Friedrich Gulda

Cellokonzert

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Friedrich Gulda, geboren 1930 in Wien, verstorben 2000 in Weißenbach am Attersee, einer der großen österreichischen Pianisten des 20. Jahrhunderts, begann im Alter von sieben Jahren mit dem Klavierspiel. 1942 nahm er eine Musikausbildung bei Bruno Seidlhofer (Klavier) und Joseph Marx (Musiktheorie und Komposition) an der Wiener Musikakademie, der heutigen Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, auf. Mit 16 Jahren reüssierte er beim Internationalen Genfer Musikwettbewerb und gelangte danach rasch zu Weltruhm. Seine äußerst exakten, um besondere Werktreue bemühten Mozart- und Beethoven-Interpretationen gelten bis heute als (nicht unumstrittene) Meilensteine in der Interpretationsgeschichte. Charakteristisch für Gulda ist ein äußerst präzises und rhythmisch akzentuiertes Spiel.

 

Sein Repertoire umfasste Werke von J. S. Bach, Mozart, Beethoven, Schubert, Chopin, Debussy und Ravel, wobei vor allem seine Interpretationen der Klaviersonaten Beethovens und des Wohltemperierten Klaviers von Bach Aufsehen erregten. In seinen Konzerten spielte er Werke Bachs häufig originalgetreu auf einem Clavichord. Frustriert von der Fahlheit seiner klassischen Ausbildung wandte er sich dem Jazz zu. Er arbeitete mit Musikern wie Joe Zawinul, Chick Corea und Herbie Hancock und machte sich diese stilistische Vielfalt auch kompositorisch zu eigen. So wurde er zum Grenzgänger zwischen von Anfang an Maßstäbe setzenden Interpretationen etwa von Beethovens Klaviersonaten und der lebenslangen persönlichen Suche im Jazzbereich, als Komponist saß er als Eklektiker zwischen allen Stühlen.

Als „Enfant terrible“ ist Friedrich Gulda in die Musikgeschichte eingegangen, wie gesagt als genialer Pianist sowie Mozart- und Beethoven-Interpret, aber auch als „Systemsprenger“, der wiederholt klassische Konzerttermine ausfallen ließ, um dafür in Jazzclubs zu spielen und nichts von standardisierter Konzertkleidung hielt, sondern am liebsten mit freiem Oberkörper und einer Kappe auf dem Kopf auftrat. Doch war Gulda nicht nur ein genialer Interpret, sondern ebenso auch Komponist.

Und auch auf diesem Gebiet ist der Name „Gulda“ ein Garant für Außergewöhnliches.

Er erhielt 1980 Besuch vom 1951 in Gmunden geborenen aufstrebenden Cellisten Heinrich Schiff. Folgt man Friedrich Guldas Gesprächen mit Kurt Hofmann, in Buchform veröffentlicht bei Langen Müller (München 1990), wollte Schiff vor allem diverse Literatur für Violoncello und Klavier mit Gulda neu einstudieren. Gulda, der Ende der 50er Jahre das Gesamtwerk Beethovens für Cello und Klavier zusammen mit Pierre Fournier eingespielt hatte, zeigte jedoch kein Interesse daran.

Die Begegnung mit dem Cellisten Heinrich Schiff sollte jedoch zum Grundstein eines außergewöhnlichen Cellokonzertes werden. Schiff schreibt dazu im Vorwort der Partitur:

„Es war natürlich, dass Guldas Wunderinstrument, das Clavichord, und seine unbegrenzten klanglichen Möglichkeiten und mein Cello – übrigens schon wenige Minuten nach persönlicher verbaler Kontaktaufnahme – zu den ersten musikalischen Annäherungen führten. Ich glaube, dass schon bei diesen wie zufällig entstehenden musikalischen Begegnungen, die sich dann im Verlaufe der nächsten Monate zu meiner großen Freude mehr und mehr intensivieren durften, Grundlagen und erste Ideen für das Cellokonzert entstanden; zumindest in dem Sinne, dass Gulda mein Cello und mich immer mehr kennenlernte.“

Das Cellokonzert wurde am 9. Oktober 1981 im Wiener Konzerthaus aus der Taufe gehoben. Solist des Abends war der Widmungsträger Heinrich Schiff, die musikalische Leitung übernahm Friedrich Gulda selbst. Das Publikum erhielt, was es erwartete: das Unerwartete. Das Cellokonzert wurde bereits im Mai 1981 im Wiener Austrophon Studio mit Heinrich Schiff und dem Wiener Bläserensemble unter der Leitung des Komponisten für Schallplatte aufgenommen und am 5.10.1981 in Villach sowie danach gleich zweimal in Wien mit großem Erfolg aufgeführt. Auf der LP fand sich schließlich – kleiner Kompromiss Guldas – mit den Variationen über „Ein Mädchen oder Weibchen“ für Cello und Klavier doch noch etwas Beethoven.

Das Konzert, stilistisch zwischen allen Stühlen gibt sich weder besonders progressiv, noch folgt es neoromantischen Tendenzen. Und wenn es bisweilen richtig schön schmalzig klingt, dann ist das offensichtlich auch parodistisch gemeint. Augenzwinkernd wird mehr oder weniger raffiniert (wie auch immer man das sehen und vor allem hören mag) ein pikant-saftiges Gulasch angesetzt mit Pop- und Jazzelementen, Folkloremelodien abendländischer Blaskapellen, idyllischen Cellokantilenen und unvermittelt danebenstehenden aggressiven Rockrhythmen. Dennoch gelingt es dieses kontrastreiche Potpourri auf reizvolle und eigenständige Weise zusammenzuschweißen.  Dieses Werk plädiert dafür, dass zeitgenössische Musik attraktiv, ja sogar unterhaltsam sein kann und gleichzeitig anspruchsvoll und technisch sehr herausfordernd für die Musiker ist.

Das Werk besteht aus fünf Sätzen mit einer Spieldauer von knapp 28-32 Minuten. Jeder Satz hat einen ganz eigenen Charakter, wobei eine zentrale, 6-8 Minuten lange Solokadenz den Dreh- und Angelpunkt bildet. Die anderen vier Sätze tragen die Titel: Ouvertüre, Idylle, Menuett und Finale alla Marcia . Die Besetzung ist: Flöte (auch Piccolo), 2 Oboen, 2 Klarinetten, Fagott, 2 Hörner und 2 Trompeten, Posaune und Tuba, begleitet von einer Rhythmusgruppe aus Gitarre, 2 Bässen – einem klassischen und einem Jazz-Bass, der leider in manchen Aufnahmen zumindest einmal akustisch fehlt – und Schlagzeug.

 

Ein Konzert also für ein gemeinhin als lyrisch angesehenes Soloinstrument und Blasorchester, das bereits in den ersten Takten der „Ouvertüre“ unmissverständlich klar macht, dass hier nicht nur klassische Musik verhandelt wird. Sie präsentiert vielmehr energische Blecheinwürfe und erzeugt durch den Einsatz von Gitarre und Drumset ein Bigband-Rock-Gefühl. Die rockigen, manchmal auch funkig begleiteten Passagen des Konzertes stellen ungeahnte neue Herausforderungen an den solistischen Part. Unvermittelt wechselt der Ton im ersten Satz des Konzertes. Lyrische, an Schubert gemahnende Passagen bilden die Nebenthemen, die sich wie selbstverständlich in den funkigen Grundcharakter einfügen. Hier wird die Vereinigung von scheinbar Unvereinbarem zum Programm.

 

Für den zweiten Satz „Idyll“ hat eine Landschaft Pate gestanden: das Salzkammergut als „Quelle der Schönheit, Größe und Einfachheit dieser Musik“, erläutert Friedrich Schiff im Vorwort zur Partitur des Konzertes. Die Idylle mit Volksliedrepertoire und Ländler zeigt Guldas Freude daran, stilistische Richtungen zu mischen. Gulda bestritt, obwohl viele Musikwissenschaftler seine Verwendung von volksliedartigen Melodien als »witzige Ironie« bezeichneten, dass er habe witzig sein wollen. Humorvoll ja, aber nicht witzig.

 

Aus dem Schlussakkord dieses Satzes heraus entsteht die „Cadenza“, das Zentrum des Konzertes, ein „Selbstgespräch“ des Solisten, weshalb das Orchester schweigt. Sie ist ein wilder Ritt durch die stilistischen Richtungen von Bach bis Bowie – funkelnd-strahlend virtuose Passagen für einen »Star-Cellisten«.

 

Das sich anschließende im spanischen Renaissance- oder auch französisch-barocken Stil gehaltene „Menuett“ beginnt geradezu harmlos klassisch mit einem Einschlag ins „Janitscharische“, träumt sich aber im Verlauf immer weiter in sphärische Welten, weit jenseits der klassischen Wiener Grenzen.

 

Beinahe entschwebt finden sich die Zuhörer*innen unmittelbar mit Beginn des „Finale alla marcia“ auf dem Boden wieder, und zwar dem Tanzboden einer alpenländischen Bierscheune oder eines Bierzelts. Mit Polka-Anklängen und einem Mix aus lärmenden Blasorchestermotiven und Jazzelementen der 70er und 80er-Jahre. Deftiges und Virtuoses gehen hier Hand in Hand und steuern auf einen glanzvollen Schluss zu, einen Kehraus der Extraklasse. Die Begeisterung des Publikums ist Programm und auf jeder einzelnen Live-Aufnahme nachzuhören. Wer da nicht ins Grinsen, Lächeln oder Lachen kommt, dem ist nicht zu helfen.

 

Im Vorwort der Partitur (Papageno Buch- und Musikalienverlag in Wien) gibt Heinrich Schiff, der bei seinem ersten Besuch bei Friedrich Gulda eher die Absicht verfolgte, den Pianisten für das gemeinsame Musizieren vornehmlich der einschlägigen Duoliteratur zu gewinnen, geht noch etwas genauer auf die Eigenheiten der fünf Sätze des Cellokonzertes aus der Sicht des Cellisten ein:

„Der erste Satz des Konzertes stellte im Besonderen gänzlich neue Anforderungen an den Cellisten – neben spieltechnisch immens schwierigen Aufgaben muss der aggressive Rockrhythmus innerlich locker, aber beißend genau, ohne Vibrato und andere in diesem Zusammenhang als klassische Unarten zu bezeichnende Beigaben gemeistert werden. Ich war glücklich und Gulda vielleicht etwas überrascht, dass dies zufriedenstellend gelang.  Die dreimal zwei Chorusse mit den zwei besinnlich lyrischen Zwischenspielen (oder Nebenthemen) erfüllten nicht nur meinen Traum von in Rock- oder Jazznähe gerücktem Cellospiel, sondern überfallen auch den Zuhörer mit einer erregten, rockharten musikalischen Spannung, zu der in fast überraschender Weise im zweiten Satz der gänzliche Gegenpol geboten wird.

„Idylle“ bezieht sich sehr wörtlich auf das Salzkammergut als Quelle der Schönheit. Größe und Einfachheit dieser Musik. (Dass ich selbst dort geboren bin ist Zufall, aber auch Herausforderung für mich.) Eine weit gespannte, schlichte Melodie strahlt alles aus, was wir so oft vermissen und suchen – der Zuhörer möge die Kraft dieser Melodie wirklich frei empfinden, dann hat er gewonnen…ländlich-lustige Entspannung erfahren wir im heiter-gesprächigen Mittelteil dieses Satzes; einen Tribut an den Möchtegern-Tenor-Cellisten, der in seiner besten Tonlage für sich werben darf, bildet das formale Zentrum (Teil C von A-B-C-B-A).

Aus dem B-Dur-Schlussakkord entwickelt sich das Selbstgespräch der Kadenz, der musikalische Mittelpunkt des Konzertes. Zwei leicht auffindbare Improvisationsteile (das erste Mal wilde Doppelgriffe, das zweite Mal – nach Guldas Anweisung – „lieblich pfeifende“ Flageoletts), nachdenkliche und zögernde Monologe (Dank an den Komponisten für die Verwendung auch der tiefen Saiten!) und rhythmisch wilde Erinnerungen an die Zeit vor der Idylle kontrastieren reizvoll miteinander.

Beruhigt, wie eingeschlafen, findet sich der Zuhörer dann in das fantastisch-unwirkliche Menuett geführt, welches aus seinem mitteleuropäischen Ursprung in einen orientalischen Traum gerückt zu sein scheint; fast sphärisch schwebend das wunderbare Dur-Trio.

Der letzte Satz überfällt den Hörer mit auftrumpfender Lustigkeit, nicht mit alpenländischer Blasmusik kokettierend, sondern diese voll ausführend. Das Cello darf auf dieser deftigen Basis virtuos brillieren; auch der geliebte und gefeierte Star-Tenor des Kurortes (Böhmen?) darf zweimal zeigen, wie schrecklich schön und gefühlvoll er singen kann. Wie ein Salzkammergut-Gewitter entwickelt sich noch einmal ein jazzoider und unheimlich aufgeregter Mittelteil, nach welchem zunächst lächelnd, bis zum Ende wieder laut lachend und den inzwischen atemlosen Solisten anfeuernd, eine „Coda par excellence“ den glanzvollen Schluss bildet.“ Soweit Heinrich Schiff.

Eine detaillierte Analyse der Komposition findet sich bei Friedhelm Flamme, „Der Pianist und Komponist Friedrich Gulda“ (Cuvillier Verlag, Göttingen 2006). Der Begleittext von Heinrich Schiff zur LP, nachzulesen auch in der CD-Erstveröffentlichung (hier zusammen mit Guldas „Concerto for Ursula“), umschreibt das Werk als Liebeserklärung ans Salzkammergut, weniger musikanalytisch als vielmehr außermusikalische Assoziationen einfangend.

 

Das unverblümte Ausspielen der Klischees österreichischer Volksmusik in diesem darüber hinaus durchaus virtuos angelegten eklektischen Konzertwerk schielt unverhohlen nach guter Laune, ohne die Grenze zum Seicht-Kommerziellen anzustreben. Gulda wollte damit ganz sicher ungleich mehr erfreuen als provozieren, was ihm auch gelingt. Er geniert sich nicht vor vordergründiger Gefälligkeit. Für den Solisten ist dies zudem ein vehement forderndes Bravourstück. Die Sätze 1, 2, 4 und 5 verlangen genaue Abstimmung zwischen Blasorchester und Solist, interpretatorische Unterschiede bei Aufnahmen kommen hier mehr im klanglichen Bereich zur Geltung, allenfalls auch in der Tempowahl, aber auch im Grad der technischen Geläufigkeit, Tonschönheit und Nuancenreichtum. Die ganz persönliche Note kann und muss sich in der großen Cadenza des dritten Satzes entfalten. Hier offenbaren sich die unterschiedlichen Persönlichkeiten, wie sie den Bogen führen, welchen Ton ihr Cello hat, ob sie jazzoid fühlbare Elemente als solche wahrhaben wollen oder auch diese „als wären sie E-Musik“ anlegen. Bei Interpretationsvergleichen kann man vielleicht beobachten, inwieweit „die österreichische Mundart“ getroffen ist oder ob die Solisten bereit sind, sich auch dem Schmelz der Musik ganz hinzugeben. Kein Cellist und keine Cellistin gibt sich überhaupt eine Blöße, die Unterschiede sind eigentlich eher marginaler Art, wiewohl hörbar.

 

Später kam es zum Zerwürfnis zwischen den beiden Musikern Gulda und Schiff, obwohl sie das Werk gemeinsam so oft überaus erfolgreich aufgeführt haben. Wie kam es dazu? Da müssen wir wohl etwas weiter ausführen: Das Zusammentreffen von Friedrich Gulda und Nikolaus Harnoncourt in Salzburg im Jahr 1988 markierte nämlich einen der größten Skandale in der Geschichte der Salzburger Festspiele. Da gab es nämlich das sogenannte "Gegenkonzert" auf dem Domplatz. Am 26. Juli 1988 traten Gulda und Harnoncourt, der damals als Vertreter der HIP noch längst nicht beim konservativen Klassikvolk etabliert war und manch einem als ein subversives Element erschien, gemeinsam mit dem Chamber Orchestra of Europe auf dem Salzburger Domplatz auf. Das Konzert fand im Rahmen des "Festes zur Festspieleröffnung" statt, das von der alternativen "Szene Salzburg" organisiert wurde – einer Gegenbewegung zum offiziellen Festival. Auf dem Programm stand:

  1. A. Mozart: Symphonie Nr. 38 („Prager“).
  2. A. Mozart: Klavierkonzert Nr. 26 („Krönungskonzert“).

        Und Improvisationen von Gulda und Joe Zawinul.

Das Konzert war eine bewusste Provokation gegen das damalige Festspiel-Establishment unter Herbert von Karajan. Unmittelbar nach diesem gefeierten Auftritt eskalierte die Situation: Gulda nutzte die Bühne für einen verbalen Rundumschlag gegen die Führung der Festspiele. In der Nacht nach dem Konzert sagte Gulda alle seine offiziell für die Festspiele geplanten Auftritte kurzfristig ab. Gulda warf den Verantwortlichen vor, sie hätten im Vorfeld versucht, die Mitwirkung Harnoncourts (den auch das Festival-Establishment damals noch skeptisch sah) an dem Szene-Konzert zu verhindern.  Danach sagte er alle seine von den Festspielen beworbenen und verkauften Festspielkonzerte um stattdessen nach Ibiza zu fliegen. Weil Heinrich Schiff das in diesem Festspielsommer jedenfalls auch geplante Gulda-Cellokonzert nun durch ein Haydn-Konzert ersetzte, kam es zum Zerwürfnis zwischen Schiff und Gulda, das weitere gemeinsame Aufführungen verhinderte.

