Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 6 A-Dur

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Inhalt:

-Werkhintergrund

-Listung aller gehörten Aufnahmen des Werkes

-Rezensionen:

 78 Stereo-CD´s

   8 historische Mono-Aufnahmen

 12 Aufnahmen, die (mehr oder weniger) der HIP folgen

 13 Live-Konzerte aus Radio, den Mediatheken oder YouTube

 

Werkhintergrund:

Bruckner wird gerne als der ungeschickte, unbeholfene, in einer naiven Frömmigkeit gefangene Künstler gesehen, der mit der realen Welt nicht zurechtkommt. Nun ist es ein beliebtes Mittel, einer worin auch immer hoch begabten Person gewisse menschliche oder soziale Kompetenz abzusprechen, um dieses herausstechende, manchmal schon fast beängstigende Talent zu relativieren, begreifbar oder wenigstens für des Normalbegabten Ego verzichtbar zu machen. So einfach das ist, so wenig wird man so einem - in diesem Falle – Künstler gerecht.

Bei genauerer Betrachtung wird aus seiner dörflich-naiven, „biedermeierlichen“ Unterwürfigkeit ein durchaus geplantes Verhalten im Sinne eines Strebens nach sozialer Sicherheit und einer handfesten, bürgerlichen Karriere. Einige Zeitgenossen durchschauten dieses Benehmen und urteilten recht offen darüber: „…es lag eine gewisse Berechnung in der selbstgefälligen Plumpheit seiner Hofmanieren zugrunde.“ (Prinzessin Marie zu Hohenlohe-Schillingsfürst).

Bruckner war jedenfalls stets darauf bedacht, sich – und somit auch anderen – den Stand seines Könnens von vielen Lehrern und Komponisten in Form von Zeugnissen dokumentieren zu lassen. Eine seiner vielen Studienphasen führte ihn glücklicherweise von 1861 bis 1863 zu dem Linzer Kapellmeister Otto Kitzler, der dem schon 37-jährigen Schüler einen der bedeutendsten Impulse gab. Hier nämlich wurde Bruckner mit der Gattung der Sinfonie vertraut gemacht, einer Spezies also, die fortan Zentrum seines musikalischen Wirkens werden sollte. Und aus der Art seiner Auseinandersetzung mit dieser Kunstform spricht gesundes Selbstbewusstsein. Anstatt seine Vorgänger zu kopieren oder nur moderat zu modifizieren, betrachtete er ihre Werke lediglich als kleine Vorstufen (Schumanns Sinfonien nannte er „Sinfonietten“) auf dem Weg zu einer großen, vollständig entwickelten Musik. So sprengte Bruckner mit seinen Kompositionen gängige Konventionen: Er installierte in die von ihm veränderte Sonatenhauptsatzform ein drittes Kopfthema, weitete die Dimensionen der einzelnen Sätze gewaltig aus und löste seine Musik von seiner eigenen Gefühlswelt. Sie sollte mehr ausdrücken als die persönlichen Schwärmereien oder Ängste des Komponisten, ja, hier sollte ein ganzes Universum, das menschliche Dasein und das göttliche Prinzip, in Klang gefasst werden. Darin war er direkter Vorläufer von Gustav Mahler.

Der „Ausdruck des Großen, des Feyerlichen und Erhabenen“ wird zum prägenden Merkmal von Bruckners Sinfonien und alles in ihnen, die Entwicklung eines jeden Parameters zielt darauf hin. Nur in den ersten Werken erlaubt er sich zügigere Tempobezeichnungen (bewegt, feurig), danach dominieren die gemessenen, erhabenen Vorgaben (feierlich, misterioso, majestoso, nicht zu schnell). Das Orchester wird mit der Zeit immer größer, allerdings fast ausschließlich durch Vergrößerung der einzelnen Gruppen und nicht der Vielfalt der Farben wegen. Die dunklen Klänge dominieren um den Apotheosen die nötige Kontrastmöglichkeit zu geben und die Steigerungen zu diesen monumentalen Schlüssen effektvoller gestalten zu können. Überhaupt ist das gründliche Vorbereiten in Bruckners Sinfonien allgegenwärtig. Bevor Themen vorgestellt werden, schaffen meistens die Streicher einen geeigneten, zeitlos wirkenden Hintergrund, verhelfen der solistisch gespielten Melodie zu einer Aura. Und so geht es weiter, egal ob man die Dimensionierung der einzelnen Formteile, die Artikulationsbezeichnungen oder die Harmonik betrachtet – Weite, Größe und Ewigkeit bestimmen diese Werke und machen ihre Aufführungen zu schwierigen Balanceakten zwischen zu wenig oder zu viel „Unendlichkeit“; beides kann für den Hörer sehr anstrengend werden.

 

Bruckner schrieb seine 6. Symphonie in einer Phase der persönlichen Konsolidierung. Seine Übersiedlung von der beschaulichen Provinzstadt Linz, wo er sich sein halbes Leben lang auf seine gewaltigen Hauptwerke vorbereitet hatte, in die lebhafte Hauptstadt des österreichischen Großstaates war geglückt. Er hatte sich sowohl am Konservatorium als auch an der Universität Wiens als Lehrer etablieren können. Als Komponist konnte er sich, wiewohl umstritten, einer zwar kleinen aber wachsenden Anhängerschaft erfreuen. Im Jahre 1880 hatte er dazu eine große Reise – die größte seines Lebens – getätigt, die ihn nach Bayern – unter anderem zu den Festspielen in Oberammergau – und in die Schweiz geführt hatte. Dabei hatte der Junggeselle, wie sich aus seinem Reisetagebuch ergibt, offenbar den Eindruck, dass er auch bei den Damen Wirkung erzielen konnte. Augenscheinlich im Gefühl einer gefestigten Position machte sich Bruckner im September 1880, fünf Jahre nach seiner letzten Symphonie und obwohl diese weder aufgeführt noch gedruckt war, an ein neues Großwerk der Gattung. Binnen eines Jahres, für Bruckner eine kurze Zeit, entstand so unter Verwendung von Vorarbeiten aus dem Jahre 1879 seine 6. Symphonie.

Anton Bruckner begann die Komposition seiner 6. Sinfonie in A-Dur (WAB 106) am 24. September 1879 und schloss sie am 3. September 1881 in St. Florian ab.

Sie ist von ihren in rascher Folge entstandenen Vorgängerinnen durch eine längere Pause getrennt. Diese Beobachtung erscheint keinesfalls als belanglos, denn in diese Zwischenzeit fällt die erste der beiden großen Umarbeitungswellen, die Bruckners sinfonisches Schaffen in alternierende Phasen der Neuschöpfung und der Revision gliedern. Nicht umfassend umgearbeitet hat Bruckner nur die Sinfonien, die zu Lebzeiten Bruckners nicht aufgeführt wurden oder aber, wie die Siebte, gleich auf Anhieb Erfolg hatten.  So erging es der „Studiensinfonie“ (auch Nr. 00 genannte), der „Annullierten“ (auch Nr. 0 genannt), der Fünften, der Sechsten und der Neunten. Alle anderen liegen daher in verschiedenen Fassungen vor.

Der Komponist hat seine Sechste zu Lebzeiten komplett nur einmal in der Orchesterprobe hören können, denn nur die beiden Mittelsätze (Adagio und Scherzo) wurden öffentlich unter der Leitung von Wilhelm Jahn am 11. Februar 1883 in der Reihe der Wiener Philharmonischen Konzerte im großen Musikvereinssaal gespielt. Eine erste Gesamtaufführung erfolgte am 26. Februar 1899 durch Gustav Mahler, der Eingriffe in das Werk vornahm und es stark gekürzt präsentierte. Bruckners Fassung erster Hand erklang am 14. März 1901 in Stuttgart unter der Leitung von Karl Pohlig. Da der Erstdruck teilweise stark fehlerhaft war und lange keine kritischen Ausgaben des Werkes vorhanden waren, dauerte es bis zum 9. Oktober 1935, bis die Sinfonie unter dem holländischen Dirigenten Paul van Kempen (unter Benutzung der Ausgabe von Robert Haas) zum ersten Mal so erklang, wie es die Originalpartitur vorschreibt.

Die Sechste galt lange Zeit (zusammen mit der Zweiten) als Stiefkind unter seinen Sinfonien – obwohl er selbst sie launig als seine „keckste“ bezeichnet hat. Vielleicht auch nur weil es sich so schön reimt: Keckste auf Sechste. Vielleicht meinte er auch eher seine kühnste, das würde besser passen. Dieser Zustand hat sich im Laufe der Jahrzehnte hinsichtlich der Aufführungszahlen positiv gewandelt und dieses Werk hat heute einen festen Repertoireplatz. Bis 1980 gab es nur acht Einspielungen des Werkes, heute sind es über einhundert. Die Sinfonie gehört zu dem Schaffensprozess der beiden vorangegangenen Sinfonien, Nr. 4 Es-Dur „Romantische“ (1874/1880) und Nr. 5 B-Dur (1875) und gilt als Vorstufe zum letzten großen Aufschwung, den Bruckner seit der Komposition des Te Deum (erste Entwürfe im Jahre 1881) mit den darauffolgenden Sinfonien 7, 8 und 9 in erhabener Größe erreicht. Insbesondere das Adagio der 6. Sinfonie hat Modellcharakter für das später komponierte und berühmt gewordene Adagio der 7. Sinfonie.

Dass der Sechsten die intensive Beschäftigung mit der Straffung der Dritten und Vierten Sinfonie vorausging, kommt ihr unmittelbar zugute: Durch diesen heilsamen Abstand von der nicht wiederholbaren Grandiosität der Fünften getrennt, ist sie ein Wunder an Kontrolliertheit und Konzentration geworden. Insofern vollzieht sich in ihr nach dem Kraftakt der Fünften die notwendige Konsolidierung des immer wieder ganz ähnlichen Konzepts eine Sinfonie zu komponieren (auf dessen Darstellung wir wegen der Notwendigkeit nicht allzu sehr auszuschweifen nicht eingehen können).

Die diesmal von Bruckner gewählte Tonart A-Dur verleiht den musikalischen Inhalten des Werkes eine bisweilen helle Klangfarbe, die sich beispielsweise durch reichhaltiges Modulieren tonartlicher Beziehungen in der Coda des ersten Satzes zu festlichem Glanz entfaltet.

Schon von Anfang an hatte es die Sinfonie Nr. 6 von Anton Bruckner schwer: bei der Uraufführung am 11. Februar 1883 wurde sie nicht komplett aufgeführt, stattdessen brachte, wie bereits erwähnt, Hofoperndirektor Wilhelm Jahn mit den Wiener Philharmonikern nur die beiden Mittelsätze zu Gehör. Bis dato war überhaupt noch nie eine Bruckner-Sinfonie in einem regulären Konzert dieses Orchesters gespielt worden. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie nicht ganz aufgeführt wurde, vielleicht war sie aber auch schlichtweg zu lang für die damaligen Verhältnisse. Sicher ist, dass die beiden Sätze so aus dem Kontext gerissen, eigentlich nur verlieren konnten. Insbesondere das Scherzo fand in der Presse schlechten Anklang.

 

Der Musikkritiker Eduard Hanslick, der spätestens nach der dritten Sinfonie Bruckners jegliche Sympathie gegenüber dem Komponisten verloren hatte, weil dessen Sinfonien seiner Meinung nach eine Gefahr für die „absolute“ Instrumentalmusik seien, wetterte in der „Neuen Freien Presse“: „Bei dem ausschließlich durch Seltsamkeit fesselnden Scherzo trennte sich aber – wie der Sportsmann sagen würde – das Ross vom Reiter. Eine kleine Clique schien sich’s in den Kopf gesetzt zu haben, die Legitimierung auch dieses Satzes auf revolutionärem Wege zu erzwingen; vergebene Liebesmüh’.“

 

Dabei hatte Bruckner selbst in voller Zufriedenheit seine Sechste als „keckste“ bezeichnet und aufgeregt an einen Freund geschrieben, dass die Philharmoniker an dem Werk solches Wohlgefallen fanden, „dass sie heftig applaudierten und einen Tusch machten.“ Denn nach fünfjähriger Pause setzte bei Bruckner 1879 ein neuer Schaffensprozess ein, in dessen Zuge auch seine Sinfonie Nr. 6 entstand.

 

Außerdem war er mittlerweile „wirkliches Mitglied der Wiener Hofkapelle“ mit einem gesicherten Einkommen, sodass er mit einer anderen Intention an die Komposition herangehen konnte. Seine Zufriedenheit mit dem Endergebnis zeigt sich sicherlich auch darin, dass es keine Zweit- und Drittfassung seiner Sechsten gibt, wie bei jeder seiner vorherigen Sinfonien. Zum ersten Mal hatte er nicht das Gefühl, seine Komposition nochmal überarbeiten oder gar „verbessern“ zu müssen, sondern beließ sie in ihrer ursprünglichen Form. Der Applaus der Wiener Philharmoniker bei der Probe der kompletten Sinfonie wird das Seinige dazu beigetragen haben.

Insgesamt ist der Charakter der Sechsten ein wenig unbeschwerter und weltlicher, die Musik ist fließender. Damit unterscheidet sie sich von Bruckners vorherigen Sinfonien. Während der erste Satz – wie die Vortragsbezeichnung schon sagt ­– majestätisch, vielleicht sogar etwas pompös und energiegeladen, mit dem Einsatz vieler Blechbläser verläuft, trägt der zweite Satz, das lyrische Herzstück, fast schon etwas Melancholisches und besonders Tiefgründiges in sich. In das viel kritisierte Scherzo kehrt dann auch die Energie des ersten Satzes zurück, die sich auch durch das Finale zieht.

Vielleicht lag die schlechte Kritik also ganz einfach daran, dass der Erstdruck von Bruckners Sinfonie Nr. 6 teils sehr fehlerhaft war.

 

Die Sätze:

  1. Satz: Majestoso

In der klassischen Musik bedeutet der Begriff „Majestoso“ (gebräuchlicher heute: „Maestoso“) „majestätisch, erhaben und feierlich“. Er beschreibt weniger ein bestimmtes Tempo, sondern vielmehr den Charakter und die Art und Weise der musikalischen Darbietung. Oft wird es mit anderen Tempobezeichnungen kombiniert, damit auch das Tempo klar wird. Dies ließ Bruckner jedoch offen.

Der erste Satz legt gleich zu Beginn mit scharf akzentuierten Noten auf „cis“ in den Violinen den Hauptrhythmus des Werkes fest. Das unmittelbar einsetzende Hauptthema wird dunkel getönt – wie später auch in der 8. Sinfonie – durch die Celli und Kontrabässe vorgetragen. Das Thema changiert dabei zwischen Dur und Moll, da Bruckner überwiegend die phrygische Kirchentonleiter verwendet und dadurch den strahlenden Klangcharakter der Haupttonart A-Dur eintrübt – ein Stilmittel, das sich durch die nahezu gesamte Sinfonie zieht. Dieses Thema wird in der Coda des letzten Satzes (Bruckner-üblich) die ganze Sinfonie krönen, dieses Mal aber auf sehr spezielle Art krönen. Die Wiederholung des Themas im ersten Satz erklingt jedoch in vollem Orchesterglanz und führt zum 2. Thema, das in e-Moll mit einer absteigenden Basslinie beginnt und dessen Melodie sich bis hin zu den auffallenden Quintolen entwickelt. Das zweite Thema, auch Seitenthema genannt, wird von Bruckner auch als „Gesangsperiode“ bezeichnet. Es tritt meistens als abrupte Öffnung einer völlig neuen Sphäre auf. Wie beim Hauptthema schließen sich dieser Gesangsperiode zwei Entwicklungswellen an, in die meistens ein Motivbestandteil aus dem Hauptthema integriert wird. Alsbald taucht ein choralartiger Nebengedanke auf, der wieder zurückführt zu einer Wiederholung des 2. Themas in nun kraftvollerem Gewand in E-Dur. Der Vorgang mündet in einen Überleitungsabschnitt zum 3. Thema (C-Dur), das wiederum in einem Nachsatz die Exposition in Ruhe und Beschaulichkeit auf E-Dur ausschwingen lässt. Für das dritte Thema hat sich der Terminus „Unisono-Thema“ eingebürgert, was eine seiner zentralen Eigenschaften nicht schlecht erfasst: In der Regel hat es eine Hauptstimme von recht lapidarer Kontur und seine durchaus mögliche Mehrstimmigkeit ist (anders als in der Gesangsperiode) nicht durch Polyphonie, sondern durch Heterophonie geprägt, denn alle Nebenstimmen sind nichts als melodische Derivate der Hauptstimme. Am Ende der Exposition kommt es immer, so auch bei der Sechsten zu einer vollständigen Beruhigung verbunden mit der Reduktion auf spärliche Motivreste und den Rückgang auf das niedrigste dynamische Niveau.

Der Höhepunkt der folgenden Durchführung fällt mit dem Beginn der Reprise zusammen. Was hier mit der Wirkung einer spektakulär inszenierten Reprise eintritt, ist also in Wirklichkeit der Durchführungshöhepunkt, der allerdings – darin liegt die Pointe – nach kurzer harmonischer „Korrektur“ auf die Wiederholung desselben Ereignisses, nun in A-Dur, zielt (T. 209); und dieser Punkt markiert tatsächlich den Beginn der Reprise. Einer ähnlichen Gestaltung begegnet man ebenfalls in den ersten Sätzen der drei letzten Sinfonien. Nach Abschluss der Reprise schreibt Bruckner eine auf dem Hauptthema basierende ausgedehnte Coda, deren Großartigkeit ohne Beispiel zu seinen Satzabschlüssen von Kopfsätzen in den bisherigen Sinfonien steht. Stete Veränderungen der wie von Sonnenlicht durchfluteten Harmonien unter dem wie ewig pulsierenden Rhythmus führen zur Apotheose ins kraftvoll leuchtende, krönende A-Dur der letzten Schlusstakte.

Bruckner baut ein ständiges harmonisches Spannungsfeld zwischen dem Grundton A und dem tiefen Nebenton B (Neapolitanischer Akkord) auf. Diese permanenten harmonischen Rückungen und Halbtonschritte wirken für das späte 19. Jahrhundert extrem modern und fast schon impressionistisch-modern.

 

  1. Satz: Adagio. Sehr feierlich

Das Adagio (in das wie beim ersten und vierten Satz erneut der erweiterte Sonatenhauptsatz mit erneut drei statt der bisher in der Musikgeschichte üblichen nur zwei Themen eingewebt ist) besticht durch feierliche Grundstimmung und aufblühenden Streicherklang (Hauptthema, F-Dur, weihevoll), der insbesondere dem zweiten Thema (E-Dur, Violoncelli, ständig hervortretend, schwelgerisch) seinen besonderen Reiz verleiht. Das dritte Thema (c-Moll), charakterlich der Episode eines Trauermarsches oder Trauerzuges (schreitend) ähnlich, ist kurz und bildet in der Reprise die Überleitung zur wiederum breit angelegten Coda, in der der Streicherklang vollends dominiert. Traumverhangen und verklärt schließt der Satz (hierin dem Adagio der Zweiten Schumanns nicht unähnlich). Dieses Satz wirkt sehr tiefgründig und rührt im Innersten an, wenn die Interpretation nicht vollends fehl geht.

Es ist das einzige Adagio Bruckners, das in einer klaren Sonatenhauptsatzform (mit drei Themen) geschrieben ist, anstatt in der sonst von ihm bevorzugten großen Variationsform.

 

  1. Satz: Scherzo. Nicht schnell – Trio. Langsam

Das Scherzo in a-Moll (Form: A-B-A) weist einen pochenden Grundrhythmus auf, Teil A wird im Verlauf aufgehellt und endet in schmetternden Fanfarenklängen in A-Dur. Originell setzt mit Pizzicato-Takten der Streicher und antwortenden Hörnerrufen das Trio (Teil B, Langsam) ein. Ein unvermittelt auftauchender Nebengedanke der Holzbläser erinnert an das Hauptthema des ersten Satzes der 5. Sinfonie. Nach dem ruhig verklingenden Trioteil wird Teil A des Scherzos wiederholt.

Die gegenüber früher viel knappere Diktion wurde auch von der Wiener Kritik sogleich be-merkt, obwohl sie ja nur die beiden Mittelsätze zu hören bekam. So schrieb Ludwig Benedikt Hahn, der Rezensent der „Presse“ trocken: „Im Ganzen hat der wilde Componist etwas an Zucht gewonnen, aber an Natur verloren.“ Tatsächlich ist das Scherzo mit 110 Takten das kür-zeste in Bruckners gesamter Sinfonik. Geradezu minimalistisch das aus lauter winzigen Motiven zusammengesetzte Trio. Eduard Hanslick war diesem für ihn „unerklärlichen“ Stück gegenüber völlig „rathlos“.

 

  1. Satz: Bewegt, doch nicht zu schnell

Das Finale bringt die Symphonie nicht durch ein triumphales, geradliniges Crescendo zum Abschluss, sondern arbeitet mit extremen Kontrasten und lyrischen Ländlerelementen. Erst in den allerletzten Takten der Coda kehrt das rhythmische Hauptthema des allerersten Satzes strahlend im vollen Klang der Posaunen zurück und schließt den formalen Kreis des gesamten Werks.

