicato sind leider bei Zimmerlautstärke nur eher zu ahnen als zu hören. Da hat man die Zurückhaltung eine Winzigkeit zu weit getrieben.

Die Aufnahme klingt ziemlich räumlich mit einer ausgeprägten Tiefenstaffelung, die jedoch wenig zur allgemeinen Klarheit beiträgt, denn Transparenz gehört nicht unbedingt zu ihren Stärken. Eher schon der weiche, abgerundete, recht warme Gesamtklang. Brillanz und Strahlkraft gibt es nur wenig. Etwas mehr Präsenz hätte wahrscheinlich manches gleich mitverbessert. Aber man darf nicht vergessen: Die Arte Nova-CDs waren damals bei ihrem Erscheinen sensationell preisgünstig. Und in Anbetracht des Preises war das Angebot eine echte Occasion.

 

 

4

Gustavo Dudamel

Berliner Philharmoniker

DG

2012, live

35:00

Bei dieser Aufnahme handelt es sich um die bisher letzte Einspielung des Werkes, die die Berliner Philharmoniker von dem Werk aufgenommen haben. Daniel Stabrawa spielt dabei die Solo-Violine. Der junge Dirigent aus Venezuela war damals 31 Jahre jung und wurde von vielen Seiten gehypt. Bei DG hätte man sich sicher gerne einen neuen Karajan gewünscht (alleine schon wegen der Verkaufszahlen) und die Berliner Philharmoniker suchten vielleicht insgeheim bereits einen Nachfolger für Simon Rattle. Dudamel erlebte einen kometenhaften Aufstieg, wurde Chef des Simon Bolivar Youth Orchestra, der Göteborger Symphoniker und des Lons Angeles Philharmonic Orchestra. Bis wohin würde er sich fortsetzen? Das fragten sich damals nicht wenige. Und das war vielleicht doch alles etwas schnell und zu viel. Aber die Erwartungshaltung war hoch, weder Abbado noch Rattle hatten Zarathustra eingespielt, sodass man die Neuaufnahme direkt in der Nachfolge Karajans wahrnahm.

Die Sechzehntel der Trompeten in der Introduktion wirken lahm und es fehlt ihnen der Schneid. Die Pauke hat Volumen, aber die ultimative Kraft und das Crescendo fehlen. Die Orgel hört sich gut an, wirkt nicht übermächtig. Das Tempo wirkt bedächtig, was das Triumphale begünstigt, was allerdings nicht unbedingt und in erster Linie dargestellt werden soll. Es hört sich so in der Philharmonie ziemlich nach Filmmusik und weniger nach einer sinfonischen Dichtung im Gefolge eines Franz Liszt an. Bei all der Zarathustra-Reizüberflutung bis 2012 noch nicht einmal verwunderlich. Der junge Dudamel macht sich sogar das ein oder andere Tempo Karajans zu eigen und auch die enorm ruhevolle Darstellung kommt wohl daher, Zu dem jungen Mann will sie nicht so recht passen und schon ein paar Jahre später in Salzburg mit den Wienern wird es sich bei Dudamel viel jugendlicher und frischer anhören. Weiteres dazu in unserer Radio-Liste am Ende. Wenn es nicht so schön klingen würde, dann würde man das Episodenhafte in Berlin noch deutlicher bemerken und es käme vielleicht schon früh eine gewisse Langeweile auf. Es klingt mitunter so, als wolle man den Karajan-Klang von damals wiederbeleben, auch klangtechnisch. Aber es fehlt der Darbietung im Vergleich ganz deutlich an Schwung, an Energie, an Espressivo. Schon nach der Introduktion fällt man fast in ein „Spannungsloch“. Was die Hinterweltler da anstellen das wirkt lahm, kaum fromm oder frömmelnd ins Gebet vertieft, als ob es hier ums Siegfried-Idyll ginge. Aber man spielt so schön es eben geht, der Klang hat Priorität. Die Sehnsucht wirkt eher sentimental als expressiv und mitunter wirkt die orchestrale Pracht Karajans nun wie Prunk. Es fehlt der rechte Unterbau. Dennoch und das muss betont werden, gefallen die Philharmoniker besser als in der 1996er Aufnahme mit Solti, bei der für uns jedenfalls nicht viel zusammengeht. Mit Dudamel klingt es einnehmend weich, rund, geradezu süffig, die Übergänge mitunter allerdings wie zelebriert und wie eine Spannungsfalle. Aber doch viel wärmer, eleganter und wärmer, was dem Klang eine immerhin herzliche Note mitgibt. Die Wissenschaft wirkt fast wie gelähmt. Der Genesende lässt einige gelungene Effekte hören und sogar einige Tatkraft, aber gar kein Vergleich zu Karajan oder auch zu Solti (1975).

Das Tanzlied klingt mitunter seltsam stockend, Herr Stabrawa spielt gut, kann aber mit der Eleganz und Strahlkraft Michel Schwabés bei Karajan nicht ganz mithalten, zudem gefällt uns zumindest sein starkes Vibrato weniger. Das Nachtwandlerlied erklingt besinnlich und zurückhaltend. Die Philharmoniker spielen insgesamt befreiter auf als in ihrer vorherigen Aufnahme mit Solti (1996), nahezu „makellos“ aber eben auch nicht in der Expressivität, Sinnlichkeit und mit dem Schwung Karajans lassen sie den „Newcomer“ immerhin nicht im Regen stehen, spielen aufmerksam und klangschön. Ein großer Wurf ist die Einspielung nicht geworden, dazu wirkt sie zu betulich und spannungslos. Der große Bogen fehlt. Es klingt etwas episodenhaft. Ein schwerer Lapsus ist wahrscheinlich dem Schnitt passiert, denn die letzten drei ppp-Pizzicati der Celli und Kontrabässe fehlen ganz einfach. Den Philharmonikern und Herrn Dudamel wäre das nie passiert.

Die Aufnahme klingt sehr transparent, voluminös, recht dunkel timbriert, weich, anschmiegsam und dynamisch. Wir hören einen guten, modernen Klang nicht zu präsent, aber auch nicht distanziert. Er erscheint mehr in die Breite als in die Tiefe gezogen. Hätte die DG doch nur zwei Jahre gewartet und sie hätte 2014 in Salzburg die Wiener in Hochform mit einem deutlich gereiften Gustavo Dudamel aufnehmen können. Damit hätte man dem jungen, medienwirksam auftretenden und sympathischen jungen Mann eher gedient. Wir haben diese Darbietung aus Salzburg im Radio (ORF) mitgeschnitten, aber wenn man sie verpasst hat, könnte man es bei YouTube (Dailymotion) nach wie vor nachholen.

 

 

4

Zdenek Kosler

Slowakische Philharmonie

Naxos

1989

33:21

Aufgenommen wurde in der Reduta Hall in Bratislava. Der Bass in der Introduktion hört sich an wie ein sehr tieffrequenter, großhubiger Dieselmotor, vielleicht eines Schiffs, was natürlich nicht zutrifft, die Pauke wurde virtuell weit zurück aufgebaut, sie bietet kein Crescendo, Das Blech ragt heraus, denn es klingt sauber und strahlend. Das Schluss-Crescendo des ganzen Orchesters klingt zünftig, der Orgelklang facettenreich und laut genug. Das Orchester macht einen gut geprobten Eindruck, was in der Anfangszeit des Labels, in der wir uns mit dieser Aufnahme noch befinden, nicht immer der Fall war, denn man stampfte damals eine Einspielung nach der anderen aus dem Boden, um schnell ein reichhaltiges Programm anbieten zu können. Das Orchester zeigt sich im besten Licht, die Violinen klingen etwas hell, aber nicht ohne Strahlkraft (man stellt eine hörbar große Besetzung auf die Beine) und durchaus homogen. Der Gesamtklang wirkt recht warm, was man den frühen Aufnahmen von Naxos nur sehr selten bescheinigen konnte. Da klingt eigentlich nichts mehr abweisend, dünn oder kalt. Der Dirigent hält die Musik immer fließend, musikalisch, aber auch ohne nennenswerte „Highlights“, genauso ohne nennenswerte Schwächen. Die Fuge der Wissenschaftler klingt etwas undeutlich und nur „raunend“. Dem Orchester sind Schwächen bei den virtuosen Passagen anzuhören, ansonsten ist man hier sicher aufgehoben. Der Genesende kann man als echten Prüfstein für die Interpretation, aber auch die Leistungsfähigkeit des Orchesters hören. Er fällt hier durch geringen Schwung und wenig Temperamentsentwicklung etwas ab. Der Höhepunkt vor der Generalpause klingt solide, macht aber „keine Pferde scheu“.

Das Tanzlied hat Schwung und Eleganz. Wer weiß schon, dass die Entfernung zwischen Wien und Bratislava je nach Wahl der Straße gerade einmal 65-80 km beträgt. Ist das dann schon eine Nachbarstadt? Da wundert es jedenfalls wenig, dass man sich aufs Wienerische Idiom so gut versteht. Das klingt musikantisch, vielleicht ein wenig robust und nicht ganz sauber im Zusammenspiel. Die Nennung des Konzertmeisters hat anscheinend das damals sehr knappe Naxos-Budget überstiegen, sodass wir keinen Namen weitergeben können. Einzigartig bei der Track-Einteilung der CD: Man unterscheidet zwischen Tanzlied und Nachtwandlerlied noch zusätzlich ein „Nachtlied“. Davon ist in der Partitur nichts zu sehen. Man teilt das Tanzlied so in zwei Teile auf. So hat Zarathustra zehn statt neun Teile. Wahrscheinlich wollte man die ungerade Zahl unbedingt begradigen. Aberglaube? Die Mitternachtsglocke als separates Schallereignis bleibt nahezu unhörbar, geht im Gesamtschall nahezu ganz unter.

Der Klang der Aufnahme lässt das Orchester gut im Raum aufgeteilt hören. Dabei erweist es sich als eine gute Entscheidung, dass man nicht, wie meist, das Blech auf die Seite der Violinen gesetzt hat. So wirkt das Klangbild ausgeglichener gewichtet. Es könnte präsenter sein, aber für Naxos-Verhältnisse wirkt es farbig und ziemlich lebendig. Die Transparenz bewegt sich, wie viele andere Aufnahmen auch, auf durchschnittlichem Niveau. Räumlichkeit steht vor Präsenz. Die Dynamik wirkt zurückhaltend.

 

 

4

Jac van Steen

BBC National Orchestra of Wales

BBC Music

2009, live

34:06

Diese Einspielung entstand live at St. Davids Hall in Cardiff. Jac van Steen war zur Zeit der Aufnahme Chef der Dortmunder Oper und der Dortmunder Philharmoniker und von 2005-2013 erster Gastdirigent des BBC NOW. Die Introduktion wirkt weit ausholend, die Trompeten zeigen gerade nicht ihren feinsten Strahl, die Pauke hat ordentlich Kraft und die Orgel klingt gut. Der Streichergesang bei den Hinterweltlern erklingt zunächst introvertiert und sanftmütig, steigert sich dann zu inbrünstiger Expressivität. Er gefällt mit Homogenität und Wärme. Bei den Freuden und Leidenschaften rücken wir als Hörer noch weiter vom Orchester ab, da verliert man dann zu diesen Hochgefühlen ein wenig den Kontakt, das Blech könnte besser hervorkommen. Beim Grablied lässt die Oboe starkes Vibrato hören. Der Wissenschaft fehlt die dunkle Seriosität, die Fuge erklingt maßvoll im Tempo und recht expressiv. Die Effekte des kurzen Scherzos hat man schon agiler ausgespielt gehört, sie erscheinen ein wenig matt. Der Genesende hat nicht ganz das energetische Potential, das ff des Tutti klingt weich und mild. Der Gensungsverlauf nach der Generalpause leicht und locker. Bis man den „Übermenschen“ erreicht hat, nämlich im Tanzlied lässt man es in Cardiff leicht und locker angehen.

Das Tanzlied könnte ein wenig mehr Schwung vertragen, es klingt bereits erwärmend und man fühlt sich wie in einer Mischung aus bayrischem Biergarten und Wiener Ballsaal. Die Vision des tanzenden Übermenschen gefällt in der walisischen Version gar nicht mal schlecht, sie klingt vor allem sehr warm und anheimelnd, sodass die ein wenig schroffe Kälte mancher anderer Hochglanzproduktion nicht vermisst wird. Das Violinen-Solo (die Solist/in bleibt leider ungenannt) erklingt passend dazu nicht blitzeblank, aber gefühlvoll und mit vollem Ton gespielt. Der Höhepunkt lässt die Röhrenglocke recht sonor, klar und deutlich hören. Das Nachtwandlerlied lässt wie bereits zuvor das bekannte intim wirkende, warm getönte Spiel hören, das für sich einzunehmen weiß. Mit ihrem natürlich wirkenden Fluss bringt man ein gewisses Bedauern zum Ausdruck, der Übermensch ist eben doch nicht die Lösung der Probleme des Menschseins, aus der „Nummer“ kommt der Mensch nicht raus. Insgesamt erklingt das Werk sauber, weder exaltiert-ausdrucksvoll noch besonders virtuos oder aufregend. Es wirkt herzlich und es verfehlt seine erwärmende Wirkung nicht. Damit wirkt eine andere Facette der Musik von Richard Strauss, die man landläufig nicht zuerst mit dem Zarathustra in Verbindung bringt, einmal ins Bewusstsein gerückt. Damit, so finden wir, ist schon viel erreicht.

Der Klang der Live-Aufnahme wirkt transparent, offen, recht dynamisch. Das Orchester wirkt (wieder einmal) leicht distanziert, gefällt jedoch mit seinem vollen, fast schon ein wenig opulenten Streicherklang. Er bietet nicht die Brillanz der Besten. Für die BBC dürfte diese CD sicher ein Dokument der Leistungsfähigkeit eines der eigenen Orchester sein.

 

 

4

Leon Botstein

American Symphony Orchestra, New York

ASO live

2010

30:23

Diese Live-Aufnahme aus New York lässt trotz großer Besetzung einen schlanken Orchesterklang hören mit geringerer Fülle, ohne Strauss-Opulenz. In der Introduktion erscheint die Pauke, obgleich kraftvoll und sogar mit crescendo gespielt, schwach und mulmig. Die Punktierung bei den Trompeten wirkt dynamisch, die ganze Einleitung zügig. Was man als Omen für die ganze Darbietung werten kann, die zu den schnellsten überhaupt gehört (manchmal gehört Botstein auch zu den Langsamsten). Die Hinterweltler erklingen ebenfalls sehr zügig und nuanciert, empathisch, sanft und mit reichlich Vibrato. Das Orchester erscheint im Verlauf als gut vorbereitet, die Streicher spielen homogen, das Blech differenziert, einzig das Holz kommt nur schwach zur Geltung. Bei den Freuden und Leidenschaften fehlt es ein wenig an Nachdruck, da ist das Tempo schon fast zu schnell, sodass die hörbare Durchzeichnung nicht mehr bis in die kleinste Verästelung reicht. Das Orchester klingt nicht üppig, eher tendenziell klar und deutlich. Die Anmutung wirkt daher eher intellektuell und rational als emotional. Die Fuge bei den Wissenschaftlern wirkt durch das zügige Tempo leichtgewichtig, da verweilt man nicht, da denkt man nicht umständlich nach, man weiß anscheinend schon, dass das Tun zu nichts führt.  Das kleine Scherzo erklingt nicht ganz sauber. Schlanke Sachlichkeit soll in dieser Einspielung anscheinend den hochromantischen Gefühlserguss stoppen. Auf bombastische Steigerungen wird ebenfalls verzichtet. Der Genesende gelingt jedoch besser, denn da herrscht Verve und Energie vor. Der Höhepunkt vor der Generalpause profitiert von starker Orgelunterstützung, klingt jedoch ansonsten entschlackt, d.h. überhaupt nicht massiv. Mitunter kommen die Violinen nur unterbelichtet ins Klangbild.

Das Tanzlied erklingt ebenfalls zügig, das Tänzerische entbehrt der Delikatesse auch beim Violinen-Solo, das ansonsten sauber und musikalisch wirkt. Transparente Klarheit herrscht vor. Der Höhepunkt hier bringt viel Blechgeschmetter und Pauken-Donner zu Gehör, die Mitternachtsglocke bleibt da deutlich zurück und verpufft ohne Eindruck zu hinterlassen. Das Nachtwandlerlied wirkt minimal wacklig in der Intonation (flackerndes Vibrato der Solostreicher).

Die Abbildung des Orchesters wirkt in dieser Einspielung breit und tief. Das Orchester als Ganzes ein wenig nach hinten gesetzt. Es klingt dynamisch, klar, plastisch und ziemlich realistisch. Die Akustik wirkt ein wenig trocken und leicht spröde.

 

 

4

Paavo Järvi

NHK Symphony Orchestra

RCA

2016

32:58

Diese Aufnahme entstand in der Suntory Hall in Tokio. Es handelt sich bei dem Orchester um das Orchester des Japanischen Rundfunks. Paavo Järvi war 2015-2022 Chefdirigent des Orchesters, danach sein Ehrendirigent. Seit 2022 ist Fabio Luise der aktuelle Chef. Das NHK ist in Schen Zarathustra diskographisch kein unbeschriebenes Blatt, denn es hat ihn bereits 1968 mit Joseph Keilberth und 1987 mit Wolfgang Sawallisch eingespielt. Beide Aufnahmen gehören hierzulande nicht mehr zum aktuellen Angebot. In Japan mag das anders aussehen.

Die Trompeten klingen in der Introduktion wie eine, also absolut „deckungsgleich“. Die Pauke lässt ein leichtes Crescendo hören. Es fehlt an Bass aber man steigert sich ganz beträchtlich und da ist auch die Orgel mit dabei. Insgesamt eine sehr respektable Steigerung, zuerst befürchtete man schon einen Introduktions-Blindgänger. Das Orchester zeigt im Verlauf eine ganz hervorragende Spielfähigkeit, die Streicher klingen wunderbar homogen, das Blech voll und sonor, das Holz flexibel. Schwachpunkte sind da nicht mehr auszumachen.  Und das alles klingt mit einer gewissen raffinierten, klangsatten Opulenz. Aber das Tempo erscheint bei den Hinterweltlern sehr bedächtig. Die Freuden und Leidenschaften erhalten zwar mehr Tempo und Agilität, aber die Violinen verlieren in der Höhe an Substanz. Da wird deutlich, dass die Mikrophone nicht ganz optimal positioniert waren. Bei den Bässen erklingen die Bässe wie im Ungefähren, wie zu schwach aufgenommen, wie im Mulm. Sie scheinen wie weit hinter der Bühne zu spielen. Der Genesende bleibt stumpf und dick, was gewiss nicht am Orchester liegt, das bringt alles genau so, wie es sein soll. Man hört trotz der Klangcharakteristik der Aufnahme alles. Der Höhepunkt klingt breit, ausladend, nur gerade mal recht intensiv.

Im Tanzlied hat das Violinen-Solo einen gespenstisch klaren und deutlichen Auftritt, es hebt sich extrem deutlich vom Rest des Orchesters ab, wie die Violine bei einem Solokonzert. Dabei klingt es leider etwas dünn und blutleer. Das Gekicher kommt laut und deutlich. Die Wirkung des Tanzlieds ist durchaus noch tänzerisch, aber klanglich will es einfach nicht richtig aufblühen, da fehlen sowohl Duftigkeit als auch Schmelz. Die Mitternachtsglocke ist gut hörbar, aber kein Ereignis, sie läuft unter ferner liefen und verursacht keine „Gänsehaut“. Da ist Nelsons mit den Birminghamern ungleich empfehlenswerter. Orchester und Dirigent gefallen in dieser Einspielung sehr gut, die Klangtechnik hat (obwohl mit einem japanischen Team produziert) zwar nicht versagt, aber zu einer Meisterleistung hat es leider nicht gereicht. Die beiden anderen Aufnahmen aus Japan mit Skrowaczewski und Kamioka gefallen deutlich besser.

Das klangvolle Orchester klingt meist transparent und opulent, jedoch leicht distanziert. Das Klangbild bietet nur wenig Brillanz, es wirkt sogar leicht muffig, fast dumpf und bietet keine elaborierte Dynamik. Es klingt wenig sonor, fast schon ein wenig anämisch, der Bassbereich bleibt unterbelichtet.

 

 

4

Semyon Bychkov

Philharmonia Orchestra London

Philips

1989

36:58

Die Introduktion ist bei dieser Einspielung mit Semyon Bychkov sehr gelungen. Die Pauke klingt kraftvoll und bringt auch das notierte Crescendo zu Gehör, das Blech erklingt strahlend, die Orgel klingt zwar kompakt, aber recht dynamisch und voll. Das Orchester wirkt souverän und klingt voll, abgerundet und reichhaltig. Bei den Hinterweltlern gibt es schon die ersten gedehnten Tempi, die Streicher können sie allerdings mit Espressivo füllen. Bychkov wirkt im Verlauf wie selbstverliebt oder vielmehr wie in den Klang des Orchesters verliebt, von dem er nicht genug bekommt, weshalb er das Tempo drosselt, wo immer es nur halbwegs möglich ist. Das fällt natürlich besonders auf, wenn man schon 90 schnellere Einspielungen gehört hat aber weniger, wenn man das Werk zum ersten Mal hören sollte. Das Philharmonia spielt allerdings wirklich berückend schön, aber da ist des Dehnens manchmal kein Ende. Etwas lebendiger klingt es dann bei den Freuden und Leidenschaften, aber auch hier darf das Orchester nicht einmal temperamentvoll „die Zähne“ zeigen. Das Tempo neigt sich manchmal dem Stillstand entgegen, so z.B. zu Beginn der Fuge bei den Wissenschaftlern. Der zudem so leise gespielt wird, dass der musikalische Zusammenhang gefährdet erscheint und das Stück in einzelne Episoden zerfällt. Die Wissenschaft steht da für Stillstand, unfähig zur Problemlösung. Vielleicht steht aber auch nur der Genuss am warmen süffigen Philharmonia-Sound hinter dem vorgelegten Tempo? Der Genesende erklingt dann spürbar lebendiger, wird ordentlich gesteigert und erhält einen wuchtigen, stark mit der Orgel unterstützten Höhepunkt.

Das Tanzlied wirkt dann wenig tänzerisch, zwar gut durchhörbar, nicht ganz schwerfällig, aber doch erdenschwer. Es erklingt ein sehr verhaltener, noch eleganter und sehr gleichmäßiger Walzer. Da ist nichts Exaltiertes zu hören, was auch nur ansatzweise einen „Übermenschen“ im inneren Auge lebendig werden lassen könnte. Das Violinen-Solo klingt ausgefeilt (Christopher Warren-Green). Der Höhepunkt erklingt mit aller Macht, mit einer gut klingenden aber leisen Mitternachtsglocke. Das Nachtwandlerlied ist wieder vom Stillstand bedroht, da steckt viel Bedauern mit drin und Melancholie. Es klingt sanft und entschwebt zart. Diese Einspielung vereint ein Top-Orchester und eine exzellente Klangqualität mit einem gedehnten, manchmal träge wirkenden, langweiligen Dirigat.

Das Orchester könnte man klanglich als etwas entfernt bezeichnen, die Klangqualität wirkt jedoch ausgewogen, räumlich, ermöglicht eine sehr gute Durchhörbarkeit. Der warme, weiche, schmelzende aber auch brillante Klang der Aufnahme allerdings kann auch dem anspruchsvollen audiophil geprägten Hörer empfohlen werden.

 

 

4

Antal Dorati

Detroit Symphony Orchestra

Decca

1982

33:54

Die Aufnahme entstand im United Artists Auditorium in Detroit. Es war nach Mehta (New York) und Ozawa (Boston) die dritte Einspielung von „Also sprach Zarathustra“ des Digitalzeitalters. Erst 1983 folgten die beiden DG-Einspielungen mit Maazel (Wien) und Karajan (Berlin) gemeinsam mit der Prêtres (London). Die Firmen stürzten sich da regelrecht auf das Stück, weil sich sowohl seine Popularität als auch seine spektakuläre Dynamik und Instrumentation besonders gut dazu eigneten, die Qualitäten der neuen Technik im besten Licht erscheinen zu lassen und zugleich die Verkaufszahlen in einem wirtschaftlich günstigen Bereich zu halten. Dorati war von 1977-81 Musikdirektor dieses amerikanischen Orchesters, sein Nachfolger Günter Herbig trat sein Amt allerdings erst 1984 an.