 

In der Partitur gibt Gulda noch verschiedene Tipps oder Anweisungen zur Aufstellung des Cellos, des Bläserensembles und des Schlagzeugs.

Zu den Tipps bzw. Vorschriften:  Die Bassstimme kann, wenn nötig auf zwei Bassisten aufgeteilt werden: Ein klassischer Bassist, der eigentlich hinter den Holzbläsern positioniert werden sollte und ein Jazzbassist, der in der unmittelbaren Nähe von Gitarre und Schlagzeug sitzen sollte.

Mikrophonverstärkung wird für Cello, Gitarre, Bass (Bässe) vorausgesetzt. Bei einer Aufnahme wäre das nicht unbedingt beim Cello erforderlich. Da hat man ohnehin alle Optionen (nicht bei Jazz-Bass, der braucht die Verstärkung)

 

Weitere Tipps vom Meister: Die Holzbläser, Hörner, Tuba, Akustikbass: sollen Orchestermusiker sein.

Trompeten, Posaunen, Gitarre, Elektrobass, Schlagzeug: sollen Musiker mit Jazz- und Bigband-Erfahrung sein.

 

Also dann: Feuer frei.

 

 

„A Musiker wie i, der stirbt vielleicht amal, aber alt wird der nie.“

Friedrich Gulda

 

 

„Was mein Hirn anbelangt, haben Sie Recht, wenn Sie sagen: ‚Der Alte wird immer jünger!‘“

Friedrich Gulda

 

(Text zusammengestellt mit Hilfe folgender Quellen: Einem Beitrag in concentus alius von Victoria Tafferner; dem Beitrag in Wikipedia über „Friedrich Gulda“; einem Beitrag in einem Programmheft des Theaters Vorpommern ohne Angabe eines Autors oder einer Autorin; einem Beitrag in Capriccio von AlexanderK; dem Vorwort der Partitur von Heinrich Schiff und der erst unten im Appendix angefügten Kritik des Komponisten Moritz Eggert.)

 

 

 

Appendix:

Guldas Cellokonzert aus Komponistensicht

Eine verspätete Kritik an einem erfolgreichen Stück

 

von Moritz Eggert

 

„Es gibt Stücke, bei denen sich sowohl Publikum als auch Musiker einig sind, dass sie sie dufte finden. Was nicht bedeutet, dass Komponisten diese Stücke auch dufte finden.

Ein Paradebeispiel für diesen Umstand ist das Cellokonzert von Friedrich Gulda. Ach, wie oft habe ich schon von dynamischen jungen Cellisten gehört, wie toll dieses Stück doch sei. So unkonventionell, dabei doch so virtuos. Ein richtiges Paradestück eben. Und das Publikum ist doch dann auch begeistert! Wenn es mit diesem Rockteil losgeht! Die Blaskapelle! Big Band-Jazz! Und dazwischen doch eben auch die gute Klassik – Schubert, Vivaldi…alles kommt darin vor! Und toll, dass das Cello mal so frei und richtig groovy spielen kann! Und sogar die Neue-Musikfreaks bekommen noch ein paar Dissonanzen um die Ohren gehauen, in dem endlosen Soloteil. Der Gulda konnte einfach alles!

Wenn ich dann einwende, dass mir das Stück gar nicht gefalle, ja dass ich es sogar richtiggehend hasste und verachtete, verhärtet sich der Blick meines Gegenübers. Unmissverständlich gibt man mir dann zu verstehen, dass ich mit dieser Meinung nicht nur alleine sei, sondern dass es sich bei mir ganz sicher um einen neidischen/eifersüchtigen/missgünstigen/sonst irgendwas Kollegen handeln müsse.

Es gab eine Zeit als ich noch Student war, da spielte Bayern Klassik das Cellokonzert von Gulda quasi in Dauerschleife. War bei irgendeiner Sendung noch Platz hörte man irgendwann unvermeidlich: „Und jetzt ein Ausschnitt aus dem Gulda-Cellokonzert“, wahrscheinlich gespielt vom Uraufführungscellisten Heinrich Schiff.

Und ja, ich gebe gerne zu, dass das Stück beim ersten Hören bei mir eine positive Irritation auslöste. Erst wusste ich gar nicht, wer das komponiert hatte, so seltsam waren die Stilwechsel und Formbrüche. Gleichzeitig machte sich aber in mir das Gefühl breit, dass hier zwar jemand sympathisch durch alle Genres hindurch kombinierte und variierte, dass diese jeweiligen Pastiches aber jeweils immer wahnsinnig abgeschmackt und konventionell klangen, ohne jegliche wirkliche Originalität.

 

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich muss hier wirklich betonen, dass ich vor dem exzentrischen und brillanten Musiker Friedrich Gulda nichts als höchsten Respekt habe. Er war ein Genie und ein Meister, und vor allem einer, der sich schon schnell äußerst erfolgreich von einem schon damals potzbiederen Konzertbetrieb innerlich befreien konnte. Als Pianist war er über jeden Zweifel erhaben, als Jazz-Improvisator oder Blockflötenvirtuose zumindest mutig und als Provokateur ohnehin erste Sahne. Aber als Komponist?

Natürlich ist es absolut sympathisch, dass Gulda auch komponiert hat. Und sicherlich ist das alles auch nicht ganz schlecht und bezeugt ein gutes Gespür für Stilimitate. Dass er auch komponierte, machte ihn zu einem wirklichen Vollblutmusiker, wie es sie ja nur wenige gibt. Sicherlich nahm er es auch nicht allzu ernst damit, oder vielleicht doch, ich weiß es nicht.

Dennoch ist sein Cellokonzert, dass ich neulich wieder in Hamburg hören durfte, in einer schönen und hervorragend musizierten Aufführung, mit Verlaub….einfach shit.

Es ist nicht shit, weil es sein Herz nicht am richtigen Platz trägt. Ganz im Gegenteil – das Cellokonzert will eigentlich das richtige: Es will die Transgression, die Grenzüberschreitung, die Provokation. All dies ist mir zutiefst sympathisch! Das Stilwirrwarr? Geht in Ordnung – Stillosigkeit ist der Beginn guten Komponierens. Der schlechte Geschmack? Geht in Ordnung – guter Geschmack resultiert meistens in dem langweiligen Murks, den man gemeinhin als „geschmackvolle Musik“ bezeichnet, und wer will das schon! Die Improvisationseinlagen, die Verstärkung des Cellos, die rotzigen Bläsereinwürfe? Gehen in Ordnung, gehen in Ordnung.

Das einzige Problem dabei: sie sind halt nicht gut komponiert. Im Stilimitat ist Gulda – und das ist ihm aufgrund mangelnder Komponiererfahrung gar nicht mal vorzuwerfen – erschreckend bieder. Imitiert er Schubert, reduziert er ihn auf alpenländische Hornquinten und Tonika und Dominante. Imitiert er Schumann, klaut er einfach die beste Akkordwendung der „Träumerei“, ohne einen Ton zu ändern. Imitiert er Jazz, so bringt er genau die Akkorde, die man von einer jazzigen Passage erwartet, quasi das, was einem als allererstes einfallen würde, wenn man sich ans Klavier setzte und den Auftrag „spiel mal was jazziges“ zu erfüllen hätte.

Und so weiter: die lange Cellokadenz nudelt sich an den typischen Neue-Musik-Dissonanzen ab, ohne diesen irgendeinen Mehrwert oder gar Originalität zu entlocken. Wenn ein Teil funktioniert, wird er einfach wörtlich wiederholt. Und schlimmer noch: es gibt überhaupt keine Übergänge, keine Entwicklungen, alles folgt blockartig aufeinander, ohne weitergehende thematische Verknüpfungen, die übergreifenden Sinn ergeben.

 

Ich bleibe dabei: Guldas Cellokonzert nervt. Zumindest mich. Ganz besonders dann, wenn – wie auch in Hamburg – frenetisch applaudiert wird, alle begeistert sind, weil Klassik ja doch mal so schön anders klingen kann. Tut sie aber gar nicht, sie klingt nur so wie halt leider oft in heutigen Klassikprogrammen: schön allein an der Oberfläche.

Aber vielleicht ärgert mich Guldas Cellokonzert vor allem deswegen, weil die Idee dahinter so gut ist, die Mittel für deren kompositorische Ausführung aber einfach nicht vorhanden waren. Das hat dann zum Beispiel ein Schnittke in seinen Concerti Grossi wesentlich raffinierter und abgründiger hingekriegt.

 

Aber wie man es dreht und wendet: knapp vorbei ist auch daneben.

 

Verzeih mir, Friedrich, ich liebe Dich trotzdem!

 

Moritz Eggert

 

 

Kann man sicher so sehen, muss man aber nicht… Lassen wir uns doch mal besser überraschen.

 

6.5.2026

Friedrich Gulda am Attersee (Salzkammergut)

Heinrich Schiff bei der Arbeit.

 

 

 

Wir konnten das Cellokonzert von Friedrich Gulda 25mal hören. Davon liegen

 

15 Einspielungen liegen auf Tonträger vor,

 

  7 wurden bei Übertragungen im Rundfunk mitgeschnitten bzw. sind bei YouTube abrufbar und

 

  3 Einspielungen waren Bearbeitungen des Werkes: einmal wurde das Blasorchester durch ein komplettes Sinfonieorchester ersetzt,

     ein zweites Mal wurde das Cello durch eine Violine ersetzt und beim dritten Mal hat man auf das Blasorchester und die

     Rhythmus-Gruppe zugunsten eines Saxophonquartettes mit Klavier verzichtet.    

 

 

 

Die Einspielungen auf Tonträger:

                            

5

Jakob Spahn

Stephan Frucht

Orchesterakademie des Bayerischen Staatsorchesters

Hänssler-Siemens

2017

5:05  7:05  8:28  3:50  6:50  31:18

 

Jakob Spahn studierte bei David Geringas und Claudio Bohorquez in Berlin, seit 2011 ist er Solocellist im Bayerischen Staatsorchester und seit 2020 geht er zusätzlich einer Professur für Violoncello an der Musikhochschule Nürnberg nach. Das Besondere an dieser Aufnahme ist das für Musikaufnahmen recht neue technische Aufnahmeverfahren und das daraus resultierende klangliche Endergebnis.

Aber noch viel wichtiger: Alle beteiligten jungen Musiker/innen sind perfekt auf dieses Projekt vorbereitet und voller Begeisterung am Musizieren.

Zur Ouvertüre: Herr Spahn steht seinem erfahreneren Kollegen im gleichen Orchester, Yves Savary, der das Konzert ebenfalls eingespielt hat, in nichts nach. Auch sein Ton blüht sehr schön auf, wirkt tiefgründig-warm und er spielt enorm schattierungsreich und mit viel Schwung. Das Zusammenspiel mit seinen noch jüngeren Mitspielern im Ensemble kann man nur als traumwandlerisch sicher bezeichnen. An die funkensprühende Erstlingsaufnahme von 1981 mit Heinrich Schiff und Friedrich Gulda kommt man zwar zumindest einmal was kraftvoll-schneidiges Engagement und vor allem Extrovertiertheit anlangt nicht ganz heran. Dafür klingt es noch voller, runder, wärmer, körperhafter und mindestens ebenso dynamisch. Vollen Einsatz bieten beide Einspielungen, allerdings in unterschiedlicher Expressivität.

Die Idylle war noch nie so klar und transparent zu hören wie hier. Die Akustik-Gitarre, sonst meistens nur undeutlich zu hören, klingt nun glasklar. Man ist hautnah dran an den Musikern und trotzdem klingt alles wunderbar räumlich und sagenhaft körperhaft. Nichts wirkt aufdringlich. Das Holz gibt sich keinerlei Blöße, klingt voll und lebendig, das Blech sonor, intonationssicher und musikalisch. Das Cello erzählt beredt und klingt phantastisch, voll, warm und tiefgründig. An Deutlichkeit und Transparenz ist diese Aufnahme vorbildhaft und musikalisch kann sie als mustergültig gelten.

Die Cadenza bietet ein sehr weit gespanntes dynamisches Spektrum, Herr Spahn lässt seinen Ton nie in unangenehme Hörbereiche abdriften, er bleibt trotz aller Intensität voll und sonor. Seine erste Improvisation bietet mannigfache Spielarten des Cellospiels, bleibt meist melodiös mit einem Höhepunkt der schrägen Art. Eine erste Improvisation, die sich unauffällig in die von Gulda komponierte Umgebung der Cadenza integriert. Die zweite Improvisation, die eigentlich der Flageolett-Spielweise vorbehalten sein soll, was auch fast immer beherzigt wird, bringt Spahn einige bekannte Motive und stellt sie in einen neuen Zusammenhang, die Wirkung hingegen ist frei, so als ob man geradewegs in höhere Schichten der Atmosphäre abheben könnte. Doch das ff der auskomponierten Kadenz holt uns schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Nun lässt es Spahn, von Gulda autorisiert, ordentlich krachen und obwohl die Cadenza ausgedehnt ist, wirkt sie kurzweilig und sehr interessant.

Das Menuett erklingt auf höchstem Spielniveau und sehr charmant. Der Klang der Aufnahme macht aus ihm einen kleinen farbig funkelnden Edelstein.

Das Finale alla marcia offenbart überdeutlich, dass es sich bei dieser Einspielung um die dynamischste überhaupt handelt. Nun hört man einmal, was unkomprimiert wirklich heißt. Der Humor kommt nicht zu kurz, teilweise geht es auch rasant zu, aber immer mit musikalischem Gespür. Die sommerliche „Gewitterszene“ wirkt ungemein plastisch. Blech und Schlagwerk klingen enorm durchschlagskräftig. Diese Aufnahme ist aber beileibe nicht nur ein ganz besonderes Klangereignis, auch musikalisch ist sie sehr gelungen.

Der normalen CD liegt bei dieser Edition eine BD-Audio bei, die drei verschiedene hochaufgelöste Tonformate bietet: 2.0 PCM 24 Bit/96 kHz, Auro 3D 24 Bit/96 kHz und Dolby Atmos 24Bit/48 kHz. Wir entschieden uns für Auro 3D, allerdings nicht für das 7.4.1 Setting, da wir keine Höhenkanäle eingerichtet haben. Die Klarheit erscheint als einzigartig, die Staffelung exzellent, die Transparenz optimal, die Dynamik sagenhaft. Die Räumlichkeit bestechend. Fülle, Wärme und Glanz begeistern. Das geht einfach deutlich über das bei CD erreichbare Niveau hinaus. Leider fehlt bei dieser Aufnahme die E-Gitarre, das hätte die technischen Möglichkeiten sicher nochmals besser ausgereizt. Fazit: Phantastischer Sound, musikalischer Hochgenuss, audiophiler Top-Tipp.

 

 

5

Heinrich Schiff

Friedrich Gulda

Das Wiener Bläserensemble mit Rhythmusgruppe

Amadeo

1981

4:46  7:52  7:28  3:33  6:32  30:11

Friedrich Gulda wirkt bei dieser Einspielung nicht nur als Komponist und Dirigent, sondern auch als Produzent und Aufnahmeleiter. Die Aufnahme entstand bereits vor der Uraufführung, vielleicht konnte man dem geneigten Publikum die fertigen Platten bereits nach dem Konzert zum Kauf anbieten?

Die Ouvertüre wird von Herrn Schiff genauso wie vom Wiener Bläserensemble (knackig!) sehr energisch, ohne zögern und zaudern, enorm kraftvoll und vorantreibend durchgezogen. Auch bei den rockigen Passagen fühlt sich der Cellist anscheinend pudelwohl. Er gibt „Vollgas“ und verausgabt sich, wenn man dem Gehörten glauben darf. Das Ensemble fühlt sich wie zuhause, da kommt alles stilgemäß und wie aus dem Effeff.

Die Idylle verströmt viel Wärme und Behaglichkeit, auch Schiff lässt nun – wie viele Cellisten nach ihm - sein Cello voll und sonor klingen, wobei er mit dem Vibrato wohlkalkuliert haushaltet um übermäßigen Kitsch zu vermeiden. Der Holzbläser-Ländler klingt schnell und wohlgelaunt, man könnte auch schreiben frohgemut. Schiff ergreift dann immer wieder mit großem Ton die Führung. Entsprechend wird er von der Aufnahmetechnik größer abgebildet als im ersten Satz. Die Blechepisode klingt weihevoll, vielleicht war sie einmal zur Kirchweih gedacht? Genauso könnte man sich aber auch ein weites, majestätisches Alpenpanorama vorstellen, incl. Abschied und Ländler-Reprise ein „großer“ Satz mit vielen Nuancen.

Die Cadenza, quasi rezitativo, wird von Schiff innig und expressiv vorgetragen, man spürt, dass es hier technisch und musikalisch höchst anspruchsvoll zugeht und das wirkt alleine schon respektgebietend. Ergreifend wird es durch das rückhaltlose Engagement, das Schiff besonders in der Cadenza hineinlegt, vielleicht wirkt es auch nur nochmals gesteigert, weil man sich ausschließlich auf ihn konzentriert. Die beiden Improvisationen wirken kreativ und frei, sicher haben sie allen anderen Interpreten „irgendwie“ als Vorbild gedient. Die Flageoletts hören sich so täuschend echt an, da meint man, die Flöte hätte zwischendurch mal kurz „ausgeholfen“. Nach der zweiten Improvisation geht es ganz besonders wild zu. An dieser vorantreibenden Wildheit beißen sich die allermeisten „Mitbewerber“ unseres kleinen Vergleichs die Zähne aus, falls sie ihr nacheifern wollten.

