Edvard Grieg
Peer-Gynt-Suiten Opp. 46 und 55
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Werkhintergrund:
Die "Morgenstimmung" aus Edvard Griegs Peer-Gynt-Suite Nr. 1 op. 46 ist eines der populärsten Stücke der sogenannten Klassischen Musik überhaupt. Nicht nur die Biertrinker unter den Fußballfans (da werden die Werbeclips eines namhaften Bierherstellers am liebsten positioniert) lassen sich vom Griegs lyrischem Hit einen norwegischen Frühlingsmorgen ins Gemüt zaubern. Auch auf den Fähren nach Skandinavien werden die Reisenden mit Griegs tönendem Tagesanbruch sanft geweckt. Dabei beschreibt die geheimnisvolle Beschwörung norwegischer Fjord- und Berglandschaften eigentlich einen Sonnenaufgang über der nordafrikanischen Wüste. Dorthin hat es Peer Gynt im vierten Akt des gleichnamigen Versdramas von Henrik Ibsen verschlagen – aber niemand lässt sich den norwegischen Fremdenverkehrssong von den tatsächlichen Schauplätzen des Stückes madig machen.
Edvard Grieg ist „der Norweger“ unter den Komponisten. So sah er sich selbst und so wollte er international wahrgenommen werden, auch wenn er selbst das Provinzlertum seiner skandinavischen Heimat beklagte und die Melancholie der heimischen Landschaft, durch die er eben noch begeistert gewandert war, entnervt verwünschte: „Die Berge zu betrachten macht mich nur dumm!“ Ausgeglichenheit gehörte nicht zu seinen Stärken, ebenso wenig die stetige Arbeit am eigenen Werk – dass er zu gar nichts käme, beklagte Grieg auch dann noch, wenn er sich in die Einsamkeit seiner abgeschieden gelegenen Komponier-Hütte zurückgezogen hatte.
Zur Uraufführung des Peer Gynt 1876 in Christiania (heute: Oslo) kam er nicht; der Dichter des Dramas, Henrik Ibsen blieb ihr ebenfalls fern. Die Zusammenarbeit war schwierig, das persönliche Verhältnis blieb spröde. Da Grieg mit seiner Arbeit nicht zufrieden war, schrieb er die Bühnenmusik zehn Jahre später für eine Aufführung in Kopenhagen um, was der Partitur sehr zugute kam. Als Grieg schließlich doch eine Aufführung des Peer Gynt besuchte und den grandiosen Erfolg seiner Bühnen-Musik erlebte, verbeugte er sich gern, gerührt und sehr ausgiebig vor dem begeisterten Publikum. Zwölf Jahre (1888) später bündelte er einige Erfolgsstücke des Werkes zur ersten Peer-Gynt-Suite op. 46, 1891 folgte die zweite op. 55. Jeweils drei lyrische Sätze und ein „actionreicher“ Satz sind zu einer Suite zusammengefasst, die Reihenfolge der Bühnenhandlung spielt nun keine Rolle mehr. Die erste Suite, obwohl nicht die bessere, ist stets die beliebtere gewesen, was man auch daran erkennen kann, dass sie häufig alleine eingespielt wurde. Beide Suiten haben den Titel von Ibsens Stück in ganz Westeuropa schnell bekannt gemacht. Griegs Musik jedoch erlangte Weltruhm – unabhängig von Ibsens Drama.
Zu Ibsens Drama
Peer Gynt entstand auf der Vorlage norwegischer Feenmärchen von Peter Christen Asbjørnsen. Sie waren zwischen 1845 und 1848 unter dem Titel „Norske Huldre-Eventyr og Folkesagn“ als Versepos erschienen. In seinem Werk setzte sich Ibsen kritisch mit dem romantischen Nationalismus im Norwegen seiner Zeit auseinander. Er schuf es während seines freiwilligen Exils in Italien, vor allem auf Ischia und in Sorrent.
Peer Gynt war ursprünglich nicht für die Bühne geschrieben worden. Einige Jahre nach der Fertigstellung änderte Ibsen jedoch seine Meinung und begann, das bis dahin in der Lesefassung sehr erfolgreiche Gedicht, das auch Züge eines Schelmenromans aufweist, zu einer Bühnenfassung umzuarbeiten, was einige Kürzungen mit sich brachte. Für dieses Vorhaben schuf Edvard Grieg die 26-teilige Schauspielmusik Peer Gynt.
Heute besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die nationalromantische Musik Griegs denkbar schlecht zu Ibsens modernem Drama passt, obwohl neben musikalischen Qualitäten auch Griegs „theatrale[s] Einfühlungsvermögen“ und sein „Sinn für dramaturgische Knotenpunkte“ gewürdigt wird. Grieg hat in Briefen denn auch mehrfach geäußert, dass Ibsens Peer Gynt nie seine Sympathie gewinnen werde. Der dänische Märchendichter Hans Christian Andersen hielt das Werk gar für das Schrecklichste, das er je gelesen hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Harald Sæverud mit der Komposition einer neuen, moderneren Bühnenmusik beauftragt, die 1948 erstmals in Verbindung mit dem Stück erklang. In zeitgenössischen Theaterproduktionen wird Griegs Musik entweder gar nicht mehr oder nur ironisch verwendet. Die Verfilmung von 2006 benutzt diese jedoch ganz ohne Ironie und beweist, dass sie sogar zu einer modernen Lesart des Dramas passen kann.
Übersetzungen ins Deutsche existieren unter anderem von Ludwig Passarge (1881), Christian Morgenstern (1901), Hermann Stock (1953) und Angelika Gundlach (2006)
Die Hauptfigur ist der junge Bauernsohn Peer Gynt, der mit Lügengeschichten versucht, der Realität zu entfliehen. So verdrängt er, dass sein Vater, der einst sehr angesehene Jon Gynt, Hof und Habe durch Misswirtschaft und zahlreiche Alkoholeskapaden verloren hat. In Peers Fantasiewelt ist die heruntergekommene Behausung jedoch nach wie vor ein strahlender Palast. Auch seine eigene Nichtsnutzigkeit verklärt er zu Heldenhaftigkeit. So schildert er seiner Mutter Aase einen halsbrecherischen Ritt auf einem „Bock“ über einen Grat, möglicherweise den Besseggen oberhalb des Gjendesees im norwegischen Gebirge Jotunheimen.
Von seiner Mutter wird Peer überbehütet und glorifiziert, doch soll er immer ihre Version des Lebens teilen. Er prahlt schamlos und ist selbstsüchtig, er ist ein Lügner und ein Lüstling – trotzdem hat er Phantasie und wirkt faszinierend. Auf der Suche nach Liebe und Abenteuer findet er sich bald in einer Welt von Trollen und Dämonen wieder. Er entführt Ingrid, die Braut eines anderen, vergewaltigt sie, verlässt sie aber kurz nach der Entführung wieder.
Er begibt sich im zweiten Akt zu einem legendären Bergkönig und seinen grotesken Töchtern. Dort macht er sich an eine der beiden Töchter „ran“ und kommt wohl auch zum Zuge, was jedoch entdeckt wird. Die Trolle wollen ihn daraufhin verspeisen. Da heißt es „Fersengeld“ zu zahlen, damit es ihm gelingt aus der Halle des Bergkönigs zu entkommen. Dann wohnt er dem Tod seiner duldsamen Mutter bei. Das geschieht während er ihr wieder eine seiner Lügengeschichten erzählt, er bemerkt ihren Tod erst, als sie bereits länger verschieden ist.
Dann verliebt er sich in die aus pietistischem Elternhaus stammende Solvejg (auch Solveig geschrieben), die ihn anfangs nicht erhört, sich ihm später jedoch anschließt und in einem Holzhaus im Wald auf seine Rückkehr wartet. Denn es kostet ihn nämlich wenig Überwindung sowohl Solveig als auch Norwegen im dritten Akt zu verlassen.
Nach einem Zeitsprung von etwa 20-30 Jahren findet sich der inzwischen unter anderem durch Sklavenhandel reich gewordene Peer im vierten Akt in Marokko wieder. Dort wird ihm von „Geschäftspartnern“ sein Schiff mit allen Reichtümern gestohlen. Nach einem Gebet versinkt das Schiff. Peer findet sich mit seiner Armut ab und wendet sich Gott zu. Durch einen Affenangriff wird er in die Wüste getrieben, wo er sich in eine Oase rettet. Von den dort lebenden Jungfrauen erwählt er Anitra, die ihm allerdings die letzten Habseligkeiten stiehlt. Frauen in prototypischer Charakteristik begegnen ihm auf seinem mehr oder weniger „ersponnenen“ Lebensweg. Den Tiefpunkt seines Lebens erlebt Peer im Irrenhaus zu Kairo, dem der deutsche Arzt Doktor Begriffenfeldt vorsteht.
Alt und verarmt kehrt Peer Gynt im fünften Akt heim, wird dabei jedoch schiffbrüchig, rettet aber sein eigenes Leben, indem er den Schiffskoch ertrinken lässt. Dann erscheint ihm der Abgesandte des „Meisters“, der sich der Knopfgießer nennt gegen den er um seine Seele kämpfen muss. In einer berühmten Szene vergleicht sich Peer mit einer Zwiebel, die viele Hüllen, jedoch keinen Kern aufzuweisen hat. Ein psychoanalytischer Hinweis, den ein Siegmund Freud sicher gerne aufgegriffen hätte, wenn sich Peer in Behandlung begeben hätte. Endlich zu Hause, denkt er zum ersten Mal über moralische Fragen nach. In der an einem Pfingstmorgen spielenden Schluss-Szene stellt sich jedoch Solvejg, die ein Leben lang auf die Rückkehr ihres Geliebten gewartet hat, schützend vor ihn und rettet ihn. Weil Peers ideales Selbst die ganze Zeit über in Solvejgs Herzen gelebt hat („In meinem Glauben, in meinem Hoffen und in meinem Lieben“), wird ihm verziehen.
Allgemein wird „Peer Gynt“ in vielerlei Hinsicht zu den Moralstücken von universeller Geltung gezählt, über die spezifische Bedeutung seiner Symbolik ist man sich jedoch nicht immer einig.
Die beiden Suiten
Da Grieg der Meinung war, sein Werk würde außerhalb Norwegens nicht akzeptiert werden, stellte er 1888 und 1891 aus dieser Musik, unter Verzicht auf die gesprochenen Dialoge und den Gesang, zwei Orchestersuiten zusammen. Die erste Suite (op. 46) schuf er in der Dachgeschosswohnung im Hause des C. F. Peters Musikverlags in der Talstraße 10 in Leipzig. Sie wurde am 18. Januar 1888 vollendet und am 1. November 1888 unter der Leitung des Gewandhauskapellmeisters Carl Reinecke im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt. Die zweite Suite (op. 55) vollendete Grieg am 12. September 1891, sie wurde anlässlich der Festlichkeiten zu Griegs 25-jährigen Jubiläum als Dirigent unter seiner Leitung am 14. November 1891 in Christiania (heute Oslo) uraufgeführt.
Die Abfolge der einzelnen Stücke, wie sie in der Partitur der beiden Suiten stehen:
Suite Nr. 1 op. 46
- Morgenstimmung
- Ases Tod
- Anitras Tanz
- In der Halle des Bergkönigs
Suite Nr. 2 op. 55
- Der Brautraub (Ingrids Klage)
- Arabischer Tanz
- Peer Gynts Heimfahrt
- Solveigs Lied
Die acht Stücke in die Reihenfolge gebracht wie sie innerhalb vieler anderer im Schauspiel erscheinen:
Der Brautraub (Ingrids Klage). Ist die Zwischenaktmusik zwischen dem ersten und zweiten Akt. Peer hat Ingrid am Tag ihrer Heirat mit einem anderen Mann hinauf in die Berge getragen (also mit anderen Worten: verschleppt) und vergewaltigt. Am Anfang des zweiten Aktes verlässt er sie wieder. Die gefühlvolle Musik verleiht der Figur Ingrids eine Tiefe, die Ibsen, der an dieser Rolle wenig interessiert war, ihr nicht gegeben hatte. Das schnelle Thema (T. 1-4) ist Peers Leitmotiv aus dem Vorspiel. Es könnte hier (in der Suite) für den eigentlichen Raub stehen als Gewaltakt oder Ingrids Erinnerung daran. Nach Griegs Aussage bedeutet es hier, dass Peer Ingrid sagt, „sie solle sich zum Teufel scheren“. Umgekehrt wäre es wohl angemessener gewesen. Spätestens jetzt wissen wir: der Kerl (Peer) ist entweder ein Schuft oder ein Lügenbaron. Oder beides, ein schwerkrimineller Münchausen also.
In der Halle des Bergkönigs steht am Anfang der sechsten Szene des zweiten Akts. Es ist eine groteske Ballettmusik für die wilden Töchter des Dovrealten (Bergkönigs). Sie quälen Peer und drohen ihm, weil er eine von Ihnen verführt hat und im Stück schreien alle zusammen zu mächtigen Akkorden: „Schlachtet ihn!“ (nach Buchstabe D) Hier steigert Grieg ein täppisches kleines Motiv durch ständige und immer lautere Wiederholung ins Bedrohliche bis hin zur musikalischen Groteske, Der wirkungsvolle kleine Satz ist in seiner Einfachheit ein großer Wurf. Grieg hatte trotzdem keine rechte Freude dran: „Für die Halle des Bergkönigs habe ich etwas geschrieben, das so nach Kuhfladen, Ultranorwegismus (norwegisch: narsknorsknet) und Selbstgenügsamkeit stinkt, dass ich nicht ertragen kann, es zu hören, obwohl ich hoffe, dass man die Ironie spüren wird.“
Solveigs Lied steht als Zwischenaktmusik vor der dritten Szene des dritten Akts, in der Peer und Solvejg voller Rührung voneinander Abschied nehmen. Die Hauptmelodie, die zum ersten Mal im Vorspiel erklingt, erscheint wieder als Lied in der zehnten Szene des vierten Akts: Peer hat in Afrika eine Vision von Solvejg in Norwegen. Und Solveig singt sie noch einmal unbegleitet in der fünften Szene des fünften Akts. Das Lied ähnelt einer Volksweise, die Grieg durch die norwegische Liedersammlung Ludvig Lindemanns kennenlernte. Die innige Melodie basiert zudem auf dem „Grieg-Motiv“, jener Intervallfolge von abwärts geführter kleiner Sekunde und großer Terz, die für sich genommen schon melancholisch wirkt und zum Markenzeichen des Komponisten wurde.
Ases Tod (Ase ist Peers Mutter). Das Stück ist zunächst eine Zwischenaktmusik vor der vierten Szene des dritten Akts und wird dann als Tonkulisse wiederholt, während Peer, der nicht merkt, dass seine Mutter im Sterben liegt, an ihrem Bett sitzend, wie so oft, eine seiner mehr oder weniger schändlichen Geschichten erzählt. Der Kontrast zwischen dem überschwänglichen Dialog (von dem man in der Suite nichts mitbekommt) und der tragischen Musik, die das wahre Geschehen darstellt, ist ungemein effektvoll. In der Schaupielmusik macht das „Gequatsche“ unseres Antihelden allerdings jede Stimmung nachhaltig kaputt. Auch in den Highlights-CDs lässt man daher den Dialog weg, meistens jedenfalls. In der normalerweise rein instrumentalen Suite sowieso.
Morgenstimmung, ist als Vorspiel zur vierten Szene des vierten Aktes gedacht, wird vor der ersten Szene dieses Aktes gespielt, wo es als Vorspiel zu dem grotesken Dialog zwischen Peer und seinen „Freunden“ in der marokkanischen Wüste eigentlich ungeeignet stimmungsmäßig in die falsche Richtung lenkt. Die Musik steht also eigentlich als „Stimmungsmusik“ für sich selbst. Überdies erweckt die Musik mehr die Vorstellung einer norwegischen und nicht unbedingt marokkanischen Morgendämmerung. Grieg schreib selbst darüber: „Ich stelle mir vor, dass die Sonne bei dem ersten Forte durch die Wolken bricht.“
Arabischer Tanz. Das Bühnenbild zeigt ein arabisches Zelt in einer Oase. Im Stück singen und tanzen Arabermädchen zu dieser Musik. In der a-Moll-Episode tanzt und singt Anitra allein. Die exotische Wirkung, „damit er richtig türkisch“ (so Grieg) werde, wird durch Triangel und Tamburin verstärkt. Türkisch und arabisch zu verwechseln wäre heute eine kulturelle Aneignung und in dem Fall vielleicht sogar nicht ungefährlich. Der Satz geht in Sachen Rhythmik und Instrumentation nicht wesentlich über die „Janitscharenmusik“ in Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ hinaus.
Anitras Tanz folgt später in der gleichen Szene, größtenteils während Peer spricht, weshalb das Stück so sparsam instrumentiert ist. Am Ende dieser Szene sind Peer und Anitra als Liebespaar vereint. Später wird er von ihr nichtsdestotrotz beklaut. Der Dialog fällt in der Suite ersatzlos weg.
Peer Gynts Heimkehr (Stürmischer Abend an der Küste) steht unmittelbar als Vorspiel vor dem fünften Akt. Es beschreibt den Sturm auf der See vor der norwegischen Küste. Nach Angabe des Komponisten bedeutet die Passage nach Buchstaben C das Versinken des Schiffs. Pauken, große Trommel und das Tremolo der Bässe, so schreibt Grieg, „müssen einen gewaltigen Lärm machen.“…Alle diminuendi und crescendi müssen stark herausgebracht werden und das Tempo muss sehr fließend sein.“ Nie hat Grieg mit größerem Geschick für Orchester geschrieben als in diesem Stück. Bei nicht wenigen Einspielungen klingt der Satz wie ein Sturm im Wasserglas. Wie Grieg vermutete, bedarf es großer Anstrengungen der Musiker, um dem Satz das vom Komponisten gewünschte gefahrenvolle Moment zu geben. Ein Satz also, der die Spreu vom Weizen trennen kann.
Seit dem 2. Weltkrieg ist man in Norwegen (wie überall) der Meinung, dass sich Griegs Bühnenmusik mit den heutigen Aufführungen von Ibsens Stück nicht mehr vereinbaren lässt. Davon abgesehen verfügen heutzutage die wenigsten Sprechbühnen über das nötige Orchester und Sänger. Es verblieben die Mehrspartentheater.
Beide Suiten (vor allem die erste) erscheinen jedoch durchaus noch recht häufig in Konzertprogrammen und werden immer noch ziemlich regelmäßig eingespielt, in letzter Zeit allerdings immer weniger. Ihr Charme liegt in ihrer Schlichtheit und ihrem unverkennbar skandinavischen Tonfall. Ihre Wirkung berührt unmittelbar. Und ihre schlanke Klarheit vermittelt einen Eindruck von Norwegen, so wie man sich dort die Welt oder zumindest die Luft vorstellen mag. Klar und kühl. In letzter Zeit hat die Faszination unter dem exzessiven Gebrauch der „Morgenstimmung“ und „In der Halle des Bergkönigs“ in Film und Fernsehen zu einer gewissen Abstumpfung geführt. Ähnlich wie bei „Zarathustra“ und der „Wilhelm Tell“-Ouvertüre.
Edvard Grieg hatte sich intensiv mit norwegischer Volksmusik beschäftigt und deren Klang verinnerlicht – selbst im arabischen Tanz. Aufnahmen der gesamten Schauspielmusik hat es erst in den letzten Jahren einige gegeben. Dabei erfolgte erst spät, nämlich 1979 die erste unter Per Dreier. In der Anzahl liegen die Einspielungen der Suiten jedoch immer noch weit vorne. Bei unserer Sichtung der Diskographie wollten wir die Gesamtaufnahmen nicht ganz übergehen, weshalb wir uns die acht Stücke aus denen die Suite besteht selbst aus den Gesamtaufnahmen zusammengesucht und aneinandergefügt haben. Der Hinweis GA zeigt, dass diese Suiten einer Gesamtaufnahme oder einer der recht beliebten Zusammenstellungen von Highlights aus der Schauspielmusik entstammen (abgekürzt H). Das ist die dritte Darreichungsform mit der uns Griegs Musik schmackhaft gemacht wird. Nicht einmal die schlechteste, wenn man nicht ganz auf den Gesang verzichten möchte (der bei den Suiten fehlt) und dem Hörer ein paar attraktive Stücke mehr als bei den Suiten angeboten werden, aber sich nicht gleich alle 26 Stücke mit gesprochenen Dialogen anhören möchte, den man sich bei der kompletten Schauspielmusik ebenfalls aussetzt…Meist in norwegischer Sprache.
Die Beliebtheit seiner Peer-Gynt-Musik, zu der er selbst mit zahlreichen Bearbeitungen für alle möglichen Zwecke wesentlich beitrug, wurde Grieg dann doch etwas unheimlich: „Ich vermisse nur noch die Peer-Gynt-Suite für Flöte und Posaune. Von der Drehorgel will ich gar nicht reden!“ Eine wohl ziemlich verunglückte Aufführung durch das Monte-Carlo-Orchester 1893 kommentierte er ziemlich entnervt „Aases Tod als Polka und Anitras Tanz als Hurtigwalzer, das geht zu weit…“
Zu den verschiedenen Versionen auf Tonträgern:
Es gibt die Suiten, ganz ohne Chor und Sopran. Dann gibt es die Suiten mit Sopran, meistens bei Solveigs Lied, dem letzten Stück der zweiten Suite.
Selbstverständlich gibt es die erste Suite und die zweite Suite auch mal alleine auf einem Tonträger, der dann meist noch Werke anderer Komponisten enthält.
Dann gibt es die sogenannten Gesamtaufnahmen bei denen jedoch die Titelanzahl leicht variieren kann, je nachdem wie viele Dialoge man mit auf dem Tonträger haben wollte. Manch ein Stück wird, wenn man nur an der Musik interessiert ist durch gleichzeitig gesprochenen Dialog gestört, besonders auffallend bei „Ases Tod“, weil er in der ersten Suite mit dabei ist. Dennoch sind die Gesamtaufnahmen interessant, denn es gibt eine Menge von reizvollen Sätzen, die man in der Suite nicht hören kann und die auch in vielen Highlight-CDs (oder LPs) fehlen.
Diese Highlights-Aufnahmen sind jedoch ein guter Kompromiss, denn auf ihnen versammeln sich die vermeintlich besten Stücke aus der gesamten Schauspielmusik und meistens kann man so auch die mit Chor und Gesangssolistinnen (Solveig und Anitra) angereicherte Besetzung hören. In speziellen Fällen sind sogar die gesprochenen Dialoge noch mit dabei. Wenn man gerne die keifenden Töchter des Bergkönigs mal in vollem, wenn es gut läuft wie rasenden Blutrausch hören möchte, ist man da bei der einen oder anderen Edition voll mit dabei. Und der Bergkönig selbst ist auch nicht gerade ein welkendes Mauerblümchen. Der ist stinksauer und will Peer ebenfalls ans Leder. Die Anzahl der gebotenen Stücke divergiert ziemlich stark und orientiert sich auch an der zur Zeit der Veröffentlichung vorhandenen Kapazität des Tonträgers. Bei LP´s sind es weniger, bei CD´s schon viel mehr. Selten haben Dirigenten die beiden Suiten und eine GA zugleich eingespielt. Aber auch das kommt vor.
Unsere bevorzugten Medien wären die Zusammenstellungen die über die Suiten hinausgehen und zugleich auch noch die erweiterte Besetzung bieten, also die sogenannten Highlights-Zusammenstellungen. So erspart man sich die Dialoge des kompletten Schauspiels, kann aber noch mehr von der wundervollen Musik Edvard Griegs hören. Aber die Interessen werden da verschieden sein.
Nicht zuletzt der direkten Vergleichbarkeit wegen haben wir nur die acht Stücke der Suite angehört, auch wenn der jeweilige Tonträger noch (viel) mehr anzubieten gehabt hätte. Allerdings, wenn diese acht Stücke gelungen sind, so braucht man kein Prophet zu sein, um ein ähnliches Gelingen auch bei den anderen Stücken vorherzusagen oder zu prognostizieren. Vielleicht kann man ja auch mal einen Sprung ins kalte, norwegische Fjord-Wasser wagen und sich vom Rest überraschen lassen. Jedenfalls gibt es in der Schauspielmusik zu Peer Gynt eine Menge Perlen zu entdecken, die man nicht in den beiden Suiten findet.
Übrigens ist die Peer Gynt Musik längst nicht so beliebt wie man annehmen könnte. So fehlen z.B. Aufnahmen von folgenden Dirigenten, wobei wir keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben können, weil natürlich noch viel mehr fehlen. Es sind nur die aufgezählt, die uns gerade eingefallen und die sonst nicht durch Zurückhaltung bei ihrer Aufnahmetätigkeit aufgefallen sind: Klemperer, Furtwängler, Solti, Giulini, Toscanini, Koussevitzky, Colin Davis, Tilson Thomas, Monteux, Stokowski, Steinberg, Fricsay, Kubelik, Munch, Paray, Fritz Reiner, Chailly oder die bekannten „Vielaufnehmer“ Jansons, Dutoit, Maazel und Barenboim. Viele Musiker rümpfen auch heute noch die Nase, wenn sie den Namen Grieg hören.
Zitate:
„…der köstliche Geschmack eines mit Schnee gefüllten Bonbons“ (Claude Debussy über Griegs Peer-Gynt-Musik
„Schreibe Musik, die deine Heimat ehrt und schaffe eine echte norwegische Atmosphäre. Du wirst berühmt, wenn du das tust“, empfahl einst der norwegische Geiger Ole Bull dem jungen Edvard Grieg.
Die Blütezeit der norwegischen Kunst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gründet sich auf die Werke des Malers Edvard Munch, des Dichters Henrik Ibsen und des Komponisten Edvard Grieg und steht in engem Zusammenhang mit dem Kampf um die Unabhängigkeit von der schwedischen Vorherrschaft. 1905 wird Norwegen ein unabhängiger Staat mit einem König als Staatsoberhaupt. (Ulrike Timm)
(Der Text wurde erstellt mit Hilfe von Ulrike Timm: Orchestermusik, 50 Klassiker; den beiden Wikipedia-Artikel zu Grieg: Peer Gynt und Grieg: Peer-Gynt-Suiten; dem Vorwort der Eulenburg Taschenpartitur Nr. 1318 von Roger Fiske und anderen Artikeln, die nur zur Wissensanreicherung dienten jedoch nicht direkt zitiert wurden.)
20.4.2026
Edvard Grieg im Jahr 1888
Henrik Ibsen im Jahr 1879
Es wurden 76 Aufnahmen mit den Peer-Gynt-Suiten gehört:
28 wurden als Stereo-Einspielungen der Suiten produziert
21 wurden als Suiten aus mehr oder weniger unvollständigen Highlights-Zusammenstellungen und vollständigen Gesamtaufnahmen der Schauspielmusik von uns zusammengestellt. Sie zeichnen sich zumeist durch zusätzliche Chöre und Gesangssolistinnen aus, die der Musik zusätzliche „Würze“, Lokalkolorit aber auch Brisanz und Ausdruck verleihen können. H bedeutet dabei, dass die acht Sätze aus einer Highlight-Zusammenstellung entnommen wurden, GA dass sie aus einer Gesamtaufnahmen entnommen wurden.
11 waren historische Monoaufnahmen
10 Aufnahmen beschränkten sich auf die 1. Suite, teils ergänzt mit einem oder zwei Sätzen aus den 2. Suite. Wir wollten sie trotz der Unvollständigkeit nicht außen vorlassen.
6 Aufnahmen konnten wir in den letzten Jahren im Radio mitschneiden (davon nur eine mit beiden Suiten). Auffallend wenig, ob-wohl wir das Geschehen in den betreffenden Konzertsälen mit Aufnahmetätigkeit der Rundfunkanstalten in den letzten Jahren auf-merksam verfolgt haben.
Die Suiten:
5
Sir Neville Marriner
Academy of Saint Martin in the Fields
Hänssler, Musical Heritage Society
1994
13:51 15:54
5
Gennadi Roshdestwensky
Großes Rundfunk-Sinfonieorchester der UdSSR
Melodija, Eurodisc
1967
16:06 17:05
4-5
Herbert Blomstedt
San Francisco Symphony Orchestra
Decca
1988
15:26 16:54
4-5
Bjarte Engeset
Malmö Symphony Orchestra,
Inger Dam-Jensen
Naxos
2006
14:14 16:52 (16:40)
4-5
Ole Kristian Ruud
Bergen Philharmonic Orchestra
BIS
2005
15:13 16:58
4-5
Sakari Oramo
City of Birmingham Symphony Orchestra
Erato, Warner
2000
15:32 17:24
4-5
Leonard Bernstein
New York Philharmonic Orchestra
CBS-Sony
1967
14:41 17:13
4-5
Eugene Ormandy
Philadelphia Orchestra,
Judith Blegen
RCA
1972 und 1975
13:17 17:26
4-5
Antal Dorati
Wiener Symphoniker
Philips, Epic, Fontana
1958
15:24 17:02
4-5
Raymond Leppard
English Chamber Orchestra
Philips, Pentatone
1975
14:43 16:32
4-5
Andrew Davis
New Philharmonia Orchestra London,
Elisabeth Söderström
CBS-Sony
1976
14:23 16:32
4-5
Artur Fiedler
Boston Pops (Boston Symphony Orchestra),
Eileen Farrell
RCA
1957
12:58 15:28
4-5
Vaclav Smetacek
Prager Sinfonieorchester
Supraphon
1976
16:21 15:23
4-5
Paavo Berglund
Bournemouth Symphony Orchestra
EMI
1973
15:22 17:03
4-5
Neeme Järvi
Göteborg Symphony Orchestra
DG
1987 und 1993
14:21 15:55
4-5
Jerzy Maksimiuk
BBC Scottish Symphony Orchestra
Naxos
1993
14:57 16:33
4-5
Herbert von Karajan
Berliner Philharmoniker
DG
1982
14:03 18:32
4-5
Herbert von Karajan
Berliner Philharmoniker
DG
1971
14:29 18:24
4-5
Jewgeni Swetlanow
Akademisches Sinfonieorchester der UdSSR
Melodija-Karussell
1981
18:24 18:05
4-5
Jean Fournet
Concertgebouw Orchester Amsterdam,
Annette de la Bije
Philips-BnF
1959
14:33 15:43
4-5
Aivind Aadland
WDR-Sinfonieorchester
Audite
2010
14:47 17:32
4
Vernon Handley
Ulster Orchestra
Chandos
1986 und 1989
14:09 16:23
4
Ari Rasilainen
Norwegisches Radio-Sinfonieorchester
Finlandia, Warner
1995
15:45 17:50
4
Ola Rudner
Württembergische Philharmonie Reutlingen
Antès
2013
16:00 17:11
4
Mark Ermler
Royal Philharmonic Orchestra London
Tring, Membran, Collins, Brilliant, Regis, Alto
1993
15:18 17:01
3-4
Maurice Abravanel
Utah Symphony Orchestra
Vox
1975
12:14 15:48
3-4
Richard Krauss
Bamberger Symphoniker
DG
1958
14:30 16:20
??
Odd Grüner-Hegge
Oslo Philharmonic Orchestra
RCA, Camden, Maestro, Pickwick
1958
14:35 17:18
21 Suiten zusammengestellt aus Gesamtaufnahmen (GA) der Schauspielmusik und aus Highlight-Zusammenstellungen (H) aus der Schauspielmusik. Mit dem Vorteil an der mit Chor, Sängerinnen und Dialogen angereicherten Besetzung zu partizipieren. Wir beschränken uns bei der detaillierten Betrachtung auf die acht Sätze der von Grieg zusammengestellten beiden Suiten.
5
Herbert Blomstedt
Sächsische Staatkapelle Dresden
Taru Valjakka, Edith Thallaug, Rundfunkchor Leipzig
EMI, Eterna
1977
H
14:47 16:43
5
Sir Thomas Beecham
Royal Philharmonic Orchestra London
Ilse Hollweg, Beecham Choral Society
EMI, auch als HQXRCD
1957
H
16:11 17:19
5
Sir John Barbirolli
Hallé Orchestra, Manchester
Sheila Armstrong, Patricia Clarke, Ambrosian Singers
EMI
1969
H
15:42 17:08
5
Edvard Gardner
Bergen Philharmonic Orchestra
Ann-Helen Moen, Lise Davidsen, Bergen Philharmonic Chorus
Chandos
2016
H
14:45 16:31
5
Paavo Järvi
Estonian National Symphony Orchestra
Camilla Tilling, Charlotte Hellekant, Ellerhein Girls´ Choir, Estonian National Male Choir
Erato, Virgin, Warner
2004
H
14:50 16:29
5
Ole Kristian Ruud
Bergen Philharmonic Orchestra
Marita Solberg, Ingebjörg Kosmo, Korvest (Bergen Vocal Ensemble)
BIS
2003
GA
14:08 16:34
5
Neeme Järvi
Göteborg Symphony Orchestra
Barbara Bonney, Marianne Eklöf, Pro Musica Chamber Choir, Gösta Ohlins Vocal Ensemble
DG
1987
GA
14:17 15:39
4-5
Herbert Blomstedt
San Francisco Symphony Orchestra
Mari-Anne Häggander, Wendy White, San Francisco Symphony Chorus
Decca
1988
GA
15:15 16:50
4-5
Bjarte Engeset
Malmö Symphony Orchestra
Isa Katharina Gericke, Itziar Martinez Galdos, Malmö Chamber Choir
Naxos
2007,
GA
13:53 16:38
4-5
Esa-Pekka Salonen
Oslo Philharmonic Orchestra
Barbara Hendricks, Oslo Philharmonic Chorus
Sony
1987
H
15:39 17:18
4-5
Guillaume Touriaire
Orchestre de la Suisse Romande
Inga Dam-Jensen, Sophie Koch, Le Motet de Genève
Aeon
2000
GA
15:52 17:20
4-5
Neville Marriner
Academy of St. Martin in the Fields
Lucia Popp, Ambrosian Chorus
EMI
1982
H
15:53 16:31
4-5
Edo de Waart
San Francisco Symphony Orchestra
Elly Ameling, San Francisco Symphony Chorus
Philips
1983
H
14:56 16:52
4-5
Oivin Fjeldstad
London Symphony Orchestra
Ohne Sängerin und ohne Chor
Decca
1958
H
16:04 16:59
4
Jeffrey Tate
Berliner Philharmoniker
Sylvia McNair, Ernst-Senff-Chor
EMI
1990
H
15:06 18:18
4
Yuri Temirkanov
Royal Philharmonic Orchestra London
Inger Dam-Jensen, London Symphony Chorus
RCA
1993
H
15:34 16:46
4
Helmuth Froschauer
WDR Rundfunkorchester Köln
Anneli Pfeffer, ohne echten Chor aber mit einzelnen Sängerinnen
Capriccio
2002
GA
13:59 15:33
4
Kurt Masur
Gewandhausorchester Leipzig
Edith Wiens, Rundfunkchor Leipzig
Philips, Decca
1989
H
20:23 14:21
4
Vaclav Neumann
Gewandhausorchester Leipzig
Adele Stolte, ohne Chor
Philips, Eterna
1967
H
15:15 16:12
4
Per Dreier
London Symphony Orchestra
Toril Carlsen, Vessa Hanssen. Oslo Philharmonic Chorus
Unicorn, Treasure Islands, Norsk Kulturrads
1979
GA
14:12 17:22
4
Walter Weller
Royal Philharmonic Orchestra
ohne Sängerin, ohne Chor
Decca
1978
H
16:01 16:47
11 historischen Aufnahmen in Mono-Technik
5
Désiré-Emile Inghelbrecht
Orchestre National de la Radiodiffusion Française (heute: Orchestre National de France),
Claudy Mas-Michel
Erato, Warner
ca. 1955
15:10 16:43
5
Joseph Keilberth
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Telefunken, BnF
1956?
15:02 17:12
5
Willem van Otterloo
Het Residentie Orkest The Hague (Den Haag),
Erna Spoorenberg
Philips, BnF
1950
14:05 15:34
4-5
Herrmann Scherchen
Wiener Staatsopernorchester
Supraphon, Tahra, BnF
1950
14:47 16:49
4-5
Basil Cameron
London Philharmonic Orchestra
Decca, Maestoso
1949
14:25 15:25
4-5
Vaclav Neumann
Prager Symphoniker
Supraphon, BnF
1961
14:06 15:11
4
Otmar Suitner
Bamberger Symphoniker
DG
ca. 1953
15:50 15:00
4
Artur Rodzinski
Philharmonic Symphony Orchestra of London (Royal Philharmonic Orchestra)
Westminster, Forgotten Records
1955
15:13 14:34
3-4
Eugene Ormandy
Philadelphia Orchestra
CBS-Sony
1955
12:18 15:03
3
Leopold Ludwig
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Everest, Maestoso, Europa, Somerset
1958
15:13 15:46
2-3
Walter Süsskind
London Philharmonic Orchestra
EMI, Maestoso
Ca. 1957
13:48 15:45
Einspielungen nur der 1. Suite, teilweise ergänzt um einen oder zwei Sätze aus der 2. Suite
5
Herbert van Karajan
Wiener Philharmoniker
Decca, Belart
1961
14:31
9:53
5
Kenneth Alwyn
London Philharmonic Orchestra
Decca
1959
14:37
4-5
Hannu Lintu
BBC Scottish Symphony Orchestra
BBC Music
2015, live
15:10 2:30
4-5
Eugene Ormandy
Philadelphia Orchestra
CBS-Sony
1947
13:58
4-5
Leonard Slatkin
Saint Louis Symphony Orchestra
Telarc, auch als LIM Ultra HD
1979
13:07 9:32
4-5
Aivind Aadland
WDR-Sinfonieorchester
Hänssler
2011, live
15:05
5:30
4
Zubin Mehta
Wiener Philharmoniker
Sony
2015, live
14:46
3-4
George Pehlivanian
Orchestre Philharmonique de Monte Carlo
Virgin
1994
15:57
3-4
Arthur Fiedler
Boston Pops Orchestra (= Boston Symphony Orchestra)
Decca
1975
15:43 4:45
3
Jonel Perlea
Bamberger Symphoniker
Vox, Allegria
1957
13:38 7:45
Diese Aufnahmen konnten wir in den letzten Jahren im Radio mitschneiden (davon nur eine mit beiden Suiten). Auffallend wenig, obwohl wir das Geschehen in den betreffenden Konzertsälen mit Aufnahmetätigkeit der Rundfunkanstalten in den letzten Jahren ziemlich aufmerksam verfolgt haben.
5
Tabita Berglund
Deutsches Sinfonieorchester Berlin
DLF
2025
15:35 16:27
5
Thomas Sondergaard
Minnesota Orchestra
DLF
2025, live
13:56
4-5
Pietari Inkinen
Deutsches Sinfonieorchester Berlin
RBB
2009, live
14:15
4-5
Gianandrea Noseda
Mahler Chamber Orchestra
ORF
2025, live
14:11
4-5
Cloé Dufresne
Staatsorchester Rheinische Philharmonie, Koblenz
SWR
2026, live
13:53
4-5
Ruth Reinhardt
Gewandhausorchester Leipzig
MDR
2024, live
16:03
Es wurden also 76 Aufnahmen mit den Peer-Gynt-Suiten gehört:
28 wurden als Stereo-Einspielungen der Suiten produziert
21 wurden als Suiten aus mehr oder weniger unvollständigen Highlights-Zusammenstellungen und vollständigen Gesamtaufnahmen der Schauspielmusik von uns zusammengestellt. Sie zeichnen sich zumeist durch zusätzliche Chöre und Gesangssolistinnen aus, die der Musik zusätzliche „Würze“, Lokalkolorit aber auch Brisanz und Ausdruck verleihen können. H bedeutet dabei, dass die acht Sätze aus einer Highlight-Zusammenstellung entnommen wurden, GA dass sie aus einer Gesamtaufnahmen entnommen wurden.
11 waren historische Monoaufnahmen
10 Aufnahmen beschränkten sich auf die 1. Suite, teils ergänzt mit einem oder zwei Sätzen aus den 2. Suite. Wir wollten sie trotz der Unvollständigkeit nicht außen vorlassen.
6 Aufnahmen konnten wir in den letzten Jahren im Radio mitschneiden (davon nur eine mit beiden Suiten). Auffallend wenig, ob-wohl wir das Geschehen in den betreffenden Konzertsälen mit Aufnahmetätigkeit der Rundfunkanstalten in den letzten Jahren auf-merksam verfolgt haben.
Die Suiten:
5
Sir Neville Marriner
Academy of Saint Martin in the Fields
Hänssler, Musical Heritage Society
1994
13:51 15:54
Bereits 1982 hat sich Sir Neville (1985 zum Ritter geschlagen) mit Griegs Peer Gynt-Musik auseinandergesetzt. Damals wählte er jedoch Ausschnitte aus der Schauspielmusik und verstärkte die Academy mit Lucia Popp und einem Chor. In den zwölf Jahren hat sich das Orchesterspiel nochmals verfeinert und sich vor allem die Klangqualität zu einer des besten in der gesamten Diskographie des Werkes entwickelt. So lässt sich vor allem der Verlust von Frau Popp gegenüber 1982 geradeso verschmerzen.
Die Aufnahme entstand in der Henry Wood Hall in London. Wie in der EMI-Aufnahme von 1982 spielt die Academy stärker besetzt als in früheren Aufnahmen. Man könnte keinen Unterschied in der Besetzung gegenüber normalen Sinfonieorchestern hörend dingfest machen, der der Musik zum Nachteil gereichen würde. Im Gegenteil es klingt ganz wunderbar leicht und luftig.
Die „Morgenstimmung“ wird mit demselben romantischen Geist und Impetus gespielt wie bereits 1982, besonders nuanciert, aber auch ziemlich leidenschaftlich für so ein idyllisch-pastorales Stück. Die Holzbläser-Solisten begeistern und das exzellente Zusammenspiel lässt keine Wünsche offen.