Wie immer tragen aber die beiden aufeinander bezogenen Ecksätze die „Hauptlast“ der dramaturgischen Agenda. Nach der exorbitanten Leistung der Fünften Sinfonie kann dies für Bruckner zunächst nicht anders als problematisch gewesen sein, etwas Neues zu bringen, da eine Steigerung desselben kaum noch möglich erscheinen konnte. So wäre auch von daher die längere Pause zwischen beiden Sinfonien nicht verwunderlich gewesen, auch ohne die Umarbeitungen der Sinfonien Drei und Vier. Die Lösung des Problems wirkt jedoch besonders reizvoll. Das Finale beginnt in elegischem a-Moll (womit noch ans Scherzo angeknüpft wird), das allerdings bald festlichem Dur weicht, und stellt erneut drei Themengruppen vor, von denen das Hauptthema über dominantischem Tremolo fast schattenhaft einsetzt, ein mehr gleitende Girlande, rhythmisch zwar scharf profiliert, aber alles andere als eine prägnante Figur, eher abstrakt gehalten könnte man auch sagen; man könnte in ihm so gestaltet auch bereits einen Platzhalter sehen für das am Schluss einsetzende Hauptthema aus dem ersten Satz. Die zweite Gruppe wartet wieder mit einem aufblühenden Streicherklang auf (wie im ersten Satz, von Bruckner nicht von ungefähr „Gesangsgruppe“ genannt). Da auch das dritte Thema, wie immer bei Bruckner müssen es drei sein, vielleicht wegen der „Dreifaltigkeit“(?), eher gestaltarm bleibt, kann man dahinter Methode vermuten. Kaum einmal gelangt eine Bildung über chromatische Windungen hinaus, vor allem bleibt es bei immer wieder ins Stocken geratenen Ansätzen. Erst in der Reprise kommt es einmal zu einem frenetischen Taumel (Buchstaben V-W), der dann mit einem die Coda eröffnenden Doppelpunkt innenhält (bei X). Übrigens gibt es ein kurzes Zitat aus Wagners „Tristan und Isolde“, vielleicht nur als Gruß an den von Bruckner so verehrten Wagner? Wahrscheinlich steckt aber mehr dahinter. In den Takten 327 ff intonieren die Hörner den Beginn von „Isoldes Liebestod“, das aber auch schon zuvor mehr oder weniger bruchstückhaft und etwas besser versteckt erklingt. Manche Dirigenten lassen es deutlich hervortreten, andere versteckter. Es gibt es viele Retardierungen und Beschleunigungen und ein Tempowechseln in ungewöhnlichem Maß (für Bruckner). Bedeutend vor allem der Hinweis „bedeutend langsamer“ bei (bei T. 177 ff), wonach die ganze Durchführung eben deutlich langsamer zu spielen wäre. Das fördert den elegischen Charakter weiter. Führt aberin manchen Interpretationen zu spürbarem Spannungsabfall. Das „Tempo primo“ nimmt man dann aber deutlich als Einsatz der Reprise wahr. Es gibt wohl keinen weiteren Satz bei Bruckner, der so auf den Gestus des Suchens, des Drängens, des Vermeidens auf thematischer Fixierung, kurz: auf den paradoxen Habitus stabilisierter Vorläufigkeit hin konzipiert ist wie dieses Finale, in dessen Ablauf lediglich die beiden kurzen Auftritte der Gesangsperiode in Exposition und Reprise wie kleine Inseln einer selig blühenden Kantabilität eingelagert sind. Der ganze Satz zielt auf zwei am Ende eintretende Ereignisse, die das Werk zu seinem überzeugenden Abschluss bringen. Auf dem Höhepunkt der in schier haltlose Bewegung geratenen Schlussgruppe, erscheint unverkennbar das prägnante „Introitus-Motiv“ des Kopfsatzes wieder (T. 349-356 und T. 367-370), eine klare Ankündigung des nun zu erwartenden Hauptthemas. Die danach auf niedrigstem Energieniveau neu ansetzende Coda (T. 371 ff.) lässt sich damit aber Zeit, denn erst nach vielfacher Wiederholung der bekannten Blechbläserfanfare tritt das sinfonische Hauptthema, natürlich in seiner diatonischen Gestalt, endlich für diesen A-Dur-Platzhalter ein, der damit seine Funktion im Satzverlauf erfüllt hat. Dieser die gesamte Spannung lösende thematische Schluss umfasst lediglich neun Takte, und er ist anders als im Kopfsatz nicht den strahlenden Trompeten, sondern dem viel dunkleren Posaunensatz anvertraut. Nach der langen, eigentlich den gesamten Satzverlauf ausfüllenden Ankündigungsgestik ist dieser für Bruckners Verhältnisse geradezu lakonische Schluss von verblüffender Prägnanz. Ein zweifellos mit Bedacht gewähltes genaues Gegenteil zum extrovertierten Finale der Fünften.

Das Mittel der unautorisierten Blechbläserverstärkung, mit dem der Schluss des Finales einen vom Komponisten so (wahrscheinlich) nicht gewollten Überschuss an apotheotischen Sinn gewinnt, hatte schon Franz Schalk bei seiner Grazer Uraufführung der Fünften Sinfonie eingesetzt. Er kann natürlich angesichts der nach langer Ankündigung so überraschend sparsamen instrumentierten Themenwiederkehr am Ende des Finales der Sechsten umso mehr als Desiderat empfunden werden. Uns erging es jedenfalls so. Bruckner selbst hat jedoch keinen Änderungsbedarf gesehen, allerdings auch keine Gelegenheit gehabt, den Satz intensiver im Konzert zu hören. Eine Verstärkung gerade der Trompeten erscheint in diesem Zusammenhang jedoch obsolet. Trotzdem machen es vielen vor allem ältere Dirigenten. Keiner der HIP-orientierten Orchesterleiter! Sinnvoller wäre eher eine Verstärkung der Posaunen, was aber niemand macht. Auf die kommt es an und in der einen oder anderen Einspielungen schwächeln sie zu guter Letzt. Oft erhalten gerade die Trompeten (nicht nur im Finale) ein Übergewicht im Blechbläsersatz, was nicht in Bruckners Sinn gewesen sein kann. Gerade aber die Tatsache, dass das wiederkehrende Thema am Ende der Sinfonie nicht in triumphale Geste ausbricht, sondern durch die weiche und eher warme Klangfarbe der Posaunen wie im Halbschatten verbleibt, verleiht dem Werk seinen eigentümlichen eher spröden aber liebenswerten Charme. Den sollte man gerade im Hinblick auf seine werkbiographische Position zu schätzen wissen und eigentlich auch in einer gewissenhaften Einspielung auch hören.

Es gelang Bruckner so aus dem nicht wiederholbaren Gesamtverlauf und dem weiten Schattenwurf der Fünften herauszutreten und so das Tor zu einer überzeugenden Fortsetzung seines sinfonischen Weges zu öffnen.

Orchestermusiker und Dirigenten müssen das Werk klanglich anders anfassen als die anderen Sinfonien des Meisters. Es ist stellenweise kammermusikalischer und rhythmisch viel vertrackter (vor allem durch den sogenannten „Bruckner-Rhythmus“ aus Triolen und Duolen im ersten Satz). Die Sechste baut weniger riesige „Klangkathedralen“ auf, sondern verlangt eine transparentere, fast klassische, eher „vegetative“ als architektonische Interpretation. Sie verträgt jedoch beides und lässt viele Varianten der Interpretation zu, wie das meist bei echten Meisterwerken der Fall ist. Der unglaubliche Gehalt setzt sich letztlich immer durch. Mal mehr, mal weniger.

 

Widmung

Bruckner widmete die 6. Sinfonie seinem Hauswirt, dem Professor der Philosophie Ritter von Oelzelt-Nevin und dessen Gemahlin Amy, geborener Edlen von Wieser.

 

Gedruckte Ausgaben

Der Erstdruck – von Cyrill Hynais herausgegeben – weicht von der Handschrift relativ wenig ab; wenn man die 4. und 5. Sinfonie zum Vergleich nimmt. Jedoch waren von Anfang an viele kleine, aber sehr lästige Unterschiede zwischen Partitur und Stimmen vorhanden, die August Göhler schon 1919 bemängelte und deswegen eine solide Bruckner-Gesamtausgabe forderte. Dadurch war das Werk, das ohnehin dem gängigen Schema der typischen Bruckner-Sinfonie kaum entspricht, ein sehr seltener Gast in Konzerten. Alle übrigen, zu dieser Zeit erhältlichen Ausgaben, krankten an den gleichen Fehlern.

Die oft in der Bruckner-Literatur erwähnte Einrichtung der Sinfonie durch Gustav Mahler, der die erste komplette Aufführung dirigierte, ist nicht mehr auffindbar.

Nach dem Ablauf der Schutzfrist – damals 30 Jahre – gab Josef Venantius von Wöss 1927 eine sorgfältig revidierte Ausgabe heraus, in der diese Fehler eliminiert waren. Diese Fassung führte Franz Schalk mit den Wiener Philharmonikern mehrfach auf.

1930 revidierte Schalk diese Partitur anhand des in der Wiener Nationalbibliothek befindlichen Manuskripts und brachte einige geschmackvolle und sehr durchdachte Retuschen an der Partitur an. Diese an das Original angelehnte Fassung erklang 1930 in München anlässlich des Brucknerfestes. Siegmund von Hausegger berichtete von einer späten Einsicht Franz Schalks, der ihm gegenüber im Gespräch mehrfach zugab, dass er wohl bei Bruckner oft zu weit gegangen sei. Leider verhinderte der baldige Tod von Franz Schalk, dass er sich mit dem Original weiter beschäftigte. (Die ihm zugedachte Aufführung der Originalfassung der 9. Sinfonie musste von Hausegger übernehmen.)

Sowohl Robert Haas als auch Leopold Nowak haben die Schalksche Einrichtung auszugsweise in den jeweiligen Revisionsberichten dokumentiert und gewürdigt.

Die beiden Urtext-Ausgaben des Musikwissenschaftlichen Verlages Wien (Haas / Nowak) weichen kaum voneinander ab.

Nicht zuletzt dank der guten Ausgaben von Haas und Nowak wurde dieses Werk inzwischen recht populär. Hilfreich war auch die Tatsache, dass es sich um eine der kürzesten Sinfonien Bruckners handelt, was dem Publikum und auch den Orchestern nicht ganz unrecht ist.

Die 2016 von Benjamin Gunnar Cohrs vorgelegte Ausgabe der Anton Bruckner Urtext Gesamtausgabe berücksichtigt erstmals das glücklicherweise in Sankt Florian wieder aufgefundene komplette Orchestermaterial der – leider nur unvollständigen – Uraufführung und konnte manche Ungenauigkeiten beseitigen. (Bruckner vergaß z. B. oft – wenn er ganze Bögen einer Partitur ersetzte – Details wie etwa fehlende pizzicati und Akzente in die neue Fassung zu übernehmen.)

Dennoch hat man mit einem Bruckner-typischen Problem im Falle seiner Sechsten in A-Dur nicht oder wirklich nur am Rande zu tun: Es gibt im Prinzip nur eine verbindliche Fassung nicht zwei oder gar mehrere wie bei vielen Schwestersinfonien. Egal ob von Schalk, Nowak oder Cohrs herausgegeben, es steht bis auf Kleinigkeiten das Gleiche drin. Nur die Edition von Cyrill Hynais von 1899 folgt noch fehlerhaften Material. Diese Version hatte aber nur Charles F. Adler aufliegen als er 1952 die Wiener Symphoniker dirigierte. Furtwängler dirigierte in der ersten (zumindest teilweise) überlieferten Aufnahme von 1943 bereits die Ausgabe von Robert Haas. Außerdem hat die Sechste in A-Dur mit einer knappen Stunde Spielzeit ein für den zu Lebzeiten als oberösterreichischen Querkopf und Dickschädel geltenden Komponisten ein geradezu handliches Format.

Eitel Sonnenschein herrscht deshalb trotzdem nicht im Bruckner-Land, denn diese vordergründige Griffigkeit zeitigt als Kehrseite eine seltsam exzentrische, verschobene Dramaturgie: Der letzte Satz kommt hier nicht mehr, wir wiesen bereits darauf hin, wie in den grandiosen Final-Fantasien der vorangegangenen fünf Sinfonien, als überhöhende Krönung, sondern eher als eine permanente „Baustelle“, die auch mit dem am Ende  - programmgemäß und dennoch überraschend – wieder erscheinenden Kopfthema vom Stückanfang bestenfalls unter ein Notdach kommt. Gleich der Beginn dieses Finales mit seinem resigniert-introvertiert in die Tiefe rutschenden Thema verbreitet zunächst verstörende Ratlosigkeit, ehe sich aggressive Fanfaren-Weckrufe zum ersten muskelspielenden Fortissimo-Höhepunkt sammeln.

Dieser Satz ist offenbar, wo immer man sich umhört oder hineinliest, nicht nur für den Hörer, sondern auch für den wissenschaftlichen Exegeten und Interpreten der schwierigste Part der Sinfonie, um nicht zu sagen: ein gewisses Dilemma – zumal es keinerlei Indizien gibt, nach denen ihn der Komponist genauso und nicht anders gewollt hätte. Hört man die Aufnahmen, so gibt es dafür (oder dagegen?) im Wesentlichen drei Bewältigungsstrategien. Und wenn man sehr viele Einspielungen hört, dann gibt auch permanent die fließenden Übergänge zwischen diesen drei Vorgehensweisen. Eigentlich gibt es nur fließenden Übergänge zu hören, keine folgt einer der Bewältigungsstrategien in Reinform.

Erstens: Absolute Konzentration auf das Architektonische. Mit sachlicher und kühl-eleganter Transparenz, die noch im knalligsten Fortissimo nicht verschwimmt und beispielhaft zeigt, wie Bruckner in der technischen Durcharbeitung auch dieser Sinfonie mühelos seine Maßstäbe hält. Vertreter u.a. Nagano, Gielen, Skrowaczewski, Norrington oder Venzago jeweils freilich auf unterschiedliche doch irgendwie zumindest von Weitem betrachtet ähnliche  Weise.

Zweitens: Die Betonung eines werküberspannend enthusiastischen Aufbruchscharakters, einer Lichtfülle und Zuversicht, die alle vorübergehenden Irritationen zwar nicht leugnet, aber sozusagen friedlich eingemeindet. Vertreter sind u.a. Eschenbach, Karajan oder Blomstedt, die man allerdings überhaupt nicht in einen Topf werfen dürfte.

Drittens: Sozusagen die Gegenposition zu der zweiten Position. Hier wird das untergründige Konfliktpotential, die Unausgewogenheit und die Risse betont und dem „Pastorale“ (Beethoven)-ähnlichen, klangwunderhaften grundsätzlich misstraut. Man geht auf die Suche nach jenen neurotischen Zügen, die sich nicht nur in Bruckners Persönlichkeit, sondern fraglos – mehr oder minder -auch in seinen Werken manifestiert. Da wäre zu nennen: Furtwängler, Adler, Georg Alexander Jochum, Klemperer und von den eher jüngeren und ganz jungen Dirigenten Dausgaard, Ticciati oder Haitink in seiner ersten Aufnahme.

Und dann sollte es auch noch diejenigen geben, so wäre es zu erwarten, denen nichts so richtig gelingt, dann die, die mehr oder weniger exzentrisch ihren eigenen Weg verfolgen und die, denen vielleicht eine Synthese aus allem gelingt (Wand). Und gar nicht so selten, die die die Transzendenz in der Musik suchen. Für Spannung ist also in jedem Fall gesorgt.

 

Die Frage nach der vom jeweiligen Dirigenten gewählten Fassung ist bei der Sechsten eher von untergeordneter Bedeutung, beinhalten sie doch keine neuen oder auch nur abgewandelten Kompositionen Bruckner. Da geht es nur um untergeordnete Details. Wer sich trotzdem dafür interessiert, welche Edition von welchem Dirigenten genutzt wird, der kann auf der Liste John F. Berkys nachschauen. Auf seiner Seite findet man diese Informationen von allen Sinfonien Bruckners und vieles mehr. Sie sei dem geneigten Leser empfohlen. Hier der passende Link:

https://www.abruckner.com/discography1/symphonyno6inamajo/

 

 

Zitate:

„Eine außerordentlich künstlerische Naturkraft, Frische und Naivität im Widerspruch mit dem musikalischen Bewusstsein, der Intelligenz, den Resultaten einer der Zeit gemäßen Bildungsstufe – das sind die Hauptmomente in dem Schaffen dieses Künstlers… Überall ein Wollen, kolossale Anläufe, aber keine Befriedigung, keine künstlerische Lösung.“ (Hugo Wolf, der damit ein allgemein gültiges Urteil über Bruckner zu seinen Lebzeiten formuliert.)

 

„Der bedeutendste Sinfoniker nach Beethoven.“ (Richard Wagner)

 

Eduard Hanslik schrieb: "Es ist nicht unmöglich, dass diesem traumverwirrten Katzenjammerstil die Zukunft gehört - eine Zukunft, die wir darum nicht beneiden."

 

"Die zwei Sätze (Adagio und Scherzo) aus der neuesten Symphonie von Bruckner ... schwelgen in Erinnerung an Rich. Wagner, in dessen verschiedenen, vorzugsweise aber jüngeren Stilarten. Bruckner wendet den 'symphonischen Stil' der Bayreuther 'Fest'-, 'Weihfest'- und 'Bühnenweih-Festspiele' leider nun auch auf die Symphonie selbst an. Im Ganzen hat der wilde Komponist etwas an Zucht gewonnen, aber an Natur verloren. Beim Adagio hielten Interesse und Befremden einander im Publikum noch die Waage, und es ging, wenn auch zögernd, mit. Bei dem ausschließlich durch Seltsamkeit fesselnden Scherzo trennte sich aber - wie der Sportsmann sagen würde - das Roß vom Reiter. Eine kleine Clique schien sich's in den Kopf gesetzt zu haben, die Legitimierung auch dieses Satzes auf revolutionärem Wege zu erzwingen; vergebene Liebesmüh' - - - "

(Eduard Hanslick im Februar 1883 in der Wiener Neuen Freien Presse, Zitat entnommen: KölnKlavier, Wolfgang Lempfrid)

 

„Traumverwirrter Katzenjammer-Stil“ (ebenfalls Eduard Hanslick)

 

Bruckner wurde in der Presse handfest gemobbt, was er über sich lesen musste, muss ihn gekränkt haben: „Wer ihn so durch die Straßen wandeln sieht, sieht den wohlbeleibten Mann mit dem kugelrunden, kahlgeschorenen Kopf, der wird nachdem er unwillkürlich an eine zweibeinige Birne gedacht hat, glauben einen inkognito reisenden Klosterkellermeister vor sich zu sehen.“ (Deutsche Zeitung, 1880 anlässlich eines Portraits Bruckners)

 

„Sinfonische Riesenschlangen.“ (Johannes Brahms zu Bruckners Sinfonien)

 

„Bei Bruckner handelt es sich gar nicht um Werke, sondern um Schwindel, der in ein bis zwei Jahren tot und vergessen sein wird. Bruckners Werke unsterblich, oder vielleicht gar Sinfonien? Es ist zum Lachen.“ (Johannes Brahms, mitgeteilt in: Friedrich Klose: „Meine Lehrjahre bei Bruckner“)

 

„Die Siebte von Bruckner, halb unsinnig, halb großartig. Adorno sprach von „Urgestein“ und Horkheimer behauptete, wenn er Komponist wäre, würde er so komponieren. (Thomas Mann in einem Brief an Erika Mann vom 8. Januar 1949)

 

„Ich habe neulich – besonders angeregt durch Sie – die Neunte Sinfonie von Bruckner angehört und wieder einmal mir vorgenommen, mich zu „bekehren“, und so viel schön wie nur möglich daran zu finden. Vergeblich! Das Resultat war, dass ich nur noch viel bestimmter, als je zuvor, ihn als wahrhaft „Großen“ ablehne, fürder keine Mühe des Aufnahmewillens mehr an ihn verschwenden und von dem Urteil anderer nicht mehr beeindrucken lassen werde. Genau wie früher nehme ich die Scherzos gewissermaßen aus, als Stücke, in denen noch Musik und Einfälle vorkommen, das übrige ist uferloses Schwelgen in Dynamik und Harmonie; ich muss es aussprechen: er ist ein überlebensgroßer Dilettant! Ich ändere meine Meinung nicht mehr, vielleicht ändert sich aber das Urteil der Welt – ich rechne nach 15-20 Jahren.“ (Hans Pfitzner an Walter Abdendroth am 24. September 1940 in „Reden, Schriften, Briefe“)

 

Dieses Mal haben wir, soweit möglich, unsere Rezension direkt mit der entsprechenden Aufnahme oder betreffenden Video verlinkt. Wir wollten unseren fleißigen Leser angesichts der Textfülle wenigstens einen kleinen Komfort-Bonus bieten.

 

(Quellen: Wikipedia; Hans-Joachim Hinrichsen: Bruckners Sinfonien, Verlag C.H. Beck; ein Artikel in FonoForum von Gerald Felber über die Sechste Sinfonie: „Sehnsuchtsbilder“; einem Artikel in HiFi und Records 4/2002: „Anton Bruckner“; einem Artikel in „Concerti“ von Irem Çatı von 2016; einem Artikel von klheitmann.com über Bruckners 6. Sinfonie; der Studien-Partitur (Version Nowak) der Edition Peters in Übernahme vom Musikwissenschaftlichen Verlag, Wien, 1974)

 

Foto oben: Die Orgel der Stiftsbasilika Sankt Florian auf der Bruckner 1845-55 als Stiftsorganist spielte, zuvor erhielt er dort bereits Orgelunterricht und zu besonderen Gelegenheiten spielte er auch später noch auf ihr. Unter ihr fand er seine letzte Ruhestätte.

 

 

zusammengestellt bis 2.7.2026

 

 

Das berühmte Hanfstaengl-Porträt (1880): Das markante Profilfoto Bruckners von Edgar Hanfstaengl entstand in München.