Geschmeidiger Übergang zum Menuett. Schiff scheint hier mit dem Stolz eines muselmanischen oder spanischen Troubadours zu spielen. Das klingt alles sehr reizvoll und nuancenreich, auch das Wiener Bläserensemble mit seiner speziellen Klangausrichtung.

Im Finale alla marcia geht man mit Virtuosität und Brillanz freigiebig um, die Bläser, insbesondere natürlich das Blech trumpft toll auf und alle ziehen wunderbar mit. Das klingt sehr pointiert, man weiß sehr wohl, wie es in einem zünftigen Biergarten oder Bierzelt zu klingen hat, nur viel sauberer und virtuoser. Herrlich losgelöst und fidel. Im sommerlichen Unwetter, das sich da zusammenbraut (aber genauso schnell wieder verzieht) wird es dann ein bisschen gefährlich, aber insgeheim, da es so schnell wieder verschwindet ist es doch nur ein weiterer Grund die überschwängliche Feierlaune und den ansteckenden Frohsinn unbekümmert rauszulassen. Alpenländische Folklorenostalgie, Bierzeltseligkeit und extrem locker anmutende Cellovirtuosität (in Wirklichkeit ist es für Herrn Schiff harte Arbeit) werden hier vereint.

Klanglich herrscht eine recht trockene, aber auch knackige und sehr dynamische Studioatmosphäre vor. Die Aufnahme wirkt recht flach, hat also wenig Raumtiefe, sodass sich das musikalische Geschehen auf einer Ebene abspielt. Außer an Staffelung fehlt es auch an Körperhaftigkeit. Die Transparenz ist nichtsdestotrotz ausgezeichnet. Etwas mehr Bass hätten wir uns auch noch gewünscht. Gulda lässt in seiner eigenen Aufnahme die E-Gitarre weg, jedenfalls hat sie im Klangbild keinen ihr zustehenden Platz bekommen.

 

 

5

Gauthier Capuçon

Alexandre Rabinowitsch-Barakovsky

Mitglieder des Orchestra Svizzera Italiana

EMI

2006, live

5:05  8:27  7:28  3:43  6:40  31:23

Diese Aufnahme entstand beim Lugano-Festival im Palazzo del Congressi in Lugano, damals gab es ja das LAC noch nicht, das Lugano Arte e Cultura.

Diese Einspielung, das merkt man bereits in der Ouvertüre bietet eine höchst differenzierte Darbietung mit einem technisch höchst versierten, absolut souverän wirkenden Cellisten. Eher weniger kraftvoll und expressiv als Heinrich Schiff bringt Monsieur Capuçon eher noch mehr Nuancen in sein Spiel mit ein. Das wirkt ungemein brillant. Die Band ist klanglich sehr gut aufgestellt (wörtlich und im übertragenen Sinn) und wirkt ausgesprochen gut gelaunt.

In der Idylle kommt der sehr schön ausschwingende, schmelzende Celloklang, bei dem das Vibrato deutlich herauskommt, aber doch dem Satz angemessen erscheint, bestens zur Geltung. Der Ländler, bei dem das Holz auf seine beträchtlichen klanglichen Qualitäten verweisen kann, wird flott im Tempo genommen und wirkt entsprechend jugendlich und frisch.

Auch Capuçon lässt sein Cello in der Cadenza sehr klangschön klingen, mit dem für das Instrument wie für den Spieler typischen, schattierungsreichen, tiefgründig wirkenden Klang. Bestechend klar phrasiert und dynamisch weit gespannt, besonders bei den leisen Tönen, wirkt Capuçons Vortrag besonders locker und frei. Von den beiden Improvisationen gefällt uns die zweite, die Flageolett-Improvisation besser. Er überspannt den Spannungsbogen nicht durch ein „Zuviel des Guten“. Super.

Das Menuett trägt die Bezeichnung sempre un poco misterioso. Das wird in dieser Darbietung besonders deutlich umgesetzt, man spürt es auch ohne die Satzbezeichnung zu kennen. Der Satz profitiert vom herrlichen Celloklang und vom ausdrucksvollen Spiel, das nuancenreicher wirkt wie bei allen anderen Solisten. Capuçons Engagement zeigt sich weniger in der Kraft als im Subtilen.

In Lugano scheint man die „Alpenfolklore“ genauso gut zu kennen wie im Salzkammergut. Das klingt nämlich im Finale alla marcia äußerst beschwingt aber nie hemdsärmelig. Und hier bekommt man auch mal einen richtig tiefen, ordentlich bedrohlichen Bass im aufziehenden Unwetter zu hören und auch das Blech kommt trotz seiner mit dem Plunger gestopften Spielweise schön dynamisch zur Geltung. Das kommt nicht gerade oft vor, denn mit dem Stopfen schwindet auch allzu oft die Durchschlagskraft. Volksfeststimmung pur. Virtuose Stretta. Tosender Applaus in Lugano, wen wundert´s. Na dann, Prost.

Der Klang der Aufnahme ist präsent, voll, dynamisch, körperhaft und gut gestaffelt. Leider spielt man wieder ohne E-Gitarre, jedenfalls konnten wir keine hören. Die Balance erscheint geglückt. Die Band erhält trotz Star-Cellisten genug „Platz“ um sich richtig auszutoben.

 

 

5

Oliver Mascarenhas

Gerd Müller-Lorenz

Bläserensemble der NDR-Radiophilharmonie Hannover

Dreyer-Gaido

2020

4:55  8:31  10:42  3:38  6:38  34:24

Oliver Mascarenhas ist Solocellist der NDR-Radiophilharmonie in Hannover. Dirigent Gerd Müller-Lorenz ist vornehmlich als Pädagoge tätig, war so Leiter einiger Hochschulorchester (Hannover, Lübeck, Nürnberg, aber auch im Ausland).

Da man in dieser Einspielung an den E-Bass gedacht hat, klingt es auch von Anfang an besonders funky. So hat es Gulda explizit in der Partitur vermerkt, aber in seiner eigenen Aufnahme von 1981 haben wir den E-Bass vermisst. Herr Mascarenhas bleibt dem Cellopart in der Ouvertüre nicht viel schuldig. An die Virtuosität von Capuçon, Moreau oder Kobekina oder die überaus expressive Kraft von Heinrich Schiff kommt er jedoch nicht ganz heran. Sein Cello klingt jedoch wunderbar weich und voll und er gibt seinem Part eine besonders frei wirkende Artikulation mit, wird aber vom Ensemble, zumindest im ersten Satz, klanglich ganz schön in die Zange genommen, will heißen klanglich bedrängt.

In der sehr langsam und behutsam gespielten Idylle wird ein gewisser Spannungsabfall riskiert. Aber das weiche und sanfte Spiel scheint diesem Cellisten besonders zu liegen, noch viel mehr als der rockig-harte Duktus im ersten Satz. Nun wird auch schön mit dem Vibrato gespielt. Im „Ländler“ klingen die Oboen und Klarinetten erstklassig, da bringen die „stehenden“ Kulturorchester meist mehr Klangvolumen und einen besonders weich timbrierten Sound mit, mehr als in den eigens rekrutierten Bläservereinigungen oder in den Jazz-Ensembles. Das Tempo lässt den Satz besonders beschaulich und verträumt wirken.

Die eigentliche Überraschung hält diese Einspielung in der Cadenza bereit. Zunächst hören wir jedoch wie erwartet den vollen, satten Celloklang von Herrn Mascarenhas. Er könnte hier allerdings dynamisch durchaus weiter gespreizt werden. Der Unterschied von p und f bleibt recht gering. Generell wird zudem ein langsames Tempo gewählt, das nur wenig Dringlichkeit spüren lässt. Die außerordentliche erste Improvisation bezieht nun allerdings Schlagzeug und E-Bass mit ein und sie wirkt ausgesprochen „cool“ und relaxt. Sie erstreckt sich weit über die von Gulda veranschlagte Höchstgrenze von einer Minute hinaus. Aber, da erscheint keine Sekunde zu viel. Man geht dann sofort und ohne Umschweife auch ohne auf die Notation Guldas zurückzukommen zur 2. Improvisation über. Der Flageolett-Improvisation. Die bezieht nun ebenfalls die Mitspieler der Rhythmus-Sektion mit ein. Da wird nun ein ganz eigener Klang-Kosmos aufgebaut. Tschüss Gulda Cellokonzert. Jetzt kann man dann richtig „abrocken“. Ganz anders als alle anderen Improvisationen wirkt diese Version doch überaus bereichernd für die Diskographie des Werkes. Und sie wirkt wie eine echte Jazz-Improvisation, aber doch nicht schräg-abgehoben. Richtig erlebnisreich.

Nach der freien und sich besonders weit vom eigentlichen Werk sich entfernenden Cadenza wirkt das Menuett besonders förmlich. Größer könnte der Kontrast zum Satz zuvor kaum ausfallen, da tut sich nun eine andere Welt auf. Aber für uns zumindest wie ein nach Hause kommen zu vertrauten Formen. Hier überzeugen dann die klanglichen Fähigkeiten der Musiker wieder voll, es klingt einfach wunderschön. Gerade auch solistisch, nicht nur das Cello auch (wieder einmal) die Bläser. Sehr feines Musizieren, vielleicht sogar ein wenig überspitzt förmlich?

Im Finale alla marcia bleibt sich die Einspielung treu. Nicht übermäßig schnell oder gar gehetzt, doch immer noch virtuos und brillant. Und im weichen, abgerundeten Ton. Diese Blaskapelle wirkt audiophil geschult.  Trompeten und Posaunen erscheinen mit dem Plunger im Trichter ein wenig zu zurückhaltend im heranziehenden Sommergewitter, da bieten einige wenige Einspielungen mehr. Von einem ff kann man da kaum reden. Ansonsten gibt es Gute-Laune-Musik pur, super geschmeidig musiziert von echten Könnern. Mascarenhas scheint auch hier im letzten Satz immer noch eine Geschichte zu erzählen. Er malt nicht nur eine Stimmung auf seine Leinwand. Tosender Beifall eines hörbar gut gefüllten Konzertsaals. Von Corona-Beschränkungen ist jedenfalls nichts zu hören.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr körperhaft und plastisch, warm, einschmeichelnd, weich-abgerundet und mit einer guten Tiefenstaffelung versehen. Das Ensemble bekommt einen großen Raum spendiert und klebt virtuell nicht so dicht am Solocello dran. Die Balance könnte kaum besser sein (vielleicht im ersten Satz). Von der Klang-Härte der 81er „Ureinspielung“ mit Schiff und Gulda ist nichts mehr  zu spüren. Gute aber keine überragende Dynamik.

 

 

5

Edgar Moreau

Raphaël Merlin

Les Forces Majeures

Erato

2019

4:53  7:46  7:27  3:53  6:38  30:37

Edgar Moreau gewann mit 15 Jahren den Jugendpreis beim Rostropovich-Wettbewerb und mit siebzehn Jahren den zweiten Preis beim Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Im Jahr 2013 unterschrieb er einen exklusiven Vertrag mit dem Label Erato. Eine „Frucht“ dieses Vertrages können wir mit dieser Aufnahme „ernten“. Raphaël Merlin war 25 Jahre Cellist des Quatuor Ébène. 2014 gründete er das Kammerensemble „Les Forces Majeures“, was soviel heißt wie „Die Hauptkräfte“. Das Ensemble hat keine feste Residenz, es bezeichnet sich als „mobiles Ensemble“. Seit 2023 ist Monsieur Merlin Leiter des Genfer Kammerorchesters, seit 2025 zusätzlich des Orchestre de Chambre Nouvelle-Aquitaine in Poitiers.

Schon gleich zu Beginn der Ouvertüre begeistert der hervorragende Ton des Cellos. Es klingt soll, sonor, sehr differenziert aber auch zupackend, kultiviert und swingend. Sehr gewandt und flexibel. Ein Meistercellist höchsten Grades ist hier am Werk, das merkt man schnell. Holz und Blech klingen exzellent. Die Rhythmus-Sektion wird durch Hinzunahme einer hörbaren E-Gitarre deutlich aufgewertet.

Der zweite Satz bietet Alpenidylle pur. Das klingt schon fast persiflierend idyllisch. Statt des Cellos ließe sich auch ein konzertantes Alphorn vorstellen. Leider (das heißt man kann es so oder so sehen, Cellofans werden nicht genug von ihm bekommen können) kommt das Cello etwas überprominent ins Bild, es wird klangtechnisch gegenüber dem Ensemble deutlich bevorzugt. Dabei klingen die Holzbläser sehr klangschön und flexibel, lebendig und keck. Moreau selbst spielt überaus ausdrucksvoll, fast schon mehr schmalzig als schmelzend. Jedenfalls überaus klangschön. Gelegentlich kann er sich auch zurücknehmen. Er scheint – was übrigens für alle Sätze gilt – von allen technischen Schwierigkeiten enthoben.

In der Cadenza hören wir das Cello von David Tecchler aus dem Jahr 1711 in Großaufnahme. Dieses Instrument, das Monsieur Moreau seit seiner Jugend besitzt, ist für seinen kräftigen Klang bekannt. Zusätzlich verwendet er übrigens einen Bogen von Dominique Peccat, eine Information für die Cellisten-Insider unter uns. Ein edles Instrument mit einem weichen, vollen, tiefgründigen, vielschichtigen Klang. Wir hören eine absolut souveräne, freie Gestaltung, bei der die Pausen bis zum Zerreißen gespannt werden. Das dynamische Spektrum wirkt geweitet. Das Spiel bietet enorm reiche Abschattierungen. Die erste Improvisation wirkt wild, exzessiv und nochmals enorm gesteigert. Sie wirkt bruchlos eingefügt. Andererseits bei diesem Pasticcio-Konzert aus so vielen verschiedenen Stilen könnte man sich in der Kadenz eigentlich nahezu alles erlauben. Die zweite Improvisation über Flageoletts wird relativ kurzgehalten. Da kommt man dem Solisten und seinem Instrument sehr nahe, hört viele „Arbeitsgeräusche“ von Instrument und Herrn Moreau selbst.

Das Menuett wirkt in dieser französischen Version sehr stimmungsvoll und erneut klanglich exquisit - nicht nur vom Cello – sondern auch vom Holz und vom ebenso dezenten wie präsenten Schlagwerk hingelegt. Da sind viel Feingefühl und Eleganz mit dabei. Moreau zeigt im poco flautando, quasi Flageolett, wie man diese Spielweise, die Herr Gulda offensichtlich so mag, in Vollendung präsentiert.

Im Finale alla marcia geht es vorantreibend und fetzig zu. Monsieur Moreau lässt da den Bogen geradezu fliegen. Klangtechnisch ist sein Cello wie bisher auch im letzten Satz erneut bevorzugt. Nicht zuletzt daran mag es liegen, dass die Volksfeststimmung von der Bigband her gesehen noch draller und dynamischer ausfallen könnte. Die Gewitterstimmung wird allerdings prima in Musik umgesetzt, wenngleich das Schlagzeug etwas mehr Präsenz verdient gehabt hätte. Wie gesagt wirkt der Klang immer eine wenig zu sehr auf das allerdings fulminant klingende Cello abgestellt. Den Qualitäten der Band wird man wohl kaum misstraut haben. Sehr ausgelassen steuert man auf das Bierzelt-Finale zu. Wir wussten gar nicht, dass dieses Brauchtum auch in Frankreich noch so sehr gepflegt wird. Moreau geht jedes Tempo mit, als ob es Anfängerkram wäre. Und an dick aufgetragenem Schmalz in den Zwischenspielen lässt er es auch nicht mangeln. Wir hören eine sich geradezu Stretta-artig überschlagende Finalgestaltung. Bravi!

Der Klang der Aufnahme wirkt voll, rund, sehr präsent, körperhaft, sonor, dynamisch und sehr transparent. Allerdings weniger weiträumig und die Balance, wir haben es schon mehrmals erwähnt, wirkt zugunsten des Cellos verschoben. Es klingt so groß und körperhaft abgebildet wahrscheinlich noch anmachender, als wenn es besser ins Ensemble integriert worden wäre. Andererseits würde in diesem Fall die klar zurückstehende Band noch mehr Impulse verteilen als ohnehin schon.

 

 

5

Peter Bruns

Thomas Clamor

Sächsische Bläserharmonie

Genuin

2015

5:27  7:57  6:25  3:46  6:57  30:32

Die Sächsische Bläserphilharmonie ging aus dem 1950 in Bad Lausick gegründeten Rundfunk-Blasorchester Leipzig hervor. Zunächst war es vor allem für Unterhaltungsmusik zuständig, doch man erarbeitete sich zunehmend auch die sinfonische und konzertante Blasmusik. Nach der Wiedervereinigung wurden vom neu gegründeten MDR jedoch nicht alle Ensembles mit übernommen, auch das Blasorchester nicht. Seit 1995 wird das Orchester über das Sächsische Kulturraumgesetz finanziert. Thomas Clamor, von 1986-2010 Trompeter bei den Berliner Philharmonikern leitete das derzeit einzige Profi-Blasorchester in ziviler Trägerschaft Deutschlands von 2011-2020. Peter Bruns war erster Solocellist beim Berliner Sinfonieorchester (heute: Konzerthausorchester), seit 2019 ist er der Cellist des Leipziger Streichquartetts und Hochschulprofessor. Als Solist ist er selbstverständlich ebenfalls unterwegs. Er spielt ein Tononi-Cello von 1730 mit dem klangvollen Namen: „ex Pablo Casals“.