Bei „Ases Tod“ wirkt der Klang nun heller, lichter als 1982 bei EMI, der noch sehr triste und dunkel wirkt, was bei dieser Trauermusik (eigentlich ist es eine „Sterbemusik“) allerdings noch gut passen mag. Allerdings verliert die Musik durch die Aufhellung nicht an Ausdruck, sie dringt zum Kern vor. Nur wirkt sie jetzt durch das etwas schnellere Tempo weniger tragisch und gramgebeugt. Die Musik wirkt so auch in diesem Satz klar wie Quellwasser.
„Anitras Tanz“ wirkt sinnlich und verführerisch, beschwingt, doch weniger lasziv als zielstrebig und zügig. Zuerst werden Peer die Sinne geraubt, später wird er dann bestohlen. Das könnte man dem Tanz durchaus entnehmen. Überhaupt wirkt Marriners Zugang in keinem Satz gefühlig oder von Kitsch bedroht.
„In der Halle des Bergkönigs“ spielen die Musiker den merklich geweiteten Dynamikspielraum der 94er Technik gegenüber der 82er EMI voll aus. Das wirkt alles sehr gelungen, obwohl wir es nicht verhehlen wollen, dass die Wucht der Gran Cassa, wie man sie bei Neeme Järvi hören kann und der vorantreibende Chor mit seinen unmissverständlichen Ausrufen „Schlachtet ihn“ und die schrecklich keifenden, aufgebrachten beiden Töchter des Bergkönigs, die ihm ebenfalls „ans Leder“ wollen, nicht zu ersetzen waren. Da sind noch einige weitere Einspielungen der voll besetzten Schauspielmusik den normalen Suiten nur für Orchester voraus.
„Brautraub – Ingrids Klage“ erklingt kraftvoll, mit „glühender“ Intensität (an)klagend, aufbegehrend. Das Allegro furioso der Paule klingt nun noch etwas furioser als 1982.
Der „Arabische Tanz“ wird leidenschaftlich gespielt und klingt einfach prächtig.
Die „Heimkehr“ hat Verve und den vollen Kontrastreichtum, damit aus der Sturmmusik kein Sturm im Wasserglas wird. Das klingt schon quirlig, die Dynamik wirkt jedoch bei den großen Alten, Beecham, Barbirolli oder Fjeldstad (1958), noch knackiger.
Bei „Solveigs Lied“ erklingen die Streicher der Academy mit besonderer Reinheit und Schönheit. Es wird in aller Schlichtheit und Noblesse dargeboten. Man unterschätzt vielleicht die Raffinesse, die dazu nötig ist, das einfache Lied so eindrucksvoll doch völlig unverkitscht und natürlich klingen zu lassen. So lässt sich das Fehlen von Frau Bonney, Frau Popp, Frau Valjakka, Ilse Holweg und wie all die herausragenden Solveigs der Diskographie heißen noch verschmerzen. Wir werden sie alle weiter unten noch zu hören bekommen.
Der Hänssler-Klang, sonst stets solide, aber nicht unbedingt für seine audiophile Qualität berühmt, klingt dieses Mal klarer, offener, freier, transparenter, dynamischer, körperhafter und tiefer gestaffelt als es der 82er Klang, den EMI bieten konnte. Kurz: Es klingt in jeder Hinsicht besser, wenn man einmal davon absieht, dass Frau Popp und der Ambrosian Chorus fehlen. Eine audiophile Prachtaufnahme der erfrischenden Art, sprudelnd wie Quellwasser oder besser moussierend wie Champagner, die kaum besser zur Musik passen könnte.
5
Gennadi Roshdestwensky
Großes Rundfunk-Sinfonieorchester der UdSSR
Melodija, Eurodisc
1967
16:06 17:05
Gennadi Rosdestwensky, zur Teit der Aufnahme 36 Jahre jung, war von 1961-1974 Chefdirigent des Orchesters. Später hat er nur noch Solweigs Lied innerhalb einer Grieg-Liedersammlung mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra eingespielt (bei dem er 1974-77 und 1991-95 Musikdirektor war, übrigens beeindruckend gesungen von Solveig Kringelborn) ohne die dazugehörigen Suiten. Schade.
Die „Morgenstimmung“ erklingt gespannt und bewegt, weniger idyllisch oder gar noch halb verschlafen. Flöte, Fagott und Horn haben sich sehr viel Mühe gegeben, wenn man an andere Aufnahmen des Orchesters aus jener Zeit denkt, die Oboe klingt sehr hart und daher wenig einfühlsam. Das ist aber hinnehmbar, denn allzu oft wird sie nicht in Großaufnahme präsentiert.
„Ases Tod“ erklingt sehr eindrücklich. Auffallend ist die fahle Tongebung, mit der der Dirigent seine Streicher passagenweise spielen lässt. In der Steigerung hat man sie jedoch selten so voll und brillant gehört, was dem Stück eine besondere Intensität mitgibt, die es in der Schauspielmusik nie erreichen könnte, da wird nämlich zugleich ein Dialog gesprochen (Ase mit Peer) und die Musik muss dabei ganz leise bleiben. Ase stirbt und der „quatschende“ Peer bemerkt es nicht. Trotz der beträchtlichen Spielzeit hat man in dieser Version nie das Gefühl, das Stück wäre zu lang.
„Anitras Tanz“ wirkt sehr klangschön, geschmeidig und fein. Problemlos lässt er vor uns eine tanzende Schönheit erkennen, eine orientalische Prinzessin, obwohl Peer ja meinte, ihre Figur wäre seltsam. Schamgefühl scheint dem Mann fern zu liegen. Dass es aber auch die Tänzerin sozusagen faustdick hinter den Ohren hat und ihn noch bestehlen wird, das merkt er anscheinend diesem Tanz nicht an. Herr Roshdestwensky jedoch sehr wohl, denn er lässt zwischendurch seltsam schwerfällige Rhythmen in den Bässen spielen und ganz seltsam deutliche (geradezu herauspräparierte) und irritierende Gegenstimmen, die gemeinhin unter das Podium zu fallen pflegen.
In der „Halle des Bergkönigs“ geht es zunächst sehr langsam und träge zu aber ganz langsam wird es lauter und ganz langsam setzt die Beschleunigung an. Den Sog, der davon ausgeht, spürt man schon recht früh. Die Dynamik entwickelt sich zum Höhepunkt hin gut, das Blech klingt im Remaster für die CD nicht vordergründig wie man es vielleicht vermutet hätte, vielmehr leider sogar etwas zu leise. Der mächtige Schlusspunkt überfordert die sowjetische Tontechnik von 1967 dessen ungeachtet merklich. Da geht die Dynamik in die Knie.
„Ingrids Klange“ schließt sich im Ausdruck „Ases Tod“ an. Es wird als ein groß angelegtes Lamento voll ausgespielt. Das ff von Flöten, Trompeten und Pauken beim „Brautraub“ ist wirklich mal eines. Da geht man an die Grenzen.
Beim „Arabischen Tanz“ hört man das arabische „Tanzorchester“ der Janitscharen sich deutlich annähern. Das Vivace wirkt wirklich mal richtig lebendig, der Rhythmus nie steif, der ganze Tanz kontrastreich, pointiert und inspiriert gestaltet. Deutliche Nebenstimmen bereichern den Tonsatz gegenüber einer Mainstream-Wiedergabe ungemein. Das Orchester erfreut bei alldem mit großer Musizierfreude.
Die „Heimkehr“ ist alles andere als ein Sturm im Wasserglas. Da werden die Kontraste weit ausgefahren. Heftige Dynamiksprünge, schnelles Tempo und eine gewisse Besessenheit heben die Gestaltung Roshdestwenskys weit über das Gros der Einspielungen heraus bis in die Spitzengruppe
Bei „Solveigs Lied“ hören wir einen starken Kontrast zwischen Andante und Allegro tranquillamente. Da trifft tiefe Melancholie auf schwärmerische Traumvision. Mit tieferem Gefühl kann man dieses Lied (hier ohne Worte) kaum intonieren. Die saubere Intonation bei den oktavierenden ersten Violinen trägt zum gänzlich unverkitschten Eindruck nicht unerheblich bei. Generell wirkt diese Einspielung intensiver und tiefgründiger als die vorgenannte mit Sir Neville, die im Gegenzug noch frischer, klarer und sonniger wirkt, ohne je den Eindruck zu vermitteln, sie wäre oberflächlich. Marriners Zugang passt vielleicht besser zum Schauspiel, Roshdestwensky führt die Musik zu einem ganz eigenen Wert. Beide stehen als bloße Orchestersuiten ziemlich alleine an der Spitze der Diskographie.
Der Klang der Aufnahme wirkt über weite Passagen klar und deutlich. Die Abbildung wirkt großräumig und sehr räumlich obwohl gerade das Holz merklich zurückgesetzt wurde. Trotzdem ist Transparenz gewährleistet.
4-5
Herbert Blomstedt
San Francisco Symphony Orchestra
Decca
1988
15:26 16:54
Herbert Blomstedt hat sowohl eine Aufnahme der beiden Suiten als auch eine Gesamtaufnahme vorgelegt. Die Aufnahmen zu beiden Projekten fanden gleichzeitig statt. So wurden die Sätze der Suite, die ja alle ohne Chor und Sängerinnen auskommen auch gleich so eingespielt und die Versionen der Sätze mit Chor und Sängerinnen gibt es nur in der Gesamtaufnahme. Darüber hinaus gibt es noch eine Highlights-Zusammenstellung aus der Peer Gynt-Musik aus Dresden, die 1977 für Eterna bzw. EMI entstanden ist und die wir besonders schätzen.
Die Sätze, die gegenüber der Schauspielmusik unverändert in die Suiten übernommen wurden, übernimmt Blomstedt aus seiner Gesamtaufnahme. So klingt die „Morgenstimmung“ lyrisch, poetisch und stimmungsvoll wie dort. Flöte und Oboe werden hier als Soloinstrumente besonders exponiert. Der Satz klingt angenehm hell, wie lichtdurchflutet, als ob ein wolkenloser, warmer Sommertag beginnen würde, auf den man sich freuen kann.
„Ases Tod“ klingt durch die verwendete Sordine sehr zart und sanft. Die fz werden genau beachtet, genau wie die dynamische Spreizung innerhalb des Satzes ganz genau nachgezeichnet wird. Es entsteht so keine „große“ Trauermusik, da wird nichts affirmativ. Es klingt schlicht und bescheiden, was zum Charakter Ases gut gepasst haben könnte. Das abschließende Morendo erklingt sinnfällig, so lange bis es im Nichts erstirbt.
„Anitras Tanz“ erklingt als beschwingte Mazurka, behutsam gesteigert, fein abgestuft, ein kleines Kabinettstückchen.
„In der Halle des Bergkönigs“ bietet deutliche Fagotte, die aber nicht eigens herangezoomt werden, die Steigerung erklingt sukzessive, nicht plötzlich, wobei das notierte ff deutlich von der vorherigen Lautstärke abgehoben wird. Auch das Tempo wird deutlich angezogen. Blomstedt kann den Verlust des blutrünstigen Chors und der wild gewordenen Töchter des Bergkönigs nicht ganz wettmachen. Glücklicherweise hat man bei Blomstedt die Wahl zwischen den beiden Versionen.
In „Brautraub-Ingrids Klage“ gibt es einen scharfen Kontrast von Allegro furioso, das wohl für den Brautraub steht, oder Ingrids Erinnerung daran und Andante doloroso, das für die momentane Situation Ingrids steht, vom eigentlichen Bräutigam geraubt und mutmaßlich von Peer vergewaltigt und nach einer gewissen Zeit von ihm wieder verlassen, könnte ihr Leid kaum größer sein. Die Violinen aus San Francisco spielen hier hell, wie es nun mal ihr Timbre ist. Die dunklere Farbgebung der Dresdner setzt den ganzen Satz in ein passenderes Licht, in San Francisco scheint die Sonne zu allen Gelegenheiten, in Dresden nicht. Allerdings steuert Blomstedt durch expressive Schärfung des Ausdrucks wirkungsvoll gegen einen allzu freundlichen Satzcharakter an. Er weiß sehr wohl, worum es in diesem Satz geht. Seine Darstellung wirkt auch in San Francisco sehr prägnant.
Im „Arabischen Tanz“ bestimmen der beschwingte Rhythmus und die erfreulich präsenten Flöten (incl. Piccoloflöte) den Satzcharakter wesentlich mit, während der Mittelteil ähnlich wie bei Bernstein vorantreibend erklingt.
Die „Heimfahrt“ hat Turbulenz und einigen Biss, wirkt soweit es die Partitur erlaubt recht aufgepeitscht (etwas stärker als bei Bernstein). Die Gran Cassa wird als Instrument der sich steigernden Gefahr eingesetzt.
„Solweigs Lied“ erklingt sehr ausdrucksvoll und differenziert, noch etwas „bescheidener“, was in diesem Fall auch bedeutet: noch weniger kitschanfällig. Die Oktavierungen der ersten Violinen sind für heutige Spitzenorchester längst kein Problem mehr. Die Intonation bleibt makellos.
Der Klang der Aufnahme ist besonders klar, die Streicher (insbesondere die Violinen) klingen schlank, aber auch etwas bassschwach. Sie strahlen insgesamt nur wenig Wärme aus, gerade gegenüber der darin nahezu unübertroffene Einspielung Blomstedts aus Dresden von 1977. Für unseren Geschmack wirkt der helle, sonnendurchflutete Klangcharakter der Aufnahmetechnik und des Orchesters nicht ganz optimal für dieses Werk. Ansonsten gefällt der Klang durch Räumlichkeit, Luftigkeit und guter Staffelung. Es wurde in der Davies Symphony Hall in San Francisco aufgenommen.
4-5
Bjarte Engeset
Malmö Symphony Orchestra,
Inger Dam-Jensen
Naxos
2006
14:14 16:52 (16:40)
Auch Bjarte Engeset hat, wie Herbert Blomstedt die beiden Suiten und eine Gesamtaufnahme der Schauspielmusik zu Peer Gynt aufgenommen. In diesem Fall erfolgte die Einspielung der Suiten bereits 2006, die Gesamtaufnahme erfolgte ein Jahr später 2007. Als Besonderheit bietet die CD mit der Aufnahme der Suiten „Solveigs Lied“ zusätzlich in einer Liedersammlung mit dem Sopran von Inger Dam-Jensen, sodass dieser Satz in zwei verschiedenen Versionen zu hören ist. Das erklärt übrigens die beiden verschiedenen Spieldauern für die zweite Suite.
Generell gefallen uns die Sätze der Suite 2006 eingespielt besser als 2007. So erscheint das Orchester zu diesem Zweck mit einem stärker besetzten Streicherapparat eingespielt und der Klang infolge dessen runder und fülliger. Bei den Sätzen, bei denen in der Gesamtaufnahme noch Chor und Sopran hinzukommen, sieht es dann schon wieder anders aus. Die wirken plastischer und spannender.
Unterschiedlich klingt bereits die „Morgenstimmung“. Die Oboe erklingt 2006 noch wie farblos. Neutral, fast untypisch für eine Oboe. Das wird sich 2007 ändern. Ansonsten konnten wir keine wesentlichen Variationen zwischen beiden Einspielungen erkennen. Man spielt natürlich, ungezwungen mit dem Versuch, sich von allen Klischees zu lösen, die mit dieser weltbekannten Musik einhergehen, aber auch mit weniger Raffinement. Nichts lenkt von der Musik ab, nichts wertet sie auf.
„Ases Tod“ erklingt nun gegenüber der Schauspielmusik vom Dialog Mutter/Sohn befreit, exakt und differenziert phrasiert mit einem guten Klang der Streicher, die nun viel lauter klingen dürfen, aber zudem eben auch fülliger besetzt zu sein scheinen. Es wird nichts aufgedonnert, sondern dem Anlass gemäß gespielt, aber man wusste damals sicher schon, wie leise die Musik im Original der Schauspielmusik zu klingen hat. Nicht allzu introvertiert soll die Musik jetzt als autonome Klagemusik, als Lamento wirken. Mit viel Feingefühl dargeboten.
„Anitras Tanz“ zeigt sich jetzt gegenüber der GA mit einem Gewinn an Geschmeidigkeit und Brillanz. Er wirkt auf uns jetzt noch verführerischer.
„In der Halle des Bergkönigs“ erklingt das Blech bereits in der Suite akzentuierter als üblich. Engeset lässt mitreißend beschleunigen, doch der Chor der Trolle und die keifenden Troll-Schwestern hinterlassen ihre Vakanz, wenn man sie einmal in Hochform erlebt hat (wie z.B. in Engesets GA). Dies ist aber eine sehr gut gelungene Orchesterversion dieses Satzes.
In „Ingrids Klange“ gefällt der Streicherklang aus Malmö sogar besser als beim norwegischen Vorzeigeorchester aus Bergen. Er wirkt auch etwas dynamischer als in der GA, die Oboe ist in diesem Fall genau wie die Pauke plastischer zu hören, ihre Crescendi der Pauke dynamischer.
Im „Arabischen Tanz“ gibt es keinen Chor und keinen Sopran. Er wirkt im Vergleich zur GA fast ein wenig blass und nüchtern. Er macht weniger „Theaterlärm“ ohne jedoch leise zu sein.
Die „Heimfahrt“ erklingt frisch, dynamisch und schön stürmisch, genau wie in der GA, wenn man einmal von den zusätzlichen Liegetönen absieht, die es am Ende des Satzes nur in der Suiten-Version zu hören gibt.
„Solweigs Lied“ gibt es einmal rein instrumental und einmal mit dem Sopran von Inger Dam-Jensen zu hören (innerhalb einer Liedsammlung von sechs Liedern). Dass auch Edvard Grieg ein Mehrfach-Verwerter seiner Musik war haben wir ja bereits im Werkhintergrund erwähnt. Der Sopran klingt wie in vielen anderen Versionen gegenüber dem Orchester zu laut. Er überstrahlt es so gerne einmal. Das könnte allerdings von Grieg auch so gewünscht sein, denn wenn es so klingt wie bei Frau Dam-Jensen kann man kaum etwas dagegen einwenden. Sie gefällt übrigens besser als ihr Pendant in der GA.
Wie bereits erwähnt klingt das Orchester fülliger und farbiger als in der GA. Die Streicher, insbesondere die Violinen scheinen stärker besetzt worden zu sein. Das Orchester scheint als ganzes glanzvoller zu klingen, was allerdings auch an der veränderten Aufnahmedisposition liegen könnte, denn bei der GA muss man ja auch noch Schauspieler (d.h. Sprechrollen), Sänger und Chöre mit in Klangbild integrieren.
4-5
Ole Kristian Ruud
Bergen Philharmonic Orchestra
BIS
2005
15:13 16:58
Auch in der Aufnahme Ole Kristian Ruuds hat man die acht Stücke der beiden Suiten nicht aus der GA übernommen, sondern zwei Jahre später eigens eingespielt. Wir haben es hier mit einem der ganz seltenen Heimspiele für Edvard Grieges Musik zu tun, denn es kommt zu dem norwegischen Orchester aus Griegs Geburtsstadt auch noch ein norwegischer Dirigent hinzu.
Der Orchesterklang besticht wie eigentlich immer beim Bergener Orchester mit seinem vollen, dunklen, „nordischen“ Klang. Oboe und Flöte klingen voll und rund, die „Morgenstimmung“ wirkt „einfach“, wird aber sehr differenziert, ja liebevoll gespielt. Mit Herz sozusagen.
„Ases Tod“ zeigt eine fein abgestufte Dynamik, jedoch wirken f und noch mehr ff generell eher schwach, weshalb die Tragik nicht überbetont erscheint, der Trauergesang nicht zu den schwermütigsten gehört. Es muss und soll ja auch kein Staatsbegräbnis daraus werden. Es wird allerdings relativ viel Vibrato aufgelegt. In dieser Einspielung überwiegen die weichen, blassen Farben besonders stark.
„Anitras Tanz“ erklingt mit Raffinesse, allerdings vermisst man hier ein durchdringendes ff noch mehr als im Satz zuvor. Entsprechend kontrastschwach wirkt es auch. Insgesamt wird das Spiel der listigen Prinzessin mit der „sonderlichen Figur“ (Peer) nicht ganz gerecht.
In der „Halles des Bergkönigs“ geht es sehr langsam und behäbig los, dieser Satz könnte ebenfalls etwas dynamischer klingen, er wird aber sehr gut zugespitzt. Anmerkung zur Dynamik: Wir haben die SACD dieses Mal nur als normale CD gehört, die Dynamik könnte also im hochaufgelösten Modus durchaus geweiteter klingen.
Im „Brautraub-Ingrids Klange“ wird ein sehr starker Kontrast zwischen dem geschärften Allegro furioso und dem sehr langsamen und in der Tragik gesteigerten Andante doloroso erreicht.
Die tanzenden Mädchen oder junge Frauen im „Arabischen Tanz“ könnten etwas mehr Drive gebrauchen, er wirkt sogar etwas steif und „gerade“, was in der Musik schon angelegt ist, z.B. durch einen einfachen Rhythmus ohne Synkopen. Immerhin gibt es ein paar Triolen. Da muss man dem Tanz etwas mehr Leben durch die Interpretation einhauchen.
Die „Heimfahrt“ bietet mittlere Windstärken mit ein paar kräftigen Böen. Vor allem das fff erscheint etwas zu harmlos. Grieg wollte, dass es hier hoch hergeht.
Nur in einer einzigen Darbietung hört man die von Grieg in die Partitur hineingeschriebenen Glissandi bei T. 3, 4 und 5. Auch bei Ruud nicht. Erneut gibt es nur geringe Unterschiede zwischen pp und f, jedoch wird durch das feine, zarte, wie hingetupfte Spiel eine sehr subtile Wirkung erzielt, die durch die feine und klare Phrasierung nochmals verstärkt wird. Sehr empathisch.
Der Klang der Aufnahme wirkt luftig, weiträumig, sehr transparent und dreidimensional, d.h. die Tiefenstaffelung ist hervorragend. Das Orchester wirkt weich, farbig, meist zart und fein gesponnen und warm getönt. Dynamisch wirkt die Aufnahme jedoch eher zurückhaltend.
4-5
Sakari Oramo
City of Birmingham Symphony Orchestra
Erato, Warner
2000
15:32 17:24
Sakari Oramo war als Nachfolger Simon Rattles von 1998-2008 Chefdirigent des CBSO. Später wurde er Chefdirigent des Finnischen Radio-Sinfonieorchesters in Helsinki (2003-2012), des Royal Stockholm Philharmonic Orchestra (2008-2021) und des BBC Symphony Orchestra in London (seit 2013 bis mindestens 2030). Diese Aufnahme stammt aus der Symphony Hall in Birmingham.
Die „Morgenstimmung“ erklingt gefühlvoll, dynamisch flexibel und mit etwas Rubato angereichert. Die Mittelstimmen wirken besonders reich. Eine sehr musikalische Version des Klassik-Hits.
„Ases Tod“ zeigt sensibles Spiel, das den leisen Bereich gut ausreizt und dies kombiniert mit deutlich ausgeprägtem Legato-Spiel. Die Stimmen erscheinen gut ausbalanciert und fein abschattiert, sodass die ersten Violinen nie über Gebühr herauszuhören sind. Wir hören Homogenität auf höchstem Niveau. Das Morendo verklingt bis in die Unhörbarkeit.
„Anitras Tanz“ wirkt tendenziell gemütlich und erklingt mit viel Wärme. Der sordinierte Klang wirkt in seiner Weichheit besonders verführerisch. Er wird mit einer gewissen Lockerheit im Spiel gepaart.
Der Klang aus Birmingham wirkt auch in der „Halle des Bergkönigs“ offen und klar. Das Spiel erfährt eine spürbare Beschleunigung mit angemessener Dynamik-Steigerung. Bestwerte werden dabei nicht erreicht. Da gibt es Einspielungen vor allem aus den Gesamtaufnahmen und auch aus den Highlight-CDs, die skurril-grotesker, zupackender und vor allem blutrünstiger wirken. Dazu bedarf es eines guten Chores und der beiden fuchsteufelswilden Troll-Töchter des Bergkönigs. Wir erinnern uns, Peer hat eine von ihnen verführt und der ganze Troll-Adel schreit nach Rache. Der Kerl macht sich anscheinend (in seinen Geschichten) an alles ran, was von weitem weiblich aussieht…
Im folgenden Satz „Brautraub-Ingrids Klage“ ist das Orchester hingegen wieder voll in seinem Element. Man gibt dem Klagegesang der entführten und geschändeten Frau heftigen Impetus und weite Dynamik mit. Das Allegro furioso ballt ihre gesamte Wut oder ihren Schmerz über den Brautraub.
Der „Arabische Tanz“ klingt beschwingt und gut gelaunt. Wohlkonturiert entgeht man dem allzu Lärmenden das den Satz in den diversen Einspielungen häufiger mal befällt. Man kann sich die Tänzerinnen sehr gut mit lachenden oder doch freundlichen Gesichtern vorstellen. Vorantreibend und sehr temperamentvoll geht es im einnehmenden Mittelteil zu. Dieser Satz erscheint ganz besonders gelungen, er verströmt gute Laune.
Der „Heimkehr“ fehlt es etwas an hochschlagender Gischt und Temperament. Da muss man wirklich viel Eigeninitiative investieren, wenn man dem Effekt eines Sturmes im Wasserglas entgehen will. Das gelingt zwar, aber so richtig urgewaltig klingt es nicht.
In „Solveigs Lied“ wird die Stimmung zwischen Melancholie und Nah-Erwartung gut vermittelt. Das Spiel des Orchesters wirkt sehr präzise, unprätentiös und wohlklingend. So entgeht man dem Kitschverdacht am besten.
Der Klang der Aufnahme wirkt offen, klar, deutlich, transparent, voll und körperhaft. Dagegen eher weniger luftig, aber doch räumlich. Der Streicherklang wirkt besonders weich und abgerundet bei gleichzeitiger Brillanz. Die Dynamik ist gut, die Klangfarben sind kräftig.
4-5
Leonard Bernstein
New York Philharmonic Orchestra
CBS-Sony
1967
14:41 17:13
Es wurde noch in der Philharmonic Hall aufgenommen. Danach nannte man den Konzertsaal Avery Fischer Hall, nun Geffen Hall im Lincoln-Center. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sie Trump-Hall heißt.
In der „Morgendämmerung“ zeigt uns Mister Bernstein, wie das Stück in einer zügig-beschwingten, dynamischen Lesart klingt. So geht man einem evtl. Kitschverdacht ebenfalls wirkungsvoll aus dem Weg. Das Orchester zeigt keine Nachlässigkeiten.
Bei „Ases Tod“ passt der nordisch geprägte Klang der Dresdner Staatskapelle, des Bergener Orchesters oder des Bournemouth Symphony Orchestra mit Berglund besser, allerdings gefällt uns die Schattierungskunst in der Dynamik bei Bernstein sehr. So wirkt der Satz nicht sentimental. Wenn die Musik im Schauspiel so klingen würde, dann würde sich das Gequatsche Peers, der eine seiner Lügengeschichten während der Todesszene seiner Mutter zum besten gibt, von selbst verbieten.
„Anitras Tanz“ wirkt verführerisch. Durch die Sordine, aber auch durch das bereichernde, leichte Vibrato, das die New Yorker Streicher geschmackvoll zugeben. Insgesamt behutsam und sensibel gelingt es den Mitwirkenden dem Satz eine spontan wirkende Note zu verleihen. Der Triangel wird nicht so aufdringlich in den Vordergrund gestellt, wie in einigen anderen Einspielungen, aber auch nicht schamhaft versteckt.
In der „Halle des Bergkönigs“ gibt es einen spannenden Steigerungsverlauf, auch ab piu vivo noch maßvoll im Tempo. Erst am Ende gibt Bernstein dem Stretta-Effekt, den man sich insgeheim von ihm erwartet, freien Lauf. Da fehlt es nicht an Leidenschaft. Trotzdem bleibt noch Luft nach oben, denn Bernstein betont insgesamt eher das Skurrile des Satzes als die Möglichkeiten, die sich als virtuoses Orchesterstück böten.
Bei „Brautraub-Ingrids Klage“ hören wir einen ausgewachsenen Trauergesang, Ingrid wurde während ihrer Hochzeit mit einem anderen Mann von Peer verschleppt, Heim und Glück entrissen. Das kommt gebührend zum Ausdruck.
Der „Arabische Tanz“ erklingt kontrastreich und wird mit „Pepp“ vorgetragen. Während die Außenteile dramatisch, robust, deftig und dramatisch wirken, gibt es bei Bernstein einen schnellen, pointiert vorgetragen Mittelteil, rubatoreich und lebendig.
Die „Heimfahrt“ wirkt zurückhaltend in Dynamik und Tempo. Leidlich dramatisch, aber von Bernstein hätten wir eine noch urwüchsigere, wildere, den Elementen stärker ausgesetzte Gangart erwartet.
„Solveigs Lied“ stellt in Bernsteins Interpretation für die Suiten einen großen Abgesang dar. Sensibel, einfühlsam, liebevoll und nobel.
Das CBS-Klangbild wirkt hell und transparent, offen und räumlich, weniger sonor aber recht körperhaft. Es lässt die Musik leichter und „südländischer“ wirken als z.B. bei Berglund oder Karajan.
4-5
Eugene Ormandy
Philadelphia Orchestra,
Judith Blegen
RCA
1972 und 1975
13:17 17:26
Die beiden angegebenen Aufnahmejahre beziehen sich auf die beiden Suiten. Die später aufgenommene zweite Suite klingt auffallend besser als die erste. Es handelt sich um die dritte Annäherung Ormandys an die Perr Gynt Suiten. Zuerst nahm er 1947 nur die erste Suite auf, dann 1955 dann beide. Beide erscheinen, da es sich noch um Mono-Aufnahmen handelt, in der betreffenden Extra-Liste. Es würde also die obligatorische Stereo-Aufnahme für CBS aus den 60er Jahren fehlen. Vielleicht ist sie uns auch nur entgangen? Wie dem auch sei, die beiden Aufnahmen aus den 70er Jahren ist den beiden älteren klanglich weit voraus. Und auch das Mitwirken der Sopranistin Judith Blegen ist ein Gewinn, wenn sie auch nicht als unsere Lieblings-Solveig apostrophiert werden kann. Die Konkurrenzaufnahme von CBS ließ übrigens nicht lange auf sich warten. Andrew Davis mit dem New Philharmonia Orchestra London war mit Sopranistin Elisabeth Söderström 1976 zur Stelle.
Die „Morgenstimmung“ hat 1972 den frühlingsfrischen Impetus der 1947er Aufnahme Ormandys verloren, bei gleicher Spieldauer. Allerdings wiegt die unterdessen zu hörende klangliche Verfeinerung als Ausgleich für den Verlust. Einem übermäßig schwelgerischen Romantisieren entgeht Ormandy schon alleine durch das zügige Tempo.
„Ases Tod“ erscheint im Tempo deutlich gegenüber 1947 und 1955 verlangsamt, auch hier begrüßt man die klangliche Verfeinerung aber man erreicht trotzdem den dramatisch aufwallenden Ernst der 47er Einspielung. Der Streicherklang erscheint sehr homogen und sehr ausdrucksvoll.
Auch 1972 verzichtet Ormandy bei „Anitras Tanz“ auf die Wiederholung des 2. Teils. Der Streichersound ist nun so satt, dass man vom Triangel überhaupt nichts mehr hört. Ob man ihn vergessen hat?
„In der Halle des Bergkönigs“ begrüßt man jetzt erstmals das Vorhandensein von Bässen, die 1947 und 1955 nach nahezu unhörbar waren. Man erfreut sich an satt klingenden Fagotten, während die Oboen immer noch unbeweglich und schmal klingen, vielleicht nicht mehr ganz so dünn. Nach der Crescendo- und Stretto-Anweisung wirkt die Darbietung immer noch recht plump und schwerfällig, auch massiv. Seltsamerweise klingt das Orchester nun plötzlich seltsam scharf. Da hat man offensichtlich einen anderen Take reingeschnitten. Zu guter Letzt wird Peer dann doch noch ordentlich eingeheizt, ein bisschen spät, aber immerhin.
Die zweite Suite klingt durchweg besser als die erste, voller, wärmer und abgerundeter. „Brautraub-Ingrids Klage“ wird nun nicht mehr gekürzt und recht langsam, aber sehr dynamisch gespielt. Ein ungemein voll klingender Klagegesang, bei dem Ormandy alle Mittel seiner Streicher vollends ausreizt. Fast ein echter Trauermarsch, nun auch sehr bassstark.
Im „Arabischen Tanz“ erklingt das Schlagwerk ausgesprochen deftig, der Tanz erscheint mehr handfest als exotisch (dafür war bei Ormandy bereits Anitras Tanz zuständig). Eher langsam und robust. Eleganz wird nicht gesucht, er wirkt aber sehr dynamisch und perkussiv.
Die „Heimfahrt“ erklingt richtig dynamisch und dramatisch, wobei Ormandy nicht einmal der Schnellste ist. Dieser Satz gefällt besonders, Ormandy erkennt die kompositorischen „Schwächen“, wenn man davon überhaut reden kann und kompensiert sie mit seinem Impetus und den Qualitäten seines Orchesters. In dieser Version fehlt dem kurzen Satz nichts.
Bei „Solweigs Lied“ wirkt Frau Blegens Stimme ein wenig flackernd (durch ein unstetes, starkes Vibrato), ohne dass man dieser Eigenschaft einen gewollten Ausdruck entnehmen könnte. Ihre Stimme wirkt jedoch recht jugendlich und frisch. Sie wirkt menschlich, steht jedoch in Sachen makelloser Gesangstechnik hinter den besten zurück. In der Stimmführung wirkt sie nicht so traumwandlerisch sicher und die flutet den Raum nicht so ausgiebig, wobei das in Aufnahmen natürlich nur mit der entsprechenden Unterstützung durch die Klangtechnik gelingen kann.
Der Klang der Aufnahme wirkt natürlich transparenter, dynamischer, viel voller, kurzum in jeder Hinsicht besser als die beiden Mono-Einspielungen Ormandys. Die Aufnahme profitiert von der gewonnenen Räumlichkeit, die besonders den Streichern zugutekommt und einem richtigen Bass (Gran Cassa). Die zweite Suite klingt durchweg besser als die erste. Sie klingt noch voller, offener, brillanter, räumlicher und körperhafter. Was drei Jahre ausmachen können.
4-5
Antal Dorati
Wiener Symphoniker
Philips, Epic, Fontana
1958
15:24 17:02
Diese Aufnahme entstand während der Zeit als Herbert von Karajan Chef der Wiener Symphoniker war (1948-64), einer Zeit, auf die in dessen Vita kaum hingewiesen wird. Sie ist aber auch ein Dokument der eher selten festgehaltenen Zusammenarbeit Antal Doratis mit einem Wiener Orchester.
In die „Morgenstimmung“ wird richtig viel reingepackt, aber überfrachtet wirkt der Satz dadurch nicht. Die „Wiener Oboe“ klingt auch bei den Symphonikern damals noch sehr charakteristisch und erinnert noch ein wenig an eine Schalmei. Wer möchte da bei einem dermaßen pastoral geprägten Stück verneinen, dass dieser Klang dem Ideal doch eigentlich sehr nahekommt, zumal sie so differenziert geblasen wird, dass der pastorale Charakter nochmals unterstützt wird. Dorati nimmt den Satz eher langsam, doch er lässt sehr expressiv spielen. Ungemein ausdrucksvoll, genau und unverkitscht.
„Ases Tod“ wirkt intensiv, jedoch in der Phrasierung passagenweise auffallend wenig kantabel, bisweilen sogar ein wenig „abgehackt“. Dazu kontrastiert Dorati die leiseren Passagen, die durchweg kantabel gehalten sind. So erklingt der schnell einmal monoton wirkende Satz deutlich vielgestaltiger als üblich. Es schließt ein bemerkenswertes Morendo ab, denn es verschwindet im Nichts.
„Anitras Tanz“ ist nun der ideale Kontrast dazu. Flink und leichtfüßig erklingt er und wird mit viel Spielfreude dargeboten. Ein sehr weicher, voller Streicherklang vitalisiert durch einen beweglichen Rhythmus. Gar nicht mal ohne Eleganz.
„In der Halle des Bergkönigs“ beginnt bereits recht laut, stellt aber doch noch genug Steigerungspotential zur Verfügung bis ins Wilde hinein. Dieser Satz kommt mutmaßlich Doratis Temperament am weitesten entgegen. Jedenfalls wird es hier deutlich spürbar.
Bei „Ingrids Klage“ kommt es zu Vorechos vom Magnetband, die mit auf die CD überspielt wurden. Dieser Satz erklingt sehr ausdrucksvoll, wobei die Dynamik besonders im Allegro furioso (Brautraub oder die Erinnerung daran) weit ausgreifend wirkt.
Der „Arabische Tanz“ erklingt sehr temperamentvoll und vorantreibend, eher stämmig als elegant. Noch etwas schneller und man hätte ihn als „heißblütig“ bezeichnen können.
Die „Heimkehr“ ist bei Dorati und den Wienern in guten Händen, denn es wird sehr dynamisch und sehr plastisch musiziert. Viel mehr lässt sich aus der Partitur und der Besetzung wohl nicht herausholen. Durch das recht langsame Tempo fehlt es jedoch doch etwas an Biss.
„Solveigs Lied“ könnte kaum schöner klingen. Es wirkt recht zügig aber auch sehr ausdrucksvoll. Die Streicher der Symphoniker erreichen in dieser Einspielung höchstes Niveau. Insgesamt fragt man sich, warum diese Philips-Produktion nicht bekannter geworden ist. Vielleicht hat sie erst die Neuüberspielung auf CD zum Leben erweckt?
Der Klang der Aufnahme wirkt voll, rund und sogar für die 50er Jahre für eine Philips-Produktion recht warm temperiert. An Transparent, Präsenz und Plastizität mangelt es ebenfalls nicht. Leider konnten wir nicht herausbekommen, wo man sie aufgenommen hat. Sie klingt bereits erstaunlich dynamisch. Ein leichtes Analograuschen verblieb auch auf der CD.
4-5
Raymond Leppard
English Chamber Orchestra
Philips, Pentatone
1975
14:43 16:32
Bei dieser Aufnahme war der Aufnahmeort immerhin vermerkt. Es war die Walthamstow Town Hall in London. Die Aufnahme wurde als Pentatone-SACD neu aufgelegt. Dort kann man sie erstmalig auch im originalen Quadro-Klang hören. Wir griffen auf eine Philips-CD zurück. Raymond Leppard war damals ein oft aufgenommener Philips-Künstler, allerdings vornehmlich mit Barockmusik. Er hing damals noch nicht der HIP an, weshalb man ihn heute schon fast wieder vergessen hat. Das English Chamber Orchestra ist deutlich kleiner besetzt als die Academy Marriners sowohl in der Aufnahme von 1982 (EMI) als auch in der von 1994 (Hänssler).
In der „Morgenstimmung“ wartet die Flöte noch mit reichlich Vibrato auf und die Oboe lässt zwar noch den „alten“ näselnden Klang hören, wird aber differenziert geblasen. Wie bereits erwähnt fällt die kleiner besetzte Streicherbesetzung sofort ins Ohr. Da fehlt es an Fülle, aber mit dieser Aufnahme gibt es nun auch die Wahlmöglichkeit für den überzeugten Kammerorchester-Enthusiasten. Es gibt keine Dramatisierung des Ausdrucks, vielmehr lässt es Mister Leppard „natürlich“ fließen. Klar wie Quellwasser. An den fantastisch beweglichen und wunderbar aufblühenden Klang der 1994er Academy-Aufnahme kommt das ECO nicht heran.
Bei „Ases Tod“ können sich die weniger zahlreich besetzten Streicher (insbesondere die Violinen) nicht mit der Homogenität der besten größer besetzten Orchester messen. Das liegt meist in der Natur der Sache, je weniger Violinen spielen, desto deutlicher hört man die einzelne heraus, besonders wenn sie nicht haarfein das Gleiche spielt wie die anderen. Zudem klingen sie meist heller. Der Lamento-Charakter wird deutlich. Das ff wird nicht forciert, da lässt man die Kirche im Dorf. Eindringlich uds bescheiden werden wir hier erfreulicherweise nicht Zeugen eines feierlichen Staatsaktes.
„Anitras Tanz“ gelingt trotz der kleineren Besetzung sehr wohlklingend und charaktervoll. Eine Nummer kleiner sozusagen aber nuancenreich und elegant. Der kleinere Rahmen schafft eine größere Nähe zur Tänzerin. Die gesteigerte Intimität würde Peer sicher gefallen, denn zur Zeit des Tanzes weiß er ja noch nichts davon, dass er von der vermeintlichen Prinzessin bestohlen wird. Besonderen Schwung bringt die tanzende Anitra jedoch nicht mit. Wohlkalkuliert verfolgt sie den Plan.
„In der Halle des Bergkönigs“ angekommen klingt die Aufnahme nun plötzlich eine Nummer größer und halliger. Die Intimität zuvor wäre dem Titel des Satzes auch zuwidergelaufen. Leider geht damit eine Distanzierung von Holz und Blech einher. Die Steigerung im Tempo hält sich in Grenzen, von einem stretto lässt sich eigentlich kaum reden. Die Hörner setzen sich gut durch, aber generell fehlt es in diesem Satz an der so wichtigen Dynamik.
„Brautraub-Ingrids Klage“ entspricht sinngemäß der Gestaltung bei „Ases Tod“. Die Klage der einsamen, entwurzelten, geschändeten und dann wieder weggeworfenen (verlassenen) Frau wird nicht zum Welttheater geweitet, gelingt aber eindringlich. Mit den Mitteln des Kammerorchesters.
Im „Arabischen Tanz“ passen die Erwartungen wieder sehr gut zum Gehörten. Da passt der schlanke Klang einfach wunderbar. Auch Dynamik und Rhythmik befördern den beschwingt-temperamentvollen Zugriff.