 

 

Überblick über die gehörten Aufnahmen:

Die Stereo-Aufnahmen:

 

5

Joseph Keilberth

Berliner Philharmoniker

Telefunken

1963

17:01  14:35  8:42  15:12  55:30

 

5

Bernard Haitink

Royal Concertgebouw Orchestra

RCO Live

2018, live

17:20  18:35  9:07  16:00  61:02

 

5

Bernard Haitink

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR Klassik

2017, live

16:20  15:11  8:28  14:51  54:50

 

5

Sergiu Celibidache

Münchner Philharmoniker

EMI (links); Sony (rechts)

beide 1991, live

16:59; 17:04

21:58;  21:42

8:16;  8:10

15:05;  15:12

60:18;  62:08

 

5

Günter Wand

Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks (heute: NDR-Elbphilharmonie-Orchester)

RCA

1988, live

16:06  15:46  8:56  13:25  54:13

 

5

Günter Wand

NDR-Sinfonieorchester (heute: NDR- Elbphilharmonie-Orchester)

RCA

1995, live

16:25  15:48  8:40  13:40  54:33

 

5

Günter Wand

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

Hänssler

1995, live

16:45  15:55  8:43  13:44  55:07

 

5

Günter Wand

Münchner Philharmoniker

Hänssler

1999, live

16:55  15:57  9:02  14:41  56:35 

 

5

Christoph von Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Decca

1991

15:16  16:56  8:26  14:34  55:12

 

5

Eugen Jochum

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

DG

1966

16:28  17:08  7:54  13:17  54:47

 

5

Michael Gielen

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (heute: im SWR-Sinfonieorchester aufgegangen)

Hänssler, SWR Music

2001

16:58  15:57  9:15  14:12  56:12

 

5

Kent Nagano

Deutsches Sinfonieorchester Berlin

Harmonia Mundi

2005

16:38  17:00  8:19  14:09  56:06

 

5

Juanjo Mena

BBC Philharmonic Orchestra

Chandos

2012

17:07  20:18  7:56  13:54  59:15

 

5

Ferdinand Leitner

Basler Sinfonieorchester

Accord

1992, live

18:01  18:08  9:09  16:21  61:39

 

 

 

4-5

Horst Stein

Wiener Philharmoniker

Decca

1972

16:40  16:10  8:05  13:38  54:33

 

4-5

Bernard Haitink

Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Philips

1970

15:16  17:16  7:49  13:25  54:06

 

4-5

Stanislaw Skrowaczewski

Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken (heute: Deutsche Radio-Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, kurz: DRP)

Arte Nova, Oehms

1997

15:33  18:31  8:38  13:50  56:32

 

4-5

Günter Wand

Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester (heute: WDR-Sinfonieorchester)

DHM, RCA

1976

15:33  15:02  8:43  13:36  52:54

 

4-5

Otto Klemperer

New Philharmonia Orchestra London

EMI

1964

16:50  14:37  9:18  13:44  54:29

 

4-5

Sylvain Cambreling

SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (heute: im SWR-Sinfonieorchester aufgegangen)

Glor

1998

15:38  15:42  7:40  13:04  53:04

 

4-5

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

NY Special Editions, Urania

1976, live

15:28  17:30  8:40  14:14  55:52

 

4-5

Herbert Blomstedt

Gewandhausorchester Leipzig

Querstand, Accentus, auch als Mitschnitt des MDR gehört

2008, live

16:43  16:53  8:36  14:33  56:45

 

4-5

Herbert Blomstedt

San Francisco Symphony Orchestrtra

Decca

1990

16:33  18:47  8:10  13:53  57:23

 

4-5

Mariss Jansons

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

BR Klassik

2015, live

14:45  15:41  8:23  14:27  53:16

 

4-5

Mariss Jansonss

Wiener Philharmoniker

WP Records

2016, live

15:31  15:38  8:47  14:54  54:50

 

4-5

Mariss Jansonss

Royal Concertgebouw Orchestra

RCO Live

2012, live

14:38  15:26  7:55  14:34  52:33

 

4-5

Mariss Jansons

Berliner Philharmoniker

BPhil Recordings

2018, live

14:52  15:29  8:43  14:50  53:54

 

4-5

Christian Thielemann

Wiener Philharmoniker

Sony

2022, live

15:29  16:12  8:06  13:47  53:34

 

4-5

Bernard Haitink

Staatskapelle Dresden

Hänssler

2003

15:48  17:04  8:26  14:40  55:58

 

4-5

Jesus Lopez-Cobos

Cincinnati Symphony Orchestra

Telarc

1991

15:59  17:51  8:21  14:11  56:22

 

4-5

Markus Poschner

Bruckner Orchester Linz

Capriccio

2021

15:50  16:15  8:32  14:14  54:51

 

4-5

Riccardo Chailly

Concertgebouw Orchestra

Decca

1997

17:05  16:45  8:56  14:15  57:01

 

4-5

Gerd Schaller

Philharmonie Festiva

Hänssler

2013, live

16:30  17:45  8:25  14:22  57:02

 

4-5

Wolfgang Sawallisch

Bayerisches Staatsorchester

Orfeo

1981, live

14:15  17:33  8:24  14:32  54:44

 

4-5

Riccardo Muti

Berliner Philharmoniker

EMI

1988

17:08  17:17  7:49  14:18  56:32

 

4-5

Heinz Rögner

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

Aufnahme vom Deutschlandfunk, war eine CD-Beigabe der Zeitschrift Audio

2000

15:37  17:33  8:26  16:00  57:36

 

4-5

Heinz Rögner

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

Eterna, Berlin Classics, Brilliant

1980

13:54  15:37  8:00  14:32  52:03

 

4-5

Kurt Eichhorn

Bruckner Orchester Linz

Camerata

1994

16:48  18:15  9:05  16:11  60:19

 

4-5

William Steinberg

Boston Symphony Orchestra

RCA

1970

14:55  16:16  8:02  13:04  52:17

 

4-5

Christoph Eschenbach

London Philharmonic Orchestra

LPO Live

2009, live

16:05  20:02  8:05  15:15  59:37

 

4-5

Christoph Eschenbach

Houston Symphony Orchestra

Koch

1999, live

16:03  19:52  8:35  15:19  59:59

 

4-5

Ferdinand Leitner

Sinfonieorchester des SWF, Baden-Baden (heute: aufgegangen im SWR-Sinfonieorchester)

Hänssler, SWR Classic

1982

15:46  15:27  9:16  15:02  55:31

 

4-5

Eugen Jochum

Staatskapelle Dresden

Eterna, EMI, Brilliant

1978

16:03  18:32  7:52  13:29  55:56

 

4-5

Eugen Jochum

Concertgebouw Orchestra Amsterdam

RCO Live, Tahra, Altus

1980

17:26  18:58  8:02  13:29  57:55

 

4-5

Jaap van Zweden

Nederlands Radio Philharmonic Orchestra

Challange

2012

15:31  18:36  7:41  15:13  57:01

 

4-5

Gianluigi Gelmetti

Radio-Sinfonieorchester Frankfurt (heute: HR-Sinfonieorchester)

Denon

1997, live

13:24  18:31  8:21  12:45  53:01

 

4-5

Eliahu Inbal

Radio-Sinfonieorchester Frankfurt (heute: HR-Sinfonieorchester)

Teldec

1987

17:48  17:01  8:30  15:00  58:19

 

 

 

4

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DG

1979

15:14  19:00  7:50  15:12  57:16

 

4

Kurt Masur

Gewandhausorchester Leipzig

Eterna, Ariola-Eurodisc, RCA

1979

14:40  15:00  8:29  15:05  53:14

 

4

Lorin Maazel

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

BR Klassik

1999, live

16:28  17:51  9:34  16:40  60:33

 

4

Marek Janowski

Orchestre de la Suisse Romande

Pentatone

2009

17:54  17:38  8:51  12:45  57:08

 

4

Daniel Barenboim

Berliner Philharmoniker

Teldec, Elatus

1994, live

15:38  16:57  8:18  13:24  54:12

 

4

Daniel Barenboim

Staatskapelle Berlin

Perl Music, DG, Accentus, Universal

2010, live

14:43  14:59  8:36  13:33  51:51

 

4

Simone Young

Philharmoniker Hamburg (jetzt wieder: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg)

Oehms

2013, live

15:12  15:56  8:34  14:20  54:02

 

4

Jia Lü

China National Centre for the Performing Arts Orchestra, Peking (China NCPA Orchestra)

NCPA

2024

16:08  17:32  9:27  15:17  58:24

 

4

Dennis Russell Davies

Bruckner Orchester Linz

Arte Nova

2008, live

18:35  17:31  9:04  17: 42  62:52

 

4

Sir Simon Rattle

London Symphony Orchestra

LSO Live

2019, live

15:04  17:15  8:46  14:37  55:42

 

4

Sir Colin Davis

London Symphony Orchestra

LSO Live

2002, live

16:51  19:46  10:00  14:48  61:25

 

4

Heinz Rögner

MDR-Sinfonieorchester

Genuin

1994, live

14:17  17:00  8:00  14:26  53:43

 

4

Herbert Kegel

Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig (heute: MDR-Sinfonieorchester)

Ode, Weitblick, Urania

1972, live

16:17  15:28  8:16  14:32  54:33

 

4

Rafael Kubelik

Sinfonieorchetser des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

Studio Vita Sonus

1977, live

15:32  18:48  9:33  15:30  59:23

 

 

 

3-4

Georg Tintner

Bohuslav-Martinu-Philharmonie, Zlin

Deutsche Schallplatten

1992

16:30  16:48  8:17  13:41  55:16

 

3-4

Georg Tintner

New Zealand Symphony Orchestra

Naxos

1995

16:58  18:44  8:52  14:44  59:18

 

3-4

Georg Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1979

17:37  19:19  8:48  15:04  60:48

 

 

 

3-4

Rémy Ballot

Oberösterreichisches Jugendorchester

Gramola

2016, live

18:26  21:03  10:04  17:51  67:24

 

3-4

Andris Nelsons

Gewandhausorchester Leipzig

DG

2018, live

16:31  19:33  8:21  14:34  58:59

 

3-4

Roberto Paternostro

Württembergische Philharmonie Reutlingen

Antes, Membran, Documents

2003, live

16:32  19:07  8:39  14:38  58:56

 

3-4

Valery Gergiev

Münchner Philharmoniker

MPhil

2019, live

16:36  17:47  8:36  14:59  57:58

 

 

 

3

Daniel Barenboim

Chicago Symphony Orchestra

DG

1978

16:30  18:10  8:43  14:30  57:53

 

3

Gennadi Roshdestwensky

Staatliche Kapelle des Kultusministeriums der UdSSR

Melodija, BMG, Venezia

1984

16:06  16:05  8:27  15:32  56:10

 

3

Hubert Reichert

Westfälisches Sinfonieorchester Recklinghausen (heute: mit dem Philharmonischen Orchester Gelsenkirchen aufgegangen in der Neuen Philharmonie Westfalen)

Vox, Mediaphon, Turnabout, Adora, Zyx

Ca. 1963

16:52  16:18  9:45  16:05  59:00

 

 

Die historischen Mono-Aufnahmen

 

 

5

Wilhelm Furtwängler

Berliner Philharmoniker

Melodija, Music and Arts, Andromeda, Tahra, Pristine

1943, live

16:21  7:36  12:24  36:21

 

5

Georg Ludwig Jochum

Linzer Bruckner-Reichsorchester des Deutschen Rundfunks (heute: Bruckner Orchester Linz)

Urania, Dante, Lys, Forgotten Records

1944

13:51  17:26  8:06  12:02  51:25

 

 

 

4-5

Volkmar Andreae

Wiener Symphoniker

Amadeo, Music and Arts

1953

14:15  15:31  8:27  12:17  50:30

 

4-5

Hans Müller-Kray

Südfunk-Sinfonieorchester Stuttgart (zwischenzeitlich: Radio-Sinfonieorchester Stuttgart ("des SWR" zusätzlich seit der Senderfusion 1998 mit dem SWF) und schließlich seit der Fusion mit dem Ochester aus Baden-Baden und Freiburg 2016: SWR-Sinfonieorchester)

Hänssler

1962

16:31  16:05  7:55  14:37  55:08

 

4-5

Hans Rosbaud

Sinfonieorchester des SWF, Baden-Baden (später nach der Fusion der Sender SDR und SWR 1998: SO des SWR Baden-Baden und Freiburg und schließlich nach der Fusion der Orchester 2016: SWR-Sinfonieorchester)

SWR Music

1961

16:20  18:15  9:40  13:69  58:14

 

 

 

4

Otto Klemperer

Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Andromeda, Music and Arts

1961, live

17:10  12:33  8:31  12:00  50:14

 

4

Christoph von Dohnanyi

Sinfonieorchester des NDR (heute: NDR Elbphilharmonie Orchester)

Somm

1961, live

15:41  17:57  9:13  14:44  57:35

 

4

Frederick Charles Adler

Wiener Symphoniker

Music and Arts, Tahra

1952, live

16:13  17:10  10:39  14:21  58:23

 

 

Aufnahmen, die mehr oder weniger den Errungenschaften der HIP folgen, sei es bei der Besetzungsgröße, der Phrasierung, dem Vibratoeinsatz, Instrumentarium oder Orchesteraufstellung.

 

 

5

François-Xavier Roth

Gürzenich Orchester Köln

WDR

2023, live

15:53  15:15  8:03  12:40  51:51

 

5

Pablo Heras-Casado

SWR-Sinfonieorchester

SWR

2024, live

14:34  15:46  8:01  12:52  51:13

 

5

Thomas Dausgaard

Bergen Philharmonic Orchestra

BIS

2018

14:55  16:38  8:02  12:39  52:14

 

 

 

4-5

Thomas Hengelbrock

NDR-Sinfonieorchester (heute: NDR Elbphilharmonie Orchester)

NDR

2011, live

14:21  15:45  8:19  12:33  50:58

 

4-5

Robin Ticciati

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

Linn Records

2018

14:14  15:24  7:34  13:43  50:55

 

4-5

Paavo Järvi

HR-Sinfonieorchester

RCA

2010, live

15:16  15:10  7:44  14:05  53:15

 

4-5

Roger Norrington

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (heute: SWR-Sinfonieorchester)

Hänssler, SWR Music

2008

15:19  15:20  7:42  12:06  50:27

 

4-5

Christoph König

Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern (kurz: DRP)

SR

2017, live

14:38  15:55  7:46  14:52  53:11

 

 

 

4

Marcus Bosch

Sinfonieorchester Aachen

Coviello

2009, live

13:19  16:04  9:25  13:46  52:34

 

4

Mario Venzago

Berner Sinfonieorchester

cpo

2011

14:00  14:18  7:41  14:06  50:05

 

4

Yannick Nézet-Séguin

Orchestre Métropolitain, Montréal

Atma

2012

14:18  17:20  8:02  13:55  52:35

 

 

 

3-4

Ivor Bolton

Mozarteumorchester Salzburg

Oehms

2010, live

15:20  16:32  8:18  13:53  54:04

 

 

 

Weitere Live-Mitschnitte mitgeschnitten bei Konzertübertragungen des Rundfunks, aus Mediatheken und von Youtube übernommen, HIP spielt hier kaum oder gar keine eine Rolle.

 

 

 

5

Günther Wand

Sinfonieorchester des NDR (heute: NDR Elbphilharmonie Orchester)

TDK-Video, NDR- oder ARD-Mediathek, YouTube

1996

16:15  15:47  8:45  13:40  54:27

 

5

Riccardo Chailly

Berliner Philharmoniker

RBB

2014, live

16:19  17:33  8:23  14:39  56:54

 

5

Christoph Eschenbach

HR-Sinfonieorchester

HR

2016, live

15:52  18:27  8:24  16:36  58:36

 

 

 

4-5

Kent Nagano

SWR-Sinfonieorchester

SWR, YouTube

2019, live

16:20  16:16  8:11  13:57  54:44

 

4-5

Paavo Järvi

Tonhalle Orchester Zürich

Eigenproduktion des Orchesters, eingestellt bei YouTube

2022, live

16:00  15:30  7:56  15:40  55:06

 

4-5

Robin Ticciati

Bergen Philharmonic Orchestra

Eigenproduktion des Orchesters

2016, live

13:54  15:15  7:43  13:01  49:52

 

4-5

John Storgards

Berliner Philharmoniker

RBB

2022, live

16:25  16:20  8:30  13:50  55:05

 

4-5

John Storgards

HR-Sinfonieorchester

HR, YouTube

2024, live

16:44  16:04  8:23  13:33  54:44

 

4-5

Myung Whun Chung

Hangzhou Philharmonic Orchestra

SWR

2024, live

13:35  17:13  8:04  13:46  52:38

 

4-5

Myung Whun Chung

Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken

YouTube

1987. live

15:47  19:18  8:34  15:55  58:34

 

 

 

4

Tomas Hanus

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

DLF

2023, live

17:10  18:36  8:21  14:19  58:26

 

4

Marek Janowski

Berliner Philharmoniker

RBB

2019, live

16:36  16:36  8:21  12:51  54:24

 

4

Alexander Merzyn

Philharmonisches Orchester Cottbus

RBB

2022, live

15:56  19:10  8:32  14:51  58:29

 

Die Rezensionen:

 

Die Stereo-CDs:

 

5

Joseph Keilberth

Berliner Philharmoniker

Telefunken

1963

17:01  14:35  8:42  15:12  55:30

Diese Aufnahme wurde im UFA-Tonstudio in der Viktoriastraße, Berlin-Tempelhof, gemacht. Das war damals einer der führenden Aufnahmesäle für klassische Musik in Berlin. Sie erschien damals als es außer der Mono-Aufnahme von Swoboda von 1950, die man heute gar nicht mehr findet, keine weitere Aufnahme auf dem Markt gab. Die früheren Radio-Mitschnitte von Furtwängler, Andreae und Adler oder Müller-Kray und Rosbaud, sind alle erst viel später auf Tonträger veröffentlicht worden. Die Resonanz war nichtsdestotrotz bescheiden. Erst von der ein Jahr später aufgenommenen Klemperer-Aufnahme nahm man auf breiter „Front“ Notiz und nicht weiter verwunderlich wurde die Aufnahme für viele Jahre die Referenz-Aufnahmen des Stückes, es gab ja auch nichts anderes, was nennenswert gewesen wäre. Eine Aufnahme mit HUBERT Reichert wurde ungefähr zu dieser Zeit ebenfalls publiziert. Joseph Keilberth besaß zwar in Fachkreisen eine enorme Autorität für das deutsche Kernrepertoire, galt jedoch im Zeitalter des sich weiterentwickelnden  „Dirigenten-Kults“ (angeführt von Figuren wie Herbert von Karajan) oft unentschuldbar nur als solider, aber vermeintlich unspektakulärer „Theaterkapellmeister“. Telefunken produzierte zudem eigentlich nur für den deutschen Markt, wie sollte die Einspielung dann jenseits der Grenzen bekannt werden? Zudem galt das Stück selbst als Stiefkind und die Marketing-Strategie fiel entsprechend dürftig bis nicht vorhanden aus. Keilberths tiefgründigen, schnörkellosen Interpretationen wurden von der internationalen Hochglanz-Kritik jener Jahre häufig übersehen. Wäre er statt Karajan bei der DG unter Vertrag gewesen, wäre seine Karriere sicher anders verlaufen. Er stand wie Eugen Jochum und Rudolf Kempe nach Furtwänglers Tod, genau wie Sergiu Celibidache als Nachfolger bei den Philharmonikern bereit, aber wir wissen ja, wie sich das Orchester entschieden hat. Anderes von Keilberth wurde gar nicht erst veröffentlicht, denken wir nur an den hochgenialen (gibt es das Wort überhaupt?), bereits „entschlackten“, modern wirkenden Bayreuther „Ring“ von 1955 in makellosem Stereo, aufgenommen von Decca. Zur Kenntnis gelangte der erst durch eine Veröffentlichung bei Testament. Ein Vergleich der beiden Aufnahmen der Sechsten von Keilberth und Klemperer spricht aus heutiger Sicht bei aller Wertschätzung (ja Verehrung für Herrn Klemperer) für die Aufnahme von Joseph Keilberth. Wegen der über 60jährigen Vernachlässigung dieser Bruckner-Aufnahme, aber in erster Linie wegen ihrer musikalischen und klanglichen Vorzüge haben wir die Einspielung an die prestigeträchtige erste Stelle unseres Vergleiches gesetzt.

Das Majestoso beginnt spannend, pulsierend und mit vitalem Schwung. Die Berliner wirken dabei reaktionsschneller als das Philharmonia Orchestra unter Klemperer. Obwohl langsamer ist mehr Zug dahinter, auch über den gesamten Satz gesehen. Keilberth nimmt die Tempi flexibler und geht auf die Vorschriften in der Partitur viel besser ein. Man höre sich nur das „bedeutend langsamer“ beim zweiten Thema an, das bei Klemperer fast übergangen wird. Keilberth lässt intensiver, gespannter, expressiver spielen als Klemperer, man hört eine gute Basslinie und viel aufopferungsvollen Enthusiasmus. Die Präzision im Rhythmischen lässt keine Fragen offen. Bei alledem wird Bruckner beim Wort genommen. Obwohl langsamer als Klemperer wirkt es schneller. Das Orchester klingt voll, sonor und flexibel, nie breit oder träge, sehr wohl aber gewichtig, wenn erforderlich. Der Gestus dramatisch, die lyrischen Passagen nostalgisch und als traurige Erinnerung an vergangene Zeiten, alles präzise erfasst, aber in erster Linie sehr leidenschaftlich. Der finale Höhepunkt, der in vielen Einspielungen das Pendant im vierten Satz deutlich überstrahlt, herausragend stringent.

Beim zweiten Satz sind sich Keilberth und Klemperer beim Tempo einig und wählen gerade für ein Adagio sehr zügiges „Andante-Tempo“. Es soll fließen, nicht stocken. Das zweite Thema klingt so ein wenig hastig und zumindest auf der mit einer frühen Digitalisierung versehenen alten CD nicht so warm wie bei der neuen. Der Trauerzug beim dritten Thema schreitet so recht schnell, aber unerbittlich voran, wie das Leben ja meistens ebenfalls. Manchmal könnte man gegenüber breiteren Versionen meinen (allen voran: Celibidache) zu hastig. Es klingt aber düster und kompromiss- oder ausweglos, genauso wie tiefgründig. Die Philharmoniker spielen ungemein expressiv, jedoch ohne Weihrauch-Nebelschwaden, klar- und hellsichtig. Die Dynamik spricht ebenfalls für diese Einspielung. Wir hätten auch für gläubige Entrückung ein offenes Ohr, aber die finden wir viel ausgeprägter in anderen Einspielungen, die man mit Fug und Recht genauso hochschätzen darf.