Dieses Mal verfügt die Besetzung wieder über eine E-Gitarre, was der Einspielung insbesondere in der Ouvertüre einen besonders kräftigen Bass verleiht. Vorantreibende Impulse spendiert auch das kräftig in Szene gesetzte Schlagzeug. Wenn eine E-Gitarre dabei ist klingt der erste Satz oft besonders „funky“. Peter Bruns spielt sehr kraftvoll und sehr engagiert mit dem Feeling eines echten Jazzers, die lyrischen Passagen schmelzend ohne zu viel Vibrato. Diese werden im Tempo meist eine Kleinigkeit verlangsamt.

In der Idylle kann man besonders gut hören, dass auch das Sächsische Blasorchester die Tugenden des guten Klangs der Holzblasinstrumente hochhält. Es muss also nicht immer nur Blech sein. Der Ländler erklingt in der Relation zum Idyll recht zügig. Das ausgesprochen klangschön schwelgende Cello versüßt den Satz zusätzlich.

In der Cadenza wird das Cello groß und plastisch abgebildet. Sie wirkt durchweg klangschön und spannend. In der ersten Improvisation gibt es vor allem Arpeggien und Glissandi zu hören. An die Anweisungen Guldas der da 1980 eigene Vorstellungen, wie die Improvisation klingen könnte notiert hat, hält sich Herr Bruns nicht so sehr. Eine Improvisation sollte ja auch eigentlich ein freies Betätigungsfeld für den Solisten sein. In der zweiten Improvisation gibt es Flageoletts in vielen Variationen, langweilig wird es nicht, sondern als stimmig empfunden.

Das Menuett ist ja das kürzeste Sätzchen, bei dem neben dem Cello vor allem die Flöte noch richtig brillieren darf. Das macht sie auch auf sehr klangschöne Art und Weise. Bruns ist mit einer tollen flautando quasi Flageolett-Passage zur Stelle. Sehr einschmeichelnd gelingt der ganze Satz mit echtem Ohrwurmcharakter.

Das Finale alle marcia wirkt locker und frei, es lässt das Cello schlank und virtuos hören. Das sächsische Blech wirkt sonor und stramm, genau richtig für diesen zumeist folkloristisch geprägten Satz. Das Holz könnte etwas besser herauskommen. Es wird zudem vom munter aufspielenden Cello überdeckt. Wunderbar pointiert und brillant wirkt das gesamte Ensemble. Besonders spannend und ein wenig bedrohlich wirkt das aufziehende Sommer-Gewitter, denn der Bass klingt hier besonders kräftig und die Dynamik ist ausgezeichnet. Da sollte man eigentlich nur noch schmunzelnde bis lachende Gesichter sehen.

Die Produktion aus Sachsen klingt viel brillanter als die aus dem norwegischen Bergen, Sie klingt offen, sehr dynamisch, farbig, voll, sonor, satt, knackig, sonor und warm und sie verfügt über eine gut verfolgbare Basslinie. Das Instrumentarium ist sehr gut gestaffelt zu hören, die Ortbarkeit punktgenau. Der Klang wirkt körperhaft.

 

 

5

Yves Savary

Johann Mösenbichler

Musikkorps der Bayerischen Polizei (heute: Polizeiorchester Bayern)

Bauer Studios

2006

5:00  8:01  6:24  3:40  7:01  30:06

Yves Savary war Student bei Heinrich Schiff und André Navarra, Franco Rossi, Zara Nelsova und Paul Tortelier. Er spielt seit seinem 22. Lebensjahr eines der drei Solocelli im Bayerischen Staatsorchester. Einen weiteren Solocellisten dieses Orchesters haben wir bereits ganz oben mit Jakob Spahn kennengelernt. Das Bayerische Polizeiorchester besteht heute aus 45 Profi-Musikern, die alle einen Hochschulabschluss mitbringen. Seit 2022 ist es Teil der Bayerischen Orchesterakademie. Man spielt vornehmlich Benefizkonzerte und zu Repräsentationszwecken. Und aus Imagegründen: „Die Polizei, dein Freund und Helfer.“ Johann Mösenbichler wurde 2006 Chefdirigent des Polizeiorchesters Bayern, seit 2018 ist er sogar GMD der Bayerischen Polizei. Zudem ist er vornehmlich pädagogisch in Linz und an der Universität für darstellende Künste Wien tätig. Aufgenommen wurde im Probensaal des Musikkorps I, BPA in München.

Bei Yves Savary erscheint der expressive „Druck“, den Schiff in seiner Aufnahme nicht nur in der Ouvertüre erzeugt deutlich reduziert. Es wirkt deutlich weniger wild. Er geht nie an die Belastungsgrenze seines Instruments, was man bei Schiff schon annehmen muss. Sein Ton wirkt weicher, fülliger und sonorer. Sei Cello klingt sehr farbenreich und der Klang kann sich locker entfalten. Eine E-Gitarre ist hörbar mit von der Partie, zwar etwas zurückhaltend, aber sie kann durchaus etwas „Funk-Flair“ verbreiten. Schau mal einer an: Die Bayerische Polizei!

In der Idylle ist das Orchester voll in seinem Element. Es verbreitet unter seinem österreichischen Dirigenten „Alpenfeeling“ pur. Da riecht man geradezu noch die Wiesenkräuter von der frisch gemähten Weide. Das Holz lässt im Ländler hervorragenden Klang hören, es könnte genauso gut in einem der großen Münchner Sinfonieorchester spielen. Klanglich hören wir eine der schönsten Idyllen überhaupt, wobei Monsieur Sayary natürlich großen Anteil daran hat, denn sein Cello klingt voll, sonor und weich wie allenfalls noch das seines Lehrers Heinrich Schiff, das Edgar Moreaus, Gauthier Capuçons oder Jakob Spahns.

Auch in der Cadenza bestätigt sich der Eindruck, dass das Instrument von Monsieur Savary ein besonders edles sein muss. Die Cadenza klingt durchweg voll und sonor und auch in der wie von Gulda gewünscht kurz gehaltenen ersten Improvisation (Gulda schlug 30-60 Sekunden dafür vor) werden die Ohren nicht gequält, die Spannung jedoch sehr wohl gehalten. Man meint, dass man in dieser Aufnahme sogar den dunkelsten Celloton überhaupt zu hören bekommt. Die zweite Improvisation, die Flageolett-Improvisation, ebenfalls kurz und prägnant gehalten, lässt bisweilen an eine Flöte (dann doch wohl an die „Zauberflöte“) denken. Die Dynamik wird breit ausgelotet, nur gegen Ende der Cadenza fällt, zumindest in unseren Ohren, die Spannung, nicht aber die Klangschönheit, etwas ab.

Das Menuett, schön höfisch und zeremoniell gehalten, erhält zum Kontrast dazu ein flott angestimmtes Trio. Das von Monsieur Savary angestimmte flautando quasi Flageolett darf man als eines der klangschönsten überhaupt bezeichnen. Da spielt ein begabter Klangzauberer mit besonderen Stärken im p-Spiel. Mit ihm und den Musikern in Bayerischer Polizeiuniform lässt man sich gerne in den Orient Andalusiens der Renaissance- oder Barockzeit entführen.

Das Finale alla marcia könnte noch etwas fetziger klingen, man bemüht sich hörbar um Klangkultur, damit die Volksfeststimmung nicht allzu sehr überhandnimmt. Natürlich muss die Polizei dafür sorgen, dass die Stimmung nicht in überbordenede Randale überschwappt. Leider wirkt ausgerechnet im letzten Satz das Klangbild bassschwach und die Dynamik reduziert. Das betrifft nur die Band, nicht das Cello. Auch wenn das Tempo etwas relaxter bleibt, wirkt das Spiel jederzeit pointiert.

Generell wirkt der Klang der Aufnahme sehr dynamisch, klar, vorzüglich gestaffelt, voll und farbig. Er wirkt sehr gut ausbalanciert. Da triumphiert weder das Cello über das Orchester noch das Orchester über das Cello. Der Klang des Cellos ist ganz exzellent eingefangen worden. Eine Aufnahme, wie für den Klang-Gourmet gemacht. Nur der letzte Satz fällt etwas ab.

 

 

5

Martin Ostertag

Klaus Arp

SWR-Rundfunkorchester Kaiserslautern

Amati

1993

4:49  7:43  7:53  3:45  7:00  31:10

Martin Ostertag war 1. Solocellist der Düsseldorfer Symphoniker, des Amati Ensembles Berlin, des Orchesters der Deutschen Oper Berlin und schließlich ab 1974 des SWR-Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg. Seit 1980 unterrichtete es an der Musikhochschule Karlsruhe. Er spielt ein Cello von Guarneri. Kraus Arp (1950-2016) war 1987-1995 Chefdirigent des Rundfunkorchesters Kaiserslautern und 1992-2011 Leiter der Villa Musica Rheinland-Pfalz. Die Aufnahme entstand im Sendesaal in Kaiserslautern. Vom besonders biederen Design der CD sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn die darauf gespeicherte Musik „hat es voll drauf“. Musikalisch und klangtechnisch.

Das Cellospiel wirkt vom Beginn der Ouvertüre an sehr sauber, sehr inspiriert und engagiert. Der Klang des Cellos erscheint voll und reich. Durchaus mitreißend, auch wenn Heinrich Schiff 1981 noch mehr kraftvollen Drang in einige Passagen einbringen konnte. Das Blech spielt pointiert und knackig. Da steckt viel Swing drin.

Das Blech (2 Hörner, Posaune und Tuba) sorgt in der Idylle für intensives Alpenfeeling, erhaben und bodenständig zugleich. Ostertag trägt ordentlich auf spielt klangstark und ausdrucksvoll. Die Ländler-Weise erklingt fast ein wenig hurtig. Da fehlen nur noch ein paar Jodler und das Klischee wäre vollständig. Klanglich zeigt sich das Holz gut in Schuss, die Oboe klingt allerdings weniger zart wie gewünscht, sondern eher krachledern, was ja immerhin ebenfalls noch ganz gut passen würde.

Die Cadenza zeigt das Cello, wie in anderen Aufnahmen bereits gehört in Großaufnahme. Ostertag selbst spielt exzellent, sehr partiturgenau, was die notierten Passagen der Kadenz anlangt und mit einer weiten Dynamik. Die erste Improvisation verbleibt im von Gulda gesetzten Rahmen, wirkt frei und virtuos, zeigt viel von den Fähigkeiten des Solisten (was ja einer der Hauptzwecke einer Kadenz ist). Dennoch hat man nicht den Eindruck, dass sich Herr Ostertag allzu sehr in den Vordergrund stellen würde. Die zweite „Flageolett-Improvisation“ bleibt eng beim vorgegebenen Thema. Vielleicht ist sie ein wenig zu lang geraten. Insgesamt wirkt die Cadenza ausdrucksvoll und warmherzig gespielt.

Das Menuett erklingt kraftvoller als sonst und ein wenig im tänzerischen Schwung gesteigert.  Auch nicht so zart und filigran wie sonst, aber auch alles andere als grob. Die Flöte klingt sehr schön. Gerade nach der Cadenza fühlen wir uns im immer noch introvertierten, melancholisch oder nostalgisch angehauchten Menuett vollkommen in eine andere Zeit versetzt.

Locker und beschwingt bietet das Finale alla marcia gute Laune pur. Es wird nichtsdestotrotz sehr sauber musiziert Da man das Tempo nicht voll ausreizt, bleibt viel Raum für ein charmantes, warmherziges Gefühl. Das Blech zeigt sich nichtsdestotrotz in Hochform. Beim nahenden Sommergewitter hört man tatsächlich mal ein echtes ff. Der Satz gelingt besonders atmosphärisch und spannend.

Das sehr präsent klingende Cello wird groß und deutlich vor das Ensemble gestellt. Trotzdem erscheint die Balance gewahrt. Die Tiefenstaffelung ist zwar weniger ausgeprägt, aber hohe Transparenz bleibt bestehen. Leider gibt es auch in dieser Einspielung keinen E-Bass. Da hat Gulda selbst mit seiner Ureinspielung einen „fatalen“ Trend selbst gesetzt. Insgesamt klingt die Kaiserlauterer Einspielung voller als die Guldas. Wir hören einen typischen, aber summa summarum gelungenen Studiosound, nicht gerade großräumig, aber präsent, dynamisch und musikalisch anspringend.

 

 

 

4-5

Friedrich Kleinhapl

Sigi Feigl

Jazz Big Band Graz

Ars

2000

5:06  7:53  6:22  3:44  7:02  30:07

Friedrich Kleinhapl ist bisher der einzige Cellist, der das Cellokonzert Guldas zwei Mal für physischen Tonträger eingespielt hat. Wenn man dazu noch die Datenträger auf YouTube oder beim Rundfunk dazuzählen würde, dann kämen noch einige weitere „Mehrfachtäter“ hinzu, z.B. Gauthier Capuçon oder auch Anastasia Kobekina. Sigi Feigl ist österreichischer Klarinettist und Bandleader. Er leitete die Jazz Big Band Graz 1990-2003. Er unterrichtet auch an der Universität für darstellende Kunst in Wien. 2016 gründete er das Jazzorchester Steiermark.

Viele werden vielleicht die zweite Einspielung von 2019 bevorzugen, weil das Spiel Kleinhapls etwas wilder, stürmischer und freier wirkt als 2000, aber zum einen wirkt sein Spiel 2000 sauberer und zum anderen wirkt die Grazer Jazz Big Band ein wenig munterer als der Wiener Concert-Verein, sodass wir da eher eine Pattsituation sehen.

Außerdem ist in der Ouvertüre der Zugriff bereits im Jahr 2000 schon recht kraftvoll, teils sogar stürmisch nur ist Herr Kleinhapl zudem noch mehr darauf erpicht exakt zu spielen. Da sitzt jedes Tönchen. Man mag den jazzigen Groove vielleicht ein wenig vermissen, aber dafür hat Herr Kleinhapl ja dann die zweite Einspielung gebracht. Übrigens spielt die Grazer Band ohne funky E-Gitarre, was in dem Fall besonders wundert.

Dass Graz zwar in der Steiermark liegt, aber zumindest mal geographisch nicht so sehr weit vom Salzkammergut entfernt ist, hören wir in der Idylle. Das Blech klingt im Zusammenklang fast wie ein Alphorn, nur hätte die Technik, um diesen Effekt zu steigern, etwas Hall zugeben können, um sich vollkommen auf einem Gipfel bei Sonnenschein zu wähnen. Allerdings, das können wir nicht verschweigen, in Sachsen klang es noch sonorer und voller. Dafür wirkt hier in Graz die Oboe im Ländler richtig keck. Das Cello klingt klar, schlank und vibratoarm und bietet so einen starken Kontrast zum warm-weichen Blech. Wir konnten den Satz schon einschmeichelnder hören, die Grazer Spielart überzeugt jedoch ebenfalls.

Eigenwillig und frei artikuliert Herr Kleinhapl im komponierten Bereich der Cadenza. Insgesamt klingt es jedoch deutlich weniger wild als bei Heinrich Schiff. Auch in der ersten Improvisation hält sich der Cellist nicht lange mit Guldas Anweisungen auf, er übt sich im raffinierten Tremolo und rasanten Arpeggien. Interessant, abwechslungsreich und weitschweifig. Wir empfanden diese Improvisation als spannend und trotz aller Eskapaden in entlegene Gebiete als tonschön. Die Flageolett-Improvisation wirkt dagegen weniger spektakulär und deutlich geraffter als die erste. Der Cellist wirkt in der Cadenza deutlich freier als in den Sätzen zuvor.

Im Menuett spielt er und die Band dann wieder streng, wie es sich wohl bei einem Barockmeister gehören würde. Da sieht man vor dem inneren Auge, wie sich die Paare mit Rüschen und Perücken bekleidet im Kreis drehen. Kleinhapls poco flautando quasi flageolett ist dann besonders zart und schön gelungen.

Besonderes Kennzeichen beim Finale alla marcia ist der trotz Plunger kräftigste Trompetensound aller Aufnahmen! Das verstärkt das Gefahrenmoment beim herannahen der Gewitterfront ungemein. Danach herrscht dann wieder eitel Sonnenschein und es kann ausgelassen weiter gefeiert werden.

In dieser Aufnahme wird das Cello plastisch-körperhaft und sehr groß abgebildet. Der Klang aus dem Studio wirkt sehr präzise, aber auch etwas trocken. Leider gibt die Aufnahme nur wenig Bass her, die E-Gitarre fehlt leider ganz.

 

 

4-5

Friedrich Kleinhapl

Rudolf Piehlmayer

Wiener Concert-Verein

Ars

2019

5:00  7:22  5:57  3:39  6:54  28:52

In der zweiten Einspielung steht Friedrich Kleinhapl nun der Wiener Concert-Verein zur Seite, der Kammerorchester-Ableger der Wiener Symphoniker. Herr Piehlmayer war 2002-2009 GMD in Augsburg, seit 2022 ist er Leiter des Gebirgsmusikkorps der Bundeswehr (als Reservist).