Dank „pfiffiger“ Flöten und dynamisch aufspielendem Blech bleibt der Sturm bei der Heimfahrt, die übrigens mit einem Schiffbruch vor der heimischen (norwegischen) Küste endet, kein Sturm im Wasserglas. Auch das agile und gepfefferte Schlagwerk weiß zu gefallen.
Sehr gut zu gefallen weiß auch „Solveigs Lied“. Es wird mit Zartheit gespielt und mit viel Wärme im Ton vorgetragen. So klingt es sanft, sehnsuchtsvoll, aber doch auch ruhevoll und mit Zuversicht. Wir finden sogar, dass dieser Satz von den acht in dieser Einspielung der gelungenste ist.
Der Klang der Aufnahme wirkt räumlich, differenziert und kammermusikalischer als üblich. In unserer Pressung auf CD erschein der warme Philips-Klang der 70er Jahre weniger ausgeprägt und auch weniger brillant als erwartet. Das hätten wir gerne zum Vergleich von der LP gehört. Es handelte sich um eine spätere und preisgünstige AMSI-Version, die den Raum gegenüber dem Original vergrößert, aber bereits in anderen Fällen den herzerwärmenden Philips-Klang aus den Augen verloren hat. Die Pentatone-SACD bietet da erfahrungsgemäß wieder mehr und ist wahrscheinlich näher am Original dran.
4-5
Andrew Davis
New Philharmonia Orchestra London,
Elisabeth Söderström
CBS-Sony
1976
14:23 16:32
Diese Aufnahme entstand in den EMI Studios London, was nur ein anderer Ausdruck für das berühmte Abbey Road Studio One ist. Andrew Davis war dabei gerade mal 32 und im Jahr zuvor Musikdirektor in Toronto geworden.
Die „Morgenstimmung“ erklingt ziemlich zügig und stark bewegt, mit jugendlicher Leidenschaftlichkeit. Auffallend an der Aufnahme ist das plastisch abgebildete Holz.
Bei „Ases Tod“ erscheinen die Streicher homogen, wohlklingend und nicht allzu hell. Vielmehr werden die Violinen gut in den Gesamtklang der Streicher integriert, ohne allzu deutlich herauszuklingen. Der Gestus erscheint nicht zu sachlich, aber auch alles andere als rührselig, die leisen Passagen wirken angemessen introvertiert.
„Anitras Tanz“ wirkt ebenfalls zügig und relativ wenig elegant. Die Streicher klingen hier wirklich phantastisch, nicht zuletzt dank feinstem Analogklang. Der Triangel wirkt dezent, Anitra erscheint als Tänzerin ziemlich handfest.
„In der Halle des Bergkönigs“ beginnt schon recht laut, trotzdem wird mit Vehemenz gesteigert und man erreicht eine sehr ordentliche Maximallautstärke. Wenn das Orchester richtig aufdreht wird es aber ganz schön eng in der Halle des Bergkönigs, das heißt mit der Räumlichkeit und der Transparenz des Klangbilds geht es bergab. Die Hallenakustik würde im Studio normalerweise ausbleiben, weshalb man anscheinend nachgeholfen hat eigens um sie zu suggerieren.
Bei „Brautraub-Ingrids Klage“ geht es erneut sehr zügig und völlig unverzärtelt zu. Man meint fast, dass es Mister Davis an der nötigen Empathie fehlen lässt. Tatsächlich scheint man über die gewünschte Tiefe des Ausdrucks hinweg zu musizieren. Im Ganzen klingt es aufdringlich laut. Am besten in diesem Satz gelungen sind die diversen „Allegro furiosi“, die tatsächlich angemessen furios kommen.
Der „Arabische Tanz“, ein Allegro vivace erklingt tatsächlich recht schnell und sehr lebendig. Allerdings geht dadurch die liebevolle Detailbehandlung verloren. Es klingt als ob man den Tanz einfach nur schnell abhandeln wollte. Alles bleibt ziemlich gleichlaut. Der Tanz wirkt so ziemlich ernst und rhythmisch etwas starr. Falls man einen „Tanz der Sklavinnen“ beabsichtigt hatte, der wäre gelungen.
Die „Heimfahrt“ wirkt ziemlich ordentlich und moderat, wenn man bedenkt, dass es sich hier um eine „Sturmmusik“ handelt. Das gilt vor allem für Tempo und Rhythmus. Die Crescendi kommen dagegen deutlich und die mächtigen Kontraste gefallen sehr. So gibt es dann doch geballte Eruptionen und hochgepeitschte Gischt. Nur eben fast wie in Zeitlupe.
Bei „Solveigs Lied“ ist die Stimme von Elisabeth Söderström ein echter Gewinn. Ihre Höhe ist völlig intonationsrein und obwohl sie norwegisch singt (was wir ohne Übersetzung nicht verstehen würden) scheint die Textverständlichkeit exemplarisch zu sein. Ihre Stimme wirkt glasklar und etwas kühl, ihr Vibrato mag manch einem Hörer etwas zu stark vorkommen, aber die unter anderem daraus resultierende, äußerste Expressivität lässt jeden Kitschverdacht bereits im Keim ersticken.
Bei Andrew Davis wechseln sich so sehr gelungene Sätze mit weniger gelungenen oder vielmehr weniger überzeugenden ab (ist ja alles subjektiv). Der vorzügliche Analogklang hievt die Einspielung jedoch in die audiophile Genußklasse.
Der Klang der Aufnahme ist transparent und räumlich, mitunter etwas kompakt (wenn es richtig laut wird) aber körperhaft und klangfarbenstark. Sehr dynamisch und breitbandig, recht voll und voluminös. Es gibt einen deutlichen Bass zu hören und leichtes Analograuschen. Im f und ff (besonders in der Halle des Bergkönigs) klingt es auch hallig und ein wenig diffus. Insgesamt gefällt sie uns klanglich besser als die in etwa gleichzeitig entstandene Philips-Aufnahme mit Raymond Leppard.
4-5
Artur Fiedler
Boston Pops (Boston Symphony Orchestra),
Eileen Farrell
RCA
1957
12:58 15:28
Mit Arthur Fiedler gibt es auch noch eine Decca-Phase 4-Aufnahme, von der uns aber nur die 1. Suite und „Solveigs Lied“ vorlag, weshalb sie in der Liste der 1. Suite erscheint. Diese erscheint gegenüber der 57er Living Stereo in musikalischer, spieltechnischer und aufnahmetechnischer Hinsicht ziemlich misslungen, nur noch als ein Schatten der 57er.
Allerdings lag uns die RCA nur in einer von einer LP digitalisierten Version vor. Immerhin scheint die LP jedoch in einem gepflegten Zustand gewesen zu sein. In dieser 18 Jahre älteren Version weiß das Bostoner Orchester zu gefallen. Es fällt wieder die typische Bostoner Oboe ins Ohr, die wir ja schon von allerlei Einspielungen mit Charles Munch kennengelernt haben. Sie klingt zwar etwas dünn, wird aber gefühlvoll geblasen, was für die meist auffallend schön klingende Flöte (mitunter jedoch mit sehr viel Vibrato) eigentlich immer gilt. Die Violinen klingen voll und schlank zugleich und wunderbar homogen. Die Hörner leisten sich ein leichtes Vibrato. Erstaunlich was aus dem Bostoner Orchesterklang 1975 geworden ist.
„Ases Tod“ lässt einen hervorragenden Klang der sordinierten Violinen hören, hörbar in sehr großer Besetzung, weich und volltönend, teilweise „butterzart“.
Auch in „Anitras Tanz“ klingt das Orchester mit am besten. Fiedler bietet eine fließende, sinnliche Aufführung, leider gekürt. Was Ormandy 1955 recht war, ist Fiedler zwei Jahre später immer noch billig.
„In der Halle des Bergkönigs“ erklingt angemessen zügig und die Musik giert förmlich nach der Steigerung, die dann auch vehement einsetzt und in Fulminanz endet. Rasant. Leider lässt die Dynamik der digitalisierten LP bzw. ihre Überspielung gerade bei diesem Satz zu wünschen übrig. Wir waren indes froh, dass man eine Stereo-LP digitalisieren konnte und nicht nur eine Mono-Version der Aufnahme vorlag.
Leider war „Brautraub-Ingrids Klage“ von stärkeren Schleifgeräuschen der LP gestört. Das Allegro furioso erklang davon relativ unberührt und sehr impulsiv.
Beim „Arabischen Tanz“ wird das Näherkommen der Janitscharen, die zum Tanz aufspielen, sinnfällig durch ein beständiges Lauterwerden dargestellt. Der Tanz selbst klingt rhythmisch, leicht vorantreibend, lebendig und temperamentvoll-wirbelnd.
Bei der „Rückkehr“ lässt Fiedler die Piccolos kräftig pfeifen. In der Seefahrt hatten kleine Flöten die Aufgabe zu Alarmen zu rufen, weil die hohen Frequenzen auch im Sturm noch einigermaßen gut zu erkennen sind, im Orchester klingen sie ja ebenfalls problemlos durch jedes Getöse hindurch. Bei Fiedler hört man das noch. Das Tempo wirkt drängend.
Bei „Solveigs Lied“ hören wir eine der ganz seltenen Gesangsdarbietungen auf Englisch. Obwohl Eileen Farrell gerade erst 37 war, wirkt ihre Stimme, die übrigens nicht an der Rampe steht, sondern wie aus dem Orchester kommt, schon reif. Sie wirkt groß, ja mächtig und weich timbriert. Da man sich bei Solveig zu der Zeit, als sie das Lied singt, als eine junge Frau vorzustellen hat, ist Frau Farrell nicht unbedingt die Idealbesetzung für „Solveigs Lied“. Das Lied wird, leicht abgewandelt während des Schauspiels drei Mal gesungen, zuletzt wäre sie dann schon fast eine alte Frau.
Der Klang der digitalisierten LP wirkt sehr präsent, räumlich, dynamisch anspringend. Es gibt leichtes Rauschen zu hören, ansonsten war der Rillenlauf relativ störungsarm. Insgesamt gut anzuhören.
4-5
Vaclav Smetacek
Prager Sinfonieorchester
Supraphon
1976
16:21 15:23
Bei dieser Einspielung im Smetana-Saal zu Prag war Vaclav Smetacek, der bevor er seine Dirigentenlaufbahn begann Oboist bei der Tschechischen Philharmonie war, 70 Jahre jung. Er leitet die Prager Symphoniker von 1942-1972, also sagenhafte 30 Jahre lang.
Die „Morgenstimmung“ wirkt bewegt, quellfrisch. Die Flöte klingt im Holzbläsersatz besser als die Oboe.
Bei „Ases Tod“ könnte man sich vielleicht am sehr hellen Streicherklang stören, eine Trauermusik sollte nicht unbedingt besonders hell klingen. Die Violinen klingen zu stark, da wirken die tieferen Streicher einfach nicht ebenbürtig. Vielleicht hätte der Dirigent das besser abstimmen können, falls er überhaupt einen ähnlichen Gedankengang hatte. Aber die Violinen klingen auch nicht richtig frei und hart. Um das zu erfahren hätte sich der Dirigent jedoch die fertige CD anhören müssen (die LP klang vielleicht viel weniger hart), das wäre für eine Korrektur natürlich viel zu spät. Die CD erschien übrigens 1988 (also als eine sehr frühe Digitalisierung), da war Herr Smetacek bereits seit zwei Jahre verstorben. Nun der langen Rede sehr kurzer Sinn, das Endergebnis ist so für eine „Sterbemusik“ wie ein Lamento nicht optimal.
Bei „Anitras Tanz“ sieht es schon viel besser aus. Anitra wirkt allerdings schon etwas betagt, denn das Tempo wird ziemlich langsam gewählt. Sie lässt sich Zeit und der sordinierte Klang der Violinen wirkt trotz dieser Maßnahme leicht scharf. Ob man so bereits die sonst meist verborgenen „Krallen“ dieser Frau spüren kann? Der Triangel erklingt übrigens überaus deutlich und vordergründig. Ob er von Grieg als so wichtig gedacht war?
Bei den Begebenheiten in der „Halle des Bergkönigs“ lässt der extrem langsame, fast buchstabierte Beginn aufhorchen. Die Trolle scheinen normalerweise ein behäbiges Völkchen zu sein. Fast schon wie sediert. Aber Gnade dem Eindringling, wenn er sich nicht der Etikette gemäß verhält. Und das macht Peer ja nicht, denn er macht sich an einer Tochter des Bergkönigs zu schaffen. Einer Troll-Prinzessin. Lügengeschichte oder eine einzigartige Reihung von Kriminalfällen, das ist hier die Frage. Smetacek hat sich so eine nichts ahnende Einleitung verschafft für die heftigste Steigerung von allen, oder sagen wir doch besser eine der heftigsten, denn es kommen noch vehemente Steigerungen bei den Highlights-CDs. Er reizt die Möglichkeiten des Orchesters und der Klangtechnik weitestmöglich aus.
Einen unerhörten Einfall lässt Smetacek bei „Ingrids Klage“ hören. Er lässt die insistieren Bratschen hervortreten, die den Lamento-Charakter noch weiter schmerzhaft steigert. Dass da noch niemand außer ihm auf diese eigentlich naheliegende Idee gekommen ist? Nach ihm hat sie sich übrigens ebenfalls niemand abgeschaut. In diesem Satz wird eine sehr weite Dynamik genutzt. Das Paukencrescendo wirkt sehr intensiv bei den „Allegro furiosi“.
Im „Arabischen Tanz“ wird das vivace voll umgesetzt. Mit großer Musizierfreude ausgeführt wirkt der Tanz sehr lebendig. Das Schlagzeig klingt in dieser Aufnahme schrill, es besteht aus Piatti, Tamburino und Tamburino piccolo. Das stört den empfindlichen Hörer vielleicht. Ansonsten kann man sich an der sportlich ambitionierten, pointierten Darbietung einfach nur erfreuen.
Die „Heimkehr“ gelingt ähnlich der „Halle des Bergkönigs“ sehr stürmisch und knackig, vor allem natürlich durch Blech und Schlagwerk. Da spritzt die Gischt hoch und der Sturm erreicht mal echte Windstärke 10-12.
„Solveigs Lied“ erklingt zügig und unsentimental. Schade, dass der scharfe Streicherklang durch die Sordine gar nicht genug abgedämpft, „gebändigt“ werden kann. Smetaceks Darbietung wirkt als Ganzes alles andere als gewöhnlich. Sie wirkt sogar besonders inspiriert. Respekt!
Der Klang der Aufnahme wirkt transparent, die Violinen leicht belegt und leider ziemlich hart und scharf, wahrscheinlich bedingt durch die frühe, unvollkommene Digitalisierung des Analogbandes (1988). Die Dynamik weiß jedoch zu gefallen.
4-5
Paavo Berglund
Bournemouth Symphony Orchestra
EMI
1973
15:22 17:03
Diese Aufnahme entstand in der Guildhall zu Southampton. Paavo Berglund stand dem Orchester aus der südenglischen Küstenstadt von 1965-79 als Chefdirigent vor. Im Vergleich zu Abravanel wirkt „seine“ „Morgenstimmung“ gefühlvoller, mit mehr Empathie und Ausdrucksstärke. Und hört man da nicht auch etwas Pathos durch? Das Blech intoniert butterweich und das Holz klingt sanft (Ausnahme: die englische Oboe).
Das Andante doloroso von „Ases Tod“ wirkt recht zügig und bringt eine gewisse Erschütterung ins Spiel mit ein. Berglund lässt starke Crescendi spielen und hält mit dem ff nicht hinterm Berg. Die Streicher klingen sehr gut und wurden körperhaft eingefangen. Man erreicht zwar nicht die allerbeste Homogenität, aber das wird durch den hohen Ausdrucksgehalt wieder wettgemacht.
„Anitras Tanz“ wird geprägt durch die zurückhaltende Temponahme (es heißt nur: Tempo di Mazurka). Man spielt sehr geschmeidig was durch die Sordine und den weich und warm timbrierten EMI-Klang noch verstärkt wird. Man stellt sich Anitra hier nicht ohne Verführungskünste vor.
In der „Halle des Bergkönigs“ wird langsam aber spannend gesteigert (Alla marcia e molto marcato). Ab piu vivo könnte das Tempo nach unserem Dafürhalten noch etwas fetziger klingen, denn Peer wird von den Trollen gejagt, die ihn schließlich im Kochtopf sehen wollen oder aber lebendig verzehren wollen. Da muss er ordentlich „Fersengeld“ zahlen, das sollte man auch hören. Klanglich macht sich hier erstmals eine gewisse Halligkeit bemerkbar. Da es kaum anzunehmen ist, dass das Orchester in eine andere Location umgezogen ist, muss diese künstlich zugefügt worden sein. Man wollte die Illusion einer großen Halle erzielen.
Das Andante doloroso von „Ingrids Klage“ wirkt in dieser Einspielung ziemlich dunkel und mit der gebührenden schmerzenden Klage versehen. Das klingt viel tiefer in die Gefühlswelt der bemitleidenswerten Frau eingedrungen als beispielsweise bei Maurice Abravanel. Das Allegro furioso, das man gleich mehrmals hört klingt sehr heftig und aufgepeitscht.
Die „Heimfahrt“ erhält viel Allegro, wenig vivace.
So wirkt der „Arabische Tanz“ eher seriös aber auch zupackend und effektvoll. Der Mittelteil könnte verführerischer klingen. Da ist Berglund einfach zu schnell, um eine gewisse Raffinesse ausdrücken zu können. Die Stimmen greifen sehr schön ineinander. Ansonsten klingt es eher „nordisch“ als exotisch und ein bisschen „handfest“.
Die „Heimkehr“ klingt schön deftig und ordentlich aufgepeitscht.
„Solveigs Lied“ erklingt einfühlsam, sehsüchtig und zuversichtlich-entrückt, genau wie es Grieg Solveig in die Stimme gelegt hat. Die Violinen, die den Gesangspart in der Suite übernehmen spielen die Oktavierungen sauber und schön. Das gelingt nicht jedem Orchester so gut.
Der Klang der Aufnahme wirkt viel voller, sonorer, räumlicher, weicher und körperhafter als bei Abravanel, von dem wir leider nur eine alte CD-Pressung zur Verfügung hatten. Das neue Mastering soll viel besser klingen. Es gibt bei Berglund noch einen leichten Rauschteppich, der nicht weiter stört. Es klingt in bester Analogqualität der Zeit, plastisch und warm. Nur dynamisch leicht gebremst. Die vier Jahre später in Dresden entstandene EMI-Aufnahme mit Herbert Blomstedt klingt noch besser.
4-5
Neeme Järvi
Göteborg Symphony Orchestra
DG
1987 und 1993
14:21 15:55
Neeme Järvi war 1982-2004 Chefdirigent des Schwedischen Nationalorchesters aus Göteborg. Während seiner Zeit wuchs das Orchester dank Sponsorengelder aus der Industrie von 80 auf 110 Mitspieler. Von Neeme Järvi gibt es eine GA von 1987 auf zwei CDs, eine Kompilation der schönsten Stücke daraus auf einer randvollen CD und eben die beiden Suiten. Da man zu diesem Zeitpunkt nicht wie bei Herbert Blomstedt daran dachte die erforderlichen Versionen der Suiten-Stücke ohne Chor, Solisten oder Sprecher einzuspielen, musste man dies 1993 nachholen. Man konnte die ersten drei Sätze der ersten Suite (Morgenstimmung, Ases Tod, Anitras Tanz) und Brautraub-Ingrids Klange für die zweite Suite aus der GA übernehmen, da sie in der GA genauso dargeboten werden wie in den Suiten. So produzierte man nur die Halle des Bergkönigs, den Arabischen Tanz, die Heimkehr und Solveigs Lied neu. Dadurch ergeben sich für diese Sätze deutliche Änderungen.
Obwohl eigentlich identisch wirkt die „Morgenstimmung“ etwas ruhiger und gefühlvoller auf uns als in der GA, das kann dann eigentlich nur an unserer eigenen Stimmung liegen oder an der Klangqualität, denn die Suiten wurden einem AMSI-Remastering unterzogen. Das klingt dann weiträumiger und nicht mehr ganz so dynamisch.
„Ases Tod“ bietet dieselbe innige Darbietung, recht zügig und fließend, mit einer heftigen Steigerung in der ff-Passage. Der Klang kommt uns nun abgedunkelter und matter vor als im Original. Nicht unbedingt nachteilig für diesen Satz.
In „Anitras Tanz“ erklingt der Triangel nunmehr recht leise und unscheinbar, anscheinend hat man den doch einer Neuabmischung unterzogen, vielleicht weil das Original nicht mehr gefiel oder damit er besser zu den neu aufgenommenen passt. Leicht und schwebend klingt es nun, einschmeichelnd schön, wenn auch etwas grauer als im Originalgewand.
In der „Halle des Bergkönigs“ geht es ziemlich behäbig los. Klanglich wird er ganz hervorragend (in der Neuaufnahme) vom schwedischen Top-Orchester präsentiert. Allerdings wirkt die Steigerung nun etwas antriebslos und zäh. Es fehlen einfach die antreibenden Dialoge und der mächtige Chor. Trotzdem wird die Spielzeit sogar noch länger. Alleine dieser Satz spricht eindeutig für die GA oder die Querschnitts-CD. Da steckt eine ganz andere Erlebnisqualität drin.
Bei „Brautraub-Ingrids Klage“ ändert sich unserer Beobachtung nach nichts gegenüber der GA, ein angemessen schwermütiger Klagegesang. Mit furiosem Brautraub.
Der „Arabische Tanz“ erklingt erneut sehr klangschön aber ohne Frauenchor und Anitras Gesangs-Einlage fehlt die besondere Attraktion.
Die „Heimfahrt“ wirkt etwas gesoftet, die Kontraste aber immer noch schroff und recht dynamisch. Die Gran Cassa erklingt nunmehr nur noch aus dem Gesamtklang und nicht mehr als herausragend profunde Solistin. Schade. Das Remastering ging hier mit einer „Einebnung“ einher.
Obwohl die Göteborger Violinen in „Solveigs Lied“ ihr Bestes tun (sie spielen sehr homogen und sehr klangschön) kommen sie doch nicht an die Schönheit und den Ausdrucksgehalt der Stimme Barabara Bonneys in der GA (1987) heran. Järvi wird 1993 auch etwas langsamer, was den Sentimentalitätsgehalt etwas erhöht, der Orchesterpart klingt nun deutlicher, was jedoch in der Natur der Sache liegt, denn Frau Bonney bekommt zurecht ein Vorfahrtsrecht von der Aufnahmetechnik eingeräumt.
Die Stücke der Suiten wurden teils einem Remastering gegenüber der GA unterzogen, teils neu aufgenommen. Das AMSI-Verfahren soll dann eine noch großräumigere, räumlichere Wiedergabe ermöglichen. Ohrenscheinlich ist das Konzerthaus in Göteborg tatsächlich größer geworden. Die Präsenz leidet nur unwesentlich, die Brillanz erheblich mehr. Zudem wirkt der größer anmutende Raum diffuser. Insgesamt wirkt auf uns das Original von 1987 klangtechnisch profilierter.
4-5
Jerzy Maksimiuk
BBC Scottish Symphony Orchestra
Naxos
1993
14:57 16:33
Aufgenommen wurde in der BBC Broadcasting Hall, Studio 1. Der polnische Dirigent war von 1983-93 Chefdirigent des Orchesters. Die Einspielung entstand also in seinem letzten Jahr als Chef.
Die „Morgenstimmung“ erklingt zügig und unsentimental. Wir hören ein gutes Orchester mit guten Holzbläsersolisten (Flöte und Oboe). Sehr bewegt und vital, sogar ein wenig drängend, scheint dieser Morgen wohl nur Gutes mitzubringen.
„Ases Tod“, langsam und getragen wie er dargeboten wird, erklingt exzellent dynamisch abschattiert. Wir hören eine kontinuierliche Steigerung. Das wirkt alles zusammen auf uns bewegend, auch wenn es gegen Ende etwas lang wird, weil die Spannung verloren geht. Als ob sie Seele den Körper dann verlassen hätte und erst dann der Körper spannungslos zurückbliebe. Vielleicht hat sich Maksimiuk auch einfach strategisch falsch eingeteilt?
„Anitras Tanz“ wurde viel lauter überspielt als „Morgenstimmung“ und „Ases Tod“. Plötzlich klingt es prall und das Orchester spielt wie unter vollen Segeln. Klanglich ausgezeichnet, sinnlich in einem angemessenen Tempo, nicht zu sportlich, sodass der Tanz noch aufreizend wirken kann. Man macht musikalisch das Beste daraus. Klanglich überragt der Satz die beiden vorherigen deutlich. Als ob man ihn in einer anderen Session eingespielt hätte. „die Halle des Bergkönigs“ beginnt etwas gemütlich, sodass man nichts Böses ahnt. Es setzt jedoch eine langgezogene Beschleunigung und eine sehr gute dynamische Steigerung an, allerdings und leider kommen jetzt Gran Cassa und Blech nicht mehr prall genug ins Bild.
„Brautraub-Ingrids Klage“ lässt einen sehr guten, vollen Streicherklang hören und ein angemessen gesteigertes Lamento. Die Raubszene wird durch furiose Gestaltung nachvollziehbar.
Beim „Arabischen Tanz“ müssen wir leider auf die pralle Klanglichkeit und Dynamik wie bei „Anitras Tanz“ verzichten, es klingt jedoch immer noch schön transparent. Die Janitscharen spielen temperamentvoll auf.
Die Sturmmusik bei der „Heimkehr“ erklingt kontrastreich. Den Schotten, auf ihrer Insel meerumspült, können sich die aufgepeitschte Gischt des nordischen Meeres sehr wohl gut vorstellen und die Musik plastisch umsetzen.
„Solveigs Lied“ erklingt ganz zart und leise wie eine Traumvision, so fragil, als könne sie jederzeit platzen wie eine Seifenblase. Sehr apart. Eine dermaßen rundum gelungene Naxos-Einspielung hört man nicht alle Tage.
Der Aufsprechpegel der Aufnahme ist hoch, das Orchester klingt präsent, sehr klar und deutlich. Voll und sonor dürfte diese Aufnahme zu den besten Naxos-Aufnahmen der 90er Jahre gehören. Es klingt nicht schlechter als das Peer Gynt-Remake mit Bjarte Engeset aus Malmö über zwei Jahrzehnte später. Das allzu bescheidene Cover-Layout hat sicher einiges an Auflage gekostet. Es ist der musikalischen und klanglichen Qualität nicht ebenbürtig. Die positive Überraschung unseres Vergleichsfeldes.
4-5
Herbert von Karajan
Berliner Philharmoniker
DG
1982
14:03 18:32
Hvk hat sich für die Platte bzw. die CD drei Mal mit den Peer-Gynt-Suiten auseinandergesetzt. Eine frühe Einspielung mit dem Philharmonia Orchestra ist uns nicht begegnet. Die erste Suite und zwei Stücke aus der zweiten hat er 1961 mit den Wiener Philharmonikern für Decca eingespielt. Sie gefällt uns am besten. Dennoch, weil die zweite Suite nicht komplett eingespielt wurde, kommt sie erst am Ende unserer Aufstellung bei den Einspielungen, bei denen es nur für die erste Suite gereicht hat. Mitunter hat es einfach an Aufnahmekapazität (des jeweiligen Tonträgers) gemangelt, mitunter hat den Dirigenten die Einsicht in die Qualität der Stücke gefehlt. Die beiden DG-Aufnahmen unterscheiden sich nur geringfügig voneinander.
Bei der „Morgenstimmung“ erklingt die 11 Jahre später eingespielte Digitalaufnahme aus der Berliner Philharmonie ein wenig langsamer. Sie wird mit noch mehr Dynamik aufgeladen, die die gerade erst erzeugte Stimmung fast schon wieder zunichtemacht. Karajan geht dabei nicht gerade zimperlich vor. Da treffen geschmäcklerisch stark abgedämpfte pp und ff-Einsätze wie bei einer Bruckner-Sinfonie aufeinander. Das Holz wird dabei ziemlich undeutlich in den Hintergrund versetzt, es sei denn ein Solo wird fällig. Liebevolle Idiomatik hört sich irgendwie anders an. Gespielt ist es allerdings ausgesprochen glanzvoll und allseits makellos.
Bei „Ases Tod“ sind die ersten Violinen weniger deutlich aus dem Streicherklang hervorgehoben als 1971. Das gefällt so viel besser. Zumindest einmal uns. Die „Sterbebegleitung“ wirkt ausgesprochen energisch, sie wird mit noch mehr Dynamik angereichert als 1971. Allerdings klingt es sonorer und ausgewogener und besser ins klingende Umfeld integriert.
„Anitras Tanz“ fällt nun etwas zügiger und deutlich gefälliger aus als 1971. Er klingt noch weicher und homogener. Anitra hat so nichts mehr Abweisendes an sich wie 1971. Ganz im Gegenteil.
„Die Halle des Bergkönigs“ bekommt von Beginn an ein schnelles Tempo verpasst, das nur sehr wenig geheimnisvoll wirkt. Die Steigerung in Dynamik und Geschwindigkeit ist spürbarer als 1971. Das ff erklingt in monumentaler Stärke, die Halle scheint massiv gebaut zu sein, denn sonst müsste man angesichts der gebotenen Lautstärke um sie bangen. Das Berliner Blech strahlt um die Wette. Der Satz wirkt so eher wie eine Orchesterstudie. Authentischer klingt es besonders bei den Versionen mit Chor und Solisten. Da wird es plastischer, dass sich Peer in Lebensgefahr befindet, dass ihm die Familie des Bergkönigs „ans Leder“ will. Wie 1971 verliert auch 1982 der Klang der Berliner im ff erneut an Transparenz. Dazu klingt es auch in der leeren Philharmonie etwas zu hallig.
Bei „Brautraub-Ingrids Klage“, übrigens im gleichen Tempo wie 1971, irritiert erneut die weit ausgefahrene Bruckner-Dynamik. Exzessiv und massiv. Das Pauken-Crescendo bei aufschreienden Allegro furioso des Brautraubs wirkt heftig.
Noch etwas langsamer als 1971 erscheint der „Arabische Tanz“. Ein Herankommen der Janitscharen ist kaum erkennbar. Es gibt nur wenig „vivace“, die Dynamik ist jedoch äußerst kontrastreich. Der Mittelteil erklingt wunderbar kantabel, mit dem typischen Karajan-Legato. Die Außenteile wirken dagegen repräsentativ, ja affirmativ.
Einen echten Gewinn gegenüber 1971 gibt es bei der „Heimkehr“. Da gefallen die extrem weit gespreizten und voll ausgereizten Dynamikgegensätze besser als in den anderen Sätzen, der Kontrastreichtum dient zur Schilderung roher Naturkräfte. Besonders Gran Cassa und Blech, aber auch die Streicher geben sich schroff.
Viel schöner kann man „Solveigs Lied“ kaum spielen, zumindest mal im Sinne von perfekt. Karajan variiert dieses Mal etwas mit der Phrasierung und mit der Lautstärke, sodass der Satz etwas träumerischer, weniger pessimistisch wirkt. Solveig scheint ihrem Peer inniger in Einsamkeit verbunden als in der Einspielung zuvor (1971). Mit fast sechs Minuten nähert sich Karajan dem Rekordwert in Sachen Langsamkeit, den er selbst 1971 mit 6:13 aufgestellt hat.
Wir hörten die Aufnahme von 1982 in der „Gold-Edition“. Der klangliche Gewinn hält sich gegenüber 1971 in Grenzen, es klingt ebenfalls klar und recht plastisch. Die Tiefenstaffelung ist geringer als 1971 als man in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin Dahlem aufnahm. Die Dynamik wurde gegenüber 1971 nochmals gesteigert, wobei es sich für diese Übung eher um das falsche musikalische Objekt handelt, zumindest einmal in den langsamen Sätzen. Der Gesamtklang wirkt sehr kraftvoll.
4-5
Herbert von Karajan
Berliner Philharmoniker
DG
1971
14:29 18:24
Die Analogaufnahme fand 1971 in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin Dahlem statt. Günter Hermanns war wie 1982 in der Philharmonie Tonmeister. Sogleich auffallend gegenüber der nochmals zehn Jahre älteren Decca-Aufnahme aus Wien: es fehlt nun Frische Lebendigkeit im Klang.
Die „Morgenstimmung“ klingt nun warm (fast so, wie man sich den Morgen in Marokko vorstellt, wo die Szene ja auch tatsächlich spielt). Die Streicher wirken im Klangbild leicht bevorteilt. Das Holz präsentiert sich (wie beim Zarathustra, der ja nur zwei Jahre später entstanden ist) in absoluter Topform. Es könnte jedoch passagenweise besser zur Geltung kommen. Sentimental wirkt Karajans „Morgenstimmung“ auch 1971 keinesfalls.
Bei „Ases Tod“ erleben wir eine sehr weiche, abgerundete Tongebung. Es wird erneut etwas zu sehr auf den Klang der ersten Violinen abgestellt, obwohl es eigentlich an der Abrundung noch unten nicht fehlen würde. F-Passagen werden zum ff geweitet. Übertreibungen wirken hier anders als bei Richard Strauss, wo sie als ein Indiz für gelungene Interpretation gelten dürfen, bei Grieg einfach nur übertrieben. Des Guten Zuviel ist dann erreicht, wenn das f dann auch noch einsetzt wie ein sf und man unwillkürlich zusammenzucken muss. Im Verlauf des Satzes steigert sich der Bassanteil am Gesamtklang.
„Anitras Tanz“ erscheint recht langsam. Die Violinen klingen ausziseliert, sehr fein aber auch mit einem sehr großen dynamischen Ambitus. Der Kontrast zwischen p und f erscheint übergroß. F erscheint auch hier wiederum als ff. Anitra wirkt so überlebensgroß und ein bisschen abweisend. Die Berliner klingen außerordentlich homogen und weich.
In der „Halle des Bergkönigs“ geht es bereits von Beginn an angetrieben voran, marschartig. So kann die Stretto-Beschleunigung gar nicht mehr so sogartig wirken. Das Klangbild wird im ff dicht, verliert also an Transparenz, das wird sich 1982 in der Philharmonie leider wiederholen.
„Brautraub-Ingrids Klage“ wird dynamisch voll ausgereizt, das Drama oder besser die Tragödie des Satzes theatralisch und gewaltig (um nicht zu sagen gewalttätig) in Szene gesetzt, was den juristischen Tatbestand ja träfe, falls es sich nicht um eine Lügengeschichte handeln würde.
Der „Arabische Tanz“ kommt recht langsam und vielleicht dann doch allzu massiv daher. Er betont das prunkvolle, majestätische, Aida-ähnliche. Der Mittelteil gefällt viel besser. Der hat tänzerischen Drive und bringt Exotik und verspielte Raffinesse mit.
Die „Heimfahrt“ bringt agiles Agitato und einen recht stürmischen Gestus mit ins Spiel. Die Dynamik wirkt kontrastreich. Recht wild wirkt der Satz nicht so gezähmt wie in vielen anderen Einspielungen.
In „Solveigs Lied“ klingen die Berliner Streicher sehr schön warm. Wärmer als in den langsamen Sätzen zuvor. So wie Karajan in der Halle des Bergkönigs der schnellste war, so ist er hier der langsamste. Er lässt auch einfühlsamer spielen als zuvor. Durch das getragene Tempo wirkt der Instrumentalgesang aber vielleicht doch etwas zu pessimistisch und traurig. Es klingt vielleicht etwas „aufgeblasen“ gefühlsmäßig und klanglich. Der gesamte Spannungsbogen steht nun im Vordergrund. Insgesamt wirkt die Darstellung in Berlin etwas ausgefeilter, perfektionistischer und glatter als 1961 in Wien. Daran wird sich 1982 nicht viel ändern.
Es klingt 1971 etwas luftiger als 82. Es gibt sehr schöne, volle und leuchtende Klangfarben zu bewundern. Es klingt räumlich und gut tiefengestaffelt. Recht brillant und dynamisch.
4-5
Jewgeni Swetlanow
Akademisches Sinfonieorchester der UdSSR
Melodija-Karussell
1981
18:24 18:05
Dies ist eine Live-Aufnahme aus dem Großen Saal des Moskauer Konservatoriums. Das ist leicht zu erkennen an vielen Störgeräuschen und am Applaus.
Die „Morgenstimmung“ erklingt sehr langsam und gefühlvoll. Man könnte die Musik beruhigt auf sich wirken lassen, wenn man bei dem ein oder anderen Solo nicht aufschrecken würde, ganz besonders bei der „knochenhart“ klingenden Oboe.
„Ases Tod“ erfährt bei Swetlanow die langsamste aller Wiedergaben. Sie bietet wenig Spannung und wirkt gedehnt. Leider stört ein unüberhörbarer Brumm bei diesem Satz ganz besonders.
„Anitras Tanz“ erklingt ebenfalls recht langsam, jedoch immer noch tänzerisch und noch nicht schwerfällig. Man spielt alle Wiederholungen und übertreibt es passagenweise mit dem aufgetriebenen Espressivo. Da wirkt die musikalische Substanz des Sätzchens nicht so recht dazu geeignet.
„In der Halle des Bergkönigs“ wird leider wieder der Brumm auf uns losgelassen. Es wird klar und deutlich musiziert, auch im p und pp, das übrigens deutlich voneinander unterschieden wird. Man fühlt sich tatsächlich in eine Halle versetzt. Die Darbietung könnte jedoch dynamischer ausfallen, stattdessen wird, wenn es recht laut werden sollte, der Aufnahmepegel reduziert, wahrscheinlich um ein Übersteuern zu vermeiden. Gleichzeitig wirkt das Orchester so, als ob es vom Hörer abrücken würde. Ein Kardinalfehler der Aufnahmetechnik, weil man damit „das Kind mit dem Bade ausschüttet“. Gleichwohl ist er, der Fehler, auch heute noch gängige Praxis bei der einen oder anderen Rundfunkübertragung.
„Brautraub-Ingrids Klage“ wirken sehr expressiv gespielt und enorm im Ausdruck gesteigert mit fast schon schreienden Violinen; durch die scharfe Klangcharakteristik der Aufnahme noch befördert. Die Dynamik lässt die Aufnahme sogar in diesem Satz in den Begrenzer gehen. Man merkt aber immerhin, dass sich die Streicher voll reinhängen. Das klingt richtig heftig. Die Leiden der jungen Frau werden sehr ernst genommen und rückhaltlos zum Ausdruck gebracht.
Der „Arabische Tanz“ erhält ein angemessenes Tempo mit pointierten Rhythmen. Der Mittelteil bietet expressive Kantabilität, sehr ausdrucksvoll, aber auch mit Musizierfreude.
In „Peers Rückkehr“ wird heftig artikuliert. Das Tempo bleibt mäßig und leider wurden die Dynamikspitzen radikal gekappt. Bei den Attacken des Sturms bewährt sich das russische Blech auf die ihm eigene Weise.
Bei „Solveigs Lied“ zeigt es sich, wie schön die russischen Streicher (resp. Violinen) klingen können, charaktervoll wie die ganze Darbietung. Leider wird die erste Suite fast vollständig vom starken Brumm entwertet, aber beachtenswert bleibt, dass Swtlanow immer ein Stück vom Mainstream entfernt bleibt. Sicher trifft er nicht jedermanns Geschmack, seine Darbietung, eine der ganz seltenen Live-Darbietungen, ist aber trotz der technischen Mängel eine Bereicherung für die Diskographie des Werkes.
Die Aufnahme rauscht noch analog. Solange die Musik leise spielt klingt es sehr transparent. Die Abbildung wirkt breit aber wenig tief. Leider wirkt das Klangbild hart und auch etwas dünn. Der Brumm hätte nie mit auf die CD gedurft.
4-5
Jean Fournet
Concertgebouw Orchester Amsterdam,
Annette de la Bije
Philips-BnF
1959
14:33 15:43
Aufgenommen wurde im Großen Saal des Amsterdamer Concertgebouw. Der französische Dirigent war in den Niederlanden ein gerngesehener Gast. 1950 trat Fournet erstmals mit dem Concertgebouw-Orchester und dem Radio Filharmonisch Orkest auf. Außerdem wurde er musikalischer Direktor des Rotterdams Philharmonisch Orkest. Er war mit einer niederländischen Orchestermusikerin verheiratet und hatte daraufhin in den Niederlanden seinen Lebensmittelpunkt gewählt.
Die „Morgenstimmung“ wird mit viel Gefühl gespielt und wallt im f und ff schön auf. Das COA klingt noch mit der hellen und harten Oboe, die in diesem Satz noch als ein leicht abgemilderter, den pastoralen, idyllisch-ländlichen Charakter, vortrefflich betonender Schalmeien-Ersatz durchgehen kann. Die Flöte klingt bereits auf Top-Niveau. Das ganze Orchester hat aber damals noch nicht das spektakuläre Klangniveau von heute.
„Ases Tod“ wird zu einer großen Trauermusik in f und ff, Die Spannung kann jedoch auch im p und pp gehalten werden.
In „Anitras Tanz“ lässt man mit einem butterzarten Klang und charmant-eleganter Gestaltung den doch etwas robusten Mazurka-Charakter vergessen. Mit der Sordine klingt das COA doch schon ziemlich verführerisch.
In der „Halle des Bergkönigs“ geht es getrieben und spannend zu, dynamisch bleibt die digitalisierte LP aus Beständen der Bibliothèque National de France allerdings zurückhaltend. Davon ist die Tempoverschärfung natürlich nicht betroffen, und das Tempo wird ordentlich angezogen.
„Brautraub-Ingrids Klage“ wird als groß angelegtes Lamento und stark gesteigert ausgeführt.
Der „Arabische Tanz“ erscheint kontrastreich, mit Tempo und Pepp. Recht perkussiv klingen die Amsterdamer nun.
Die „Heimkehr“ wird mehr durch die guten Streicher geprägt, während das Blech doch sehr zurückhaltend bleibt. Das könnte jedoch auch seinen Grund in der Pressung der alten LP haben. Wer weiß, wie oft sie schon genutzt wurde? Inzwischen ist die Aufnahme bei Decca-Eloquence (Australien) als CD erschienen. Da hört man sicher besser, welche Qualitäten im Originalband stecken.