Das Scherzo klingt sehr dynamisch, scharf artikuliert und unheimlich. Ein Tanz von Schatten vielleicht, ein Totentanz, mit nächtlichem Schreien des Windes und klagendem Pfeifen. Mit manischen Wiederholungen (Bruckner hatte ja eine Wiederholungs- oder Abzählmanie). Man sagt ja, das Scherzo wäre für Bruckners Bezeichnung verantwortlich, dass dies seine „keckste“ Sinfonie wäre. Wir können da nichts „Keckes“ (zumindest nicht dem heutigen Wortsinn nach) erkennen. Sicher meint er „kühnste“ und das würde dann auch nicht nur für diesen einen Satz gelten, sondern für alle vier. Das Trio lässt mit aggressiven Einwürfen des Blechs und beim Dialogisieren zwischen Streichern und Holz ebenfalls wenig Liebliches erkennen. Das Blech spielt ungemein kraftvoll, das lässt an die Aufnahme Furtwänglers 20 Jahre zuvor denken. Ob da, 1963 noch der ein oder andere Bläser von damals mit von der Partie war? Ein Vergleich mit der Berliner Barenboim-Aufnahme erweist sich als niederschmetternd, oder doch zumindest aus einer anderen Welt kommend.

Im Finalsatz gelingt es Keilberth besonders gut den Satz überzeugend zu strukturieren. Zumal die immer wieder unterbrechenden heftigen, ja eruptiven Attacken des Blechs zu den besonderen Höhepunkten gehören (wegen der sprichwörtlichen Gänsehaut, die sie verursachen). Das strahlt wunderbar, aber alles andere als feierlich. Bei den Tempomodifikationen bleibt Keilberth erneut partiturgenau, d.h. bisweilen aber auch: er handelt im Sinne der Musik, denn damals erwartete man von einem Dirigenten, dass er weiß, wie die Tempi zu modifizieren sind, auch wenn gar nichts davon in der Partitur steht. Ohne in Willkür zu verfallen wohlgemerkt. Das gelingt Keilberth, wobei er immer expressiv und rhythmisch sehr genau spielen lässt. Die Struktur des Werkes wird deutlich gemacht und mit Ausdruck gefüllt. Eine hohe Kunst bei dem schwierigen Satzgefüge. Extreme Kontraste gibt es nicht um ihrer selbst willen. Die Spielweise ist traditionell, aber Keilberth hält die Musik fließend. Auch hier herrscht (das genau wie bei Klemperer) Nebelschaden vermeidende Klarheit vor. Ein Bruckner in Bayreuther Tradition, der alle in unserer Einleitung skizzierten Interpretationsrichtungen sozusagen summiert. Allerbestes, hoch animiertes Brucknerspiel der Philharmoniker im legendären Telefunken-Röhrenklang. Und man muss es einfach erwähnen: Mit einem Blech zum niederknien.

Die Aufnahme klingt bereits sehr klar und körperhaft, letzteres ist wahrscheinlich, wie die Plastizität und die leuchtende, doch weiche Farbgebung auf die Telefunken-Röhrentechnik zurückzuführen. Da war der Stand der Aufnahmekunst bis man den Transistor etablierte, was manche bis heute beweinen. Die Tiefendimension erscheint bereits glaubhaft. Die Violinen klingen eine Winzigkeit heller als beim wunderbar sonor aufspielenden und aufgenommenen New Philharmonia Orchestra Klemperers. Allerdings wurde die EMI-Aufnahme schon wieder restauriert. Ohne Härten lässt die Telefunken-Aufnahme die Musik bestens konturiert und artikuliert hören.

 

Hier kann man sich derzeit die Aufnahme bei YouTube anhören:

https://www.youtube.com/watch?v=xycI0Wz_YXA

 

 

5

Bernard Haitink

Royal Concertgebouw Orchestra

RCO Live

2018, live

17:20  18:35  9:07  16:00  61:02

Von den vier Aufnahmen des Stückes, die wir von Bernard Haitink (1929-2021) finden konnten, ist dies die letzte. Sie ist beim orchestereigenen Label als Audiostream veröffentlich worden, aber identisch mit der Medici-Videoproduktion, also sozusagen eine überarbeitete Video-Tonspur. Alles digital selbstverständlich ohne zu rauschen und längst nicht mehr an den klanglichen Fähigkeiten der alten Röhrenfernseher orientiert. Es klingt vorzüglich. Die Aufnahme aus dem Concertgebouw entstand nur ein Jahr nach der Münchner Produktion Haitinks für den BR und sechs Jahre nach der Produktion des Labels in Amsterdam mit dem damaligen Chef Mariss Jansons. Man sieht: Die Sechste hat mittlerweile Konjunktur. Der Vollständigkeit nennen wir noch die beiden übrigen Aufnahmen Haitinks: Es gibt noch die Veröffentlich mit der Staatskapelle Dresden bei Hänssler von 2003 und die CD-Produktion innerhalb der Gesamtaufnahme für Philips mit dem Amsterdamer Orchester von 1970. Auf alle drei kommen wir noch zurück.

Bernard Haitink verabschiedete sich zum letzten Mal mit diesem Konzert 2018 von seinem Amsterdamer Publikum und seinem Orchester, dem er jahrzehntelang z.T. als Chef, z.T. als Ehrendirigent engstens verbunden war. Er war da 89 Jahre alt. Er dirigiert nun noch langsamer als 2003 in Dresden und 2017 in München und weniger jugendlich-drängend als in München als er gerade mal 88 Jahre alt war. Gerade die Unterschiede in diesem einen Jahr sind evident. Es macht trotzdem keinen großen Unterschied, welche der beiden Aufnahmen zuerst genannt wird, denn beide sind von herausragender Qualität.

Das Majestoso des ersten Satzes wirkt enorm ruhevoll, gelassen und souverän. Es wächst ihm echte Erhabenheit zu ohne dabei je steif zu wirken. Die Musik strömt wie selbstverständlich, so, als ob es gar nicht anders sein könnte. Das Orchester spielt mit einer rundum bestechenden Qualität, eigentlich braucht man auf keine Orchestergruppe, auf keinen Solisten eigens einzugehen, denn man findet überall nur Exzellenz. Das Blech braucht nie überlaut zu werden, denn durch die fantastische Innenbalance des Orchesters, wäre das nicht nur nicht nötig, sondern würde dieses Detail gleich aus dem makellosen Gesamtbild oder sogar aus dem Rahmen kippen lassen. Es klingt wunderbar austariert und wunderbar detailreich und nuanciert. Es ist ein sozusagen „magisches“, irisierendes Leuchten zu hören, das nur sehr wenigen der besten Einspielungen zu eigen ist. Die Darbietung wirkt bemerkenswert architektonisch, bemerkenswert ausdrucksstark und es ergibt sich sogar ein gewisser Zusammenhalt innerhalb der vier Sätze, die Form des Ganzen ergibt sich von innen heraus. Das war ein Jahr zuvor in München mit dem BRSO so nicht zu hören, jedenfalls ist es uns nicht aufgefallen. Beim Tempo nimmt Haitink das 2003er Tempo aus Dresden wieder auf. In München ging es erheblich zügiger und schwungvoller zu. Ob sich da die Bayerische Lebensfreude bemerkbar gemacht hat? Jedenfalls wirkte das Musizieren in München tatendurstiger, drängender.

Im Adagio nähert sich der Holländer nun schon immer mehr an Celibidaches Tempi an. Aber die Musik fließt geschmeidig, strömend, aber nie fest und immer noch bemerkenswert flexibel. Das beschwingte Tempo aus München auch im Adagio ist nun weitgehend verschwunden und macht nun einer sehr feierlichen, fast schon transzendenten Anmutung Platz. Pure Schönheit könnte man vielleicht auch schreiben. Nach bis dato 46 gehörten Aufnahmen fiel dies direkt auf und blieb im Ohr. Das gefühlvolle, empathische Spiel des Orchesters, das wusste, dass es den Dirigenten das letzte Mal vor sich sehen würde, mag da auch eine Rolle gespielt haben, denn das Konzert war als „Abschiedkonzert“ tituliert. Das dritte Thema erklang wirklich herzzerreißend. Allgemein wirkt das Musizieren in Amsterdam noch tiefer empfunden als nur ein Jahr zuvor in München. Gebannt folgt man dem was man da zu hören bekommt und man wähnt sich der Vollkommenheit nah.

Das Scherzo gehört wohl ebenfalls zu den langsameren, aber es gibt was zu erzählen und es klingt wunderbar dynamisch. Das Trio sehr ausdrucksvoll, wie zum Dahinschweben. Für kurze Zeit nur, bevor man von der Wiederholung des Scherzos wieder auf den Boden der zurückgeholt wird. Warme, samtweiche Streicher, eloquentes, kraftvolles Holz, golden glänzendes Blech. Ein ganz besonderer Hochgenuss, der einem selbst von diesem Orchester nicht immer geboten wird. An diesem Abend passte einfach alles zusammen.

Das Finale passt zu den übrigen Sätzen. Man fragt sich, wo der (eigentlich verbietet sich diese Bezeichnung angesichts des Gehörten) greise Mann diese vollkommene Konzentration hernimmt, immer noch mit stets konzisen doch zugleich flexibel wirkenden Tempi den schwierigen letzten Satz so souverän zusammenzuhalten. Die absolut begeisternde Holzbläserpräsenz mag man noch als ein Geschenk der Musiker sehen. Und natürlich haben die Posaunen in der Coda noch genug Luft um das Hauptthema aus dem ersten Satz samtig strahlend über das übrige Blech zu hieven. Da helfen alle anderen mit, damit auch der letzte Ton ein vollkommenes Ganzes ergibt.

Der Klang bei dieser Aufnahme ist sehr offen, angemessen dunkel und sonor, wunderbar transparent, weich, wunderbar abgerundet, ausgewogen und homogen. Er ist sehr plastisch und das Orchester klingt sehr gut gestaffelt. Der Gesamtklang besticht, denn schöner geht es nicht. Nur die Dynamik könnte noch mehr geweitet sein, nicht im leisen, sondern im lauten Bereich. Glücklicherweise gibt es noch diesen kleinen Makel, sonst könnte man es kaum glauben, was man da zu hören bekommt. Der Musikgenuss ist völlig frei von Störgeräuschen des Publikums. Wir haben nur die Audiodatei gehört. Auf den Bildeindruck des Videos haben wir lieber verzichtet. Es ist derzeit auf YouTube nicht zur Gänze verfügbar aber man kann sich einen dreiminütigen Ausschnitt dieses letzten Konzerts Haitinks, eingestellt von Mezzo, auf YouTube anschauen.

https://www.youtube.com/watch?v=OkSLGUkWuYA

 

 

5

Bernard Haitink

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR Klassik

2017, live

16:20  15:11  8:28  14:51  54:50

Diese Aufnahme entstand in der Philharmonie am Münchner Gasteig. Von den vier gehörten Aufnahmen mit Bernard Haitink ist dies die vorletzte.

Man vernimmt im Majestoso die Gelassenheit aus Dresden der Aufnahme von 2003 kombiniert mit einem etwas langsameren Tempos. Der Gestus hingegen wirkt hellwacher und durchaus ein wenig drängender als in Dreden und 2018 in Amsterdam. Erneut hören wir fließende Übergänge, das nahtlose Übergeben von Gruppe zu Gruppe. Nur das Blech wirkt in München erheblich dynamischer aufgenommen als in allen anderen Haitink-Aufnahmen. Nicht zuletzt dadurch herrscht hier ein kraftvoller Puls vor, der die Dresdner Aufnahme quasi überspringt und direkt an die 1970er Einspielung aus Amsterdam anzuknüpfen scheint. Allerdings mit dem klanglichen Luxus aus Dresden kombiniert. Wir hören nicht nur ein knackigeres Blech, auch präsentere, straffere Bässe und eine kontraststärkere, temperamentvollere und dynamischere Entwicklung als in Dresden. Man muss die kraftvollen Hörner eigens erwähnen, denn allzu oft hört man sie nur hintergründig. Nicht beim BR. Der Satz ist geprägt von jugendlich-frischer Energie und einem feurig anmutenden Spiel, das man von einem 88jährigen Dirigenten nie und nimmer hätte erwarten können. Aber ähnlich sprachlos waren wir noch bei einigen anderen, sodass wir mittlerweile vermuten, dass die Musik Bruckners bei manch einem als Jungbrunnen zu wirken scheint. Das Satzfinale erklingt erhebend.

Auffallend beschwingter als in Dresden aber auch objektiv zügig, nie gehetzt, durchaus feierlich doch irgendwie auf eine beschwingt-beseelte Art, obwohl sich beide Attribute vordergründig auszuschließen scheinen, erklingt das Adagio. Es wird sagenhaft präzise gespielt und es klingt ungemein transparent, für eine Live-Aufnahme kaum zu glauben. Ohne jede Trägheit aber mit mehr Tiefe als in Dresden und als in der 1970er Philips-Aufnahme sowieso, bricht sich in bei erwärmender Anmutung doch Melancholie und Resignation Bahn. Dabei wirkt die Musik immer gerade so geformt, um den spontanen, wie gerade erlebten Charakter nicht zu verlieren. Da steht viel Sanftmut neben tieftraurigen Passagen, genauso wie mutige Aufschwünge. Da erklingt das Leben mit so vielen seiner Facetten. Auch Bruckner wollte ja, wie später Mahler, dass in seiner Musik eine ganze Welt erklingt. Wenn man einen so erfahrenen Dirigenten hat mit einem mit der Sinfonie und mit der Musik Bruckners allgemein bestens vertrauten Orchester hören kann, wird das möglich. Edel und ausdrucksstark, aber vor allem auch von einer Idee erfüllt und begeistert.

Das Scherzo erweist sich als pulsierend, kraftstrotzend und als sehr lebendig. Das hört sich an, als dirigiere hier ein zwar souveräner aber auch junger Mann (oder Frau) in den besten Jahren. Das beginnt bei einem Bruckner-Dirigenten anscheinend erst mit 70 oder doch noch eher mit 80. Da scheint belebend die Sonne durch und im Trio kann man Kraft tanken, Vielleicht bei der Jagd, damals war sie ja noch existenziell wichtig zur Ernährung und nicht nur Divertissement oder sportliche Betätigung mit Todesfolge für die Vierbeiner oder das Federvieh. So wäre man gewappnet für alles was da noch im letzten Satz kommen möge. Erneut wären die Hörner zu loben, aber das ganze Orchester spielt sehr ausdrucksstark und sehr brillant. Und akustisch schwebt die Musik geradezu wie schwerelos dahin. Zumindest einmal über die Taktstriche hinweg.

Im Finale werden die komplexen Rhythmen genauso wie die reichen Tempoabstufungen mit souveräner Gelassenheit gemeistert. Einziger Makel dieser außergewöhnlich gelungenen Aufnahme: Die „Schlussapotheose“, wenn man die Coda einmal so nennen darf, lässt die Posaunen zwar vorzüglich hören aber nur zum Preis von wie abgedimmt spielenden Trompeten. Das hat eine beträchtliche Reduktion des Trompetenglanzes zur Folge. Die Hörner hingegen dürfen ordentlich schmettern. Das gelingt den Münchner Philharmonikern bei Wand, vor allem aber bei Celibidache besser und den Amsterdamern in der Aufnahme von 2018 ebenfalls. Aber Wand und Celibidache waren ja auch noch jünger, Wand 87 und Celibidache gerade mal 79. Bei Haitink klingt es aber spannender und frischer, da schleppt sich nichts dahin. Die kühnste Sinfonie Bruckners ist es, nicht die keckste. Bei all diesen Meisterdirigenten wie Haitink, Wand, Celibidache, aber auch bei Klemperer, Stein und selbstverständlich Joseph Keilberth merkt man, dass die Sechste ohne wenn und aber zu den Meistersinfonien Bruckners gehört.

 

5

Sergiu Celibidache

Münchner Philharmoniker

EMI (links); Sony (rechts)

beide 1991, live

16:59; 17:04

21:58;  21:42

8:16;  8:10

15:05;  15:12

60:18  62:08

Bevor wir in die Details gehen, gibt es einen der bekanntesten Sprüche Celibidaches: „Bruckners Existenz ist Gottes größtes Geschenk an die Menschheit.“ Oder: „Dass es Bruckner gegeben hat, ist für mich das größte Geschenk Gottes.“ Und dazu zum Kontrast gleich noch einer. Celibidache zu dirigierenden Berufs-Kollegen: „Diese Kameltreiber haben von Bruckner absolut nichts verstanden!“ Davon ausgenommen hat er zumindest einmal Günter Wand, der zur selben Zeit bei den Münchner Philharmonikern ausverkaufte Konzerte dirigieren durfte. Man schätzte sich.

Zu den Spielzeiten: linke Rubrik EMI; rechte Rubrik Sony. Die EMI-CD wurde aus einem Konzert ohne Schnitte übernommen, genau nur am 29.November 1991, die Sony-CD ist der Soundtrack der Videoveröffentlichung, und als solcher ein Zusammenschnitt aus den vier Konzertabenden vom 26.-30 November 1991. Die Tonmeister sind ebenfalls verschieden: Gerald Junge bei EMI und Sid McLachlan bei Sony. Beide Tonträger resultieren also aus derselben Einstudierung. Dem von Celibidache bevorzugte Live-Charakter würde die EMI-Ausgabe also eher entsprechen.

Man darf aber annehmen, dass die Kameras an allen Abenden mitliefen, also die EMI-Aufnahme ebenfalls nicht ganz ungestört erfolgt ist, obwohl das Kamerateam sicher extrem dezent und unauffällig seine Arbeit verrichtet hat.

Celibidache war von 1979-96 GMD der Münchner Philharmoniker. Ihm ging es letztlich darum, das Metaphysische in der Musik Bruckners zu suchen, zu finden und hörbar zu machen. Das beginnt schon gleich zu Beginn. Da darf der Rhythmus der Streicher sich keinesfalls wie Morsezeichen anhören. Der Zugriff im Majestoso ist kraftvoll und durchaus noch zielstrebig, ja drängend. Die lange Spielzeit der Sinfonie resultiert fast alleine vom das Adagio, die Tempi der übrigen Sätze verlassen kaum die erweiterte Norm. Das Orchester befindet sich in hervorragendem Zustand und klingt einfach fantastisch. Damals beneideten Dirigenten aus ganz Deutschland Celibidache um den Klang seines Orchesters. Von einem „Deutschen Klang“ war da die Rede, angelehnt an den Klang der Berliner Philharmoniker aus der Furtwängler-Zeit, so wie ihn Celibidache aus seiner Zeit in Berlin kennengelernt hatte. Und so wie er ihn vermissen musste, als man ihm das Orchester quasi entzogen hatte. Die Münchner klingen so wie es nachzuhören ist, besser als in ihrer späteren Aufnahme mit Gergiev. Sonorer, dunkler, genau mit dem Perlmuttglanz, der uns gerade bei Bruckner so gut gefällt. Erhabenheit ist einer der herausragenden Eigenschaften von Celibidaches Bruckner. Dabei spürt man eine besondere Ausstrahlung von Ruhe, die nie mit Gleichgültigkeit oder Sachlichkeit einhergeht. Es klingt vielmehr zumindest einmal im ersten Satz eher romantisch suchend und bisweilen schwelgerisch im Klang. Die Trompeten, in vielen Aufnahmen zu einem aufdringlich hellen Klang neigend, der bei Bruckner eigentlich unerwünscht ist, klingen hier eher weich, rund und warm. Leider ist das Blech aber auch in dieser Aufnahme komplett von links zu hören. Besser wäre es, den Hörnern eine eigne Seite zu überlassen, damit sie angemessen ungestört zur Geltung kommen können. Der sonore Zusammenklang ist dadurch nicht gefährdet, wie einige hochklassige Orchester in dieser Zusammenstellung bewiesen haben. Obwohl Celi langsamer dirigiert als Gergiev kann er die Spannung besser halten und trotz der Anordnung des Blechs wirkt das Orchester viel feinfühliger ausbalanciert. Der Unterschied EMI zu Sony: Uns sind bei der Sony-CD keine Schnitte aufgefallen, allerdings haben wir auch nicht explizit danach gesucht. Aber der schöne volle, dunkle und sonore EMI-Klang geht bei Sony etwas verloren, es klingt heller, nicht so füllig und satt. Details zum Klang gibt es wie gewohnt am Ende der Besprechung der Einspielung. Nun zum Adagio.

Uns erscheint das Spiel im Adagio genauso subtil wie sprechend und kantabel. Die Darbietung wirkt erstaunlich frei und flexibel, es gelingt sie trotz rekordverdächtiger Langsamkeit mit Leben zu füllen. Ein Leben voller Sehnsucht aber auch „gelassener Hinwendung“ zur Transzendenz. Der Klang bleibt in jeder Situation konsistent. Man spürt den Versuch in jeder Situation Artikulation, Lautstärke und Raum zu einem Einklang zu bringen. Dazu braucht es, man möchte es meinen natürlich, seine Zeit. Man erhält von ihr dann eine magisch wirkende Strahlkraft zurück, die wir auch 2018 bei Haitink in Amsterdam bereits hören durften. Hörner, Oboen, Streicher, die klingen alle fantastisch, wirken aber auch hellwach. Da kommt kaum noch ein weiteres Orchester heran, aber: Aber lassen wir uns mal überraschen. Am Ende ereignet sich sowas wie ein Übergang in die Unendlichkeit. Nur die Physik nötigt dazu, das Speil zu beenden, möchte man meinen, wäre da nicht auch noch die Partitur. Auch im zweiten Satz gebührt die Palme eindeutig der EMI-CD, die zwar mehr Publikumsgeräusche hören lässt, aber auch deutlich mehr Dynamik, mehr Plastizität und eine stärkere Leuchtkraft.

Im irrlichternden Scherzo sind die Hörner zwar nur leise aber doch markant zu hören. Wunderbar weit klingt das Trio, das darüber hinaus gut akzentuiert und beseelt gespielt wird.