Wie bereits zuvor erwähnt wirkt Kleinhapls Vortrag ist seiner zweiten Einspielung bereits in der Ouvertüre freier und noch ungehemmter, er geht jetzt mehr Risiken ein. Die Band wirkt nun „klassischer“ in der Ausrichtung als die Grazer Jazz-Band. Leider kommt das Schlagzeug nun im direkten Vergleich mit der Grazer Band nur noch unzureichend zur Geltung.

In der Idylle klingen die Oboen weich und noch ein wenig mit der nasalen Klangfarbe der Wiener Oboe ausgestattet. Leider wirkt das Holz im Ländler recht weit entfernt. Da wäre eine höhere Präsenz wünschenswert.

In der Cadenza zeigt sich der Cellist noch etwas freier als 2000, was den notierten Bereich anlangt. Die erste Improvisation wirkt nun erheblich kongruenter mit den Vorschlägen Guldas. Das Tremolo bildet erneut eine Basis, die exzessive Steigerung in der Lautstärke hatte sich Gulda ebenfalls gewünscht. Insgesamt wirkt dieser Teil kürzer und knackiger. Die Flageoletts-Improvisation gleicht der Version von 2000.

Das Menuett klingt nun sehr zart und klanglich exquisit, da merkt man den „klassischen Ursprung“ der Orchestermusiker..

Das Finale alla marcia erklingt teils rasant. Erneut mit einer sehr gelungenen „Gewittermusik“, es verzieht sich allerdings wieder, bevor es richtig loslegen kann, was sich sicher als günstig für die Volksfeststimmung erweist. Hier kommen jetzt auch Blech und Schlagzeug besser zur Geltung, im übrigen Konzert wirken sie manchmal wie „abgedimmt“. Jetzt lassen die Wiener Bläser aber „die Sau raus“. Entschuldigung für den Kraftausdruck.

Gegenüber der Aufnahme von 2000 klingt es nun räumlicher. Statt deutlicher Trockenheit gibt es jetzt mehr Luft um die einzelnen Instrumente. Es klingt körperhafter und besser gestaffelt. Die Band wirkt eigentlich so etwas stärker abgemischt als 2000, ohne dass das Cello benachteiligt werden würde. Nur das Holz und teilweise auch das Schlagzeug wirken zu hintergründig, es sei denn, es stehen Soli an. Das erscheint uns als echtes Handicap.

 

 

4-5

Nicolas Altstaedt

Alexander Joel

Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Ludwigshafen

Claves

2008

4:50  7:28  8:30  3:28  6:15  30:41

Nicolas Altstaedt absolvierte an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin bei Boris Pergamenschtschikow und Eberhard Feltz. Seit 2012 ist Altstaedt künstlerischer Leiter des Kammermusikfestes Lockenhaus und seit 2015 künstlerischer Leiter der Haydn-Philharmonie, das seine Residenz auf Schloss Esterhazy hat (und von Adam Fischer gegründet wurde). Seit 2016 lehrt er als Professor für Cello an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler. Alexander Joel (Halbbruder von Billy Joel) war zur Zeit der Einspielung Generalmusikdirektors des Staatstheaters Braunschweig und Chefdirigent des Staatsorchesters Braunschweig, Stellungen, die er bis 2014 innehatte.

In der Ouvertüre überrascht zunächst der etwas nasale Klang des Cellos. Nicolas Altstaedt lässt auch mal einen leicht schrägen Ton stehen, ob der Treffsicherheit wegen oder der jazzigen Wirkung wollen wir mal offenlassen. Es passt jedenfalls und der teils etwas raue Ton ist, so scheint es, auf den direkten Zugriff zurückzuführen, der ebenfalls nicht unpassend erscheint. Heinrich Schiff hat ihn ja in seiner Ur-Aufnahme vorgelebt. Das Bläserensemble zeigt sich von seiner pfiffigen Seite, erneut hören wir keine E-Gitarre. Es kommt in dieser Einspielung zu einem besonders starken Kontrast zwischen den Passagen voller kinetischer Energie und den von lyrischer Kantabilität geprägten.

In der Idylle wirkt der Ton nun deutlich sanfter, allerdings weniger voll und sonor als bei Schiff, Moreau oder Kobekina. Herrn Altstaedt Spiel wirkt nun sehr detailgenau. Das Holz erklingt beim Ländler beschwingt, ja keck und klanglich tadellos. Man merkt, dass man nun wieder bei Philharmonikern zu Gast ist. Dem Cello hätte eine leicht baritonale Färbung gutgetan, denn so tut es sich schwer einen richtig großen Ton hervorzubringen. Der Ausdruck wirkt nobel und kontrastiert stark zum Ländler.

Die Cadenza wird sehr frei und ausdrucksvoll vorgetragen. Erneut wirkt das Cello gegenüber den beiden Sätzen zuvor etwas vergrößert. Die erste Improvisation lässt stolzes, spanisches Flair hören, erscheint weniger abstrakt als bei anderen und wird als ein Höhenflug dargestellt und empfunden. Man findet sich jedoch bald in den Niederungen des Tango-Rhythmus der auskomponierten Kadenz wieder. Die „Flageolett-Improvisation“ gelingt besonders pfiffig, denn plötzlich meldet sich die Titelmelodie der Fernsehserie „Pippi Langstrumpf“. Durchweg hält sich Altstaedt nun in leisen Bereichen auf, ganz wie es Gulda vorschlug. Nur dass sich zum Schluss der Improvisation dann noch ganz leise „Big Ben“ grüßt, hätte wohl auch Friedrich Gulda überrascht. In der Folge holt der Cellist alles aus seinem Cello raus, was es herzugeben vermag an Dynamik und Valeurs, die Noten stammen nun wieder von Gulda.

Das Menuett wirkt im Gegensatz nun entspannt und locker, aber auf höfisch und auch ein wenig kokett. Es erinnert uns mit seinem spanisch, arabischen Einschlag ein wenig an die Gitarren-Konzerte Rodrigos. Flöte und Oboen machen einen sehr guten Job, spielen die einfach gestrickten Weisen differenziert und besonders klangschön. Das Cello sowieso.

Das Finale alla marcia wirkt aufgedreht, ein bisschen gedrungen, als ob es nun vor allem auf „Speed“ ankommt. Das Cello sorgt für die Musikalität, es bleibt locker trotz des geschärften Tempos und viel beschwingter als im ersten Satz und viel freier und souveräner. Die Gewitterstimmung gelingt ihm und dem Ensemble sehr spannend und besonders virtuos, aber doch eher auf filigrane Weise als lauthals burschikos und saftig. Andererseits mangelt es nicht an Schmelz und Schmalz.

Das Klangbild wirkt philharmonisch breit und tief. Der Klang schwebt schön im Raum. Das Cello erscheint wie im Ensemble eingebettet, nicht übermäßig vergrößert, wie man es in der Aufnahme mit Moreau hört. Es klingt jedoch jederzeit sehr deutlich, was genauso für das Ensemble gilt. Es gibt relativ wenig Bass zu hören, was den E-Bass noch deutlicher vakant werden lässt. Die Aufnahme könnte etwas dynamischer klingen. Sie wirkt detailreich.

 

 

4-5

Min-Ji Kim

Young Yul Kim

The Winds

Min-Ji Kim (Eigenvertrieb)

2020

5:04  7:54  8:36  3:50  6:40  32:04

Min-Ji Kim arbeitete mit Sol Gabetta in Basel und studierte bei Ivan Monighetti in Sofia. 2020-21 war sie bereits bei Meister-Studien in Kronberg. Abschließend absolvierte sie noch Professional Studies bei Wolfgang Emanuel Schmidt ebenfalls an der Kronberg Academy.

Die Cellistin hört man in der Ouvertüre technisch makellos und mit vollem, meist saftigem Klang, nicht ganz mit der Emphase und der Intensität eines Schiff oder Moreau. Die Band spielt gut und klingt klar und sauber, der lockere Swing geht ihr jedoch ein klein wenig ab, genau wie der jazzige Biss. Leider vermisst man auch bei dieser Einspielung eine ordentliche Funk-Gitarre.

Falls es sich bei Orchester um ein Studentenorchester handeln sollte, so darf man sich über das ausgezeichnet klingende Holz in der Idylle freuen. Das Cello hat Schmelz, übertreibt es aber nicht damit. Noch genießt der Vortrag nicht die „Freiheit“ der allerbesten, da fehlt noch ein kleiner Schuss Rubato.

In der Cadenza wird der ausgeschriebene Notentext von dem klangvollen Cello makellos ausgeführt. Die erste Improvisation wird genau nach den Richtlinien Guldas ausgeführt. Obwohl ein breites dynamisches Spektrum bedient wird wirkt sie auf uns weniger aufregend. Die „Flageolett-Improvisation“ wird sehr kurzgehalten, daher gibt es auch keinen Spannungsverlust. Schiff spielte die Kadenz als Ganzes viel zerklüfteter und wie unter Hochdruck. Bei der Koreanerin wirkt sie zwar auch nicht gerade entspannt und sie wirkt technisch auch keineswegs bemüht, aber doch fehlt es im Vergleich an Ausdruck. Es werden zwar spannende Momente geboten, aber keine Hochspannung von A-Z.

Das Menuett darf man als den Höhepunkt dieser Einspielung ansehen. Schöner geht es eigentlich nicht. Da kann die Cellistin zeigen, was für einen schönen kantablen Ton sie uns offerieren kann und auch das Holz brilliert, vor allem (wieder einmal) die Flöte. Der ganze Satz wirkt höfisch und wohlgeordnet, sehr zurückhaltend, aber doch farbig und eindringlich.

Das Finale alla marcia klingt ausgelassen und fidel. Es wird mit Schwung makellos ausgeführt. An Differenzierung mangelt es eigentlich nicht. Die Gewitterstimmung muss ohne ff-Blech auskommen. Danach geht es noch spürbar angetriebener, man möchte fast sagen „brüllend“ humoristisch zu mit ordentlich Tempo und viel Drive. Leider hat man das Schlagwerk zu zurückhaltend aufgenommen, sonst hätte man noch stärker am „Jubel-Entertainment“ teilhaben können.

Der Klang wirkt dynamisch, voll und offen, farbig, weich, transparent und differenziert. Ohne die Härte der Schiff/Gulda-Aufnahme von 1981 ist sie sehr angenehm zu hören. Die Band wirkt ein wenig zurückgesetzt, das Cello immer deutlich, aber nicht überproportioniert abgebildet. Das hätte bei einer Eigenproduktion der Cellistin auch anders ausgehen können. Der Bass wie auch das Schlagzeug könnte jedoch etwas profilierter herauskommen. Die Aufnahme hat sich das Prädikat ausgewogen oder gut ausbalanciert immer noch verdient.

 

 

 

4

Ernst Simon Glaser

Peter Szilvay

Norwegian Navy Band

Aurora Records

2011

4:56  7:52  7:08  4:02  7:09  31:07

Ernst Simon Glaser war Student bei Raph Kirshbaum. Zunächst wurde er stellvertretender Solocellist im Trondheimer Sinfonieorchester, 2001-2011 im Norwegischen Opernorchester in Oslo, derzeit ist er Solocellist bei den Göteborger Symphonikern. Er spielt ein Cello von Ruggeri von 1680.

In der Ouvertüre geht es recht leicht und locker zu. Sowohl der Cellist als auch die Band spielen tonschön und differenziert, Der Klang des Cellos wirkt dabei weniger durchdringend und die Emphase und die traumwandlerische Sicherheit eines Moreau oder Capuçon oder die draufgängerische Kraft eines Heinrich Schiff erreicht Herr Glaser dabei nicht. Die lyrischen Passagen scheinen etwas an Spannung zu verlieren. In dieser Darbietung scheinen die einzelnen Formteile des Werkes mehr auseinanderzufallen als in den vorgenannten Top-Einspielungen.

In der Idylle wirkt der Klang des Cellos weniger „tiefgründig“ als bei den drei vorgenannten Berufskollegen, auch schmaler und weniger warm. An Vibrato fehlt es nicht. Das Holz der Navy Band ist von guter Qualität aber leider wird der Länder von der Klangtechnik etwas nach hinten verschoben, sodass es ihm an der rechten Präsenz mangelt, dennoch wirkt der Satz bestimmungsgemäß wunderbar idyllisch.

In der Cadenza wirkt das Spiel nicht ganz so kontrastreich in Dynamik und Artikulation als bei den vorgenannten. Herr Glaser geht weniger den leidenschaftlichen als den sanftmütigen Weg. Die erste Improvisation besteht vornehmlich aus Tonleitern und Tremolos, auch aus Teilen der komponierten Kadenz. Das wird wohl exakt gespielt, wirkt im Gestus jedoch vergleichsweise müde und erschöpft. Bei der zweiten Improvisation kommt ebenfalls wenig Spannung auf aber durch die gewählte hohe Lage bei den Flageoletts fühlt man sich fast wie bei einem Spaziergang auf einem weit entfernten Planeten, mit sehr wenig Anziehungskraft.

Im Menuett hören wir einen kräftigen Akustikbass und jetzt klingt das Cello sehr voll und schön. Insgesamt wirkt der Satz beschaulich und eher wenig überraschend.

Im Finale alla marcia kommt der Bass des Orchesters richtig zum Zuge, was dem Satz sehr gut bekommt. Er wirkt wohlgelaunt und sehr frisch. Wir hören ein sehr pointenreiches Spiel vor allem beim Blech, das nun ebenfalls, wie der Bass schön kräftig zum Zuge kommt und ganz schön frech wirkt.

Der Klang der Einspielung lässt das Cello im ersten Satz noch deutlich im Ensemble klingen, später wirkt es hingegen vor das Ensemble gestellt. Die Aufnahme wirkt sehr räumlich und transparent, gut gestaffelt, weich und abgerundet. An der Präsenz mangelt es hingegen etwas, sodass vor allem die Navy Band eher dezent wirkt. So fehlt vor allem dem Blech die nötige Strahlkraft, die bei diesem Stück nicht unerheblich zum Erfolg der ganzen Unternehmung beiträgt.

 

 

4

Mischa Meyer

Peter Lehel

Bigband der HfM Karlsruhe

Fine Tone

2020, live

4:57  7:01  5:19  3:34  6:06  26:57

Mischa Meyer war Student unter anderen bei Martin Ostertag und ist seit 2007 Solocellist beim Deutschen Sinfonieorchester Berlin. Peter Lehel ist ein deutscher Jazzmusiker (Saxophon), Komponist und Dozent für Jazz, Harmonielehre und Improvisation an der HfM Karlsruhe.

Wir hören in der Ouvertüre einen technisch makellos ausgeführten Cellopart. Der Sound der Bigband erscheint leider aufnahmetechnisch bedingt weniger differenziert. Es wird aber mit Schwung und Biss musiziert. Die dynamischen Attacken vom Blech werden leider kaum spürbar. Als einen Nachteil empfindet man hier besonders, dass man von der E-Gitarre nichts hört. So fehlt der stimmungsvolle und vorantreibende Funk-Unterbau, der in den Einspielungen, die ihn berücksichtigen, der Musik ein wunderbar flippiges Gefühl verleiht. Zumindest einmal für die eingefleischten Klassik-Hörer.

In der Idylle wirkt das Cello erheblich plastischer als im Satz zuvor, auch besser von der Bigband abgesetzt. Im schwelgerisch genommenen Ländler zeigt das Holz seine bereits gute Qualität. Dem Blech geht dagegen der Glanz noch ein wenig ab, was jedoch genauso gut aufnahmetechnisch bedingt sein kann. Das Cello klingt in den lyrischen Passagen sehr ausdrucksvoll, es kann sich jedoch klanglich nicht ganz mit den Einspielungen von Schiff, Moreau, Kobekina oder Capuçon messen. Man wird an der Hochschule nicht über das allerfeinste Aufnahmeequipment verfügen können.

Die Cadenza haben wir weniger spannungsreich gehört. Die erste Improvisation klingt sehr frei und wird kurz und prägnant gehalten. In der Flageolett-Improvisation verliert man ebenfalls nicht den Überblick, sie führt uns in ätherische Höhen. Wie sagt man doch so schön: „In der Kürze liegt die Würze“.

Das Menuett spielt seine Trumpfkarte hingegen voll aus. Nach der Kadenz vermittelt dieser Satz Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit durch Ordnung und Wärme (alleine schon, dass man sich in die Renaissance oder Barockzeit und nach Spanien versetzt fühlt). Leider werden Flöte und Oboen hier sehr dicht aufgenommen, sodass wir mit einem trockenen Klang vorliebnehmen müssen.

Das Finale alla marcia wirkt sehr geschwind, nicht gehetzt, aber doch ungemein „aufgedreht“. Da können alle Beteiligten ihre brillante Virtuosität zeigen. Allen voran natürlich der Cellist. Die Sequenz des sich ankündigenden Sommergewitters wirkt aufnahmetechnisch viel zu gebremst. Nichtsdestotrotz tritt man dann das Gaspedal wieder voll durch, sodass „die Post voll abgeht“. Super! Großer Jubel in der Konzerthalle der Hochschule.

Klanglich wirkt die Aufnahme etwas verhangen und nicht sonderlich transparent. Das Cello hebt sich zumeist gut ab. Insgesamt wirkt der Klang wenig körperhaft und dem Ensemble wird so gut wie gar keine Tiefenstaffelung verliehen. Dynamisch erscheint die Aufnahme stark nivelliert, sie hat wenig Glanz, wenig Bass und wenig Volumen. Klangtechnisch werden so leider nicht alle Möglichkeiten, die die Darbietung musikalisch böte, ins rechte Licht gerückt oder gar gefördert.