„Solveigs Lied“ wird mit dem Sopran von Frau de la Bije dargeboten. Die singt deutsch. Klar, verständlich (auch mal mit einem Vorecho garniert) und unverzerrt. Andere Sängerinnen des Liedes erreichen die höchsten Höhen noch leichter und brillieren dabei noch unangestrengter. Die Stimme klingt hell, jugendlich und liegt zwischen Soubrette und Lyrischem Sopran. Die Sängerin war damals 32.
Der Klang der digitalisierten LP rauscht noch beträchtlich, wirkt aber offen und frei, recht räumlich, recht weich und abgerundet. Die Beschaffenheit der Rille in Sachen Störungen gibt kein Grund zur Beanstandung. Es gibt kein Knistern, Rumpeln oder Knacksen. Damit hatte man ja zu LP-Zeiten noch verstärkt zu tun. Das Klangbild wirkt schon recht füllig, vor allem wenn man bedenkt, dass aus der Pariser Bibliothek auch sehr viele digitalisierten Mono-LPs kommen. Damals war man dankbar, da das Repertoire auf CDs zu Beginn der Ära noch sehr schmal war. In Sachen Dynamik gibt es allerdings Defizite, da kommt die alte Philips-LP schnell an ihre Grenzen.
4-5
Aivind Aadland
WDR-Sinfonieorchester
Audite
2010
14:47 17:32
Diese Aufnahme entstand in der Kölner Philharmonie. Ein Jahr später wurde, allerdings nur die 1. Suite, in derselben Besetzung aus der historischen Stadthalle Wuppertal vom WDR aufgenommen und von Hänssler auf CD herausgebracht (innerhalb eines Wunschkonzert-Programms). Davon später mehr. Aivind Aadland stammt wie Grieg selbst aus Bergen und war jahrelang Konzertmeister der Bergener Philharmoniker (1981-89). Zur Zeit der Aufnahme war er musikalischer Leiter des Trondheim Symphony Orchestra.
Die „Morgenstimmung“ klingt träumerisch-stimmungsvoll, eher verinnerlicht als expressiv ausgesungen.
Auch bei „Ases Tod“ ist die Stimmung zunächst sehr introvertiert. Der Klang ist recht hell, heller zum Beispiel als in der Aufnahme aus Estland mit Paavo Järvi, auf die wir noch zu Sprechen kommen. Die Violinen des WDRSO klingen jedoch homogen und es wird beredt artikuliert. Auch im ff bleibt der Gestus sanftmütig, es gibt kein „Herausschreien“ der Trauer, wie bei anderen Einspielungen. Bescheiden und zart, könnte der Satz ein postumes Porträt der Mutter Peer Gynts sein.
„Anitras Tanz“ wirkt erneut zurückhaltend in Schwung und Dynamik, profitiert jedoch von der äußert differenzierten, eleganten Spielweise. Gerade wegen der zurückhaltenden Art sehr tänzerisch, atmosphärisch und verführerisch. Der Satz funktioniert auch ohne Ausbund an Temperament.
Leider bleibt die Darbietung auch in der „Halle des Bergkönigs“ zurückhaltend. Das wäre der Satz gewesen um etwas mehr Temperament zu zeigen. So könnte die Beschleunigung durchaus soghafter ausfallen und die Dynamik durchaus deftiger.
„Brautraub-Ingrids Klage“ könnte im Allegro furioso durchaus mehr Wut und Aufbegehren vertragen. Insgesamt wirkt die Klage schicksalsergeben und traurig, vielleicht hat die arme Ingrid einfach keine Kraft mehr für „mehr“. Die ff sind immer noch ziemlich kraftvoll geraten.
Im „Arabischen Tanz“ darf das Orchester nun einmal ein wenig aus sicher herauskommen, zumindest einmal das Schlagwerk. Etwas mehr tänzerisches Feuer wäre dennoch wünschenswert und irgendwie wird der Takt ein wenig zu starr geschlagen.
Bei „Peers Heimkehr“ vermag nur das Schlagwerk Windstärke 10, also Sturmstärke zu entfachen, der Rest des Orchesters geht immerhin noch über das „Sturm-im-Wasserglas-Niveau“ hinaus.
„Solveigs Lied“ erklingt langsam, aber innig und ausdrucksvoll. Da sind die Streicher (resp. Violinen) des WDRSO voll in ihrem Element. Für uns ist das der bestgelungene Satz beider Suiten in Aadlands Einspielung.
Der Klang der Aufnahme ist sehr transparent und weiträumig, körperhaft und gut gestaffelt. Das Holz klingt präsent, die Violinen weich und rund. Insgesamt sehr ausgewogen und differenziert, in Sachen Dynamik, Impulsivität und Lebendigkeit eher zurückhaltend, wobei diese Eigenschaften bereits in der musikalischen Interpretation angelegt sind.
4
Vernon Handley
Ulster Orchestra
Chandos
1986 und 1989
14:09 16:23
Diese Aufnahmen entstanden in der Ulster Hall in Belfast. Die erste Suite im Jahr 1986, die zweite 1989. Vernon Handley war Schüler von Adrian Boult und er galt als Koryphäe für die Kompositionen von Arnold Bax aber auch aller anderen Komponisten aus Großbritannien. 1962 wurde Handley zum Chefdirigenten des jungen Guildford Philharmonic Orchestra ernannt, das er in den folgenden einundzwanzig Jahren leitete. Zugunsten dieser Aufgabe verzichtete Handley weitgehend auf eine internationale Karriere, was erklärt, warum er noch heute trotz seines umfassenden diskografischen Wirkens und der Bewunderung seiner Kollegen außerhalb Großbritanniens nur einem kleinen Kreis von Kennern bekannt ist. Er war ständiger Gastdirigent des London Philharmonic und Ehrendirigent des Royal Liverpool Philharmonic.
Die „Morgenstimmung“ erklingt stimmungsvoll und lebhaft. Das Orchester wirkt gut ausbalanciert. Die Oboe sticht aus dem Holzbläsersatz (außerhalb ihrer Soli) ein wenig zu sehr heraus, ansonsten gefällt der gute Klang des nordirischen Orchesters. Mit dem Chandos mittlerweile anscheinend keine Einspielungen mehr macht. In den 80er Jahren war man oft zu diesem Zweck in Belfast zugange.
„Ases Tod“ wirkt zügig und unprätentiös; auf unaufdringliche Art eindringlich, nicht zuletzt, weil die Violinen keinen unangemessen hellen Klang beisteuern., sondern unauffällig im Streicherklang mitwirken, der dieses Mal nicht zu Unrecht von den tieferen Streichern dominiert wird. Prima!
„Anitras Tanz“ klingt geheimnisvoll, sogar recht sinister, doch für unsere Ohren sehr klangschön. Die Dynamik wirkt differenziert, überhaupt nuancenreich ausgehört. Allerdings wirkt die Frau bzw. ihr Tanz weniger temperamentvoll als üblich. Generell spielt es sich im leisen Bereich ab. Sehr atmosphärisch, wenig leidenschaftlich.
Die „Halle des Bergkönigs“ bietet gutes Tempo, eine sehr gelungene Beschleunigung bei allerdings nur ausreichender dynamischer Steigerung. Die Besten bieten da mehr, auch mehr rhythmischen Drive. Trotzdem empfinden wir den Satz als gelungen.
Bei „Brautraub-Ingrids Klage“ könnte insbesondere der „Brautraub“, das Allegro furioso rhythmischer, spritziger, resoluter klingen. Da kommt das Orchester vielleicht doch an seine Grenzen. Bei der Klage selbst spielt es wieder subtil und empathisch, wobei die Homogenität der Streicher noch besser sein könnte. Der Ausdruck hat hier Vorrang. Gutes, aber nicht überragendes Paukencrescendo, da wirkt die Aufnahmetechnik zudem zu weichzeichnerisch. Härtere Konturen wären da hilfreicher.
Der „Arabische Tanz“ könnte klarer klingen, es wirkt dann aber doch zu hallig aufgenommen. Die drei Jahre zuvor eingespielte erste Suite war von diesen aufnahmetechnischen Kapriolen frei. Es klingt nach Volksfeststimmung mit viel Schlagzeug- „Remmidemmi“.
„Peers Heimkehr“ neigt oft zu einem farblosen Sturm im Wasserglas. Da müssen die Musiker viel von sich aus beitragen, damit der Eindruck von Gefahr, ja Lebensgefahr entsteht. Das gelingt restlos überzeugend nur selten. Handley erreicht mit den Belfastern keine echte Sturmstärke, vielleicht Windstärke 8, aber keine 10 oder gar 12. Die besten, was in dem Fall die verheerendsten für die Schifffahrt bedeutet, erreichen die Einspielungen, bei denen sich die Musiker am intensivsten mit dem Kontext auseinandergesetzt haben, d.h. in GAs oder in diversen Highlight-Kompilationen.
„Solveigs Lied“ gelingt dem Orchester wieder besser. Es kann hier sehr weich und zart klingen und so leicht, wie man sich die träumerische, liebende und fürsorgliche Solveig vorzustellen hat. Es werden ja allerlei Portraits von Frauen in „Peer Gynt“ gezeichnet (Ase, die Mutter: Ingrid, die Verschleppte; die Trollschwestern; Anitra, die tanzende Prinzessin, die ihn bestiehlt und eben Solveig ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Da wird nicht dick aufgetragen, sondern zügig, sehr klangschön, sensibel und kantabel musiziert. Generell gelingen dem Orchester die innigen, stimmungsvollen Sätze besser, als die rhythmisch betonten, die auf Verve angewiesen sind.
Klanglich sind beide Suiten unterschiedlich gelungen. Die erste Suite gefällt da besser, weil sie weniger hallig geraten ist. Auch Transparenz, Präsenz und Fülle überzeugen da mehr. Generell klingt das Orchester ausgewogen aber etwas zurückgesetzt. Es klingt besser als in vielen Einspielungen, die Chandos zu dieser Zeit in Glasgow gemacht hat, ohne dies verallgemeinern zu wollen. Es klingt räumlich und wie weichgezeichnet.
4
Ari Rasilainen
Norwegisches Radio-Sinfonieorchester
Finlandia, Warner
1995
15:45 17:50
Ari Rasilainen war 1994-2002 Chef des in Oslo ansässigen Radio-Orchesters. In Deutschland dürfte er bekannter geworden sein als GMD der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen 2002-2010 oder Chefdirigent der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz (2016-2021), die sich seit neuem Bodensee Philharmonie nennt.
Man hört in dieser Aufnahme ein gut besetztes, aber kein überragendes Orchester. Die „Morgenstimmung“ wird weder besonders spannend noch verspielt-lebendig erzählt, aber durchaus idyllisch und mit dem hier hervorstechenden Charakter, nämlich dem pastoralen. Jedoch könnte man auch diesen Charakter mit mehr Begeisterung hören lassen.
Bei „Ases Tod“ wird der Ton der Musik gut getroffen. Differenziert (besonders im leiden Bereich) und dunkel getönt im Klang, da die ersten Violinen zurückhaltend agieren und gut in den Streicherapparat integriert werden. Der stimmungshafte Satz kommt dem Orchester anscheinend entgegen.
„Anitras Tanz“ erklingt ebenfalls auf zurückhaltende Art und Weise. Dabei fehlt es nicht einmal an Tempo und es wird sanft, sehr sorgsam und beschwingt gespielt. Ein Auftrumpfen unterbleicht. Trotzdem, so scheint es uns wenigstens, entsteht während des Tanzes eine recht hohe Anziehungskraft.
„In der Halle des Bergkönigs“ geht es behäbig zu. Es gibt gutes Crescendo aber wenig stretto. Erst ganz am Ende taut mal in der kühlen Halle so richtig auf.
Wie bei „Ases Tod“ findet das norwegische Orchester für „Ingrids Klage“ den richtigen Ton, währen dem Furioso des „Brautraubs“ die letzte Entäußerung fehlt.
Beim „Arabischen Tanz“ wird der repräsentative Teil der Janitscharenmusik gebührend herausgestellt, allerdings mit der dieser Einspielung eigenen Zurückhaltung. Der kantable Mittelteil wirkt sehr melancholisch.
„Peers Heimkehr“ klingt dynamisch aber im Tempo gemäßigt. Kein Sturm im Wasserglas, aber auch kein in Musik gegossenes, lebensbedrohendes Naturereignis.
„Solveigs Lied“ wird wie alle langsamen Sätze in dieser Einspielung mit einem homogenen, geschmeidigen Streicherklang einfühlsam dargeboten. Es wird sehr langsam gespielt (man nähert sich Karajans Rekordzeiten an) und es wirkt deprimierter als sonst. Das Tempo fordert seinen Tribut.
Der Klang der Aufnahme erscheint recht klar und räumlich, jedoch wenig brillant. Das Orchester wirkt etwas entfernt, relativ wenig impulsiv und wenig lebendig.
4
Ola Rudner
Württembergische Philharmonie Reutlingen
Antès
2013
16:00 17:11
Der Schwede Ola Rudner war Konzertmeister des Orchesters der Wiener Volksoper, der Wiener Symphoniker und der Camerata Salzburg. Anschließend wurde es Assistent von Sándor Végh. Seine Karriere als Dirigent brachte in nach Australien (Tasmanian Symphony Orchestra (2001-2003), nach Bozen (Haydn-Orchester) (2003-2007) und nach Reutlingen zur Württembergischen Philharmonie (2008-2016).
Das Tempo und die differenzierte Spielweise lassen die „Morgenstimmung“ zwischen beschaulich und hellwach pendeln. Das Orchester verfügt über gute Holzbläser-Solisten (Flöte und Oboe) und homogen aufspielend Streicher.
„Ases Tod“ könnte sonorer und „tiefer“ klingen, denn man hört die Violinen meist laut, die Celli und Bässe dagegen meist zu schwach, obwohl Grieg dieselbe Lautstärke vorgibt. Das gelingt anderen zuweilen besser. Um nur eine Aufnahme zu nennen: Blomstedt in Dresden. Die Dynamik wirkt ansonsten angemessen nuanciert. Das Tempo erscheint sehr langsam gewählt, sodass sich in unseren Ohren der Satz vor allem gegen Ende etwas dahinzieht. Gut gelingt das Morendo, es verschwindet wie im Nichts.
„Anitras Tanz“ wirkt etwas schwunglos, wenn nicht gar zaudernd oder lustlos. Es fehlt jedoch nicht an Nuancen, doch eher am tänzerischen Impetus. Eilig hat es diese Anitra zumindest nicht. Vielleicht ist sie anscheinend noch mit dem Plan beschäftigt, wie der Lustmolch Peer am besten zu bestehlen ist? Rein musikalisch wirkt ihr Tanz allen wenn oder aber zum Trotz zu getragen.
„In der Halle des Bergkönigs“ hält sich die Dynamik in Grenzen. Das Schlagwerk wird von den Piatti dominiert, die das ganze Orchester überdecken. Der Satz kommt erst zum Schluss richtig in Fahrt.
Im „Brautraub-Ingrids Klage“ nehmen die Piatti (Becken) einen zu breiten Raum ein. Im Allegro furioso kleibt ihr Klang zu lange „stehen“, d.h. er schwingt zu lange nach. ¼ Note müsste ihm genügen. Das passiert übrigens nur bei Ola Rudner. Die Klage erklingt sehr langsam und weinend-larmoyant.
Im „Arabischen Tanz“ wird das marschartige Herbeikommen der Janitscharen-Musikanten deutlich und wir hören gut gelungene Tempoübergänge mit fein abgestimmten Rubati. Der Tanz wirkt ansprechend rhythmisch und lebendig. Er gefällt besser als „Anitras Tanz“, der übrigens im Schauspiel gleich anschließend folgen würde.
„Peers Heimkehr“ wirkt nur solide, das wäre mehr agitato wünschenswert und ein fetzigeres fff.
Im „Solveigs Lied“ werden die f und ff (ben tenuto) kaum beherzigt, sodass das Schmerzhafte in der Melancholie etwas zu kurz kommt. Insgesamt klingt der Satz zwar gut, er wirkt jedoch eintönig. Wie bei fast allen Einspielungen hören wir kein Glissando.
Der Klang der Aufnahme wirkt offen und transparent, auch wenn es mal lauter wird. Er wirkt jedoch nicht ganz so frei im Hochton, wie man es von einer Aufnahme von 2013 erwarten könnte, sondern leicht gepresst. Daran gewöhnt man sich aber eher, als wenn der Klang „überbrillant“ wäre. Der Klang wirkt nur wenig dynamisch und dabei wenig griffig, ausgewogen und sauber, aber nur wenig glanzvoll.
4
Mark Ermler
Royal Philharmonic Orchestra London
Tring, Membran, Collins, Brilliant, Regis, Alto
1993
15:18 17:01
Diese Einspielung entstand in der All Saints Church, Petersham in Surrey. Der Dirigent war jahrzehntelang Dirigent am Bolshoi-Theater in Moskau. Man könnte annehmen, dass es sich bei der Einspielung um ein besonderes Juwel handelt, da sie schon unter so vielen verschiedenen Labels herausgebracht wurde, aber uns hat sie eigentlich nicht besonders gut gefallen.
In der „Morgenstimmung“ wechseln sich ziemlich impulsive und ein wenig klotzige Passagen mit ruhig-einheimelnden ab. Ins Träumen kommt man so kaum.
„Ases Tod“ wird zu einseitig auf den Klang der Violinen ausgelegt, wodurch er hell und wenig sonor klingt. Eine profunde Grundierung im Keller des Orchesters wäre einer Trauermusik angemessener. Eigentlich ist es ja gar keine Trauermusik, sondern eine „Sterbemusik“, denn wir sind bei Ases Tod unmittelbar dabei. Trauer ergäbe sich ja nicht bereits vorher. Da bespricht sie noch angeregt mit Peer dessen Phantasiegeschichten. Die tiefen Streicher bleiben hier leider blass und unterbelichtet. In der Dynamik wird ordentlich differenziert. Die zweite Hälfte des Satzes klingt ausdrucksvoller, da wäre Ase im Schauspiel bereits gestorben.
In „Anitras Tanz“ lässt man „süß“ fließende Rhythmen hören, angereichert mit einem gewissen lasziven (Hüft)Schwung. So klingt der Satz insgesamt etwas pointierter als im Gros der Einspielungen. Der Streicherklang des RPO kann hier gefallen, die rechte Seite des Klangbilds erscheint jedoch immer benachteiligt. Manches Orchester sollte einmal über seine Aufstellung nachdenken. Zumindest in reinen Tonaufnahmen, wenn der optische Eindruck als unwillkürliche Korrekturmaßnahme fehlt, wirkt der Klang oft unnötig schlecht ausbalanciert.
Die „Halle des Bergkönigs“ wird schon zu Beginn recht laut beschallt, von p und pp keine Spur. Bei der dynamischen Steigerung wird der Klang schnell lärmend und er lässt dann an Deutlichkeit zu wünschen übrig.
Erfreulicherweise klingen die Streicher bei „Brautraub-Ingrids Klage“ deutlich dunkler. Die Violinen könnten allerdings noch seidiger klingen. Es kommt sogar etwas Rubato ins Spiel (das erste Mal in Ermlers Darbietung). Das Allegro furioso klingt kraftvoll.
Bei „Peers Heimkehr“ kann die Darbietung den Durchschnitt überragen. Das wirkt dringlich, akzentuiert, stürmisch und sehr dynamisch. Das Blech wird ordentlich herausgefordert und es liefert! Viel besser als in der Halle des Bergkönigs.
„Solveigs Lied“ klingt fließend und ausdrucksvoll.
Diese Aufnahme lag uns zwei Mal vor. Die Membran-Version, die man zudem auch als SACD nutzen kann klang dabei offener, transparenter und mit genauer ortbaren Soli als die Brilliant-Version. Auch weicher, voller und runder, obwohl nur als CD gehört. Aber auch sie klang räumlich etwas eng. Das würde sich als Multi-Channel-SACD gehört wahrscheinlich ändern. Das Holz wirkt etwas vorgezogen und daher deutlicher als üblich. Dennoch kam der Klang nicht an ältere Aufnahmen heran z.B. mit Andrew Davis von 1975 oder an Antal Dorati von 1958.
3-4
Maurice Abravanel
Utah Symphony Orchestra
Vox
1975
12:14 15:48
Diese Aufnahme entstand im Salt Lake Tabernacle in Salt Lake City. Wir hörten eine ältere und wie sich herausgestellt hat ziemlich schlechte Überspielung auf CD unter dem Namen „Große Komponisten und ihre Musik“. Die neue Überspielung von Vox „Audiophile Edition“ klingt hörbar viel besser. Entscheidend viel besser.
Die „Morgenstimmung“ wirkt zügig, leicht, recht zart und gefühlvoll. Die Oboe durchbricht mit ihrem kläglichen, „nasal“ verfärbten Klang jede Stimmung, egal welche sich aufgebaut haben mag. An der dynamischen Differenzierung des Orchesters gibt es nichts auszusetzen.
Mängel des Orchesters werden bei „Ases Tod“ deutlicher. Die Streicher klingen spröde und nicht vollkommen homogen. Sie könnten auch dunkler und ausdrucksvoller klingen. Der zügige Grundpuls neigt sogar dazu, dem Satz eine gewisse Oberflächlichkeit mitzugeben. Das wäre, wenn man die Musik als Schauspielmusik verfolgen würde zu dem Satz ganz nicht mal unpassend. Aber es handelt sich jetzt um ein reines Instrumentalstück und da wirkt die Musik nun doch sehr leichtgewichtig.
In „Anitras Tanz“ wird der Triangel-Klang nicht überzogen aber doch deutlich herausgestellt. Das ist sicher richtig, denn Grieg schrieb die Triangel-Stimme unter die der Streicher, normalerweise stehen die Schlaginstrumente darüber. Die Streicher spielen beweglich wirken aber grenzwertig dünn besetzt (daher vielleicht auch die mangelnde Homogenität).
In der Halle des Bergkönigs steigern die Fagotte die Lautstärke von pp aus, das kommt bei Abravanel sehr gut heraus, denn sie liegen offen vor uns, die beiden Fagottstimmen. Das ff in piu vivo könnte wohl noch etwas aufgepeitschter wirken. Einen langen Nachhall, einer echten Bergkönig-Halle würdig, gibt es glücklicherweise nur nach dem Schlussakkord zu hören.
„Ingrids Klange“ könnte dem Sujet gemäß existenzieller berührt klingen.
Der „Arabische Tanz“ wirkt recht kontrastreich, obwohl er dynamisch begrenzt und nicht ganz ausgespielt wirkt (bei unserer CD). Dennoch ist der Eindruck apart.
„Peers Heimkehr“ könnte dynamisch erheblich kontrastreicher klingen. Auch das Agitato im Allegro wirkt allzu moderat. Vor allem beim fff müsste das Orchester mehr zeigen.
„Solveigs Lied“ erhält ein fließendes Tempo. Bei der Oktavierung der Stimme der 1. Violinen zeigen sich Intonationsprobleme. Da wird es deutlich, dass noch nicht alle Orchester in den 70er Jahren schon den heutigen Stand erreicht haben.
Die Violinen scheinen uns auch das Hauptproblem zu sein, um einen besseren Gesamtklang zu erreichen, aber dem ganzen Orchester fehlt Glanz, Fülle, Sonorität, er wirkt (auf unserer CD) etwas ausgedünnt. Teilweise klingt es jedoch auch frisch und unverdrossen. Der Zauber der Musik hat in dieser Einspielung jedoch im Klang Patina angesetzt.
So klingen insbesondere die Violinen nicht frei (was in der Vox Audiophile Edition komplett verschwunden ist, stattdessen klingen sie voller, weicher und freier) und bisweilen leicht gepresst (auch das ist in nach dem „audiophilen“ Remastering verschwunden). Sehr transparent und räumlich klingt auch unsere CD bereits. Allerdings könnte das ganze Orchester sonorer und brillanter klingen (auch das löst die „Audiophile Edition“ ein). Die Staffelung war sogar in unserer Billigpressung schon durchaus überzeugend.
3-4
Richard Krauss
Bamberger Symphoniker
DG
1958
14:30 16:20
Richard Kraus (1902-1978) zählt wohl auch unter musikbegeisterten Kennern zu den vergessenen Dirigenten der Vergangenheit. Er war, um nur seine späteren Chefpositionen zu nennen, 1937-44 Chef in Halle (Saale), dann in Düsseldorf, 1948-1956 Chef in Köln (Oper), 1954-1961 in Berlin (Deutsche Oper), 1963-1969 in Herford (Nordwestdeutsche Philharmonie). Leider leidet die Aufnahme unter einer auch in Anbetracht des Alters für DG-Verhältnisse unterdurchschnittlichen Klangqualität. Wir haben zwei verschiedene CDs (beide aus der „Resonance“-Reihe) getestet, es handelt sich leider um keinen individuellen Fehler.
Die „Morgenstimmung“ wirkt ruhig und mit einem gewissen Espressivo versehen.
„Ases Tod“ wird geprägt von hellen und leider auch gepresst klingenden Violinen, noch deutlicher als bei unserer schlechten Billigpressung der Aufnahme mit dem Utah Symphony unter Maurice Abravanel. Es ist nicht anzunehmen, dass der Grund dafür beim Orchester selbst liegt, das hatte bereits 1958 ein sehr beachtliches Niveau erreicht und konnte mit den besten Deutschlands mithalten. Ihr Chef Joseph Keilberth nahm damals für Telefunken auf, da könnte man es ebenfalls überprüfen. Und auch bei der DG klang es mit Grieg bereits einige Jahre zuvor (noch in Mono-Technik) besser ausbalanciert (mit Otmar Suitner). Man hört, dass gut gesteigert wird und das Tempo angemessen ist.
Bei „Anitras Tanz“ klingen die Violinen besser (die Sordine lindert die größte Not), die hätten wir bei „Ases Tod“ jedoch ebenfalls bereits hören müssen. Der gepresste Klang stellt sich nun erst im f ein. Der Triangel erklingt ebenfalls nicht ganz verzerrungsfrei.
„In der Halle des Bergkönigs“ macht das Orchester einen guten Eindruck, auch klanglich. Man bietet gutes Crescendo und ein wirksames Stretto. Leider verabschiedet sich im f und ff die Transparenz.
In „Brautraub-Ingrids Klage“ bieten die Bamberger unter Richard Kraus eine wahrhaft furiose kurze Raubszene. Der Klageteil erklingt sehr expressiv, klanglich leider wieder unterdurchschnittlich.
Der „Arabische Tanz“ wirkt beschwingt, rhythmisch akzentuiert und sportlich ambitioniert; also weniger von tänzerischer Verführungskunst geprägt.
„Peers Heimfahrt“ zeigt Sinn für Tempo und Drama. Das klingt stürmisch, sozusagen mit hoch spritzender Gischt und damit verbunden schlechterer Sicht. Hätte man das Geschehen nur aufnahmetechnisch sauberer eingefangen.
Leider und das kann nun nicht mehr überraschen ist auch „Solveigs Lied“ besonders vom Klang der Violinen beeinflusst. Ihnen haftet erneut eine Tendenz zum Schrillen an, auch mit der Sordine. Tempowahl und Ausdruckshaftigkeit hätten gut gepasst zu „Solveigs Lied“.
Die Aufnahme wirkt sogar sehr räumlich, gerade wenn man das Aufnahmejahr mit ins Kalkül zieht. Und meist klingt es auch sehr transparent. Das Holz erklingt komplett links von der Mitte, was leider für die Streicher ebenfalls gilt. Ab f und ff geht es allerdings mit der Transparenz rapide bergab. Dass der Klang zu hallig ist wird nur bei lauteren Passagen negativ auffällig. Die Violinen klingen ab f und erst recht im ff stark gepresst. Angesichts dieser Misere muss man sich wundern, dass es bis 1971 gedauert hat, bis sich die DG durchgerungen hat, eine Neuaufnahme ins Rennen zu schicken. Dann jedoch gleich mit ihrem besten „Zugpferd“: Herbert von Karajan. Die 58er Aufnahme hat zahllose Neuauflagen erlebt als ob nie was Negatives aufgefallen wäre. Vielleicht klang sie zu LP-Zeiten noch besser?
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Odd Grüner-Hegge
Oslo Philharmonic Orchestra
RCA, Camden, Maestro, Pickwick
1958
14:35 17:18
Diese Einspielung, es ist eine der ganz wenigen, bei denen sowohl der Dirigent als auch das Orchester aus Norwegen kommen (die zweite ist die von Ole Kristian Ruud mit den Bergener Philharmonikern), scheint den Sprung ins CD-Zeitalter nicht geschafft zu haben. Leider haben wir als einzige Quelle, in der uns die Aufnahme verfügbar war, eine katastrophale Digitalisierung einer alten, sich offenbar in einem ebenso katastrophalen Zustand befindlichen Stereo-LP vorgefunden. Das wäre normalerweise Grund genug gewesen, die Produktion nonchalant zu übergehen und kein Wort über sie zu verlieren, wenn manch ein älterer Musikfreund nicht der Meinung wäre, dass dies nach wie vor die beste Einspielung von allen wäre. Sie wurde von RCA als „Living Stereo“ in Norwegen eingespielt und sie trat damit zur Einspielung mit Arthur Fiedler in direkte Konkurrenz im eigenen Haus. Die entstand nur ein Jahr vorher in Boston. Odd Grüner-Hegge war Chef der Osloer Philharmoniker von 1931-33 und von 1945-62. Es soll mit ihm auch noch eine Monoaufnahme der Schauspielmusik (oder vielmehr von 13 Ausschnitten daraus auf zwei LP) aus dem Jahr 1951 ebenfalls mit den Osloern jedoch in London aufgenommen geben. Da singt Eva Prütz die Rolle der Solveig und Alfred Maurstad spricht Peer Gynt. Sie wurde auf Mercury Records veröffentlicht und es soll sie heute noch bei Forgotten Records geben. Auf diese Aufnahme hatten wir jedoch keinen Zugriff.
Die „Morgenstimmung“ lässt ein Orchester von guter Qualität hören. Der Gestus wirkt durch das Tempo eigentlich ruhevoll, durch die Dynamik jedoch durchaus durchpulst und expressiv.
Hinter den zahlreichen Störgeräuschen der alten „Living Stereo“ lässt sich bereits ein wunderbar weicher und sehr schön abgerundeter Streicherklang mit der Sordine hören. Es wird soweit erkennbar dynamisch fein abgestuft. Es muss eine sehr seltene LP gewesen sein, wenn man zum Zwecke der Digitalisierung auf ein dermaßen zerstörtes Exemplar zugreifen musste. Eigentlich können wir nur Annäherungswerte an das tatsächlich aufgenommene hören.
„Anitras Tanz“ klingt räumlich, geheimnisvoll und reich differenziert. Ein Genuss zuzuhören ist aber auch dieser Satz nicht. Teils wurde die LP anscheinend auch noch „blind“ überspielt, denn es hört sich so an, als hätte sich auch noch eine Menge Staub vor dem Abtastdiamanten angesammelt, ohne dass man es bemerkt hätte. Außer der optischen Kontrolle mangelte es bei der Überspielung allerdings auch an der akustischen.
„In der Halle des Bergkönigs“ geht es recht geschwind zu, die Beschleunigung gelingt Grüner-Hegge atemberaubend mit viel Energie. Ob die vorgelegte Rasanz beim Finale konkurrenzlos ist, müssen wir mal offenlassen. Aber aus diesem Satz könnte die Bewunderung herrühren, die man verschiedentlich noch immer hören kann, wenn es um diese Aufnahme geht. Es bruzzelt, schleift, knarzt und scheppert so doll, dass man sich ganz schön zusammenreißen muss, um „am Ball“ zu bleiben.
Auch in Oslo 1958 klingt das Allegro furioso in „Brautraub-Ingrids Klage“ heftig aufgepeitscht. Das klagende Andante so langsam, dass es schon Richtung Adagio geht. Der Klang wirkt zunächst dunkel getönt, dann hell, leider fast schrill. Der Effekt geht wieder von den Violinen aus, es handelt sich jedoch nur um eine weitere Spielart der arg ramponierten Plattenoberfläche.
Beim „Arabischen Tanz“ können wir nur eine schön hervorgehobene Cellolinie als Besonderheit mitteilen, die man nicht in jeder Einspielung so schön deutlich hört. Ansonsten decken wir mal besser den Mantel des Schweigens über unser Hörabenteuer. Die „Heimkehr“ erreicht lange nicht die Heftigkeit, die wir in der Halle des Bergkönigs verspürt haben.
„Solveigs Lied“ erreicht Karajansche Langsamkeit, wirkt aber bei Grüner-Hegge wie selbstvergessen.
Wir vermuten, dass es sich bei der Einspielung tatsächlich um eine sehr gut gelungene handelt und dass eine Veröffentlichung auf Tonträger oder File direkt vom Masterband in der noch verbliebenen Fangemeinde auf offene Ohren treffen würde. Die Aufnahme des Klavierkonzertes mit Kjell Baekkelund am Flügel, dem Oslo Philharmonic unter Odd Grüner-Hegge hat es ja auch schon auf allerlei Auflagen im Digitalzeitalter gebracht und die stammt von 1959.
Die Bewertung erfolgt außer Konkurrenz, da wir uns manch ein Detail „zusammenreimen“ musste, sozusagen aus dem Kontext erschließen. Die LP war von miserabler Qualität, sodass die Musik zumeist nur verzerrt hörbar war. Knackser und beständiges Rauschen und ein Sammelsurium an Störgeräuschen verunzierten darüber hinaus. Die Platte wurde nicht gepflegt oder in Heimarbeit mit dem Waffeleisen selbst gepresst. Eigentlich hätte sich angesichts des Totalschadens eine Digitalisierung für die Nachwelt von selbst verboten. Der legendäre Ruf hat uns jedoch veranlasst wie bei einer Schatzsuche auch Trümmer mit Schrott zutage zu fördern.
Eine „Living Stereo“ klingt ja eigentlich, wenn gut erhalten: groß, kraftvoll, reichhaltig, räumlich, offen, klar, ganz besonders präsent und vor allem auch mit einem satten, straffen und klaren Bass.
21 Suiten zusammengestellt aus Gesamtaufnahmen (GA) der Schauspielmusik und aus Highlight-Zusammenstellungen (H) aus der Schauspielmusik. Mit dem Vorteil an der mit Chor, Sängerinnen und Dialogen angereicherten Besetzung zu partizipieren. Wir beschränken uns bei der detaillierten Betrachtung auf die acht Sätze der von Grieg zusammengestellten beiden Suiten.
5
Herbert Blomstedt
Sächsische Staatkapelle Dresden
Taru Valjakka, Edith Thallaug, Rundfunkchor Leipzig
EMI, Eterna
1977
14:47 16:43
H
Diese Produktion bietet 12 Titel aus der ca. 26 Titel umfassenden gesamten Schauspielmusik. Die Produktion entstand noch zu LP-Zeiten. Das beschränkt die Anzahl der gebotenen Sätze auf die gängige Spielzeit des Mediums. Zu Zeiten der CD kam eine höhere Anzahl zum Zuge. Unsere Bewertung bezieht sich ausschließlich auf die acht Stücke, die man in den beiden von Grieg selbst zusammengestellten Suiten findet. Die Anzahl der Stücke hatte also keinen Einfluss.
Diese Einspielung entstand 11 Jahre vor der GA, die Herbert Blomstedt in San Francisco für Decca einspielte. Neben dieser GA hat man bei Decca zudem die originalbesetzten Suiten (also ohne Chor und Sänger) aus San Francisco herausgebracht. Aus Dresden gab und gibt es die originalen Suiten nicht auf EMI- oder Eterna-Tonträger. Da muss man schon selbst Hand anlegen.
Die „Morgenstimmung“ erklingt in Dreden zügiger als 1988 in San Francisco. In Dresden klingt es weniger pastoral-beschaulich, vielmehr kontrastreicher, lebendiger und leidenschaftlicher in Dynamik und Ausdruck. Von diesem beginnenden Tag scheint man sich viel erwarten oder erhoffen zu können. Der Klang wirkt sofort fülliger, wärmer und nicht so hell als in SF. Man könnte sich in den Dresdner klang sofort verlieben, wenn man kein neutraler Beobachter sein müsste. Das Orchester spielt jedenfalls in Topform. Vielleicht hat man in Kalifornien ganz andere Vorlieben als in Dresden, das wäre völlig in Ordnung.
In „Ases Tod“ hören wir dann den dunkel timbrierten, fülligen, matt glänzenden Streicherklang der Dresdner in Reinkultur. Wunderbar homogen, sonor und singend. Ruhevoll und tiefgründig. Dunkel timbriert passt der Klang besser zu diesem Satz als der helle, sonnendurchflutete Klang aus Kalifornien, zumindest einmal in unseren Ohren. Das Tempo wird nicht gedehnt.
In „Anitras Tanz“ sind es die reichhaltigen Valeurs, die das Orchester zusätzlich mit einbringt gegenüber der 88er Decca-Einspielung. Der Klang bietet nun eine besondere Lebendigkeit und der dunkel-timbrierte Klang, an dem sich natürlich nicht viel geändert hat, außer dass er von einem Triangelo aufgehellt wird, wirkt wunderbar weich und transparent, ganz besonders sinnlich und verführerisch, schon alleine der Orchesterklang. Als ob da noch jemand dazu tanzen müsste…
„In der Halle des Bergkönigs“ geht es sehr klar (man hat sich von der Satzüberschrift nicht zu einem halligen Klangbild verführen lassen), sehr akzentuiert und spannend zu. Crescendo und stretto wirken sich poco a poco aus. Dann kommt der sächsische Chor dazu. Ein herausragender Chor, der die Trolle noch ätzender, zugespitzter und deftiger singen lässt als die Amerikaner in San Franciso. Leider gibt es in Dresden keine Dialoge zwischen den beiden Töchtern des Königs und des Königs selbst. Die wollen dem liebestollen Peer, der sich anscheinend erfolgreich einer der beiden Troll-Töchter zu sehr genähert hat, nämlich gekocht oder roh ans Fleisch. Das bringt – man kann es sich denken – noch mehr Dramatik in den Ablauf des kurzen Satzes. Aber auch die singenden Sachsen des Chores verdienen sich unbedingt eine 1*. Bei diesem Satz sollte man nicht an Pegel sparen.
„Brautraub-Ingrids Klage“ ist orchestral beeindruckend gestaltet. Die Pauke spielt furios, super dynamisch. Das Orchester lässt sich von seinem Dirigenten hörbar stärker herausfordern als die amerikanischen Kollegen. Und die Dresdner sind in Spendierlaune.
„Anitras Tanz“: Da wird das Vivace des Allegrettos bestens umgesetzt. Hier gesellt sich ein Frauenchor hinzu, die Damen des Rundfunkchors, sehr homogen, sehr dynamisch und kraftvoll, rhythmisch, aber auch sehr leise, wenn erforderlich. Der Mezzo von Frau Thallaug, die Anitra ihre Stimme leiht ist gegenüber der Rollenbesetzung in San Francisco eine Klasse für sich, wenn man was für „nordische“ Stimmen übrighat. Aber auch idiomatisch ist sie ihrer Kollegin überlegen.
„Peer Heimkehr“ erklingt temperamentvoll, sehr kraftvoll, mit strahlendem Blech und auch im fff vollkommen klar und deutlich in allen Stimmen. Es gibt hier einen abrupten Schluss ohne ritardando, denn den Ritardando-Schluss hat Grieg eigens für die Verwendung des Satzes in der Suite hinzukomponiert.
„Solveigs Lied“ wird von Toru Valjakka gesungen. Ebenfalls sehr tonschön und idiomatisch, aber nicht unbedingt „besser“ als Frau Häggander in San Francisco. Ihr wunderbar voll klingender Sopran schwebt aber wunderbar strahlend und körperhaft über dem Orchester, das gelingt dem Decca-Technik-Team nicht so glänzend wie den Technikern des VEB Deutsche Schallplatten. In SF steht Frau Häggander vor dem Orchester und wirkt doch eher „nur“ zweidimensional. Das Orchester spielt seinen Part reich an Valeurs, tiefgründig und ausdrucksvoll.
Der Klang der Aufnahme wirkt sehr räumlich, sehr klar, wunderbar präsent, offen, weich und körperhaft, sonor und tiefgründig. Wir hören hier mit den besten VEB-Klang der Analog-Ära. Sehr dynamisch, üppig und sinnlich. Der gewiss nicht schlechte Decca-Klang wird in diesen Kriterien deutlich übertroffen. VEB-Tonmeister Claus Strüben fällt immer wieder durch gekonnte an der Musik orientierte Arbeit auf.
5
Sir Thomas Beecham
Royal Philharmonic Orchestra London
Ilse Hollweg, Beecham Choral Society
EMI, auch als HQXRCD
1957
16:11 17:19
H
Diese Produktion bietet 10 Titel aus der Schauspielmusik, also nur zwei mehr als die beiden Suiten. Sie galt nichtsdestotrotz über Jahrzehnte als Referenzaufnahme, die nur von der Einspielung Barbirollis erreicht, aber nicht überflügelt werden konnte. Das können wir durchaus bestätigen, wenngleich mittlerweile noch ein paar Einspielungen mehr zu diesem Niveau aufgeschlossen haben und besonders aufnahmetechnisch vorbeigezogen sind. Es sind ja nun auch bereits fast 70 Jahre her, seit die Welt die Einspielung von Sir Thomas kennenlernen durfte.
Die „Morgenstimmung“ wirkt sehr stimmungsvoll, sehr expressiv, kontrastreich und gespannt. Ein nicht zu leugnender Nachteil: Die Oboe, die (neben der Flöte) eine wichtige Funktion als Soloinstrument in der „Morgenstimmung“ zu erfüllen hat, klingt noch dünn, hart und starr.
„Ases Tod“ klingt ganz besonders sanft, leise und zurückgenommen, sehr zart, im Klang aber bemerkenswert dunkel. Das langsame Tempo lässt in diesem Fall den Ausdruck noch inniger werden. Die Zeit scheint fast angehalten, sodass nur noch Gefühl übrigbleibt.