Das Finale klingt wie die Sätze zuvor durch und durch stimmungsvoll. Nach dem drängend-offensiven Kurs zu Beginn wendet sich die Konzentration dann wieder dem Innenleben zu. Das heißt einem höchst differenzierten Pianobereich. Bedrohliche Effekten nehmen wir kaum noch wahr, höchstens, die bei Celibidache höchst mysteriös aufleuchtenden Tristan-Zitate. Ansonsten probiert man es zaudernd und zweifelnd eine Lösung herbeizuführen, neues ausprobierend, oder bewährtes in neuer Konstellation, stets wird ausdrucksvoll die Musik im Fluss gehalten. Schöner kann es bei alldem kaum klingen. Und die Posaunen bei der abschließenden Wiederkehr des Hauptthemas aus dem Kopfsatz könnte kaum deutlicher sein. Auch hier hat die EMI-Version die Nase wieder vorn. Also wenn Celibidache, dann die komplett ungeschnittene EMI. Sie portiert die Errungenschaften des Münchner Orchesterklangs einfach besser. Irgendwie wirkt gerade der letzte Satz in der EMI-Version großbogiger, weniger episodenhaft, ohne auf Detailzeichnung zu verzichten. Und: Das Blech kommt brillanter heraus. Die Sache erscheint eindeutig. Noch ein kleiner unbedeutender Unterschied zwischen den beiden Ausgaben: Beim Mitschnitt, den EMI übernommen hat, kommt am Ende lange kein Applaus. Bei Sony setzt er sofort ein. Beim Video möchte anscheinend niemand so lange auf die Beifallsbezeugung warten, man würde vielleicht zweifeln, ob das Gehörte überhaupt von Wert war. Die Spielzeiten sind wie immer ohne Pausen und ohne Beifallsbekundungen angegeben.

Generell klingen beide Ausgaben räumlich, sehr klar und räumlich. EMI klingt um Nuancen weicher, voller farbiger, körperhafter, voluminöser und die Violinen noch seidiger. Alles ein klein wenig präsenter. Dynamisch klingt es meist frei, nur an wenigen Stellen ein wenig gepresst. EMI wirkt dynamischer als die Sony-Version. Bei Sony setzt man andere Prioritäten, da muss der Klang zu allererst zum Bild passen, dient vielleicht für viele nur zur Untermalung desselben.

 

Die Videoproduktion wurde bei YouTube eingestellt. Vorsicht, das Vergnügen ist mit Werbung versehen, das heißt, wenn man die Quelle mit der heimischen Anlage verbunden hat, es kann unversehens sehr laut werden.

https://www.youtube.com/watch?v=CIU4m-PWd6U

 

 

5

Günter Wand

Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks (heute: NDR-Elbphilharmonie-Orchester)

RCA

1988, live

16:06  15:46  8:56  13:25  54:13

Von Günter Wand existieren (mindestens) sechs Aufnahmen der Sinfonie Nr. 6 A-Dur. Damit ist er unangefochtener König in der Aufnahmegeschichte der 6. Sinfonie. Alleine drei davon entstanden mit dem Orchester des NDR. Die erste 1988 aus der Musikhalle, eine zweite 1995, ebenfalls aus der Musikhalle, dann ein Videomitschnitt 1996 aus der Lübecker Musik- und Kongresshalle. Seine erste Aufnahme entstand mit dem damaligen Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester im Rahmen seiner einzigen Gesamtaufnahme aller Bruckner-Sinfonien. Sie fällt leider klanglich und nicht zuletzt dadurch bedingt durch das Orchesterspiel ein wenig ab, obwohl es die einzige Studioproduktion ist. Dann gibt es noch einen Mitschnitt mit dem DSO, dem Deutschen Sinfonieorchester Berlin aus der Berliner Philharmonie von 1995 und einen aus der Münchner Philharmonie mit den dortigen Philharmonikern von 1999, der dann seine letzte Aufnahme der Sinfonie bleiben sollte. Da war er 87. Eine geplante Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern kam nicht mehr zustande. Günter Wand starb 90jährig im Jahr 2002. Bei der WDR-Aufnahme im Köln 1988 war er 76 Jahre jung. Die Aufnahme setzt sich aus Mitschnitten aus zwei Konzertabenden zusammen. Wir haben uns übrigens alle Aufnahmen angehört, es gibt Unterschiede, die für die meisten Hörer wahrscheinlich als marginal gelten würden. Aber wer beispielsweise gerne den Holzbläsersatz deutlich und präsent hören möchte, der sollte zum Mitschnitt aus der Lübecker Musik- und Kongresshalle greifen.

In allen Aufnahmen von Günther Wand wird Weihe und Kitsch vermieden. Er begegnet dem ersten Satz, Majestoso überschrieben, was ausdrücklich keine Tempoangabe darstellt, mit straffen, zügigen Tempi und rhythmischer Klarheit. Das gleichzeitige Auftreten von Duolen und Triolen wird ja oft als „Bruckner-Rhythmus“ bezeichnet. Er macht dem NDR in dieser Aufnahme keine Probleme. Das Majestoso wirkt impulsiv. Den wenigsten Dirigenten gelingt ein stolzes Majestoso mit einer gleichzeitigen impulsiven Lebendigkeit. Das NDR SO klingt sehr viel klangschöner als das WDR SO, das leider verhältnismäßig hart aufgenommen wurde und entsprechend trostlos klingt. Natürlich wird auch in Köln bereits sachlicher Erkenntnisreichtum mit leidenschaftlichem Spiel kombiniert aber es klingt vor allem sachlich und trocken. In Hamburg vernimmt man einen echten substanziellen Zugewinn. Es fehlt jetzt nicht mehr an Anmut und klanglicher Sinnlichkeit. Im Tempofragen begegnet uns Wand flexibler und viel weniger eigensinnig, doch genauso bestimmt wie wir es in der „alten“ Referenzaufnahme Klemperers hören konnten. Das Verfallen in romantische Exzesse ist Günter Wand verpönt, ein Zerfall der architektonischen Form, der daraus erfolgen könnte, ein Gräuel. Das NDR SO spielt aber auch nicht nur klangschöner, sondern auch präziser als das Kölner Orchester, dem die Sinfonie Nr. 6 anscheinend noch nicht so vertraut war. Nun klingt es beim NDR absolut sattelfest und losgelöst von technischen Hemmnissen und das live. Das Spiel wirkt auch noch freier, also musikalischer. Dabei handelt es sich bei der WDR-Aufnahme um eine damals allenthalben gefeierte Neueinspielung des damals noch sträflich unterschätzten Werkes. Man näherte sich diskographisch langsam an es an. Das Spiel wirkt auch freier als das in der Londoner Klemperer-Aufnahme.  Und fast ebenso expressiv. An die Brillanz der Berliner Keilberth-Aufnahme kommt sie jedoch nicht heran, die hatte aber damals niemand mehr auf „dem Schirm“. Vielleicht könnte den ein oder anderen Hörer die Dominanz der Trompeten im Blechbläsersatz in der Hamburger Musikhalle jedoch leicht stören. Auch kommen die Hörner verhältnismäßig zu schwach ins Bild. Das Spiel wirkt jedoch insgesamt großbogig und imposant und der ganze erste Satz wirkt wie zusammengeschweißt. Daran kann man eine Darbietung unter der Leitung Günter Wands ganz gut erkennen. Die Erhabenheit, die die Einspielung ausstrahlt, übertrifft die der Kölner Einspielung spürbar.

Was für eine Verbesserung gegenüber dem Kölner Streicherklang von 1976 im Adagio hörbar wird. Nun klingt es, wie es bei einem langsamen Satz Bruckners klingen sollte: vollmundig, warm und tröstend. Hier spricht man nun von tiefgründigen, vielleicht heiligen Dingen, auch von großer Trauer. Es wirkt frei von dirigentischer Maßnahme, so als hörte man Bruckner direkt, was natürlich eher einer Illusion gleichkommt und sicher nur ein persönliches Erlebnis sein kann. Ganz sicher hören wir aber klangschönes, erfülltes Musizieren.

Das Scherzo klingt erheblich dynamischer aus 1976 in Köln. Es wird mit Empathie und Temperament gespielt, schade nur, dass die Hörner wieder etwas schwach ins Klangbild hineinfinden. Das vermeidet jedoch den Hinweis, dass wir uns auf einer gespensterhaften wilden Jagd nach Geistern oder Gespenstern befinden. Nur im Trio kommen sie richtig gut zur Geltung, so wie es ihnen gebührt, zupackend in einem besonders weich, zart besaitetem Umfeld. Grandios.

Im Finale übernimmt Günter Wand das bereits 1976 in Köln gewählte Tempo. Es wirkt jedoch noch geschärfter und der Klang erneut vollmundiger. Das Blech gefällt besonders, ist es doch für den krönenden Abschluss der Sinfonie besonders wichtig. Das SO des NDR war in den Jahren Günter Wands und auch noch Jahre danach, als es noch als Ehrendirigent und nicht mehr als Chefdirigent Bruckner dirigierte, eine der allerersten Bruckner-Adressen des Landes. Da sitzt jeder Ton genau richtig dosiert und in den richtigen Zusammenhang gestellt. Und es klingt intensiv, wie von einem flammenden Feuer beseelt. Die Tempi erscheinen übrigens wie im Goldenen Schnitt. 60 Schläge und 80 jeweils in den beiden Außensätzen. Das Adagio bei 40 Schlägen pro Minute, das Scherzo ungefähr bei 120. Ob das zum besonderen Gelingen der Darbietung beigetragen hat? Dass man die besondere Harmonie der menschlichen Proportionen oder besonders stimmig proportionierter Gebäude (z.B des Eiffelturms, Musikvereinssaal in Wien) auch hören kann? Kaum glaubhaft, aber wer will es komplett von der Hand weisen?

Klanglich liegt nun eine enorme Verbesserung gegenüber der ersten Einspielung Wands aus Köln vor. Es klingt weicher, voller, runder die einzelnen Soli aber auch die Gruppen erklingen besser voneinander abgegrenzt. Man erfährt mehr körperhafte Präsenz, es klingt vor allem wärmer, dynamischer, räumlicher. Ein mehr als angebrachtes, ausgezeichnet gelungenes Remake, das den (analogen) Vorläufer in allen Bereichen in den klanglichen Schatten stellt.

 

5

Günter Wand

NDR-Sinfonieorchester (heute: NDR- Elbphilharmonie-Orchester)

RCA

1995, live

16:25  15:48  8:40  13:40  54:33

Günter Wand spielte Anton Bruckners 6. Sinfonie nach 1988 bereits 1995 noch einmal ein, weil man annahm, dass seine Auffassung durch jahrelange Reife noch tiefer und zwingender geworden war. Zudem profitierte die Neuaufnahme von der extrem intensiven, jahrelangen Probenarbeit mit seinem Stammorchester, dem NDR-Sinfonieorchester, wodurch er eine unerreichte orchestrale Präzision und Texttreue erreichte. Dass trotzdem immer mal was schiefgehen kann, hören wir dann beim Video-Mitschnitt in der Kongress- und Musikhalle Lübeck. Wand war bekannt dafür, Werke immer wieder zu hinterfragen. Die Gründe für die späte Live-Einspielung im Mai 1995 erneut in der Musikhalle Hamburg im Detail: Das Streben nach Perfektion: Die Aufnahme von 1988 war gut, aber Wand empfand die Reife aus zahllosen weiteren Live-Konzerten als notwendig, um die Balance zwischen dem kammermusikalischen Ansatz der Sechsten und den monumentalen Höhepunkten ideal auszuloten. Dabei heißt es, er hätte die Sechste nur selten dirigiert… Wie oft muss er dann die anderen Bruckner-Sinfonien dirigiert haben? Ob sich dieser neue Anspruch wohl nachhören lässt?

Es geht nun im Kopfsatz mit Majestoso bezeichnet, ein wenig langsamer zu, was man allerdings kaum bemerken dürfte, wenn man die beiden Aufnahmen nicht nacheinander anhört. Immerhin kommen die Hörner jetzt ein wenig besser im Klangbild zur Geltung. Für eingefleischte Hörner-Fans könnte es aber gerne noch mehr Horn sein, wenn man schon am Verbessern von Nuancen ist. Die Tempoabstufung beim Einsetzen des zweiten Themas erfolgt kaum verändert. Allerdings spielt das ganze Orchester tatsächlich mit der größten Vertrautheit dem Brucknerschen Idiom gegenüber und gerade auch der gegenüber der Sinfonie selbst, die ja bei vielen Orchestern erst mal ganz neu erarbeitet werden muss. Der Gesamtklang: Das erklingt nun alles mit großer Selbstverständlichkeit. Weich und voll im Klang, erneut spannend, differenziert und großbogig. Uns kam der 88er Klang jedoch brillanter vor, was in erster Linie von den leicht vorwitzigen Trompeten herrührt und wir hörten größeren Schwung, während 95 mehr misterioso zur Geltung kam. Insgesamt stellen wir eine Harmonisierung fest. Wir schreiben das jedoch eher der Aufnahmedisposition zu.

Gleiches Tempo im Adagio, nur zwei Sekunden Differenz, das muss man erstmal hinbekommen. Feierlich, nie larmoyant, der Klang sehr vibratoarm, das Spiel kantabel und unmittelbar berührend. Wir hören eines der Vorbilder für Mahlers große Trauermärsche, das ist unüberhörbar. Und wieder einmal fragt man sich, was an der Sinfonie „keck“ sein soll? Ob der Meister uns da in die Irre leiten wollte oder einfach einen „lustigen Reim“ bringen wollte? Sechste = Keckste. Wand und das Orchester führen uns in die tiefen Seelengründe der menschlichen Existenz, aber auch wieder heraus. Fein detailliert und nie auf den schönen Stellen „sitzenbleibend“. Immer den Blick auf das Ganze gerichtet, ein unabdingbarer Blickwinkel für einen großen Bruckner-Dirigenten. Nebenstimmen kommen vollauf zu ihrem Recht, aber auch nicht zu deutlich. Ein weiteres Zeichen der Interpretation: Es gibt keine kathedralenhafte Erstarrung und Blockbildung.

Im Scherzo erklingt das Blech ausgewogener als ´88 aber nicht mehr so mitreißend. Am Tempo ändert sich nichts Entscheidendes. Die Trompeten überspielen immer leicht den Rest der Blechbläser, die Hörner klingen immer noch wie aus dem Rückraum. Die Lösung wäre ein weiteres Hörnerquartett gewesen oder vier Wagner-Tuben. Oder aber eine für die Hörner günstigere Aufstellung. Wagner-Reminiszenzen gibt es in der Sechsten ja ebenfalls in Hülle und Fülle. Dann wäre Wands-Hörnerproblem vielleicht gelöst. Ein echtes Problem wäre es ja eigentlich gar nicht, wenn man schon am Optimieren ist…Im Ernst verbietet sich diese Lösung der Verdopplung natürlich von selbst.

Im Finale geht es nun weicher und runder zu, nicht mehr so kantig in Rhythmik und Klang. Spannung und Entspannung werden klar getrennt, trotzdem gelingt es, den Bogen gespannt zu halten. Exzellentes Spiel des Bruckner-Orchesters der 90er Jahre. Wie verinnerlicht es klingt. Triumphales Finale, das den letzten Akkord noch etwas nachklingen lässt, sodass das expansive Werk nicht allzu abrupt endet.

Beim Klang der Aufnahme fallen die etwas genauer ortbaren Instrumente und -gruppen auf. Insgesamt klingt es noch ein wenig klarer und sehr übersichtlich. Aber wir hörten eher weniger Dynamik. Es klingt noch satter und genauso gut ausbalanciert. 1996 wirkt das Klangbild etwas distanzierter, aber noch besser gestaffelt und dreidimensionaler, dafür nicht mehr so präsent. Allerdings: Von der 1988er Aufnahme lag uns eine CD vor, von der 1995er ein Download. Das spielt ja auch noch mit in die Klangqualität hinein. Für uns insgesamt eher eine Pattsituation als eine deutliche Verbesserung. Vom Publikum nimmt man nur in den Satzpausen Notiz.

 

5

Günter Wand

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

Hänssler

1995, live

16:45  15:55  8:43  13:44  55:07

Diese Aufnahme, erstellt von Deutschlandradio, fand in der Berliner Philharmonie statt. Günter Wand begann die Zusammenarbeit mit dem DSO bereits 1983 und er war von 1993-96 Erster Gastdirigent des Orchesters. Die Zusammenarbeit hätte enden sollen, aber das mit einem dermaßen triumphalen Erfolg, dass ihn das Orchester zum zweiten Ehrendirigenten der Orchestergeschichte ernannte. Die Zusammenarbeit endete jedoch als Herr Wand begann mit den Philharmonikern Bruckner einzuspielen. Darauf wollte er sich konzentrieren. Da spielte das Alter dann doch eine gewisse Rolle.

Es gibt im Majestoso kein verändertes Bild in der Tempowahl oder in der Charakterzeichnung des Majestoso gegenüber der NDR-Aufnahme desselben Jahres. Ein Quäntchen langsamer und majestätischer klingt es allerdings schon noch als in der Hamburger Musikhalle. Die Rhythmik ist sehr deutlich, es klingt enorm klar. Das Orchester steht dem des NDR in nichts nach. Die Hörner agieren erneut etwas zu stark im Hintergrund, wie bereits in Hamburg. Holz und dabei insbesondere die Oboe klingen voll und sonor. Man musiziert genauso detailreich und in weiten Bögen. Es klingt fast noch intensiver. Ein erhabenes Satzfinale erklingt auch in Berlin.

Im Adagio hören wir wieder eine schon fast magisch wirkende Geschlossenheit und Tiefe, dargeboten von einem brillanten Orchester, das nahe der Vollendung spielt. Klanglich kommt sie derselben durch ein wenig mehr Präsenz noch ein bisschen näher. Da geht es nur um kleine aber feine Nuancen.

Beim Scherzo wirken die Trompeten nun besonders akzentuiert, denkbar dass es Wand sogar auch in den beiden bereits genannten Einspielungen ausdrücklich wollte, dass die Trompeten den Blechbläsersatz so dominieren. Er lässt ja auch vier statt nur drei Trompeten spielen, wie wir von Video aus Lübeck wissen. Das Orchester spielt sehr geschmeidig und flexibel. Das Trio klingt noch etwas geheimnisvoller, die Hörner klingen immer noch von weit her. Wand gelingt es immer wieder einen spürbaren Interpreten-Einfluss weitmöglich fernzuhalten, zumindest hat man als Hörer das Gefühl, es wäre so. Aber warum sollte das Orchester so inbrünstig spielen, von sich aus? Und woher kommt der sagenhafte Glanz des Blechs? Alles nur im Dienst des Werkes? Nein, er hat da selbstverständlich voll seine Hände im Spiel. Im übertragenen Sinn, aber auch buchstäblich. Sehr geheimnisvoll der Tanz des Scherzos, wahrscheinlich ist es doch als ein Totentanz erdacht worden.

Das Finale erklingt sehr bewegt, vital und durchschlagskräftig. Dann auch geschmeidig und spontan. Die Zitate aus „Tristan und Isolde“ erklingen mit aller Deutlichkeit, als gar nicht verdeckte Reminiszenz an den verehrten Bayreuther Meister. Der Satz wird durchgehend spannend gehalten. Aber die Posaunen, die in der Coda das Hauptthema des ersten Satz „verkünden“ dürfen kommen bei den Münchner Philharmonikern am besten heraus. In der Aufnahme deren Besprechung sich gleich im Anschluss einreiht.

Die Berliner Aufnahme wirkt sehr präsent und direkt, sehr plastisch und sehr körperhaft. Da wird die 95er NDR-Aufnahme sogar noch übertroffen. Sie wirkt auch etwas großräumiger und dynamischer. Allerdings erklingen die Streicher (d.h. insbesondere die Violinen) weniger sonor und dabei die Bässe nicht so prononciert. Die Aufnahme wirkt insgesamt sehr räumlich und sehr gut gestaffelt. Für eine Live-Aufnahme einer Rundfunkanstalt, die ursprünglich nicht zur Veröffentlichung auf CD gedacht war, klingt es hervorragend.

 

5

Günter Wand

Münchner Philharmoniker

Hänssler

1999, live

16:55  15:57  9:02  14:41  56:35 

Günter Wand gehörte wie Ferdinand Leitner, Georg Solti, Kurt Sanderling, Erich Leinsdorf und Sergiu Celibidache dem legendären Dirigenten-Jahrgang 1912 an. Eine Zeit lang betrachtete man Wand und Celibidache als Antipoden, gerade was ihre Eigenschaften als Bruckner-Dirigenten anlangt. Aber, obwohl man sich sicher nicht in allem einig sein konnte, dazu klingen die Sinfonien bei beiden einfach zu verschieden, respektierte man sich. Und Celibidache (Chefdirigent der Münchner von 1979-96) hatte anscheinend nichts dagegen, dass Wand und „sein“ Orchester, die Münchner Philharmoniker eine sehr späte aber in München doch noch legendär gewordene Partnerschaft eingehen konnten. Allerdings erst ab 1990. Hier fand Günter Wand ideale Voraussetzungen was Brillanz und Klangfülle anlangt, die ihm insbesondere für die Werke von Bruckner und Schubert vorschwebten. Hier konnte er auch seine Ideale in Sachen „Texttreue“ verwirklichen. Günter Wands Aufnahmen mit den Münchnern oder dem DSO wurden übrigens nicht zu Wands Lebzeiten veröffentlicht, denn eine Konkurrenz mit den RCA-Aufnahmen musste vermieden werden. Wands Konzerte in München sollen übrigens allesamt ausverkauft gewesen sein.

Die Sechste klingt nun in München, da der Meister bereits 87 Jahre zählte, weich und geschmeidig, aber weniger dynamisch als in Berlin. Es klingt räumlich und gut tiefengestaffelt. Aufgenommen wurde übrigens von einem Aufnahmeteam der Münchner Philharmoniker, das generell alle Konzerte mitschnitt und wahrscheinlich immer noch mitschneidet. Sonst hätten wir auch keine oder nur sehr viel weniger Bruckner mit Celibidache zur Hand.