 

 

 

3-4

Jean Decroos

Salvador Brotons

Ensemble Barcelona

barcelona ad libitum

2004

4:58  6:52  8:08  3:27  6:43  30:08

Jean Decroos (1932-2008) war über 30 Jahre Solocellist beim Concertgebouw Orchester Amsterdam. Salvador Brotos war 1977-85 Flötist beim Orchester des Gran Teatre del Liceu. Das ist die Oper in Barcelona. Derzeit leitet er die Banda Municipal di Barcelona und seit 1991 ununterbrochen bis heute das Vancouver Symphony Orchestra (damit gemeint ist allerdings nicht das Vancouver in Kanada, sondern das in den USA). Herr Brotons ist auch als Komponist „zugänglicher“ Musik erfolgreich.

In der Ouvertüre stellt sich das Cello sogleich knackig und präsent vor. Es klingt im Verlauf weniger sonor und technisch wirkt der Vortrag nicht so souverän wir bei Moreau, Schiff, Capuçon oder Kobekina. Einen ähnlichen hellen Celloklang hörte man auch bei Maurice Gendron und bei anderen französischen Cello-Virtuosen aus der Generation Decroos´. Der Cellist war zur Zeit der Einspielung bereits 72 Jahre alt. Er hängt sich jedoch voll rein und wo gehobelt wird, da fallen Späne. Eine E-Gitarre ist auch bei dieser Einspielung nicht mit von der Partie. Jedenfalls konnten wir keine hören.

Die Idylle erklingt zügig und infolgedessen weniger weihevoll wie in einigen anderen Einspielungen. Barcelona liegt den Alpen des Salzkammerguts zwar nicht sehr nah, aber trotzdem weiß man, wie es zu klingen hat. Die Soli des Holzes im Ländler klingen sehr laut, sehr präsent und sehr zügig, lange nicht so klangschön wie bei den Kolleg/innen in München, Sachsen, Hannover oder Ludwigshafen. Die Intonation und die (nasale) Klangqualität beim Cello erscheint nicht ganz so klangschön, aber vielleicht doch in dem multikulturellen Ambiente authentisch. Es muss ja nicht immer sofort nach einem „klassisch-gepflegten“ Celloklang klingen. Das macht sich nicht nur bei den kantablen, sondern auch bei den schnellen, von kinetischer Energie geprägten Passagen bemerkbar.

In der Cadenza geht es dynamisch nur wenig nuancenreich zu, d.h. es gibt kaum Unterschiede in der Lautstärke. Nicht zuletzt daher geht von dem Spiel wenig Spannung aus. Die erste Improvisation wirkt teils recht konventionell, teils von der Harmonik her ziemlich schräg. Die Flageolett-Improvisation wirkt kunstvoller, aber ebenfalls schräg. Die beiden Improvisationen passen also besser zur komponierten Kadenz als zu den übrigen Sätzen des Konzerts. In tiefer Lage klingt Decroos´ Cello besser als in den höheren.

Das Finale alla marcia wirkt beim Cello weniger brillant als robust, da fehlt es ein wenig an der Leichtigkeit. Allerdings legt die Band ein mehr als zügiges Tempo vor. Das wirkt durchaus pointiert und ausgelassen.

Die Aufnahme lässt das Cello enorm dicht mikrophoniert und präsent klingen. Das kommt seinem Klang nicht gerade entgegen. Das Ensemble wirkt leicht nach hinten versetzt. In diesem Fall wirkt das künstlich. Man könnte auf den (abwegigen) Gedanken kommen, dass man in zwei Räumen (oder zu verschiedenen Zeiten) aufgenommen haben könnte. Das Holz würde dann evtl. in einem trockenen Raum gemeinsam mit dem Cello spielen. Das Blech in einem größeren Raum. Der Akustik-Bass kommt gut ins Bild, Schlagzeug und manchmal auch das Blech klingen knackig. Insgesamt könnte der Sound voller, sonorer und körperhafter klingen.

 

 

Diese Aufnahmen wurden vom Rundfunk gesendet und von uns aufgenommen oder von YouTube gestreamt, (nur eine Auswahl, denn bei YouTube gäbe es in Sachen „Gulda: Cellokonzert“ noch erheblich mehr Videos zu entdecken):

 

 

5

Bruno Weinmeister

Friedrich Gulda

NDR-Sinfonieorchester (heute: NDR-Elbphilharmonie Orchester)

NDR

1993, live

5:00  7:47  7:11  3:46  6:55  30:39

1993 gab es die Elbphilharmonie noch lange nicht, da übertrug der NDR seine Konzerte aus der Laeiszhalle, die heute vor allem von den Hamburger Symphonikern bespielt wird. Früher nannte man die Halle auch einfach „Musikhalle“, da konnte man sich immerhin die Schreibweise besser merken. Von je her wurde die Laeiszhalle jedoch nach dem Hamburger Reeder Carl Heinrich Laeisz benannt, der den Hamburgern die Mittel hinterließ, eine würdige Konzerthalle zu erbauen. Daher sollte man sich die Schreibweise einfach merken.

Bruno Weinmeister, von dem heute wahrscheinlich nur noch wenige Musikfreude Kenntnis haben dürften, war Student bei Heinrich Schiff in Basel und Salzburg, sowie bei Wolfgang Böttcher in Berlin. Er spielte in den Opernorchestern in Dresden und Zürich als Solocellist. Seit 2017 ist er Professor für Violoncello an der Uni für Musik und darstellende Kunst in Wien. Ein Ort der uns im Zusammenhang mit dem Cellokonzert Guldas nun schon häufiger begegnet ist. Als sich Schiff und Gulda entzweit hatten (siehe unser Werkhintergrund) könnte er damals Guldas erste Wahl für sein Konzert gewesen sein. Der Mitschnitt aus Hamburg hört sich jedenfalls nach allererster Wahl an. Bei der Aufnahme war Herr Weinmeister übrigens gerade einmal 21.

Die Band aus den Reihen des NDR-Sinfonieorchesters ist dieses Mal in der Ouvertüre sogar mit einer E-Gitarre ausgestattet, das hebt diese Aufnahme sogar über die Uraufnahme von 1981 hinaus. Und wie bei den beiden älteren Aufnahmen Guldas (aus Wien 1981 und München 1988) lässt Gulda Schlagwerk und Blech ordentlich nach vorne treiben. Da ist von Anfang an „Feuer unterm Dach“. Und die NDR-Band bringt den vollen, sonoren, dynamikreichen Klang aus dem Orchesteralltag mit. Damals war das Orchester noch von Günter Wand geprägt, wenngleich John Eliot Gardiner bereits Chefdirigent war. Es klingt längst nicht so spitz und „jazzy“ wie in Wien. Das Cello erklingt mit vollem, sonorem und flexiblem Klang. Der junge Cellist scheint dem Studentenverhältnis eigentlich bereits entwachsen. Es gibt nach dem Satz „Szenenapplaus“.

In der Idylle scheint er den Cellopart bewusst sentimental aufzuladen, während das Blech enorm sonor und tiefgründig klingt. Der Ländler erklingt ausgesprochen lebendig und klanglich herausragend. Da bleibt die Wiener Aufnahme zurück, aber das ist selbstverständlich Geschmacksache. Für Lacher sorgt auf offener Szene wahrscheinlich Gulda selbst. Entsprechende Clownerien oder Kapriolen kann man sich am Radio nur vorstellen. Er beteiligt sich in seinem Dirigat gerne mal mit einem gewissen „Unernst“, wie man im Münchner Videomitschnitt erkennen kann. Ähnlich wird es sich in Hamburg fünf Jahre später abgespielt haben. Dass er trotzdem hellwach dabei blieb muss man wohl annehmen, denn an Präzision im Zusammenspiel mangelt es nicht. Nur bei der Cadenza verschwand er bereits in München aus dem Bild und überließ dem Solisten die Bühne. Allerdings erscheint das hochkarätige Ensemble hier so verlässlich, dass es sicher auch ohne Herrn Gulda zurechtgekommen wäre. Dann vielleicht nicht so humorig und locker. Das Blech beeindruckt ebenfalls besonders durch Fülle und Substanz.

In der Cadenza gehört auch beim Radiomitschnitt die heimische Hör-Bühne komplett dem Cello, also über die ganze Breite und hinein in die Tiefe. In der Kadenz hört man, dass Herr Weinmeister Schüler von Heinrich Schiff war oder damals noch ist. Er geht sie ganz ähnlich an. Nicht ganz so saftig und hochemotional, aber doch sehr dynamisch und eindringlich. Die Improvisation klingt eingängig und ohne abgehobene Dissonanzen, sehr gefällig, jedoch ohne mit Melodien aufzuwarten. Die Flageolett-Improvisation erklingt kurz und prägnant. Spannend und mit einem gewissen eigenen Profil.

Das Menuett erscheint wie in einigen anderen Einspielungen auch als besonders gelungen. Zart, lieblich, höfisch, aber ohne lange Zöpfe oder Perücken. Prima.

Beim Finale alla marcia gibt man volle Pulle, ohne dass die Präzision darunter leiden würde. Sehr ausdrucksvoll wirken hier Cellist Weinmeister und die ganze Band. Das Gewitter-Szenario gelingt sehr dynamisch, der Bass kommt gut, das Blech spielt zum Niederknien, als würde Hamburg in den Alpen liegen und nicht an der Nordsee. Die NDRler zeigen sich hörbar enthusiasmiert. Man spielt sagenhaft druckvoll und mit drangvoller Musizierlust. Lacher gibt es auf offener Strecke, da weiß man, wer dafür verantwortlich war. Und Jubel gibt es schon während der Performance. Da war es ja doch gut, dass Dirigent Gulda zugegen war. Tosender Beifall und ein bis dahin nie gehörter Jubel in der Hamburger Laeiszhalle.

Der Klang zeigt sich auch heute noch, obwohl damals unser Equipment zur Aufnahme der Sendung noch recht bescheiden war, als weich, voll und abgerundet. Das Cello wirkt sehr prominent vor die Band gestellt, die entsprechend ein wenig im Hintergrund agiert, aber dennoch sehr präsent bleibt. An Dynamik und Durchschlagskraft fehlt es ihr nie. Die Transparenz ist noch weniger ausgeprägt als in Wien 1981, was wie erwähnt in erster Linie an unserem eigenen Equipment liegt.

 

 

5

Andreas Brantelid

Ivan Meylemans

National Danish Radio Symphony Orchestra

DR-YouTube

ca. 2012, live

4:53  7:40  7:42  3:52  6:30  30:37

Der bei der Einspielung mutmaßlich 25jährige Andreas Brantelid holte sich seinen letzten Schliff ebenfalls an der Kronberg Academy, damals noch bei Frans Helmerson 2008-2011. Er spielt die Stradivari „Boni-Hegar“ von 1707. Celli von Stradivari sind noch erheblich seltener als Violinen, denn davon wurden viel weniger hergestellt. In Deutschland scheint er nur wenig konzertiert zu haben und außer den Debütaufnahmen (eine Solo-CD, eine mit Orchester) bei EMI scheint er nicht viel eingespielt zu haben. Der hierzulange eher wenig bekannte Ivan Meylemans ist derzeit Chefdirigent beim Zeeland Orchestra in Middelburg (Niederlande) und Professor für Orchesterdirigieren in Leuven (Belgien). Zur Zeit der Aufnahme sollte er Chef des Kammerorchesters in Brügge gewesen sein, er dirigiert auch gerne reine „Bands“ also reine Bläserensembles.

Leider ist uns in der Ouvertüre keine E-Gitarre aufgefallen. Dadurch geht von vorne herein ein gewisses „Funk“-Feeling verloren. Aber der Cellist ist trotz seiner jungen Jahre ein souveräner Könner. Seine Technik ist blitzblank und er braucht augen- und ohrenscheinlich noch nicht einmal an seine Grenzen zu gehen, um den ersten Satz in aller Lebendigkeit und dennoch gelassen und ruhig mit Elan und kraftvoll hinzulegen. Sein Cello klingt toll. Der Dirigent geht von Beginn an voll mit und hält mit seiner Begeisterung für den Schwung, den die Musik vermittelt, nicht hinterm Berg.

Weicher und zarter kann man ein Cello kaum noch spielen, als es Herr Brantelid in der Idylle zeigt. Und obwohl es in Dänemark allem Anschein nach keine Berge gibt, erschafft das dänische Bläserensemble ein stimmungsvolles Alpenpanorama. Das Blech insbesondere die Hörner hätte dazu noch ein wenig weiträumiger klingen können. Auch das Holz klingt super. Das Orchester (Chefdirigent damals: Thomas Dausgaard) gehörte damals schon zur europäischen Spitze.

In der Cadenza erwartet uns ein voller, reichhaltiger Celloklang, der uns ganz besonders gefallen konnte. Ganz weich und sanft kann da die Ansprache einzelner Töne und Akkorde erfolgen. Das Rezitativo zu Beginn und am Ende wird völlig frei dargeboten, die a tempo-Passagen ungemein plastisch. Dazwischen gibt es die beiden Improvisationen. In der ersten hören wir Tremolos, Akkordvariationen, Alarmsirenen, eine Polizeisirene und spektakuläre Abstürze. Das Ganze entbehrt nicht des Humors, was man der Zuhörerreaktion auch entnehmen kann. Wo, wenn nicht hier wäre eine kräftige Prise Humor angebracht? In der zweiten Improvisation, die nach Guldas Wünschen den „Flageoletts“ vorbehalten sein sollte, hören wie erneut die Uhr „Big Bens“ schlagen, aber es werden auch uns unbekannte volkstümliche Weisen in den Ablauf integriert. Jedenfalls braucht der Zuhörer hier nicht unter einer Flut von Dissonanzen zu leiden. Diese Cadenza war mal was ganz anderes.

Im Menuett weiß der warme Celloklang ganz besonders zu begeistern, genau wie die Beiträge des Holzes (Flöte!) im Trio. Das flautando quasi Flageolett klingt super.

Das Finale bietet unbeschwerte Gute Laune und viel Spielfreude mit einer eindrücklichen Inszenierung der Gewitterstimmung. Im „Bierzelt-Finale“ hat man selten einen dermaßen souveränen Cellisten bei der „Arbeit“ beobachten können.

Die Aufnahme des Konzertes ist bei YouTube nur in fünf einzelnen Teilen abrufbar, aber immerhin sind alle Sätze vorhanden. Und das ohne Werbung, was ein großer Gewinn darstellt. Der Mitschnitt des dänischen Fernsehens klingt ganz gut, aber nicht gerade supertransparent. Aber doch weich und voll. Und mit einer gut abgestimmten Balance Solo-Orchester. Das Blech könnte knackiger klingen aber es gibt eine mit dem Bild übereinstimmende Staffelung zu hören.

 

 

5

Anastasia Kobekina

Gábor Takács-Nagy

Chaarts

YouTube

2018, live

5:11  7:17  5:48  3:38  6:42  28:36

Diese Aufnahme entstand im Künstlerhaus Boswil im Schweizer Kanton Aargau. Mit Frau Kobekina gibt es noch eine weitere Einspielung bei YouTube zu sehen, auf die wir verzichtet haben. Dagegen war eine Darbietung mit ihr im Neujahrskonzert des HR-Sinfonieorchesters 2026 so interessant, dass wir nicht auf sie verzichten konnten, Davon später mehr. „Charts“ ist ein Akronym aus Chamber und Artists. Auf der Bühne sehen wir vornehmlich junge Musiker und Musikerinnen, wobei nur manche Herren bei Blech und Bass bereits ein klein wenig fortgeschrittenen Alters sind. Es herrscht drangvolle Enge auf der recht kleinen Bühne, was der Muszierfreude jedoch offensichtlich förderlich gewesen war.

In der Ouvertüre wird der Cellopart herausragend ausgeformt, Frau Kobekina kann es sich leisten ein wenig mehr Rubato einfließen zu lassen als die allermeisten Herren. Das Blech und die Rhythmus-Sektion wirken lange nicht so zackig wie bei Guldas Uraufnahme von 1981 aber auch bei den anderen Einspielungen Guldas (1988 und 1993). Der Dirigent Gabor Takács-Nagy legt allerdings erheblich mehr Wert auf Kantabilität. Da merkt man vielleicht dass er von einem Streichinstrument (er war früher einmal Primarius des Takács-Quartetts und Konzertmeister des Budapest Festival Orchestra etc.) herkommt, während bei Gulda das Klavier als eine Art Schlaginstrument den musikalischen Hintergrund bietet. Herr Takács-Nagy ist übrigens seit 2018 „Chef“ des kleinen Orchesters, er versteht sich auch hier jedoch eher als „Primarius“. Die junge Cellistin steht Herrn Schiff in Sachen Engagement nicht nach und die Treffsicherheit ist sogar eher noch besser.

In der Idylle trägt Frau Kobekina ordentlich dick auf, sie differenziert aber auch sehr genau. Da setzt sie sich sogar noch von jedermanns Vorbild, Herrn Schiff recht deutlich ab. Innig spielen kann sie natürlich auch. Das Holz lässt schöne Klangfarben hören, ein jeder arbeitet seinen kleinen Part individuell heraus.