„Anitras Tanz“, von den sehr homogen und sinnlich aufspielenden Streichern des RPO dargeboten, lässt die in den Fokus gerückte tanzende Prinzessin sehr verführerisch und lasziv wirken. Vom Tempo her auf der langsamen Seite, wird die gewonnene Zeit für ein Mehr an Raffinesse genutzt. Fast schon bedächtig. 1957 war Exotik ein noch unbelasteter Begriff, der im Nord- oder Mitteleuropäer Sehsüchte nach dem Unbekannten, Verführerischen wecken konnte. Und der Tanz durfte noch unverblümt exotisch wirken.
Die Musik „In der Halle des Bergkönigs“ strotzt nur so vor Druck und Schmackes. Sir Thomas zieht das Tempo an, steigert mit Elan und Dynamik. Der Chor der Trolle klingt mächtig, schlägt sozusagen prall zu. Die Gran Cassa klingt prachtvoll, Vor allem von der XRCD. Ein Einwand gibt es allerdings: Der Chor könnte transparenter klingen, zudem wirkt es so als wäre er nur auf der linken Seite platziert, was übrigens auch für das Orchester gilt. Daran ändert die XRCD nichts. 1957 konnte man vielleicht noch nicht alle Finessen der Stereotechnik erwarten.
Bei „Brautraub-Ingrids Klage“ wird das gewünschte Allegro furioso glaubhaft umgesetzt. Entweder schildert Grieg hier ganz kurz den gewalttätigen Brautraub selbst oder aber die kaum weniger schreckliche Erinnerung Ingrids daran. Es klingt sehr wütend oder mächtig aufgeregt. Oder eben wie Grieg meinte Peers Meinung zu Ingrid: Scher dich zum Teufel“. Die Situation könnte kaum aufgeladener sein, die arme Frau sich kaum mehr aufbäumen. Das Andante doloroso bringt erneut die Betonung der tieferen Streicher, was zudem bedeutet, dass die Violinen etwas zurückhaltender agieren müssen. Ein großes Lamento, intensiv, ausweglos und traurig.
Der „Arabische Tanz“ lässt wieder die tiefe, kräftige Gran Cassa spüren. Der Frauenchor wirkt dominant. Er kommt wie die Männer in der Halle des Bergkönigs nur von links. Anitra als Solostimme tritt bei Sir Thomas nicht auf, aber der Chor wird an diesen Stellen ausgedünnt. Übrigens: Der Chor singt ziemlich robust und deutsch! Und auch bei Barbirolli wird das wieder so sein. Daran lässt sich sehen, wie viele Musikliebhaber es einmal im Land der Dichter und Denker gegeben haben muss, mit denen bei der Produktion als Käufer gerechnet werden konnte. Von englischsprachigen Versionen dieser britischen Produktionen ist uns nichts bekannt. In der Halle des Bergkönigs hat man ebenfalls deutsch gesungen, aber bei den Männern war davon nichts zu verstehen. Den Trollen kann man das wohl nachsehen.
„Peers Heimkehr“ bekommt das Allegro agitato, das ihr zusteht. Sehr temperamentvoll und aufgewühlt, impulsiv, jedoch im Tempo gezügelt. Wir hören erneut kein Ritardando, wie in der Suite. Es wurde von Grieg eigens für die Suite komponiert um den Übergang zu „Solveigs Lied“ nicht zu hart erscheinen zu lassen. Die Oboe beim RPO klingt genauso wie beim Philharmonia, da gab es möglicherweise eine Aushilfe.
Ilse Hollweg singt „Solveigs Lied“ ebenfalls deutsch und zwar außerordentlich deutlich, viel deutlicher als Sheila Armstrong bei Barbirolli. Sie ist ja auch Muttersprachlerin, obwohl das heute keine Garantie für deutliche Aussprache wäre. Ihr Sopran klingt klar, voll, höhensicher und weich. Absolut wundervoll. Man fragt sich, wie Peer sie so lange wartend alleine lassen konnte. Phantastischer Streicherklang des RPO.
Die EMI-Pressung aus der Reihe „Great Recordings oft he Century“ rauscht sogar weniger als die japanische HQXRCD. Aber wie so oft beim Entrauschen alter Analogaufnahmen geht etwas Flair mit über Bord. Es klingt etwas dünner, weniger farbig und weniger körperhaft. Für den einen sind das marginale Überschiede, für den anderen sind sie substanziell. Bei beiden Pressungen kommt die Flöte ganz genau aus derselben Quelle wie die Oboe, die Streicher kommen komplett von links, das Holz ebenfalls nur von weiter hinten. Das passiert auch noch bei viel neueren Einspielungen, eine grobe Nachlässigkeit, wenn wir von unserem Sinn für Balance und Proportion ausgehen. Sollte man das Orchester wirklich so aufgestellt haben? Die teure HQXRCD wirkt offener, dynamischer, etwas voluminöser, brillanter und fülliger. Die Violinen nicht mehr auch nur ansatzweise gepresst. Im Ganzen klingt es jetzt weicher und räumlicher. Die Präsenz ist in beiden Versionen gut, das Blech klingt markant, die große Trommel fulminant. Ein audiophiler Überflieger wird die alte Aufnahme auch in der aufwendigen Pressung nicht, wenngleich sie besser klingt als je zuvor.
5
Sir John Barbirolli
Hallé Orchestra, Manchester
Sheila Armstrong, Patricia Clarke, Ambrosian Singers
EMI
1969
15:42 17:08
H
In dieser Einspielung werden aus der Gesamtaufnahme 12 Sätze ausgewählt. Immerhin schon zwei mehr als bei Sir Thomas.
In der „Morgenstimmung“ herrscht (außer bei der Oboe) Wärme vor. Es klingt ruhig und differenziert, sehr gefühlvoll und elegant. Man spürt ein hohes Maß an Empathie, an „Herzenswärme“, die wir bereits in Barbirollis Sibelius-Einspielungen bemerken konnten.
In „Ases Tod“ wird der Charakter einer Trauermusik, hier ist sie ja eigentlich eher die Musik zur „Sterbebegleitung“ gut getroffen. Die Streicher erreichen nicht ganz die sonore Fülle der Dresdner Staatskapelle, das Spiel kommt aber von Herzen und trifft auch ins Herz. Das besonders langsame Tempo unterstreicht die Verlorenheit, die Peer dann vielleicht doch unter seiner seltsamen Oberfläche verspürt, als er den Tod seiner Mutter bemerkt. Leise bewegt. Der Schluss des Satzes gelingt Sir John dunkel und eindrücklich ohne Vibrato morendo.
In „Anitras Tanz“ wird das recht langsame Tempo genutzt um eine gewisse Sehnsucht auszudrücken, ob sie nur vom Betrachter (Peer oder uns, das kann man sehen wie man will) oder von der tanzenden Anitra kommt, das bleibt offen. Die laszive Verführungskraft erscheint ebenfalls unterstützt. Die Sordine bekommt den Streichern des Hallé Orchestra besonders gut. Locker und spannend zugleich.
„In der Halle des Bergkönigs“ gelingt es Barbirolli erneut die Interpretation mit der musikalischen Substanz in Einklang zu bringen. Temperamentvoll und mit Schmackes klingt es bei ihm. Der Chor treibt ordentlich mit an, ist vielleicht ein wenig zu hintergründig positioniert, aber immerhin erklingt er nicht wie aus dem Orchester, wie man es bei einigen anderen Aufnahmen hören kann. Dynamisch bleibt die Einspielung hinter Blomstedt/Dresden zurück, aber nicht in Sachen zuspitzendem Temperament.
„Brautraub-Ingrids Klage“ klingt angemessen sonor und dunkel im Klang. EMI hatte das bei ihren Analogaufnahmen gut im Griff und die drei Dirigenten verstehen es, die Violinen entsprechend dem gewünschten Ausdrucksgehalt zu zügeln. Das langsame Tempo verstärkt den Klagecharakter eindrucksvoll. Auch hier geht die Dresner Staatskapelle mit Herrn Blomstedt noch einen Schritt weiter. Sehr gute Pauken-Crescendi.
Der Frauenchor im „Arabischen Tanz“ klingt zurecht nicht so hintergründig wie die männlichen Kollegen in der Halle des Bergkönigs. Die Damen sind ja direkt vor Ort und ersetzen uns die Ballettdarbietung, die wir im Schauspiel (bestenfalls) ebenfalls noch genießen dürften. Die Zwischenspiele bringt das Orchester schön rhythmisch und mit viel Elan. Patricia Clarke hat bei Sir John die Rolle von Anitra übernommen. Sie wirkt etwas jugendlicher als die etwas schwerere „nordische Stimme“ in der Dresdner Aufnahme von Herbert Blomstedt.
„Peers Heimfahrt“ wirkt bei Barbirolli sehr dynamisch mit einer erfreulich tiefen und mächtigen Gran Cassa, kräftigem Blech und deftigem Schlagwerk. Besonders gefällt auch die schrille Piccoloflöte. Bei Sturm wie bereits erwähnt das Alarminstrument bei tosendem Sturm in der Seefahrt, weil es durch die hohen Frequenzen am besten durchhörbar bleibt. Bei Blomstedt in Dresden wirken die Elemente fast noch dramatischer und gefahrenvoller.
In „Solveigs Lied“ singt Sheila Armstrong ebenfalls deutsch, klar und deutlich phrasiert jedoch nicht mit der Textverständlichkeit von Ilse Hollweg. Sie wird von der Technik weit links außen positioniert, vielleicht um ihre weite Entfernung von ihrem geliebten Peer noch sinnfälliger zu machen. Das Klangbild ist nämlich in dieser Aufnahme viel besser zentriert als bei Beecham. An Lautstärke mangelt es ihr deshalb nicht. Übrigens singt Lucia Popp in der EMI-Aufnahme mit Neville Marriner ebenfalls noch deutsch (1982). Die Solistinnen Bonney (bei Neeme Järvi), Häggander (bei Blomstedt in SF) und Popp werden noch viel weiter nach vorne gezogen, sodass man sich ganz dem jeweiligen Vortrag hingeben kann. Dabei wird das exzellente Orchesterspiel allerdings buchstäblich in die zweite Reihe verdammt. Bei Sir John Barbirolli ist das nicht so.
Die Einspielung wird von Sir John herzlich aber auch streng „durchgezogen“. Sie war eine der allerersten Platten in unserer Sammlung und wie man sieht, schätzen wir sie noch heute und im groß angelegten Vergleich.
Der Klang variiert ein wenig von Auflage zu Auflage und eine ob LP oder CD vorliegt. Wie die Einspielung von Sir Thomas Beecham ist auch die von Sir John aus dem EMI-Katalog nicht wegzudenken und hat daher viele Neueditionen erfahren. Immer klingt es jedoch (mehr oder weniger) voll und körperhaft, auch auf CD warm und dynamisch. Eine aufnahmetechnische Meisterleistung der EMI-Techniker aus den späten 60er Jahren. An die Glanztat aus Dresden kommt sie noch nicht ganz heran, aber der Vergleich mag von Auflage zu Auflage auch mal anders ausgehen. Bei uns klang die Dresdner noch dynamischer, offener, klarer und „saftiger“, auch noch besser gestaffelt.
5
Edvard Gardner
Bergen Philharmonic Orchestra
Ann-Helen Moen, Lise Davidsen, Bergen Philharmonic Chorus
Chandos
2016
14:45 16:31
H
Diese Einspielung aus Griegs Heimatstadt bietet 16 Stücke aus der Schauspielmusik. Man bietet teilweise auch Dialoge an.
Die „Morgenstimmung“ wirkt tatsächlich sehr stimmungsvoll, jedoch lebendiger als üblich. Besonders zu bewundern ist das exzellente Holz des Orchesters in bestem Zusammenspiel.
Bei „Ases Tod“ hat man glücklicherweise auf den Dialog Ase-Peer verzichtet, sodass man durch Peers „Geschwätz“ nicht von der Musik abgelenkt wird. Zudem klingt sie hier klanglich höchstwertig, ausdrucksvoll, doch zurückhaltend und zudem ein wenig akzentuierter als üblich.
„Anitras Tanz“ erklingt als wunderbar abschattierte Preziose, die Musik klanglich fast wie in Watte eingepackt, ganz weich, ja fast „flauschig“, sanftmütig. Noch kein Wässerchen trübend zeigt sich die Tänzerin hier von ihrer verführerischsten Seite.
„In der Halle des „Bergkönigs“ singt der Chor norwegisch, alles andere wäre auch nicht zu verstehen bei einer für den Weltmarkt in Bergen produzierten Einspielung. Aber er erscheint uns trotzdem ziemlich unverständlich zu bleiben (also das, was von der Phonetik übrigbleibt, bleibt dürftig, unabhängig davon, dass wir es sowieso nicht verstehen würden). Die Beschleunigung gefällt sehr gut, das Crescendo gut. Die Gran Cassa ist der Hammer. Der Clou ist jedoch der Dialog der beiden irren, blutrünstigen Troll-Schwestern, die sich an Peer rächen wollen. Der setzt dem ganzen (sowieso schon irren) Treiben auch dramatisch die Krone auf. Das muss man gehört haben.
„Brautraub-Ingrids Klage“: Der Brautraub profitiert (wenn man das so sagen darf) vom aufgepeitschten Allego und von dem mächtigen Pauken-Crescendo. Die Klage klingt zurückhaltender, also weniger schmerzvoll als bei den besten.
Im „Arabischen Tanz“ klingt der Chor weich und homogen. Er befindet sich sehr gut ortbar hinter dem Orchester, da merkt man durchaus einen Fortschritt in der Aufnahmetechnik gegenüber den alten Analogaufnahmen aus den 50er und 60er Jahren von Beecham und Barbirolli. Der Tanz wirkt flexibler gestaltet als üblich. Die Rolle der Anitra ist mit Frau Davidsen mit einer Muttersprachlerin glänzend besetzt. Mit ihrer Stimmfärbung und ihrem Ausdruck erinnert uns Frau Davidsen und der ganze Satz unwillkürlich an Orffs „Carmina burana“. Ob es da tatsächlich Bezüge gibt wissen wir nicht.
Bei „Peers Heimkehr“ legt Mister Gardner ein scharfes Tempo vor, er lässt scharf artikulieren und die Musik dynamisch-aufgewühlt erklingen.
In „Solveigs Lied“ lässt das Orchester einen auch oder gerade mit der Sordine wunderbar weichen, dunklen Streicherklang hören. Ann-Helen Moen lässt in ihrem Lied keine Wünsche offen. Sie singt wie der Chor selbstverständlich in dieser Produktion aus Bergen für den Weltmarkt norwegisch – und sehr empathisch. Mit dem herausragenden Streicherklang wirkt der letzte Satz der Suite ganz bezaubernd. Auf der Highlight-CD würde es noch mit der Geschichte weitergehen. Und sogar noch Griegs Klavierkonzert geboten werden.
Der Klang wirkt ebenso gut wie auf der BIS-Aufnahme, die ein paar Jahre zuvor ebenfalls in Bergen mit Ole Kristian Ruud produziert wurde – mindestens. Sie klingt auch im ff noch sehr transparent und gut gestaffelt. Ebenfalls räumlich, großräumig, weich, abgerundet, vielleicht nicht ganz so voll im Streicherklang. Der Dynamikumfang erfreut, es gibt genug Bassunterstützung, wenn die Musik er erlaubt. Vor allem gelingt auch die Gran Cassa authentisch.
5
Paavo Järvi
Estonian National Symphony Orchestra
Camilla Tilling, Charlotte Hellekant, Ellerhein Girls´ Choir, Estonian National Male Choir
Erato, Virgin, Warner
2004
14:50 16:29
H
In dieser Einspielung, aufgenommen in der Estonia Concert Hall in Tallin, ging man ähnlich vor wie bei Blomstedt in San Francisco und Salonen in Oslo. Man brachte mit 20 Stücken fast die ganze Schauspielmusik auf einer CD unter, verzichtete zu diesem Zweck jedoch auf die Dialoge. Auf Chöre und Gesangstimmen braucht man nicht zu verzichten. Paavo Järvi war in dieser Zeit bereits Musikdirektor in Cincinnati und wurde 2004 gerade Leiter der Deutschen Kammerphilharmonie, eine Position, die er heute nach wie vor auch nach 22 Jahren noch bekleidet.
Die „Morgenstimmung“ wird recht spannend erzählt und sowohl expressiv als auch präzise gespielt. Um die Nebenstimmen wird sich besonders gekümmert, was den Satz reichhaltiger als üblich wirken lässt. Das Orchester überrascht in dieser Einspielung auch unter internationalen Gesichtspunkten mit exzellenter Qualität. Die Bläsersoli klingen allesamt hochwertig, die Streicher und insbesondere auch die Violinen ebenfalls. Dennoch gab es nach dieser Produktion kaum noch weitere mit diesem Orchester, die zumindest einmal in unser Bewusstsein gerückt wären.
Bei „Ases Tod“ finden Järvi und das Orchester seiner Heimatstadt (oder bei ihm würde man besser Geburtsstadt sagen), den richtigen Ausdruck. Dank reichlich Bass- und Cellounterstützung wirkt der Streicherklang besonders dunkel und sonor, auch die Violinen klingen sonor, werden aber im Gesamtklang nicht hervorgehoben. Der Streicherklang wirkt sehr homogen und fast vibratolos, das Tempo sehr langsam. Das Morendo verschwindet langsam im Nichts.
„Anitras Tanz“ hat den Mut, den Triangel deutlich hören zu lassen. Er biedert sich aber nicht an. Die Violinen spielen sanft, jedoch leicht aufgeraut, vielleicht, damit es nicht allzu glattpoliert wirkt. Zum Charakterbild der ambivalenten Prinzessin würde das gut passen. Das Betonen der Nebenstimmen (z.B. der Cellolinie) bricht die Monotonie des Tanzes erfolgreich auf. Die gehörte Laszivität wirkt unaufdringlich; unaufdringlich, so sollte man meinen, wirkt die weibliche Verführungskunst am erfolgreichsten.
„Die Halle des Bergkönigs“ stellt uns in eine tiefe, geheimnisvolle Atmosphäre ein, sowohl räumlich als auch tonal, z.B. durch die tonale Abstimmung der Gran Cassa. Das wirkt mysteriös wie selten einmal. Järvi lässt eine Beschleunigung wie in der Formel 1 hören. Der Chor macht sich prima, aber leider fehlen die Dialoge der keifenden, blutrünstigen Trollschwestern als letztes Element der Spannungssteigerung. Dem finalen Höhepunkt fehlt die letzte Durchschlagskraft.
„Brautraub-Ingrids Klage“ lässt ein zugespitztes Furioso mit gut ausgebildetem Paukencrescendo hören. Es folgt eine groß angelegte Klage, die in ihren Proportionen und in ihrem Ausdruck zutiefst menschlich bleibt.
Der „Arabische Tanz“ bringt den Annäherungseffekt der Janitscharenmusik bestens zur Geltung. Nur durch die Lautstärke, nicht dass die Instrumentalisten durchs Klangbild laufen würden. Der Mädchenchor, den man hier einem Frauenchor vorgezogen hat, wirkt sehr apart und folklorehaft. Er singt aber auch sehr klangschön und intonationssicher. Die Qualität der baltischen Chöre soll auch im Laienbereich exzellent sein. Frau Hellekant wirkt in dieser Umgebung eher etwas zu opernhaft, bringt sich mit der typischen Ausdrucks- und Stimmkraft, ein, die auch in Bayreuth gut ankäme. Es fehlt ihr nicht an Differenzierungskunst bei ihrem kurzen Auftritt, sie bringt aber viel Vibrato mit.
„Peers Heimfahrt“ bekommt ein angetriebenes Tempo, einen vorantreibenden Impetus mit auf den Schifffahrtsweg. Tallin liegt an diesem Tag voll im Sturmzentrum, super dynamisch spielt in jedem Fall sein Staatsorchester.
„Solveigs Lied“ wird von der erlesenen Stimme Frau Tillings veredelt. Das ist reiner Ausdruck, doch auf die Dauer des Liedes gesehen wirkt es ein wenig gleichförmig bzw. eintönig. Wohlgemerkt nur im Vergleich zu den anderen Sängerinnen, die etwas mehr Valeurs mit einbringen, um z.B. die Traumsequenz von der hoffnungsvollen Zuversicht zu unterscheiden. Frau Tillings Solveig ist von A bis Z hellwach und weiß genau, was sie will.
Der Klang der Aufnahme wirkt voll, rund, farbig, breitbandig, großräumig, sehr transparent, sehr räumlich und luftig. Sehr plastisch und gut gestaffelt. Es klingt dynamischer als bei Gardner, Ruud oder Temirkanov. Zu der musikalischen Meisterleistung gesellt sich also auch noch ein meisterhafter Top-Klang.
5
Ole Kristian Ruud
Bergen Philharmonic Orchestra
Marita Solberg, Ingebjörg Kosmo, Korvest (Bergen Vocal Ensemble)
BIS
2003
14:08 16:34
GA
Die Einspielung der Schauspielmusik komplett mit allen Szenen, Dialogen, Musikstücken (29 Tracks auf 2 SACD) entstand zwei Jahre vor der separat vorgenommen Einspielung der Suiten im Jahr 2005. Entsprechend gibt es diverse Unterschiede, wobei die größten natürlich von der Besetzung herrühren. Generell ziehen wir in dieser Einspielung (wie meistens) die acht Sätze aus der GA den acht Sätzen aus den Suiten vor.
Bei der „Morgenstimmung“ verfügt die Oboe nicht über den vollen Klang, den sie in der Suite hören lässt. Generell überzeugt das Bergener Holz jedoch erneut durch seine Exzellenz, die Streicher durch samtenen Klang. Die Musik wirkt zügiger, frohgemuter, freudiger, müheloser, überschwänglicher, bewegter und mit mehr Elan. Nur ein wenig, aber in Summe wird doch eine andere Qualität daraus. Bei uns verfestigte sich der Eindruck, dass die Musiker mit der Beschäftigung der ganzen oder großer Teile aus der Schauspielmusik tiefer in die Ausdruckswelt des Ganzen eindringen, als wenn man nur mal eben die Suiten einspielt. Dieser Eindruck verfestigte sich übrigens über alle Einspielungen hinweg.
Bei „Ases Tod“ wird die Musik durch den Dialog in den Hintergrund verdammt. Sie stirbt während Peer ihr eine (so nehmen wir einmal an) seiner Lügengeschichten erzählt. Er merkt es erst nach langer Verzögerung. Mit Dialog dauert die Szene über sechs Minuten, ohne knapp vier. Auf den Dialog (norwegisch) könnten wir verzichten.
„Anitras Tanz“ wirkt etwas frecher, offensiver, beschwingter als in der Einspielung der Suite. So stellt man sich den Tanz bzw. die Tänzerin etwas gestenreicher und dynamischer vor. Ein ähnlicher Eindruck also wie bereits bei der „Morgenstimmung“.
In dieser Einspielung treffen wir auf eine der allerbesten Versionen von „In der Halle des Bergkönigs“. Es wird ein starker Steigerungsverlauf in Dynamik und Beschleunigung geboten und der Chor bringt eigentlich wie immer viel Drive mit ein, in diesem Fall sehr viel Drive. Das „Schlachtet ihn, Schlachtet ihn“ geht durch Mark und Bein. Auf Norwegisch, aber man weiß auch ohne Übersetzung, was gemeint ist. Als gruselige Kirsche auf dem Sahnehäubchen geben sich dann auch noch zwei besonders verrückte (blutdürstige) Töchter und der endzürnte Bergkönig höchstselbst die Ehre, obwohl der nur wenige Worte von sich gibt, wird jeder Vater ihm nachfühlen können, auch wenn er und seine Tochter keine Trolle sein sollten… Große Klasse!
„Brautraub-Ingrids Klage“ lässt ein toll gesteigertes, extrem furioses Allegro furioso hören. Wie bei der Einspielung der Suiten wird ein sehr starker Kontrast zum Andante doloroso erzielt. Das wirkt sehr ausdrucksvoll und - so wie wir es gehört haben – noch eindringlicher als zwei Jahre später bei der Suiten-Einspielung.
Der „Arabische Tanz“ mit dem norwegisch singenden Chor hört sich für uns noch etwas exotischer an, als wenn englische Chöre deutsch singen. Die Damen des Chores präsentieren junge und frisch anmutende Stimmen, sodass sie die beabsichtigte Exotik des Tanzes vortrefflich unterstützen. Ganz so jung und keck wie der Mädchenchor bei Paavo Järvi wirken sie nicht, dafür gibt es deftiges Orchesterspiel mit viel Janitscharen-Power von der Schlagwerk-Fraktion.
„Peers Heimkehr“ klingt etwas kraftvoller, mit mehr animato und mehr fuoco als 2005 in den Suiten. Packend. Aber mehr Windstärke wäre durchaus noch vorstellbar. Vor allem wenn man bereits in der Halle des Bergkönigs war und gehört hat, was die Bergener können.
Marita Solberg singt „Solveigs Lied“ klar, deutlich (norwegisch), kraftvoll. Makellos intonationsgenau und mit Ausdruck dargeboten. Auch hier fragt man sich: Wie konnte Peer so einen „Hauptgewinn“ nur sooo lange alleine lassen.
Die in der Grieg-Halle in Bergem eingespielte Gesamtaufnahme lohnt sich alleine schon wegen der Stücke 1, 3, 4, 5, 6, 7 und 8, also allen außer „Ases Tod“, egal was da noch an Stücken kommen mag. Und es sind noch so viele Stücke dabei, die sich auf dem Niveau der Musik der Suiten-Auswahl befindet. Also: die Musik einer Gesamtaufnahme sollte man schon einmal gehört haben.
5
Neeme Järvi
Göteborg Symphony Orchestra
Barbara Bonney, Marianne Eklöf, Pro Musica Chamber Choir, Gösta Ohlins Vocal Ensemble
DG
1987
14:17 15:39
GA
Auch bei der Gesamtaufnahme Neeme Järvis bediente man sich zur Veröffentlichung der beiden Suiten aus der Gesamtaufnahme. Man musste jedoch um chor- bzw. solistenfreie Sätze zu erhalten sechs Jahre später ein paar davon nachproduzieren. Generell gefallen uns die Sätze aus der GA besser als die eigens für die Suite produzierten.
Nur die „Morgenstimmung“ wirkt in der 87er Version etwas weniger stimmungsvoll als 1993 in der nachproduzierten Darbietung. Irgendwie fast zu zügig und ein wenig oberflächlich geht man über die Musik hinweg. Das klingt schnörkellos und sehr wenig verträumt. Es fehlt irgendwas. Das Orchesterspiel ist nichtsdestotrotz makellos. Dennoch wollten wir der Sammlung die 5 nicht versagen.
Bei „Ases Tod“ hat man beim betreffenden Track auf den Dialog verzichtet. Deshalb können wir die Musik ungestört auf uns wirken lassen. Der Beginn wirkt noch schlicht, doch schnell wirkt das Spiel inniger, um schließlich wie inständig flehentlich zu wirken. Leider verliert die Musik im Abgang etwas an Spannung.
In „Anitras Tanz“ glänzt der Triangel schön zart. Klanglich wirkt es eigentlich leicht und schwebend, dennoch stellen wir uns Anitra selbst hier weniger verführerisch so als bei Beecham, vielleicht weil es im Vergleich an rhythmischer Raffinesse fehlt. Das läuft alles zu geradlinig ab, ohne mal ein kleines Rubato anzubringen.
„In der Halle des Bergkönigs“ wird zu einem Ereignis. Die Gran Cassa wirkt hier bereits im pp tief und bedrohlich, was sich im Verlauf nochmals beträchtlich steigert. Die Fagotte erklingen klar und deutlich, obwohl sie schon recht weit entfernt positioniert wirken. Die Halle soll ja auch angemessen groß erscheinen. Die dynamische Spannweite entwickelt sich ganz enorm. Der Chor macht sich wieder ganz ausgezeichnet, kann dynamisch mit dem Orchester mehr als mithalten. Auch hier gibt es den Dialog der beiden Troll-Töchter miteinander und mit dem Troll-König-Vater. Das machen die drei mitreißend.
Im Gegensatz zu „Ases Tod“ wirkt das Dirigat und das Orchesterspiel bei „Brautraub-Ingrids Klage“ sehr engagiert. Das Allegro furioso gelingt wirklich furios.
Der „Arabische Tanz“ erhält einen knackig-dynamischen Zugriff. Ausgesprochen kontrastreich und sehr rhythmisch geprägt mit deutlicher als üblich zu hörenden Marscheinflüssen. Der norwegisch singende Chor klingt auch in dieser Aufnahme jung und frisch. Marianne Eklöf gibt die Anitra mit kraftvollen, gut klingendem Mezzo.
Besonders gut gelingt in dieser Einspielung „Peers Heimkehr“ ungemein profiliert und von der enorm kräftigen Dynamik profitierend, die „In der Halle des Bergkönigs“ schon so gutgetan hat. Es gibt schroffe Kontraste nicht zuletzt von der referenzverdächtig aufspielenden und eingefangenen Gran Cassa.
In „Solveigs Lied“ kommen wir erneut in den Genuss eines wunderbaren Soprans. Dieses Mal stammt er von Barbara Bonney. Glockenrein, wunderbar ausdrucksvoll, auf höchstem Niveau. Auch hier kann man sich nur wundern, dass Peer diesen „Hauptgewinn“ verlassen und über Jahrzehnte (!) alleine in einer Hütte im Wald lassen konnte. Nur wegen eines 30jährigen Selbstfindungstrips?
Der Klang der Aufnahme wirkt räumlich und luftig. Sie verschafft uns einen sehr guten Überblick über das ganze musikalische Geschehen. Die Tiefenstaffelung ist gut. Der Klang der Violinen lässt eine große Besetzung vermuten, denn sie klingen voll und rund, doch noch etwas weniger sonor als die allerbesten. Fast schon ein wenig ätherisch, wenn sie in hoher Lage laut werden müssen. Da spielt die 87er Digitaltechnik sicher auch noch mit rein, obwohl von „Digitalitis“ keine Rede sein kann. Der Klang wirkt ausgewogen, die Dynamik erklingt wie mit einem Turbo, vor allem in der Halle des Bergkönigs. Vor allem wegen der Stücke 4-8 hat sich diese Einspielung die 5 verdient. Und ganz besonders wegen Barbara Bonney.
4-5
Herbert Blomstedt
San Francisco Symphony Orchestra
Mari-Anne Häggander, Wendy White, San Francisco Symphony Chorus
Decca
1988
15:15 16:50
GA
Bei Decca schaute man bei der Produktion schon etwas weiter voraus als bei BIS oder bei der DG, denn man produzierte die Stücke, die für die Suite neu instrumentiert wurden (ohne Chor und Solistinnen) schon zeitgleich bei der Produktion der GA mit. Für die GA produzierte man 20 Tracks auf einer CD, hielt sich aber den Dialogen zurück.
So sind die ersten drei Stücke der ersten Suite (Morgenstimmung, Ases Tod und Anitras Tanz) unverändert gegenüber der Suite, auf die wir bereits oben eingegangen sind. „In der Halle des Bergkönigs“ hören wir jetzt den Chor und man hat hier auf den Dialog des Bergkönigs mit seinen beiden Troll-Töchtern ebenfalls nicht verzichtet. So wirkt dieser Satz noch wilder und kraftvoller, man braucht lediglich neun Sekunden mehr Zeit.
Das fünfte Stück mit dem etwas sperrigen Namen „Brautraub-Ingrids Klage“ ist erneut mit dem der Suite identisch.
Der „Arabische Tanz“ wird in der Schauspielmusik durch den Frauenchor und dem Sologesang von Wendy White (Mezzo) als Anitra aufgewertet.
Bei „Peers Heimfahrt“ fehlt das Schluss-Ritardando, das Grieg eigens zur Verwendung des Satzes in der Suite hinzugefügt hatte. Die Heimfahrt kommt uns allerdings noch ein wenig dynamischer und aufgewühlter vor als in der Suite.
In „Solveigs Lied“ singt nun Mari-Anne Häggander mit kräftigem, dunkel timbriertem lyrischem Sopran und klarer, deutlicher Aussprache (norwegisch). Sie wird klar und deutlich aus dem Orchester herausgehoben und überstrahlt es problemlos. Fast kommt sie an Bonney und Popp heran.
In der Klangtechnik gibt es keinerlei Unterschiede zu den Suiten zu vermelden.
4-5
Bjarte Engeset
Malmö Symphony Orchestra
Isa Katharina Gericke, Itziar Martinez Galdos, Malmö Chamber Choir
Naxos
2007
13:53 16:38
GA
Im Falle Bjarte Engesets erfolgte die GA (auf zwei CDs) ungefähr ein Jahr später als die Einspielung der beiden Suiten. Dabei sind auch die Stücke die eigentlich identisch sind, neu aufgenommen worden.
So klingt die Oboe in der „Morgenstimmung“ nun voll und sonorer, in der Suite hatte sie uns noch mit ihrem seltsam farblosen Klang ein wenig irritiert. Wir hören ein sehr gutes, aber kein überragendes Orchester.
Bei „Ases Tod“ kommt es jetzt zum Übertönen der Musik durch den norwegisch gesprochenen Dialog. Man produziert für den Weltmarkt und da hat es sich bewährt die Originalsprache anzubieten. Die Musik erklingt währenddessen nur im Hintergrund, ein großer Nachteil, wenn es dem Hörer gerade auf sie ankommt. Es wird kurzatmig phrasiert, aber mit weichem, sanftem Klang gespielt. Nicht besonders dramatisch (das übernimmt der Dialog) und dynamisch nicht ausgereizt, damit der Dialog in seiner Verständlichkeit nie gefährdet ist.
In „Anitras Tanz“ darf man sich die Tänzerin beschwingt, doch jederzeit beherrscht vorstellen. Sie stellt als sich bodenständig und elegant zugleich dar. Klanglich wirkt sie nicht besonders verführerisch.
„In der Halle des Bergkönigs“ hört man dermaßen ätzende Einwürfe der Hörner beim fp nur in den Schauspielmusiken nie in den Suiten. Die Gran Cassa klingt tief und gewaltig. Es gibt ein sehr beachtliches Crescendo und eine angetrieben wirkende Beschleunigung zu bewundern. Dem Chor der Trolle und den beiden Troll-Prinzessinnen möchte man auf keinen Fall alleine im Dunkeln begegnen. Das ist unbedingt hörenswert und auch in der Naxos-Klangqualität ungemein effektvoll.
Auch in „Brautraub-Ingrids Klage“ erreicht der Streicherklang nie höchstes Niveau, dennoch liegt hier eine eindringliche Darbietung des Satzes vor.
Im „Arabischen Tanz“ wartet diese Einspielung mit einer Variation des Schlagwerk-Instrumentariums auf, die das Exotische noch weiterbefördert. Der Damenchor klingt hell, doch nie schrill und er wirkt jung und frisch. Anitra (Frau Martinez-Galdos) wirkt temperamentvoll, bemüht aber viel Vibrato, das ihrem Gesang etwas Unstetes aber auch Theatralisches beigibt.
In „Peers Heimfahrt“ bietet uns das schwedische Orchester schäumende Gischt und stürmischen Wind in guter Stärke, das Blech wirkt vorantreibend und spielt nicht wie nebenher, sondern akzentuierter, mit Kraft und Getöse. Das hört man in nicht wenigen Aufnahmen zu beiläufig. In den Gesamtaufnahmen ist auch in dieser Szene meist mehr Engagement zu spüren.
„Solveigs Lied“ wirkt weniger träumerisch als lebendig-bewegt. Frau Gericke gefällt sehr gut wirkt glaubhaft nur nicht so schwerelos wie Barbara Bonney oder Lucia Popp um nur einmal zwei der besten Solveigs zu nennen. Die älteren Darbietungen sind einfach schwer zu übertreffen.
Der Klang der Aufnahme bietet gedeckte Farben, eine erkennbare Tiefenstaffelung und gute Transparenz. Er wirkt weder besonders voll noch besonders glanzvoll. Das Blech kommt allerdings in einigen Szenen brillant zur Geltung (Halle des Bergkönigs, Heimkehr). Die Violinen scheinen schmaler besetzt als in der Einspielung der beiden Suiten. Räumlich wirkt die Aufnahme eher kompakt als ausladend. Es wird jedoch eine gute „Über-Alles-Qualität“ geboten. Musikalisch, klanglich und im Preis.
4-5
Esa-Pekka Salonen
Oslo Philharmonic Orchestra
Barbara Hendricks, Oslo Philharmonic Chorus
Sony
1987
15:39 17:18
H
Esa-Pekka Salonen bietet in seiner Highlights-Kompilation 18 Titel aus der GA auf einer CD. Man nahm in der Philharmonic Hall in Oslo auf. Das Orchester nahm in jener Zeit seinen damals vielbeachteten Tschaikowsky-Sinfonien-Zyklus mit Mariss Jansons für Chandos auf und viele Einspielungen für EMI. Diese Grieg-Einspielung blieb jedoch unseres Wissens trotz ihres Gelingens die einzige Zusammenarbeit des norwegischen Orchesters mit dem finnischen Dirigenten auf CD. Da wollte man anscheinend bei Sony ganz speziell nicht ganz auf heimische Unterstützung für den Nationalkomponisten Norwegens verzichten. Man singt norwegisch und Frau Hendricks übernimmt beide Sopranpartien, die von Solveig und die von Anitra. Die Beiträge sind ja auch in ihrer Anzahl sehr „überschaubar“.
Die „Morgenstimmung“ wirkt sehr stimmungsvoll, das Orchester spielt auf Top-Niveau. Streicher, Holz und das Blech klingen hier wunderbar, zumindest, wenn es nicht gar zu laut wird. Ab ff klingt es leider noch ein wenig hart und spröde, was aber auch mit der noch recht frühen Digitalaufnahme zu tun haben mag. Die Technik war einige Jahre nach ihrer Einführung noch von leichten Mängeln behaftet. Es wird sehr feinfühlig gespielt.
„Ases Tod“ wirkt sehr langsam und gedehnt, wird als große Trauermusik angelegt und darf solchermaßen sehr dynamisch und groß klingen. Nicht mit der Bescheidenheit, die Grieg (bzw. Ibsen) mit der Rolle von Peer Mutter im Sinn hatte.
„Anitras Tanz“ wirkt sehr klangschön und fein phrasiert, mit großem dynamischem Ambitus, einem brillanten Triangel, leicht und beschwingt, duftig doch auch temperamentvoll dargeboten.
„In der Halle des Bergkönigs“ steigert der Chor durchaus die mitreißende Wirkung. Es klingt drängend und dynamisch, aber die Dialoge fehlen, und somit die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Da hält es Salonen wie die Altvorderen Sir Thomas und Sir John die ihren Chor und die Peer Gynt-Musik allgemein ebenfalls frei von Dialogen bevorzugten.
„Brautraub-Ingrids Klage“ klingt ebenfalls klangschön und differenziert-ausdrucksvoll. Vielleicht nicht ganz mit der Vehemenz der Klage, die Blomstedt oder Ruud hier fordern und bekommen.
Der „Arabische Tanz“ klingt weich und einschmeichelnd. Der jugendlich klingende Frauenchor hat Leuchtkraft. Frau Hendricks übernimmt auch die Gesangseinlage der Anitra, was für ein Genuss. Ob ihr Norwegisch verständlich ist?
Bei „Peers Heimfahrt“ erscheint die Darbietung vorantreibend und dynamisch. Man kann sich die aufgewühlten Elemente gut vorstellen. Den berüchtigten Sturm im Wasserglas finden wir bei den Schauspielmusiken eigentlich nicht vor, eher bei den Suiten.
Barbara Hendricks singt „Solveigs Lied“ langsam, getragen und andächtig. Ihr Sopran wirkt leicht eingedunkelt und exotisch. Ihr reichlich zum Einsatz gebrachtes Vibrato geschmackvoll. Obwohl auch sie hier über eine große, klare Stimme verfügt (die Aufnahmetechnik macht es möglich) hat ihr wandlungsfähiges Timbre nichts „Nordländisches“ an sich. So klingt es vielleicht nicht ganz idiomatisch, aber doch wunderschön. Wer könnte sich da entscheiden, welcher Solveig letztlich die Palme gebührt?
Die Aufnahme klingt farbig, weich, voll und schön abgerundet, sehr transparent, sehr räumlich und luftig. Die Violinen sind noch ganz leicht mit dem frühdigitalen gläsernen Klang behaftet. Insgesamt klingt es recht körperhaft und ganz gut gestaffelt. Das Blech erklingt von ganz hinten, die Hörner links, das Holz mittig vor dem Blech. Das ist alles ganz deutlich und gut ausbalanciert.
4-5
Guillaume Touriaire
Orchestre de la Suisse Romande
Inga Dam-Jensen, Sophie Koch, Le Motet de Genève
Aeon
2000
15:52 17:20
GA
Diese Gesamtaufnahme gibt es in mehreren Sprachen, in jeweils eigens in verschiedenen Studios produzierten Versionen. Zumindest einmal in Deutsch, Englisch und Französisch. Die Musik wurde in der Victoria Hall in Genf eingespielt und zwar bereits im Jahr 2000. Die Besetzung bei den Schauspielern und beim Sprecher variiert je nach Sprachfassung. Die Sprechversionen entstanden nachträglich erst 2005. In insgesamt 28 Tracks (2 CDs) sind auch die Dialoge z.T. einzeln aufrufbar. Frau Dag-Jensen, die bei Temirkanov noch Solveig und Anitra singt, beschränkt sich jetzt auf Solveig, später in der Einspielung der Suiten von Bjarte Engeset (nicht bei dessen GA) wird sie erneut die Solveig singen. Sophie Koch singt in Genf Anitra.