Das Majestoso wirkt deutlich getragener und weitläufiger als zuvor, nicht unbedingt majestätischer, aber auch ein wenig schwerfälliger oder sagen wir doch besser epischer. Der Drang der Hamburger und auch der Berliner Aufnahmen ist nun einem etwas poetischer wirkenden Gestus gewichen, der immer noch konzise im Tempo abläuft. Vielleicht musste doch Herr Wand einen Tribut ans Alter zahlen? Das Spiel des Orchesters wirkt im Vergleich zu Aufnahmen anderer Dirigenten immer noch sehr klar, bewegt und spontan.

Wer wollte damals den Münchner Philharmonikern sagen, wie sie ein Adagio von Bruckner zu spielen wäre, hatten sie doch ständige Gelegenheit mit Wand und Celibidache zu proben und zu performen. Giulini war ebenfalls mit Bruckner vorstellig. Allerdings nicht mit der Sechsten. Es klingt auch dieses Mal sehr feinfühlig und dunkel, teils etwas milder als zuvor, teils besonders tiefschürfend. Die Eruptionen wirken erhaben. Schöner kann das kaum klingen. Der greise Dirigent hält immer noch hellwach und souverän alle Fäden zusammen. Ein wenig hat sich die Wirkung des Adagios in München an die von Celibidaches Darbietung angenähert. Aber nur wenig, auch wenn es andererseits ziemlich deutlich danach klingt.

Beim Scherzo liegen die Dinge ähnlich. Einerseits klingt es besonders zart, andererseits erhaben. Im Trio lässt das Tempo schon ganz deutlich nach, noch deutlicher als im Scherzo. Teilweise verliert es so an Aggressivität.

Das Finale wirkt nun schon im Vergleich abgeklärt. Trotz des vollendeten Spiels der Philharmoniker wirkt das Satzgefüge nicht mehr so gut „verklebt“. Es bröckelt schon ein bisschen, droht zu zerfallen. Dennoch klingt es klarer und schlüssiger als um nur mal ein Beispiel eines jüngeren Dirigenten zu nennen und sie sind ja fast alle jünger, bei Barenboim, Solti oder Karajan. Die Hörner bleiben auch in München etwas weit zurück, wirken so gegenüber Trompeten und Posaunen etwas benachteiligt. Das scheint den Dirigenten nicht gestört zu haben. Aber die Posaunen dominieren mit ihrem Thema aus dem Kopfsatz das Orchester von allen Wand-Aufnahmen am deutlichsten. In allen anderen dominieren die Trompeten. Ein Hoch also auf die Münchner Posaunen!

 

5

Christoph von Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Decca

1991

15:16  16:56  8:26  14:34  55:12

Mit Christoph von Dohnanyi gibt es noch einen frühen Mitschnitt der Sechsten mit dem NDR-Sinfonieorchester, der von Somm erst Jahrzehnte später veröffentlicht wurde. Er liegt nur in Mono-Klang vor, sodass er in der entsprechenden Liste erscheint. Als diese Aufnahme in Cleveland gemacht wurde, war Herr von Dohnanyi 62. Decca leistete sich den Luxus nur ein Jahr später als die Aufnahme Herbert Blomstedts mit dem San Francisco Symphony Orchestra eine weitere Sechste Bruckners einzuspielen und zu veröffentlichen. Ob man damals in dieser Besetzung einen gesamten Zyklus aufnehmen wollte? Wie dem auch sei, die Klassik-Krise kam dazwischen und mit dem Mahler-Zyklus Dohnanyis wurde auch der Bruckner-Zyklus mit beerdigt. Zwischen 1989-96 wurde alle Sinfonien von Nr. 3 bis 9 aufgenommen, wie bei Celibidache. Aufgenommen wurde in der Severance Hall in Cleveland, der eigentlichen Heimstätte des Orchesters. Im Masonic-Auditorium hätte es vielleicht etwas wärmer geklungen. Gegenüber dem angesprochenen Hamburger Mitschnitt Dohnanyis von 1961 erscheinen die Tempi aller Sätze leicht beschleunigt. Der Orchestersatz erklingt nun in bestmöglicher Transparenz und mit staunen machender Brillanz dargeboten. Die Dynamik wirkt wie befreit von imaginären Fesseln und man hört nun eine sagenhafte Detailvielfalt. Es klingt viel weicher, noch viel transparenter, sanfter aber auch zupackender und dramatischer als beim Hamburger Konzert-Mitschnitt. Es wird nie auf den Effekt hin dirigiert, besonders wenn kompositorisch gar keiner vorgesehen ist. Bei den Tempi werden keine Extratouren nach Dirigentengusto veranstaltet. Der Komponistenwille wird, soweit wir das beurteilen können, mit höchster Präzision verfolgt. Sie Darbietung wirkt auf uns nie kalt oder abweisend, man kommt aus dem Staunen allerdings kaum wieder raus. Es klingt detailverliebt und sonnendurchflutet (ein Detail, das uns auch schon bei der Einspielung von Mahlers Fünfter aufgefallen ist), ohne dass der Klang dadurch unangemessen hell werden würde. Wir hören Kammermusik auf höchstem und gewissermaßen „größtem“ Niveau. Mit mitteleuropäischer Wärme ist es allerdings nicht so weit her.

Zur „gedanklichen“ und musikalischen Weiträumigkeit, die bereits in der Hamburger Darbietung des Adagios bei Dohnanyi hörbar wurde, gesellt sich jetzt auch noch der passende klanglich erfahrbare Raum hinzu. Besser kann der Satz nicht mehr gespielt werden, nicht schöner, nicht gefühlvoller und kaum intensiver. Das ist nicht unbedingt das, was man von einer Aufnahme von Christoph von Dohnanyi erwarten würde. Glanz und das gewisse Leuchten von innen heraus kommen durchaus nicht zu kurz. Und die Struktur liegt vor uns wie auf einem Präsentierteller. Bei aller Straffheit wirkt der Klang nicht kalt, das Orchester bringt sich hörbar voll mit ein. Es gibt kein romantisieren, wohl aber Entrückung à la Cleveland.

Das Scherzo erklingt mit Maß und Ziel, vor allem im Trio schneller als in Hamburg. Die Hörner erklingen nun immer noch, trotz bestem Stereo-Klang immer noch recht zurückhaltend. Was man von den Trompeten nicht behaupten kann. Hier tanzen keine flatterhaften Gespenster auch keine Hexen, sondern Menschen, allerdings in dunkler, unheilvoller, gefahrenvoller Nacht.

Im Finale geht es noch etwas zupackender und nochmals dramatischer zu als in Hamburg 1961. Das klingt ungemein souverän, aber auch widerstandsfrei. Das durchdringende Blech klingt ab ff einfach sensationell. Wir hören hier das beste amerikanische Orchester unseres Vergleichs, obwohl die aus San Franciso, Boston, Cincinnati und Chicago auch „nicht von schlechten Eltern“ sind. Die bewundernswerte Präzision dient als Basis für Klarheit aber auch für genaues Timing im Ausdruck. Die Streicher klingen fast so präzise wie ein Streichquartett. Es gibt in der Coda keine der beliebten Verbreiterungen, kein Abbremsvorgang. Es klingt so eigentlich aufregender. Modern, architektonisch aber auch mitreißend. Die Einspielung bewegt vom ersten bis zum letzten Ton wie nur in etwa eine Handvoll Weitere. Sie hat sich das Prädikat „Volltreffer“ verdient.

Das Klangbild hat sich gegenüber dem Monoklang des NDR von 1961 in allen Bereichen erheblich verbessert, was nicht anders zu erwarten war. Nur den leichten Hall, der vielleicht an ein Kirchschiff erinnern soll gab es in Hamburg nicht. Vielleicht versucht man so bei Decca den himmelwärts gerichteten Hörerwartungen auch in der straffen Aufnahme aus Cleveland noch etwas entgegenzukommen? Ein sakraler Rahmen ausgefüllt mit absoluter Clarté. Funktioniert ganz gut.

 

Auch in diese Aufnahme könnte man derzeit noch reinhören:

https://www.youtube.com/watch?v=MOA5WHT_8UU

 

 

5

Eugen Jochum

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

DG

1966

16:28  17:08  7:54  13:17  54:47

GA Eugen Jochum war für die Rezeptionsgeschichte Bruckner so wichtig wie Leonard Bernstein und Rafael Kubelik für die Mahlers. Von ihm sind uns drei Aufnahmen überliefert. 1966, die nun vorliegende mit dem BRSO, als Teil der ersten GA der Bruckner-Sinfonien- Edition überhaupt (wenn man mal von der Volkmar Andreaes absieht, die jedoch eigentlich nur zu Rundfunkzwecken produziert wurde), 1978 für EMI innerhalb der zweiten GA Jochums mit der Staatkapelle Dreden und eine Live-Aufnahme mit dem Concertgebouw Orchester von 1980.

Jochum zeigt uns die Sinfonie als lebendig atmender Organismus, es gibt dabei eigentlich gar keine starren, monumentalen Blöcke. Es sind zahlreiche Tempomodifikationen zu beobachten, die mitunter ein Schnellerwerden immer dann beinhalten, wenn es lauter wird und man sich den Höhepunkten nähert. Bei vielen ist diese Vorgehensweise verpönt, nichtsdestotrotz wirkt sie häufig besonders mitreißend. Zumal wenn auf der „Plateauphase“ des Hohepunkts noch ein klein wenig abgebremst wird. Wir empfanden die erste Aufnahme am aufregendsten. Nicht zuletzt wegen der flexiblen Phrasierung mit den schon angesprochenen Temporückungen und -verlangsamungen, auch mal da, wo Bruckner nichts davon notiert hat. Sie ist die Dramatischste der drei. Das Blech klingt „kühn“ und extrem motiviert. Sie klingt auch viel spannender als die Maazel-Aufnahme mit dem gleichen Orchester. Mit dem BRSO folgen dann noch Einspielungen mit Haitink und Jansons.

Im ersten Satz, dem Majestoso, fällt die „atmende“ Phrasierung gleich ins Ohr, das Blech klingt oft wie entfesselt, die ff und fff werden sehr stark herausgestellt. Daniel Barenboim scheint sich diese Aufnahme bei seinem ersten Versuch 1978 in Chicago zum Vorbild genommen zu haben, aber bei ihm wird lediglich ein blechgepanzerter Höhepunkt nach dem anderen abgefeiert. Bei Jochum werden die Höhepunkte in ein spannendes Satzgefüge eingepasst. Die Spannung bricht nicht wie bei dem Bruckner-Youngster in Chicago in den leisen Passagen ab. Nicht selten werden bei dieser Münchner Aufnahme Assoziationen zum Orgelklang geweckt. Wie wir wissen kämen diese nicht von ungefähr. Zudem scheint Jochum ein strenges Tempokonzept zu verfolgen, das jedoch immer mal leicht variiert wird. Das Blech klingt bei den zahlreichen grandiosen ff und fff-Passagen nicht immer ganz perfekt, aber enorm glanzvoll, man spürt den Willen eines jeden, sein Bestes zu geben. Leider hat man das Blech räumlich eng zusammengesetzt, was fast immer eine akustische Benachteiligung für die Hörner mit sich bringt. Die Dynamik wirkt erheblich impulsiver als bei der zeitlich benachbarten Einspielung mit Otto Klemperer von 1964, die der Jochum-Einspielung vielerorts vorgezogen wird. Bei Jochum werden riesige Bögen gespannt, was bei der Barenboim-Aufnahme von ´78 nicht gelingt aber auch bei der Karajan-Aufnahme nicht so zu hören ist. Sehr knapper ungemein prägnanter Schlussakkord.

Der Vortrag des Adagios wirkt leidenschaftlich und kraftvoll, aber nicht überspannt. Enorm ausdrucksstark und eindrücklich. Es wird empathisch gespielt. Der Streicherklang wirkt bereits sehr homogen und seidig, die Dynamik vorbildlich gestaltet. Die Musik ist vom langen Atem erfüllt. Wir empfinden das Tempo als passend. Man bemerkt Jochums besonderen Blick auf die sogenannten Nebenstimmen, manchmal hätten man jedoch noch mehr gerade von den Binnenstreichern (Bratschen) hören wollen. Die rechte Seite des Klangbildes steht überhaupt gegenüber der linken mit Violinen und dem gesamten Blech deutlich zurück. Ein Manko, das man leider viel zu oft bemerken muss. Da merkt man, dass viele Dirigenten weniger an das spätere Endprodukt denken. Um den Klang der Schallplatte sollten sich allerdings in der Tat andere kümmern, Spezialisten. Aber die Orchesteraufstellung ist nun mal Dirigentensache und die spielte damals noch grundlegend ins klangliche Endergebnis mit hinein.

Das Tempo im Scherzo wählt Jochum ähnlich Furtwängler, Haitink (1970) und Stein (1972) zügig und lebendig. Da mussten sich die betreffenden Dirigenten fast schon über Bruckners Anweisung „nicht schnell“ hinwegsetzen. Dafür klingt es besonders akzentuiert, tänzerisch-lebendig, fast stürmisch. Spätere Dirigenten, die mit der HIP liebäugeln kommen dann wieder auf das zügige Tempo gerade im Scherzo zurück. Glanzvoll klingt es bei Jochum besonders durch die strahlenden Trompeten. Und die schmetternden Hörner. Da spürt man noch einen echten Naturbezug, in dem Fall zu den Naturgewalten. Das Trio (Tempovorgabe: langsam) erscheint dazu als starker Kontrast, ebenfalls bewegt, aber doch viel ruhiger.

Das Finale erklingt zügig, fast feurig mit straffer Artikulation und enorm kraftvoll, nicht nur durch das wunderbar präsente Blech, das von Jochum mächtig gefordert wird. Auch die Streicher bieten alles auf, nicht nur um ein ff fast so gewaltig wie das Blech heraus zu meißeln, auch wenn es um ein leuchtendes Kantabile geht. Es klingt nach einer fiebrigen Suche nach einer finalen (Er)lösung. Der letzte Satz klingt nach einem Kampf um ein höheres Ziel (Transzendenz wie im Te Deum?) zu erreichen. Brennend-dramatisch, die Elegie wird dazu in Kauf genommen. Monumental wirkt es nicht und statisch schon gar nicht. In der Coda wird die finale Lösung, die in der Vereinigung der wichtigsten Themen besteht, prächtig zur Geltung gebracht. Besonders wichtig ist dabei, dass das Hauptthema des ersten Satzes, das den Posaunen anvertraut wird nicht untergeht. Wenn man nicht aufpasst werden sie gerne von den Trompeten überstrahlt, sodass, wenn man es mal zuspitzen will, eigentlich die ganze Mühe zuvor umsonst war. Bei Jochum können sich die Posaunen souverän durchsetzen. Trockener Schlussakkord, der die Zeichen auf den Noten mal nicht ignoriert.

Für eine mittlerweile 60 Jahre alte Aufnahme klingt es offen, räumlich und mit leuchtenden Klangfarben. Die Dynamik stellt die spätere Einspielung mit demselben Orchester unter Lorin Maazel in den Schatten. Es klingt transparent und weich, im ff des Tutti allerdings deutlich weniger. Es klingt impulsiver als bei allen anderen Aufnahmen des BRSO (Maazel, Haitink und Jansons). Die noch urwüchsig anmutende Dynamik klingt eher wie die zeitlich benachbarten: der Philharmonia-Aufnahme mit Otto Klemperer oder der Telefunken mit Keilberth.

 

Wenn man einmal reinhören will, wäre die Aufnahme bei YouTube gelistet:

https://www.youtube.com/watch?v=t2mn5Hf1Gn4

 

 

5

Michael Gielen

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (heute: im SWR-Sinfonieorchester aufgegangen)

Hänssler, SWR Music

2001

16:58  15:57  9:15  14:12  56:12

GA Die Einspielung entstand unter Studiobedingungen im Konzerthaus Freiburg. Michael Gielen war Chefdirigent des Orchesters 1986-1999, von 1999-2014 ständiger Gastdirigent und seit 2002 dessen Ehrendirigent. Die Aufnahme entstand also als Sylvain Cambreling bereits Chefdirigent war. Umgekehrt entstand dessen (übrigens sehr gelungene) Aufnahme der Sechsten Bruckners als Michael Gielen noch Chefdirigent war.

Das Majestoso erklingt bei Gielen nicht so zügig und energisch wie bei Rosbaud, Leitner (1982) und Cambreling (1998), den drei weiteren Aufnahmen unter Mitwirkung dieses Orchesters. Es klingt gelassener, strömender mit einem allerdings sehr wachen Auge auf Rhythmik und Polyphonie. Das Blech erklingt nicht mehr so schön weit vorne, also präsent und exponiert wie bei Cambreling. Die Streicher, besonders die Violinen dunkler und mit mehr Wärme im Klang. Die Steigerungen wirken jedoch leidenschaftlicher und die Piano- und Pianissimo-Passagen ausdrucksvoller und nicht so hektisch und geglättet wie bei Cambreling. Der allerdings jugendlicher, ungestümer wirkt. Lebendig und bewegt im besten Sinn gleicht Gielens Musizierweise der Otto Klemperers in diesem Satz durchaus. Es geht kein Detail verloren, wie auch das Majestoso auf keinen Fall negiert wird, ein Gottesdienst wird aber aus dem ersten Satz nicht gemacht. Die Tempowahl erinnert in Sachen Stabilität an Otto Klemperer (nicht nur im ersten Satz), nicht ganz so lebendig und umstritten im ersten Satz und nicht ganz so ungewöhnlich schnell im zweiten. Nur mit ähnlichen Tendenzen. Im Scherzo und Finale dann wieder ganz ähnlich. Das nur nebenbei.

Im Adagio wirken die Tempi nicht besonders gestrafft. Gielen lässt es strömen, wenn auch auf eine flexible Weise. Das Orchester klingt einfach sehr schön, weich, recht warm getönt und geschmeidig, wenn auch nicht so tiefdunkel wie bei Celibidache oder Wand. Wenn auch ein wenig aufgehellt geht die Darbietung unmittelbar zu Herzen. Die Oboe klingt übrigens wieder viel besser als bei Cambreling, obwohl nur drei Jahre zwischen den beiden Aufnahmen liegen. Die Phrasierung wirkt sprachorientiert und gesanglich zugleich. Die intensivierte Farbgebung macht die Komplexität der polyphonen Strukturen besonders sinnfällig. Die Darbietung öffnet geradezu die Gedankenwelt Bruckners für uns, ohne die Emotionen dabei zu vernachlässigen. Ein großer Unterschied gegenüber dem eindimensionalen Zelebrieren anderer Darbietungen. Dazu wäre die Musik zu vielgestaltig, zumindest wenn man das hört, was Gielen aus der Partitur herausholt und zum Klingen bringt. Das Orchesterspiel befindet sich auf Weltklasseniveau.

Dem Scherzo geht die frische Attacke Cambrelings ab, bei Gielen hören wir wieder den nächtlichen Reigen, Traumgestalten, die einen nicht ruhen lassen und immer wieder mittels Blecheruptionen aufschrecken lassen. Das Trio lädt dagegen zur ruhevollen Entspannung ein.

Das Finale klingt temperamentvoll, lebendig und stringent. Es gibt kein unnötig langes Verweilen. Die Musik wirkt schlank und entschlackt ohne an Bedeutung und Wärme zu verlieren. Gielen bietet uns die hohe Kunst der Bruckner-Interpretation.

Der Klang bietet mehr Fülle, Wärme, wirkt noch ausgewogener und ebenso klar wie die Konkurrenz aus eigenem Haus mit Sylvain Cambreling und Ferdinand Leitner. Das Blech klingt nicht mehr so vordergründig, was man aber auch als Verlust empfinden könnte. Klanglich wirkt diese Darbietung klassisch, analytisch durchgehört aber im Ergebnis immer noch erwärmend. Es gibt einen guten Kompromiss zwischen Räumlichkeit und Präsenz.

 

Hier kann man sich die Aufnahme derzeit anhören:

https://www.youtube.com/watch?v=UXoyZfpi3HE

 

 

5

Kent Nagano

Deutsches Sinfonieorchester Berlin

Harmonia Mundi

2005

16:38  17:00  8:19  14:09  56:06

Von Kent Nagano haben wir zwei Aufnahmen der sechsten gefunden. Außer der Berliner CD gibt es auch noch späteres ein Video aus Stuttgart mit dem SWR-Sinfonieorchester. Dieser Mitschnitt gefällt ebenfalls. Aber mit dem Berliner Orchester sollte der Dirigent (gerade einmal 54 Jahre alt) eine größere Vertrautheit entwickelt haben. Kent Nagano war 2000-2006 Chefdirigent des Berliner Orchesters, danach wurde er dessen Ehrendirigent, was er heute, 20 Jahre später immer noch ist. Die Aufnahme entstand in der Berliner Philharmonie unter Studiobedingungen, d.h. sie war leer und man konnte weniger gelungene Passagen wiederholen bis sich das gewünschte Ergebnis einstellte. Nichtsdestotrotz sind uns keine Schnitte ins Ohr gefallen. Kent Nagano ist damals nicht unbedingt als Bruckner-Koryphäe bekannt gewesen, es existieren aber in der Folge einige Aufnahmen, die ihn als Kenner der Materie ausweisen. Vielleicht ist „seine“ Sechste aber doch seine gelungenste Einspielung. Gegenüber der zweiten Einspielung der Sechsten mit dem DSO mit Robin Ticciati unterscheidet sie sich deutlich, denn Ticciati verfolgt einen ziemlich deutlich von der HIP beeinflussten Ansatz. Bei Nagano klingt es „romantischer“, voller, üppiger im Klang, weicher im Rhythmischen jedoch genauso transparent und die Polyphonie genauso gut offenlegend. Und ebenso sorgfältig und liebevoll phrasiert. Nagano ist im Ergebnis viel näher an Günter Wands typischem Bruckner-Klang dran als Ticciati. Diese Einspielung hat uns auf eine irgendwie schwer sprachlich auszudrückende Weise begeistert bzw. berührt. Versuchen wir es trotzdem:

Sie ist gut ausbalanciert zwischen Leichtigkeit und Gewicht, was der Sechsten im Wesen schon einmal gut zu entsprechen scheint. Sie wirkt architektonisch und gut strukturiert, genauso wie natürlich und flexibel. Sie wirkt unaufdringlich, ohne dass es gerade dem Blech an Durchschlagkraft oder an Tiefgründigkeit fehlen würde. Sie trifft unmittelbar, ohne dass man genau wüsste warum und man hört doch überall viel Fingerspitzengefühl gerade für natürliche, flexibel wirkende Übergänge. Sie vereint viele interpretatorische Zugänge, die wir in unserer kleinen Werkbetrachtung erwähnt haben auf sich ohne dabei beliebig oder distanziert zu wirken.