In diesem Fall klingt das Stück jedoch weniger atmosphärisch als bei den bereits zu Beginn gelisteten Klassikern. Die Orgel klingt bei der Introduktion durchweg sehr zurückhaltend. Die Pauke offeriert kein Crescendo, das Ganze erscheint als eher nur solider und wenig beeindruckender „Sonnenaufgang“. Die Streicher bei den Hinterweltlern klingen behutsam, gefühlvoll und schon erstaunlich warm timbriert für eine frühe Digitalaufnahme. Den Klang von Geigen zu reproduzieren war zu Beginn der Einführung der Digitaltechnik eines der noch nicht ganz gelösten Hauptprobleme. Man trägt nur wenig Vibrato auf. Die Orgel harmoniert nun leise gespielt besser zum Orchester als in der Einleitung. Es gibt keinen Espressivo-Überdruck. Bei den Wissenschaftlern kommt es zu einem gezügelten, behaglichen Scherzo, keine Spur von einer persiflierenden Erhöhung. Herr Dorati hatte zur Zeit der Aufnahme bereits das 76. Lebensjahr erreicht und bekleidete in Detroit seine letzte Position als Musikdirektor. Zu Mercury-Zeiten (in den 50er und den beginnenden 60er Jahren) hätte dieses Scherzo wahrscheinlich mehr Biss zu Drive von ihm mitbekommen. Der große Aufschwung beim Genesenden fällt eher schwach aus, an instrumentalen Details ist alles da, aber es fehlt die Dominanz im Ausdruck und der Biss im Spiel. Das wirkt nun nicht mehr „angriffslustig“ genug.

Gut klingt das Tanzlied dem es kaum an Schwung und gar nicht an Nachdenklichkeit fehlt, auch nicht am für den „Übermenschen“ so charakterisierenden auftrumpfenden Gestus. Die Schläge der Mitternachtsglocke sind alle bestens zu hören (es ist leider nur eine Röhrenglocke), wenn auch nur mit wenig Volumen und wenig Resonanz. In nur wenigen Aufnahmen hat man sich die Mühe gemacht und die Kosten um eine echte Kirchenglocke aufzunehmen nicht gescheut. Die ppp-Schluss-Pizzicati sind bei Dorati auch bei sehr moderater Lautstärke bestens zu hören. Dies ist eine in vielen Details gelungene Einspielung die im Großen und Ganzen für Herr Dorati etwas zu spät kam. Leider gibt es mit ihm keine frühere Einspielung des Stückes.

In dieser Aufnahme klingen nur die Streicher präsent. Sie ist klar und räumlich, auch im ff des Tutti. Die anschmiegsamen und flexiblen Violinen klingen schon erstaunlich schmelzend, wir hörten keine Spur von frühdigitaler Härte. Holz und vor allem das Blech klingen zu hintergründig, was wegen des entfernten Blechs (und des entfernten Schlagwerks) Wucht und Dynamik kostet.

 

 

4

Pierre Boulez

Chicago Symphony Orchestra

DG

1996

33:21

Diese Aufnahme stellt die einzige Strauss-Einspielung von Pierre Boulez dar. Da es ihm sicher nicht an weiteren Gelegenheiten mangelte, scheint er nicht gerade ein inniges Verhältnis zur Musik des Münchners gepflegt zu haben. Ganz anders sieht es beim Chicagoer Orchester aus. Da gab es bereits verschiedene Vorgänger in der Aufnahmegeschichte, angefangen bei Frederick Stock, über Artur Rodzinski, Fritz Reiner (2x) und Georg Solti. Daniel Barenboim mied den Zarathustra auffallend und Riccardo Muti mied Richard Strauss vollständig, zumindest einmal diskographisch gesehen.

Die Introduktion erklingt ohne ohrenbetäubenden Lärm und emotionalisierender Attacke; stattdessen gibt es eine Auflichtung der Textur und eine klare Darlegung der in der Partitur fixierten Verhältnisse. Und sonst nichts. In einem so von Sachlichkeit geprägten Umgang mit der Musik fehlt es noch nicht einmal an klanglicher Wärme, da lässt sich das Orchester nicht lumpen, allerdings wirkt die Musik ziemlich starr, wenig flexibel, ein einmal gewähltes Tempo wird beibehalten. Um eine mögliche Ausreizung von Effekten macht diese Einspielung einen ziemlich großen Bogen. Absichtlich abgeflacht werden sie allerdings nicht (z.B. an den Höhepunkten), aufgebauscht aber auch nicht. So ist expressive Hochspannung nicht gerade die Stärke dieser Einspielung. Sie vermeidet Theatralik wann immer möglich. Das CSO spielt makellos, aber anders als bei all seinen Vorgängern scheint Monsieur Boulez das Orchester nicht zu fordern. Da klingt alles sachlich und unentschieden, nie mal überbordend, nie mal humorvoll, nie exzessiv, dafür nur sauber. Man hört das, was in der Partitur steht, nicht mehr. Es geht aber auch keine Stimme verloren. Dieser zurückhaltende Zugang steht der Musik nicht schlecht an, wir finden ihn nicht langweilig. Bei einem anderen Werk, z.B. Till Eulenspiegel oder Don Juan wäre diese Art des Musizierens wahrscheinlich nur schwer zu ertragen, da würde man nur Mängel, also ein Fehlen von so Vielem hören. Bei Boulez fällt der Genesende besonders ab, gerade gegen die sanguinischen Vollblutversionen, genau wie das Tanzlied. So perfekt da auch gespielt wird und so exzellent das Violinen-Solo von Samuel Magad auch klingen mag (der war bei Solti auch schon mit von der Partie) und so transparent es auch klingt. Die Mitternachtsglocke kommt bemerkenswert gut und sie klingt schön voll. Das Nachtwandlerlied wirkt kühl, wenig tröstlich und hell. Da scheint wenig „Herz“ mit im Spiel zu sein. Da geht alles minuziös nach Plan. Umso erstaunlicher ist es, dass man bei normaler „Zimmerlautstärke“ die drei ppp-Schluss-Pizzicati nicht hören kann. Diese Einspielung eignet sich besonders für die an der Faktur des Werkes interessierten Hörer, denn man hört fast alles. Weniger für die Fans des „Fin de Siècle“, seinem Überschwang und seinem Luxus. Und weniger für den Hörer, der am ganzen Strauss interessiert ist.

Der Klang lässt das Orchester in einem großen Raum hören, es wirkt gut gestaffelt, sehr transparent, brillant, teils sogar klanglich leuchtend. Das Orchester wirkt wenig füllig, man kann seinen Klang wohl noch sinnlich nennen, üppig jedoch oder gar luxuriös jedenfalls nicht. Es erklingt ohne die Strahlkraft, die es bei Reiner (1954 und 62) und Solti (1975) noch abgeben konnte. Die Stimmenpräsenz ist der Trumpf der Einspielung, weshalb sie sich auch für die Partitur-Leser eignen mag.

 

 

4

Gary Bertini

Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester (heute: WDR-Sinfonieorchester Köln)

Capriccio

1988

32:15

Diese Einspielung wurde an drei Tagen an drei verschiedenen Orten aufgenommen, nämlich in Leverkusen, Köln und Antwerpen. Trotzdem konnten wir beim einmaligen Hören der Aufnahme keine auffälligen oder gar lästigen Veränderungen der klanglichen oder räumlichen Verhältnisse feststellen. Gary Bertini war 1983-91 Chef des Kölner Orchesters, das sich hier in Bestform präsentiert (vielleicht bis auf die Klarinette). Leider lässt der Dirigent bzw. die Klangtechnik (oder beide) allzu oft die Violinen klanglich dominieren. Das Tanzlied wirkt weniger anmutig, kommt uns mehr gezwungen fröhlich vor. Bei diesem Abschnitt der Komposition bietet das Blech den Streichern mal richtig Paroli. Dies ist eine ungemein füllig klingende Darbietung, die die Musik fließen lässt, aber das eine oder andere Detail vermissen lässt und ein wenig unter der Dominanz der ersten Violinen leidet. Insgesamt wirkt das Endergebnis stimmiger als es die Angabe der drei verschiedenen Konzerträume vermuten ließe.

Die Aufnahme klingt sehr dynamisch, räumlich, präsent, voll, warm und geschmeidig. Nicht immer gleichermaßen transparent und nicht immer gleichermaßen ausgewogen. So ist die Harfe mal gut, mal kaum zu hören Seltsam wirkt es, wenn man den Konzertmeister sehr gut hört, sein Pultnachbar nicht.

 

 

4

Vladimir Ashkenazy

Cleveland Orchestra

Decca

1989

31:14

Mit Vladimir Ashkenazy gibt es noch eine neuere Einspielung der Komposition mit der Tschechischen Philharmonie, die bei Exton erschienen ist. Leider konnten wir sie nicht beschaffen. Die Cleveländer Aufnahme entstand im Masonic Auditorium. Die Introduktion klingt zunächst nicht besonders tief oder voll, sie wird jedoch sorgfältig gesteigert, das Cleveländer Blech klingt brillant und genau, die Orgel mit vollem Werk allerdings sehr energetisch. Man hat nie das Gefühl, dass Ashkenazy bei der Darbietung auf „Show“ aus ist, das Spiel des Orchesters kann man nur als hervorragend bezeichnen, es ist erwartungsgemäß nicht von übermäßiger Wärme geprägt, wirkt jedoch keineswegs kalt oder perfektionistisch. Ein spezifisches „Glühen“ für das Werk ist jedoch ebenfalls nicht zu bemerken, so wie man es bei Karajan, Reiner, Kempe oder Steinberg und einigen anderen hören kann. Da werden keine Fehler gemacht, da gibt es noch nicht einmal kleine Unachtsamkeiten, alles klingt akkurat. Besondere Risiken in Form von spontan wirkenden Rubati hören wir ebenfalls nicht. Das Werk wirkt leicht und luzide und zumindest in unseren Ohren verliert es in dieser Einspielung viel vom „Philosophischen Ballast“. Das liegt wohl am lichten Klang, am schlackenlosen Spiel, aber auch an den sehr schnellen Tempi. Eine besonderes Espressivo bleibt aus.  Die Fuge der Wissenschaftler klingt sehr transparent, seltsamer Weise befleißigt man sich bei ihr eines sehr starken Vibratos. Wir wurden den Eindruck nicht los, dass sich das Orchester geradezu auf die virtuosen Passagen draufstürzt (vielleicht weil es mit den ausdrucksvollen, lyrisch geprägten nicht so viel anfangen kann?). Eine gewisse Glättegefahr kann dabei nicht überhört werden. Die existenzielle Krise mit dem (eigentlich) zugespitzten Höhepunkt vor der Generalpause mangelt es an Dringlichkeit. Beim Tanzlied wird ähnlich perfekt und temporeich gespielt wie bei Solti (Chicago Symphony, 1975), jedoch ohne der da noch verbliebenen „Restwärme“, die man nun vermisst. An den fülligen, wärmend-expressiven Wohllaut aus Berlin (1973) oder Dresden (1971) sollte man nicht zurückdenken. Die drei ppp-Schluss-Pizzicati sind fast unhörbar. Diese Einspielung des Zarathustra zählt zu den sportlichsten, schnell und „light“.

Die Aufnahme klingt weiträumig, transparent, gut in die Tiefe gestaffelt, eher schlank und filigran als voll oder gar saftig. Die Transparenz und die Tiefenstaffelung gehen noch über das in Blomstedts 1994 präsentierten Maß (ebenfalls Decca) hinaus, die im Gegenzug jedoch wärmer, voller und sonorer klingt. Die Cleveländer beziehen ihren schlanken Klang vor allem aus dem perfekten Spiel, das man auch in den zahlreichen völlig schlackenlos präsentierten Soli erkennen kann.

 

 

4

Alain Lombard

Orchestre National Bordeaux Aquitaine

Auvidis-Valois

1994

34:42

Monsieur Lombard hat das Werk bereits in den 70er Jahren mit dem Orchestre Philharmonique de Strasbourg für Erato eingespielt. Eine Aufnahme, die längst aus den Katalogen verschwunden ist und die man auch antiquarisch kaum zu Gesicht bekommt. Die Introduktion in Bordeaux wirkt allenfalls solide, nicht besonders „ausziseliert“, nicht besonders „ausmusiziert“. Die Orgel auch bei vollem Werk wenig brillant. Die Hinterweltler wirken sanftmütig, das Orchester phrasiert etwas pauschal und das Espressivo wirkt lange nicht so flammend wie z.B. bei Karajan (1973). Man nutzt einen erfreulich weiten Dynamik-Spielraum. Die Soli kommen im Verlauf gut heraus und die verschiedenen Ausdrucksbereiche werden ganz gut voneinander abgesetzt. Die Homogenität der Streicher erreicht dieses Mal nicht das Top-Niveau, das uns bei der Einspielung von Mahlers V so verblüfft hat. Das kleine Scherzo bei „Von der Wissenschaft“ wirkt brav und nur wenig brillant. Der Genesende könnte virtuoser und heftiger klingen, laut genug wäre der Höhepunkt in jedem Fall.

Das Tanzlied ist besonders transparent gelungen, die Solo-Violine spielt launisch und keck (leider wird der Konzertmeister bei dieser Aufnahme wieder nicht genannt bzw. die Konzertmeisterin). Ob man so den spezifischen Strauss-Ton genau trifft wollen wir einmal dahingestellt lassen. Wir befinden uns immerhin an der Atlantik-Küste. Das Solo wird sehr, sehr deutlich vor das Orchester gestellt, wie ein waschechter Solist bei einem Solokonzert. Klanglich fehlt es dem Solo ein wenig die Fülle und Eleganz der Besten. Man hört hier jedoch eine willkommene Abwandlung. Rhythmisch lässt Monsieur Lombard ziemlich zackig (man denkt mehr an Preußen als an Wien) spielen. Den Streichern fehlt der verschwenderische Glanz, während Holz und Blech eine „bessere Figur“ hinterlassen. Zum Höhepunkt hin wird sehr überzeugend gesteigert, grandios würde es ebenfalls treffen. Die ersten der 12 Mitternachtsglockenschläge sind so gut zu hören, dass sie jeden Bürger aus dem Bett aufschrecken lassen würden. Das ist vielleicht auch der tiefere Sinn, dass ein jeder mitbekommt, welche Entwicklung bis hierhin durchlebt worden ist bzw. durchlebt werden muss. Die später angeschlagenen gehen im aufgepeitschten Orchesterklang unter. Das Nachtwandlerlied ist von intimer Wirkung, leicht und sanft, allerdings so dissonant wie möglich. Die drei Schluss-Pizzicati sind genau so leise zu hören, wie sie zu hören sein müssen.

Der Klang der Aufnahme hält nicht ganz mit der musikalischen Interpretation mit und fällt gegenüber der Aufnahme von Mahlers V ab. Er klingt jetzt dicht und etwas mulmig, nicht so brillant, nicht so sinnlich, nicht so gut gestaffelt und transparent wie dort. Die Streicher könnten sonorer klingen, obwohl man die Basslinie selbst durchaus bemerkt. Das Blech ist präsent dabei, die Dynamik ist gut.

 

 

 

3-4

Djong Victorin Yu

Philharmonia Orchestra London

Guild

1994

34:24

Nun liegt eine weitere Aufnahme des Londoner Philharmonia Orchestra vor uns. Nach Bychkov, Prêtre und Rouvali ist Djong Victorin Yu nun der vierte Dirigent, dem der Genuss zuteilwurde das Werk mit diesem Orchester zu erarbeiten und hören zu dürfen. Er dürfte in unseren Breiten der unbekannteste sein. In der Introduktion bekommt die Pauke einen sehr prominenten Platz im Klangbild, dem gegenüber klingen die Becken und die Bässe mit der Gran Cassa schwach. Die Trompeten sind zusammen, die Orgel bringt es nur zu einer sehr mäßigen Dynamik und der punktierte Rhythmus wird nicht als Spannungsquelle begriffen.

Das Orchester klingt wie bereits von den zuvor gelisteten Einspielungen bekannt sehr klangvoll. Die Tempi erscheinen dieses Mal wie den Durchschnitt genommen, die erzeugte Spannung wirkt höchst durchschnittlich. Es gibt nur wenig dynamische Abstufungen, die Phrasierung wirkt nicht immer einheitlich und wirkt pauschal gehalten. Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass es etwas achtlos und ausdruckslos am eigentlichen Ausdrucksgehalt vorbeigeht. Freuden und Leidenschaften wirken nur oberflächlich abgehandelt. Das Blech klingt mitunter gegenüber den erneut seidenweichen und homogen aufspielenden Streichern als zu laut. Eine eigentliche Interpretation mit einer entschiedenen Formung von Klang und einer Konkretisierung von Inhalt scheint kaum stattzufinden. Trotzdem klingt es gut und der Höhepunkt beim Genesenden gelingt gut, nicht zuletzt durch die tieffrequente Unterstützung der Orgel und die gute Dynamik. Im Anschluss klingt der Genesende richtig finster.

Das Tanzlied leidet etwas an reduzierter Transparenz. Als Konzertmeister fungiert Hugh Bean, der 1956-67 bereits beim PO Konzertmeister war, also in der Zeit von Otto Klemperer. Er kehrte 1989 zu diesem Orchester zurück und wurde anschließend Leader Emeritus. Wenn er spielt stürzt sich die Klangtechnik geradezu auf seine Violine, sonst hört man dann kaum noch etwas von den anderen zahlreichen Stimmen. Die anderen Soli stehen gegenüber der Violine ganz deutlich zurück. Ob der Dirigent hier seiner Aufsichtspflicht nicht nachgekommen ist oder wie vermutet die Klangtechnik alles auf eine Karte gesetzt hat, können wir nur schwer entscheiden. Das Tänzerische bleibt etwas steif. Der Höhepunkt wirkt allerdings sehr gelungen, da ist ordentlich Dynamik drin und die Mitternachtsglocke wird hörbar hart angeschlagen, sodass sie alles an Klang bringen kann, was sie vermag.

Der Klang der Aufnahme wirkt voll und recht ausgewogen, recht transparent, farbig, sonor und brillant, recht plastisch, recht dynamisch, nur ganz leicht hallig.

 

 

3-4

Georges Prêtre

Philharmonia Orchestra London

RCA

1983

37:06

Bei dieser Einspielung hat man das Orchester in der Walthamstow Town Hall aufgenommen, die dieses Mal leider ziemlich hallig klingt, während man zur Aufnahme der Orgel in die Central Hall nach Westminster ging. Entsprechend reich klingt der Orgelpart. In der Introduktion erschrickt man geradezu, wenn man die extrem hart geschlagene Pauke zum ersten Mal hört. Die Dynamik des Gesamtensembles wird von der Klangtechnik nicht zur Gänze erfasst.

Im Verlauf erfreut nun schon als Konstante, wenn man dieses Orchester hört, der warme Streicherklang, Das gesamte Orchester spielt ausdrucksvoll und leidenschaftlich, der Dirigent ist ja als Espressivo-Musiker bereits hinlänglich bekannt. Hörner und Oboen sind bereits mit dem „neuen“, fülligen Philharmonia-Klang zu hören, der über die Jahre, den harten, aber auch hoch präsenten Holzbläserklang aus der Klemperer-Zeit abgelöst hat. Der Umgang mit den Klangfarben wirkt feinsinnig, der Dirigent verfolgt eine individuelle Sicht der Dinge in Sachen Rubato-Gestaltung und beim Fluss der Musik allgemein. Manches scheint da mehr zu stören. Intensität und „Klangdichte“ kommen bei weitem nicht an die beiden DG-Aufnahmen mit den Wienern (Maazel) und Berlinern (Karajan) heran, die im gleichen Jahr 1983 entstanden sind. Vor allem das Espressivo der Karajan-Einspielung wirkt ein wenig wie nachgeahmt, aber doch unerreicht. Manch extra lang gedehntes Tempo Prêtres mag dabei eine Rolle gespielt haben, so bei „Von der Wissenschaft“, wobei ein weithubiges Vibrato zum Einsatz kommt, das man heute kaum noch als Intensivierung des Ausdrucks wahrnimmt, eher als störend. Beim Genesenden erscheint die Virtuosität als beträchtlich, der Höhepunkt wird von der stark klingenden Orgel mitgetragen; allerdings bleibt der Orgelklang zu lange stehen, was für Irritation sorgt. Anscheinend war der Dirigent bei der Endabmischung gar nicht mehr dabei, sonst wäre der Lapsus kaum durchgegangen.

Das Tanzlied klingt plastisch, Tempo und tänzerischer Vortrieb wirken sehr gemäßigt, aber man sorgt für starke Kontraste.

Die Mitternachtsglocke ist durchgängig sehr gut hörbar, das Nachtwandlerlied wirkt dann wieder gedehnt. Die Solovioline wird wieder von Christopher Warren-Green gespielt.

Diese frühe Digitalaufnahme wurde von RCA als Konkurrenz zu Ozawa, Karajan (1983), Maazel (1983), Dorati und Mehta (1980) auf den Markt gebracht, weil man noch keine eigene Digitalaufnahme aufzuweisen hatte. Sie klingt nicht sonderlich präsent, also mindestens leicht distanziert. Blech und Holz sind leider nur etwas schemenhaft zu hören, Klarheit und Deutlichkeit gehören nicht gerade zu den Stärken der Aufnahme. Es klingt jedoch schon recht voll und sogar schon schön weich (Dank ans Philharmonia Orchestra), die Violinen klingen „dank“ der frühen Digitaltechnik noch nicht warm, sondern kühl und hart. Von allen Aufnahmen die die Digitaltechnik schon so früh zum Einsatz brachten, steht die RCA mit ihrem Hang zum Diffusen am Ende der Liste.

 

 

3-4

Steven Mercurio

Czech National Symphony Orchestra

The Audiophile Society

2023

32:43

Steven Mercurio ist als Nachfolger des verstorbenen Libor Pesek seit 2019 Chefdirigent des Orchesters aus Prag. Es wurde in der Smetana Hall aufgenommen. Das Technik-Team der Firma The Audiophile Society gruppiert sich um den altbekannten David Chesky. Man möchte dort Einspielungen herausbringen, die als „Must-have“ für den audiophilen Hörer und für den Liebhaber des klassischen Repertoires gelten sollen. Ob das gelungen ist, das heißt ob insbesondere die Aufnahmequalität das übliche Level des Angebots überragt, werden wir später noch ansprechen. Zuerst wollen wir uns die musikalischen Qualitäten der Einspielung mal zu Gemüte führen.

Man versucht eine dramatisch-opernhafte Szenerie vor den Hörern auszubreiten mit dem Ziel, die narrativen und emotionalen Verschiebungen innerhalb des Stückes einzufangen. Erhaben und hyperromantisch soll es klingen, so versucht sich die als Werbetext einzuordnende Beschreibung im Begleittext.

Wuchtig und monumental klingt die Einleitung, aber die Orgel bleibt hinter den Möglichkeiten anderer Einspielungen zurück und der Klang überrascht angesichts des Erwarteten mit seiner geringen Brillanz. Das klingt überdurchschnittlich dumpf. Die Trompeten kaum knackig. Also von der Einleitung gibt es Dutzende besser gelungene Einspielungen aus vielen vergangenen Jahrzehnten. Man höre sich einmal die Reiner-Aufnahme von 1954 an…fast 70 Jahre älter.

Musikalisch legt sich über die ganze Darbietung ein Schleier des Betulichen, mehr oder weniger alles verbleibt in der Musizierhaltung ohne echte Dringlichkeit. Man denkt eher an eine locker gehaltene Spielmusik aus dem 18. Jahrhundert.  Die Hinterweltler wirken langsam und bedächtig, eher leichtgewichtig als schwer oder gar lastend-gramgebeugt, es wird locker musiziert. Expressivität gibt es nur auf Sparflamme, wenn man danach sucht. Die 73er Aufnahme Karajan könnte stilistisch kaum weiter entfernt liegen. Das Orchester klingt fast wie ein Kammerorchester. Von der Sehnsucht wirkt matt und dröhnt sogar ein wenig vor sich hin, der Bassbereich wirkt massig und wenig aufgelöst. Bei den Wissenschaftlern erkennt man das Fugato gut, dann klingen die Violinen im kleinen Scherzo-Abschnitt so hell, dass man schon schrill dazu sagen könnte. Das Scherzo wirkt trotzdem wenig frech, es säuselt gerade mal vor sich hin. Da bleibt gestalterisch noch viel Luft nach oben, auch was die Spielpräzision anlangt. Der Bass beim Höhepunkt des Genesenden gefällt, aber wo bleibt die Orgel? Ansonsten klingt auch der Genesende wenig dringlich und nahezu drucklos.

Im Tanzlied hat man sich nun (plötzlich) eines anderen besonnen, denn die Solovioline gewinnt nun markant an Höhen hinzu und wird herausgehoben wie in einem Solokonzert. Sie spielt in unmittelbarer Nähe zum Dirigenten, der die beiden Mikros ja über seinem Kopf hängen hat. Da klingt der Konzertmeister natürlich besonders nah und deutlich hinein. Das Zusammenspiel wirkt nicht immer nahtlos und nicht immer nahtlos unter Spannung gehalten. Das Orchester klingt im ff immer leicht mulmig und nicht ganz frei, es wirkt irgendwie gehemmt. Während Gran Cassa und die Bässe beim Höhepunkt groß herauskommen, spielt die Mitternachtsglocke nur eine Nebenrolle. Das Nachtwandlerlied gehört zu den gelungensten Abschnitten dieser Darbietung. Die Solovioline erscheint dabei nicht immer ganz höhenintonationssicher.