In der Cadenza spielt Frau Kobekina mit vollem, sonorem Ton. Ihr Cello von Antonio Stradivari stammt aus dem Jahr 1698. Dieses Instrument wird ihr von der Stradivari-Stiftung Habisreutinger zur Verfügung gestellt. Die Flageolett-Improvisation wird bei ihr zu einem kleinen Liedchen. Im Verlauf der Kadenz „schenkt“ sie ihrem Cello aber nichts, zeigt was alles aus dem armen Instrument herauszuholen ist. Nichtsdestotrotz klingt es in jeder „Lebenslage“ hervorragend sonor und schattierungsreich. Eine durch und durch musikalisch anmutende Darbietung. Frau Kobekina im Laufe unserer Ermittlungen wie bereits angekündigt noch einmal begegnen. Dann wird sie die Solistin bei einer neuen Version des Cellokonzertes sein, in der sie mit einem ausgewachsenen Sinfonieorchester musiziert. Die Cadenza wird dann kaum wiederzuerkennen sein. In Boswil wirkt sie geradezu gerafft, weil die Improvisationen sehr kurz und prägnant gehalten sind.

Im Menuett scheint man ein bisschen mit der Einfachheit des Tonsatzes zu kokettieren. Na, wenn Koketterie nicht zur Barockzeit passt?

Im Finale alla marcia begeistert erneut das brillante, stets vollmundig und sonor klingende Cello, das auch in diesem Satz so differenziert wie möglich gespielt wird. Mitunter hätte man das Ensemble von Holz und Blech gerne etwas deutlicher gehört, aber dass man das Cello im Gegenzug ein wenig zu groß abgebildet hat, wen sollte es angesichts des Gebotenen ernsthaft stören? Jede spieltechnische Grausamkeit wird in pointenreiche Virtuosität umgewandelt. Das klingt einfach mitreißend. Das unauffällige Dirigat von Herrn Tacács-Nagy wirkt hochserös und kommt anders als bei Herrn Gulda ganz ohne Clownerien aus. Die junge Cellistin genießt das Bierzelt-Ambiente sichtlich und jeder im Orchester zieht da voll mit. Völlig zurecht applaudiert man sich gegenseitig, während das Publikum fast aus dem Häuschen gerät.

Obwohl optisch drangvolle Enge auf dem Podium herrscht, klingt es erstaunlich großräumig. Das Cello wird in der Balance bevorzugt. Gegenüber dem restlichen Ensemble wird es präsenter und größer abgebildet. Da wäre aus musikalischen Gründen etwas weniger Dominanz wünschenswert gewesen, denn optisch kommt Frau Kobekina ebenfalls sehr gut ins Bild, da wäre eine weitere akustische Unterstützung gar nicht mehr unbedingt nötig gewesen.

 

 

5

Heinrich Schiff

Friedrich Gulda

Münchner Philharmoniker

Loft-YouTube

1988, live

4:49  7:30  6:15  3:40  6:36  28:50

Von diesem Mitschnitt in Bild und Ton vom Münchner Klaviersommer 1988 (gerade noch bevor sich Solist und Dirigent „entzweit“ hatten, gibt es (mindestens) zwei Posts auf YouTube. Einmal hat sich ein Brumm auf die Tonspur verirrt. Das Konzert fand in der damals noch recht neuen Philharmonie am Gasteig in München statt. Gulda zeigt sich in Freizeitkleidung und von einem seiner pfiffigen bunten Käppchen behütet. Die Darbietung zeigt sich gegenüber der 81er Ureinspielung gereift, aber auch ein wenig abgeschliffen.

Zu Beginn der Ouvertüre spielt Schiff nicht ganz sauber, das gibt sich aber ganz schnell und sogleich geht es mit 100% Einsatz weiter. Live ist eben live. Das Blech der Philharmoniker, klanglich nicht zuletzt nach den Wünschen Celibidaches geformt, klingt erheblich voluminöser und runder, eben philharmonischer als die Kollegen aus Wien 1981. Das kann man gut finden oder auch nicht, denn knackiger klingt es in Wien. Gulda scheint das Orchester in der Ouvertüre kaum zu animieren, eher gibt er den Clown, was den Musikern ihrerseits vielleicht zu einer lockereren, jazzigeren Spielweise verhelfen soll. Sein unkontrolliert wirkendes „Zungenspiel“ scheint eher unbeabsichtigt. Wie bei einem Pop- oder Jazzkonzert gibt es nach dem Satz Szenenapplaus, eher gebremst, denn es war Klassikpublikum anwesend.

Der wohlige Sound des Blechs dominiert die Idylle nicht unerheblich. Der volle, sonore Holzbläserklang passt super dazu, gut für diesen Satz, dass man keine Jazzer als Blechbläser dazugeholt hat, obwohl das sicher ebenfalls interessant geworden wäre. Diese Version spricht so viel eher den „Klassik-Fan“ an, die Wiener Version eher den Jazz-Fan, den Big Band-Fan. Gut, dass es für beide „Lager“ das passende Angebot gibt, besser ist es natürlich, man verfügt über beide.

In der Cadenza gibt sich Heinrich Schiff erneut voll aus. Man erkennt es diesmal, da die Kameras dabei sind, nicht nur akustisch, sondern auch an seinem schweißgebadeten Antlitz und am stark benetzen Cellokorpus. Bei den Improvisationen fällt besonders die Flageolett-Improvisation auf, die ein wenig geweitet wird, während die erste eher gerafft erscheint. Da merkt man, dass der Cellist unterdessen die Improvisationen schon häufig gespielt und variiert hat und er schon sehr oft intensiv über sie nachgedacht hat. Und vervollkommnet hat.

Beim Menuett führt Schiff eine Echowirkung mit ein, die er 1981 noch nicht gespielt hat und die man im Notenbild auch nicht finden kann. Das flautando quasi Flageolett will nicht so recht glücken.

Im Finale alla marcia spielen wieder die Philharmoniker mit balsamischem Klang, aber doch auch mit Herz und Schmiss. Die Bierzelttradition ist in München mehr als zuhause, da weiß man mehr als Bescheid. Das Holz hinter dem Cello wirkt nicht ganz klar, woran die Bierzelttradition jedoch nicht beteiligt ist, sondern eher die Klangtechnik. Gulda heizt der Jahrmarktstimmung tüchtig ein und die Unwetterstimmung erhält durch die deutliche Bassstimme und das herrlich präsente Schlagzeug eine noch bedrohlichere Wirkung als in der Uraufnahme von 1981. Am Ende wird nochmals richtig zugespitzt, da sprühen die Funken und da geht man sogar eher noch über die ältere Studioeinspielung hinaus. Schiff spielt sehr virtuos und Gulda turnt zeitweise mehr herum als dass er ernsthaft dirigieren würde. Das Ergebnis gibt ihm aber recht: Tosender Beifall und stürmische Bravorufe. Wann kann man schon einmal so viel lachende Gesichter nach einem Cellokonzert sehen?

Die Präsenz erscheint gegenüber der Studioeinspielung reduziert aber es klingt mit mehr Volumen, mehr Bass und mehr Raum. Es gibt nun, in der Philharmonie, natürlich keine Studioatmosphäre mehr. Die unmittelbare Nähe fehlt allerdings im Gegenzug. Das Bild erscheint leicht diesig bzw. trübe und unscharf und noch im 4:3-Format. Auf dem kaufbaren Original-Video mag es schärfer zugehen. Von dem hat „Stage“ einen kurzen Ausschnitt bei YouTube als Appetitmacher eingestellt. Und tatsächlich wirkt er deutlich schärfer. Gulda weicht übrigens in dieser Einspielung von seinen eigenen Vorgaben bzgl. der Aufstellung des Instrumentariums in der Partitur ab. In Münchens Philharmonie mag es so besser geklungen haben.

 

 

 

4-5

Maximilian Hornung

Krzysztof Urbanski

Tonhalle-Orchester Zürich

Eigenproduktion des Orchesters, YouTube

2022, live

4:43  6:58  5:30  3:15  6:21  26:47

Maximilian Hornung war bereits als 23jähriger Solocellist im BRSO. Er widmete sich aber schon bald ausschließlich seiner Solokarriere. Er spielt ein Instrument von Giovanni Battista Rogeri von 1708, das ihm von der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung zur Verfügung gestellt wird. Bild und Ton wurden bei einem Konzert kurz vor Weihnachten 2022 in der Tonhalle mitgeschnitten. Das Orchester hat anscheinend selbst produziert und die Produktion selbst bei YouTube eingestellt. Anders bei den gebührenfinanzierten Produktionen der deutschen Rundfunkorchester ist der Genuss jedoch nicht ungestört, denn es gibt zahlreiche Werbeunterbrechungen. Und anders als wenn man das Konzert über ein Handy oder am PC sitzend hört, knallt die Werbung im heimischen Hörzimmer unerwartet und stark verstärkt, rücksichtslos und mit einem gnadenlosen fff dazwischen. Immer noch lauter als das lauteste ff beim Konzert. Da wird man aus allen Träumen gerissen und Schäden am Gehör könnten drohen. Das nur zur Warnung, falls jemand auf die Idee kommen sollte, den Laptop oder PC mit der heimischen Musikanlage zu verbinden…

Das Cellospiel in der Ouvertüre wirkt flott und unbeschwert. Herr Hornung beherrscht die tückischen technischen Schwierigkeiten, die Gulda eingebaut hat aus dem Effeff. Es wirkt so locker, dass man fast meint es gelinge dem jungen Mann völlig aufwandlos. Holz und Blech sind erwartungsgemäß wieder vom Feinsten. In der Band erwartet uns dieses Mal auch eine E-Gitarre. Erstaunlich, wie oft sie weggekürzt wird. Herr Urbanski erscheint als das genaue Gegenteil von Friedrich Gulda als Dirigenten. Unauffällig, ja unbeteiligt. Seriös und sachlich auf jeden Fall. Clownerien sind von ihm nicht zu erwarten und sie werden auch nicht geboten. Fetzig geht es aber trotzdem zu. Schließlich spielt hier das Tonhalle-Orchester, oder zumindest ein kleiner Teil, eben eine Big Band von ihm.

In der Idylle klingen die Hörner schön räumlich, während Maximilian Hornung sehr zurückgezogen und innig wirkt. Das Holz verwöhnt wieder einmal in bester Tonhalle-Qualität, spielt im Ländler aber auch schön keck. Das Blech: makellos. Eine Idylle auf musikalisch höchstem Niveau.

In der Cadenza lotet der Cellist seine enorme dynamische Spannweite voll aus. Die Gestaltung wirkt von A-Z souverän, der Klang des Cellos voll und sonor. Die Improvisationen wirken sehr knapp. Dies könnte die kürzeste Kadenz von allen sein. Aber bekanntlich liegt ja manchmal in der Kürze die Würze. Andererseits hatte die Kadenz bei Mascarenhas oder auch bei anderen ebenfalls was für sich, da konnte man die Gedanken schweifen lassen.

Wie sanft man dann von der Kadenz zum Menuett überleiten kann! Und wie sanft das Menuett als Ganzes wirkt! Bei diesem Ausflug in die Renaissance oder die Barockzeit ist dann wieder höchstmögliche Kantabilität gefragt und die wird auch geliefert. Besonders vom Cello, aber auch vom Holz. Dieser Satz entpuppt sich in Zürich, aber nicht nur hier, als ein richtiges, kleines musikalisches Juwel. Sanft schimmernd.

Das Finale alla marcia bringt einen wunderbar satten Bass bei der Gewitterstimmung zu Gehör, den hört man längst nicht immer so gut. Das Lob gebührt an dieser Stelle jedoch auch der hellhörigen Aufnahmetechnik. Und der Bass ist besonders wichtig, denn vor allem von ihm gehen die bedrohlichen Impulse aus, sonst würde sich da ja gar nichts zusammenbrauen. Der Satz wird jedoch als Ganzes spannend aufgebaut. Die Festzeltstimmung wird ebenfalls voll ausgereizt und kocht gegen Ende immer höher. Zurecht wird auch diese Darbietung heftig umjubelt, wenngleich manchem Zürcher Konzertbesucher die Musik doch wenig vorweihnachtlich vorgekommen sein mag.

Das Ensemble und der Solist werden großräumig aufgenommen. Das Ensemble genießt volle Bassunterstützung, vor allem durch den gut aufgenommenen Akustik-Bass, der ja auch im Konzert nach Gulda Vorstellungen verstärkt werden sollte und die Bass-Drums. Es klingt dynamisch und knackig vor allem wenn Blech und Schlagzeug mitmischen.

 

 

4-5

Sebastian Klinger

Simon Gaudenz

Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern

SR und DLF

2018, live

4:56  7:12  6:52  3:43  6:31  29:14

Mit Sebastian Klinger betritt ein weiterer Schüler von Heinrich Schiff das Podium, in diesem Fall des Großen Sendesaals auf dem Funkhaus Halberg in Saarbrücken. Der Saarländische Rundfunk und der Deutschlandfunk übertrugen das Konzert gemeinsam. Herr Klinger genoss aber auch den Unterricht bei Boris Pergamentschikow in Berlin. Herr Klinger war 13 Jahre Solocellist des Sinfonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (2004-2015 und 2022-2024). Derzeit ist er Professor in Hamburg. Er spielt ein Instrument von Camillus Camilli, ein Cello aus dem Jahr 1736. Simon Gaudenz ist derzeit Chefdirigent der Hamburger Camerata und der Jenaer Philharmonie, wo in den letzten Jahren ein teilweise vielbeachteter Zyklus der Mahler-Sinfonien auf CD gebannt wurde.

Das Cello von Sebastian Klinger darf in der Ouvertüre nicht vibrieren und er gibt ihm auch kein Rubato mit auf den Weg. Zudem soll es in einem Puls durchgehen, laut und schnell. Das passende Statement von Herr Klinger erfährt man vor der Übertragung in Form eines eingespielten Interview-Beitrags. Und genauso hört es sich auch an. Das Blech darf ordentlich dominieren und die Musik pulsiert jazzig. Denn der eigentlich vorgeschriebene E-Bass ist mit von der Partie. Leider hält er sich bei den nicht ausgeschriebenen Partien mit den Funk-Einlagen, die andere Aufnahmen hören lassen, ziemlich zurück. Der Celloklang wirkt klangvoll-sonor, dunkel und reichhaltig.

In der Idylle, so meint Herr Klinger, solle man sich fühlen wie ein Hornist, sehr getragen und ruhig klingt es dann auch. Im Ländler-Trio kommen Oboe und Klarinette zwar durchaus klangschön aber auch überaus präsent zu Wort, da machen sie dem Cello fast schon übermächtige Konkurrenz. Die Idylle bekommt hier einigen tänzerischen Reiz mit.

In der Cadenza kommt das Cello wieder zu seinem Auftritt in Großaufnahme. Klar in den a Tempo-Passagen und rubatoreich in den anderen. In der ersten Improvisation klingt das Cello trotz wildem Ausdruck und entsprechender Spielweise immer noch voll und sonor. Es hat seine Stimme gefunden. Sie wird kurzgehalten. Kaum länger die Flageolett-Improvisation. Um den Rekord von Maximlian Hornung zu knacken reicht die Kürze jedoch nicht. Ein Rekord war auch sicherlich nicht beabsichtigt.

Wie spanische Renaissance-Musik dann das Menuett. Da klingt das Cello weich und wandlungsfähig und sein Ton blüht schön auf. Besonders fein abgestuft das Flötensolo und besonders schön gelingt das flautando quasi Flageolett mit Oboen-Umspielung.

Im Finale alla marcia werden wir von einer ausgelassenen, locker-virtuos dargebotenen Bierzelt-Atmosphäre empfangen. Die Trompeten dürfen dabei besonders glänzen. Überschwänglicher Jubel auch beim Publikum in Saarbrücken über die Musik, die sich aus allen Töpfen ungeniert bedient und den Menschen so zumindest ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Und natürlich über die sehr gelungene Darbietung, insbesondere des Cellisten. Die Cellist/innen sind nämlich ganz schon am „rackern“ bei diesem technisch sehr anspruchsvollen Konzert.

 

 

4-5

Marius Urba

Ruth Reinhardt

Bamberger Symphoniker

YouTube

2024, live

4:43  6:55  5:43  3:35  6:18  27:14

Diese Aufnahme in Bild und Ton fand im Joseph-Keilbert-Saal des Konzert- und Kongresszentrums Bamberg statt. Marius Urba war Student von Peter Bruns in Leipzig und bereits stellvertretender Solocellist beim Gewandhausorchester, dann erster Solocellist im Orchester der Staatsoper Hannover und der Staatskapelle Weimar. Seit 2011 ist er Solocellist bei den Bamberger Symphonikern.

Marius Urba spielt die Ouvertüre sehr temperament- und kraftvoll, da darf auch mal ein Ton ein klein wenig daneben gehen (live!). Die Darbietung wirkt besonders vorantreibend und jazzig. Leider scheint die Verstärkung des Cellos vor Ort (von Gulda als obligatorisch angeordnet und sicher auch sinnvoll) die Klarheit der Aufnahme etwas zu trüben. Die Big Band der Bamberger spielt ohne Fehl und Tadel. Die E-Gitarre ist mit von der Partie.