Das Adagio hat nach unserem Gefühl oder Dafürhalten das richtige Tempo, nicht gerade zügig, aber auch nicht lähmend-schwer. Es klingt dunkel, so klingen die Berliner Orchester nun mal, mehr oder weniger alle, bei herausragender Körperhaftigkeit und Transparenz (dazu braucht man dann zusätzlich noch eine exzellente Aufnahmetechnik). Die Phrasierung wirkt lebendig ohne je kurzatmig zu wirken. Fließend und bewegend. Die Geschwindigkeit schlägt nie in Glätte um.

Das Scherzo gewinnt seine Unheimlichkeit aus einer manisch wirkenden Präzision. Dazu hat Nagano ein mittleres Tempo gewählt, stark akzentuiert und sehr rhythmisch, sodass der Tanzcharakter immer noch erkennbar bleibt. Das Blech wirkt nicht brutal, aber auch nicht so weit abgehängt wie in vielen anderen Einspielungen, was besonders für die Hörner gilt. Es strahlt wunderbar. Den vorgestellten Tanzenden fehlt es trotzdem nicht an Kraft und Vitalität. Ob sich hier Geister, Menschen, Tote oder Monster bewegen? Das bleibt offen. Beim Trio kann man sich am makellosen Hornquartett erfreuen (Studiobedingungen!). Nicht zu langsam und sprechend artikuliert. Das Ganze wirkt spannend.

Zu Beginn des Finales geht es energisch und kraftvoll voran, voller Abenteuer- und Experimentierlust. Als ob man sich auf einen triumphalen Schöpfungsprozess einstellen könnten. Ohne Hektik. Das kantable zweite Thema wird besonders liebevoll phrasiert. Nagano kommt sehr gut mit dem schwierigen Satzgefüge zurecht, auch wenn sie der Schöpfungsprozess Bruckners als mit Schwierigkeiten gepflastert erweist. Die „Tristan“-Zitate sind fast schon Mahnmale, so klar werden sie herausgestellt. Die Spannung bleibt eigentlich immer erhalten, was als eine große Kunst beim Finalsatz gelten darf. Und was man noch bemerken muss: Es klingt immer besonders sinnlich. So verführerisch von A-Z klang eine Bruckner-Sinfonie selten.

Die klangliche Ähnlichkeit mit der Ticciati-Aufnahme (2018) ist nicht zu überhören. Die ältere, d.h. die mit Nagano klingt jedoch offener, plastischer, körperhafter, dynamischer, sonorer und besser tiefengestaffelt. Und transparenter auch im fff. Sie klingt auch noch besser als die Wand-Aufnahme mit dem DSO. Man könnte auf hohem Niveau bemängeln, dass das Holz gegenüber dem Blech ein wenig zurückgesetzt wirkt. Es klingt sehr gut zwischen trocken und hallend ausbalanciert und wunderbar brillant.

 

Hier gibt es den Link zu der Aufnahme:

https://www.youtube.com/watch?v=EF1SahWjFko

 

 

5

Juanjo Mena

BBC Philharmonic Orchestra

Chandos

2012

17:07  20:18  7:56  13:54  59:15

Diese exzellent klingende Aufnahme entstand im MediaCity-Studio in Salford nahe Manchester. Obwohl sie bereits 2012 aufgenommen wurde, ungefähr eine Woche nachdem das Orchester die Sinfonie bei den BBC Proms in der Royal Albert Hall mit stark umjubeltem, triumphalem Erfolg aufführte. Von der Begeisterung des Publikums konnte anscheinend viel mit ins Studio hinübergenommen werden. Die Video-Aufzeichnung davon kann man bei YouTube ansehen und sich sicher davon begeistern lassen, wenn sie tatsächlich der CD-Einspielung ähnlich sein sollte. Meistens gelingt die Live-Aufführung ja noch spannender und mitreißender. Wir haben uns nur das Bild kurz angeschaut, es ist leider etwas milchig und unscharf. Beim BBC-Original sieht es bestimmt knackiger aus. Ansonsten ziehen wir wenn möglich immer die Audioaufnahme der Videoaufnahme vor. Man kann dem exzellenten Orchester aber immerhin bei der Arbeit zusehen und bemerken, dass man bei der Besetzung des Blechs nicht gespart hat. Angesichts der riesigen Halle dachte man wohl: da braucht es Verstärkung. Ansonsten haben wir uns wie bereits erwähnt an die Chandos-Version gehalten.

Dass Señor Mena ein Stipendium bei Sergiu Celibidache erhalten hat und bei ihm studieren konnte, merkt man seiner Einspielung (ähnlich wie der Rémy Ballots) durchaus an. Er war Chefdirigent des BBC Philharmonic in Manchester 2011-2018. Mittlerweile musste Junajo Mena seinen Beruf wegen einer Alzheimer-Erkrankung aufgeben (Stand: 2026).

Zunächst hören wir den Beginn des Majestoso nur als leises Ticken des Rhythmus in den Violinen (oft klingt es scharf und trocken wie ein Morsecode, nicht jedoch beim BBC Philharmonic), an der Grenze des Hörbaren. Vorschriftsmäßig nimmt Mena das Tempo beim zweiten Thema, dem Gesangsthema heraus. Dieses kantable Thema klingt besonders zart, sehnsuchtsvoll und intim heraus. Kammermusikalisch transparent, extrem nuancenreich und sich besonders „entschleunigt“ anfühlend setzt sich der Satz nun fort. Celibidache lässt grüßen. So wirkt die Einspielung mit Riccardo Muti, die in etwa dieselben Tempi anschlägt viel langsamer. Schöner kann es kaum noch klingen und klarer kann die Faktur ebenfalls kaum hörbar gemacht werden.  Es triumphiert die artikulatorische Nuance und die feine Farbschattierung. Das britische Orchester zeigt (wieder einmal) seine hervorragende Qualität, an der das LSO mit seinen beiden Aufnahmen mit Sir Colin Davis und Sir Simon Rattle im direkten Vergleich wohl nicht vorbeikäme. Die Chandos-Klangtechnik unter Studio-Bedingungen hat aber ebenfalls gegenüber den beiden Londoner Live-Aufnahme die Nase vorn. Der Coda fehlt es nicht an orchestraler Prachtentfaltung und dieser fällt noch mehr Gewicht zu, weil nicht schon zuvor bereits ein Höhepunkt nach dem anderen „abgefeuert“ wurde.

Das Adagio, bei dem in diesem Falle der Nachfolge Celibidaches einmal kein Andante-Tempo angeschlagen wird, wird in der zeitlichen Ausdehnung nur noch von Celibidache selbst und Rémy Ballot übertroffen. Es beginnt schon mit einem exzellent geblasenen, hervorragend klingenden Oboen-Solo und der genauso weiche, wie warme und homogene Streicherklang passt vorzüglich zu diesem Tempo. So kann sich die Musik mit reicher Tiefe fast schon hypnotisierend entfalten. Es würde schwer fallen an diesem Tempo etwas zu kritisieren, wenn es so mit Reichtum und Fülle ausgefüllt wird. Ungeduldige Hörer sollten einfach eine andere Einspielung wählen. Wie die beiden genannten könnte man sie fast schon zum Mitschreiben oder aber zur meditativen Entrückung einsetzen. In der schmerzhaft schönen Coda klingt es bereits schön jenseitig. Schön wenn man dort Bruckner hören könnte, oder? Muti wirkt hier im Vergleich schon fast eilig und Karajan, der mit seinen 19 Minuten gar nicht mal so weit weg wäre, viel kompakter und „gedrungener“. Aber eigentlich ist Zeit ja nichts zählbares und genau das wird bei den drei Einspielungen, die die 20 Minuten überschreiten auch deutlich.

Im Scherzo wird bei Mena ein neues Kapitel, eine andere Welt aufgeschlagen. Eigentlich zu schnell, wenn man Bruckner wörtlich nehmen will, denn er schreibt ja eigens: Nicht schnell und beim Trio explizit: langsam. Das Orchester spielt brillant und es klingt bedrohlich irrlichternd aber auch sehr kraftvoll. An Mendelssohn mit seinem Sommernachtstraum-Scherzo wird man wohl kaum denken. Während man in den beiden Sätzen zuvor mit dem Studio-Hall glücklich werden konnte, hört man nun eine Veränderung und bemerkt erst jetzt: Der wurde künstlich hinzugegeben. Schade. Das Trio klingt konventioneller in dem von Bruckner gewünschten langsamen Tempo und wundervoll gespielt. Mit pastoraler, feinsinniger Ruhe.

Im hellwachen Gestus und sehr temporeich geht es im Finale weiter. In ordentlichem Agitato werden die Konflikte ausgespielt, zwischen Hell und Dunkel, Gut und Böse, wie auch immer man das Kind beim Namen nennen will. Enorm sanfte und zarte Passagen wechseln mit fast schon bombastischen ab. Dramatisch geschärft, echter Bruckner eben. Mena kommt nie ins schleppen. Überzeugende, strahlende Coda.

Der Klang gelingt hervorragend offen, räumlich, detailreich, dreidimensional (sowohl in der Breite als auch in der Tiefe) und körperhaft und weich. Er ist bestens ausbalanciert. Es klingt nach einer ausgesprochen gut gelungenen Analogaufnahme, so gut kann man mittlerweile digital aufnehmen. Ein audiophiles Highlight.

 

Hier kann man mal einen Blick in die Video-Produktion aus der Royal Albert Hall werfen, die kurz vor der Einspielung im Studio stattfand: Vorsicht, es gibt Werbung! Das heißt es kann auch mal sehr, sehr laut werden. Lauter als das ganze Bruckner-Orchester im fff.

https://www.youtube.com/watch?v=hSgGa-oc0pg

 

 

5

Ferdinand Leitner

Basler Sinfonieorchester

Accord

1992, live

18:01  18:08  9:09  16:21  61:39

Von Ferdinand Leitner sind uns zwei Aufnahmen bekannt geworden. Während man die ältere mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (so steht es auf der CD) immer noch problemlos beschaffen kann, erweist sich die Accord-Produktion als echte Rarität. Allerdings wäre sie derzeit noch unter dieser Adresse runterzuladen, wer weiß, wie lange noch.

https://mega.nz/folder/BeAyhTAZ#bkvIASwqOT32xGLdSLvl4A

 

Leitner war bei dieser Aufnahme 80 und was man bei der Aufnahme natürlich noch nicht wusste, es sollte seine letzte bleiben.

Ferdinand Leitner war 1969-84 Musikalischer Direktor des Zürcher Opernhauses, zuvor von 1947-1969 GMD der Württembergischen Staatsoper Stuttgart. Der Unterschied zwischen den beiden Aufnahmen Leitners könnte kaum größer sein. 1982 klingt es straffer, strukturbezogener, 10 Jahre später in Basel erscheint man viel stärker am geistigen Gehalt und an der Gefühlshaftigkeit der Komposition interessiert und wir als Hörer werden darin stärker miteinbezogen.

Das Majestoso wirkt schon besonders ruhevoll, verträumt fast schon entrückt, wie unter den Einfluss der Sichtweise von Sergiu Celibidache geraten, was 1982 bei der ersten Aufnahme noch in keiner Weise erkennbar war. Das Orchester spielt souverän, hoch engagiert und besonders ausgewogen aber effektvoll, ohne je plakativ zu werden. Die Musik wirkt besonders stimmungsvoll. Es gibt weniger (aus der Sicht der Basler Aufnahme gesehen vordergründig wirkenden) Biss wie 1982. Es gibt stattdessen ein betontes Cantabile, ein betontes strömen lassen. Die langgezogenen Steigerungsbögen, die z.T. besonders sehnsüchtig wirken und die besondere Art von Feierlichkeit stellten sich 1982 so noch nicht dar.

Das Adagio wirkt nun ruhevoller und sehr ausdrucksvoll. Die Violinen spielen auf Weltklasse-Niveau, wunderbar homogen und präzise, sie können richtig leise. Man verströmt sich. Aus einem eher klassisch anmutenden Fluss wird nun ein breiter, weihevoll strömender Strom von Trauermusik. Die Tiefe der Adagios aus den Sinfonien 7, 8 und 9 scheint bereits erreicht.

Im Scherzo dirigiert Leitner sogar etwas schneller. Im Trio besonders abschattiert, besonders melancholisch, wie eine Reminiszenz an Vergangenes, nunmehr Unwiederbringliches.

Die Basler klingen generell dunkler und satter aufgenommen als das SWF-Orchester anno 1982. Leider gehen im Finale ein paar Holzbläserdetails verloren. Trotz der Breite von Tempo und Gestik wirkt die Musik stets inspiriert. Denn die Gestaltung wirkt bruchlos. Insgesamt wirkt die Darbietung gerade gegenüber der älteren 1982 eingespielten wie in die Nähe des Spirituellen gerückt, wie noch einmal bei Celibidache in die Schule gegangen oder vielleicht ist 80 einfach genau das richtige Alter für einen Bruckner-Dirigenten?

Der Klang wirkt distanzierter als 1982, weiträumiger, sehr plastisch und sehr räumlich, auch sehr transparent. Der Bass wirkt kräftiger und voller als bei der SWR-Aufnahme. Die klingt dagegen dynamischer und etwas brillanter. Dynamisch ist aber auch die Basler Aufnahme: unverschliffen bis ins ff. Je nachdem wie das Gehör „geeicht“ ist, könnte die Basler Aufnahme sogar etwas dumpf wirken. Ein Effekt, an den man sich jedoch während des Hörens anpasst. Der Klang hat jede Blechlastigkeit und überhaupt Lästigkeit verloren, was ganz entscheidend zum besonderen Ausdrucksgehalt der Einspielung beiträgt. Es gibt hin und wieder Publikumsgeräusche, die stören könnten. Insgesamt herrscht der weiche, organisch-seidige Glanz der Streicher ein wenig vor.

Übrigens: Tonmeister der Basler Aufnahme war Jürg Jecklin, dem wir auch schon eine meisterhaft aufgenommene Einspielung der Fünften Mahler in der Berliner Philharmonie zu verdanken haben. Aufmerksame Leser werden sich vielleicht erinnern, das war die mit der Jungen Deutschen Philharmonie unter Rudolf Barshai.

 

4-5

Horst Stein

Wiener Philharmoniker

Decca

1972

16:40  16:10  8:05  13:38  54:33

GA Diese Aufnahme wurde Teil einer zunächst nicht als solche geplanten Gesamtaufnahme der Bruckner-Sinfonien 1-9, die allerdings nicht von einem Dirigenten zusammengehalten wird, sondern nur vom Orchester, den Wiener Philharmonikern. Die Aufnahme erstreckten sich von 1965-1972 und sechs verschiedene Dirigenten nahmen daran Teil. Der junge Claudio Abbado (1), Horst Stein (2 und 6), Karl Böhm (3 und 4), Lorin Maazel (5), Georg Solti (7 und 8) und Zubin Mehta (9). Horst Stein war u.a. Schüler von Gunter Wand. Beide kommen übrigens aus dem gleichen Stadtteil von Wuppertal, Elberfeld. Er war jahrelang in Bayreuth tätig (nach Christian Thielemann kommt er dort auf die meisten Auftritte als Dirigent) und auch in der Wiener Staatsoper häufiger Gastdirigent. Die Aufnahme stammt aus dem wegen seiner Akustik legendären Sophiensaal, der leider in den 80er Jahren abgebrannt ist. Sie bringt in Kombination mit dem Orchester einen (für unsere Ohren) nahezu idealen Brucknerklang, zumindest einmal für die frühen Sinfonien, die Erste, Zweite, die Dritte, die Vierte aber auch die Sechste. Er strahlt eine gewisse „Bruckner-Magie“ aus. Man muss aber wissen, dass wir dem frischen, lebendigen Decca-Klang der 60er und frühen 70er Jahre sowieso anhängen, auch wenn er aus der Londoner Kingsway Hall oder der Genfer Victoria Hall kommt. Jedenfalls kommt der prachtvolle Wiener Hörner-Klang im Sophiensaal wunderbar kraftvoll und sonor zu Geltung. Damit ist schon gewisser Teil des Weges zur Bruckner-Magie zurückgelegt. Das übrige Orchester bringt ebenfalls einen nahezu idealen Brucknerklang mit. Um wieviel lebendiger es noch gegenüber der Einspielung mit Thielemann klingt! Das muss man schon selbst mal gehört haben. Als ob der Weg vom Orchester über das Mikrophon bis zu den Lautsprechern bei Sony um hunderte Meter länger wäre.

Nun, die Darbietung strahlt viel Energie aus, der Beginn des Majestoso wirkt düster und bedrohlich aber kompromisslos direkt im Zugriff, wobei die „kurze Zündschnur“ der Decca-Technik bereits mit reinspielt. Der Satz wirkt hochdramatisch. Die Wiener klingen opulent aber auch gespannt mit wunderschönen gesanglichen Passagen. Die weit ausgreifende Dynamik (sehr leise pp und schmetternde fff), mitreißende Accelerandi und der herrliche Klang besonders der Wiener Violinen, die sich in Top-Form zeigen, tragen mit dazu bei. Besonderes Schmankerl: Ab W klingt das Unisono von Oboe und Horn magisch.

Das Adagio könnte vielleicht noch zarter und besinnlicher klingen. Das mag daran liegen, dass das p in diesem Satz bereits recht laut ist. Da wurden die Potentiometer gegenüber dem ersten Satz offensichtlich nachjustiert. Jedoch klingen die leisen Töne auf diese Art ungemein eindringlich und reichhaltig. Das Tempo wirkt nie träge und die Wiener Oboe hatte damals noch ihren ursprünglichen, ganz eigenen Wiener Akzent. Im Verlauf gibt es immer wieder berückend schöne Stellen, bewegenden Streicherklang (Violinen). Ein magischer Moment gibt es wieder ab D. Manchmal könnte dynamisch allerdings noch besser abgestuft werden. Und oft ist das Fagott im Holzbläsersatz stark benachteiligt. Das gilt aber (leider) für nahezu alle Aufnahmen! Das Fagott hat in der Sechsten einen schlechten Stand. Oft bleibt es ganz unhörbar. Bei K könnte es auch mal etwas markiger klingen.

Das Scherzo ist eines der zahlreichen Highlights der Darbietung. Beschwingt und bissig mit deutlichen und prachtvoll klingenden Hörnern. Weiträumig suggeriert man Jagdstimmung.

Das Finale erklingt eigentlich so wie es Bruckner komponiert hat: Kühn und mutig. Die Themen sind ja recht einfach gehalten, weil Bruckner wusste, dass er auf das ursprüngliche Hauptthema des Kopfsatzes zurückkommen würde. Manch ein Hörer mag sie deshalb sogar als banal empfinden. Das Blech macht einen hochmotivierten Eindruck, aber mal Hand aufs Herz, die Philharmoniker hatten ja auch noch was an Bruckner wiedergutzumachen. Historisch gesehen. Da gibt es im Eifer des Gefechts mal hin und wieder einen vereinzelten kleinen Ausrutscher. Unbedeutend, wenn es dafür so spontan und frisch gespielt wird mit mitreißenden Aufschwüngen und einer flexibel “atmenden“ Phrasierung. Darum machen sich nicht eben viele die Mühe. Bei Thielemann klingen die Philharmoniker viel gleichförmiger. An die Fülle und den Glanz des Berliner Blechs bei Keilberth kommen die Wiener Blechbläser in diesem Satz nicht ganz heran. Horst Stein befand sich damals wohl in seinem besten Alter als Dirigent. Er war erst 44. Völlig untypisch für einen Bruckner-Dirigenten.

Der Klang erweist sich als ausgewogen, räumlich, gut gestaffelt, dynamisch und transparent. Das Blech kommt knackig (auch die Hörner!) und sehr differenziert ins Klangbild. Man hat die Hörner links Platz nehmen lassen, Trompeten und Posaunen rechts. Eine gute Entscheidung, denn so kommen sie besser zu Geltung, nicht zuletzt, weil man sie besser aussteuern kann. Der sogenannte „Decca-Tree“ wurde mittlerweile durch Stützmikrophone ergänzt. Die Streicher klingen wärmer als in den frühen 60er Jahren bei Decca üblich, vielleicht nicht mehr ganz so spritzig. Eine Folge der Rauschunterdrückung? Die Bassstimme ist deutlich zu hören. Die Aufnahme klingt etwas weniger brillant und nicht ganz so dynamisch als die besten Decca-Aufnahmen der 60er und frühen 70er Jahre, ohne jedoch matt zu wirken. Allerdings hörten wir „nur“ eine Eloquence im Streaming und keine Original-Decca-LP oder CD.

 

Hier kann man mal in die Aufnahme reinhören: Bei YouTube kann es aber deutlich matter klingen als vom Original-Datenträger. Und damit meinen wir nicht das Masterband, sondern die LP oder CD.

https://www.youtube.com/watch?v=G-5YerqL-l0

 

 

4-5

Bernard Haitink

Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Philips

1970

15:16  17:16  7:49  13:25  54:06

GA Dies ist die erste von vier Aufnahmen die Bernard Haitink von der Sechsten machte. Sie setzte damals zwar nicht den Schlusspunkt unter seine Gesamtaufnahme der Sinfonien Bruckners (eingespielt 1963-72), sie war aber bei den letzten. Damals wurde sogar die sogenannte „Nullte“ (von annulliert) mit eingespielt. Man kann sagen, dass innerhalb dieser Gesamteinspielung Haitinks Bruckner-Darbietungen bereits gereift sind.