Nun zur klanglichen Seite der Einspielung. Man nahm das ganze große Orchester mit nur zwei Mikrophonen auf, genau wie zu Beginn der Stereophonie. Diese hängte man in etwa über dem Kopf des Dirigenten auf. Wie beim Decca-Tree, da waren es nur bereits drei Mikros. Dies allein solle schon zu einer massiven, anspruchsvollen Klanglandschaft führen. Man nennt dies nun Mega-Dimensional-Sound, den es nur als digitalen Download gibt, übrigens in fast allen erdenklichen Formaten, außer Multichannel. Seit Jahren erstellt man so ähnlich Aufnahmen auch in sogenannter „Kunstkopfstereophonie“, eigens für die Hörer, die das Hören mit Kopfhörer favorisieren. Man kann nicht behaupten, dass sich das Verfahren auf breiter Front durchgesetzt hätte. Spezielle Kopfhörerformate werden übrigens von The Audiophile Society ebenfalls angeboten. Das Ergebnis soll kristallklar, detailreich und transparent klingen.

Die Realität erweist sich als leicht dumpf und generell schwer-lastend. Die Klangfarben wirken matt. Der Klang von Gruppen erscheint gut gestaffelt, nuancenreich aufgedröselt und „durchlüftet“. Einzelne Soli werden nicht künstlich hervorgezaubert, das würde mit nur zwei Mikrophonen nicht funktionieren. Der Klang des Orchesters wirkt recht tief, wenig brillant und nicht besonders dynamisch um nicht zu sagen dröge. Es wird nur ein geringer Aufsprechpegel zur Verfügung gestellt, sodass man richtig weit aufdrehen muss. Der Subwoofer fühlt sich übrigens kaum herausgefordert, als Test für Lautsprecher und gerade für Subwoofer erscheint uns die Aufnahme gänzlich ungeeignet. Da gibt es ganz andere! An die Grenze der Belastungsfähigkeit bringt den Subwoofer vor allen die Multichannel-Aufnahme von Chandos mit Edvard Gardnner und dem Jugendorchester von Great Britain. Man hat sich mittlerweile so an das Aufnahmeverfahren mit zahlreichen Stützmikrophonen gewöhnt, dass einem die Umstellung eher schwerfällt als dass man sie begrüßen würde.

 

 

3-4

Edvard Gardner

National Youth Orchestra of Great Britain (NYGB)

Chandos

2016

31:35

Diese Aufnahme entstand in der Symphony Hall zu Birmingham. Das Orchester dürfte das am zahlreichsten besetzte unseres ganzen Angebots sein. 194 Mitspieler sind verbürgt, alle zwischen 13 und 19 Jahren.

Die extrem tiefe Abmischung und die stark registrierte Orgel lassen die Bass-Chassis der Lautsprecher und ggf. die Subwoofer ganz gehörig ins Schwitzen kommen, nicht wenige werden hilflos dröhnend die Segel streichen. Das Blech klingt leider sehr distanziert, sodass es ihm an Gewicht und Strahlkraft mangelt. Die Sechzehntel nach der Punktierung wird ziemlich lange genommen, sodass ein Spannungsgewinn an dieser Stelle ausbleibt. Aufgrund der starken Besetzung wartet das Orchester mit einem fülligen und homogenen Streicherklang auf. Generell scheint man eher einen zarten, fragilen Ansatz zu verfolgen, die Orchesterfülle wird kaum je genutzt, um aufzutrumpfen. Trotz des schnellen Tempos wirken gerade die Freuden und Leidenschaften wie schnell runtergespielt, sodass es gerade an Freude und echter Leidenschaft fehlt.  Mitunter fehlt es an der nötigen Transparenz, z.B. beim Holz im Grablied. Allerdings, das gilt es festzuhalten, klingt es meist warm, ziemlich ausgefeilt und intensiv. Der Genesende setzt dann bei den jungen Leuten das temperamentvolle Spielvermögen frei bis zur Generalpause. Das klingt teils sehr plastisch und voll und auch solistisch überzeugend, dieser Abschnitt der Partitur ist bisher der Gelungenste.

Dem Tanzlied fehlt es merklich an Klangfülle, zudem stellt sich ein militanter Unterton ein, der nicht so recht passen will. Im Großen und Ganzen wirkt die Musik jedoch lebendig und freudig durchpulst. Die Konzertmeisterin heißt Millie Ashton.

Im Nachtlied kann man die Röhrenglocke sehr gut hören, aber leider ist es nicht nicht die vom City of Birmingham Symphony Orchester in der Einspielung mit Andris Nelsons genutzte Monumentalglocke. Diese hier klingt unauffällig und dünn. Der Schluss klingt ätherisch.

Die Aufnahme klingt sehr großräumig und distanziert, jedoch immer noch recht deutlich und transparent. Wenn man von der Orgel einmal absieht klingt es nur wenig voll, richtig wuchtig klingt das Orchester trotz der großen Besetzung nicht. Gerade wenn die Streicher weniger beteiligt sind, klingt die Aufnahme merklich plastischer.

 

 

3-4

Sir Georg Solti

Berliner Philharmoniker

Decca

1996, live

32:29

Nach Karajans Tod durfte auch Georg Solti die Berliner Philharmoniker dirigieren. Karajan wollte sich dem direkten Vergleich mit ihm nicht aussetzen, wie mit Leoard Bernstein auch, weshalb es nur zu einem einzigen Gastspiel Leonard Bernsteins bei den Berlinern kam (Mahler IX). Karajan verbot die Zusammenarbeit der beiden Antipoden mit „seinem“ Orchester. Mit Solti ist zu Lebzeiten Karajans nur eine unscheinbarere Decca-Aufnahme mit kleinen Orchesterstücken russischer Provenienz von 1959 gemacht worden, die man schnell zurückgezogen hat, um ein Remake mit dem LSO auf den Markt zu bringen. Eine Zusammenarbeit Soltis mit den Berlinern im Konzert ist uns zu Lebzeiten Karajans zumindest unbekannt geblieben.

Die Aufnahme fand in der Berliner Philharmonie statt. Sie stand anscheinend unter keinem guten Stern. Das Sechzehntel nach der Punktierung erscheint langsamer und spannungsloser als bei Böhm (1958) und Karajan (1973 und 1983).  Das nur ziemlich selten beachtete Crescendo der Pauke findet man bei Solti und die Orgel klingt mit vollem Werk dann auch tatsächlich mal richtig laut. Im Verlauf wirkt das Orchester viel weniger involviert als in seinen beiden letzten Einspielungen 1973 und 1983. Es macht zwar keine Fehler, aber es wirkt im Vergleich wenig mitreißend. Es fehlen ihm genauso der umwerfende Glanz, die Sonorität und die Farbenpracht. Die Oboe, das Englischhorn und das Holz allgemein scheint an klanglicher Substanz und Verführungskraft eingebüßt zu haben. Die Höhepunkte bringen zwar noch Wucht mit, aber nie wird der Klang einmal ausgekostet, oder ihm mal nachgespürt. Es fehlt ihm jede schwelgerische Note und gegenüber Karajan hat nun ein gewisser klanglicher Purismus Einzug gehalten.

Das Tanzlied erklingt ohne Charme und Walzerseligkeit, es wird vergleichsweise wie durchgepeitscht. Es macht sich Hektik breit. Der ungenannte Solist an der Violine könnte Leon Spierer gewesen sein. Als Mitternachtsglocke beim Höhepunkt erklingt nun nicht mehr eine gewöhnliche Röhrenglocke, jetzt hört es sich voller, runder, resonanzreicher an. Besonders nachdrücklich kling sie nicht. Selbst das Nachtwandlerlied hört sich nach Dienst nach Vorschrift an. Da hätte man sich besser ein wenig mehr Zeit gelassen um die Musik schwingen zu lassen. Diese Einspielung klingt zwar aufmerksam und korrekt durchgespielt, aber seltsam leidenschaftslos. Wenn Solti, dann 1975 mit den Chicagoern, wenn die Berliner, dann Karajan 1973.

Die Attraktion dieser Aufnahme ist die Orgel, die sich über die ganze Breite des Hör-Raums ausbreitet, zumindest in der Introduktion. Dem Orchester fehlen gegenüber 1973 und 1983, sogar gegenüber der Einspielung von 2012 mit Dudamel Fülle und Strahlkraft. Die Transparenz ist jedoch gegenüber Karajan ein wenig besser geworden. Die Abbildung der einzelnen Schallquellen gelingt jetzt punktgenau. Als Ganzes wirkt das Orchester jetzt zu sauber, „clean“, akkurat und „steril“ auf uns. Dies ist eigentlich keine schlechte Aufnahme, aber wir hatten uns mehr erhofft.

 

 

3-4

Edo de Waart

Radio Filharmonisch Orkest

Exton

2005

33:54

Die Aufnahme entstand im Studio des Radio Filharmonisch Orkest in Hilversum.  Edo de Waart war von 1995-2004 musikalischer Direktor des Orchesters. Roland Hoogeveen war bei dieser Einspielung dabei der amtierende Konzertmeister. Schon die Introduktion lässt nichts Gutes erwarten. Nur ganz zu Beginn klingt diese Einspielung richtig dynamisch und wuchtig. Die Bassgrundierung ist gut, die Trompeten klingen sauber und zentral, die Pauke hat wenig Körper (sie klingt wie so oft weit weg) und spielt auch (wie so oft) kein crescendo. Die Dynamik des Tutti bleibt schwach und die Orgel erklingt ohne Nachdruck. Die Hinterweltler erklingen langsam und gemächlich; sie legen viel Vibrato auf, ohne dass die Maßnahme zu einem Espressivo-Spiel führen würde. Die Freuden und Leidenschaften wirken mühsam und kraftlos, wenig expressiv, da lodert kein Feuer. Das Grablied gefällt besser, überhaupt scheinen dem Dirigenten (und dem Orchester) die langsamen Passagen besser zu liegen. Da kommen dann auch die Holzbläser mal zur Geltung. Bei der Wissenschaft angekommen dürfen die Streicher dann mal etwas Glanz verbreiten, leider wirkt der kleine Scherzo-Abschnitt uninspiriert und müde. Auch der Genesende bleibt in seinem „Durchführungscharakter“ seltsam gedämpft. Wenig intensiv wirkt so der höhepunktartige Ausbruch, harmlos und lediglich bemüht das weitere Fortschreiten nach der Generalpause. Das Orchester macht einen gehemmten Eindruck, so als könne es seine gewiss vorhandene Virtuosität nicht richtig ausleben.

Im Tanzlied fehlt der „Wiener-Walzer-Schwung“, das Violinen-Solo wirkt etwas dünn, genau wie das ganze Orchester mit einem sinnlich-verschwenderischen Klang, den man gerade im Tanzlied erwartet und so gerne gehört hätte, geizt. Das haben wir aber auch von dem als audiophil bekannten Label schon viel besser gehört (beim Zarathustra z.B. in der Einspielung mit Kamioka). Die Mitternachtsglocke wirkt nicht als Höhepunkt, sie wird zu lasch angeschlagen und dem Impetus fehlt jede fiebrige Energie. Das Nachtwandlerlied erklingt frei von Geheimnis und Magie. Diese Einspielung führt seine Hörer nur stur am Notentext entlang. Sie erweckt den Eindruck, dass Dirigent und Orchester anscheinend keinen innigen Zugang zum Werk gefunden haben.

Ganz seltsam wirkt die Klangqualität. Obwohl die Disk als SACD vorliegt wird bei der Stereowiedergabe eine Tiefenstaffelung höchstens angedeutet. So bleibt das Klangbild flach wie eine Flunder und nähert sich der Zweidimensionalität an. An eine voll klingende Körperhaftigkeit ist nicht zu denken. Das Blech wird mit Ausnahme der Introduktion lediglich mit einer Statistenrolle leise und im Hintergrund (obwohl nicht räumlich empfunden) betraut. Es klingt dennoch klar und recht präsent (das Meiste allerdings wie auf einer Ebene). Da scheint die Abmischung wenig gelungen zu sein. Zumindest die Ortungsschärfe gelingt gut, es ergibt sich leider kaum ein stimmiges Ganzes.

 

 

3-4

Gerard Schwarz

Seattle Symphony Orchestra

Delos, später Naxos

1986

35:56

Gerard Schwarz war lange Jahre Musikdirektor in Seattle, genauer von 1985-2011. Diese Aufnahme aus dem Seattle Opera House entstand bereits ganz am Anfang der Zusammenarbeit. Die Introduktion erklingt mächtig laut, allerdings weniger differenziert. Es folgt eine eher unauffällige Gangart, meist betulich und ohne dramatisch geschärften Zugriff. Meist prosaisch und weitschweifig. Den Streichern ist noch ein heller, ätherisch wirkender Klang eigen, nicht nur im Nachtwandlerlied, sondern das ganze Stück über. Er mag noch zu einem gewissen Teil auf die frühe und in Details noch unausgereifte Aufnahmetechnik im neuen Digitalformat zurückzuführen sein. Die plastische Charakterzeichnung der einzelnen Abschnitte, wie man sie sich wünscht, wirkt eher amorph. Von der Wissenschaft gibt es einen eher raunenden als klaren Fugenaufbau zu vermelden, beim kurzen Scherzo-Teil hört man noch, wie schwierig Strauss seine fidele Wissenschaftskritik für das Orchester gesetzt hat. Besonders für die Violinen.

Das Tanzlied wirkt betulich, fast freudlos, fast wie durchbuchstabiert, zum Einnicken einladend. Ohne kosmischen Bezug oder walzerseligen Schwung denkt man eher an einen bayerischen Biergarten. Die Mitternachtsglocke, es ist eine „normale“ Röhrenglocke, ist ganz gut hörbar. Das Nachtwandlerlied erscheint gut ausgehört, aber es zieht sich dahin.

Der Klang der Aufnahme kann auf einen tiefen, sonoren Bass zurückgreifen, der vor allem von der Orgel, weniger von den Kontrabässen herrührt. Den Streichern, insbesondere den Violinen fehlt der Ganz der Besten. Das Klangbild erscheint als Ganzes weich und recht brillant, recht räumlich, ohne dass man die Tiefenstaffelung staunenswert finden würde, nicht besonders transparent. Die frühdigitalen Härten hat man größtenteils schon gut im Griff. Wir hörten eine originale Delos-CD, es mag sein, dass Naxos bei der Neuauflage eine Verbesserung erzielen konnte. Wir konnten es nicht überprüfen.

 

 

3-4

Hartmut Haenchen

Netherlands Philharmonic Orchestra

Delta, Laserlight

1996, live

33:00

Diese Aufnahme entstand live im Amsterdamer Concertgebouw. Hartmut Haenchen war der Gründungsdirigent des Orchesters und 1985-2002 im Amt. Obwohl die berühmte dem romantischen Klang verpflichtete Orgel im Concertgebouw 1990-93 renoviert wurde, klingt sie in dieser Einspielung etwas „muffig“. Bei Haitink und Jansons fiel uns das nicht auf. Pauke und Blech kommen von weit her, sodass es der Introduktion nicht nur an Ruhe, sondern auch an Wucht und dynamischer Kraftentfaltung fehlt. Es schließt sich eine sauber gespielte, klare und schnörkellose Darbietung an, ohne besonders sinnlichen oder gar schwelgerischen Streichersound und ohne dass eine besondere Holzbläserdelikatesse spürbar wäre. Es wurde gut geprobt und auf einem überzeugenden, hohen Niveau gespielt. Aber die recht einfach wirkende Klangtechnik macht vielleicht doch zu wenig aus dem im Konzertsaal entstehenden Klang. Der klanglichen Distanzierung folgt die emotionale, obwohl es Henschen und das Orchester hörbar nicht an Temperament, Einfühlungsbereitschaft und -vermögen mangelt. Im Höhepunkt vor dem Einsatz der Mitternachtsglocke wächst die Interpretation sogar über sich hinaus.

Der Klang der Aufnahme wirkt klar, deutlich und recht räumlich, das Orchester wirkt weit in die Tiefe hinein angeordnet, sodass es besonders dem Blech, dem Holz aber auch der Orgel an Präsenz mangelt. Dennoch erscheint der Klang „brauchbar“, jedoch ohne besondere Note. Es gab diese CDs des Labels Laserlight damals insbesondere in großen Supermärkten zu kaufen. Heute wäre sowas undenkbar.

 

 

3-4

Zubin Mehta

Israel Philharmonic Orchestra

Decca, Helicon

2007, live

31:21

Diese CD wurde damals von Decca innerhalb einer Live-Aufnahme-Reihe in Tel Aviv aufgenommen. Damals gab es sowohl für das Orchester als auch für den Dirigenten ein Jubiläum  zu begehen. Beide wurden 70.

Die Spieldauer des Zarathustra kann bei Zubin Mehta schon mal schwanken. Dieses Mal war er wieder zügig unterwegs. Die Einleitung lässt die Pauke mit crescendo hören, die Trompeten sind zusammen, es wird allgemein gut gesteigert, die Orgel klingt mit vollem Werk mickrig. Im Verlauf zeigt es sich, dass die Streicher, die man früher schon einmal als Glanzstück des Orchesters bezeichnen konnte, 2007 stumpfer, wenig sonor, oft weniger homogen, nur durchschnittlich virtuos und mit nur wenig hörbarem Bass erklingen. Auch im Vergleich mit den anderen Zarathustra-Orchestern mit denen wir Herrn Mehta hören konnten (Wien, LAPO, New Yorker, Staatskapelle Dresden). Das Orchester bietet zudem in seinem Gesamtklang nichts mehr Individuelles an, zumindest in dieser Aufnahme. Es klingt so, als wären die Streicher in Tel Aviv im Vergleich zu den anderen Orchestern Mehtas auch am schwächsten besetzt, was man sich bei einem Jubiläumskonzert eigentlich nicht vorstellen kann. Allerdings ist die Klangtechnik nur wenig dazu angetan, das Klangbild aufzuwerten. Der Genesende erklingt ohne echten Impetus, der Höhepunkt einfach nur laut, aber wenig imposant und ohne hörbare Orgelunterstützung. Der Verlauf zeigt gute solistische Darbietungen wirkt aber emotional gezähmt.

Das Tanzlied erklingt kammermusikalisch und transparenter, jedoch immer noch glanzlos und trocken. Das Orchester blüht einfach nicht auf. Ob es an der Akustik des Aufnahmeraums (es sollte das Mann-Auditorium gewesen sein), an der Klangtechnik oder am Orchester selbst liegt, ist im Resultat letztlich einerlei. Beim Höhepunkt haben wir gar keine Mitternachtsglocke gehört. Das Nachtwandlerlied erklingt wenig transparent und etwas steif. Insgesamt wirkt der Klang flach und die Darbietung nicht gerade inspiriert.

Der Klang wirkt in sich ausgewogen und recht dynamisch, bietet aber nur wenig intensive Farben, wenig Tiefenstaffelung, wenig Transparenz. Das Orchester klingt so trocken, nüchtern, stumpf und wenig prall. Routiniert gespielt und routiniert aufgenommen bildet diese Einspielung nur das Schlusslicht innerhalb der fünf gehörten Aufnahmen des Zarathustra, die von Zubin Mehta dirigiert wurden.

 

 

3-4

Johannes Wildner

Neue Philharmonie Westfalen

Sonarte

1997

32:09

Johannes Wildner war ehemals Mitglied der Geiger im Orchester der Wiener Staatsoper bzw. bei den Wiener Philharmonikern (1985-95). 1997-2007 war er GMD der Neuen Philharmonie Westfalen, die schwerpunktmäßig sowohl als Opernorchester des Musiktheaters im Revier in Gelsenkirchen als auch als Konzertorchester in Recklinghausen fungiert. Deshalb ist es mit 124 Mitgliedern auch in Anbetracht seiner Tarifklasse ein sehr großes Orchester. Das Orchester erst wurde 1996 aus dem Westfälischen Sinfonieorchester Recklinghausen und dem Philharmonischen Orchester Gelsenkirchen fusioniert, Wildner war also der erste Chef und diese Aufnahme dürfte seine erste Einspielung überhaupt auf CD gewesen sein. Da hat man sich gleich einen nicht gerade anspruchslosen „Brocken“ aus dem vielfältigen Repertoire ausgesucht, gerade was das Zusammenspiel anlangt.

Dafür spielt das Orchester bereits erstaunlich homogen. Die Introduktion klingt schon richtig monumental mit einer allerdings ziemlich mickrig klingenden Orgel. Die Hinterweltler wirken verträumt. Ansonsten gibt es bei den Freuden und Leidenschaften tatsächlich etwas mehr Leidenschaft, der Gestus erstreckt sich jedoch in eine gefühlt epische Breite und bleibt meist betulich. Obwohl das tatsächliche Tempo anderes suggeriert. Kleinere Homogenitätsprobleme gibt es bei den Streichern im Scherzo-Teil bei der Wissenschaft, ähnlich bei den Aufschwüngen des Genesenden. Die könnten spannender ausfallen.

Das lebendigere Tanzlied gefällt da besser, es bringt mehr Spannung ins Spiel und „Wiener Schmäh“. Die Solovioline wird von Stefano Succi gespielt. Der Höhepunkt am Ende des Tanzlieds könnte eine größere Durchschlagskraft vertragen. Das Nachwandlerlied wirkt gefühlvoll, aber nicht immer ganz intonationsrein.

Das Klangbild wirkt allzu distanziert, doch übersichtlich, besonders Blech und Holz erscheinen (wie oft) allzu weit entfernt. Man hört das Orchester so, als würde man in der letzten Reihe sitzen, weshalb auch die Dynamik nivelliert erscheint.

 

 

3-4

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS-Sony

1970

38:01

Diese Einspielung gehört zu den langsamsten des ganzen Angebots. Man merkt ihr schon ziemlich schnell an, dass sie vielleicht unter Zeitdruck entstanden sein könnte oder dass Dirigent oder/und Orchester das Stück nicht richtig ins Herz geschlossen haben. Es fehlt der Einspielung die sonst so häufig zu hörende Lennie-Leidenschaft oder die Lennie-Liebe zur Musik.

Die Orgel in der Introduktion erklingt mit Bässen und Gran Cassa sehr tief und mächtig, aber die Dynamik ist im Verlauf nicht überwältigend und wenn die Orgel dann volles Werk spielen soll, fehlt es dann doch an Wucht. Sie Introduktion wirkt als Ganzes recht langsam und bedeutungsschwer. Lastend erklingen auch die Hinterweltler. Das Espressivo wird mit viel Vibrato gespielt und bleibt an Intensität hinter Karajan und Kempe zurück. Das Orchester wirkt allgemein in dieser Einspielung ein wenig schwerfällig und die Orgel klingt im Verlauf mehr als zurückhaltend, eher wie ein Portativ oder eine kleine Orgel in einer unscheinbaren Wanderkapelle. Auch der großen Sehnsucht fehlt Expressivität und von den Freuden und Leidenschaften, ein Abschnitt der Partitur, der Bernstein doch eigentlich ganz besonders liegen sollte, hätte man gerade mehr Freude und Leidenschaft erwartet. Bernstein lässt den oft bei ihm bewunderten großen Zug, den übergreifenden Bogen nicht zu, bzw. setzt ihn nicht unter Spannung. Es wirkt erstaunlich „altbacken“. Es hört sich leider mehr nach einer Pflichterfüllung an, obwohl es an einzelnen berückend schön gelungenen Momenten nicht fehlt. Die bieten allerdings auch genügend andere Einspielungen. Von der Wissenschaft wird zu einer recht drögen Angelegenheit ohne jede Spannung. Die New Yorker lassen nicht ihren besten Klang hören, man hat sie schon sonorer und engagierter gehört. Sogar der Genesende erscheint wenig energisch, man hätte besonders da viel mehr Temperament und Kraftentfaltung erwartet. Und gerade hier scheint auch der zur Verfügung stehende Dynamikbereich zu lahmen. Damit fehlt es dem Höhepunkt an Wucht. Bernstein bringt nach dem Höhepunkt eine sehr lange Generalpause.

Der Walzer im Tanzlied gefällt, Konzertmeister David Nadien scheint alles im Griff zu haben, der große Überschwang bleibt jedoch aus, bei dem trägen Tempo bleibt die tänzerische Energie auf Sparflamme. Nur zwischendurch flackert mal kurz etwas Tanzes-Lust auf. Die Mitternachtsglocke kommt gut zur Geltung. Das Nachtwandlerlied zieht sich in die Länge.

Der Klang der Aufnahme lässt das Orchester eher schlank als füllig hören, recht transparent und eher hell (vor allem die Violinen, ohne dass sie hart klingen würden) als sonor. Im neuesten Remaster reicht es recht weit in die Tiefe und es wirkt sehr übersichtlich. Das New Yorker CBS-Klangbild ist ja oft unterschiedlich, auch unterschiedlich gelungen; dieses Mal wirkt es weniger präsent, sodass das unmittelbare, „anspringende“, direkte Moment, das man von vielen anderen Aufnahmen her kennt, wenig zum Tragen kommt.

 

 

 

3

Dimitri Kitajenko

Moskauer Philharmoniker

Olympia, Melodija

1985

34:26

Auf unserem CD-Heftchen wird das Orchester als Moscow Symphony bezeichnet. In dieser Aufnahme wird „Zarathustra“ zu einem eisigen Ort voller Winterskälte, was weder am Dirigenten oder am Orchester, sondern vor allem am schrillen, gleißenden Klang liegt, der die völlig unausgereifte sowjetische Digitaltechnik über dieser Einspielung „ausschüttet“.