Die „Morgenstimmung“ erklingt in Genf mit zurückgenommenem Glanz bei den Violinen; Oboe und Flöte als wichtige Orchestersolisten klingen mittlerweile gut, kein Vergleich mehr zur Zeit, als Ernest Anseremet dem Orchester noch vorstand (1940-1967). Die Homogenität erreicht nicht ganz höchstes Niveau. Auch die Phrasierung wirkt bisweilen etwas unrund. Kitschig klingt es nicht, aber auch nicht besonders atmosphärisch oder stimmungsvoll.
Bei „Ases Tod“ erklingt die Musik ohne Dialog. Die Sterbeszene erhält ein würdiges Gepräge, ganz ohne Übertreibung und ohne Steigerung in die Dimensionen eines Staatsbegräbnisses. Da wird der Kern der Sache ganz genau getroffen, zumindest einmal unserer bescheidenen Meinung nach.
„Anitras Tanz“ wirkt beschwingt und mit einem brillanten Triangel garniert. Das Orchesterspiel gefällt hier besser als in der „Morgendämmerung“. Der Tanz wirkt eher geradlinig als raffiniert gestaltet.
„In der Halle des Bergkönigs“ geht es zunächst behäbig zu, täppisch und ungelenk, also durchaus charaktervoll, denn wir befinden uns zuhause bei Trollen. Etwas schräg klingt es schon, wenn das mal nicht passend ist. Der Chor wirkt leider etwas entfernt und undeutlich (er singt deutsch), das Wichtigste ist jedoch sehr deutlich zu vernehmen: „Schlachtet ihn! Der Dialog der Trolltöchter ist dagegen deutlich, es geht vor allem darum, wie Peer denn nun verspeist werden soll. Einem Christen ist es eben untersagt eine Trollfrau zu verführen. Peer macht sich eben grundsätzlich keine Gedanken über seine Taten, vor allem nicht bevor er sie unternimmt.
Bei „Brautraub-Ingrids Klage“ haben wir das Allegro furioso schon besser dynamisch umgesetzt gehört. Das Andante doloroso erklingt jedoch sehr langsam und sehr klagend, dunkel und blass, auch dadurch, dass sich Celli und Bässe gut einbringen können. Das Spiel des Orchesters wirkt (wie in allen Stücken zuvor) durchaus engagiert. Besonders die Pauke weiß in diesem Satz zu gefallen.
Der „Arabische Tanz“ erklingt mit Dialog, Mezzo-Solo und Chor. „Der Prophet ist gekommen…“, damit ist Peer gemeint! Durchaus temperamentvoll. Der Chor klingt hier erheblich präsenter als in der Halle des Bergkönigs. Sophie Koch als Anitra wirkt stimmlich weniger ausgewogen als Dam-Jensen bei Temirkanov und trotz deutscher Sprachversion ist sie kaum textverständlich. Der Tanz klingt als Ganzes genau wie der Beitrag von Frau Koch zwar frisch, aber weniger homogen.
Die „Heimkehr“ erklingt mit Tempo, Lautstärke und Intensität, harten Rhythmen und ordentlich Schlagwerkeinsatz.
„Solveigs Lied“ wird wie in der Suiten-Aufnahme mit Ole Kristian Ruud von Inga Dag-Jensen gesungen. Sehr souverän und tonschön.
Der Klang der Aufnahme wirkt meist voll, klar und sehr transparent, sehr präsent, körperhaft und räumlich. Der Bass überzeugt. Die gute Dynamik kommt mehr von der Pauke, weniger vom Blech.
4-5
Neville Marriner
Academy of St. Martin in the Fields
Lucia Popp, Ambrosian Chorus
EMI
1982
15:53 16:31
H
In dieser Einspielung werden 12 Stücke aus der Schauspielmusik verfügbar gemacht, noch relativ wenige, weil sie noch in erster Linie für LP und erst später für CD produziert wurde und die Spieldauer entsprechend begrenzt war. Wenn man von der gerade soeben erwähnten polyglotten Produktion (mit drei Sprachen bei den Dialogen) aus Genf einmal absieht, ist die 1982er EMI-Einspielung die letzte in der das Deutsche als gesungene Sprache gewählt wurde. Halt, stimmt nicht. Es gibt 2002 eine Produktion des WDR, da wird noch einmal deutsch gesungen und gesprochen. Da wurde in erster Linie für den Sendebereich produziert, Capriccio hat dann im Anschluss noch eine DoCD herausgebracht. Danach zieht man die Originalsprache vor. Dialoge gibt es in der 82er EMI nicht.
In der „Morgendämmerung“ erscheint die Academy als exzellent besetztes (Flöte!), ausgewachsenes Sinfonieorchester. Die Darbietung wirkt erstaunlich romantisch-aufwallend, gar nicht so britisch-distinguiert, wie man es von Neville Marriner erwartet hätte. Die Soli der Holzbläser erklingen sehr klangschön.
Bei „Ases Tod“ wirken die Außenteile blass, zurückhaltend und gramgebeugt, da Zentrum hingegen ziemlich aufgewühlt. In diesem Kontrastreichtum als Ganzes fast schon zerrissen.
„In der Halle des Bergkönigs“ erreicht die EMI-Aufnahme nicht die Wucht der zeitlich benachbarten DG-Produktion mit Neeme Järvi, weder der Chor, noch das Schlagwerk, noch das Blech. Es wird jedoch effektvoll gesteigert und wie in allen Einspielungen mit Chor ist er auch dieses Mal ein Gewinn. Der ganze Satz wird dadurch zu einem echten „Hinhörer“. Die Dialoge fehlen wie bereits erwähnt. Das dürfte nicht für jedermann ein Verlust sein.
Bei „Brautraub-Ingrids Klage“ gibt es einen intensiven Kontrast von Allegro furioso und Andante doloroso. Und die Klage gelingt eindringlich.
Der „Arabische Tanz“ mit Frauenchor wirkt sehr dynamisch, frisch und temporeich. Lucia Popp singt beide Rollen, Anitra und Solveig. Dass sie deutsch singt kann man eigentlich nur erahnen, aber was für eine Stimme! Man könnte sich den Tanz mitsamt Frau Popp genauso in Mozarts „Entführung“ vorstellen. Sie wurde ja oft von Herrn Marriner in dessen Operneinspielungen besetzt. Dass sie im Arabischen Tanz Peer preist bekommt man jedoch auch ohne Textbeilage mit. Sicher nicht ohne Hintergedanken, denn die tanzbegabte Prinzessin wird ihn später noch bestehlen. Die Gran Cassa wirkt (allzu) dezent.
Die „Heimkehr“ wirkt dann durchaus dynamisch und aufgewühlt.
In „Solveigs Lied“ singt Frau Popp so glockenrein wie Barabara Bonney, vielleicht noch etwas emotionaler, während Bonney ihre Stimme noch mehr strahlen lässt. Das Orchester kann dahinter in beiden Fällen nur verblassen. Es darf mitgeträumt werden.
Der Klang der Aufnahme wirkt angesichts des für EMI-Aufnahmen sehr „gefährlichen“ Datums recht offen, räumlich und klar. Die Violinen leiden weniger als erwartet unter frühdigitaler Härte. Leicht „gläsern“ wirkt ihr Klang dennoch. Dies ist mit die beste EMI aus dieser für die audiophilen Hörer so unseligen Zeit. Es fehlt erheblich an Strahlkraft. Klanglich steht sie ganz deutlich hinter der elf Jahre jüngeren Hänssler-Einspielung der beiden Suiten mit der Academy und Marriner zurück. Auch gegen die fünf Jahre ältere Analog-EMI aus Dresden mit Herbert Blomstedt. Aber: Hier singt Frau Popp!
4-5
Edo de Waart
San Francisco Symphony Orchestra
Elly Ameling, San Francisco Symphony Chorus
Philips
1983
14:56 16:52
H
Bei der in etwa gleichalten Philips-Produktion verhält es sich genauso wie bei Marriners EMI.. Da noch für die LP (und die CD) produziert musste man sich bei der Spieldauer auf 12 Stücke aus der Schauspielmusik beschränken.
In der „Morgenstimmung“ werden die beiden Holzbläsersolisten von Flöte und Oboe virtuell sehr dicht vor dem Hörer positioniert. Es wird gefühlvoll, doch mit dem tendenziell hellen, wenig fülligen amerikanischen Ton geblasen. Auch die Violinen klingen noch weniger weich, wobei sich bei dieser frühen Digitalaufnahme erneut die unausgereifte Technik negativ bemerkbar macht. Die Transparenz der einzelnen Stimmen ist jedoch im hohen Maß gewährleistet.
„Ases Tod“ wird kaum aufgedonnert. Auch Edo de Waart trifft den Ton einer langsamen Sterbe- bzw. Trauermusik.
„Anitras Tanz“ klingt zügig und beschwingt, mit einem feinen, sordinierten Streicherklang. Es wird angemessen gesteigert und man macht nicht mehr draus als drin ist, aber man spielt auch nicht nur die Noten.
„In der Halle des Bergkönigs“ trägt der Chor wie bereits von den anderen Einspielungen bekannt sehr zu Stimmung und Spannung bei. Das „Schlachtet ihn“ klingt auf Norwegisch nicht freundlicher als auf Deutsch. Dialoge gibt es keine. Die Dynamik erscheint nicht gerade überragend.
„Brautraub-Ingrids Klage“ zeigt feines Gespür für die Schattierungen. Die Tragik und die Klage der jungen Frau wird dem Hörer nahegebracht. Es wäre noch vorteilhafter gewesen, wenn die tiefen Streicher gegenüber den Violinen ein stärkeres Gewicht im Streicherklang erhalten hätten. Das Allegro furioso ist vor allem geprägt von der wütend dreinschlagenden Pauke.
Der Damenchor im „Arabischen Tanz“ klingt weiträumiger, weiter entfernt aber auch weicher als der Herrenchor in der Halle des Bergkönigs. Er steht deutlich hinter dem Orchester. Elly Ameling nimmt sich auch der kurzen Gesangspartie Anitras an. Sie hat eine voll klingende Stimme und tritt sehr dicht an die Hörenden heran. Sie klingt nicht mehr so jung wie einige andere Rollenvertreterinnen. Das beschwingte, leicht angetriebene Tempo gefällt.
Zwischen p und f könnte es in „Peers Heimkehr“ durchaus kontrastreicher zugehen. Die Pauke zeigt da ganz genau wie es klingen könnte, der Rest des Orchesters nimmt die Vorgabe aber nicht so recht an. Auch die Hörner hätte man gerne bei ihrem fff, genau wie das übrige Blech deutlicher und vehementer gehört.
In „Solveigs Lied“ wirkt Frau Ameling natürlicher anmutend, also weniger artifiziell als in der Rolle der Anitra, jedoch eindringlich. Ihr Stil passt gut zu Solveigs Lied. Trotz ihrer 50 Jahre wirkt ihre intonationssichere Stimme mit dem individuellen Timbre hier immer noch mädchenhaft. Wie in vielen anderen Einspielungen wird der letzte Satz zum Höhepunkt der Suiten-Zusammenstellung.
Die Aufnahme klingt präsent, aber weniger räumlich und weniger tiefengestaffelt. Im p und pp wirkt sie großräumiger als im f und ff. Gegenüber der Einspielung mit Herbert Blomstedt an gleicher Stelle nur fünf Jahre später klingt es weniger brillant und vor allem der Streichersound wirkt nochmals heller. Die Decca von 1988 wirkt zudem farbiger, fülliger und weicher.
4-5
Oivin Fjeldstad
London Symphony Orchestra
Ohne Sängerin und ohne Chor
Decca
1958
16:04 16:59
H
Oivin Fjeldstad hat 1958 in der legendären, da akustisch hervorragend für Aufnahmen klassischer Musik geeigneten Kingsway Hall in London zehn Titel der Schauspielmusik aufgenommen. Also nur zwei mehr als Grieg für seine beiden Suiten vorgesehen hatte. Das war vor allem der damaligen Schneidetechnik und der damit verbundenen noch relativ geringen Speicherkapazität auf LP geschuldet. Gespart hat man allerdings auch am Chor und einer Sägerin zumindest einmal für „Solveigs Lied“. Das hat sie vor jeher ein wenig hinter die in etwa zur selben Zeit entstandenen EMI-Einspielung von Sir Thomas Beecham zurückstehen lassen.
Die „Morgenstimmung“ wirkt vollkommen ungezwungen, leger und einfach sehr atmosphärisch. Holz und Blech kommen sehr gut zur Geltung.
In „Ases Tod“ wird kaum zwischen pp, p und sogar mf unterschieden. Da wäre trotz des vernehmlichen Rauschens, dem man gerne mit hohem Aufsprechpegel begegnete, sicher mehr drin gewesen. Der helle Klang der Violinen überwiegt im Streicherensemble deutlich, Beecham hatte sie gerade in diesem Satz aus gutem Grund zurückgenommen zugunsten der tiefen Streicher und ihrer dunklen Klangfarbe. Das passt besser zu dieser Sterbemusik.
„Anitras Tanz“ muss ein wenig auf die Raffinesse, die Sir Thomas mit dem RPO hier zeigt, verzichten, der zudem langsamer spielen lässt, was der imaginären Tänzerin erlaubt verführerischer zu wirken. Bei Fjeldstatd hört man generell ein recht lautes mf, die Nuancen im pp und p, die uns das Londoner Konkurrenzorchester Royal Philharmonic hier zeigt, gehen verloren. An die Sinnlichkeit des Tanzes bei Beecham kommt Fjeldstad nicht heran. Dafür wirkt Fjeldstads Anitra etwas temperamentvoller. Kein Gewinn ohne Verlust.
„In der Halle des Bergkönigs“ bleibt der Norweger hingegen zunächst penibel beim pp, das Grieg hier vorschreibt. Das wirkt geheimnisvoll. Die Gran Cassa wirkt noch nicht so tief und herausgehoben wie in späteren Einspielungen. Crescendo und Stretto geht Fjeldstad leidenschaftlich an. Hier zeigt Decca, was an Dynamik bereits in den 50er Jahren möglich war. Und - nicht zu vergessen – das LSO zeigt wieder einmal wo damals das beste Londoner Blech zu finden war, wohlgemerkt in Verbindung mit der typischen Decca-Lebendigkeit. Das war und ist auch heute noch einfach Klasse.
„Brautraub-Ingrids Klage“ wirkt generell zügig doch intensiv, ohne dass man auf die Tränendrüse drücken würde. Jedoch: gegenüber Beecham wirkt Fjeldstad nordisch-kühl, was aber auch viel mit dem damals noch hellen Decca-Klang zu tun hat. Die Pauke kommt sehr gut ins Bild und zeigt ein gutes Crescendo.
Im „Arabischen Tanz“ klingt der Triangel ganz fein, das Tamburion klingt ebenfalls ganz sauber und völlig verzerrungsfrei. Hier herrscht völlige Transparenz. Der Tanz wirkt temperamentvoll und drängend, mit vollem Einsatz der Janitscharen. Da soll eine gewisse „Heißblütigkeit“ transportiert werden und das klappt auch. Es klingt mit Pepp, dynamisch und gut konturiert, kontrastreich. Es wird eine freudvolle Volksfeststimmung erzeugt.
„Peer Heimfahrt“ klingt richtig dynamisch, vorantreibend und fetzig. Da ergab sich im Vergleich wieder ein Vorteil für Decca, vor allem Dank eines wunderbaren fff des Blechs (Hörner, Trompeten und Posaunen).
Bei Solveigs Lied“ müssen wir ohne Sopran auskommen, Der wird nun wieder, wie in der Suite, vom den Violinen übernommen. Unverkitscht, klar und bezaubernd im Klang, frisch offen und dynamisch gut abgestuft. Die Hörner erlauben sich kleine Unsauberkeiten (T. 8, T. 39), was aber kaum stört. Zu diesem Satz passt der Decca-Klang nun wieder ganz hervorragend.
Allgemein klingt es dieses Mal bei Decca nicht mit der Sonorität und Reichhaltigkeit der EMI-Einspielungen von Blomstedt, Beecham und Barbirolli (die drei B´s!). Es klingt jedoch Decca-typisch frisch, schon recht brillant und transparent. Das Rauschniveau bewegt sich auf dem Niveau, das die in etwa gleichalte Aufnahme von Sir Thomas zeigt. Je nach Pressung und Mastering kann es da jedoch Unterschiede geben. Die Decca bringt eine hohe Präsenz mit und wurde jeweils recht leise überspielt (Decca – The Classic Sound) bzw. aus der Box „The Analogue Years“. Eine vorhandene LP wurde im Regal belassen.
4
Jeffrey Tate
Berliner Philharmoniker
Sylvia McNair, Ernst-Senff-Chor
EMI
1990
15:06 18:18
H
Diese Einspielung bietet 17 Titel aus der Schauspielmusik. Musik und Gesang wurde 1990 in der Berliner Philharmonie aufgenommen, Trolle, Hexen, Norweger und Araber 1991 in den Abbey Road Studios aufgenommen und zugemischt.
Die „Morgenstimmung“ wirkt dynamisch und kontrastreich, es wird aber weniger gefühlvoll phrasiert (es gibt kein Rubato), es gibt aber auch keine sentimentalen Anwandlungen. Der Eindruck bleibt aber etwas starr, Es gibt schön klingende, aber nicht besonders phantasievoll gespielte Soli, wobei die Flöte besser gefällt als die Oboe.
Bei „Ases Tod“ wird gut zwischen p und pp abschattiert (auch mal mit einer kleinen Tempoverlangsamung verbunden), das f wirkt zurückhaltend. Man befindet sich im Gestus zwischen großem Trauergesang und bescheidenem Klagen. Letztlich wirkt es auf uns stimmig.
„Anitras Tanz“ wirkt klanglich verführerisch, fein und weich, sehr zurückhaltend im Gestus. Anitra zeigt hier nicht ihr „wahres Gesicht“. Da muss der einfältige, 30 Jahre lang nach seinem Selbst suchende Peer ja darauf reinfallen. Dazu ist wie hier, noch nicht einmal zum fraglos verführerischen Klang, noch eine besondere Raffinesse oder ein besonderes Temperament erforderlich.
„In der Halle des Bergkönigs“ wird gut, aber nicht sogartig gesteigert. Der Chor wertet wie immer auf, hier ist er mal gemischt, sonst hört man meist die Herren überdeutlich durch bzw. Es sind nur Herren beteiligt. Zu guter Letzt wird jedoch sehr dynamisch und mitreißend gestaltet mit den verrückt-durchgeknallten Dialogen, hier norwegisch, von Töchtern und Vater. Die Sagengestalten klingen sehr markant.
Zu „Brautraub-Ingrids Klage“ gibt es eigentlich nichts Besonderes zu schreiben.
Der „Arabische Tanz“ gewinnt ganz besonders durch die Mitwirkung von Sylvia McNair, die in Berlin zur Anitra auch die Solveig gibt. Als Anitra wird ihr Gesang erstaunlicherweise klangtechnisch nicht sonderlich herausgestellt sie erscheint als Prinzessin innerhalb der zahlreichen arabischen Jungfrauen des Chores. Bescheiden für einen Weltstar. Ansonsten werden keine Besonderheiten geboten.
Bei „Peers Heimkehr“ packen die Philharmoniker den Dynamik-Hammer aus. Das stimmt die gewünschte stürmisch aufgepeitschte Atmosphäre mit Tempo, Kontrasten, Artikulation und geschärftem Rhythmus überein.
Der Vortrag von Sylvia McNair in „Solveigs Lied“ wirkt innig, weich, locker, strömend und fein artikuliert. Der Ausdruck wird vom langsam-verträumten Tempo befördert. Dies ist fraglos der Höhepunkt dieser Einspielung, zumindest einmal in unserer Suiten-Zusammenstellung daraus.
Der Klang der Aufnahme leidet immer noch etwas unter der unausgereiften Digitaltechnik. Die EMI-Techniker sträubten sich lange dagegen, wurden vom Management jedoch dazu verdonnert, trotz fachlicher Bedenken auf diese Technik zuzugreifen, um nicht als rückständig zu gelten. Da hatten sie jedenfalls ihre Ohren am rechten Platz. Der Streicherklang (in vielen Analogaufnahmen der EMI eine echte Domäne) klingt immer noch wenig warm, besonders die Violinen hell und kühl. Es gibt keine Farbenflut wie früher bei den Berlinern und dem Ganzen fehlt Fülle und Glanz. Man würde es kaum erkennen, wenn man es nicht wüsste, dass hier die Berliner Philharmoniker spielen. Der Chor wird etwas indifferent bis verschwommen aufgenommen. Dynamisch bleibt man meist zurückhaltend, wenn man einmal von „Peers Heimkehr“ absieht. Es könnte quirliger, aufbrausender klingen.
4
Yuri Temirkanov
Royal Philharmonic Orchestra London
Inger Dam-Jensen, London Symphony Chorus
RCA
1993
15:34 16:46
H
In dieser Produktion werden 16 Sätze aus der Schauspielmusik geboten. Inger Dam-Jensen singt sowohl Solveig als auch Anitra.
Die „Morgenstimmung“ wirkt sehr langsam, idyllisch und verträumt. Die Soli werden hier wieder besser gemeistert als in der Decca-Aufnahme des RPO von 1978 mit Walter Weller am Dirigentenpult. Sowohl Flöte als auch Oboe und das ganze Orchester spielen ausdrucksvoller und klangschöner. Es ginge aber auch durchaus etwas schneller ohne Abstriche im Orchestralen hinzunehmen, wie die erste Aufnahme des RPO zeigt, die mit Sir Thomas Beecham von 1957.
„Ases Tod“ klingt eigentlich recht luftig und wird von einem feinen, doch auch sonoren Klang getragen. Die Steigerung wird sehr wohl spürbar, aber man übertreibt es nicht. Man bleibt zurückgezogen und bescheiden, was gut zum Charakter der Mutter Peers gepasst hätte. Gegen Ende des Satzes zieht er sich ein wenig dahin.
„Anitras Tanz“ klingt weich und zart abgetönt. Man stellt sich unwillkürlich eine zartere, hübschere Anitra vor, wie sie von Peer beschrieben wird. Aber dem kann man ja eigentlich sowieso nichts glauben. Bei diesem Tanz gibt es jedenfalls keinerlei Grund zu Misstrauen, dass von dieser jungen Frau ein Gefahrenpotenzial ausgeht. Sanfter und geschmeidiger geht es kaum noch, aber Schlangen wirken ebenfalls geschmeidig und kann man denen trauen?
In dieser Einspielung wirkt die Halle des Bergkönigs weich und beheizt, also schön warm und eigentlich gemütlich. Eine klanglich ausgepolsterte Behaglichkeit herrscht vor – zunächst. Stretto und Crescendo kamen dann schon rabiater und durchdringender, aber der Chor bringt wieder etwas Ungeschlachtes mit ein. „Schlachtet ihn!“ norwegisch rausgeschrien klingt eben doch anders als nur auf wohlklingenden Instrumenten gespielt.
Bei „Brautraub-Ingrids Klage“ wirkt die Klage selbst etwas gestelzt und nicht so unmittelbar zu Herzen gehend. Der Satz zieht sich ebenfalls ein wenig dahin. Das Allegro furioso kommt kraftvoll.
Der „Arabische Tanz“ bringt eine Schar jung und frisch wirkender Tänzerinnen mit (gemeint ist der Damenchor) mit einer ebenso wirkenden Sopran-Solistin. Sie singt hier mit schnellem, aber nicht übertrieben wirkendem Vibrato. Als Solveig ist Inger Dam-Jensen vielleicht noch besser besetzt.
Bei normaler Zimmerlautstärke wirkt „Peers Heimfahrt“ weniger dringlich und kontrastreich. Gute Dynamik gibt es nur, wenn man den Poti bemüht und nach rechts dreht. Es wird sauber gespielt und klingt gut.
„Solveigs Lied“ wirkt engagiert gesungen, die Stimme klingt nicht „reif“, sondern mädchenhaft-jung. Innerhalb des Schauspiels singt Solveig das Lied nur etwas abgewandelt drei Mal und da liegen 30 Jahre dazwischen. Wie soll eine einzige Sängerin das hinbekommen? Da müsste im Theater die Maske helfen, an der Stimme ist ja nichts zu machen. Den luxurösen Klang von Ilse Hollweg, Lucia Popp, Sylvia McNair, Barbara Hendickx oder Barbara Bonney bietet Frau Dam-Jensen zwar nicht, aber an ihrer „Rollenverkörperung“, am Tempo und Ausdruck gibt es nichts zu herumzumäkeln.
4
Helmuth Froschauer
WDR Rundfunkorchester Köln
Anneli Pfeffer, ohne echten Chor aber mit einzelnen Sängerinnen
Capriccio
2002
13:59 15:33
GA
Jede Einspielung, die sich der Schauspielmusik annimmt, ist anders nicht nur in Details. Dieses Mal hat man auf einen Chor verzichtet. Die Männer fehlen ganz, weshalb es in der Halle des Bergkönigs ziemlich ruhig zugeht und bei den Damen begnügt man sich mit wenigen Sängerinnen (eine Art Kammerchor), wovon eine dann den Part der Anitra gleich mitsingt. Das Orchester ist nicht mit dem WDR-Sinfonieorchester Köln zu verwechseln. Dieses Mal ist der kleinere der beiden Klangkörper des WDR beschäftigt. Der gebürtige Wiener Helmuth Froschauer (1933-2019) war seit 1992 beim Westdeutschen Rundfunk, zunächst als Chordirektor, dann von 1997/99 bis 2003 als Chefdirigent des WDR Rundfunkorchesters Köln beschäftigt, dessen Ehrendirigent er danach wurde.
In der „Morgenstimmung“ erklingen Holz und Streicher nicht ganz mit der Klasse des WDRSO. So fehlen insbesondere Glanz und Geschmeidigkeit, wobei ein Teil des vermeintlichen Verlustes auch auf die direkte Mikrophonierung zurückzuführen sein dürfte. Dass das Orchester, wie es bei einer Schauspielmusik im Theater üblich wäre, mit kleinerer Streicherbesetzung spielt ist ebenfalls unüberhörbar und macht sich in einer reduzierten Homogenität bemerkbar. Das wäre also irgendwie sogar authentisch. Das Orchester spielt jedoch gefühlvoll und die „Morgenstimmung“ klingt direkt und schwungvoll, wenn auch wie erwähnt mit kleineren klanglichen Abstrichen.
„Ases Tod“ erlebt eine ziemlich aufgewühlte Darbietung mit großen Dynamik-Gegensätzen. Einen Dialog (deutsch) bekommt man nur am Schluss zu hören. Durch das zügige Tempo bekommt der Satz auch keine Züge eines Staatsbegräbnisses verpasst.
Bei „Anitras Tanz“ stehen die im Klang etwas aufgerauten Violinen wieder ein wenig in der Kritik. Grieg lässt sie übrigens wie im Satz zuvor mit der Sordine spielen, er möchte also explizit einen weichen Klang. Es fehlt auch an der ausgefeilten Raffinesse. Insgesamt erschien uns der Satz weniger stimmungsvoll.
„In der Halle des Bergkönigs“ muss man auf den Chor verzichten, aber die mächtig keifenden „Trollinnen“ und der Troll-Vater (der Bergkönig) bleiben uns erhalten. Sie treiben die Musik ordentlich mit voran.
In „Brautraub-Ingrids Klage“ werden die Dynamikgegensätze gut ausgespielt, besser als bei den meisten.
Im „Arabischen Tanz“ besteht der Damenchor nur aus Solistinnen, was eigentlich gar kein Nachteil ist, denn sie hängen sich voll rein. Anitra wirkt gegenüber den anderen Einspielungen etwas schrill und sehr durchdringend. Sie geht offensichtlich aufs Ganze um zunächst das Herz Peers zu gewinnen und anschließend seinen Geldbeutel. Dafür bekommt sie in Köln den Platz an der Rampe. Das Orchesterspiel wirkt sehr pointiert, muss aber klanglich hinter der Solistin und dem Chor aus Solistinnen zurückstehen. Das Schlagwerk darf hier mal voll reinhauen und auf sich aufmerksam machen. Das vermittelt eine gewisse Urwüchsigkeit.
Bei „Peers Heimkehr“ wirkt der Sturm durch harte Kontraste plastisch gemacht. Das Spiel wirkt, nicht zuletzt wegen der kleineren Besetzung immer etwas kammermusikalischer. Das Tempo wirkt angetrieben, die Dynamik sehr deftig. Eine der besten Heimfahrten der Diskographie. Gratulation nach Köln!
In „Solveigs Lied“ ist Anneli Pfeffer sehr gut textverständlich (deutsch), ihre Höhe glockenrein. Sie kann in der Reihe der Sopran-Weltstars gut bestehen. Und Froschauer trifft mit dem Orchester den Ton.
Der Klang der Aufnahme ist sehr präsent und sehr transparent, was ausdrücklich auch den Streichersatz miteinschließt. Allerdings fehlt es ein wenig an Fülle und Brillanz. Das Unmittelbare und Aufgeraute passt aber trotz der Sordine, die Grieg oft von den Streichern fordert, eigentlich ganz gut zu dieser seltsamen Geschichte.
4
Kurt Masur
Gewandhausorchester Leipzig
Edith Wiens, Rundfunkchor Leipzig
Philips, Decca
1989
20:23 14:21
H
Kurt Masurs Version beschreitet wieder eigene Wege, denn er hat mit Friedrich Eberle gemeinsam eine Fassung mit gesprochenen, verbindenden Zwischentexten eingefügt, die Herr Eberle auch selbst spricht. Die Beiden nennen ihre Fassung „Konzertfassung“. Ein guter Kompromiss, denn so wird die Gesamtlänge gerafft und man bekommt die ganze Geschichte mit, ohne die Kosten für das komplette Schauspiel stemmen zu müssen. 15 Titel mit teils erheblich verlängerter Spielzeit stehen in dieser Einspielung zur Verfügung.
Die „Morgenstimmung“ erklingt mit großem Ton, weite Räumlichkeit (die Wüste Marokkos) suggerierend. Das bedeutet auch große Gefühle. Das passt ebenfalls gut zum Stück, wenngleich man auf die Intimität anderer Interpretationen verzichten muss.
„Ases Tod“ wird ins tief romantische geweitet, von der Klangqualität zudem nach Kräften unterstützt. Durch die Dynamik und den prominenten Bass wird es sehr gefühlsintensiv. Leider gibt es den Text mit Peers Fantasiegeschichten dazu. Ein Gewinn für das Verständnis, ein Verlust beim Musikempfinden.
Auch bei „Anitas Tanz“ bekommen wir es mit einem einleitenden Text zu tun. Musikalisch bleibt Masur hier partiturbezogen, pp bleibt pp und es klingt gefühlvoll und differenziert. Man merkt, dass Masur die Musik sehr ernst nimmt und ihr jede Sorgfalt zuteilwerden lässt. Die Streicher des GOL leuchten und klingen homogen und schön abgerundet. Zwischendurch lässt sich Peer (Sprechrolle) über die Figur und die Anziehungskraft Anitras aus, wobei er sich selbst als Philosoph und Kaiser bezeichnet. Wohl eher ein Depp ohne Manieren, wen man uns fragen würde. Die sind ja neuerlich wieder im Kommen. Damals in Norwegen gab es wohl ähnliche Tendenzen. Duch die Wortbeiträge kommt es zur Überlänge bei diesem Tanzsatz. Letztlich trollt sich Anitra mit all den Wertsachen, die Peer noch verblieben sind davon. Wer hätte Mitleid mit dem „armen Tropf“? Der erholt sich allerdings schnell vom materiellen Verlust und findet sich mit seiner Armut ab. In Kairo setzt man ihm dann noch weiter zu, aber das hat keinen Bezug mehr zu „unseren“ Suiten.
„In der Halle des Bergkönigs“ geht es Alla marcia e molto marcato zu. Der Chor bleibt leider kaum verständlich, untypisch für den ansonsten hervorragenden Leipziger Rundfunkchor. Die Töchter des Bergkönigs vermeiden den Auspruch „Schlachtet ihn“ und ändern ihn in „Schlag ihn“, allzu blutrünstig durften sie anscheinend nicht mehr sein, vielleicht waren ja Kinder im Gewandhaus-Konzert. Masur bringt dem Satz einen deutlichen Marschcharakter bei.
„Brautraub-Ingrids Klage“ ist leider nicht mit in Masurs Auswahl dabei. Man kann sich jedoch mit anderen wundervollen Stücken aus der Peer Gynt trösten.
Der „Arabische Tanz“ bekommt wieder seinen Damenchor, das Solo von Anitra singt Barabara Denner, möglicherweise eine ausgewählte Choristin. Respekt! Masur akzentuiert den Tanz sehr gut.
„Peers Heimkehr“ könnte etwas mehr agitato vertragen (Tempo). Die Dynamik ist gut, aber die Konkurrenzproduktion der DG von 1986 mit Neeme Järvi liegt da vorne. Durch das AMSI-Remastering unserer CD erscheint das Klangbild zu hallig und verunklart. Mit dem Chor zusammen wirkt es etwas überladen.
In „Solveigs Lied“ gesungen von Edith Wiens wird die Sängerin wie die Violinen zurückgesetzt, wer weiß warum? Wir können uns keinen Reim darauf machen. Und wir selbst als Zuhörer nehmen einen Platz ziemlich weit hinten im Gewandhaus ein. Masur nimmt das Tempo weit zurück und nähert die Karajans Rekordtempi an. Frau Wiens nutzt das jedoch aus und singt tonschön und sehr nuancenreich. Sie wirkt dabei weniger mädchenhaft.
Wir hörten von dieser Aufnahme die preisgünstige Eloquence-Ausgabe, die den virtuellen Raum vergrößert, aber die Distanz zum Geschehen vergrößert. Es klingt sehr klar, luftig und transparent, wirkt auf uns aber ziemlich „aufgeplustert“. Das Klangbild wirkt leider linkslastig und im ff leicht belegt, wenig saftig und sonor, typisch AMSI eben.
4
Vaclav Neumann
Gewandhausorchester Leipzig
Adele Stolte, ohne Chor
Philips, Eterna
1967
15:15 16:12
H
Nun befinden wir uns wieder in LP-Zeiten. Entsprechend kurz ist die Laufzeit und die Titel aus der Schauspielmusik beschränken sich auf zehn, also nur zwei mehr als die beiden Suiten zu bieten haben. Philips produzierte damals im Coproduktion mit dem VEB Deutsche Schallplatten. Neumann ergänzt so seine Einspielung der beiden Suiten, die er ein paar Jahre zuvor mit den Prager Symphonikern für Supraphon einspielte. Vaclav Neumann wurde 1964, also zwei Jahre nach dem Tode von Franz Konwitschny sowohlals Chef der Oper Leipzig als auch als Gewandhauskapellmeister berufen. Er pendelte während seiner Zeit als Chef jedoch viel zwischen Leipzig und Prag hin und her, obwohl er eine Wohnung in Leipzig hatte. Seine Chefposition bei den Prager Symphonikern hatte er eigentlich bereits 1963 beendet. Vielleicht blieb seine Familie in Prag? Er arbeitete dem Vernehmen nach nur weniger mit dem Orchester zusammen als man es sich gewünscht hatte. Er kündigte seine beiden Stellen überstürzt, als die Truppen einiger Staaten des Warschauer Paktes 1968 in Prag einmarschierten, um den sogenannten „Prager Frühling“ niederzuschlagen. Er könne nun nicht mehr in Leipzig dirigieren, ließ er vermelden, obwohl gar keine Soldaten der NVA beim Einmarsch in Prag dabei waren. Auffallend kurze Zeit später wurde er als Nachfolger für den „verjagten“ Karel Ancerl an die Spitze der Tschechischen Philharmonie berufen, einer Position, der er bis zu seinem Tode treu blieb.
Die „Morgenstimmung“ erklingt recht langsam, jedoch transparent und differenziert, ziemlich atmosphärisch. Die Oboe wirkt noch etwas dünn und hart, klingt noch ein wenig nach Schalmei. Den klanglichen Luxus von heute bietet das Orchester damals also noch nicht nicht ganz.
„Ases Tod“ wirkt schlank und profitiert von den weich klingenden und nuanciert spielenden sordinierten Streichern, Gute Balance.
„Anitras Tanz“ lässt einen sehr zarten erneut mit der Sordine veredelten Streicherklang hören. Er klingt angenehm luftig.
„In der Halle des Bergkönigs“ gibt es eine zünftige Steigerung, Pauke und Gran Cassa könnten jedoch vehementer klingen. Den Chor vermisst man. Anscheinend war man doch mehr daran interessiert die beiden Suiten nur ein wenig zu erweitern, als Teile der Schauspielmusik einzuspielen.
Im „Brautraub-Ingrids Klage“ könnte das Allegro furioso aufgepeitschter klingen. Die Violinen in Ingrids Klage klingen hell und wenig sonor.
Im „Arabischen Tanz“ herrscht ein beherztes Tempo und ein vorantreibender Gestus mit ordentlich Schwung vor. Da schimmert nur sehr wenig Melancholie durch. Auch dieser Satz leidet klanglich (nach unserem Geschmack) ein wenig unter dem hellen Violinen-klang. Das Schlagwerk erscheint nicht sonderlich gut klanglich aufgelöst und könnte brillanter klingen.
„Peers Heimkehr“ wirkt dynamisch und im Gestus leicht gebremst. Sie wirkt nur wenig drängend und gefahrenvoll. Wenn sich das Schlagwerk die Ehre gibt, wirkt es schon stürmischer. Insgesamt hinterlässt der Satz jedoch einen eher flüchtigen Eindruck.
„Solveigs Lied“ ist wohl der stimmungsvollste und gelungenste Satz von den acht. Die Akustik scheint eigens verändert und wirkt nun viel sonorer. Die Violinen wirken nun näher als zuvor, obwohl Adele Stolte nun eigentlich weitgehend ihren Part übernimmt. Sie singt ihren Part ebenfalls klar und deutlich, mit weichem, recht jugendlichem, mädchenhaftem Sopran. Alle Solveigs wirkten auf uns hochklassig besetzt, da gibt es überhaupt keinen Ausfall. Da hat man die freie Auswahl. Sie singt sehr gut verständliches Deutsch. Der beste Satz dieser Einspielung, ohne Zweifel.
Der Klang dieser Einspielung wirkte in unserer Philips Silver-Line-Classics Edition etwas belegt. Die Streicher insbesondere die Violinen klingen nur wenig sonor. Kein Vergleich zur EMI-Aufnahme Blomstedts mit der Dresdner Staatskapelle von 1977. Was Neun Jahre ausmachen können. Es klingt im Vergleich hier weniger transparent, weniger luftig, weniger körperhaft. Die 67er ragt anders als die 77er mit Blomstedt nicht aus den zahlreichen klanglich herausragenden Produktionen des VEB heraus. Zugutehalten kann man der 67er aber, dass sie uns klanglich immer noch besser gefällt als die 89er mit Kurt Masur, die bereits ohne das Zutun des VEB auskommen musste. Sie klingt vor allem nicht so weit entfernt. An die Qualität der Leipziger Aufnahme Neumanns mit Mahlers V. kommt sie nicht heran. Sie stammt allerdings von 1965.
4
Per Dreier
London Symphony Orchestra
Toril Carlsen, Vessa Hanssen. Oslo Philharmonic Chorus
Unicorn, Treasure Islands, Norsk Kulturrads
1979
14:12 17:22
GA
Diese Einspielung gilt als die erste vollständige Aufnahme der Schauspielmusik. Man kann auf 29 Tracks zugreifen. Aufgenommen wurde in der All Saints Church, Tooting in London. Wenn man auch noch auf die Philharmoniker aus Oslo zurückgegriffen hätte, dann wäre das die erste von dann drei rein norwegischen Besetzungen. Da Musiker jedoch sowieso meist polyglott in vielen Ländern unterwegs sind, ist es gar nicht so wichtig, woher eine Besetzung kommt. Hauptsache man spricht musikalisch-künstlerisch dieselbe Sprache.
Die „Morgenstimmung“ wirkt trotz des recht zügigen Tempos ziemlich atmosphärisch und gefühlvoll. Insgesamt wirkt sie sehr leise und sehr zurückhaltend.
Bei „Ases Tod“ bringt Dreier den ganzen Satz besser unter einen Bogen als viele andere, es wird nicht so kleinteilig phrasiert. Klanglich wirkt der Satz eher matt und düster, was eigentlich gar nicht so schlecht zu ihm passt.
„Anitras Tanz“ klingt weich und wirkt bezaubernd. Hier verzaubert die Sordine wirklich einmal den Klang der Violinen. Grieg macht auch in anderen Sätzen gerne Gebrauch von ihr, was insgesamt den Märchen- oder besser Sagencharakter unterstützt und das im hier vorliegenden Fall ein wenig ausgezehrt wirkende Klangbild besonders aufhübscht.
„In der Halle des Bergkönigs“ klingt es transparent und die Gran Cassa darf einmal zeigen, was in ihr steckt. In diesem Satz passt die Kirchen-Akustik ganz gut. Im großen, gemischten Chor wirken die „Schlachtet ihn!“-Schreie (natürlich auf Norwegisch) nicht sonderlich durchdringend, er ist einfach klangtechnisch zu weit entfernt abgebildet, nicht präsent genug. Pauke und Gran Cassa geben sich hier mit einer unerwarteten Dynamik die Ehre. Dialoge hat man nicht mit aufgenommen.
„Brautraub-Ingrids Klage“ zeigt als Klage ein heftig bewegtes Aufbegehren, der Klang wirkt dunkel und traurig. Das Schlagwerk hallt in diesem Satz nach.
Der „Arabische Tanz“ lässt einen etwas schrillen aber groß besetzten, sehr dynamischen, kraftvollen Damenchor hören. Anitra (Vessa Hanssen) wirkt ein wenig walkürenhaft und weniger verführerisch auf uns. Der Tanz klingt als Ganzes ziemlich lärmend und wirkt auf uns eher wie ein Volksfest in Norwegen, als ein exotischer Tanz in Marokko.
„Peers Heimfahrt“ könnte schneller, wuchtiger und letztlich stürmischer wirken. Um Urgewalten darstellen zu können, hätte die Aufnahmetechnik eine bessere Dynamik zur Verfügung stellen müssen. Erst ganz am Ende dreht sie richtig auf und lässt das fff vom ff deutlich unterscheiden.