In der Idylle ist das Blech immer kraftvoll und wunderbar atmosphärisch zur Stelle, aber klanglich wirkt es auf Distanz gehalten, das ist spürbar, obwohl das Bild eine höhere Präsenz suggeriert. Es dreht sich (fast) alles ums Cello. Herr Urba hat übrigens das Video auch selbst unter seinem Namen bei YouTube eingestellt, vielleicht sogar mit selbst produziert? Man hat das Cello in diesem Satz schon differenzierter gehört. Frau Reinhardt, gebürtige Saarbrückerin und derzeit Musikdirektorin des Rhode Island Philharmonic Orchestra in Providence, ihrer ersten Chefposition. Sie kommt in diesem Video leider viel zu selten in Bild, weil das Hauptaugenmerk auf dem Cellisten liegt. Nicht ganz zu Unrecht, denn er muss auch mit Abstand am meisten „arbeiten“. Die Oboen des Orchesters aus Franken klingen wieder einmal exquistit, besonders die erste Oboe.

In der Cadenza wird der fest komponierte Teil frei vorgetragen, durchaus kontrastreich und intensiv. Die erste Improvisation bleibt im tonalen Rahmen, wirkt virtuos und recht ausschweifend. Uns gefällts jedenfalls.  Die zweite Improvisation, die von uns „Flageolett-Improvisation“ genannt wird, weil ausschließlich Flageoletts gespielt werden sollten, wirkt dagegen sehr kurz und knackig. Ein der kürzesten Kadenzen, die fast dem Rekord von Maximilian Hornug gefährlich geworden wäre. Aber wir sind ja hier nicht beim 5000 m-Lauf.

Im Menuett hätten wir uns das Holz gerne etwas lauter gewünscht, zumal es einfach hervorragend klingt. Der erste Oboist ist ein mehr als würdiger Nachfolger von Albrecht Mayer, der bis 1992 hier die erste Oboe spielte. Das Cello spielt zwar gut, sprengt aber im Verhältnis zur Band die von uns als ideal angesehene Balance. Verständlich ist es natürlich, wenn Herr Urba, wenn er schon den Mitschnitt mit produziert hat, seine Stimme auch gut hören will. Und über die sogenannte ideale Balance kann man natürlich auch anderer Meinung sein.

Das Finale alla marcia zeigt engagiertes Spiel aller Beteiligter. Beim heraufziehenden Gewitter hätten wir uns den Bass bedrohlicher gewünscht. Er hätte eigentlich bereits im Saal mit verstärkt werden sollen, davon ist beim Endprodukt nichts zu hören.

Die Aufnahme wirkt generell präsent, jedoch weniger transparent als z.B. der Mitschnitt aus Zürich. Holz und Blech sitzen eng beisammen. Es gibt eigentlich keinen Bassmangel (außer bei der Gewitterstimmung im letzten Satz), die Drums kommen deutlich und der E-Bass macht auch manchmal auf sich aufmerksam.

 

 

Bearbeitungen des Werkes: Zuerst wurde das Blasorchester durch ein komplettes Sinfonieorchester ersetzt, ein zweites Mal wurde das Cello durch eine Violine vertreten und beim dritten Mal hat man auf das Blasorchester und die Rhythmus-Gruppe zugunsten eines Saxophonquartettes mit Klavier verzichtet.   

 

 

5

Anastasia Kobekina

Vitali Alexeenok

HR-Sinfonieorchester

HR

2026, live

5:14  7:57  6:26  4:20  7:10  31:07

Dieses Konzert, das Neujahrskonzert des HR-Sinfonieorchesters 2026, fand, wie jedes Jahr im Friedrich von Thiersch-Saal im Kurhaus Wiesbaden statt. Und zwar, das ist das besondere in einer Bearbeitung für Cello und ganzes Sinfonieorchester. Vor allem hört man jetzt zusätzliche Streicher, aber auch Harfe und Klavier heraus. Es gibt nun also sinfonischen Kontext und auf die elektronische Verstärkung des Cellos direkt im Konzertsaal kann jetzt verzichtet werden. Vom E-Bass und einer weiteren Jazz-Rock-Besetzung blieb nicht mehr viel übrig. Die Bearbeitung stammt von Ingmar Sonnenmoser. Sie wurde erst 2025 erstellt. Das Konzert klingt nun deutlich mehr nach Hollywood und es hat an knackiger Schärfe deutlich verloren. Positiv ist, dass es nun in die Abfolge eines normal programmierten Sinfoniekonzerts eingereiht werden kann, ohne dass größere Umbauarbeiten auf der Bühne erfolgen müssten. Anastasia Kobekina hatten wird ja bereits im Video 2018 in Boswil sehen und hören können. Sie ist Jahrgang 1994 und studierte ebenfalls abschließend an der Kronberg Academy bei Helmerson und Maintz. Da holen sich mittlerweile sehr viele junge Musiker der Spitze den letzten Schliff. Dann schloss sie aber noch weitere Studien in Paris und Frankfurt an. Vitali Alexeenok ist seit 2024 Chefdirigent an der Deutschen Oper am Rhein, nicht zu verwechseln mit den beiden GMDs, Adam Fischer bei den Düsseldorfer Symphonikern, der jedoch den Titel erster Konzertdirigent zu tragen scheint und Stefan Blunier bei den Duisburger Philharmonikern.

Die Cellistin befindet sich in der Ouvertüre wie bereits in Boswil im hoch angereicherten Adrenalinmodus. Sie kann es aber nicht verhindern, dass die Fassung für großes Orchesters dem Konzert fast schon den Stachel zieht. Es klingt nun füllig und deutlich „standardisierter“ als in der ursprünglichen Fassung. Allerdings dominiert auch jetzt noch das Blech das Orchester.

Die Idylle klingt jetzt in voller Bruckner-Blech-Besetzung sehr kontrastreich, jedoch ganz anders als im Original. Die gewohnte Härte im Kontrast Cello-Blasorchester wird durch die vielen anderen Streicher nämlich auch verwässert. Das hervorragende Holz des HRSO ist auch am Neujahrtag voll auf der Höhe, die Oboe ein Traum. Bei diesem Satz kann man jedoch auch von einem Gewinn gegenüber dem Original sprechen, ein Verlust besteht darin, dass das Schlagzeug in hervorgehobener Position fehlt.

Die Cadenza gehört wie zuvor auch, ganz alleine dem Cello. Das heißt hier: Frau Kobekina, die die Cadenza erneut enorm brillant und mit klanglicher Vielfalt und artikulatorischer Flexibilität angeht. Ihr Instrument kommt uns jetzt noch dunkler im Timbre vor als 2018, was natürlich auch an der Aufnahme-Disposition liegen kann. Und gegenüber dem Saal in Boswil ist der Wiesbadener Konzertsaal ja geradezu riesig. Die Improvisationen sind deutlich abgewandelt. Frau Kobekina bringt das „Halleluja“ mit ein, nicht das von Händel, sondern das von Leonard Cohen. Sie bringt den ganzen Saal dazu mitzusingen, allerdings nur ganz kurz, ein erhebender Moment auch für den Radiohörer, denn wann und wo gelingt sowas? Das wirkt nämlich sehr spontan und die Reaktionszeit eines so großen Publikums ist gewöhnlich ohne Vorbereitung langsam. Vielleicht hat sie auch mit dem Orchester den Pakt geschlossen, mitzusingen? Das kann man am Radio nicht so gut verifizieren. Ansonsten fällt die Improvisation leise und besinnlich aus.

Das Menuett profitiert auf besondere Weise von der Qualität von Soloflöte und Solooboe, oder vielmehr den Oboen des HRSO. So einfühlsam gespielt (von allen Beteiligten) hört man den Satz, obwohl sowieso schon das Klangjuwel des Konzertes, selten. Da stört das Orchester nicht weiter. Es klingt aber auch stark nach einer Konzertmusik von Joaquin Rodrigo.

Im Finale alla marcia gehen Prägnanz und Direktheit des Originals dann wieder stärker verloren. Das kann natürlich auch am großen Konzertsaal gelegen haben. Durch die Erweiterung des Schlagwerks wirkt die Gewitterstimmung aber jetzt noch räumlicher, man kann sich jetzt natürlich noch besser ein weites Alpenpanorama dazu vorstellen und zwar mit einer zünftigen Gewitterfront, die sich jedoch genauso schnell wieder auflöst wie sie sich zusammengebraut hat. Das Cello klingt entfernter als bei der kleinen, auch räumlich kompakten Besetzung des Originals. Insgesamt eher weniger dramatisch, aber bereits in Boswil erreichte man nicht den dramatischsten Effekt. Im Abgang fehlt es weder an Leichtigkeit und Virtuosität (eine Domäne des Vortrags von Anastasia Kobekina) noch an Bierzelt- oder Volksfeststimmung. Besonders schön: Nun swingt das ganze Orchester mit. Das involviert ebenfalls ungemein. So beschert das Gulda-Konzert mit seinen Interpreten dem großen Saal ausgelassene Neujahrsstimmung. Ist doch mal was anderes als Johann-Strauß-Walzer.

Beim Gesamtklang zeigt sich das Cello jetzt im kompletten Orchester eingebettet. Es klingt großräumig und räumlich. Das Holz erklingt leider nur im Idyll sehr schön präsent.

 

 

5

Benjamin Schmid

Hansjörg Angerer

Salzburg Wind Philharmonic

Gramola

2016, live

4:42  7:01  6:16  3:27  6:17  27:43

Bei dieser Einspielung ging man zur Aufnahme in den Großen Saal der Stiftung Mozarteum. Man hat nun das Cello durch eine Violine ausgetauscht und spielt ein Arrangement von Selim Giray mit der Transkription für Violine von Fritz Gerhart eingerichtet. So wie man in der Originalversion das Cello elektronisch verstärken sollte, so verfährt man hier mit der Violine. Ob Herr Schmid bei dieser Aufnahme seine höchstwertige Leihgabe, die Stradivari „ex-Viotti“ gespielt hat oder ob er die Kopie, die er von ihr 2015 anfertigen ließ oder eine ganz andere Geige benutzt hat, wissen wir leider nicht. In jedem Fall wurde sie mit einem Tonabnehmer ausgestattet und mit einem Verstärker verstärkt. Das klangliche Ergebnis wird also auch von der Elektronik mitbestimmt. Ansonsten haben wir die Originalbesetzung gehört. Hat man sich erst einmal an die höhere Tonlage und den anderen Sound der Geige gegenüber dem Cello gewöhnt, so ist man bald vom Sound und der Spielweise angetan. Das passt super und ist ohne Abstriche gegenüber der Cello-Version zu genießen. Bejamin Schmid, als enorm vielseitig bekannt, spielt wie ein „Jazz-Geiger“, einfach grandios. Manchmal fragt man sich zumindest in der Ouvertüre, ob die Geige nicht sogar besser passt als das Cello. Das Ensemble hat sozusagen ein „Heimspiel“, vor allem im „Salzkammergut-Satz“, der Idylle. Das klingt ungemein vorantreibend, ganz besonders die Rhythmusgruppe. Leider kommt die E-Gitarre nur wenig zur Geltung.

Das Salzburger Orchester nutzt im Ländler-Trio der Idylle eine sehr voll und rund klingende Oboe, also kein Modell mehr nach althergebrachter „Wiener Bauart“. Die Idylle wirkt sehr expressiv und merklich zügiger als üblich.

Die Cadenza wirkt frei vorgetragen und weit gespannt. In der Improvisation spielt Herr Schmid die Vorteile der Geige, z.B. schnellere Figurationen als beim Cello voll aus. Zahlreiche Blue Notes lassen den erfahrenen Jazz-Geiger (dann nennt er sich übrigens „Beni Schmid“) erkennen. Der dynamische Ambitus könnte kaum größer sein und wir bewegen uns mit Herrn Schmid ganz weit weg vom komponierten Text der Cadenza. Die „Flageolett-Improvisation“ hört sich an wie eine seltsame Kommunikation fremder Wesen auf einem fernen Planeten. Hier fasst man sich kurz und bündig.

Im Menuett hören wir eine klar hervorgehobene Gitarre, was uns noch deutlicher als üblich in Richtung Spanien blicken lässt. Die nach der Kadenz so fremde Welt der Renaissance wird lebendig gemacht. Ob auch da die höhere Lage der Violine begünstigend wirkt? Sie wirkt aufnahmetechnisch ebenfalls hellhörig eingefangen. Das Flötensolo, obwohl sehr differenziert und klangschön vorgetragen, erhält nicht ganz die aufnahmetechnische Präsenz von Gitarre und Violine. Schmids Spiel besticht in allen Sätzen bisher durch äußerste Klarheit und Tonschönheit.

Im Finale alla marcia zeigt man sich sehr vorantreibend und „schlagkräftig“, ganz so wie es sich gehört, wenn man der Lebensfreude einmal freien Lauf lassen darf. Die Violine spielt sehr virtuos, ohne, dass das Gefühl aufkäme, Herr Schmid käme an eine technische Grenze. Auch das gesamte Ensemble ist mit maximaler Spielfreude mit dabei. Die Gewitterstimmung klingt ungemein plastisch, vor allem das Schlagzeug. Gegen Ende klingt es dann schon so überschwänglich (und hochprofessionell), dass das Bierzelt schon fast selbst abhebt.

Die Aufnahme bietet keinen übergroßen Raum, aber gute Transparenz. Sehr präsent klingen sowohl Geige als auch Ensemble. Es klingt offen, weich, voll, körperhaft ganz besonders die plastische Violine, der die Verstärkung überhaupt nichts geschadet hat. Die Verstärkung ist nötig, damit sie sich gegenüber Blech und Schlagzeig durchsetzen kann.

 

 

 

4

Rafaela Gromes

Julian Riem

Signum Saxophon Quartett

SWR, live

2025, live

5:28  6:57  5:25  3:30  6:40  28:00

Dies ist ein Mitschnitt von den SWR-Festspielen im Schwetzinger Schloss. Das Arrangement stammt vom langjährigen Duopartner von Rafaela Gromes, Julian Riem. Das Saxophon-Quartett, bestehend aus Sopran-, Alt-, Tenor- und Baritonsaxophon fungiert dabei als Mini-Bigband, bringt aber auch eigene Improvisationen mit ein. Das hat zweifellos seinen kammermusikalischen Reiz. Rafaela Gromes war Jungstudentin bei Peter Bruns in Leipzig, Wenn-Sin Yang in München und Reinhard Latzko in Wien. Gar nicht so seltsam ist es, dass sich das Interesse am Gulda-Konzert mitunter vom Lehrer zum Schüler bzw. zur Schülerin zu übertragen scheint. Oft war Heinrich Schiff der Ausgangspunkt oder auch Peter Bruns. Vielleicht ist unsere kleine „Erhebung“ aber auch nur ein Zufallsprodukt.

Die Cellistin intoniert in der Ouvertüre absolut sicher und klangschön. Ihr Part scheint aber in dieser Fassung stärker in Bedrängnis zu geraten als im Original, zumindest einmal in dieser Aufnahme des SWR. Das Saxophon-Quartett bringt, wie bereits erwähnt eigene Improvisationen mit ein, die nicht in der Komposition Guldas vorgesehen sind, vielleicht wurden sie aber auch im Arrangement notiert, das entzieht sich unserer Kenntnis. Der Biss des Originals fehlt und ein ums andere Mal stört, zumindest uns die Klavierstimme mit unnötigem Zierrat und Harmonien. Natürlich hat sich der Arrangeur gerne selbst in sein Arrangement reingeschrieben, aber schlüssiger und pfiffiger wäre es sicher stattdessen mit Schlagzeugunterstützung geworden. Zumindest einmal in der Ouvertüre und zumindest einmal, wenn man bereits 24 andere Versionen im Ohr hat.

In der Idylle geht durch die Uminstrumentierung viel Lokalkolorit verloren, so wird der Ländler jetzt vom Klavier und Saxophonen intoniert.

In der Cadenza zeigt sich Frau Gromes spielfreudig und ausgesprochen einfühlsam, sie scheut allerdings auch vor Kontrasten nicht zurück. Beide Improvisationen hält sie sehr kurz, anscheinend ist sie der Meinung, dass die Cadenza bereits in der von Gulda notierten Form schon fast alles mitbringt. So wird dann tatsächlich zu guter Letzt die Rekordmarke von Maximilian Hornung um fünf Sekunden unterboten. Frau Gromes hat das Konzert bereits häufig aufgeführt, ihre Erfahrungen fließen sicher auch bei den Improvisationen mit ein.

Im Menuett erhält man in der Saxophon-Besetzung längst nicht mehr den Renaissance-Klang des Originals. Saxophone sind nun mal in erster Linie Instrumente einer neueren Musik, daran hat sich das Gehör anscheinend gewöhnt. Die Wirkung ist so ein wenig irritierend. Erst nach einer kurzen Umgewöhnungszeit aber doch apart. Wenn man es 25mal in dieser Version gehört hätte, dann wäre diese Version wahrscheinlich genauso „normal“. Frau Gromes spielt ihren Part sehr nuancenreich.

Im Finale alla marcia kommt der Festzelt-Stimmung so ganz ohne Trompete, Posaune und Tuba quasi der Biergeruch abhanden. Wo sind denn hier „Lewerkas und Brezn“? Rafaela Gromes lässt sich davon kaum irritieren und holt alles raus, was in ihrem Cello steckt, auch Schmelz und Schmalz. Genauso wenig fehlt es an spritzigem Temperament und loderndem Feuer, auch nicht an Leichtigkeit und Virtuosität. Aber das Original zischt einfach noch erfrischender und fetzt noch besser.

 

 6.5.2026