Dabei geht es richtig gut los. Das Trompetencrescendo wurde kaum je ausdrucksvoller gehört, die Pauke klingt zwar speckig wird aber so fulminant-kraftvoll geschlagen wie nur selten. Das Tempo ist eines der schnellsten, sodass wir Zeuge eines der „fetzigsten“ Sonnenaufgänge der Diskographie werden. Die Orgel klingt etwas tief, ist aber erfreulicherweise auch mal immer da hörbar, wo sie tatsächlich spielt. Also nicht so sehr versteckt, dass man sie nicht hört. In Freuden und Leidenschaften bekommt den richtigen Aplomb, ausdrucksvoll, expressiv und temperamentvoll. Die Oboe im Grablied klingt schmächtig und hart. Der Genesende rhythmisch geschärft und extrem dynamisch, Der Höhepunkt wirkt besonders anschaulich wie ein Zusammenbruch. Kitaenko hat immer einen geschärften Blick auf die dunklen Blechbläser, die die Musik besonders bedrohlich und dunkel wirken lassen.

Im Tanzlied erklingen die Soli sehr stark hervorgehoben, besonders die Violine. Bei Kitaenko geht es besonders rhythmisch und leidenschaftlich zu, es irritiert (wie im ganzen Werk, nur hier besonders nachhaltig) der harte, ja stählerne, extrem „ungemütliche“ Klang der Violinen. Das Nachtwandlerlied klingt extrem dissonant, nicht zuletzt wegen der gnadenlos schrillen Flöte.

Der Klang der Aufnahme gleicht einem Attentat auf die Musik, eigentlich ist er recht dynamisch, aber immer, wenn es richtig ernst wird, setzt ein Kompressor ein, der die Dynamik wieder zunichtemacht. Manchmal klingt die Orgel wie vor dem Orchester, meist ist sie so prominent registriert, dass man sie auch hört, wenn sie spielt. Sie führt kein Schattendasein. Die Violinen klingen hart, hell und metallisch, als ob nicht nur die Saiten, sondern auch die Bögen mit Draht bespannt wären. Mitunter wird das Holz stark vorgezogen, was gut für die Deutlichkeit ist, mal wird es nach hinten gerückt. Die CD-Veröffentlichungen der 80er Jahre aus der UdSSR brachten die Kinderkrankheiten in Potenz zu Gehör. Damit scheidet diese Einspielung schon aus dem Wettbewerb aus, obwohl sie musikalisch sicher viel überzeugender ausgefallen ist. Ob man sie durch eine audiophile Aufarbeitung retten könnte?

 

 

3

Henry Lewis

Royal Philharmonic Orchestra, London

Decca Phase IV

1969

37:52

Zur Zeit der Aufnahme war Mr. Lewis musikalischer Direktor des New Jersey Symphony Orchestra. Diese Produktion dürfte eine der ersten gewesen sein, die nach Veröffentlichung von Kubricks Film von „Also sprach Zarathustra“ aufgenommen wurde. Neue technische Errungenschaften sollten hier die Hörer begeistern, so jedenfalls die Absicht und die Versprechungen der Produzenten. In der Introduktion, die ja bereits mehr als andeutet, wie es bei den diversen Einspielungen in der Folge weitergeht, klingt alles weitgehend gleich laut. Bei den Hinterweltlern hört man ein sehr groß abgebildetes Streichquartett, das zudem mit sehr viel Vibrato spielt. Im Tutti der Streicher leistet man sich ein volles, fast schon verschwenderisches Espressivo, leider gelingt das den Violinen nicht ganz homogen. Die Orgel ist sogar im p gut zu hören, wenn der Tonmeister ein Auge auf sie geworfen hat. Die Balance entsteht bei Phase IV-Aufnahmen an der Konsole der Techniker, die nun über ein Mischpult mit 20 Kanälen verfügen, jeder Kanal natürlich mit einem Mikrophon verbunden, sodass man jedes Instrument nach belieben groß zaubern kann. Davon wurde bei vielen Aufnahmen der Serie reichlich Gebrauch gemacht. Heute, nachdem man schon seit langem einen natürlich anmutenden Klang bevorzugt, erscheint das Verfahren antiquiert. Alle relevanten Soli werden so auch in dieser Einspielung nach vorne gezogen, dabei bleibt die Sitzposition sogar meist erhalten. In früheren Aufnahmen konnte die sogar innerhalb eines Stücks auch man rabiat wechseln. Dem Spieltrieb waren kaum Grenzen gesetzt. Der Orchesterklang erscheint so meist unausgewogen. Es wird häufig ohne Feuer und ohne den großen Bogen hinreichend zu beachten musiziert, denn die Takes waren ziemlich kleinteilig, weil ja oft Änderungen an der Aufnahmedisposition vorgenommen wurden. Das kann ein Stück schon einmal zerstückeln. Der Gegensatz von der enorm „tiefen“ Fuge zum Scherzo ist ganz enorm, denn da wird losgejubelt, als ob man die Fuge bereits vergessen hätte, bevor man dann wieder in eine gewisse Ratlosigkeit zurückfällt.

Das Tanzlied klingt mitunter „schräg“, da merkt man einmal, wie schwierig das Zusammenspiel in diesem Teil der Komposition sein kann, zumal wenn es so viele einzelne Schallereignisse gibt, die man alle gleichermaßen hervorheben möchte. Da geht das Aufnahmekonzept dann auch mal ganz daneben. Da weiß man bei so vielen gleichwertigen Soli nicht mehr, welches denn nun die „Vorfahrt“ erhalten sollte. So kommt es dann, dass das Holz quasi auf dem Konzertmeister (Neville Taweel) draufsitzt, natürlich nur akustisch-virtuell, nicht physisch.

Die Aufnahme bietet eine breite Abbildung des Orchesters ohne Tiefenstaffelung. Sie fixiert sich sehr stark auf einzelne Schallereignisse, die dann oft sogleich ins Zentrum des Klangbildes gestellt werden. Das passiert allerdings nicht so extrem, dass ein Instrument von ganz hinten links nach ganz vorne rechts wechselt wie bei anderen Produktionen in Phase IV-Technik. Diese Eskapaden hatte man 1969 anscheinend bereits überwunden. Diesbezüglich bleibt es noch halbwegs natürlich, allerdings liegt die Betonung auf halbwegs. Eine gewisse besondere Deutlichkeit ist der Aufnahme nicht abzusprechen, wenn sie heute auch effekthascherisch anmutet.

 

 

3

Bernhard Klee

Bundesjugendorchester (BJO)

Ars Musici

2004

33:00

Dies ist eine Aufnahme des WDR aus dem Kölner Funkhaus, aus dem K-v-B-Saal. Bernhard Klee war damals 68 Jahre alt. Er war u.a. Chef in Lübeck, Düsseldorf (1977-87), beim NDR in Hannover (1976-79 und 1991-95). Zuletzt wirkte er als Chef bei der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen (1992-97). Auch bei dieser Einspielung bringt die Aufnahmetechnik die Interpretation zu Fall, obwohl man das Orchester doch eigentlich bei den hochprofessionellen Kräften des WDR in sicheren Händen wissen sollte.

Doch zuerst wollen wir uns soweit erkennbar der musikalischen Darbietung widmen. Die Introduktion macht einen ausgewachsenen Eindruck, auch wenn die Orchestermitglieder erst zwischen 14 und 20 Jahre alt sind. Nur die Orgel wirkt, wenn sie mit dem vollen Werk zu spielen hätte, schwach. Die Hinterweltler wirken etwas starr und es fehlt ihnen, wie auch den anderen Abschnitten der Komposition, an Zug und Tempo. Der Duktus wirkt etwas stockend, was aber zuallererst darauf zurückzuführen sein dürfte, dass der WDR den Streichern nur ein Schattendasein gönnt. Wenn man den Zarathustra einmal ohne Violinen hören möchte, dann hätte man hier die beste Chance. Bei den kammermusikalischen Passagen hört man die Streicher viel besser, viel lauter als wenn der gesamte Streichechor spielt. Daher klingt das Tanzlied in dieser Aufnahme am besten. Die Mitternachtsglocke klingt mickrig, aber immerhin hört man sie, auch wenn sie nur immer leiser angeschlagen wird. Die Schluss-Pizzicati sind unhörbar. Das Orchester spielt sicher als Ganzes nicht schlecht, wird aber durch die misslungene Aufnahmedisposition weit unter Wert verkauft.

Die Aufnahme lässt eine tiefe Abbildung erkennen, das Orchester klingt eigentlich sehr transparent und offen. Die Streicher klingen jedoch oft so leise, dass man annimmt, sie wären gar nicht anwesend. Es fehlen ihnen Volumen und Ausdehnung, was den Blick auf Holz und Blech sozusagen besonders frei macht. Das Orchester klingt als Ganzes so extrem anämisch. Die Aufnahmetechnik beraubt die Musik um ihre sinnliche Aura. Die Dynamik erreicht gerade einmal Mittelwerte, was, so ist zu vermuten, wahrscheinlich ebenfalls nicht am Orchester liegen dürfte.  Die Basslinie fehlt weitgehend. Man dachte sich beim WDR vielleicht, zu den jungen Musikern passen auch Aufnahmetechniker in Ausbildung oder im Praktikum. Diese Rechnung ging leider zum Nachteil der jungen Musiker überhaupt nicht auf.

 

 

3

Jacek Kaspszyk

London Symphony Orchestra

Collins

P 1989

34:32

Der ungenannte Aufnahmeort schmeichelt dem Orchester ganz und gar nicht. Er lässt es oft auch mal grob und unsensibel klingen, wenig warm und hallig. So klingt das LSO ungewohnt unausgewogen und blechlastig. Dass die Darbietung auch noch lethargisch und fast leblos wirkt, muss man jedoch eher dem Dirigenten oder uns unbekannten Umständen zuschreiben.

Zu Beginn entfacht das Orchester eine hohe Dynamik, es klingt jedoch bereits schrill. Das Orchester macht seine Sache eigentlich gut, aber der Klang der Aufnahme sabotiert seine Anstrengungen nachhaltig. Im Verlauf wird der Klang des Orchesters auch gerne bei leisen Passagen mal bis zur Unhörbarkeit abgeschwächt, so bei beim Beginn der Fuge bei den Wissenschaftlern. Die Hinterweltler kommen da noch besser weg, da kann man das gefühlvolle Spiel des Orchesters noch hören. Wenn das Blech schweigt geht es in dieser Interpretation immer an der Stimme der ersten Violinen entlang. Wir denken mal, das ist ebenfalls klangtechnisch bedingt, denn dem erfahrenen polnischen Dirigenten sollte das nicht passieren. Das Orchester (eines der besten der Welt) klingt hallig, unausgewogen, wenig warm und normalerweise enorm blechlastig. Da mag man dem Werk nicht gerne folgen. Es fehlen Drang, Druck und Leidenschaft, als ob nach der Introduktion, nachdem man die Akustik gehört hat, keiner mehr so richtig Lust gehabt hätte. Sogar das gut gespielte (John Georgiades) Violinen-Solo klingt mies. Wie versteckt, entfernt und zugleich tief eingebettet in die Tuttiteile, sehr klein und höhenlastig und dann auch noch teils undeutlich. Hoffentlich hat das Herr Georgiades nie selbst so gehört. Die Mitternachtsglocken bieten dem undifferenzierten Klang des Höhepunks gewissermaßen einen Halt. Das Nachtwandlerlied klingt angenehmer, weil es vom schrillen Blech und Schlagwerk ungestört bleibt. Es gibt dann also doch noch ein versöhnliches Ende.

Der Klang des Spitzenorchesters klingt dünn, wie ausgemergelt. Die Halle wirkt allzu resonant, ein Konzertsaal wird es kaum gewesen sein. Es klingt sehr resonant und hallig. Die Tiefenstaffelung wirkt ziemlich ausgeprägt, allerdings auf Kosten der Präsenz. Man hört die Musik wie von der letzten Reihe in einer leeren übergroßen Halle. Es klingt enorm höhenlastig, während es an Bässen genauso enorm mangelt und erwärmende Mitten allzu sparsam gerade noch so vernehmlich sind. Vielleicht war auch eine wenig bedämpftes Kirchenschiff Tatort. Das Blech klingt schrill. Selten ist das klangüppige, eigentlich so sinnlich klingende Werk so sabotiert worden.

 

 

Die historischen Aufnahmen in Mono-Technik:

 

 

5

Clemens Krauss

Wiener Philharmoniker

Decca, Testament, El Pais

1950

32:47

Clemens Krauss und Richard Strauss hatten ein besonders enges Künstlerverhältnis. Sie lernten sich in den 20er Jahren kennen. Krauss verfasste das Libretto zu „Capriccio“ und leitete Uraufführungen von vier seiner Opern. Er war ein maßgeblicher Förderer der Werke Strauss´ und fungierte als freundschaftlicher Ratgeber. Vice versa. Wer sich noch tiefergehend mit der Person und dem Dirigenten Clemens Krauss beschäftigen möchte, dem sei der Artikel bei Wikipedia empfohlen. Da erfährt man schon sehr viel auf engstem Raum. https://de.wikipedia.org/wiki/Clemens_Krauss_(Dirigent)

Diese Aufnahme entstand im Großen Saal des Wiener Musikvereins. Die Edition auf Testament wurde in den Abbey Road Studios in London neu abgemischt. Ob sich der Klang dadurch verbessert hat, können wir mangels Kenntnis dieser Ausgabe nicht einschätzen.

Die Introduktion könnte manch einen Hörer vielleicht enttäuschen, wenn er die klanggewaltigeren Einspielungen aus der Stereo- oder gar Multichannel-Ära gewöhnt ist (die haben fast alle bereits mehr oder weniger den Film und die damit verbundenen Assoziationen im Hinterkopf), aber man sollte nicht vergessen, dass Strauss die Introduktion nicht bereits als der „höchste“ Höhepunkt des Stückes komponiert hat, denn er geht in der Dynamik über ein ff nicht hinaus. In den beiden späteren Höhepunkten vor der Generalpause und zum Abschluss des Tanzliedes bzw. zu Beginn des Nachtwandlerliedes hingegen schon. Man sollte also nicht bereits zu Beginn als Dirigent sein letztes Pulver verschießen. Das hat Strauss selbst in seinen beiden, klanglich leider ziemlich beeinträchtigten Aufnahmen ebenso gehalten. Krauss hält sich daran und seine weitere Darbietung hält sich in weiten Bereichen an die Vorgaben des Vorbilds. Nicht sklavisch allerdings. Krauss hat jedoch die bessere Klangtechnik der Decca auf seiner Seite und er muss sich nicht mit den Unwägbarkeiten einer Live-Aufnahme „herumschlagen“.

Man spürt ziemlich schnell das besondere Gespür des Dirigenten für die musikalische Entwicklung und eine natürlich geformte Linienführung. Die Textur erscheint für das AD 1950 enorm transparent. Allerdings war die Klangtechnik der britischen Firma damals führend, sodass man das eine nicht ohne das andere Loben kann. Das Blech klingt bereits klangfarbenecht und sonor, was genauso für die Streicher gelten kann. Die Philharmoniker der Nachkriegszeit befinden sich bereits in Top-Form, wobei wir gar nicht wissen, ob sie einen ähnlichen Aderlass durch den Krieg zu erleiden hatten, wie die meisten deutschen (und viele weitere europäische) Orchester. Besonders die kontrastreiche Phrasierung und die bereits hörbare Bravour des Orchesterspiels. Natürlich ist die Aufnahme heute als technisch und klanglich überholt einzustufen, das sollte man nicht vergessen, was für alle Monoaufnahmen gilt, aber unter den Monoaufnahmen darf sie als eine der besten gelten.

Die Orgel klingt in der Introduktion bereits sonor und tief, die Fanfare der Trompeten wird butterweich intoniert und vermeidet jeden Anflug des Schrillen, die Pauke kommt plastisch zur Geltung und sie spielt ein schönes Crescendo, was man insgesamt nur selten hören kann, obwohl das Notenbild unmissverständlich ist. Die Posaunen klingen knackig. Die Gesamtdynamik ist naturgemäß noch begrenzt, wirkt aber bei Krauss mit Absicht nicht voll ausgereizt.

Die Violinen klingen noch heller als in späteren Aufnahmen, was zu einem gewissen Teil auf die Decca-Technik zurückzuführen ist, man höre sich nur etwa die gleichzeitig entstanden Einspielungen aus Paris, Genf oder London an. Da hört man, wie hell Violinen als Gruppe damals klingen konnten. Wenig sonor auch noch die Wiener Violinen, aber doch schon mit einem speziellen Glanz, der einem sonst weitgehend damals noch versagt blieb. Das Espressivo bei den Hinterweltlern wird nicht übertrieben. Man phrasiert in langen Bögen, ohne die Details zu vernachlässigen. Das Orchester ist mit den damals noch charakteristischer klingenden alten Instrumenten zu hören, vor allem bei Holz und Blech. Ein echtes Originalklangensemble also. Die Aufnahme entwickelt im Verlauf bereits eine enorme Dynamik (für die 50er Jahre). Sehr gut kommen die Wiener Hörner bei den Freuden und Leidenschaften (T. 119) zur Geltung. Der einzige mögliche Kritikpunkt (aus unserer Sicht) wäre hier, dass die Violinen mit ihrem herzzerreißenden Espressivo dazu neigen, das restliche Orchester zu überstrahlen. Ob man da die Leidenschaft auf die Spitze treiben wollte? Ähnliches hört man damals allenfalls beim Chicago Symphony Orchestra. Das Blech bleibt natürlich außen vor, das lässt sich nicht überstrahlen. Das Musizieren wirkt stets gespannt, die Steigerungen elektrisierend. Besonders beim Genesenden verbreitet der Teil nach der Generalpause ein besonderes Hochgefühl. Nach heutigen Maßstäben klingt die Solovioline von Willi Boskovsky im Tanzlied noch etwas überlaut, damals gab es eben noch keine Multimikrophon-Technik mit der man sowas hätte ausgleichen können. Das Tanzlied erscheint emotional geradezu als überbordend, auffallend in einer sonst eigentlich emotional geradlinigen, ausgewogenen Darbietung. Die Dominanz der Solo-Violine könnte da etwas stören oder aber man lässt sich darauf ein und erfreut sich daran, denn sie klingt recht üppig und gebührend ausgelassen und lasziv. Übrigens Willi Boskovsky: Er wird in neun Jahren in der Einspielung mit Herbert von Karajan erneut mit von der Partie sein und das lädt zum Vergleich der beiden Decca-Aufnahmen ein. Da fällt auf, um wieviel ausgefeilter und stringenter das Werk unter Clemens Krauss klingt. Ein Hochdruck-Zarathustra wie aus einem Guss. Da wurde einfach nichts (oder viel weniger) rumgeschnitten.

Decca hatte bereits in der 50er Jahren in den besten Aufnahmen ein Maß an Dynamik, Transparenz und Lebendigkeit erreicht, von dem andere Label nur träumen konnten. Es klingt sehr präsent (die Präsenz ist ein Granat für den „Anmachfaktor“ der Aufnahme), man hört sogar die Stühle knarzen. Es klingt frisch, knackig und bereits ziemlich fulminant. Man hört kaum Rauschen. Ein besonderer Liebling der Technik war anscheinend das Glockenspiel, das man in keiner anderen Aufnahme so deutlich hören kann. Ein Zeichen für die geistige Wachheit, die in dieser Einspielung vorherrscht.

 

 

5

Dmitri Mitropoulos

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Orfeo

1958

32:33

Auch Herr Mitropoulos kannte Richard Strauss noch persönlich. Er lernte ihn kennen, als er 1921-24 in Berlin als Korrepetitor und Assistent beschäftigt war. Zu der Zeit war Strauss oft in Berlin präsent und wirkte einflussreich, ja prägend auf den jungen Mann ein. Obwohl das Verhälnis zwischen Komponist und Dirigent nicht so eng war wie bei Karl Böhm oder Clemens Krauss, so war auch Mitropoulos ein Verfechter der hochemotionalen Tonsprache Richard Strauss´. So existieren von Mitropoulos Einspielungen der Elektra und der Sinfonia Domestica, die man ohne zu zaudern als Meilensteine der Diskographie bezeichnen darf. Im Prinzip gehört die vom ORF mitgeschnittene Übertragung live aus Salzburg ebenfalls zu den Referenzaufnahmen, nur beim Zarathustra gibt es noch zahlreiche andere, die dieser Aufnahme den Rang streitig machen, zumal das Orchester nicht ganz fehlerlos spielt und der Klang für einen Radiomitschnitt von 1958 zwar beachtlich ist, aber doch schon damals als nicht optimal gelten konnte.

Die Übertragung setzt zudem zu spät ein, da hat die Introduktion bereits seit ein paar Sekunden los georgelt. Das Orchester spielt die Introduktion sehr dynamisch und obwohl die Trompeten unpräzise einsetzen zeigen sie noch, was sie an Dynamik und Tonschönheit draufhaben. Mitropoulos lässt sich an den richtigen Stellen Zeit, hält die Spannung aber stets auf hohem bis höchstem Niveau. Wahrscheinlich konnte man nicht so viel proben, wie man es gerne gemacht hätte, jedenfalls passieren dem Orchester ein paar Nachlässigkeiten, die man von ihm nicht gewohnt ist. Vielleicht war die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten auch ungewohnt. In jedem Fall wirkt die Aufführung ganz besonders inspiriert. Viel inspirierter als die Aufnahme Mitropoulos´ mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester.

Rubatoreich geht es bei den Hinterweltlern zu, die Streicher lassen ihr wunderbar intensives Espressivo hören, auch die Hörner gefallen besonders. Die Übergänge werden ausgesprochen plastisch gestaltet. Das Holz erklingt noch nicht mit der heutigen Klasse, aber Mitropoulos lässt es prägnant artikulieren (z.B. das Englischhorn in „Von der großen Sehnsucht“, ab T. 82). Von den wie gerafft wirkenden Zeitmaßen Schurichts oder Soltis (1975) merkt man nichts. Mitropoulos gehört eher in die Gruppe um Koussevitzky, obwohl der Grieche erheblich flexibler damit umgeht. Bei Mitropoulos begeistert vor allem die stimmige Balance von pointiertem, hochemotionalem Spiel mit flexiblem Tempoverständnis bei klarer Strukturbezogenheit. Das organisch wirkende Espressivo-Spiel könnte Karajans Vorbild gewesen sein, was wahrscheinlich eine brisante These ist. Wir hören hier mit den am besten akzentuierte Genesenden, denn jeder Akzent sitzt da richtig dosiert an der richtigen Stelle, bei einem enorm dringlichen Gestus. Unter Hochspannung erscheint diese Darbietung besonders reich an Höhepunkten zu sein. Mitropoulos kennt aber anders als Solti (1975) neben der Hochspannung auch die Entspannung, sodass es zu keiner „Überreizung“ kommt. Exzellente Solovioline beim Tanzlied (Solist leider unbekannt). Etwas weniger exzellent beim Nachtwandlerlied. Die Mitternachtsglocke geht im monauralen Radioklangrausch leider total unter. Das Orchester zeigt sich generell in Festspiellaune.

Wir hören in dieser Aufnahme einen guten Monoklang, aber relativ starke ungefilterte Publikumsgeräusche (Husten!). Es klingt noch etwas klarer und präziser als bei Schuricht in Stuttgart denn man erreicht schon ein hohes Maß an Transparenz.

 

 

5

Rudolf Kempe

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (heute: SWR-Sinfonieorchester)

Hänssler

1961, live

31:49

Diese Aufnahme mit dem geborenen Dresdner Rudolf Kempe entstand live in der Stuttgarter Liederhalle, zehn Jahre vor der EMI- (bzw. Eterna-)Einspielung in Dresden. Der „Sonnenaufgang“ klingt wenig pompös, im Verlauf wirkt das Spiel des Orchesters verblüffend kammermusikalisch aufgelichtet, noch mehr als es bei der erheblich voller klingenden Dresdner Aufnahme gelingt. Das Stuttgarter Orchester lässt sich genauso „beseelen“, spielt hochexpressiv, live und ohne doppelten Boden. Man erkennt es kaum wieder, wenn man sich die zahlreichen Wiederveröffentlichungen vergegenwärtigt, die unter anderem von seinem damaligen langjährigen Chef Hans Müller-Kray geleitet wurden.  Nur wenig gelingt ihm ein wenig ungelenk und etwas weniger virtuos als den Besten. Und der Solo-Violine fehlt ein wenig die Leichtigkeit. Leider stellt sich der Dynamikbereich als etwas problematisch dar, denn richtig leise wird es eigentlich nie.