Bei „Solveigs Lied“ fehlt der Stimme ein wenig der einschmeichelnde Schmelz. Da hat man auf eine authentische norwegische Stimme (Toril Carlsen) gesetzt und an Ausstrahlung und Intensität fehlt es auch nicht. Das Orchester klingt hier wieder (da erneut die Sordine genutzt wird) sehr schön.
Der Klang der Aufnahme wirkt nicht ganz frei und etwas entfernt, generell leicht diffus und ein wenig ausgedünnt. Die Violinen leicht „drahtig“. Dass es auch an Sonorität mangelt wird durch den geringen Aufsprechpegel noch verstärkt. Da ist es erfreulich, dass es im ff nicht halliger klingt als bei den anderen Lautstärken.
4
Walter Weller
Royal Philharmonic Orchestra
ohne Sängerin, ohne Chor
Decca
1978
16:01 16:47
H
20 Jahre nach der Einspielung mit Oivin Fjeldstad hatte man ein Decca anscheinend eine Art Remake im Sinn. Denn genauso wie damals verzichtete man auch bei dieser Produktion auf zumindest einmal eine Sängerin und auf einen Chor. Aber immerhin konnte man dieses Mal statt der zehn Stücke bei Fjeldstad zwölf Stücke anbieten. Es ergibt sich so immer noch eher eine erweiterte Suite als die Höhepunkte aus der Schauspielmusik. Da der Wiener Walter Weller (1939-2015) noch nicht bei uns als Dirigent erschienen ist, wollen wir ihn mithilfe von Wikipedia einmal kurz vorstellen. Walter Weller war in den Jahren 1961 bis 1972 Konzertmeister der Wiener Philharmoniker und des Staatsopernorchesters. 1966 erfolgte nach seinem Dirigierstudium bei Josef Krips (1902–1974) sein Debüt als Dirigent. Weller war 1971/72 Generalmusikdirektor der Duisburger Sinfoniker (heute Duisburger Philharmoniker), 1975 bis 1978 Chefdirigent beim Niederösterreichischen Tonkünstlerorchester und von 1977 bis 1980 beim Royal Liverpool Philharmonic Orchestra, das ihn nach Ablauf des Vertrages zum Ehrengastdirigenten auf Lebenszeit ernannte. 1980 bis 1986 folgte die Chefstelle beim Royal Philharmonic Orchestra London, anschließend bis 1991 war er Chefgastdirigent des Spanischen Nationalorchesters. Von 1992 bis 1997 war er musikalischer Leiter des Royal Scottish National Orchestra, von 1994 bis 1997 Musikdirektor der Allgemeinen Musikgesellschaft in Basel, Operndirektor des Theaters Basel und Chefdirigent des Basler Sinfonie-Orchesters. Die Stuttgarter Philharmoniker verliehen 2003 Walter Weller den Titel „Ehrendirigent“. Von November 2007 bis Juni 2012 wirkte er als Musikalischer Direktor und Chefdirigent des Belgischen Nationalorchesters, das ihn anschließend zum Musikalischen Ehrendirektor ernannte.
Die „Morgenstimmung“ erscheint ruhevoll und atmosphärisch. Es stört möglicherweise den ein oder anderen, dass die Oboe auch 1978 noch oder wieder schalmeienartig beim träumen stört, andererseits könnte man sich auch gut einen marokkanischen oder norwegischen Hirten beim Spiel auf seinem Instrument vorstellen. Die Flöte hingegen klingt wie so oft in der Relation viel weicher und voller.
„Ases Tod“ erklingt sehr langsam und getragen, könnte aber gerade im niedrigen dynamischen Bereich noch differenzierter vorgetragen werden (durchgehend, nicht nur sporadisch), zwischen f und ff wird dagegen hörbar unterschieden. Der Satz zieht sich etwas dahin. Das Morendo entschwebt schön im Nichts.
In „Anitras Tanz“ erscheint uns eigentlich nur der dezente Triangel bemerkenswert.
„In der Halle des Bergkönigs“ geht es etwas zügiger zu als üblich, es gibt ein gutes Stretto und einen guten dynamischen Verlauf, das ist eigentlich eine Grundvoraussetzung für das Gelingen dieses Satzes. In der ersten Suite erfüllt er die Funktion eines „Rausschmeißers“. Insgesamt hat man ihn jedoch schon mitreißender gehört. Letztlich scheint das Orchester in dieser Session nicht so recht zu seiner Topform zu finden. Und der fehlende Chor muss in einer Highlight-Zusammenstellung als Manko empfunden werden. .
In „Brautraub-Ingrids Klage“ wird als großes Lamento gegeben, in diesem Fall raubt das langsame Tempo ein wenig Intensität.
Der „Arabische Tanz“ punktet mit leicht burschikos angehauchten Außenteilen, während der kantable Mittelteil besonders zügig und ein wenig getrieben wirkt. Auch hier könnte man das Fehlen eines Damenchores bedauern.
In „Peers Heimkehr“ gibt Walter Weller ein gutes Tempo vor und das Spiel des Orchesters zeigt etwas mehr von der Virtuosität der Beecham-Aufnahme oder wie man sie wieder bei Temirkanov vorfindet. Die gefährlichen Momente werden jedoch, wie in vielen anderen Aufnahmen, besonders der „reinen“ Suiten nicht ganz ausgereizt. Es fehlen die „Funken“, die man auch bei einer aufgepeitschten „Wassermusik“ durchaus noch höher rausschlagen könnte.
„Solveigs Lied“ wirkt dynamisch eingeebnet und die Violinen könnten noch etwas homogener klingen, besonders bei den Oktavierungen. Bei Beecham 1957 war das Orchester eindeutig besser „in Schuss“.
Ohne den Mehrwert von verführerischen Sopranen und Choreinlagen wirkt eine Highlight-Zusammenstellung, wenn man sich an die voll ausgestatteten Versionen erst einmal gewöhnt hat ein wenig „kahl“, genau wie die Suite. Eine schlechte Highlight-Einspielung haben wir jedoch nicht entdeckt.
Die Aufnahme klingt durchaus klar, räumlich, farbig und dynamisch. Sie könnte jedoch fülliger wirken und brillanter, saftiger. Die Körperhaftigkeit ist gar nicht mal schlecht. Es handelt sich um eine späte Analogaufnahme, weshalb wir noch in den Genuss eines warm timbrierten Streicherklangs kommen, allerdings ohne dass er Maßstäbe setzen könnte.
11 historischen Aufnahmen in Mono-Technik
5
Désiré-Emile Inghelbrecht
Orchestre National de la Radiodiffusion Française (heute: Orchestre National de France),
Claudy Mas-Michel
Erato, Warner
ca. 1955
15:10 16:43
Diese Aufnahme erschien als Platte zunächst noch unter dem Namen Orchestre du Théâtre des Champs-Elysées auf Pathé-Marconi oder Ducretét Thomsen. Firmen, die es schon längst nicht mehr gibt. In dem Theater spielt das Orchester heute noch seine meisten Konzerte in Paris. Monsieur Inghelbrecht (1880-1965) war der Gründungsdirigent des Orchesters und leitete es von 1934-44 und ein zweites Mal 1951-58. Es soll mit ihm noch eine ältere Einspielung mit dem Grand Orchestre Philharmonique de Paris geben, veröffentlicht 1930 auf Columbia. Auf diese hatten wir leider keinen Zugriff. Er bietet gegenüber beispielsweise Willem van Otterloo einen vergleichsweise romantisch geprägten Zugriff. Der eigentliche Clou dieser Einspielung: Bei dieser vornehmlich noch für den französischen Markt produzierten Scheibe singt Madame Mas-Claudy „Solveigs Lied“ in französischer Sprache. Damals dachte man noch weniger an den „Weltmarkt“, hatte noch viel mehr die Nation in Auge.
Die „Morgenstimmung“ erklingt zügig, hell timbriert durch das französische Holz, aber auch durch die hell abgestimmten Violinen und die entsprechende Klangtechnik. Es wird leidenschaftlich gespielt.
Bei „Ases Tod“ fällt die sanfte Klanggebung und das besonders langsame Tempo auf, ohne dass der Satz dadurch schwer oder gedrückt wirken würde. Der helle Orchesterklang wirkt dagegen und trotz des Sujets und des Tempos wirkt der Satz lebendig und „atmend“ musiziert.
„Anitras Tanz“ wirkt tänzerisch und beschwingt, leicht und frisch, mit sehr deutlichen Pizzicati. Mit viel Eleganz und Temperament klingt es hell und frisch, mit einem lauten und deutlichen Triangel.
„In der Halle des Bergkönigs“ geht es sehr zügig zu. Angetrieben und sehr lebendig, sehr dynamisch mit einem knalligen Schlagwerk. Die Aufnahme macht bis hierhin einen sehr gut restaurierten Eindruck. Falls sie wie vermutet von 1955 ist, wäre sie allerdings so alt noch gar nicht, vor allem wenn man bedenkt, dass 1957 Sir Thomas Beecham die Halle bereits in Stereo stürmen konnte.
„Brautraub-Ingrids Klage“: Da kann man sich in Paris offenkundig sehr gut in die Stimmung der verzweifelten Frau versetzen und die Musik entsprechend klingen lassen. Es klingt sehr expressiv und dunkel. Erstaunlich dynamisch wird die Pauke im kurzen Allegro furioso fast schon vergewaltigt.
Im „Arabischen Tanz“ kommt das Schlagzeug wieder besonders gut zur Geltung. Es besteht aus Tambourin (groß und klein), Gran Cassa, Piatti und Triangel. Das verstärkt die Exotik. Die Außenteile wirken sehr beschwingt und lassen deutlich hervorgehobene Celli als Gegenstimme hören.
„Peers Heimkehr“ könnte etwas temporeicher klingen, die Intensität stimmt jedoch.
Zügiger als üblich und entsprechend belebter klingt „Solveigs Lied“, das von Claudy Mas-Michel mit leichter, soubrettenhafter Stimme gesungen wird. Das klingt heller und zuversichtlicher als üblich. Diese Solveig wirkt noch sehr jung und weitet die Bandbreite der Solveigs, die die Diskographie anbietet, beträchtlich. Als eine schöne Überraschung kann man das Französisch nehmen. Das Lied klingt so einfach eleganter als auf Deutsch oder Norwegisch.
Die Aufnahme rauscht beträchtlich, lässt aber den Höhenreichtum so unbeschnitten zur Geltung kommen. Es klingt durchaus transparent, offen und deutlich. Der Klang wirkt überraschend lebendig und sogar bereits recht plastisch.
5
Joseph Keilberth
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Telefunken, BnF
1956?
15:02 17:12
Joseph Keilbert war von 1951-59 GMD in Hamburg bevor er als GMD zur Bayerischen Staatsoper nach München wechselte.
Die „Morgenstimmung“ wirkt ziemlich sehnsuchtsvoll. Das Ruhevolle, Idyllische tritt gegenüber eines leidenschaftlichen Ausdrucks zurück. Es klingt schon fast theatralisch.
„Ases Tod“ wirkt zart und zurückgenommen, andächtig. Hier gibt es keinen großen Klagegesang. Der Orchester spielt sehr homogen.
„Anitras Tanz“ gelingt zügig und recht temperamentvoll. Ein besonders laszives Element ist uns nicht aufgefallen. Es klingt beschwingt, ohne besonders verführen zu wollen. Die Eleganz wird jedoch nicht gänzlich vernachlässigt.
„In der Halle des Bergkönigs“ erklingt zügig, erhält einen kräftigen Beschleunigungsschub und eine starke Steigerung im Dynamischen.
„Brautraub-Ingrids Klage“ wirkt sehr intensiv als Klagegesang, dabei klingt das Orchester erstaunlich glanzvoll. Man erschließt sich die schicksalhaften Dimensionen des Tathergangs in dieser Aufnahme ganz besonders. Das Allegro furioso erklingt mit aller Wut und Wucht.
Der „Arabische Tanz“ bringt viel lebendigen Schwung mit. Er wirkt gar nicht affirmativ und besonders tänzerisch. Auch hier wird die Cellostimme sehr schön herausgearbeitet. Wie die Sätze 3 und 5 gehört auch dieser Satz zu den besten Darstellungen.
„Peers Heimkehr“ macht eigentlich noch das Beste aus den Möglichkeiten der alten Telefunken-Platte aus dem Archiv der Bibliothèque national de France. Rhythmik und Perkussivität wirken eigentlich eindringlich, aber für einen Sturm, der letztlich zum Schiffbruch führt, wirkt die Dynamik zu beschaulich.
„Solveigs Lied“ erklingt zart und sehnsuchtsvoll. Keilberth lässt das Orchester hier nicht auftrumpfen, es wirkt aber trotzdem eindringlich.
Die von einer aus den Beständen der BnF digitalisierten Telefunken-LP klingt sehr sauber und präsent. Sie suggeriert sogar ein wenig Räumlichkeit und wirkt gut ausbalanciert. Dem Orchester wird durch die Telefunken-Röhren-Technik eine gewisse geschmeidige Brillanz beigegeben.
5
Willem van Otterloo
Het Residentie Orkest The Hague (Den Haag),
Erna Spoorenberg
Philips, BnF
1950
14:05 15:34
In der „Morgenstimmung“ geht es zügig voran, von daher unverzärtelt und ohne Gefühligkeit. Das instrumentale Niveau der Soli ist hoch und das Niveau des Orchesters, das in den 50ern immer wieder gerne, auch mal von der DG, zu Schallplattenaufnahmen herangezogen wurde, ist ebenfalls nicht zu tadeln. Es ist gut besetzt und man spielt tadellos zusammen. Das nuancierte Spiel trifft den Nerv der Musik sicher.
Bei „Ases Tod“ scheint man auf die vorgeschriebene Sordine für alle Streicher verzichtet zu haben, das nimmt der Musik die Überzuckerung (falls man das so sieht), nur die Bässe spielen sowieso ohne Sordine. Bei manch einer älteren Aufnahme hatten wir den Eindruck, dass das doch ganz anders und „härter“ klingt als in moderneren Aufnahmen. Das dürfte der eigentliche Grund sein. Man gräbt sich tief in die Musik ein. Das klingt sehr ausdrucksstark.
„Anitras Tanz“ klingt beschwingt und trotzdem noch verführerisch genug. Sie scheint vor Vitalität zu strotzen. Sie biedert sich jedoch nicht durch übertriebene „neckische“ Nuancierungen an, was auf Peer vielleicht besonders anziehend wirkt. Bei dem weiß man ja nie…
„In der Halle des Bergkönigs“: Alla marcia e molto marcato. Auch hier geht es zügig und spannend voran. Die furiose Steigerung verlangt dem Orchester einiges ab, leider bleibt die hörbare Dynamik schwach. 1950 und eine alte Platte, da darf man nicht zu viel erwarten.
Wie bei „Ases Tod“ hören wie eine tiefschürfende Musik, intensiv und tiefernst dargeboten,
Der „Arabische Tanz“ ist einer der tänzerischsten, vitalsten, sogar spritzigsten. Da kommt wirklich einmal sanguinisches Temperament zum Ausdruck. Der Tanz „macht an“, wie es in der Jugendsprache heißen würde.
„Peers Heimkehr“ wirkt feurig und turbulent dargeboten.
In „Solveigs Lied“ singt Frau Spoorenberg erneut deutsch. Anscheinend war der deutsche Markt damals der größte, dass man diese Sprache und Ibsens Verse nicht auf Englisch oder Norwegisch gewählt hat. Die Stimme der Niederländerin wirkt nicht mehr ganz so jung, sondern etwas reifer, aber sie sitzt gut, wir hören jedoch eine leichte Tendenz zum Schrillen, was jedoch auch mit einem leichten Verzerren bei der Abtastung zu erklären wäre. Gerade wenn es in Richtung Plattenmitte geht, neigten die LPs doch gerne mal dazu. Da waren doch noch die Fehlwinkel gegenüber der idealen Kreisbahn zu beachten, die ausgeglichen werden mussten. Bei der Einstellung des Kröpfungswinkels des Tonabnehmers im Tonarm. Das waren noch Zeiten! Wie einfach ist da das Abspielen einer CD oder das Streamen von Daten heutzutage. Ansonsten gibt es an der Pressqualität nichts auszusetzen.
Für 1950 klingt die Philips sehr „anständig“. 1950 war bei Philips gerade einmal das Jahr der Labelgründung.
4-5
Herrmann Scherchen
Wiener Staatsopernorchester
Supraphon, Tahra, BnF
1950
14:47 16:49
Die „Morgenstimmung“ wird mit der speziellen Würze der Wiener Oboe angereichert und gerade, wenn man Scherchen noch als intellektuellen Verfechter der Moderne im Gedächtnis hat, wirkt das Spiel des Orchesters erstaunlich gefühlvoll. Auch ruhevoll, doch nicht ohne Spannung. Es gibt den großen Bogen und das Orchester gibt sich keine Blöße.
„Ases Tod“ wird intensiv phrasiert, hält jedoch die Waage mit der einfachen Faktur, die die eigentlich nur als „Hintergrundmusik“ gedachte Musik mitbringt. Ohne jeden Kitsch klingt sie bei Scherchen.
„Anitras Tanz“ erklingt als nordische Mazurka ohne Wiener Eleganz. Letztere wäre wohl bei der Dame auch nur vorgetäuscht.
„In der Halle des Bergkönigs“ erklingt in einem ausgesprochen getrieben wirkenden Tempo und wild gesteigert. Allerdings wird es dann bei der alten Platte richtig undeutlich. Man könnte fast von einem Tohuwabohu sprechen. Aber was für ein Tempo, was für eine Sogkraft. Da muss man lange warten bis man sowas wieder hören kann.
„Brautraub-Ingrids Klage“ wird von Scherchen und seinem Wiener Orchester als große Klagemusik gegeben mit einer intensiv empfundenen Steigerung. Die Pauke hat man allerdings schon mit mächtigerem Crescendo gehört. Ärgerlich: Da hat sich ein tieffrequenter Brumm mit eingeschlichen. Durch die Überspielung ins Digitale? Eigentlich sind die Transfers der BnF meist oder fast immer sorgfältig, wenn man einmal von der nicht immer verlässlichen Nennung der Interpreten absieht.
Der „Arabische Tanz“ erklingt mit viel Temperament und tänzerischen Drive, da sieht man die arabischen Kleidchen förmlich fliegen bzw. die typischen Pumphosen, was damals zur Zeit Ibsens und Grieg gerade en vogue war. Der steckt ein Drive drin, den man vielen Einspielungen nur wünschen würde. Das klingt sehr kontrastreich, allerdings klingen die Violinen dabei nicht immer ganz sauber. Der tänzerische Elan geht vor! Feststimmung in der Oase!
„Peers Heimkehr“ muss mit einem reduzierten Pegel klarkommen. Man hat ihn vorsorglich reduziert, damit es im fff zu keiner Übersteuerung kommt, die Dynamik unverzerrt bleibt. Erneut steckt bei Scherchen viel Tempo und ordentlich Impetus in der Musik. So strahlt der Satz durchaus existenzielle Gefahr aus. Aber leider bleibt die tatsächliche Dynamik und der Klang der digitalisierten LP allgemein sehr bescheiden.
Bei „Solveigs Lied“ hört man tatsächlich einmal die von Grieg notierten Glissandi der Violinen und Violen in T. 4. Scherchens Tempo ist erstaunlich langsam gewählt und wirkt von Melancholie und Schwermut durchtränkt. Nicht jede Solveig kommt mit der Abwesenheit des „Liebsten“ gleich gut zurecht. Leider meldet sich der Brumm aus „Ingrids Klage“ erneut. Unüberhörbar und lästig. Das kostet der Einspielung die „Höchstnote“, obwohl wir ja gar keine Noten vergeben. Es sind nur Tendenzen innerhalb der gehörten Diskographie. Trotz pp lässt Scherchen die Flöten schmerzlich aufscheinen. Glissandi werden auch beim dritt- und zweitletzten Takt des Satzes bedacht. Genau wie es in den Noten steht. Das hört man nur in Scherchens Einspielung!
4-5
Basil Cameron
London Philharmonic Orchestra
Decca, Maestoso
1949
14:25 15:25
Basil George Cameron Hindenburg (1984-1975) studierte noch Violine bei Joseph Joachim und Leopold Auer.
Ihm steht mit dem 1932 von Thomas Beecham gegründeten LPO ein gutes Orchester zur Verfügung, das die immensen Probleme der Nachkriegszeit bereits gut überwunden zu haben scheint. Es spielt in der „Morgenstimmung“ sehr schön homogen und gefühlvoll. Die Oboe hält sich in ihren Soli angenehm zurück.
In „Ases Tod“ werden alle Stimmen nahezu gleichbehandelt, also nicht nur die Oberstimme der Violinen hervorgehoben. Die Bässe scheinen Mister Cameron sogar besonders wichtig zu sein. Die Folge: eine expressive Darstellung ohne Operettentod aber auch ohne Staatsbegräbnis.
„Anitras Tanz“ klingt angesichts des AD 1949 sehr klangschön, sogar weich und geschmeidig. In jedem Fall hat man in London die Sordine nicht vergessen und wählt auch das genau richtige Tempo. So passt der Gestus ebenfalls sehr gut. Einfach stimmig.
„In der Halle des Bergkönigs“ lässt uns die Aufnahme große, dicke Fagotte hören, anscheinend haben sie den besten Platz vor dem Mikrophon in diesem Satz ergattert. Sie klingen wie die Aufnahme überhaupt jedoch weich und „schön“. Es gibt eine stringent wirkende Temposteigerung und saftige dynamische Entladungen. Da schont sich das Orchester nicht, es spielt vielmehr so wie der Chor singen würde, wenn einer dabei wäre: schreiend. „Schlachtet ihn! wir kennen ja mittlerweile den „Schlachtruf“ der Trolle.
„Brautraub-Ingrids Klage“ wirkt sehr düster, zunächst durch die sowieso schon triste, farbschwache historische Aufnahmequalität und dann wieder, wie bei „Ases“ Tod“ durch den erheblich durch die tiefen Streicher verstärkten Streichersound. Aber: Auch die Violinen klingen bereits top.
Der „Arabische Tanz“ lässt ein sportliches Tempo hören, durch das dem ganzen Tanz eine gewisse Rasanz verliehen wird. Alleine das hebt diese Darbietung bereits wohltuend von vielen Schlafwandler-Tempi positiv ab. Das Laszive, verführerische geht allerdings verloren zugunsten einer unbeschwert-temperamentvollen Tanzdarbietung.
„Peers Heimkehr“ wird leider nur ein langsames Tempo zuteil. Das bedeutet weniger Turbulenzen, weniger Gischt, weniger Wellengang, weniger Gefahr. Dennoch lässt man durch die intensive Phrasierung und ein hohes Maß an Dynamik Spannung aufkommen.
„Solveigs Lied“ lässt Mister Cameron mit bezaubernder Zurückhaltung spielen. Wir hören da keinen Kitsch.
Die „Entstörung“ des alten Materials, es wird wieder eine alte Platte gewesen sein, wurde nicht so weit getrieben wie bei Walter Süsskind. So klingt es höhenreicher, offener, aber auch knisternd und knacksend. Uns gefällt das Resultat aber viel besser als bei der neueren Einspielung mit Süsskind, die miserabel überspielt wurde. Bei Cameron klingt es bereits erstaunlich transparent.
4-5
Vaclav Neumann
Prager Symphoniker
Supraphon, BnF
1961
14:06 15:11
1961 nahm man eigentlich bei Supraphon bereits seit ein paar Jahren stereophon auf, leider lag anscheinend bei der Bibliothèque national de France nur eine alte Monoplatte zur Digitalisierung vor, mit der wir Vorlieb nehmen müssen.
Die „Morgenstimmung“ klingt erheblich schneller, freudiger, ja stürmischer als sechs Jahre später in Leipzig bei der Einspielung der Highlights mit dem Gewandhausorchester für Philips-Eterna.
Bei „Ases Tod“ hören wir ein stärkeres Espressivo als in Leipzig.
Bei „Anitras Tanz“ klingt es nun rauer als in Leipzig, der Tanz handfester, robuster. Neuman gibt zwar das gleiche Tempo vor, es wirkt jedoch weniger luftig und leicht.
„In der Halle des Bergkönigs“ geht es sehr rhythmisch und aufgepeitscht zu. Da klingt es stark nach Chor, obwohl gar keiner mitsingt.
Bei „Brautraub-Ingrids Klage“ hören wir dieselben Relationen zwischen „Brautraub“ und Ingrids Klage“, also zwischen Allegro furioso und Andante doloroso wie in Leipzig. Der karge Monoklang wirkt jedoch noch trauernder, da es an der Wärme des Gewandhausorchesterklangs fehlt. Da fehlt das Tröstende. Auch die Intensität erscheint in Prag nochmals verstärkt.
Beim „Arabischen Tanz“ erscheint der Tanzcharakter gegenüber der Leipziger Aufnahme geschärft. Es wirkt kecker, frischer, mit mehr Elan. Pointiert und sehr temperamentvoll.
„Peers Heimfahrt“ wirkt gegenüber Leipzig etwas beherzter und rasanter. Es wird drängender gespielt.
„Solveigs Lied“ kommt zügig und unverschmalzt. Es fehlt aber auch die letzte Feinheit und Tonschönheit. Da ist die Leipziger Aufnahme mit Adele Stolte klar vorzuziehen.
Die alte Monoplatte war frei von Knacksen und Schleifgeräuschen. Es klingt relativ dynamisch und unverfälscht. Dennoch wirkt der Klang gegenüber der nur mittelprächtig gelungenen Stereoaufnahme aus Leipzig wie ein Rückschritt.
4
Otmar Suitner
Bamberger Symphoniker
DG
ca. 1953
15:50 15:00
Otmar Suitner, der Innsbrucker, der seit 1960 in der DDR wirkte (bei den Staatskapellen in Dresden und Berlin), lässt die „Morgenstimmung“ recht bedächtig und ohne zusätzliches Espressivo wie aus sich selbst sprechen. Es gibt keine extravaganten Zutaten, das Holz spielt dezent und recht einfühlsam. Eine Dramatisierung unterbleibt.
„Ases Tod“ erklingt langsam und dynamisch gut abgestuft. Das pp klingt sehr leise. Es klingt jedoch, als ob man auf die Sordine verzichtet hätte, zwar recht weich aber auch fahl, ohne Glanz, ohne espressivo. Fast ärmlich. Man merkt ihr tatsächlich ihren Ursprung als „Hintergrundmusik“ noch an. Der eigentlich dazu gesprochene Dialog fehlt in den Suiten obligatorisch.
„Anitras Tanz“ erklingt recht gefühlvoll aber doch mit Tempo. In etwa pendelnd zwischen einem derben Rhythmus und einer gewissen Eleganz.
„In der Halle des Bergkönigs“ geht es zunächst schwerfällig zu. Die Beschleunigung und die dynamische Steigerung werden nur als mäßig erlebt. Man hat beides schon mitreißender und effektvoller gehört.
Bei „Brautraub-Ingrids Klage“, orchestral gediegen, wird mehr Emotionalität spürbar als in „Ases Tod“ und in den anderen Sätzen zuvor. Die Streicher, insbesondere die Violinen klingen hier sogar besser als die des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg. Beide, die Hamburger und die Bamberger hatten damals denselben Chefdirigenten: Joseph Keilberth.
Beim „Arabischen Tanz“ bleibt die Gran Cassa immerhin schon erkennbar, das übrige Schlagwerk wird sogar deutlich hervorgehoben, sodass die Janitscharenmusik für die 50er Jahre gut herauskommt. Das wirkt temperamentvoll und es schwingt hörbare Musizierlust mit.
Bei „Peers Heimkehr“ gelingt die dramatische Theaterwirkung besser als „In der Halle des Bergkönigs“, dynamisch wirkt der Satz jedoch ebenfalls aufnahmetechnisch bedingt harmlos.
In „Solveigs Lied“ wird die con sordino-Wirkung hörbar, nicht wie bei „Ases Tod“. Die Darbietung wirkt engagiert und bewegt. Der helle Klang der ersten Violinen sprengt ein bisschen die Homogenität des Streicherklangs. Insgesamt erscheint uns die zweite Suite besser gelungen als die erste.
Der Klang der Aufnahme erscheint sauber, transparent, deutlich und recht farbig, allerdings nicht immer dynamisch genug. Der Monoklang enttäuscht zwar nicht, aber die Begeisterung über die Einspielung kann er auch nicht erhöhen. Der Hochton wirkt ein wenig belegt und manchmal klingt der Streichersound noch nicht weich genug.
4
Artur Rodzinski
Philharmonic Symphony Orchestra of London (Royal Philharmonic Orchestra)
Westminster, Forgotten Records
1955
15:13 14:34
Diese Einspielung wurde in der Wathamstow Assembley Hall in London aufgenommen.
Bei Herrn Rodzinsky machen die Soli keinen besonders gut gelaunten Eindruck. Flöte und Oboe klingen im Ausdruck gezügelt jedoch aufnahmetechnisch sehr präsent. Mit der Oboe haben wir wieder, wie bei Sir Thomas Beecham zwei Jahre später eine Oboe ganz typisch britischer Ausprägung vor uns. Das gute Orchester spielt zwar weniger gutgelaunt als bei Sir Thomas, aber sehr gespannt.
„Ases Tod“ klingt ganz zart und leise, langsam und innig. Die Steigerung in allen Schritten wird spürbar, genau wie das anschließende Diminuendo. Es klingt wie ein Lamento, das eigentlich erst bei „Ingrids Klage“ kommen sollte.
„Anitras Tanz“ wirkt temperamentvoll und geradlinig. Die Sordine der Violinen ist deutlicher zu hören als im Satz zuvor. Der Tanz nimmt nur eine kurze Spielzeit in Anspruch, nicht wegen eines atemberaubenden Tempos, sondern weil es sich Rodzinski erlaubt, auf die Wiederholung des letzten Teils zu verzichten. Da war es ja in den 50er Jahren in guter Gesellschaft. Gerade bei Aufnahmen sollte man sich eigentlich nicht allzu knauserig zeigen, allerdings war die Spielzeit damals noch knapp bemessen.
„In der Halle des Bergkönigs“ lässt man es recht schwerfällig angehen. Das Spiel suggeriert uns durch kräftige, markige Akzentuierung einen großen, schweren und etwas plumpen Bergkönig. Die Beschleunigung mit Crescendo erfolgt zwar spürbar, wir haben sie jedoch schon mitreißender gehört.
„Brautraub-Ingrids Klage“ klingt leider in unserer Pressung etwas gepresst. Vor B gibt es ein gewaltiges Crescendo. Die insgesamt stringente Darbietung lässt keinen Platz für Gefühligkeit. Da geht es zur Sache.
Der „Arabische Tanz“ wirkt zwar gegenüber der Einspielung mit Willem van Otterloo gebremst, doch mit geschärftem Rhythmus, besonders in den Außenteilen, die eigentlich vielleicht eher der Repräsentation als der Zurschaustellung von Raffinement dienen sollen. Der kantable Mittelteil erklingt vitaler doch nicht ohne Melancholie.
„Peers Heimkehr“ erklingt recht spritzig aber in unserer Pressung nicht gerade kontrastreich.
„Solveigs Lied“ wird zügig, differenziert und gefühlvoll-zart gegeben. Auffallend ist die klare und deutliche Stimme der Harfe. Rodzinski verzichtet auf die oktavierte Wiederholung und nimmt dem Satz damit einiges von seinem Zauber. Deshalb wird seine Einspielung von der 4-5 runtergesetzt. Bei einer 1:1-Wiederholung hätten wir noch beide Augen zugedrückt, nicht aber wenn durch die Oktavierung eine Variation erfolgen würde, die uns vorenthalten wird. Der Satz erscheint so deutlich verkürzt. Normalerweise dauert die zweite Suite länger als die erste, nicht so bei Rodzinski.
3-4
Eugene Ormandy
Philadelphia Orchestra
CBS-Sony
1955
12:18 15:03
Diese Aufnahme erschien damals auch auf Philips-LPs. Von Eugene Ormandy gibt es die bereits besprochene Stereo-Einspielung, die bei RCA erschienen ist und noch eine Einspielung nur mit der ersten Suite, die bereits 1947 aufgenommen wurde. Erneut wurde in der Academy of Music in Philadelphia aufgenommen.
Die „Morgenstimmung“ erklingt zügig und unsentimental. Das Orchester konnte damals bereits mit Streicherglanz wuchern, aber die CBS-Technik aus der Mitte der 50er Jahre hat man schon besser d.h. deutlicher und klarer gehört, obwohl hier bereits das neueste Remaster vorliegt.
Nichtsdestotrotz wirkt „Ases Tod“ nicht ungestört, als ob die Plattenoberfläche nicht ganz sauber gewesen wäre und sich Staub vor dem Abtastdiamanten angesammelt hätte. Die Musik kam jedoch von einem Sony-Stream. Man spielt nicht ohne Ausdruck, jedoch wirkt die Phrasierung ziemlich kleinteilig. Dynamisch wird die Entwicklung genau nachgezeichnet. Der Satz wirkt insgesamt unsentimental und ein wenig zu „sachlich“.
„Anitras Tanz“ erklingt nun etwas präziser als 1947. Mit Format gespielt aber im Format gekürzt. Da hat man wohl mit der Spielzeit auf einer Plattenseite gekämpft.
„In der Halle des Bergkönigs“ ereignet sich nur eine „lahme“ Beschleunigung und die Dynamik klingt auch nicht gerade mitreißend. Erst ganz zum Ende hin kommt in dieser Halle richtig Stimmung auf.
„Brautraub-Ingrids Klage“ erklingt ebenfalls leicht gekürzt, in Klang und Ausdruck erreicht man nur ein mittleres Niveau.
Ähnliches ließe sich vom „Arabischen Tanz“ schreiben. Im Tempo bleibt er im mittleren Bereich, wirkt rhythmisch ein wenig stampfend, aber im Gestus doch noch leicht und locker. Wenn man von den fetzigen Entladungen des Schlagwerks einmal absieht. Der Mittelteil wirkt sehr animiert. Obwohl er im Tempo gar nicht schneller zu nehmen ist. Es ergibt sich ein schöner Kontrast.
„Peers Heimkehr“ wirkt nicht durchgehend spannend. Das Agitato nicht komplett durchgehalten. Die perkussiven Elemente kommen jedoch relativ deftig.
In „Solveigs Lied“ können sich die Streicher wieder von ihrer besten Seite zeigen. Das Lied klingt klanglich homogen, weder schnulzig noch schmalzig, sondern durch das zügige Tempo recht bewegt und lebendig.
Klanglich sind uns gegenüber der 1947 aufgenommenen ersten Suite kaum Verbesserungen aufgefallen. Das kann auch am 2021er Remastering liegen, das versucht die Aufnahme räumlich klingen zu lassen. Damit tut sich eine Monoaufnahme naturgemäß schwer. Ein großer Raum wird suggeriert, ohne dass es eine räumliche Abbildung gäbe. Für 1955 klingt er allerdings schon breitbandig, was sich mehr auf den Frequenzbereich als auf die Dynamik bezieht. Ohne dass es an Höhen fehlen würde, hat man zu dieser Zeit schon brillanteres von CBS gehört. Das Stereo-Remake erschien dringend geboten denn insgesamt enttäuscht der Klang 1955.
3
Leopold Ludwig
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg
Everest, Maestoso, Europa, Somerset
1958
15:13 15:46
Everest produzierte diese Einspielung 1958 als frühe Stereoaufnahme auf 35 mm Magnetfilm. Zu Vinyl-Zeiten scheint die Aufnahme recht populär gewesen zu sein, das Licht als CD scheint sie jedoch nie erblickt zu haben. Anscheinend gab es nie eine Everest-CD, weshalb wir nur auf eine Mono-LP-Version der Einspielung zurückgreifen konnten. Leopold Ludwig wurde anscheinend erst nach dieser Aufnahme Nachfolger von Joseph Keilberth beim Philharmonischen Staatsorchester Hamburg, es war GMD in Hamburg 1959-71.
Das Orchester zeigt sich wie bereits in der Aufnahme mit Joseph Keilberth zumindest einmal im ersten Satz der beiden Suiten gut in Form. Bei Keilberth klang es jedoch dramatischer und leidenschaftlicher. Bei Ludwig eher „stimmungsvoller“ im herkömmlichen Sinn.
Bei „Ases Tod“ scheint die Homogenität der Streicher gegenüber der Keilberth-Aufnahme etwas nachgelassen zu haben. Zudem strahlen die Violinen etwas deplatziert aus dem Streichersatz hervor. In unserer Vorstellung sollten es eher die dunklen Farben sein, die dominieren dürfen, die hellen sollten zumindest nicht aufstrahlen. Der Satz nimmt dynamisch gesehen lamentoähnliche Züge an, da wird nur sehr wenig differenziert.
In „Anitras Tanz“ betont man eher das Schwerfällige, Derbe. Das wird dem polnischen Nationaltanz, der Mazurka gerecht, wiewohl im das Elegante doch nicht ganz abhandengekommen ist.
„In der Halle des Bergkönigs“ stehen die Fagotte im Fokus. Das Piu vivo wirkt lahm und die ersten Violinen können sich nicht so recht mit ihren höchsten Tönen anfreunden. Dynamisch bleibt die Aufnahme flach und das Stringendo verpufft nahezu ungehört. Von einem fff war für uns gar nichts zu hören.
„Brautraub-Ingrids Klage“: Bei diesem Satz wirkt es besonders auffällig, dass die Violinen nicht intonationssicher spielen, die dynamischen Kontraste bei ff bleiben erneut schwach.
„Der „Arabische Tanz“ könnte ebenfalls kontrastreicher klingen. Unterschiede zwischen f und ff sind nicht zu hören, wobei da sicher einiges in der Pressqualität der digitalisierten Platte hängenbleibt. An Temperament und kraftvollem Schwung fehlt es nicht, jedoch erneut an der Intonationssicherheit der ersten Violinen.
In „Peers Heimkehr“ wird das Allegro agitato durchaus eingelöst, es klingt ziemlich aufgepeitscht, leider mangelt es unserer Pressung jedoch entschieden an Dynamik.
In „Solveigs Lied“ spielen die Violinen nun intonationssicherer, zumindest bis die Oktavierungen kommen. Die hat man jedoch schon besser gehört.
Obwohl nur eine „schnöde“ Mono-Kopie der Aufnahme vorlag klang sie recht plastisch, transparent aber nicht mit der Telefunken-Weichheit der Keilberth-Aufnahme. Obwohl viele Everest-Aufnahmen einen guten Ruf genießen. Die Violinen klingen heller als bei Keilberth, unabhängig von den Intonationsproblemen, denen sie offenkundig an diesem Tag nicht entrinnen konnten.
2-3
Walter Süsskind
London Philharmonic Orchestra
EMI, Maestoso
Ca. 1957
13:48 15:45
Die Bewertung bezieht sich auf das klingende Gesamtkunstwerk aus seriöser, höchstwahrscheinlich sogar inspirierter musikalischer Darbietung und völlig verunglückter Umsetzung einer alten Monoplatte ins Digitale. Leider hat man es bei EMI bisher anscheinend versäumt die Digitalisierung selbst in die Hand zu nehmen, denn 1957 sollte sogar bereits stereophon produziert worden sein.
In der „Morgenstimmung“ zeigt das Orchester seine Qualitäten, es klingt ruhe – und stimmungsvoll, die Oboe wie bereits mehrfach erwähnt dünn und hart.
„Ases Tod“ wird sehr breit und getragen gespielt als intensive Trauermusik. Schreitend in der Bewegungshaftigkeit und mit traumverlorenen, einsam wirkenden Passagen.
„Anitras Tanz“, Tempo di Mazurka, lebendig und differenziert.
In der „Halle des Bergkönigs“ erlebt man eine gute Steigerung der Elemente, orchestral stringent umgesetzt.
Bei „Brautraub-Ingrids Klage“ ist die Überspielung dann total verunglückt. Anscheinend hat sie nach Fertigstellung niemand überprüft, schade, denn was man erahnt klingt intensiv.
Der „Arabische Tanz“ raubt einem auf ähnlichem Niveau überspielt wie der Satz zuvor die Freude am Hören gründlich, zudem ist der Satz auch unvollständig.
Auch bei „Peers Heimkehr“ ist musikalisch alles in bester Ordnung, soweit hörbar, die Überspielung allerdings die reinste Katastrophe.
Bei „Solveigs Lied“ ist die Musik nicht vollständig erkennbar.
Zu Beginn klingt es zwar bereits zu Beginn monaural, aber man meint eine stümperhafte Stereophonisierung zu erkennen. Die Streicher klingen verfärbt, auch mal dumpf; dazwischen gibt es immer wieder wechselhafte sich sprunghaft einstellende Änderungen in der Klangqualität. Dann setzten unüberhörbare Klickgeräusche ein, die hartnäckig bleiben. Rauschen hingegen wurde komplett eliminiert, damit dann auch die Höhen. Trotz der überzogenen „Entstörung“ kommen einige Knacker durch, vor allem in der zweiten Suite. Letztlich ist das Ergebnis indiskutabel wegen der dilettantischen Überspielung. So haben wir die Einspielung wenigstens genannt. EMI war wirklich sehr rege, wenn es um Einspielungen rund um „Peer Gynt“ geht. Dass man sich in neuerer Zeit nicht mehr allen alten Einspielungen gewidmet hat, wozu eben auch die Einspielung mit Süsskind gehört, ist sicher auch dem geschwundenen Interesse der Hörerschaft geschuldet.