Wir hören hier einen sehr guten Monoklang mit bereits stereophoner Anmutung. Es gibt bereits einen recht weiten Frequenzbereich und durch das neue Remastering klingt es bereits erstaunlich transparent, dynamisch, frisch und aufgelichtet. Gerade die Holzbläser erklingen besonders klar und deutlich. Bei der Dynamik muss man allerdings, wie bereits erwähnt, auf ein echtes p oder pp verzichten. Es klingt sehr präsent, wie viele der älteren Aufnahmen eher hell, aber in diesem Fall nicht dünn. Es sind keinerlei Geräusche vom Publikum zu hören. Da hat Hänssler einmal einen Schatz aus den Beständen des SWR geborgen.

 

 

5

Richard Strauss

Wiener Philharmoniker

Berlin Classics, Preiser, Membran

1944, live

33:20

Es gibt mit Richard Strauss noch eine weitere Live-Aufnahme aus Wien von 1942. Die Aufnahme von 1944 hat dabei den Vorteil, dass sie bereits auf Magnetband aufgenommen wurde und so die meist störenden Abspielgeräusche von digitalisierten Platten, die bereits seit Jahrzehnten das Rentenalter überschritten haben, fehlen. Das heißt aber nicht, dass es auch hier mal knistert, stark rauscht und dumpf klingt. Wie in der Live-Aufnahme von Mitropoulos setzt auch diese Überspielung etwas zu spät ein. Da grollen die Orgel und die Bässe bereits, da blendet sich die Aufnahme erst ein. Der „Sonnenaufgang“ (bzw. die Geburt der ganz besonderen Idee Zarathustras) klingt bei Strauss selbst sehr zügig. Die Trompeten intonieren ganz zu Beginn etwas unsauber, was übrigens ziemlich oft bei Live-Aufnahmen zu hören ist, anscheinend sind auch die ausgebufften Profis der Spitzenorchester bei dem berühmtesten Beginn aller Zeiten für ihr Instrument ein bisschen nervös. Es sind eben alles Menschen, keine „Übermenschen“. Nach heutigen Kriterien hat das Blech aber 1944 nicht seinen besten Tag erwischt. Angesichts des Datums ja auch kein Wunder, da kreisen in den Köpfen der Menschen andere Gedanken. Von 1943-45 wurde Wien von den Alliierten ca. 50 mal bombardiert. Die Gan Cassa ist viel lauter als die Orgel. Nichtsdestotrotz spielen die Philharmoniker ausdrucksvoll, klar, knapp und unprätentiös, nicht ohne Gefühl. Strauss war bereits 80 Jahre alt und der Ausdruck, dass ein Dirigent nicht schwitzen dürfe, stammt ja von ihm. Dennoch gingen wir nicht so weit, zu behaupten, dass das Spiel der Wiener nüchtern oder gar uninspiriert klingen würde. Im Gegenteil: Klar und prägnant hat man hier den Blick immer nach vorne gerichtet, einem Solti viel ähnlicher als einem Dudamel. Leidenschaftlich lässt Strauss die Philharmoniker bei „Von der der großen Sehnsucht“ oder bei „Von den Freuden und Leidenschaften“ aufwallen, ohne dass es sich wie ein hochromantischer Gefühlserguss anhören würde. Da wird genau auf die Balance geachtet. Über Details geht man teils generös hinweg. Vielleicht liegt es aber auch an der alten Technik des aufnehmenden „Deutschen Rundfunks“ die die Details noch verschluckt hat. Angesichts der gebotenen Dynamik muss man froh sein, dass sie noch so unverzerrt standhält. 1942 gelang das noch lange nicht so gut. Es wird nun schon mehr von der Werksubstanz vermittelt. Man merkt, dass es Strauss wichtiger ist, die Werkstruktur eisern und stringent zusammenzuhalten, als der Sinnlichkeit zu frönen. Es klingt in dieser Einspielung weniger wuchtig aber doch teils erstaunlich dynamisch, passagenweise anmutig, teils tiefgreifend („Von der Wissenschaft“) oder teils wie eine Predigt oder ein Vortrag eines Philosophieprofessors oder besser: eines Kantors. Bemerkenswert auch in dieser Aufnahme: Das Leuchten der Wiener Violinen und des „Wiener Walzer“. Welches Orchester hätte den damals besser, d.h. authentischer spielen können. Und dann auch noch mit dem Komponisten am Dirigentenpult. Der Konzertmeister, er bleibt ungenannt, es ist jedoch anzunehmen, dass es wie bei Krauss (1950) und Karajan (1959) bereits Willi Boskovsky sein könnte, den wir da hören. In der Aufnahme von 1942 soll es indessen Wolfgang Schneiderhan gewesen sein. Auf jeden Fall leuchtet der Geigenton schon gut heraus, wenn auch nicht so überdeutlich wie bei Clemens Krauss. Die Mitternachtsglocke ist nur recht leise zu hören, aber doch einigermaßen deutlich.

Der Schöpfer muss nicht auch unbedingt sein bester Interpret sein, doch wenn es eine Aufnahme vom Komponisten selbst gibt, kommt man nicht an ihr vorbei. Es kann nur frappieren wie sachlich und unaufgeregt der 80jährige Strauss die Wiener in diesen Zeiten durch das Werk navigiert. Und wie nachdrücklich die Höhepunkte angesteuert und wie sachbezogen sie „ausgelebt“ werden. Trotz der antiquierten Klangtechnik gehört diese Aufnahme in jede Sammlung. Sie ist allerdings in ihrer Wirkung weniger überwältigend als nachhaltig.

Der Klang der Aufnahme lässt das Orchester leicht distanziert klingen, es rauscht und klingt dumpf. Selten knistert es auch mal. Zwischendurch klingt es jedoch bemerkenswert deutlich und man meint dann sogar, ein gewisses „Raumgefühl“ mit zu hören. Es spielt sich fast alles im Mitteltonbereich ab, trotzdem gewinnt man das Gefühl das Orchester spiele und klinge brillant.

 

 

5

Hans Rosbaud

Sinfonieorchester des SWF, Baden-Baden (heute: im SWR-Sinfonieorchester aufgegangen)

Wergo

1957

31:56

Aufgenommen wurde in dem Studio, das später nach dem ersten Dirigenten des Orchesters, Hans Rosbaud, benannt wurde. Die Introduktion erfolgt sehr zügig und wenig monumental. Auffallend ist, dass Rosbaud in Takt 21, in dem die Orgel noch alleine (nur mit der Gran Cassa) das volle Werk aufrechterhält und weiterzuspielen hätte, ebendiese jedoch schweigen lässt. Wie es dazu gekommen sein könnte, entzieht sich unserer Kenntnis. Das Orchester macht bereits einen virtuosen Eindruck, so erklingen die Freuden und Leidenschaften selten so ekstatisch und so voller „strotzender“ Jugendlichkeit. Rosbaud scheint immer einen Blick auf die Bläser, dabei besonders auf das Blech zu haben. Dabei lässt er das Orchester weitmöglich schlank und unprätentiös klingen. Das ruhevolle Verweilen und der sinnliche Klang sind seine Sache weniger. Das Holz böte klanglich auch noch nicht so viel Sinnlichkeit an, die Streicher schon eher. Die Darbietung erscheint durchweg sehr straff und kraftvoll, so als wolle Rosbaud die Eigeneinspielung des Komponisten diesbezüglich noch übertreffen. Selten hört man das kleine Scherzo einmal dermaßen im scherzando ausgereizt. Der Genesende erklingt wie unter vollen Segeln im Durchführungsmodus. Da zeigt das Orchester einmal, was es draufhat. Und es war an diesem Tag richtig „gut drauf“ und kann mit den besten durchaus mithalten. Eine hochemotionale Darstellung, die diesbezüglich aus der bisherigen weniger romantisch anmutenden Darbietung nochmals hervorragt.

Der ungenannte Konzertmeister hat ebenfalls einen „Sahne-Tag“ erwischt. Auch das Tanzlied gefällt durch die expressive Gestaltung. Im Höhepunkt ist die Mitternachtsglocke ungewöhnlich gut zu hören. Einfühlsam und ätherisch klingt das Nachtwandlerlied. Eine sehr gelungene Einspielung schwungvoll und mit Biss, jedoch ebenso tiefgehend, schnörkellos und exzellent gespielt.

Leider klingt das Orchester immer noch ziemlich grau. Wenn man die Decca-Aufnahme von Clemens Krauss nimmt, so fehlt es ihr an Farbe und auch etwas an Volumen. In Sachen Transparenz und Dynamik kann sie schon mithalten. Ein großer Vorteil gegenüber Kempe/Stuttgart/1961 ist, dass man schon ein echtes pp zu hören bekommt. Es klingt erfreulicherweise (das ist bei Aufnahmen aus dem Archiv der deutschen Rundfunkanstalten nicht selbstverständlich) weder dünn noch drahtig, nur schlank.

 

 

5

Carl Schuricht

Südfunk-Sinfonieorchester Stuttgart (heute: SWR-Sinfonieorchester)

Urania, Aurophon, Archiphon

1953, live

31:00

Carl Schuricht und Richard Strauss waren ebenfalls sehr gut bekannt. Strauss war regelmäßig zu Gast in Wiesbaden, als Carl Schuricht dort GMD war (1912-1944). Strauss war einerseits dort als Dirigent zu erleben und andererseits gab es vielfachen fachlichen Austausch. Schuricht galt zu seiner Zeit als einer der profiliertesten Strauss-Interpreten. Strauss seinerseits schätzte ihn als einen seiner „Sachverwalter“. Gegenüber den Aufnahmen von 1935 (Koussevitzky) bis in die vierziger Jahre hinein wirkt diese als die erste Live-Aufnahme der 50er Jahre geradezu aufgelichtet. Schuricht hält die Musik organisch im Fluss. Orgelpunkt und Gran Cassa sind zunächst in der Introduktion kaum hörbar. Die Sechzehntel der Trompeten wird bei Schuricht kaum betont und sehr kurz genommen. Der „Sonnenaufgang“ dürfte zu den stürmischsten gehören. Da bleibt kein Platz für Pathetik und Monumentalität. Mit vollem Elan stürzt sich das Orchester, das hoch inspiriert wirkt, in die Welt der Hinterweltler, Schuricht animiert die Streicher zu einem sehr starken Espressivo. Auch unter Schuricht spielt das Orchester motivierter wie unter seinem etatmäßigen Chef. Es wächst in dieser Live-Einspielung, wie bereits bei Kempe über sich hinaus. Ganz erstaunlich, zu welch einer Leidenschaft das damals noch oft etwas steif und bieder spielende Orchester fähig war. Das Fugato der Wissenschaftler wird klar und plastisch herausgearbeitet. Selten, dass man z.B. das 4. Pult der Kontrabässe einmal so deutlich zu hören bekommt. Die Dialoge werden schön „sprechend“ eingefangen. Das Orchester spielt sehr schlank und transparent, aber nicht ganz so virtuos wie die Wiener oder nur ein Jahr später die Chicagoer mit Fritz Reiner. Bei dieser Aufnahme in Chicago wird ein gänzlich neues Kapitel in der Diskographie des Zarathustra eröffnet, die Karten sozusagen neu gemischt. Aber Hut ab vor den Stuttgartern mit Herrn Schuricht. So fiebrig, so ungemein aufgeregt und kämpferisch hört man den Genesenden bis zur Generalpause selten. Das hat Tempo und vermittelt eine starke Sogkraft.

Das Tanzlied erklingt wunderbar beschwingt, die Solovioline ohne den Glanz der Wiener bei Krauss oder Strauss selbst. Aber in dieser Aufnahme kann man eine ideale Kombination von modern wirkender Klarheit und romantisch wirkender Ausdruckskraft vernehmen. Musikalisch mitreißend. Leider bekommt die Aufnahmetechnik, so gut sie vielleicht innerhalb der deutschen Rundfunkmitschnitte auch gelungen sein mag, gegen die nur ein Jahr später entstandene Reiner-Aufnahme in Chicago „keinen Stich“. Ansonsten wäre die Aufnahme mit Carl Schurcht vielleicht tiefer ins kollektive Gedächtnis der den Zarathustra-liebenden Hörerschaft eingedrungen.

Der Klang der Aufnahme, selbstverständlich unter dem Vorbehalt einer Rundfunk-Aufnahme von 1953 und dann auch noch live mit Publikum, darf als detailreich, deutlich und sogar schon als recht plastisch gelten. Das Holz ist nur recht weit entfernt zu hören, das Blech leider auch (besonders die Hörner).

 

 

 

4-5

Richard Strauss

Wiener Philharmoniker

Music and Arts

1942, live

33:45

Auch bei dieser Aufnahme handelt es sich um einen Mitschnitt des Deutschen Rundfunks, den man aus dem Deutschen Rundfunkarchiv ausgegraben hat. Es wurde live aus der Wiener Staatsoper übertragen. Es soll sogar noch eine dritte Aufnahme mit dem Komponisten geben, 1939 mit dem Orchester des Deutschlandsenders Berlin (der hieß damals sicher noch Reichssender) aufgenommen, die wir jedoch weder sichten konnten, geschweige denn ihrer habhaft werden konnten. Es scheint jedoch so, dass die interpretatorische Schwankungsbreite bei den Eigeninterpretationen von Strauss nicht sehr groß gewesen wäre, sodass die Lücke verschmerzbar sein sollte. Zumal, wenn sie noch schlechter klingen sollte als die Aufnahme von 1942.

Die Philharmoniker Wiens spielen die Introduktion auch in diesem Mitschnitt etwas unsauber. Sie wirkt erneut temporeich und drängend. Die Punktierung der Trompeten wirkt scharf, die Pauke lässt erneut ein gutes Crescendo hören. Allerdings sind die Trompeten nicht ganz zusammen, wie auch das übrige Orchester noch nicht die Präzision späterer Einspielungen (da sind auch die Live-Aufnahmen des ORF mit Mehta, Dudamel oder Harding eingeschlossen) erreicht. Die Introduktion wirkt wenig majestätisch oder aufgedonnert, vielmehr frisch und entschlossen. Das Tempo entspricht in etwa dem von 1944. Große Anteilnahme wird bei den Hinterweltlern spürbar. Es irritieren jedoch in dieser noch auf der Digitalisierung von alten Schallplatten basierenden Aufnahmen sehr starke Lautstärkeschwankungen, die wahrscheinlich von den verschiedenen Schallplatten mit sehr kurzer Laufzeit, die man brauchte, um das ganze Werk aufnehmen zu können, herrühren. Das Ausgleichen des Niveaus bei der Überspielung darf man als gescheitert betrachten. Das gelang bei der Bostoner Aufnahme von 1935 erheblich besser. Besonders bei „Von den Freuden und Leidenschaften“, werden wären immer wieder wilde Lautstärkeanpassungen vonnöten, jedoch trifft man nicht das richtige Maß. Der hochromantischen Spielweise der Philharmoniker tat das damals natürlich keinen Abbruch. Dieser Abschnitt wirkt besonders eindringlich. „Von der Wissenschaft“ lässt eine schulmäßig durchbuchstabierte Fuge hören mit einem Ausdruck von Langeweile und Überdruss, geprägt von einer bleiernen Schwere. Da kontrastiert der Scherzo-Teil mit dem genialischen Übermut sehr stark dazu.

Der Genesende muss dann wieder eine heftige Lautstärkereduktion über sich ergehen lassen, damit der Höhepunkt einigermaßen unverzerrt bleibt. In Hinsicht auf eine gleichmäßige Aussteuerung ist die Einspielung von 1944 der 42er stark vorzuziehen, Das Wiener Blech scheint 1944 ebenfalls etwas sattelfester ohne die Perfektion neuerer Aufnahmen ob nun mit Krauss, Karajan, Maazel, Mehta, Harding oder Dudamel je zu erreichen.

In ihrem Element sind die Wiener im Walzer des Tanzlieds. Recht burschikos und ausgelassen spielt der leider erneut nicht genannte Konzertmeister. Es soll Wolfgang Schneiderhan gewesen sein, der 1937 als Konzertmeister des Orchesters der Wiener Staatsoper berufen wurde. Er konnte aber erst nach dem „Anschluss“ Österreichs aufgrund des dadurch bedingten Ausscheidens seines Vorgängers Ricardo Odnoposoff, der keinen „Ariernachweis“ vorlegen konnte, im Herbst 1938 Konzertmeister der Wiener Philharmoniker werden, denen er bis 1950 angehörte (Quelle: Wikipedia). Er spielt rhythmisch akzentuiert und man meint, eine gewisse grimmige Intensität zu hören. In neueren Aufnahmen klingt das Tanzlied oft viel heller, lichter, weniger verschattet und weniger melancholisch. Die dunkle Zeit scheint sich auf der Musik niederzuschlagen. Der Spannungsfaden geht nie verloren. Beim Höhepunkt hat die Dynamik keinerlei Reserven zuzulegen, de facto bleibt die Musik also gleich laut. Die Mitternachtsglocke selbst ist indes gut herauszuhören. Dies hätte mal ein Vorbild für viele spätere Einspielung sein sollen. Das Nachtwandlerlied empfanden wir als ausdrucksvoll, die drei ppp-Pizzicati von Celli und Kontrabässen sind allesamt gut hörbar.

Dem Klang ist ein beständiges, starkes Rauschen, Schleifen und Knistern von den alten 78er Platten eigen. Es klingt größtenteils sehr dumpf. Auf Brillanz braucht man nicht zu hoffen. Die Komposition ist größtenteils zu hören, aber das Klangbild darf als das antiquierteste der ganzen gehörten Diskographie bezeichnet werden. Und das will schon was heißen.

 

 

4-5

Serge Koussevitzky

Boston Symphony Orchestra

RCA, History, Magic Talent, Biddulph, Naxos, Dutton

1935, live

31:40

Diese Aufnahme ist die allererste  in der ganzen Diskographie des Werkes. Bei ihr kann man den langsamsten bzw. den am längsten ausgekosteten „Sonnenaufgang“ überhaupt hören. 2 ½ Minuten gegenüber 1 1/2 Minuten bei Richard Strauss selbst lässt den Unterschied erahnen. Entsprechend langsam und statisch wirkt auch das Sechzehntel der Trompeten, dem sogar noch eine kleine Pause folgt. Das Orchester spielt den Rest der Komposition detailreich und gefühlvoll. Kossevitzky gegenüber wirkt Strauss´ Eigeninterpretation dann doch nüchterner, aber auch konziser und strukturbetonter. Die Bostoner spielen ziemlich präzise und empathisch. Klanglich darf man natürlich keine Offenbarung erwarten, so ist das Violinen-Solo im Grablied kaum hörbar. „Von der Wissenschaft“ klingt so streng und nüchtern, als befänden wir uns in der Fuge der „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Clesta“ oder im ersten Satz des „Konzert für Orchester“ von Bartok, das es allerdings zur Zeit der Aufnahme noch gar nicht gab. Ohne die Beweglichkeit der beiden Strauss-Aufnahmen. Spannend klingt es auch bei Koussevitzky. Energiegeladen dann der Genesende.

Temperamentvoll, ja rasant erklingt das Tanzlied. Überhaupt gewinnt man den Eindruck, dass bei Koussevitzky das Tempo sukzessive immer schneller wird. Die Mitternachtsglocke klingt nur unauffällig wie aus dem Nebel, aber sie klingt wie bei Strauss in Wien resonanzreicher als z.B. bei Karajan 1970 in Salzburg. Und das ebenfalls live.

Wenn man den Klang mit der Eigenaufnahme von Strauss vergleicht klingt die Bostoner 1935 bereits fülliger als die 44er von Strauss, aber nicht transparenter. Von der 42er brauchen wir nicht zu reden. Von den vielfach geteilten Streichern bekommt man jedoch auch in Boston klanglich nicht viel mit.

 

 

4-5

Dmitri Mitropoulos

Sinfonieorchester des Westdeutschen Rundfunks (heute: WDR-Sinfonieorchester Köln)

Medici Masters, NAR

1959, live

32:46

Diese Aufnahme entstand im Sudio 1 des WDR. Bei Medici Arts ging man zur Erstellung der Neuabmischung auf die originalen Masterbänder der Studiokonzerte zurück, bei NAR ist uns dieses Prozedere nicht bekannt.

Mitropoulos sollte (und wollte) Chefdirigent bei den Kölnern werden, aber es blieb bei einem Fast-Engagement, denn 1959 war der Dirigent bereits gesundheitlich angeschlagen und er hatte bereits Anfang des Jahres einen Herzinfarkt erlitten und nur noch ein Jahr zu leben. Er war erst 64 Jahre alt.

In Köln lässt Mitropoulos die Kölner Trompeten langsame Sechzehntel spielen und sie spielen präziser als die des Concertgebouw Orchesters bei ihrem Salzburger Gastspiel. Das Holz präsentiert sich in Köln nicht sicherer oder gar klangvoller als beim Amsterdamer Orchester (in „Von der großen Sehnsucht“). Die Live-Situation in Salzburg fördert einen stärkeren Elan zutage, man merkt, dass in Köln zuerst die Aufnahme zählt, sodass Mitropoulos vorsichtiger zu Werke geht und schon gar kein volles Risiko mehr geht als in Salzburg. Vielleicht musste er auch Rücksicht auf sein Herz nehmen und ging es etwas weniger leidenschaftlich an. Die Darbietung wirkt nicht mehr so durchgehend spannend, nicht mehr so unter Feuer. Das Kölner Orchester spielt nicht mit dem Glanz des Concertgebouw Orchesters, dennoch gibt es viele gelungene Details an denen man sich erfreuen kann, insgesamt klingt das Werk ganz unprätentios und unspektakulär. Der Genesende ist erneut mit Leidenschaft durchführungsartig gesteigert und der Höhepunkt wirkt sehr kraftvoll. Das Orchesterspiel wirkt stets präzise und sehr aufmerksam. Das Blech klingt sattelfest und spielt mit Biss, im Tanzlied kommt die Solovioline gut zur Geltung (leider bleibt der Konzertmeister erneut ungenannt). Doch wenn man die Amsterdamer in Salzburg hören kann, dann sollte man das tun, denn man lernt den Dirigenten da mit diesem Werk noch in Bestform kennen.

Der Klang der Aufnahme wirkt dynamisch weniger ausladend als bei Orfeo 1958. Er klingt zudem matter, zumindest in der von uns gehörten NAR-Version, bei der zum Zweck der Rauschunterdrückung, die allerdings so gut gelungen ist, dass gar kein Rauschen mehr übriggeblieben ist, die Höhen komplett gekappt wurden. Ein Teil der Lebendigkeit des Klangs ist damit ebenfalls verschwunden. Es sind häufigere Manipulationen an der Lautstärke spürbar, die nichts mit der Partitur zu tun haben. Es klingt aber, obwohl die Aufnahme reines Mono verkörpert, ein klein wenig räumlich. Dennoch geht die Empfehlung, wenn man die Orfeo nicht hören kann, zur Medici Masters-Version der Kölner Aufnahme. Die müsste erfahrungsgemäß ein reicheres und differenzierteres Klangbild hören lassen.

 

 

4-5

Frederick Stock

Chicago Symphony Orchestra

YouTube, Biddulph

1940, live

30:57

Frederick Stock, geboren in Jülich bei Köln, wurde 1895 Bratscher beim Chicago Symphony Orchestra, 1899 Assistenzdirigent bei Theodore Thomas, dem Gründungsdirigenten, der von 1891-1905 der erste Musikdirektor des Orchesters war. Stock wurde 1905 der zweite Chef des Orchesters, er blieb es bis zu seinem Tod 1942. In dieser Aufnahme spielt John Weicher die Solo-Violine.

Natürlich ist auch diese Einspielung dynamisch, in der Klangfarbe und selbstverständlich in der Räumlichkeit etc. begrenzt aber sie wirkt bereits ziemlich eingedunkelt.

Außer Koussevitzky 1935 bevorzugt von den „Großen Alten“ Dirigenten jeder eine zügig gespielte Introduktion, die die Monumentalität und die Pathetik runterspielt bzw. gar nicht erst aufkommen lässt. Das Stück erklingt bei Stock als Ganzes klar und ohne romantischen Überschwang, genau wie bei seinem Nachfolger Rodzinski oder später bei William Steinberg, um nur einmal zwei weitere markante Namen herauszustellen. Das hindert Herrn Stock jedoch nicht daran, die Hinterweltler mit einer rührenden Bedächtigkeit beten zu lassen. Wenn man in der Lage ist, sich an das beständige Rauschen zu gewöhnen oder es gelingt vor dem geistigen Ohr auszublenden, dann erklingt das Orchester bereits verblüffend deutlich und klar. Das Spektrum ist eingeengt, aber das Spiel ist von einer, schlank klingenden Emphase und von ordentlich ausgebildetem Drang beseelt. Die Fuge bei den Wissenschaftlern leidet noch ein wenig an der geringen Transparenz der Monoaufnahme. Die Scherzo-Einlage klingt jubelnd. Das Genie zeigt genialisch eine Lösung auf, doch auch sie ist nicht von Dauer. Beim Genesenden kann man die exzellente Spielfähigkeit des Orchesters besonders gut verifizieren, ob zu dieser Zeit eines weltweit besser war, sei einmal dahingestellt. Mit Stokowski und dem Philadelphia Orchestra ist keine Aufnahme erstellt worden, jedenfalls wäre uns keine bekannt. Das wäre zumindest in Amerika eine ernstzunehmende Konkurrenz gewesen. So packend und zugespitzt klingt es sogar bei Strauss selbst kaum. Der Höhepunkt bringt eine Dynamik-Explosion, von der wir nicht so genau wissen woher sie eigentlich kommt. Die Orgel scheint an diesem Höhepunkt allerdings nicht beteiligt zu sein. Auch nach der Generalpause wirkt das Spiel nahezu wild (nichtsdestotrotz klar).

Das Tanzlied erklingt sehr zügig, sehr beschwingt, sehr pointiert, aber rhythmisch nicht preußisch exakt durchexerziert. Noch halbwegs elegant, falls man das so sagen darf. Es erklingt leider nicht im gleichen Lautstärkeniveau. Etwa in der Mitte fällt es leider abrupt ab. Wahrscheinlich war da bei den alten Platten ein Wechsel fällig und es ging dann mit einem anderen Pegel weiter. Die Mitternachtsglocke setzt sich mühelos gegen das tosende Orchester durch, wahrscheinlich hat man eigens für sie das Mikrophon neu justiert oder die Glocke nah genug aufgebaut. So oder so, man wusste von ihrer Bedeutung und setzte sie ins richtige Licht. Das Nachtwandlerlied klingt innig und intensiv, die deutlich herauskommende Harfe lockert es etwas stärker auf als üblich. Das ätherisch verklingende Finale erscheint bereits intonationssicher ausgeführt. Die ppp-Pizzicati klingen deutlich.

Die Aufnahme, wie hörten sie bei YouToube, rauscht beträchtlich aber noch tolerabel. Durch die Restaurierung erscheint sie schon bemerkenswert klar und deutlich. Die Dynamik erscheint jedoch rudimentär, die Oberflächengeräusche der alten Platten erscheinen völlig eliminiert. Transfer und Restauration gehen, soviel wird bei YouTube preisgegeben, auf Mark Obert-Thorn (2024) und Peter Howard (2026) zurück. Diese Restaurierung scheint (noch) nicht käuflich zu erwerben zu sein. Das Stück wurde ohne Werbeblöcke geschaltet, da man frei von kommerzieller Absicht eingestellt hat. Das ist natürlich eine zusätzliche Empfehlung wert.

 

 

4-5

Artur Rodzinski

Chicago Symphony Orchestra

RCA-Victor, His Master´s Voice, Pristine, BnF

1947, live

29:47

Diese Aufnahme erfolgte in der Symphony Hall in Chicago. Rodzinski sollte bereits nach dem Tod Stocks das CSO übernehmen, aber man entschied sich zunächst für Désiré Defauw. Erst 1947 kam Rodzinski als Chef zum CSO, er verließ es jedoch bereits 1948 wieder. Nach seinen enttäuschenden Erfahrungen in Chicago sollte er nie wieder das Amt eines Musikdirektors übernehmen. Was vorgefallen ist, wissen wir nicht genau. Diese RCA-Victor-Aufnahme von „ Also sprach Zarathustra“ war sozusagen eine Wiederaufnahme der Chicagoer Aufnahme des Werkes mit Stock für Columbia im Januar 1940. Nicht jedes Orchester hatte die Gelegenheit, innerhalb von sieben Jahren zweimal diesen Strauss-Erfolg einzuspielen, doch ein neues Plattenlabel, ein neuer Chefdirigent und ein virtuoses Ensemble führten zu diesem Vertrag. Rodzinskis Interpretation ist wunderbar lebendig – man höre nur die prägnanten Ritardandi, den vollen Klang der Streicher, die Kraft der Blechbläser, die Legato-Lyrik und John Weicher als bemerkenswert virtuosen Soloviolinisten, der bereits bei Stock mit von der Partie war. In der Introduktion ist von der Orgel und der Pauke kaum was zu hören, die spielen anscheinend wie hinter dem Nebel aus Rauschen. Die Sechzehntel erscheint langsam und wird wenig akzentuiert. Die Darbietung wirkt durchweg lebendig. Man achtet jederzeit auf einen gespannten Bogen. Das Orchester klingt, wenn man die Einschränkungen durch die Technik einmal außeracht lässt bereits voll, virtuos und kraftvoll. Virtuoser als in Berlin unter Karl Böhm, und das war dann bereits schon 1958. Rodzinski lässt das Stück mit der ihm eigenen straffen Zielgerichtetheit spielen. Es geht partiturgenau zu, immer temperamentvoll vorwärtsgerichtet, nur leider im Tutti wenig transparent. Er bleibt gemeinsam mit William Steinberg (1971) übrigens als einziger Dirigent unter 30 Minuten, das sagt eigentlich schon sehr viel über den Gestus aus. Der Genesende wirkt ganz besonders lebendig, so als wolle er die Welt aus den Angeln heben (ganz ähnlich wie bei Steinberg).

Das Tanzlied erklingt ziemlich stürmisch, eher preußisch-zackig als wienerisch elegant. Mächtig vorantreibend. Die Glocke zu Mitternacht ist nur leise hörbar. Leider schwankt das Rauschen und Brutzeln im Nachtwandlerlied besonders stark. Wenn die technischen Gegebenheiten der Einspielung besser wären, man müsste sie höher eingruppieren.

Aber leider brennt hier mit der Musik auch ein beständig brutzelndes „Lagerfeuer“ mit ab, leider auch noch sehr laut. Die Musik selbst klingt noch nicht einmal dumpf, solange es nicht laut wird, sogar bereits auffallend natürlich. Leider waren die digitalisierten Platten, die bei der Überspielung zur Verfügung standen in keinem guten Zustand. Das könnte die Freude an der Musik vielleicht manch einem zart besaiteten Musikfreund verleiden. Nur in leisen Passagen hört man Geräusche vom anwesenden Publikum.

 

Unsere Auswahl der vom Radio übertragenen Konzerte:

 

 

5

Christian Thielemann

Staatskapelle Dresden

ORF

2014, live

32:38

Christian Tielemann hat den Zarathustra mehrmals auch in Verbindung mit Aufnahmen aufgeführt. Es sind Aufnahmen von 2005 (da soll eine DVD bzw. Blu-Ray produziert worden sein) mit den Wiener Philharmonikern bis 2023 mit der Staatskapelle Dresden dokumentiert. In unserem kleinen Rundfunkarchiv haben wir zwei Aufnahmen mit der Staatskapelle Dresden gefunden, die jedoch nicht vom MDR, sondern vom ORF gesendet wurden. Einmal bei einem Gastspiel bei den Wiener Festwochen 2010, da sprang Thielemann für Fabio Luisi ein, der gerade seinen Vertrag als Chefdirigent bei den Dresdnern aufgelöst hatte. Das war das erste Konzert für Thielemann mit den Dresdnern außerhalb Dresdens, als er bereits als designierter neuer Chef berufen wurde. Ein zweiter Mitschnitt entstand im Richard-Strauss-Jahr 2014 (150. Geburtstag) bei den Salzburger Osterfestspielen. Mit dem wollen wir nun beginnen. Ein Mitschnitt mit den Berliner Philharmonikern konnten wir leider nicht mehr auffinden.

Thielemann war 2012-24 Chefdirigent des Dresdner Orchesters (und GMD der Sächsischen Staatsoper). In Salzburg war er 2013-20 künstlerischer Leiter der Osterfestspiele. Das nur zur Info. Er gilt bzw. galt schon lange zuvor als profunder Kenner der Musik Richard Strauss´, sodass es schon verwundert, dass es eine Einspielung des Zarathustra auf CD (genau wie vom Till oder Don Juan) nicht bereits innerhalb der kleinen Aufnahmereihe bei der DG um die 2000er Jahre gegeben hat.

Die Übertragung erfolgte damals auch über den Satelliten noch in Dolby Digital 5.1. Die Einleitung lässt ein mächtiges Pauken-Crescendo hören und dank 5.1. (mit der Übertragung eines separaten Subwoofer-Kanals) ein noch mächtigeres Orgelplenum inkl. eines mächtigen Kontrabasstremolos und natürlich hört man die Cran Cassa ebenfalls ganz genau. Das Musizieren erfolgt sehr geschmeidig und volltönend, aber auch enorm differenziert. Beachtenswert sind die enorme Homogenität und Sonorität des gesamten Klangkörpers. Die Violinen bestechen mit einem edlen, strahlenden Glanz. Das Orchester klingt sehr üppig, aber nie schwülstig. Thielemann dirigiert aus der Gelassenheit heraus (zumindest meint man es so zu hören, die bei den späten Aufnahmen Karajans bereits aufgefallen ist) mit völliger Souveränität, darin auch Zubin Mehta nicht unähnlich. Man meint, dass sich auf diese Weise ein besonders sinnlicher und farbenreich-schillernder Klang aus dem Orchester hervorzaubern lässt. Wobei man sicher auf der Tradition dieses Klangkörpers aufbauen konnte. Der Spannungsbogen wirkt weit gespannt, der Klang sogar mitunter (Grablied) abgründig. Zu Durchhängern kommt es nie. Vielmehr bekommt man viele Nuancen zu hören, die man sonst nicht zu hören bekommt. Der Genesende klingt so vielleicht schon etwas zu schön, vielleicht nicht konvulsivisch genug beim Höhepunkt vor der Generalpause, obwohl das Tempo zügig genug gewählt wäre.

Das Tanzlied überzeugt jedoch umso mehr mit Glanz und Schwung genauso wie mit Herzlichkeit und Wärme im Klang. Zumindest bei uns bleibt da kein Wunsch offen, zumal Thielemann ohne Überdruck immer auf ein Ziel zusteuert. Schöner kann das gar nicht mehr gespielt werden und klingen. Es ist immer genug Zeit da, um plastische Details hören zu lassen, damit die Musik atmen kann. Beim Konzert in Dresden, das der Exkursion nach Salzburg später im Jahr folgte war Matthias Wollong der amtierende Konzertmeister. Leider wurde der Name bei der Sendung des ORFs nicht bekanntgegeben. Es wäre verdient gewesen. Wahrscheinlich war es auch um Ostern bereits Herr Wollong. Eine Darbietung wie aus einem Guss mit aller „Fin-de-Siècle-Pracht“, aber auch mit er erforderlichen „Innenschau“.  Flexibel vom Orchester in Bestform vorgetragen. Anscheinend hat man sich aus Dresden eine besondere Glocke mitgebracht, um die Mitternachtsglocke klanglich adäquat inszenieren zu können. Sie klingt raumfüllend, so kann keine Röhrenglocke klingen. Sie mischt sich ganz besonders gut mit dem Orchesterklang, sie ist aber auch gut herauszuhören.

Wie immer (bisher) bei Übertragungen aus Salzburg stimmt auch der Klang. Es klingt dynamisch und ohne spürbare oder gar lästige Dynamik-Manipulation. Das Orchesterpanorama wirkt sehr übersichtlich und detailliert, vor allem jedoch volltönend, weich wie Butter, satt und farbenreich. Es bleibt nur noch festzuhalten, dass man es sich ein wenig präsenter gewünscht hätte, also etwas weniger distanziert.

 

 

5

Christian Thielmann

Staatskapelle Dresden

ORF

2010, live

32:57

Christian Thielemann war hier so etwas wie ein Einspringer für den eigentlichen Chef, Fabio Luisi, der jedoch seinen Vertrag bereits aufgelöst hatte. Thielemann war jedoch bereits als designierter Nachfolger benannt worden. Damals war man in Dreden gerade dabei eine Reihe von Orchesterwerken für Sony aufzunehmen, Leider erfolgte die Trennung von Luisi und den Dresdnern bevor der Zarathustra eingespielt war.

Das Konzert fand im Rahmen der Wiener Festwochen statt. Auch diese Übertragung erfolgte im 5.1.-Sound in Dolby Digital. Das merkt man erneut an der mächtig klingenden Orgel zu Beginn, Danach allerdings klingt sie für die Einstellung „volles Werk“ hingegen ein wenig zu kläglich. Allerdings muss man der Gerechtigkeit wegen dazusagen, dass bei der Orgelstimme zumindest in unserer Eulenburg-Taschenpartitur gar keine Lautstärkebezeichnung vermerkt ist, aber alle anderen Instrumente spielen ff und volles Werk für die Orgel bedeutet ja schließlich auch schon was. Vier Jahre später in Salzburg klingt das bereits ganz anders.

Ansonsten klingt das Orchester bereits genauso geschmeidig und kraftvoll wie 2014 in Salzburg. Und Thielemann dirigiert bereits mit der ganzen Ruhe und Übersicht des Strauss-Kenners. Ungemein dynamisch scheut man weder die leisesten pp, noch die mächtigsten ff. Leider dreht die Aufnahme- oder eher die Übertragungstechnik bei „Von der Wissenschaft“ wieder an der Dynamikschraube, sodass das p des Fagotts absolut raumfüllend erscheint und es zwingend erscheint diesen Pagel beim nächsten ff wieder zurückzunehmen. Eskapaden dieser Art blieben uns in Salzburg erspart. Der Genesende erscheint noch etwas energischer als 2014 in Salzburg, noch druck- und kraftvoller. Da hört man genau das konvulsivische Element, dass 2014 ein wenig fehlte. Es klingt sehr dynamisch und von der Technik nicht manipuliert, sodass die Reprise des Naturmotivs, nun auch verstärkt von der Orgel mit vollem Werk laut und mächtig gestaltet wird und gehört werden kann. Die Strauss-Kompetenz wird in diesem Mitschnitt noch besser mobilisiert als mit Zubin Mehta, der den Zarathustra im gleichen Jahr mit den Dresdnern zur Aufführung brachte, allerdings übertrug dabei der MDR aus der Semperoper. Davon später noch etwas mehr. Außerdem erklang er mit Thielemann in Wien deutlich befreit von diversen Patzern.

Das Tanzlied bringt das Gelächter plastisch zu Gehör, während das Violinen-Solo nicht so plastisch erklingt wie in Salzburg. Aber es ist genauso großbogig angelegt und hervorragend gesteigert. Und wir hören denselben Luxusklang wie in Salzburg, nicht schwülstig, enorm differenziert, voll und kraftvoll, doch licht. Sehr sinnlich und verführerisch. In Wien bleibt die Mitternachtsglocke nahezu gänzlich unhörbar. Anscheinend hatte man die „Überglocke“, die in Salzburg zu hören war 2010 noch nicht dabei. Aber einen gelungenen Abschied im Nachtwandlerlied hören wir auch in Wien.

Auch in Wien klingen die Dresdner offen, sehr transparent und plastisch. Und wie in Salzburg wird ein übersichtliches Orchesterpanorama geboten.

 

 

5

Vladimir Jurowski

Bayerisches Staatsorchester

BR

2026, live

32:08

In München ist Richard Strauss, der Sohn der Stadt wahrscheinlich eine Art Hausgott, nicht nur beim BRSO, sondern vielleicht noch mehr bei der Staatsoper. Jetzt böte es sich mal an aufzulisten, mit welchen Opernhäusern bzw. bei welchen Orchestern Strauss in besonderer Weise verbunden war:

Wiener Staatsoper: Von 1919 bis 1924 war Strauss gemeinsam mit Franz Schalk Direktor der Wiener Staatsoper.

Bayerische Staatsoper (München): Er war als Kapellmeister (1886-89) in seiner Geburtsstadt München tätig.

Staatsoper Unter den Linden (Berlin): Strauss wirkte als Hofkapellmeister an der Berliner Staatsoper.

Semperoper Dresden: Obwohl er dort nicht fest angestellt war, war Dresden von zentraler Bedeutung, da dort neun seiner Opern uraufgeführt wurden.

Er war zudem ein prägender Dirigent bei den Berliner Philharmonikern (1888–1939) und leitete Uraufführungen am Nationaltheater Weimar.

Zehn Jahre nach Jurowskis Berliner CD-Einspielung für Pentatone wirkt das Werk zunächst getragener, jedoch in besonderer Weise rhythmisch geschärfter und imposanter als in Berlin. Die Orgel klingt in München gut. Man übertrug direkt aus dem Münchner Nationaltheater, indem die Bayerische Staatoper beheimatet ist. Das Orchester bringt auch in diesem Fall in besonderer Weise einen dunkel-sinnlichen Streicherklang zur Aufführung, den man nur von den besten Orchestern überhaupt hören kann. Nun hält der Dirigent, der seit 2021 GMD der Staatoper ist, das Spiel stets unter Spannung, bietet mehr Tempo, mehr Leidenschaft als in Berlin 2016. Der Klang des Orchesters kommt dem Werk sehr entgegen, voll, sonor und edel. Die Übergänge erklingen nun natürlich und flexibel, die Solisten des Orchesters lassen keine Wünsche offen. Von der Wissenschaft erklingt nun viel deutlicher als in Berlin, was nicht zuletzt auf die höhere aufnahmetechnische Präsenz zurückzuführen sein dürfte und dass man beim Label Pentatone noch weiter in die pp-Regionen vorstößt als beim BR. Bis ins fast Unhörbare. So wirkt der Streicherklang in München noch sonorer, intensiver und sinnlicher. Aber auch klarer. Das Scherzo hat nun mehr Schwung und klingt brillanter. Dem Genesenden wird ein grandioser Höhepunkt zuteil, aber auch nach der Generalpause gibt es viel Schwung.

Das Tanzlied wirkt charmant mit der gefühlvollen Solovioline von Konzertmeister David Schultheiß, aber auch mit vielen anderen gelungenen solistischen Darbietungen (Oboe!). Es fehlt weder an Schwung noch an freudiger Ausstrahlung und feurigem Aufschwung. Eine von A bis Z gelungene Darbietung, der vor zehn Jahren auf CD festgehaltenen in Berlin deutlich überlegen. Die Mitternachtsglocke klingt voll und sonor, da wird es sich um keine handelsübliche Röhrenglocke handeln. Sie kommt auch beim vollen Orchestereinsatz noch ganz gut durch. Beim innigen Nachwandlerlied wird nicht zu viel Vibrato aufgelegt, das Holz intoniert bis zuletzt exzellent. Wir werden Zeuge eines wunderbaren Entschwebens, alle drei ppp-Pizzicati sind gut hörbar.

Der Klang der Direktübertragung ist dynamisch, sehr präsent und sehr transparent (exemplarisch klar abgebildetes Holz). Der Gesamtklang wirkt sehr lebendig und voll, sehr sinnlich und verführerisch. Wir würden meinen: Absolut CD-würdig.

 

 

5

Daniel Harding

Wiener Philharmoniker

ORF

2023, live

33:59

Bei dieser Aufnahme sind wir live bei einer Direktübertragung aus dem Großen Festspielhaus in Salzburg dabei. Daniel Harding ist dieses Mal Einspringer für den Rekonvaleszenten Franz Welser-Möst, der von orthopädischen Problemen gepeinigt wurde. Wir werden den Briten noch einige Male am Dirigentenpult antreffen. Die Aufnahme mit den Wienern gefiel uns am besten.

Tief, voll und sonor erklingen da zu Beginn die Bässe, die Gran Cassa und die Orgel. Das Blech strahlt, die Pauke lässt sich kraftvoll geschlagen hören, sie präsentiert jedoch kein Crescendo. Im ff kann die Orgel dem entfesselt klingenden Orchester kaum Paroli bieten.

Im Verlauf klingt das Holz sehr detailreich, die voll klingenden Streicher markant-süffig mit viel empathischem Espressivo, aber auch viel Vibrato. Besonders schwärmerisch bei den Hinterweltlern. Der Dirigent scheint mit dem Orchester eine glückliche Beziehung zu unterhalten. Es legt sich auffallend für ihn ins Zeug. Drängend, ekstatisch, geschärft und vor allem mit den fast schon jubelnden Violinen, an denen wir uns noch häufiger in dieser Einspielung werden erfreuen dürfen. Bei „Von der Wissenschaft“ könnten die Bässe der Fuge besser herauskommen, herausragend virtuos dann der Scherzo-Jubel der Violinen mit dem sich das Genie über die Wissenschaft erhebt. Beim Genesenden gibt es eine ausgesprochen rasante Zuspitzung vor der Generalpause mit einer zünftigen Entladung der orchestereigenen Energiereserven beim Höhepunkt. Im weiteren Verlauf gefällt die „schlanke Opulenz“ des Orchesterklangs, die quirlige Virtuosität, die keine Hemmnisse zu kennen scheint und die mit einer großen Differenzierungskunst im Detail einhergeht.

Das freudig angetriebene Tanzlied gefällt mit einem voll klingenden, launisch-pointierten (ja kecken) Violinen-Solo eines leider ungenannten Konzertmeisters (neuerdings könnte es ja auch bei den Wienern eine Konzertmeisterin sein!). Leider hält es die Klangregie auch 2023 noch für erforderlich den Höhepunkt mit der Mitternachtsglocke leise zu regeln, also dynamisch zu komprimieren. Aber dieses Mal hat man die Glocke selbst irgendwie davon ausgenommen, sodass sie nicht leise zu hören ist, sondern nur das ganze übrige Orchester. So kann man sie in ihrer vollen Substanz hören, wenn ihr auch die Fülle der Kirchenglocke in Birmingham fehlt. Aber auch ihr Klang geht weit über die üblicherweise genommene Röhrenglocke hinaus. Und das liegt nicht nur daran, dass man sie dieses Mal besser hört. Ätherisch verklärt, aber auch heftig dissonant klingt das Nachtlied aus. Schön schauerlich.

Der Klang der Aufnahme bietet ein breites Orchesterpanorama, gute Dynamik, die erfreulicherweise nur selten komprimiert wird, sehr gute Präsenz, keine ausufernde Halligkeit und eine gute Tiefenstaffelung. Der Gesamtklang gefällt sehr gut. Es gibt allerhand störende Publikumsgeräusche. Anscheinend litt das Festivalpublikum an einer Art Sommergrippe.

 

 

5

Gustavo Dudamel

Wiener Philharmoniker

ORF

2014, live

32:13

Nur zwei Jahre nach seiner Einspielung des Zarathustra mit den Berliner Philharmonikern für die DG dirigierte Gustavo Dudamel das Werk bei einer Matinée der Salzburger Festspiele 2014. Das war nach der Aufführung zu Ostern mit den Dresdnern zumindest die zweite Aufführung des Zarathustra im Jubiläumsjahr von Richard Strauss (150. Geburtstag). In Österreich sagt man gerne Jahresregent zu einem solchen Jubilar. Der ORF hat dieses Mal nicht nur für seine Radiohörer aufgenommen, sondern die Aufnahmen wurden bei Unitel zur Produktion einer DVD/Blu-Ray genutzt und Arte sendete das Konzert oder Teile daraus.

Dudamel wirkt nun, als hätte er sich gegenüber der Berliner Einspielung von unsichtbaren Fesseln befreit. Nun agiert er nicht mehr mit reduziertem Temperament und einem (irgendwie in diesem Fall zu ihm nicht passen wollenden) ruhigen Puls.  Nun wirkt sein Dirigat und damit auch das Spiel des Orchesters flexibler und vor allem energischer. Insgesamt wirkt sein Zugang zum Werk deutlich gereift. Die Wiener erfreuen erneut, wie bereits in der neun Jahre jüngeren Aufnahme mit Harding, mit dem typischen warm aber auch frischen, gespannt-glanzvollen Streicherspiel, wobei man immer wieder gerne die Violinen hervorhebt, aber die fallen eigentlich besonders durch ihre hohe Lage auf, als die anderen Streicher, die jedoch genauso an dem fulminanten Streicherklang beteiligt sind. Das Orchester macht erneut einen sehr motivierten Eindruck, spielt detailfreudig und mitreißend. Vielleicht war man auch zusätzlich durch die Fernseh- Radio- und Datenträger-Produktion motiviert? Sie klingen üppig und (was den Berlinern 2012 weniger gut gelang) brillant. Mit mehr Drama und mehr spürbaren Tempoverschärfungen. Da ist nun einfach mehr Vitalität an Bord. Das ausdrucksvolle Spiel und der beispielhafte Glanz zeigen die Wiener Philharmoniker in „Geberlaune“. Gegenüber der Staatskapelle Dreden oder dem Bayerischen Staatsorchester wirkt der Klang der Wiener ein wenig heller, obertonreicher, aber auch etwas spritziger und brillanter. Er wirkt in dieser Übertragung nicht immer vollkommen homogen.

Leider wurde auch in dieser Übertragung im Rundfunk der Konzertmeister mit seinem Soloauftritt im Tanzlied nicht genannt. Der silbrig helle Ton der Violine passt ausgezeichnet zum beschwingt-tänzerischen Gestus mit viel Drive und Temperament. Die Mitternachtsglocke geht bei dieser Übertragung leider im Orchestergetöse unter. Ein Makel mit der diese Aufnahme allerdings nicht alleine dasteht. Er betrifft fast alle Liveaufnahmen im Rundfunk und einen ganz gehörigen Teil der Platten- und CD-Aufnahmen. Fazit: Viel emotionaler, bewegter, ausdrucksvoller als in Berlin; insgesamt ergibt sich innerhalb des Werkes nun ein mitreißender Entwicklungsverlauf.