Einspielungen nur der 1. Suite, teilweise ergänzt um einen oder zwei Sätze aus der 2. Suite
5
Herbert van Karajan
Wiener Philharmoniker
Decca, Belart
1961
14:31
9:53
1961 nahm Herbert von Karajan einige Einspielungen für Decca vor. Da war Dvoraks Sinfonie Nr. 8, Holsts Planeten, Delibes´ „Giselle“, die Tragische Ouvertüre von Brahms und Suiten von Tschaikowskys „Nussknacker“ und von Griegs „Peer Gynt“. Bei den Stücken aus der 2. Peer Gynt Suiten beließ man es bei „Ingrids Klage“ und „Solveigs Lied“. Auf den „Arabischen Tanz“ und „Peers Heimfahrt“ muss der geneigten Hörer verzichten. Das lag sicher nicht daran, dass Karajan die beiden fehlenden Stücke nicht gefallen hätten, er nahm sie später bei der DG noch zwei Mal auf (1971 und 1982). Eher lag es daran, dass ansonsten nicht mehr genug Platz für die „Nussknacker-Suite“ auf der LP geblieben wäre und da muss man schließlich Prioritäten setzen.
In der „Morgenstimmung“ wird der pastorale Charakter durch die Wiener Oboe exemplarisch vermittelt, der harte, starre Klang der Londoner Oboe aus dieser Zeit geht ihr jedoch weitgehend ab. Die Flöte klingt als Gegenstück zur Oboe voll und geradezu verschwenderisch üppig. Die Streicher brillieren mit ihrem vollen und satten, sehr farbigen Klang. Das später verabsolutierte Legato-Spiel ist bereits ansatzweise zu hören. Während die Bläser in Wien frisch wie Quellwasser klingen würden die Berliner Streicher von 1971 dazu schon gar nicht mehr harmonieren. In Berlin klingt dann bereits alles opulent und passt dann auch wieder zusammen. In Wien klingt es noch erheblich lebendiger.
In „Ases Tod“ zeigen aber auch die Wiener Streicher, was sie an Fülle und Schmelz zu bieten haben. Bässe und Celli, auch die Bratschen bilden dabei ein „paritätisches“ Gleichgewicht zu den Violinen, sodass die tendenziell hellen und strahlenden Violinen ideal ergänzt werden. Dynamisch wird ein sehr weiter Ambitus geboten, ohne dass es gleich gewalttätig wirken würde, wie später in Berlin. Bei Tempo und Gestus gibt man sich keine Blöße.
„Anitras Tanz“ wirkt noch recht unbekümmert, der Klang der sordinierten Violinen wirkt nun sagenhaft strahlend, einschmeichelnd und sinnlich. Meist jedoch weich und zart. Musikalisch mag es noch raffiniertere Einspielungen geben, aber klanglich?
„In der Halle des Bergkönigs“ klingen die Wiener Philharmoniker sehr plastisch. Es gibt eine anspringende Beschleunigung und mächtiges Crescendo, da wird die zweitplatzierte Einspielung mit Kenneth Alwyn von 1959 (ebenfalls nur mit der 1. Suite) geradezu deklassiert.
Als Bonus gibt es noch „Brautraub-Ingrids Klage“. Da erklingt Ingrids Klagegesang ergreifend, mit schmerzlichen Akzentuierungen, die heftiger als üblich gestaltet werden. Hier darf sich der Klang der Wiener Violinen in berückender Schönheit entfalten und er wird mächtig gesteigert. Die Peer Gynt Musik wird ernst genommen und man gibt ohrenscheinlich sein Bestes.
In „Solveigs Lied“ spielt das Orchester sehr charaktervoll, teils mit ungekünstelter Theatralik. Lebendiger und agiler als später in Berlin.
Der Klang der Aufnahme aus dem akustisch allseits hochgeschätzten Sophiensaal wirkt sehr transparent, weiträumig, knackig-frisch, sehr dynamisch, sehr körperhaft und lebendig. Die Bassstimme ist gut verfolgbar und grundiert das Orchester. Der prachtvolle, warme und seidige Streicherklang sucht seinesgleichen. Es gibt ein leichtes Rauschen. Wir hörten eine billige, alte CD von Belart, die die Aufnahme höchstwahrscheinlich noch nicht ganz ausreizt. Decca war in den frühen 60er Jahren klangtechnisch führend, diese Einspielung beweist es erneut. Einzige Sünde dieses Mal: Zwei Sätze fehlen.
5
Kenneth Alwyn
London Philharmonic Orchestra
Decca
1959
14:37
Leider scheint es die 2. Suite nicht in dieser Besetzung zu geben. Das ist bedauerlich, denn die 1. Suite wirkt stimmig, gelöst und hellwach musiziert und verbindet diesen musikalischen Eindruck mit dem wunderbar offenen, seidigen, lebedig-spritzigen Decca-Klang der frühen Stereo-Zeit.
Die „Morgenstimmung“ wirkt entspannt und gutgelaunt. Frisch musiziert wird sie dem pastoralen Charakter vollauf gerecht.
Bei „Ases Tod“ lässt sich ein sehr klangschönes, hochkonzentriertes Spiel der Londoner Streicher hören, genau, differenziert und emphatisch. Gar nicht lastend oder schwer, leicht fast schon entschwebend und von einem langanhaltenden Abgesang geprägt. Das ist viel eher eine Sterbemusik als eine Trauermusik incl. entschweben der Seele. So wird es Grieg gemeint haben und so wäre der Satz auch vom Charakter her deutlicher als üblich von „Ingrids Klage“ differenziert.
„Anitras Tanz“ klingt bezaubernd leicht und zart, doch auch immer wieder keck und ein wenig leidenschaftlich, vor allem durch Triangel, Sordine und die Spielweise hervorgerufen. Da passt alles, auch die Klangqualität.
„In der Halle des Bergkönigs“ gibt es pointierte Pizzicati und akzentuierte Rhythmen. Das ff und fff wirkt völlig unverzerrt, das Blech wunderbar knackig. Wir hören eine gute, aber keine überwältigende Steigerung.
In dieser Einspielung verbindet sich spontan wirkende Musikalität mit hohem Perfektionsgrad und lebendigem, farbenfrohem Klang.
Präsenz, Transparenz und Räumlichkeit wissen sehr zu gefallen. Die frühe Stereoaufnahme klingt nahezu rauschfrei. Die Violinen klingen noch ein wenig hell und vermitteln eine gewisse Spritzigkeit aber doch bereits ein hohes Maß an Wärme und Geschmeidigkeit. Es klingt immer noch frisch wie gerade erst aufgenommen. An den richtigen Stellen klingt es sinnlich und betörend. Ein Gewinn für die Diskographie.
4-5
Hannu Lintu
BBC Scottish Symphony Orchestra
BBC Music
2015, live
15:10 2:30
Außer der 1. Suite wird in diesem Konzertmitschnitt aus der City Hall in Glasgow noch „Peers Heimkehr“ aus der 2, Suite geboten.
Die „Morgenstimmung“ profitiert von dem intensiven, differenzierten Spiel der Schotten und den guten Holzbläsersolisten genauso wie von einer fast schon holographisch zu nennenden Aufnahmequalität. Das Rubato macht den Gestus noch lebendiger, aber auch unruhiger als üblich. Das kraftvolle Blech gefällt und dass das Holz groß und klar abgebildet wird ebenso.
„Ases Tod“ klingt überaus aufgewühlt und dramatisch, wie man es selten, wenn überhaupt einmal hören kann. Da hat man sich denkbar weit entfernt von der Schauspiel-Hintergrundmusik und sehr viel Mut zum fast schon hemmungslosen Ausdruck gezeigt. Die Schotten…
„Anitras Tanz“ sucht dieses Mal nicht die elegante, verführerische oder gar laszive Note. Im Gegenteil. Diese Anitra wirkt robust, sehr beschwingt aber enorm geradlinig und vor allem zielgerichtet. Eigentlich wird sie so auch im Schauspiel beschrieben.
„In der Halle des Bergkönigs“ erscheint der Beginn sehr langsam und tapsig, nicht sehr spannend, da bereits recht laut begonnen wird und überhaupt nicht geheimnisvoll. Seltsam, dass sich Herr Lintu all die möglichen Nuancen hier entgehen lässt, wo er sich doch bisher als scharfsinniger Interpret geoutet hat. Immerhin gibt es eine gute Beschleunigung und eine gute Steigerung der Dynamik, da zeigen sich die doch als so knauserig bekannten Schotten als spendabel und lassen beachtliche Virtuosität hören.
In „Peers Heimfahrt“ zeigen sie stürmischen Einsatz, noch ein wenig zurückhaltend, wenn es ums Ganze gehen sollte, aber doch gerade in Schlagwerk und Blech sehr akzentuiert. Die Besten zeigen hier noch mehr Verve. Dieser Satz, so einfach er komponiert ist, ist vor allem von der Eigeninitiative der Musiker abhängig, damit kein „Sturm im Wasserglas“ daraus wird. Da zeigten die Besten noch mehr Verve. Dann wirkt es noch glaubwürdiger. Zu Griegs Zeiten mag das noch anders gewesen sein. Da gab es viele Stürme in der Musik noch gar nicht, z.B. der in der „Alpensinfonie“ oder in den „Gurre-Liedern“.
Der Klang der Live-Aufnahme wirkt sehr präsent, dynamisch und transparent, alles liegt offen vor uns. Allerdings ist die Tiefenstaffelung nur recht schwach ausgeprägt.
4-5
Eugene Ormandy
Philadelphia Orchestra
CBS-Sony
1947
13:58
1947 nahm man die 1. Suite in der Academy of Music auf.
Die „Morgenstimmung“ gefällt besser als 1955, denn sie wirkt frischer, temperamentvoller, ja überschwänglicher. Sie bringt mehr Energie in die Musik und überraschender Weise klingt sie sogar besser.
Bei „Ases Tod“ gibt es ein geringfügig langsameres Tempo zu hören. Dies macht sich unserer bescheidenen Meinung nach besser. Der Sordinen-Klang ist deutlich hörbar, weich, jedoch sehr intensiv. Es klingt deutlich dramatischer als 1955. Und gefällt der Satz so besser.
Auch „Anitras Tanz“ wirkt so, als hätte er gegenüber 1955 klanglich einen Schritt nach vorne gemacht. Er wird aber auch rhythmisch und animierend gespielt und anders als ´55 werden alle Wiederholungen gespielt, was die längere Spieldauer erklärt.
„In der Halle des Bergkönigs“ legt das Orchester eine frische Spielweise an den Tag, die Oboe wirkt noch heller als 1955 und wirklich piepsig. Auch dieses Mal gibt es nur eine lahme Beschleunigung, wie 1955. Und wenig Zugewinn an Dynamik an dem Hinweis in der Partitur: Crescendo e stretto (T. 34). Das lässt sich Mister Ormandy normalerweise eigentlich nicht zwei Mal sagen.
Diese Einspielung wurde wie die 55er ebenfalls 2021 remastered. Das scheint gut geklappt zu haben, denn die 47er klingt klarer als die 55er, die jedoch als großes Plus die 2. Suite mitbringt. Wir würden allerdings die RCA-Stereo-Version mit Judith Blegen in „Solveigs“ Lied empfehlen, wenn es eine Einspielung mit Eugene Ormandy sein soll, denn gerade die 2. Suite klingt da wunderschön.
4-5
Leonard Slatkin
Saint Louis Symphony Orchestra
Telarc, auch als LIM Ultra HD
1979
13:07 9:32
Die „Peer Gynt-Suite“ war, gemeinsam mit der „Carmen-Suite“ veröffentlicht, eine der ersten Digital-Aufnahmen von Telarc überhaupt. Sie kam noch als LP heraus, daher wahrscheinlich die Kürzung der 2. Suite um zwei Sätze. Auf der CD befindet sich dann lediglich das LP-Programm. Auf eine Nachproduktion der fehlenden Sätze, in diesem Fall „Peers Heimkehr“ und „Solveigs Lied“ wurde verzichtet. Slatkin hat die Reihenfolge modifiziert, da kamen die zwei Stücke aus der 2. Suite zuerst. Wir folgen jedoch wie in all den anderen Fällen der üblichen Suiten-Reihenfolge.
Die „Morgenstimmung“ erklingt sehr zügig und bewegt mit einem weichen und vollen Streichersound (wir hörten die japanische LIM-Version). Das Erwachen des Morgens wie auch die Freude darüber werden deutlich gemacht.
In „Ases Tod“ gibt es einen angenehmen, vollen, sehr homogenen und ausgewogenen Streicherklang zu hören (mit der Sordine), wobei den tiefen Streichern genügend Augenmerk geschenkt wird. Der Klang dieses Satzes ist einer der besten der ganzen gehörten Diskographie. Die Streicher des Orchesters haben wir noch nie so gut klingen gehört.
Für „Anitras Tanz“ hat man sich was besonderes überlegt. Da lässt man zunächst nur solistische Streicher spielen, was dem Tanz durchaus ein intimeres Licht verleiht. Aber anstatt dann bei der Wiederholung das ganze Streichorchester hören zu lassen, lässt man die Wiederholung ganz weg. So gerät der Satz zu einer Überraschung und zu einer Enttäuschung zugleich.
„In der Halle des Bergkönigs“ beeindruckt vor allem der Klang der Gran Cassa. Es gibt eine gute aber alles andere als „irrwitzige“ Beschleunigung, die dynamische Steigerung wird von der dominanten Gran Cassa beherrscht.
Bei „Brautraub-Ingrids Klage“ gibt es nichts Besonderes zu berichten, zumindest hatten wir uns beim Abhören der CD nichts notiert.
Der „Arabische Tanz“ erklingt zügig und bassgewaltig, da wird fast von letzterem fast schon des Guten zu viel aufgelegt. Es klingt aber auch sehr geschmeidig und allgemein wohltönend, nicht super-affirmativ, aber doch schon mit viel „Tschingderassabumm“.
4-5
Aivind Aadland
WDR-Sinfonieorchester
Hänssler
2011, live
15:05
5:30
Mit Aivind Aadland und dem WDRSO gibt es beide Suiten auf einer CD von Audite aus der Kölner Philharmonie von 2010 (siehe oben). Diese Live-Aufnahme bei Hänssler erschienen stammt aus der historischen Stadthalle Wuppertal. Es handelt sich um einen Teil des Konzertes mit dem Titel „Lieblingsstücke“, bei dem die Hörer von WDR 3 ihre liebsten Stücke aussuchen durften. „Peer Gynt“ belegte dabei den achtbaren zweiten Platz. Auch der dritte Platz wurde live gegeben, KV 622, das Klarinettenkonzert von Mozart und selbstverständlich Platz 1, das war, wie könnte es anders sein: „Aus der Neuen Welt“, die Neunte von Dvorak.
Die „Morgenstimmung“ klingt in Wuppertal noch ein wenig temperamentvoller und bewegter als ein Jahr zuvor in Köln, auch expressiver. Live vor dem Publikum stehend, scheint Herr Aadland „aufzutauen“. Das Orchester spielt genauso differenziert und klangschön wie in Köln.
Auch bei „Ases Tod“ klingt die Musik etwas expressiver als unter Studiobedingungen in der Kölner Philharmonie. Doch im Vergleich ist dies immer noch eine sehr zurückhaltende zarte Darbietung, auf ihre Art sehr traurig. Das Morendo wird bis ins Nichts zurückgenommen. Das scheint heute für die guten Orchester eigentlich keine Schwierigkeit mehr darzustellen.
„Anitras Tanz“ erklingt sanft und geschmeidig, elfenähnlich wird jedes poltern vermieden. Sehr elegant scheint Anitra dieses Mal direkt von einem Pariser Laufsteg zu kommen.
„In der Halle des Bergkönigs“ hört sich eigentlich genauso wie in Köln an.
„Solveigs Lied“, auf diesen Satz aus der 2. Suite wollte oder konnte man nicht verzichten. Erneut klingt er verhalten und sehr eindringlich, unaufdringlich und unverkitscht. Da treffen Herr Aadland und das Orchester genau den richtigen Ton. Man bringt genug Zeit dafür mit. Im Konzert erklang Solveigs Lied aus dramaturgischen Gründen von der Halle des Bergkönigs.
Der Klang schien uns noch etwas präsenter und offener zu sein als bei der Aufnahme aus der Kölner Philharmonie auf der Audite-CD.
4
Zubin Mehta
Wiener Philharmoniker
Sony
2015, live
14:46
Dieses Konzert wurde im Rahmen der alljährlich stattfindenden „Sommernachtskonzerte“ im Schlossgarten von Schönbrunn mitgeschnitten. Wie bei Open-Air-Konzerten mit adhoc aufgebauter Bühne und teilweise offenem Pavillon darüber häufig zu beobachten, muss man dabei mit allerlei Unzulänglichkeiten und Überraschungen rechnen. Unruhiges Publikum in zehntausender Stärke, Regenfälle, klamme Temperaturen bei der die Finger steif werden etc. Mit musikalischen und/oder klangtechnischen Höhenflügen sollte man da nicht rechnen. Der Event-Charakter dominiert bei diesen Veranstaltungen meistens.
Dennoch kann man sich in der „Morgenstimmung“ am klangschönen Spiel der Wiener Philharmoniker erfreuen, das man jedoch schon präziser im Zusammenspiel gehört hat.
„Ases Tod“ wirkt, obwohl nicht einmal viel Bassanteil im Gesamtklang enthalten ist, gewichtig. Daran hat das Tempo großen Anteil und zum kleineren Teil auch der dennoch warm anmutende Klang. Der substanzreiche Klang im p und pp kann auch im Freiluftkonzert gefallen und lässt den Satz als besonders gelungen erscheinen.
„Anitras Tanz“ dagegen wirkt allzu langsam, fast behäbig, weitbogig, aber rhythmisch sehr gleichförmig. Klanglich immer noch Klasse. Die Gegenstimmen z.B. in den Celli bleiben unterbelichtet. Damit hat man auch ein belebendes Element nicht genutzt. Der sinnliche Klang kann den Eindruck einer gewissen Langeweile nicht ganz verhindern.
„In der Halle des Bergkönigs“ geht es behäbig, fast schon lahm zu. Man bemerkt auch kaum ein Crescendo und noch weniger Beschleunigung. Und selbst das Finale hört sich betulich an. Da ging man kein Risiko ein. Für Applaus ist sowieso gesorgt, es sind ja genügend Leute anwesend.
Gegenüber der 54 Jahre älteren, erheblich vitaleren, impulsiveren Karajan-Einspielung aus Wien weht bei Zubin Mehta nur noch ein laues Lüftchen.
Klanglich bleibt das Klangbild trotz Freiluftatmosphäre transparent und räumlich. Die Ortbarkeit der Soli und Orchestergruppen wirkt präsent und deutlich. Das Orchester ist ganz gut tiefengestaffelt. Es klingt durchweg weich und angenehm. Das hat man aus Schönbrunn schon deutlich unvorteilhafter gehört.
3-4
George Pehlivanian
Orchestre Philharmonique de Monte Carlo
Virgin
1994
15:57
Die „Morgenstimmung“ wirkt durchweg getragen. Die Soli von Flöte und Oboe wirken weniger deutlich, werden jedoch gut geblasen. Insgesamt wurde der Satz schon deutlich differenzierter dargeboten, er wirkt sehr einheitlich, wobei die Aufnahmetechnik sicher eine gewichtige Rolle mitzutragen hat. Man nahm ein sehr „buntes Programm“ auf, bei dem man kaum Rücksicht auf die spezifischen Erfordernisse der einzelnen Werke nehmen konnte.
Bei „Ases Tod“ wirkt das Spiel durchaus ausdrucksvoll, der Streicherklang recht homogen. Man stellt den Klang der 1. Violinen ein wenig zu sehr heraus, sodass man sie immer deutlich heraushört. Das gibt dem Satz eine hellere Note. Uns gefällt es besser, wenn man von den tieferen Streichern mehr hört als hier. Landläufig erhalten die Violinen immer ein gewisses Primat, sie spielen eben auch die erste Stimme. Das ist für diesen Satz nicht erforderlich. Man müsste also ein wenig gegen die Gewohnheit vorgehen und sich speziell um die tieferen Stimmen kümmern. Das Morendo ist sehr gelungen.
In „Anitras Tanz“ dürfen die sanft wirkenden Violinen dann brillant aufspielen. Aber man zieht eine melancholische Grundhaltung vor. Anitra soll ja eigentlich eine arabische Prinzessin darstellen, hier könnte sie allerdings auch eine Skavin sein, so gedrückt wirkt der Tanz. Um zu verführen wäre etwas mehr Elan und Tempo sicher von Vorteil. Hier muss es der schöne Klang richten.
„In der Halle des Bergkönigs“ klingt es nur wenig sonor, es wird kaum eine Steigerung der Dynamik geboten, wenn man einmal von der Pauke und der Gran Cassa absieht. Von einem strettaartigen Finale kann man nicht reden.
Insgesamt wirkt diese Aufnahme sehr leise, man muss also, wenn man sie lebendig machen will, den Poti bemühen. Dann wirkt das Orchester auch nicht so weit zurückgesetzt und die Durchhörbarkeit des Holzes und des Blechs verbessert sich. Ansonsten wirkt das Klangbild zudem recht flach.
3-4
Arthur Fiedler
Boston Pops Orchestra (= Boston Symphony Orchestra)
Decca
1975
15:43 4:45
Der gebürtige Bostoner Arthur Fiedler (1894-1979) leitete ab 1930 über fast 50 Jahre hinweg das Boston Pops. Die Aufnahme entstand also als er bereits 81 Jahre alt war. Es wurde wieder in der Boston Symphony Hall aufgenommen wo man bereits die erste Einspielung, damals noch für RCA-Living-Stereo, aufnahm. Falls man sich eine Verbesserung der Klangqualität gegenüber der 18 Jahre älteren Aufnahme erhofft haben sollte, so wird man enttäuscht. Es klingt wenig körperhaft, flach, glanzlos. Oh weh, wenn man erst an die verschwenderische Fülle und den enorm weiten dynamischen Ambitus der Zarathustra-Einspielung 1971 mit William Steinberg für die DG zurückdenkt…
Obwohl anscheinend erneut beide Suiten eingespielt wurden sind auf unserer Disc nur die erste und als Zugabe „Solveigs Lied“ festgehalten.
Bei der „Morgenstimmung“ spielt das Orchester nicht in Topform. Der Klang kommt nie ins Blühen und richtig präzise spielt man nicht. Die Morgenstimmung hat so einen leichten Kater, da fehlt das Frische, das freudige Gefühl, wenn in der belebten Natur ein neuer Tag erwacht. Dieses Mal klingt es nur grau und sogar etwas ermüdend.
In „Ases Tod“ spielen die Streicher erstaunlich wenig homogen und wenig „zart-schmelzend“, den Ton der Musik trifft man. Trauer, ohne sie exzessiv aufzubauschen. Als eine Art musikalische Sterbebegleitung.
In „Anitras Tanz“ wird wie in der vorherigen Aufnahme aus der Prinzessin wieder ein Art Sklavin. Ihr Tanz wirkt müde, melancholisch und blass. Es kommt einfach kein Schwung auf und die Verführungskünste bleiben irgendwie im Wüstensand Marokkos hängen.
„In der Halle des Bergkönigs“ klingt es etwas plastischer als in den Sätzen zuvor. Während es eine gute Beschleunigung gibt scheint die Dynamik nur mit angezogener Handbremse zu funktionieren.
In „Solveigs Lied“ spielen die Violinen nicht auf Bostoner Normalniveau. Sie klingen schwach besetzt und sehr inhomogen. Was da wohl passiert sein mag?
Der Klang wirkt dieses Mal nicht sonderlich farbig, nicht gerade dynamisch. Da fehlen auch Glanz und Körper. Das ist lediglich grauer Einheitsbrei, auch weit von der gewohnten Decca-Qualität entfernt. Und kein Vergleich zur 57er „Living Stereo“ oder zu den beiden Decca-Produktionen von 1959 mit Alwyn oder 1961 mit HvK.
3
Jonel Perlea
Bamberger Symphoniker
Vox, Allegria
1957
13:38 7:45
Diese Aufnahme gab es auch als LPs von RCA zu kaufen. Der Dirigent stammt aus Rumänien und nahm in den 50er Jahren viel mit den Bambergern auf. Er studierte in Leipzig und München, wurde 1947-1957 Dirigent an der Mailänder Scala (nicht Chefdirigent). 1955-65 wurde er Chefdirigent des Connecticut Symphony Orchestra. Es wurde eigentlich alle acht Stücke der beiden Suiten aufgenommen auf der Allegria-CD werden jedoch nur sechs davon präsentiert. Leider klingt es nur mono, 1957 sollte eigentlich bereits ein Stereoband erstellt worden sein.
Die „Morgenstimmung“ klingt ruhevoll, mit zurückgenommener Emphase aber ohne angezogene Handbremse.
Leise und ergeben klingt „Ases Tod“. Perlea lässt das Orchester dunkel klingen, ein sehr gelungener Satz.
In „Anitras Tanz“ zeigt sich Herr Perla nicht gerade als Freund von Wiederholungen. Dafür war er bekannt und so wird es auch in „Anitras Tanz praktiziert.
Wenn es besser klingen würde, würden wir uns in der Halle des Bergkönigs wohler fühlen. Es wird gut gesteigert und dem Orchester einiges an Temperament entlockt.
„Peers Heimkehr“ klingt dagegen zahm und eher pflichtgemäß. Das passiert bei diesem Satz schnell, wenn man nicht alles was das Notenbild hergibt ausreizt bis zur Neige.
„Solveigs Lied“ klingt ausdrucksstark und zart zugleich. Musikalisch solide bleibt diese Einspielung klanglich weit hinter dem zurück, was das Aufnahmejahr hätte erwarten lassen, denken wir nur an die Aufnahme mit Sir Thomas Beecham aus dem gleichen Jahr. Auch hinter der noch etwas Älteren mit den Bambergern und Otmar Suitner bleibt die vorliegende weit zurück.
Denn es klingt verhangen, nur einigermaßen deutlich und einigermaßen transparent und nur wenig dynamisch. In unserer Pressung von Allegria ist sie keine Empfehlung wert.
Diese Aufnahmen konnten wir in den letzten Jahren im Radio mitschneiden (davon nur eine mit beiden Suiten). Auffallend wenig, obwohl wir das Geschehen in den betreffenden Konzertsälen mit Aufnahmetätigkeit der Rundfunkanstalten in den letzten Jahren ziemlich aufmerksam verfolgt haben.
5
Tabita Berglund
Deutsches Sinfonieorchester Berlin
DLF
2025
15:35 16:27
Bei diesem Mitschnitt handelt es sich um einen Teil des Debütkonzertes der jungen norwegischen Dirigentin beim DSO in der Berliner Philharmonie. Trotz der Namensgleichheit ist sie weder verwandt noch verschwägert mit dem finnischen Dirigenten Paavo Berglund, mit dem wir ebenfalls eine Aufnahme der beiden Suiten im Portfolio haben. Bevor sie das Dirigentinnen-Handwerk erlernt hat, war sie zehn Jahre lang Cellistin in verschiedenen norwegischen Orchestern (beim Oslo Philharmonic, beim Bergen Philharmonic und bei den Trondheim Soloists). Bis jetzt hatte sie nur Berufungen auf Stellen von 1. Gastdirgent/innen. So ab 2024 beim Detroit Symphony Orchestra und ab 2025 zusätzlich noch bei der Dresdner Philharmonie.
Wegen der günstigeren Dramatik in der Abfolge (die „Halle des Bergkönigs“ kommt dann als Rausschmeißer viel besser zur Geltung) spielten sie und das DSO zuerst die zweite Suite, danach die erste. Zuallererst kam jedoch die „Ouvertüre“ der Schauspielmusik, die sich auch in vielen Highlights-Sammlungen findet. Wir gehen jedoch wieder nach der ursprünglich von Grieg festgelegten Reihenfolge vor, zuerst die erste, dann die zweite Suite, gar keine Ouvertüre, obwohl sie wirklich entzückend ist.
Die „Morgenstimmung“ klingt stolz und erhebend, kraftvoll, nuancenreich und bewegend. Eine Norwegerin mir norwegischer Musik das passt vorzüglich in diesem Fall.
„Ases Tod“ klingt klar und besonders ausgewogen, es gibt keine Betonung der Violinen, Bässe und Celli halten die Waage, so kann sich die Musik am besten in diesem Satz verströmen, dynamisch differenziert, das Morendo bis zum Nichts gebracht.
„Anitras Tanz“ klingt sportlich und gewandt, mit brillant aufspielendem Streichorchester, hellstrahlend und sonor zugleich. Da liefern die Streicher hörbar motiviert Bestleistungen ab.
„In der Halle des Bergkönigs“ gibt es durch die Gran Cassa schon einen satten Bass. Der Beginn wirkt langsam, träge und tapsig. Die Beschleunigung hat es in sich und steigert sich zur Stretta. Die Dynamik hält mit und der Deutschlandfunk (damals noch mit hoher Datenrate und 5.0 Dolby-Digital-Sound) bietet die bestmögliche Dynamik dazu. Die Übertragung wirkt so, als wäre sie nicht dynamisch komprimiert, jedenfalls bemerkt man nichts davon. Da es im Konzert das letzte Stück war, setzt unmittelbar danach tosender Applaus und heftiger Jubel ein, auch vom Orchester, wie man erfährt. Bei uns geht es jedoch noch mit der zweiten Suite weiter.
„Brautraub-Ingrids Klage“ erklingt sehr ausdrucksvoll, mit Rubato und relativ wenig Vibrato, schlankem Klang und weiter Dynamik. Das klingt nach Ausdrucksmusik par Excellence, die die Verzweiflung der Frau unmittelbar spüren lässt.
Der „Arabische Tanz“ wirkt klanggewaltig und führt wieder die prominente Gran Cassa ins Klangbild ein. Die Janitscharen kommen schön plastisch hereinmarschiert (nur durch das Lauterwerden der Musik), rhythmisch sehr präzise. Der Mittelteil gelingt wunderbar schwebend mit herrlich herausgearbeiteter Cellokantilene. Frau Berglund bringt Tempoabstufungen mit ein, die man sonst nicht hört. Das wirkt besonders inspiriert.
„Peers Heimkehr“ klingt sehr impulsiv, bringt die hohen Windstärken gleich zu Beginn, da sieht man die Gischt vor dem geistigen Auge besonders hochspritzen, auch dank der Energie von Schlagwerk und Blech. Sehr impulsiv. Aber auch der unkomprimiert wirkende Klang der Übertragungstechnik trägt sein Scherflein zum Gelingen bei.
„Solveigs Lied“ schließlich profitiert vom schönen Klang des DSO, seltsamerweise erscheinen jedoch die 1. Violinen etwas gepresst. Musikalisch wirkt das im Original von einem Sopran besungene Schicksal der einsamen Solveig ziemlich aufgewühlt, dennoch zeigt sie sich eigentlich nicht deprimiert.
Der Klang aus der Philharmonie klingt sehr voll (da hat man nicht an Besetzungsstärke gespart), aber auch transparent, räumlich und gut gestaffelt. Da spielt der 5.0 Sound und die höhere Datenrate sicher auch noch eine Rolle. Mittlerweile gibt es weder das eine noch das andere. Wir konnten hiermit die mit Abstand beste Rundfunkaufnahme unseres halben Dutzends präsentieren, bassstark, sonor, dynamisch, zumindest einmal nicht spürbar komprimiert. Warum nicht immer so?
5
Thomas Sondergaard
Minnesota Orchestra
DLF
2025, live
13:56
Diese Übertragung aus der Orchestra Hall in Minneapolis innerhalb des Nordic Sound Festivals erfolgte innerhalb der Kooperation mit Euroradio. Da nehmen mittlerweile auch amerikanische Sender teil um Konzerte, die die teilnehmenden Sender aufgenommen haben, auszutauschen. In Minnesota hört man dann vielleicht ein Konzert aus der Berliner Philharmonie. Thomas Sondergaard ist seit 2023 als Nachfolger von Osmo Vänskä Musikdirektor in Minneapolis. Leider gab man in diesem Konzert nur die 1. Suite.
Die „Morgenstimmung“ lässt ein sehr stimmungsvolles, lebendig musiziertes Naturerwachen hören. Da bleiben eigentlich gar keine Wünsche offen, es klingt ausgewogen und brillant über alle Orchestergruppen hinweg.
Bei „Ases Tod“ hören wir eine einnehmende Darbietung, sehr expressiv, ohne Schwere zu erzeugen. Mit dunklem Streicherklang und sehr nuancenreich. Nur die feine Nuance lässt letztlich eine Darbietung empathisch wirken. Das Morendo ins nichts ist dabei mittlerweile ein Leichtes.
„Anitras Tanz“ hört sich, sehr zügig und ungemein beweglich gespielt, sehr verspielt an. An der hervorragenden Homogenität des Klangs ändert das nichts. Da sieht man eine Prinzessin vor sich, die sich ihrer Schönheit bewusst ist und eine vorzügliche Tänzerin ist, denn es geht vorantreibend zu. Auf eine Verführung ist sie nicht aus.
„In der Halle des Bergkönigs“ geht es von Beginn an flott voran. Trotzdem hat man noch Reserven für eine gute Beschleunigung und ein mächtiges Crescendo. Das Orchester präsentiert sich und natürlich das Geschehen in der Halle des Bergkönigs sehr spielfreudig.
Der Klang der Aufnahme des ungenannten amerikanischen Senders ist sehr transparent, farbig und volltönend. Der DLF sendete 2025 noch mit hoher Datenrate und fünf Kanälen. Das ist mittlerweile wieder vorbei.
4-5
Pietari Inkinen
Deutsches Sinfonieorchester Berlin
RBB
2009, live
14:15
Diese Produktion wurde vom BR im ARD-Nachtkonzert gesendet. Aufgenommen wurde 2009 in der Berliner Philharmonie. Man spielte nur die 1. Suite. Zu dieser Zeit war Pietari Inkinen noch Musikdirektor in Neuseeland und im gleichen Jahr berief ihn das Japan Philharmonic Orchestra als 1. Gastdirigenten. Orchester in Prag, Saarbrücken und Seoul werden noch folgen.
Die „Morgenstimmung“ wirkt dramatisch-bewegt, spannend und wie unter einen Bogen gespannt. Die Streicher wirken stark besetzt und entsprechend homogen und wohlklingend. Das Stück wirkt weniger kleinteilig als üblich, eher wie ein einziges Gefühl mit einzelnen Schattierungen. Die Solisten werden in der großräumig abgebildeten Philharmonie nicht so überdeutlich hervorgehoben wie in einem kleineren Konzertsaal wie z.B. in Koblenz.
„Ases Tod“ (eindeutig mit Sordine) erklingt recht langsam, zart, weich und zurückhaltend. Die Streicher verschmelzen gut miteinander ohne ihre klangliche Identität ganz zu verlieren. Die Violinen leuchten nicht so hell oder gar grell heraus wie in vielen anderen Einspielungen. Die dynamische Differenzierung wirkt deutlich und genau.
„Anitras Tanz“, erneut sehr homogen, erklingt sehr geschmeidig und volltönend. Durchaus sinnlich-verführerisch, jedoch auch rhythmisch, zügig und vorantreibend.
„In der Halle des Bergkönigs“ wird mit hohem Spannungspotential gespielt. Wir kommen in den Genuss einer soghaften Beschleunigung und einer virtuosen Coda.
Der Klang aus der Philharmonie wirkt weiträumig und luftig, sehr dynamisch, transparent, weich und abgerundet, plastisch und ohne hörbare Dynamikkompression.
4-5
Gianandrea Noseda
Mahler Chamber Orchestra
ORF
2025, live
14:11
Diese Aufnahme stammt von den Osterfestspielen Salzburg.
Die „Morgenstimmung“ wirkt besonders kammermusikalisch. Den beiden Solisten an Flöte und Oboe, klanglich exquistit, ist sehr freies Musizieren möglich, was übrigens für das ganze Orchester gilt. Das MCO ist ja meist auf Tournee und spielt die Werke somit mehrmals. Da ist gemeinsames Atmen meist kein Problem. Da kommt noch nicht einmal ein Hauch von Kitschverdacht auf.
„Ases Tod“ wirkt ermattet, kaum gibt es noch ein Aufflammen von Lebensenergie, da wird der Odem schließlich „einfach“ ausgehaucht.
„Anitras Tanz“ bringt Tempo und Energie natürlich wieder zurück. Es klingt fein, aber nicht ganz perfekt im Zusammenspiel. Anitra selbst könnte man sich sportlich und durchtrainiert vorstellen, aber nicht uncharmant.
„In der Halle des Bergkönigs“ hören wir ein heftiges Horn ganz klar sf spielen, schon ab T. 5. Es sollte eigentlich nur fp sein. Die weisen eigentlich schon den Weg durch das Stück. Also freuten wir uns schon auf eine mitreißende Steigerung. Leider musste dieses Mal auch das Landesstudio Salzburg zur Dynamikkompression greifen. Da war man bisher immer sehr vorsichtig damit umgegangen. An der Publikumsreaktion bemerkt man aber, dass man wohl mitreißend gesteigert haben muss. Beim Radiohörer geht die Dynamik dann in die Knie, wenn es am Schönsten sein sollte und das Orchester entfernt sich virtuell sogar, wo es eigentlich zumindest einmal dem Gemüt ganz nah kommen sollte.
Der Klang hat aber auch seine guten Seiten, so klingt es kammermusikalisch aufgelichtet, luftig und sehr präsent.
4-5
Cloé Dufresne
Staatsorchester Rheinische Philharmonie, Koblenz
SWR
2026, live
13:53
Die junge Französin aus Montpellier war Schülerin von Sakari Oramo in Helsinki und Alain Altinoglu in Paris. Ab 2025 ist sie Chefin des Colorado Springs Philharmonic, ihre erste Position als Chefin.
Sie lässt die Koblenzer, die anscheinend doch mehrmals im Jahr vom SWR aufgenommen werden die „Morgenstimmung“ sehr engagiert und klangschön vortragen. Die Flöte klingt schön duftig, die Oboe schön würzig, beide wirken sehr klangschön. Es gibt allerdings nur wenig Dynamik und Melancholie ist wenn auch nicht vorherrschend, so doch präsent. Es klingt eher innig als enthusiastisch, freudvoll oder energisch.
Bei „Ases Tod“ gibt es eigentlich eine ganz gute Gewichtung innerhalb der Streicher, die Violinen haben ihre „Vorrangschaltung“ jedoch nicht ganz abgelegt. Man ist es eben so gewöhnt. Man spielt mit viel Vibrato, die dynamische Differenzierung ist gut. Es könnte weicher klingen, hat man denn keine Sordine genutzt? Andererseits hat nicht jedes Orchester eine Berliner Philharmonie oder ein Gewandhaus zur Verfügung, die ein Orchester sowieso schon weich und geschmeidig klingen lassen und nicht jedes Orchester hat so viele Streicher zur Verfügung wie das DSO oder das GOL.
In „Anitras Tanz“ bemerkt man erneut, dass die Geschmeidigkeit und Homogenität der Violinen nicht optimal sind. Das ist bei recht vielen präsenten Aufnahmen der Fall, da gibt es kaum Unterstützung von der ziemlich gnadenlos auf den Leib rückenden Klangtechnik. Der Klang wirkt aber im Gegensatz zu „Ases Tod“ viel weicher, so, als hätte man die Sordine erst jetzt aufgesetzt. Der Tanz wirkt frisch, leicht und grazil, insgesamt jedoch ein wenig zu monoton.
„In der Halle des Bergkönigs“ erfreut eine tief und satt klingende Gran Cassa und ein flottes Tempo. Bei der mäßigen Beschleunigung bleibt man gut zusammen, schließlich erhält der Satz ein triumphales Ende, so als hätte man den fehlgeleiteten Peer dann doch noch geschnappt und verspeist. Schließlich befinden wir uns hier unter wütenden Trollen.
Der Klang der Aufnahme wirkt offen, recht voll, transparent und recht voll, auch recht räumlich. Erfreulicherweise wird die Bassstimme nicht vernachlässigt. Von einer lästigen Dynamikkompression haben wird nichts bemerkt.
4-5
Ruth Reinhardt
Gewandhausorchester Leipzig
MDR
2024, live
16:03
Mit dem Konzert im Leipziger Gewandhaus kehren wir an den Ort der Uraufführung der 1. Suite zurück, die dort 1888 unter der Leitung des damaligen Gewandhauskapellmeisters Carl Reinecke erfolgte. Grieg hat die Suite in der Dachgeschosswohnung seines Verlegers (Edition Peters) in der Talstr. 10 zu Leipzig komponiert bzw. arrangiert.
Die aus Saarbrücken stammende Dirigentin, 1988 geboren, also genau 100 Jahre nach der Uraufführung der 1. Peer Gynt-Suite ist seit 2025 Leiterin des Rhode Island Philharmonic, ihrer ersten Chefposition.
Auch in dieser „Morgenstimmung“ werden die Soli von Flöte und Oboe wundervoll gespielt, vielleicht nicht so lebendig wie in Berlin unter Tabita Berglund jedoch ebenso klangschön. Da klingt wirklich jede „Morgenstimmung“ anders. Das hätten wir vor unserem Vergleich nicht angenommen, dass aus diesem so bekannten Stück so viele Nuancen herauszuarbeiten wären. Trivial ist daran wirklich nichts. Durch das langsamere Tempo wird das Sinnliche und Atmosphärische in Leipzig besonders schön ausgekostet.
„Ases Tod“ erklingt ebenfalls eher langsam. Der Satz profitiert vom nuancenreichen Spiel genauso wie vom vollen, dunklen Klang des GOL. Die Dynamik wird nicht entfesselt, sodass der Ton immer bescheiden bleibt und schließlich ermattet.
„Anitras Tanz“ klingt geschmeidig und voll, nicht übereilt aber auch nicht bedächtig.
„In der Halle des Bergkönigs“ kommt der Satz nur langsam in Fahrt. Da kann man meist auf eine ordentliche Beschleunigung (eine „Verfolgungsjagd“) hoffen. Die kommt zwar, aber die Dynamik wird leider einmal mehr abgeregelt. Immerhin darf die Gran Cassa wuchtig klingen.
Der Klang aus dem Gewandhaus wirkt sehr räumlich und voll. Die Tiefenstaffelung ist sehr gut. Es wurde mit hoher Datenrate gesendet.
20.4.2026