Auch diese Aufnahme wurde noch im 5.1. Dolby Digital Format über den Satelliten geschickt. Der Klang des Orchesters wirkt weiträumig, übersichtlich und sehr transparent. Leider gibt es sehr viele Störgeräusche vom Publikum, die jedoch nur auf die leisen Passagen einwirken. Damals wurde sehr dynamisch und ohne spürbare Dynamikkompression gesendet.

 

 

5

Elias Grandy

Bundesjugendorchester

WDR

2024, live

31:11

Dieses Konzert wurde aus der Kölner Philharmonie übertragen. Das Orchester mit den überaus jungen Mitgliedern (14-19 Jahre) hat sich das Werk besonders in den Osterferien erarbeitet mit einem unbedingten, hochprofessionellen Anspruch an sich selbst.  Der noch junge Dirigent war acht Jahre GMD (bis 2023) in Heidelberg, bevor er 2025 nach Sapporo wechselte. Seit 2026 ist er Nachfolger von Petr Popelka beim Prager Radio-Sinfonieorchester. Wir haben innerhalb der uns vorliegenden Diskographie vier Jugendorchester hören können (das der Europäischen Union folgt noch). Diese Aufnahme war davon die beste.

Die Trompeten sind bei der Introduktion zuerst nicht ganz zusammen (was bei den echten Live-Aufnahmen erstaunlich häufig zu hören ist), dann geht es aber gleich viel besser. Die Punktierung ist scharf genommen. Die Pauke wird mit viel Power geschlagen (viel besser als beim EUYO unter Pappano), die Temponahme ist bereits bei der Einleitung straff und die Kraftentfaltung zeigt viel jugendliche Power. Das Orgelplenum verdient dagegen nur das Prädikat: ordentlich. Die Hörner beim „Credo in unum deum“ klingen etwas unkultiviert. Unsere Vermutung: Man hat die Dämpfer vergessen. Das Orchester spielt sehr leistungsbereit um nicht zusagen aufopferungsvoll, mit dem vollen Enthusiasmus der jugendlichen Entdeckerfreude. Aber auch nuancenreich. Die reichbesetzten Streicher klingen superhomogen und geschmeidig, Holz und Blech sehr geschmeidig und mit viel Kraft. Vor allem die Hörner schmettern ganz wunderbar, als ob sie ihren Lapsus beim Credo unbedingt wieder gutmachen wollen. Toll klingt die Scherzo-Episode bei der Wissenschaft. Mit viel Vorwärtsdrang klingt der Genesende. Die klangliche Vielfalt dieser Passage wird voll ausgespielt und der Höhepunkt gelingt mit elementarer Wucht in enorm zugespitzter Darstellung.

Die Solovioline steht etwas hinter der allerdings ganz hervorragenden Darbietung beim EUYO zurück. Das Tanzlied als Ganzes begeistert jedoch vollends mit Tatendrang und Übermut. Man muss auch Herrn Grandy gratulieren, er hat eine glasklare Vorstellung von dem Werk und weiß die jungen Leute in voller Begeisterung „hinter sich zu scharen“. Nur die Mitternachtsglocke klingt schmächtig. Da wollte man vielleicht beim WDR nicht das beste Instrument herausrücken? Aber das Problem mit der Glocke durchzieht die gesamte Diskographie und braucht niemanden zu grämen. Bei manchen Instrumenten reicht es einfach nicht gnadenlos draufzuhauen, da kommt einfach nicht mehr. Im Nachtwandlerlied gibt es zu den „normalen“ Dissonanzen dann noch ein paar Intonationstrübungen. Sie trüben zwar das abschließende Bild ein wenig ein, können aber die Freude über diese grandiose Darbietung überhaupt nicht vermiesen.

Der Klang der Aufnahme wirkt offen, sehr klar und deutlich. Das Orchester erscheint gut gestaffelt in Breite und Tiefe. Dies ist eine plastische, hervorragend gelungene Aufnahme des WDR. Um Äonen besser als die alte mit Bernhard Klee auf der CD von 2004 ebenfalls mit dem BJO.

 

 

5

Andris Nelsons

HR-Sinfonieorchester

HR

2010, live

33:50

Diese Aufnahme entstand live in der Alten Oper in Frankfurt zwei Jahre vor der sehr gelungenen Einspielung für Orfeo in Birmingham. Nelsons war bereits seit zwei Jahren Musikdirektor in der südenglischen Großstadt. Der mehr oder weniger prägende Chefdirigent des HR-Sinfonieorchesters war damals noch Paavo Järvi. Ob man das hören kann ist allerdings spekulativ. Bei manchen Orchestern ist der Bezug zum (langjährigen) Chef allerdings überdeutlich. Beispiele sind u.a. Karajan in Berlin oder Mrawinsky in Leningrad bzw. St. Petersburg. Generell merkt man, ob ein Orchester gut „in Schuss“ ist oder „gut gepflegt“ wird. Da spielt der Chef schon eine gewichtige Rolle. Ausnahme: die Wiener Philharmoniker, die haben nämlich gar keinen Chef, sie sind jedoch offensichtlich in der Lage, sich selbst „zu pflegen“.

Die Introduktion erklingt generell als ein starkes Crescendo, wobei die Pauke ihre Crescendi vernachlässigt, was wir nicht unbedingt erwartet hätten, denn der junge Nelsons achtet auch auf Details und arbeitet sie plastisch heraus. Die Orgel könnte mächtiger klingen, sie würde es hergeben. Den Bass vernimmt man nur zurückhaltend. Nelsons lässt das Orchester also in der Introduktion noch nicht seinen mächtigsten Klang hervorbringen, was Strauss genauso gehandhabt hat und was sich genauso mit der Partitur deckt, Die Hinterweltler erklingen langsam und bedächtig, sie tragen ihren Glaubenskonflikt mit aller Empathie und mit viel Wärme vor, womit sie uns als Hörer bereits für die Darbietung gewonnen haben. Das HRSO lässt auch im Verlauf seinen wunderbar weichen, vollem Klang hören, der irgendwie von der Akustik des Hauses noch befördert wird oder: Die Techniker des HR haben den Bogen, wie mittlerweile auch die des BR (schon lange), des NDR und des WDR raus. Da sind eben Vollprofis am Werk. Trotzdem gelingt das Endergebnis nicht immer gleich gut. Wenn nur die Dynamik-Kompression bei machen Sendungen nicht wäre! Diesen kleinen Technik-Exkurs haben sich die Männer und Frauen hinter den Reglern mal redlich verdient. Die Streicher lassen wieder ihre hervorragende Homogenität und den wunderbar vollen Klang verbunden mit wie zauberhaft erfühlten Übergangen hören. Lob muss da natürlich auch an den jungen Dirigenten gehen, der hier, unserer bescheidenen Meinung nach, seine beste Aufnahme des Stückes vorlegt, auch wenn Details vielleicht in Birmingham und Leipzig noch ausgefeilter gelöst werden. Letztlich klingt das Orchester in Frankfort erheblich voller, saftiger und kräftiger als das in Birmingham, in Leipzig sieht es rein orchestral schon wieder ganz anders aus. Der Ansatz wirkt generell kammermusikalisch, doch intensiv, in Leipzig wird er weniger deutlich.

Im Tanzlied agiert der Konzertmeister ein wenig zurückhaltend, aber deutlich. Im Ganzen wirkt es tänzerisch, drängend, teils stürmisch. Und sehr lebendig. Das neue Selbstbewusstsein des „Übermenschen“ wird glaubhaft vermittelt, spendet durch den warmen, vollen Ton doch auch Zuspruch und Wohlgefühl. Die Oboe gefällt wieder einmal sehr gut. Durch den bewegten und bewegenden Gestus wird auch noch ein gewisser Witz vermittelt, oder besser Humor. Der Höhepunkt erklingt leider nur mit Röhrenglocken, die jedoch außerordentlich klar und deutlich zu hören sind. Der Schluss des Nachtwandlerlieds tönt „schön“ dissonant. Nelsons dirigiert mit viel Enthusiasmus und weiß diesen auf Orchester und Hörerschaft zu übertragen. Die Aufführungsdauer liegt zwischen Birmingham (schneller) und Leipzig (langsamer), erscheint in diesem Fall jedoch wie ein „goldener“ Mittelweg.

Der Klang aus der Alten Oper wirkt klar, transparent. Es gibt relativ wenig Bass, weil wir die 5.1-Sendung dieses Mal Stereo abgehört haben. Davon ist auch die Gran Cassa betroffen (ganz unüblich für den HR), die so erstaunlich wenig präsent ist. Das Orchester klingt trotzdem voll und brillant, saftig und ausgewogen. Das HRSO steht klanglich dem voll und sonor klingenden Gewandhausorchester viel näher als dem leicht, spritzig, aber auch etwas inhomogenen Orchester aus Birmingham.

 

 

5

Robin Ticciati

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

Deutschlandfunk

2017, live

32:21

Diese Aufnahme wurde direkt aus der Berliner Philharmonie übertragen und lässt das Antrittskonzert des damals neuen Chefdirigenten des DSO hören, der damals gerade mal 34 Jahre jung war, fast genauso jung wie Richard Strauss bei der Uraufführung des Zarathustra. Obwohl Herr Ticciati Vertrag bis 2027 beim DSO hatte, blieb er nur bis 2024. Als Nachfolger wurde mittlerweile Kazuki Yamada auserkoren.

In der Introduktion erklingt die Orgel der Philharmonie tief und voluminös (im Verbund mit Gran Cassa, Kontrabässen aber auch allein), die Punktierung der Trompeten klingt frisch, die ganze Intro zügig und dynamisch. Allerdings merkt man, dass die Übertragung des DLF die Dynamik einbremst.

Das Orchester spielt mit vollem, sonorem Klang, weich getönt, wobei die Orgel noch hörbar mit grundiert, sodass der Klang ein besonders sattes Fundament bekommt. Die hörbar stark besetzten Violinen klingen sehr geschmeidig. „Von den Freuden und Leidenschaften“ erklingt glanzvoll, mit Temperament, leicht angetrieben, doch zuerst wirkt der Vortrag poetisch, frei und wach. Die Fuge der Wissenschaftler wirkt bassstark, präsent und gut durchgezeichnet; glanzvoll und aufgeweckt die Scherzo-Passage. Der Genesende bekommt einen ausladenen Höhepunkt, der noch ordentlich von der kraftvollen Orgel verstärkt wird. Das Orchester gehört zu den Besten, wenn es gut motiviert wird, es klingt warm und glanzvoll schimmernd, präzise, aber nie starr.

Das Tanzlied wirkt zunächst zurückhaltend wie mit einem „Leuchten nach innen“, dann wird der Tanz immer wilder und mitreißend, einen militanten Unterton kann man im preußischen Kernland, den man in einigen Aufnahmen von sonst wo zu hören bekommt mit Eleganz vermeiden. Das Violinen-Solo klingt sicher, voll und warm. Es wird von Wei Lu gespielt. Das Horn wirkt hingegen nicht ganz so sicher. Das DSO hat sich anscheinend im Fall Zarathustra von den dünnklingenden Röhrenglocken verabschiedet, die „Kirchenglocken“ (?) klingen voller, sonorer und begünstigen es, den Höhepunkt noch erhabener und mächtiger klingen zu lassen. Eine Investition, die man jedem Orchester nur empfehlen kann (wenn genug Geld da ist). Das zügige Nachtwandlerlied erscheint akustisch wie nach vorne gezogen. Es wirkt bemerkenswert strahlend und ätherisch doch zugleich immer noch voll und satt.

Der Klang aus der Philharmonie wirkt tiefgründig, sowohl was die orgelgestützte, satte Bass-Lage anlangt, als auch die tiefe Raumabbildung. Leicht hallig, aber nie verschwommen, könnte es für unseren Geschmack ein wenig präsenter klingen.

 

 

5

Hugh Wolff

RSO Stuttgart des SWR (heute: SWR-Sinfonieorchester)

SWR

2011, live

34:23

Auch bei diesem Konzert haben wir es mit einem „Einspringer“ zu tun. Constantinos Carydis musste das Konzert aus Krankheitsgründen absagen, aber Hugh Wolff konnte es unverändert übernehmen, sodass uns auch Zarathustra erhalten geblieben ist. Es wurde aus der Stuttgarter Liederhalle übertragen. Hugh Wolff dürfte den meisten Hörern noch von seiner Zeit als Chefdirigent des HR-Sinfonieorchesters bekannt sein (1997-2006). Danach war er Chef der Orchester des New England Conservatory in Boston, seit 2017 ist er Chef des Belgischen Nationalorchesters in Brüssel.

Die Introduktion erklingt präzise, sehr gut gesteigert und zudem füllig und wuchtig im Klang. Im Verlauf arbeitet man mit starken Kontrasten; das Spiel des Stuttgarter Orchesters war in den letzten Jahren bis 2011 von Roger Norrington geprägt, aber auch Hugh Wolff war bzw. ist dem historisch orientierten Spiel nicht abgeneigt. Man meint es auch tatsächlich dem Orchester anzuhören, allerdings nur in einem ein wenig reduzierten Vibrato-Spiel der Violinen im Tutti. Bei den solistischen Streichern klingt es aber immer expressiv und eindringlich, zudem sehr nuancenreich. Die Intonationssicherheit des ganzen Orchesters und seine Transparenz in jeder Lebenslage ist bestechend. Man bemerkt eine „sprechende“ Phrasierung und das Spannungsniveau wird stets aufrecht gehalten. Die Fuge der Wissenschaftler ist glasklar durchhörbar. Der Genesende erscheint gut gesteigert (aber unaufgeregt) und ohne Beschleunigung bis zum mächtigen Höhepunkt. Ein einsamer Bravorufer platzt in die Generalpause hinein. Er wird sich anschließend bestimmt geschämt oder geärgert haben, aber wer könnte es ihm verdenken bei dem bravourösen Höhepunkt und dem abrupten Ende? Man kann ja nicht bei jedem Hörer bereits Werkkenntnis voraussetzen. Es passiert immer mal wieder an dieser Stelle. Beim Schlussapplaus beteiligt er sich ungerührt erneut lautstark.

Das Tanzlied erklingt beschwingt und freudig, sozusagen mit einem Lächeln im Gesicht, lebendig und innig. Das Solo des Konzertmeisters (oder der Konzertmeisterin, das könnte beim RSO Stuttgart nämlich ebenfalls möglich sein) erscheint erstklassig. Leichte Intonationsprobleme gibt es bei den Hörnern, sie fallen kaum ins Gewicht, angesichts des grandiosen Höhepunkts mit den tollen Schlagwerk-Eruptionen und der ordentlich klingenden Mitternachtsglocke. Das Nachtwandlerlied hat Ruhe und Glanz. Es wird ausdrucksvoll und auch von den Hörnern intonationssicher zu Ende gebracht.

Das Orchester klingt klar und gut gestaffelt, wie üblich aus der Liederhalle. Es wurde leicht hallig, aber auch sehr dynamisch aufgenommen und ohne spürbare Dynamikkompression gesendet.

 

 

 

4-5

Daniel Harding

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

BR

2022, live

33:25

Bei dieser Aufnahme handelt es sich um das BRSO-Benefizkonzert 2022 für den Adventskalender einer Münchner Zeitung. Es wurde aus der Isar-Philharmonie HP 8 gesendet. Daniel Harding war mal wieder ein Einspringer unterwegs. Dieses Mal hatte er den an akutem Erschöpfungszustand leidenden Zubin Mehta zu ersetzen. Die anderen Konzerttermine übernahm James Gaffigan, nur eine Woche vor dem Konzert mit Daniel Hading. Dass das Orchester und der Dirigent Daniel Harding eine Woche länger Zeit hatten, sich in die neue Situation einzudenken, meint man manchmal zu spüren, aber das könnte sich auch im Bereich der Einbildung abgespielt haben. Jedenfalls sind beide Konzerte als voll und ganz gelungen zu hören. Mit Daniel Harding haben wir drei Einspielungen des Rundfunks aus drei aufeinanderfolgenden Jahren im Portfolio, bei zweien fungierte er als Einspringer. Von Strauss-Werken hat er für Tonträger bisher nur die Alpensinfonie und das Oboenkonzert mit Francois Leleux auf physischem Tonträger eingespielt.

Die Einleitung erklingt zügig und prätentionslos. Es rumort schön tief, die Pauke wirkt allerdings wenig nachdrücklich, sogar eher lasch und ohne crescendo. Das Blech strahlt, die Orgel klingt eher mau, man hat in den provisorischen Konzertsaal vielleicht auch in München nicht das teuerste Instrument eingebaut. Es hört sich eher nach einer mobilen Lösung an. Das Orchester klingt in dieser Aufnahme nicht so voll, üppig und sonor wie das NDR-Elbphilharmonie Orchester. Der Streicherklang wirkt schlanker, vielleicht hat man bei der Besetzung der Streicher auf ein paar Musiker verzichtet. Dennoch wirkt die Weltanschauung der Hinterweltler genussvoll zelebriert, die Leidenschaften bewegt und kraftvoll. Das Holz klingt härter als üblich, erreicht den gewohnt höchsten Anspruch dieses Mal nicht ganz, an Espressivo mangelt es nicht. Bei den Wissenschaftlern klingt es klar und schön schwer, das Scherzando hat Tempo und Temperament. Der Genesende bekommt einen strahlenden Höhepunkt, den quirlig gehaltenen, durchführungsartigen Passagen mangelt es nicht an Feinheiten.

Das Tanzlied erklingt freudig erregt und schwungvoll, weniger elegant als vorantreibend und dynamisch. Anton Barakhovsky spielt souverän und klangsüffig. Tempo und Ekstase wirken jugendlich. Die Mitternachtsglocke ist ganz gut hörbar und recht sonor. Das Nachtwandlerlied verklärend, aber auch „schön“ dissonant. Der Epilog ansprechend.

Die Direktübertragung lässt eine weit gesteckte Räumlichkeit und eine gute Tiefenstaffelung hören. Die Dynamik ist in Ordnung, sie wirkt nicht manipuliert, jedenfalls hat nichts dergleichen gestört. Die Übertragung klingt nicht so klar und brillant wie beim BR üblich, er wirkt ein wenig stumpfer und hat weniger Glanz.

 

 

4-5

James Gaffigan

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

BR

2022, live

33:03

Wie Daniel Harding ist James Gaffigan für den erkrankten Zubin Mehta eingesprungen. James Gaffigan übernahm die Konzerte, die eine Woche früher stattfanden (im Herkulessaal der Münchner Residenz), Daniel Harding das Sonderkonzert eine Woche später (im Gasteig HP8). Er war ab 2011 Chef des Luzerner Sinfonieorchesters und ebenfalls seit 2011 ständiger Gastdirigent des Radio Filharmonisch Orkest im niederländischen Hilversum und seit 2021 des Trondheimer Sinfonieorchesters. James Gaffigan wurde im folgenden Jahr, also 2023 GMD der Komischen Oper Berlin und kurz zuvor des Palau de les Arts Reina Sofia in Valencia.

Das BRSO macht trotz der sehr kurzfristigen Umbesetzung einen lockeren und hochmotivierten Eindruck. Expressiv spielt es die Gebete der Hinterweltler, wunderbar erregt die Freuden und Leidenschaften. Nun wirkt der Klang der Violinen wieder so glanzvoll, wie man ihn gewöhnt ist. Die Fuge ist gut durchgezeichnet, die Soli vom Fagott passgenau. Klanglich geht es, wie gesagt brillanter zu als bei Harding im HP8. Dafür wirken die Übergänge vielleicht nicht so stimmig gebracht wie bei Harding, den das Orchester aber auch schon seit fast 20 Jahren kennt. Eine gut gesteigerte „Durchführung“ führt zu einem Höhepunkt beim Genesenden, die dynamisch besser durchschlägt als die Introduktion. Im Tanzlied spielt wie im HP8 Anton Barakhovesky die Solovioline. Blühend im Ton, rhythmisch-beschwingt. Insgesamt klanglich exquisit. Jetzt scheinen Dirigent und Orchester nochmals besser zu harmonieren. Die Unterschiede zwischen den beiden Aufnahmen (bzw. Sendungen) innerhalb einer Woche mit Gaffigan und Harding aus Sicht des Radiohörers: Der Klang aus dem Herkulessaal spricht eindeutig für die Aufnahme mit James Gaffigan. Das Orchester spielt mit Harding vielleicht noch etwas stimmiger und präziser, aber man hatte das Werk ja mit Gaffigan schon gegeben und war dadurch bereits besser vorbereitet. Hardings Dirigat wirkt auf uns noch ein wenig stringenter. Aber: Wenn wer die Wahl hat, sollte dann in Sachen Daniel Harding gleich die Aufnahme mit den Wienern wählen.

 

 

4-5

Vasily Petrenko

Royal Philharmonic Orchestra London

BBC, gesendet vom SWR

2022, live

33:23

Diese Aufnahme entstand beim Saisoneröffnungskonzert des RPO in der Royal Festival Hall (Southpark Center). Petrenko ist nach seinen Engagements in Liverpool und Oslo seit 2021 Chef der Königlichen in London.

Die Introduktion klingt ähnlich wie in der CD-Aufnahme in Oslo prachtvoll, mit mächtiger Orgel und kraftvoller Fanfare, aber recht weicher (d.h. nicht stark punktierter) Rhythmik. Im Verlauf wirkt sie etwas temperamentvoller und leidenschaftlicher als in Oslo. Und ein wenig kraftvoller. Im Verlauf wirken die Londoner auch ein wenig virtuoser und expressiver jedoch genauso sorgfältig. Die Fuge der Wissenschaftler bekommt etwas mehr Klarheit, das Scherzo wirkt genauso wenig als genialisches Sich-lustig-machen wie in Oslo. Der Höhepunkt beim Genesenden hat in London mehr Durchschlagskraft und wird vom Publikum in die Generalpause hinein beklatscht. Solistisch macht das RPO einen noch etwas souveräneren Eindruck.

Das Tanzlied erklingt elegant, aber mit wenig Tempo, das Holz wirkt etwas eloquenter als in Oslo, aber es steigert sich in Oslo sehr gut während der Darbietung. Die Solovioline gefällt in London ebenfalls etwas besser, da wir sie als satter im Klang hörten, sie kommt jedoch lange nicht so deutlich zur Geltung als in Oslo. Der Höhepunkt gelingt super und die Mitternachtsglocke erklingt wunderbar deutlich herausgearbeitet. Leider klingt sie matt und stumpf. Es ist gar nicht so einfach, alles zugleich in Vollendung zu realisieren. Man hat eine wenig resonante Röhrenglocke genutzt. Wie in Oslo zieht sich das Nachtwandlerlied ein bisschen dahin und die Dissonanzen wirken etwas weniger abgemildert als in Oslo. Also härter. Insgesamt gefällt die Darbietung in London besser. Da hätte man die paar Jahre mit einer Einspielung für Tonträger noch warten können.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr transparent, deutlich und warm grundiert. Die Violinen wirken noch etwas heller, ansonsten klingt das Orchester sonor und angenehm dunkel. Es gibt nur sehr wenige Störgeräusche, wenn man vom begeisterten Applaus eines Teiles des Publikums in die Generalpause hinein einmal absieht.

 

 

4-5

Zubin Mehta

Staatskapelle Dresden

MDR

2010, live

30:42

Zubin Mehta hatte vor dieser Aufführung des Zarathustra in Dresden das Werk länge nicht mehr dirigiert und es eigens wieder neu einstudiert. Natürlich liegt es nah, dass er die Dresdner, mit denen er seit 1994 (allerdings nicht so häufig) zusammenarbeitet, gerne einmal mit ihrem ureigensten Kernrepertoire dirigieren wollte, aber noch zentraler von Bedeutung waren damals die Mahler-Feierlichkeiten zu dessen 150. Geburtstag. In diesem Kontext erschien der Zarathustra auf DVD/Blu-Ray bei Arthaus. Unter dem Titel: „Quasthoff singt Mahler“. Zubin Mehta sprang damals für den offiziell erkrankten Fabio Luisi ein (es gab Querelen, die eine Vertragsauflösung zur Folge hatten). Dieses Mal dirigiert Zubin Mehta (74) die Introduktion wieder sehr zügig, die Orgel klingt nur sehr zurückhaltend. Die Dynamik der Introduktion wirkt zumindest für den Hörer am Ende des Übertragungsweges schwach. Der Strauss-erfahrene Dirigent weiß die Qualitäten der Kapelle jedoch zu nutzen und ins beste Licht zu rücken. Anders als in Israel 2007 wirkt die Musik nun dramatischer und klanglich eher Los Angeles und der üppigen Decca-Klangqualität nahe stehend. Die klanglichen Schönheiten können trotz der recht zügigen Tempi ausgekostet werden. Allerdings erscheint die Komplexität des Tonsatzes mitunter ein wenig vereinfacht, vielleicht wegen des sehr vollen Klangs, vielleicht wegen des zwar souverän wirkenden, aber doch etwas pauschalen Dirigats? Oder der sehr das homogene fördernden Aufnahmequalität des MDR? Das Blech so voll und sonor es auch klingt, wirkt nicht immer ganz perfekt in den Turbulenzen des Genesenden. Das gelang mit Thielemann u.a. besser.

Sehr gelungen hingegen das zügige und tänzerisch anmutende Tanzlied. Geradezu sanguinisch klingt es mit einem wieder einmal exzellenten Violinen-Solo. Auch das Holz klingt hervorragend. Die Mitternachtsglocke ist indes kaum zu hören.

Die Dynamik wirkt nicht nur in der Introduktion (aber dort besonders) eher schwach ausgeprägt. Der Sound der Dresdner wirkt seit der Aufnahme mit Kempe immer noch spezifisch (unabhängig vom Dirigenten), voll, sonor und dunkel-glänzend. Leider dieses Mal etwas distanziert aufgenommen.

 

 

4-5

Andrés Orozco-Estrada

HR-Sinfonieorchester

HR

2022, live

33:50

Andrès Orozco-Estrada war 2014-2021 Chefdirigent des Orchesters. Man kann diese Aufnahme aus der Alten Oper Frankfurt sowohl in der ARD-Mediathek als auch bei YouTube werbefrei ansehen und anhören. Wir haben wie immer, wenn möglich die Übertragung im Radio mitgeschnitten und gehört.

Die Orgel in der Introduktion wirkt seltsam flächig und auch das Schlagwerk etwas zaghaft. Das Orchester spielt erneut (wie bereits mit Nelsons 2010) mit seinem warmen, vollen Klang, jedoch etwas weniger detailreich. Sämig fließt es bei den Hinterweltlern, die Freuden und Leidenschaften wirken zwar zügig aber im Vergleich etwas „hemdsärmelig“. Die Charaktere der einzelnen Teile wirken ein wenig wie über einen Kamm geschoren, aber das Tempo passt. Weniger prall und klar auch die Fuge bei den Wissenschaftlern, die Scherzo-Einlage bleibt gegenüber Nelsons an Pointierung zurück. Der Genesende genießt volle Prachtentfaltung, muss aber ohrenscheinlich beim Höhepunkt wie ohne Orgel auskommen, sodass man sich fragt, wo das volle Werk denn geblieben ist. Brillant und gefällig geht es weiter.

Besonders brillant bei der Solovioline im Tanzlied, das Holz gefällt erneut sehr gut, doch die ruhigen Passagen der Entspannung werden nicht klar genug von den vorantreibenden Passagen getrennt. Das ist immer noch stimmungsvoll gespielt und vom Orchester virtuos und brillant umgesetzt, klingt aber insgesamt etwas grober als bei Nelsons. Dem Höhepunkt fehlt es etwas an Zuspitzung, trotz der brillanten Trompeten und obwohl man dem Spiel durchaus einen gewissen Mut zum Risiko anmerkt. Die Mitternachtsglocke kommt kaum zur Geltung, und wenn man sie hört, dann ganz matt. Da hätte wohl viel stärker draufgeschlagen werden müssen. Da fehlt dann auch der nötige Glanz. Insgesamt wirkt diese Einspielung gekonnt, jedoch etwas routiniert umgesetzt. Obwohl auf die Sekunde gleich lang findet man diverse Unterschiede zur Darbietung des Stückes mit dem jungen Andris Nelsons.

Der Klang wirkt insgesamt etwas matter als bei der Direktübertragung 2010 mit Nelsons. Die gesendete Aufnahme mit Orozco-Estrada war „nur“ eine Aufzeichnung. Sie klang auch weniger transparent, jedoch genauso üppig und räumlich gut aufgefächert.

 

 

4-5

Antonio Pappano

European Union Youth Orchestra

SWR

2023, live

33:35

Diese Aufnahme entstand während der Sommertournee des Orchesters. Wo genau wurde bei der Anmoderation leider nicht gesagt und auch unsere Recherche blieb ergebnislos, denn die Tour schloss mehrere Konzerthäuser mit ein, in denen diverse Rundfunkanstalten gerne aufnehmen. Infrage kämen der Wolkenturm in Grafenegg, das Concertgebouw Amsterdam, das Kurhaus Wiesbaden oder das Theater in Bozen. In diesem Jugendorchester dürfen junge Leute von 14-24 Jahre mitspielen. Das Limit endet also erst fünf Jahre später als beim Bundesjugendorchester.

In der Introduktion wirken die Trompeten klar aber etwas unsicher. Die Pauke wird sehr schwach geschlagen, aber immerhin mit einem leichten Crescendo versehen. Der erste Streichereinsatz wirkt ebenfalls leicht verwackelt. Auch der Orgelklang will nicht so recht zum Orchesterklang passen, es ergibt sich so kein mächtiges Erstrahlen. Das gelang dem Bundesjugendorchester viel besser aber: da konnte man lange vorm Konzert bereits im Konzertsaal proben und musste nicht noch lange im Bus sitzen und womöglich am gleichen Tag oder sogar sofort losspielen. Den Hinterweltlern fehlt es nicht an Empathie und im weiteren Verlauf geht es richtig leidenschaftlich und aufbrausend zu. Vielleicht nicht ganz mit der allerletzten Präzision und Detailakribie aber doch mit großem, erwachsenem und nicht zu vergessen: sinnlichem Klang. Das Orchester erweist sich dann doch als solistisch exzellent besetzt (Holz). Der Höhepunkt des Genesenden erscheint wirklich großartig.

Das Tanzlied erscheint mit dem jungen Konzertmeister sehr gelungen, impulsiv, elegant, rhythmisch, frei im Vortrag, sehr beschwingt doch abgerundet im Klanglichen. Überhaupt erstaunt weniger der erreichte sehr tänzerische, ja fast stürmische Gestus, das traut man den jungen Musikern sowieso zu, als die „umarmende“ Geste, die den Zuhörer „voll mitnimmt“. Die Mitternachtsglocke kommt wieder einmal kaum durch, nur rudimentär hört man sie. Das Nachtwandlerlied erklingt nicht zuletzt durch die Magie des Spiels des Konzertmeisters wunderbar schwebend, klar durchgezeichnet und wie transzendent entrückt. Das Holz wirkt dabei eher weniger „beseelt“ da überaus deutlich.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr transparent, offen und deutlich, gut gestaffelt und recht präsent. Der Bassbereich wirkt sehr deutlich.

 

 

4-5

Mikko Franck

NDR Elbphilharmonie Orchester

NDR

2022, live

34:58

Seit 2015 ist Mikko Franck Chefdirigent des Orchestre Philharmonique de Rado France. Das Konzert wurde 2022 in der Elbphilharmonie aufgezeichnet und erst zwei Jahre später gesendet. Die Introduktion klingt voll und kräftig aber nicht sonderlich dynamisch, die Orgel spielt mit ihrem vollen Werk doch zurückhaltend. Der Orchesterklang bleibt auch in den folgenden Abschnitten der Komposition, wie bereits in der CD-Produktion mit Urbanski, voll und sonor, dunkel und sinnlich. Die große Besetzung schlägt voll durch. Franck lässt es ungehindert schwelgen, was nicht verhindert, dass man mit den Hinterweltlern Mitleid bekommt. Da betet man so schön und inbrünstig und doch scheint es vergebens. Das Tempo lässt er dabei nicht schleifen. Bei den temperamentvollen Freuden und Leidenschaften funkelt und leuchtet es, wenngleich sich die Technik genötigt sieht, bereits hier abzuregeln und die originale Dynamik zu komprimieren. Damit nimmt man dem Orchester nicht nur die Lautstärke weg, sondern auch Fülle und Glanz, obwohl man auf beides in Hamburg offensichtlich ganz besonderen Wert legt. Man versucht zwar subtil vorzugehen, aber anderes als am Autoradio oder mit dem Handy, Tablett oder Laptop gehört, bleibt die Manipulation an der der heimischen Anlage hörend nicht verborgen. Die Wissenschaft erklingt zügig und klar. Der Genesende bekommt bei seinem Höhepunkt vor der Generalpause mächtig Unterstützung vom vollen Werk der Orgel, aber was nützt das „volle Rohr“ des Orchesters und der Orgel, wenn die Dynamik erneut eingebremst wird? Diese Anstrengung kommt nur den Zuhörern in der Elbphi zugute, nicht aber dem Hörer zuhause. Solistisch zeigt sich das NDR-Orchester erneut (nach der Einspielung von 2016) stark besetzt.

Das Tanzlied wirkt zügig und befreiend, doch auch gefühlvoll. Roland Greutter, der Konzertmeister des Abends, spielt mit vollem, ungemein geschmeidigem, leuchtendem Ton. Da spielt sicher auch die Akustik des Konzertsaales ihre Vorzüge aus. Genauso bei der solistischen Oboe, die man ganz ausgezeichnet (und in reinem Wohllaut) hören kann. Das klingt alles schön schwebend, nur der Höhepunkt wirkt verschliffen. Wir kennen mitleiweile das Dilemma. Die Mitternachtsglocke klingt voll und sonor, jedoch dynamisch total abgeregelt.  Das Nachtwandlerlied klingt breit strömend und sehr (!) dissonant. Das Holz und die drei Schluss-Pizzicati klingen in der Übertragung viel zu laut. Man sagt dem Orchester verschiedentlich nach (und hat es bereits früher häufiger getan), dass es nur Dienst nach Vorschrift mache. In diesem Fall (und in mittlerweile schon vielen anderen) haben wir davon nichts bemerkt.

Der Klang der Aufnahme wirkt räumlich, präsent und völlig unverhallt. Die einzelnen Schallereignisse sind sehr genau fokussiert. Das Orchester wirkt lebendig und klingt besonders dunkel-sonor und rund, aber doch auch noch brillant. Mitunter erscheint die Dynamik leider stark komprimiert. Der dunkelste Orchesterklang Deutschlands kommt mittlerweile nicht mehr aus der Berliner, sondern aus der Hamburger Philharmonie.

 

 

4-5

Daniel Harding

Schwedisches Radio-Sinfonieorchester Stockholm

ORF, SWR

2024, live

34:39

Da das Konzert mit dem Schwedischen RSO im Wiener Musikverein aufgenommen wurde, nehmen wir an, dass der ORF aufgenommen hat. Wir haben unsererseits eine Sendung vom SWR aufgezeichnet. Mit dem gesendeten Programm, das man zuerst in der Berwaldhallen in Stockholm aufgeführt hat, ging man danach auf Europa-Tournee. Daniel Harding war von 2007-25 Chefdirigent des schwedischen Orchesters. Sein Nachfolger ist Andrés Orozco-Estrada. Daniel Harding hat noch einen Zweitberuf. Er ist ausgebildeter Pilot und fliegt für die Air France auch kommerzielle Flüge mit dem Airbus in Europa und Afrika. Vielleicht ist er deshalb immer zur Stelle, wenn einmal ein Einspringer gesucht wird. Ab 2024 ist er Chefdirigent des Orchesters der Academia Nationale di Santa Cecilia in Rom.

Die Introduktion wirkt dynamisch, die Orgel in der Relation dazu zurückhaltend. Die Darbietung unterscheidet sich nicht wesentlich von den beiden bereits gelisteten Aufnahmen Hardings mit den Wienern und dem BRSO. Die Schweden spielen sehr gut, den Tournee-Strapazen zum Trotz, doch an den Klang und die Intensität der Wiener kommen sie nicht ganz heran, dabei erklingen die Hinterweltler expressiv, die Freuden und Leidenschaften virtuos. Es klingt heller als beim BRSO, vor allem wegen der Violinen und weniger sonor, zumindest einmal in dieser Aufnahme. Und welches Orchester kommt überhaupt an den Glanz der Wiener Violinen heran? Das bemerkt man besonders deutlich, wenn man die drei Aufnahmen Hardings in Folge hört. Die Holzbläser wirken subtil, kommen aber leider in dieser Aufnahme weniger prominent zur Geltung. In Salzburg und München wirkt das Stück zudem etwas spannender erzählt. Die Strapazen einer Tournee bleiben anscheinend doch nicht in der Kleidung stecken. Die Steigerung beim Genesenden lässt man sich nicht nehmen, das klingt lebendig und temperamentvoll.

Das Tanzlied erscheint gemütlicher und zurückhaltender als in Salzburg und München. Ob sich da eine gewisse nordische Gelassenheit behauptet? Seltsamerweise hat man die Idee eine volkstümlich-stampfende Rhythmik mit einzubeziehen, die man bei den beiden mitteleuropäischen Orchestern nicht hört. Dieser „Übermensch“ scheint sich „volksnah“ zu geben. Bei der Steigerung ins Hymnisch-Grandiose dann weniger. Das hört man selten so furios. Die gruselig-scheppernde Mitternachtsglocke holt uns dann wieder zurück in die orchestrale Realität, die manchmal einfach an den real vorzufindenden Bedingungen scheitert. Man kann nicht alles optimal gestalten, schon gar nicht auf einer Tour. Wie will man eine Kirchenglocke einpflegen oder gar mitnehmen. Das Scheppern deutet immerhin darauf hin, dass der Schlagzeuger mächtig draufgeschlagen hat. So eine Röhrenglocke hat eben ihre natürliche Grenze. Das Holz im Nachtwandlerlied erklingt nicht mehr ganz intonationsrein, das vergangene, engagierte Spiel hat seine Spuren hinterlassen, besonders am Ende des Stückes. So schrill klingen die Dissonanzen normalerweise dann doch nicht.

Der Klang der ORF-Aufnahme wirkt gut gestaffelt, detailreich und ausgewogen. Es war für uns keine lästige Dynamik-Kompression zu hören, das ist immer bereits viel wert. Es gibt viele Störgeräusche vom Publikum, es scheint, dass der ORF diese Art der Live-Atmosphäre bevorzugt. Die Tiefenschärfe der Übertragung aus Salzburg, die war, wenn mir uns recht erinnern eine Direkt-Übertagung, erreicht man in Wien nicht.

 

 

4-5

Zubin Mehta

Wiener Philharmoniker

ORF

2020, live

35:21

Zubin Mehta war bei dieser Aufnahme 84 Jahre alt. Das Programm wurde trotz Corona ganz ohne Publikum ausschließlich für die Hörer des Rundfunks gegeben. Im Großen Musikvereinssaal. Die Tempi variieren bei Zubin Mehta auffallend stark innerhalb seiner verschiedenen Aufnahmen, dieses Mal hatte er es für seine Verhältnisse langsam und getragen gewählt. Dieses Mal dominiert der romantisch-füllige Orchesterklang, etwas weniger warm aber noch etwas strahlender als bei der Dresdner Staatkapelle zehn Jahre zuvor. Auf die Kantabilität wird besonders geachtet, das legt das Tempo schon nahe. Solistisch zeigen sich die Wiener von ihrer besten Seite, absolut erstklassig bei Holz und Blech. Man scheint sich zu freuen, dieses Konzert – trotz Corona - spielen zu dürfen. Die Scherzando-Effekte bei den Wissenschaftlern lassen dieses Mal allerdings etwas zu wünschen übrig, da fehlt es an Tempo und Lebendigkeit. Mehta beweist langen Atem und hält die Spannung. Das hilft beim Genesenden und führt zu einem ausladenden Höhepunkt vor der Generalpause.  Die schwungvolle Dramatik, die es noch in LA, New York und Dresden gab, fehlt allerdings.

Im Tanzlied hört man zwar viel Gefühl aber nur noch wenig Schwung. Klanglich gefällt es immer noch. Die Streicher (insbesondere die Violinen) zeigen sich von ihrer besten Seite. Das Violinen-Solo überzeugt mit Wärme und Strahlkraft, dazu wird es deutlich herausgestellt. Es scheint, als spielen die Wiener das dieses Mal gemütliche Tanzlied mit viel Herz; Ehrensache, wenn man schon genug Zeit dafür bekommt. Die Mitternachtsglocke kann sich kaum gegen das Orchester durchsetzen, nur als das Orchester leiser wird, kann man sie überhaupt hören. Am Ende des Nachtwandlerlieds lässt die Präzision ein wenig nach.

Das Blech klingt leider (wieder) etwas hintergründig, wir wünschten uns das Orchester generell etwas präsenter aufgenommen, die Balance innerhalb des Orchesters wirkt jedoch besonders ausgewogen. Die Dynamik erscheint gegenüber der Sendung des MDR (Dresden, 2010) leicht vergrößert. Dem Radioklang hört man nicht an, dass das Publikum fehlt und so seine dämpfende Wirkung fehlt. Der Klang ist gut durchhörbar und nie hallig. Guter Orgelbass.

 

 

 

4

Pablo Gonzalez

Bochumer Symphoniker

WDR

2025, live

33:41

Dieses Konzert wurde innerhalb der Sendereihe „Städtekonzert“ des WDR gesendet. Aufgenommen wurde im Anneliese-Brost-Musikforum in Bochum. Die BOSY (so lassen sich die Bochumer Symphoniker gerne abkürzen) sind eine reines Konzertorchester ohne die Verpflichtung in einem Opernhaus Dienst tun zu müssen.

Die Introduktion wirkt zunächst trompetenlastig, denn von den Bässen von Gran Cassa, Orgel und Kontrabässen hört man (zu) wenig. Die Orgel allein klingt schmächtig. Der spanische Dirigent, der bereits Chef in Barcelona und beim Spanischen Rundfunk-Sinfonieorchester in Madrid war, geht grundsätzlich ruhig und gelassen an das Werk heran und es zeigt sich schnell, dass wir es mit einem guten Orchester zu tun haben. Die Hinterweltler beten ausdrucksvoll, teils dann doch so bewegt, dass sich eine gewisse Unruhe bemerkbar macht. Allzu schmelzend soll die Kantabilität dann doch nicht wirken. Die Stimmentransparenz scheint noch wichtiger zu sein. Nach und nach steigert man sich temporeich und klangschön mit dem vollen Klang des großen Orchesters. Das Scherzo bei den Wissenschaften bleibt etwas im Betulichen stecken, da hätte man sich mehr frechen Esprit erhofft. Beim Genesenden wird man der soliden, aber nicht umwerfenden Virtuosität gewahr, die den Höhepunkt vor der Generalpause nicht mit allerletzter Kraft inszeniert. Das Blech wirkt dabei nicht immer ganz präzise (Trompeten).

Das Tanzlied wirkt dann locker, charmant, recht langsam und genüsslich. Nicht behäbig scheint sich dieser „Übermensch“ in erster Linie pudelwohl zu fühlen. Das Violinen-Solo klingt gut, wird allerdings nicht eigens herausgehoben. Im Verlauf steigert man sich, ohne den Boden der Beschaulichkeit und Gemütlichkeit je ganz zu verlassen. Der abschließende Höhepunkt erfolgt mit Macht und sehr gut heraushörbarer Röhrenglocke. Im Nachtwandlerlied wird ein starker Fokus auf die sogenannten Nebenstimmen gelegt. Die Solovioline erklingt (wie in vielen Aufnahmen) nun nicht mehr ganz intonationssicher. Wie herangezoomt erscheinen die Posaunen ausgesprochen riesig und laut, dabei spielen sie nicht ganz sauber.

Die Aufnahme aus Bochum klingt übersichtlich und sauber, sehr transparent und offen. Die Präsenz ist gut. Es klingt weder zu hallig noch zu trocken. Es gibt aber nur wenig Dynamik und nur wenig Bass zu hören.

 

 

4

Guillermo Garcia Calvo

Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz

MDR

2018, live

33:45

Dieses Konzert wurde 2018 vom Deutschlangfunk live und direkt aus der Chemnitzer Stadthalle gesendet, wir haben es bei einer Wiederholung, die der aufnehmende MDR später gesendet hat, aufgezeichnet. Der Spanier Guillermo Garcia Calvo war von 2017-23 GMD der Theater Chemnitz und der Robert-Schumann-Philharmonie.

Die Orgel klingt gemeinsam mit Gran Cassa und Kontrabässen in der Introduktion tief und sonor, die Pauke plastisch, die Trompeten sonor, aber weniger strahlkräftig. Ohne Orchesterunterstützung klingt die Orgel allerdings recht schmal. Das Orchester erklingt im Verlauf klangschön und geschmeidig, bei den Hinterweltlern irritiert jedoch ein tieffrequentes Wummern, dessen Herkunft wir uns nicht erklären können. Vielleicht eine Fehlfunktion der Orgel? Beim Orchester fehlt es ein wenig an der Rundung bei den höheren Frequenzen. Geschmeidigkeit und Homogenität lassen bei den schnellen Passagen manchmal etwas nach, dann wird es ein wenig wuselig. So beim Scherzando bei den Wissenschaftlern zu hören. Der Höhepunkt beim Genesenden wird gut aufgebaut und wirkt zügig und gefällig.

Das Tanzlied wirkt nicht ganz sauber und synchron und auch ein wenig verhalten im Ausdruck, trotz des eigentlich bewegten Tempos. Die Mitternachtsglocke wurde nicht vergessen, ist aber nur gerade so für den Radio-Hörer vernehmbar.

Der Klang aus der Stadthalle Chemnitz lässt das Orchester zur Gänze etwas distanziert hören, aber recht dynamisch und recht farbig. Die Transparenz wirkt (nicht zuletzt wegen der Entfernung) reduziert. Es klingt recht brillant aber nie prall. Wir nehmen einen imaginären Platz ziemlich weit hinten in der Stadthalle zu Chemnitz ein.

 

 

 

3-4

Dennis Russell Davies

MDR-Sinfonieorchester

MDR

2023

34:11

Das Orchester wurde bei einem Gastspiel beim Mährischen Herbst im Janacek-Theater zu Brünn aufgenommen. Brünn (tschechisch: Brno) ist seit über 50 Jahren Partnerstadt von Leipzig. Der Chefdirigent des MDR-Sinfonieorchesters Dennis Russell Davies (seit 2020) ist seit 2018 bereits Chef der Philharmonie Brünn. Beim Konzert war er 79 Jahre alt. In diesem Konzert entsteht der Anfangsakkord des „Zarathustra“ attacca aus dem Schlussakkord der Maurerischen Trauermusik Mozarts, das hätte als ein hübscher Einfall wirken können, wenn das Blech nicht so unsauber einsetzen würde. Die Pauke spielt dagegen mit maximaler Kraft und legt auch noch ein ordentliches Crescendo an den Tag. Das hört man sehr, sehr selten einmal in dieser Wucht. Bravo! Die Orgel klingt nicht völlig synchron mit dem Orchester und wenn sie dann allein mit ihrem Klang übrigbleibt ziemlich mickrig. Das Orchester, das merkt man sofort, klingt viel heller als man es aus dem Gewandhaus kennt. Das mag von der Aufnahmetechnik des tschechischen Rundfunks herrühren, der bei der Aufnahme federführend war oder aber vom wenig resonanten Aufnahmeraum, dem Theater in Brünn. Besonders die Violinen wirken weniger sonor als sonst und stumpf. Die engen räumlichen Verhältnisse (so werden sie uns jedenfalls suggeriert) lassen die Hinterweltler geradezu wie durchleuchtet erscheinen. Die getragenen Tempi des Dirigenten gestatten dem Orchester jedoch trotz der fast schon „erbarmungslosen“ Präsenz, mit der ihm die Mikrophone auf den Leib rücken eine bei den Hinterweltlern noch klangschöne, jedoch wenig spannungsreiche Darbietung. Bei „Von der Wissenschaft“ wirkt der Zusammenbau der Fuge sogar etwas hilflos, was man genauso als große Interpretationskunst ansehen könnte. Die Scherzo-Passage wirkt allerdings lahm und wenig präzise, auch weniger inspiriert. Man gewinnt sowieso den Eindruck, dass sich das Orchester nicht so richtig während seines Gastspiels wohlgefühlt hat. Beim nicht gerade turbulenten Genesenden gibt es dann auch noch einen falschen (zu frühen) Einsatz beim Blech, der jedoch immerhin noch an der richtigen Stelle nachgeholt wird. Das Tanzlied mit Konzertmeister Andreas Hartmann wirkt bedächtig und wenig elegant. Der ungemein direkte Klang der trockenen Akustik ohne jedes Potential die Realität verschönern zu können, nimmt zusätzlich Eleganz und Glanz weg. Es klingt so etwas derb. Die solistischen Streicher wirken in dieser Umgebung etwas „drahtig“ und dünn, zudem wirken sie intonationsgefährdet. Die Steigerung zum Höhepunkt gelingt nur schwerfällig. Die Mitternachtsglocke klingt jedoch schwer und massiv, wie eine echte Glocke. Beim Nachtwandlerlied hören wir dieselben klanglichen Einschränkungen wie beim Tanzlied. Es gibt kein transzendentes Entschweben, dazu klingt es einfach zu bodenständig zu direkt, zu wenig sanft, zu wenig geläutert. Wahrscheinlich fehlt einfach nur der glanzvolle, weiträumige, die Sonorität fördernde Klang des Gewandhauses.

Das Orchester wirkt sehr nah an den Hörer herangeholt. Das hohe Maß an Präsenz lässt das ganze Orchester in einem anderen Licht erscheinen als im gewohnten Gewandhaus. Es gibt nur wenig Tiefenstaffelung und nur wenig Bühnenbreite. Das Blech klingt sehr direkt, dicht und ebenfalls sehr präsent. Für den Zarathustra ist das eine sehr ungewohnte Akustik. Aber: Es ist keine störende Dynamik-Kompression spürbar. Ein großes Plus.