Die Herangehensweise wirkt recht dringlich, d.h. das Majestoso wird zwar nicht unterspielt, aber auch nicht gerade durch Breite besonders betont. Bereits vor Günter Wand bringt Haitink die Tempi Günter Wands. Das Blech des Orchesters klingt knackig, es gibt flexible Tempowechsel, der Rhythmus erklingt geschärft, die Spannung erscheint nahezu bruchlos, es gibt hervorragende Steigerungsverläufe und gut herausgearbeitete Höhepunkte, kein Abfeiern eines jeden ff als Höhepunkt wie beim jungen Daniel Barenboim (1978). Dem Streicherklang fehlt noch die spätere Fülle und Geschmeidigkeit. Wenn man beide Aufnahmen Haitinks mit dem COA hintereinander hören würde, meint man zwei völlig verschiedene Orchester zu hören. Das mag aber auch an der Klangtechnik liegen, die diesen Effekt zumindest noch verstärkt. Manchmal klang es bei Philips auch mal ziemlich nüchtern. Wie oft wurde der Dirigent während der Zeit seines frühen Wirkens, er war bei der Aufnahme gerade mal 41 Jahre jung, kein Alter für einen Bruckner-Dirigenten, unterschätzt. Der Schlussakkord wirkt etwas „ausgefranst“, d.h. nicht alle im Orchester beenden das kurze Viertel als Schlusston zugleich.

Im Adagio klingt das Holz und die thematisch so wichtige Oboe zu weit entfernt und damit zu leise. Die Violinen klingen nun völlig frei von Schärfe, nur im sehr starken Espressivo gesellt sie sich hinzu, aber ohne tiefgreifend zu stören. Bereits bei Chailly, aber auch bei Jansons oder noch später wieder bei Haitink selbst klingen sie wie Samt und Seide, bei jedem Espressivo in jeder Lautstärke. Bereits 1970 gelingen groß angelegte Steigerungsverläufe und die Satzstruktur wird souverän zusammengehalten. Das Orchester spielt voller Verständnis für die Anliegen der Komposition und sehr musikalisch, nur an die traumhaft klingende „Transzendenz“ der späteren Einspielungen kommt es noch nicht heran. Oder die Philips-Technik war noch nicht soweit. Jedenfalls hören wir bereits 1970 Bruckner-Spiel mit Herz und Verstand.

Das Scherzo klingt sehr kraftvoll, sehr tänzerisch und mit viel Spielfreude. Es wird ausdrucksstark phrasiert und es klingt sehr dynamisch. Das COA lässt bereits seine Qualitäten als eines der besten Bruckner-Orchester mehr als aufblitzen. Es hat wie bei Mahler auch bei Bruckner eine lange Tradition, bei Mengelberg spielte man allerdings vor allem die letzten drei Sinfonien, wie bei vielen anderen Dirigenten damals auch, dann führte van Beinum die Tradition weiter und Eugen Jochum war zeitweise sogar als Ko-Musikdirektor in der Anfangszeit der Direktion Haitinks und später als ständiger Gast für viele Aufführungen von Bruckner-Sinfonien zur Stelle. Seine Sechste aus Amsterdam begegnet uns auch noch. Chailly und Jansons setzten die Tradition fort. Und Klaus Mäkelä wird Bruckner ebenfalls nicht meiden. Große Erfolge konnte er bereits mit der Nr. 5 und 8 vermelden. Es wurde und wird also immer viel Bruckner gespielt in Amsterdam. Das Orchester bezeichnet sich selbst seit den 50er Jahren als „Bruckner-Orchester“.

Das Finale klingt spannend, frisch und temperamentvoll. Das jugendfrische Spiel macht hier die Bezeichnung Bruckners, die Sinfonie wäre seine „keckste“ zumindest mal plausibel. Es klingt in Summe etwas spielerischer als sonst. Die „Tristan-Zitate“ kommen in aller Klarheit. Die Darbietung wirkt kontrastreich, teilweise sogar feurig. Mitreißend wie kaum eine zweite, die Keilberth-Aufnahme mal ausgenommen

Der Klang der Aufnahme wirkt noch eher etwas hell, aber bereits offen, weit und räumlich. Die Transparenz ist bereits sehr gut. Dass die Violinen noch nicht so weich und voll klingen wie in späteren Aufnahmen des Orchesters haben wir nun schon mehrmals erwähnt. Die „Restschärfe“, die der Philips-Klang noch mitbringt (zumindest einmal bei unserem Streaming) befördert allerdings den knackigen Blechbläsersound. Die Aufnahme klingt, obwohl sechs Jahre vor der ersten Aufnahme von Günter Wand entstanden deutlich besser als diese. Es gibt noch eine starke Stereoeffekt-Wirkung, wie man ihn sie der Frühzeit zu Demozwecken häufiger mal hören konnte. So erscheinen Violinen und Bässe in der Breite des Klangbildes besonders weit entfernt. Uns hat es nicht gestört.

 

Hier kann man sich die Aufnahme einmal anhören:

https://www.youtube.com/watch?v=tFXw60qpW20

 

 

4-5

Stanislaw Skrowaczewski

Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken (heute: Deutsche Radio-Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, kurz: DRP)

Arte Nova, Oehms

1997

15:33  18:31  8:38  13:50  56:32

GA Spätestens mit der Gesamtaufnahme der Bruckner-Sinfonien einschließlich der „Nullten“ und der sogenannten „Doppelnullten“ haben sich Dirigent und vor allem das Orchester ins Bewusstsein der Bruckner-liebenden Musikgemeinde in aller Welt gespielt. Zum Lohn erhielt man damals den Cannes Classical Award. Die Aufnahmen entstanden unter Studiobedingungen in der Saarbrücken Kongresshalle.

Sofort fallen im Majestoso die exemplarische kontrapunktische Klarheit und die Feinarbeit ins Ohr. Das Grundtempo wirkt zügig, von Überwältigungslärm hat man abgesehen, stattdessen gibt es unpathetischen Vorwärtsdrang. Keine „Kathedralen-Weihe“. Ein Brucknerbild, das man damals als modern bezeichnet hat, das sich heute, da die großen genialen Einzelgänger wie Eugen Jochum, Sergiu Celibidache oder Günter Wand, Herbert von Karajan oder Leonard Bernstein nicht mehr leben, auf breiter Ebene durchgesetzt hat. Nur gelingt es nicht immer in dem Maß wie in Saarbrücken. Heute findet man zudem immer häufiger den Versuch die Bruckner-Sinfonien mit HIP-Erkenntnissen in Verbindung zu bringen. Das gelingt auch mal mehr oder weniger eloquent. In jedem Fall sind diese Versuche Bereicherungen für die Diskographie, denn man will die Werke durchaus mal aus verschiedenen Perspektiven hören. Vielfalt hat eben auch ihren Wert.

Dem Majestoso trägt Skrowaczewski hinlänglich Rechnung, dazu dient ein wuchtiges, strahlendes Blech, das entgegen vielen Vorurteilen außerhalb des Saarlandes nicht besonders französisch geprägt ist (das war nur in den ersten Jahren so), sondern durchaus aus der deutschen Schule kommt, wenngleich auch im Saarland eine Internationalisierung stattgefunden hat. Der tendenziell etwas hellere Klang hat viel mit dem Aufnahmeraum, der Kongresshalle, zu tun. Streicher und Holz halten die hohe Qualität der deutschen Rundfunk-Sinfonieorchester. Ein besonderes „Pfund“ des Orchesters ist seine Begeisterungsfähigkeit und sein Drang Höchstleistungen abzuliefern um die Musik bestmöglich erklingen zu lassen. Mit der Sechsten begegnet es uns dreimal in unserer Liste. Es gibt nämlich noch einen Videomitschnitt aus Ost-Berlin von 1987 mit Myung-Whun Chung, der einmal in jungen Jahren Chefdirigent in Saarbrücken war und von 2017 mit Christoph König, der bereits HIP-Elemente in die Interpretation einfließen lässt. Die DRP kann das mittlerweile auch. Bei Chung war bei miserabler Klangqualität unserer Quelle der „Bruckner-Rhythmus“ (Duolen gegen Triolen) mit am klarsten herausgearbeitet.

Das Adagio erklingt im Adagio-Tempo, nicht wie beschleunigt im Andante-Tempo, klar mit deutlicher Phrasierung, straff und zielgerichtet. Es wird mit Emphase und Vibrato gespielt, ganz anders als mit Christoph König 20 Jahre später, da hieß das Orchester bereits Deutsche Radio-Philharmonie. Es ergibt sich bei Skrowaczweski ein dunkel getönter, trauriger glutvoller Trauermarsch (ab dem dritten Thema). Die Mittelstimmen bleiben meist gut hörbar und bestechen im Diskant und Bass mit feinen Nuancierungen. Tolles Espressivo der Violinen.

Das Scherzo erklingt sehr dynamisch, allen voran die Trompeten. Ein dunkler spukhafter Geistertanz mit hellen Lichtblitzen durch die aufgeweckten Saarbrücker Trompeten. Die große Stunde der Hörner schlägt im Trio, das für unser Empfinden etwas zu langsam abläuft (Brucker wollte es langsam). Da gefiel uns die Version mit Christoph König besser. Knackig und partiturkonform wirkt es jedoch auch bei Skrpwaczewski.

Das Finale wirkt bewusst und wohlüberlegt, strategisch gesehen. Die Tempi werden mitreißend gesteigert, das Orchester wirkt, wie man es von vielen Übertragungen vom Radio kennt, hellwach und allzeit bereit. Besonderes Lob verdient sich das strahlkräftige Blech und die grandios gesteigerte Schlussklimax. Wir hören hier keine Pflichterfüllung gegenüber einem wenig geliebten Werk, das nur wegen der Komplettierung des Zyklus gespielt wird, sondern eine Herzensangelegenheit, nicht nur für den Dirigenten.

Die Akustik wirkt weniger spektakulär. Wer das Orchester einmal in einem herausragenden Ambiente hören konnte, wie z.B. in der Berliner Philharmonie gehört hat weiß, wie gut es eigentlich klingen kann. Voller, sonorer und auf eine entspannte Art brillant. Was der Raum beim Klang verändern kann, ist gewaltig. Es klingt jedoch auch in Saarbrücken sehr transparent, recht präsent, rhythmisch klar und geschmeidig. Die Dynamik wirkt weit und - anders als bei vielen Sendungen im Rundfunk - unkomprimiert. Bei ff und fff drückt der Raum etwas auf die freie Ausbreitung des Klangs. Da wäre ein höherer Raum vorteilhaft, aber woher nehmen? Das würde das weiche Ausschwingen und das brillante Leuchten begünstigen. Die Raumtiefe wird ordentlich abgebildet, die Bassstimme ist hörbar, hätte aber ruhig noch etwas kräftiger grundieren dürfen. Zumindest einmal für unseren Geschmack.

 

4-5

Günter Wand

Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester (heute: WDR-Sinfonieorchester)

DHM, RCA

1976

15:33  15:02  8:43  13:36  52:54

GA Dies ist die erste Aufnahme Günter Wands von Bruckners 6. Sinfonie A-Dur von sechs, die wir entdecken, hören und die wir in unsere Liste aufnehmen konnten. Da war er gerade einmal 64 Jahre jung, andere denken da an ihre Pensionierung oder Verrentung, Herr Wand startete da gerade einmal zu einer späten „Weltkarriere“. Von 1946-74 war Günter Wand Chef des Kölner Gürzenich Orchesters und der Kölner Oper. Er war also in Köln längst bekannt und dirigierte das Kölner RSO häufig. 1982-91 war er Chef des NDR-Sinfonieorchesters.

Das Majestoso klingt im Prinzip bereits wie immer bei Herrn Wand, zügig und ziemlich vorantreibend, der Rhythmus der Violinen lädt dazu ein. Beim zweiten Thema wird er nicht bedeutend langsamer, wie es Bruckner expressis verbis hinzuschreibt. Seit Klemperer, der sich auf auffallende Weise darüber hinweggesetzt hat, fühlt man sich besonders dazu autorisiert. Andererseits: Was bedeutet „bedeutend“ in diesem Zusammenhang überhaupt. Mit Metronom-Angaben wäre die Sache klar, die wurden jedoch dem Manuskript von fremder Hand hinzugefügt und konsequenterweise in den Ausgaben der Wiener Musikwissenschaftlichen Verlags von Haas (1935) und Nowak (1952) weggelassen. Das dritte Thema erklingt noch weniger zart als in den späteren Aufnahmen. Das Tempo bleibt immer ziemlich gleich, die Spannung kann gehalten werden. Die dynamischen Kontraste sind noch nicht allzu immens. Die Pauke kommt wie meistens vor T. 210 kaum durch. Lebhaft und drängend wird es immer, wenn das Hauptthema erscheint. Den Schlussakkord lässt Wand eine halbe Note lang erklingen, das gefällt uns auch besser, ist aber falsch, den Bruckner schreibt nur eine Viertel, das ist kurz und wirkt enorm trocken. Eigentlich wirkt es wie ein Scherz, denn man erwartet den finalen Akkord länger. Insgesamt wirkt diese erste Einspielung aus dem Großen Sendesaal, dem Klaus-von-Bismarck-Saal, erstaunlich nüchtern, gerade wenn man ein ordentliches Majestoso von anderen Einspielungen dagegenhält. Dennoch begründete diese Einspielung mit den anderen der GA unter Studiobedingungen Wands Ruf als Bruckner-Spezialist. Die Coda wirkt weniger geheimnisvoll als bei Klemperer und ein echtes molto ritardando hören wir bei Wand am Schluss ebenfalls nicht.

Beim Adagio stellt sich trotz des Andante-Tempos sofort die typische Bruckner-Stimmungswelt ein. Die Oboe klingt gut, sie spielt aber lange nicht so klagend wie in den Aufnahmen mit Horst Stein oder Otto Klemperer. Das Tempo wirkt stimmig, die Gestaltung großbogig. Der Klang der Streicher gefällt jetzt besser als im ersten Satz, die Violinen und Celli treten ein wenig hervor. Das Largo bei T. 45 wird beachtet. Es gibt mächtige Steigerungsverläufe, gefühlvolles, inniges, expressives und vor allem schmerzerfülltes Spiel insbesondere der Streicher.

Das Scherzo wirkt entspannt und atmosphärisch. Manch einem wäre es vielleicht schon etwas betulich. Die Hörner im Trio spielen nicht ganz präzise und wirken ein wenig müde. Dennoch spürt man fortwährend eine bestimmte Energie, die man so bei anderen Aufnahmen weniger wahrnimmt.

Im Finale wird mit zügigem Tempo mit Scharfblick musiziert. Es klingt zupackend, aber auch mit einer gewissen Leichtigkeit. Man verliert sich nicht im Klein-Klein des Details, sucht Orientierung in der Architektur des Werkes. Während man im ersten Satz vielleicht noch befürchten musste, Wand würde vielleicht überhitzen, verspürt man in Köln höchstens einen gewissen Mangel an Wärme. Brillanz ist nicht überbordend vorhanden, das Orchester spielt geschliffen aber nicht ganz perfekt. Da bringen die späteren Einspielungen Wands noch beträchtliche Steigerungen.

Der Klang der Aufnahme wirkt (obwohl noch analog aufgezeichnet) hell und nicht besonders sonor, recht präsent und weiträumig. Es könnte voller, fülliger und wärmer klingen. Neue Remasterings könnte durchaus satter klingen als unsere Urpressung. Es klingt für eine Studioaufnahme recht hallig. Es gibt eine Tendenz ins Harte, es fehlt noch die Abrundung, die wir an Bruckner so lieben. Der Klang fällt hinter die 1964er Klemperer zurück und erreicht die 1963er mit Keilberth ebenfalls nicht.

 

4-5

Otto Klemperer

New Philharmonia Orchestra London

EMI

1964

16:50  14:37  9:18  13:44  54:29

Für Otto Klemperer war die Sechste Bruckners ein persönliches Anliegen. Es gibt drei Einspielungen mit ihm. 1961 spielte er sie mit dem Amsterdamer Concertgebouw-Orchester. Der Rundfunk schnitt mit, allerdings nur in Mono. Diese Aufnahme konnten wir uns anhören. Die zweite, ebenfalls 1961 aufgenommen, wurde von Testament veröffentlicht. Es ist ebenfalls ein Rundfunk-Mitschnitt, dieses Mal der BBC. Klemperer blitzte mit seinem Wusch die Sechste mit dem Philharmonia Orchestra für EMI einzuspielen immer wieder ab. Bruckner war damals nicht angesagt und bei Herrn Legge (die Sechste schon gar nicht). Legge, Klemperers Produzent bei EMI und Gründer des Philharmonia Orchestra, war der Meinung, dass die Veröffentlichung ein finanzieller Flop geworden wäre. So spielte Klemperer das Werk wenigstens mit dem BBC Symphony Orchestra, das Klemperer selbst „mietete“, ebenfalls monaural und ebenfalls nur für den Rundfunk in einem Konzertmitschnitt ein, vielleicht um Legge vom Gegenteil zu überzeugen. Den konnten wir leider nicht hören. Erst als Legge das Philharmonia nicht mehr förderte und er seine Tätigkeit für EMI einstellte, kam es zu einer Studioaufnahme für EMI mit dem neu gegründeten New Philharmonia Orchestra in der akustisch günstigen Kingsway Hall, die sich über mehrere Tage hinzog, was auf viele Takes und Schnitte hindeuten könnte.

Bei Klemperer gibt es nie nur einen Klangteppich. Der Beginn des Majestoso erklingt mit langsamem Tempo, auffallend deutlicher Bass- und Cellostimme, was für die bei Bruckner so wichtigen Ostinati erhellend wirkt. Die Attacke des Blechs wirkt markerschütternd. Bei B wird Klemperer für das zweite, kantable Thema nicht spürbar langsamer. Das wäre angesichts des sowieso bereits langsamen Tempos sicher auch problematisch geworden. So wirken die Themen durch die Tempogestaltung weniger kontrastreich als sie sollten. Das Holz tritt sehr klar und deutlich hervor, eine typische Klemperer-Tugend, die man aber erst in seinen Stereoaufnahmen in London so richtig genießen kann. Das langsame Tempo, das wie oft bei Klemperer so eigenwillig wirkt, könnte zu Spannungsabfall führen, wir haben jedoch keinen bemerkt. Die Steigerungen erfolgen mit großer Intensität, überhaupt wirkt das Spiel sehr expressiv, der Stimmenverlauf wie herausgemeißelt. Das wirkt außerordentlich deutlich. Die Tempi bleiben jedoch problematisch, gerade auch in ihrer Relation zueinander. Statuarisch wirken sie nicht. Die Dynamikgegensätze und die akzentuierte Phrasierung wirken beeindruckend. Das klingt alles ziemlich progressiv, nicht modisch. Bruckner aus der Sicht des Mahlerianers.

Im Adagio hören wir wieder den problematischen harten und starren Klang der Oboe, allerdings klagend, wie es sein soll. Sie dominiert der Holzbläsersatz über Gebühr. Trotz des jetzt rekordverdächtig schnellen Tempos stellt sich die beabsichtigte feierliche Stimmung durchaus ein. Die Violinen klingen für Klemperer-Verhältnisse offen und schmelzend, ein Trumpf den man sich mit der akustisch herausragenden Kingsway Hall sichern konnte. Die Trauermarschanklänge der dritten Themengruppe werden ausgespielt. Die Streichergruppe wirkt außerordentlich stark (groß besetzt und hoch motiviert), sie leistet dem Blech gehörigen Widerpart. Sie kann aber auch so eindringlich leise spielen, dass man sie kaum noch hört. Der Satz klingt teilweise ungeheuer eindringlich.

Beim Scherzo heißt es ja: „nicht schnell.“ Das stimmt bei Klemperer ganz besonders. Leider klingt es auch etwas schwunglos, fast knüpft man nahtlos an das im Andante-Tempo gespielte Adagio an. Nächtlicher Zauber lässt sich so gut verbreiten, besonders tänzerisch wirkt es jedoch nicht. Im Trio wird nun richtig langsam gespielt. Wegen der stark hervortretenden Hörner ergibt sich wieder ein jagdlicher Eindruck, die Hörner sind hervorragend disponiert, fast schon gewalttätig klingen sie heraus. Das klingt grandios und erneut nach Gustav Mahler.

Der letzte Satz, das Finale, verströmt wenig Wärme, manche Crescendi könnten leiser beginnen, an Maximallautstärke fehlt es hingegen nicht. Klemperer scheint hier viel deutlicher auf die Tempi einzuwirken als in den Sätzen zuvor. Es ergibt sich ein leicht drängender Charakter, der dem Satz gut ansteht. Bei M sollte es bedeutend langsamer werden, was wir jedoch nicht bestätigen können. Das Blech erklingt mit Fülle und Autorität, ihm wird auch aufnahmetechnisch viel Zuneigung zuteil, sodass es hervorragend zur Geltung kommt. Es sorgt mit dem beträchtlichen Impetus für tolle Steigerungsverläufe. Zur Zeit der Einspielung war Herr Klemperer 79 Jahre alt.

Der Klang der Aufnahme wirkt offen, sehr klar, sehr dynamisch und körperhaft. Der Bass kommt sehr gut zur Geltung, meist wird er wenig beachtet bis ignoriert. Das Orchester erscheint sehr präsent und sehr plastisch, breit und tief gestaffelt, sehr räumlich. Wir hören einen erstklassigen Stereosound. Ob die Einspielung ein finanzieller Erfolg für EMI wurde, wissen wir leider nicht. Wir wissen nur, dass bis 1970 noch Aufnahmen der Fünften, der Neunten und Achten Bruckners erfolgten. Da war Otto Klemperer bereits 85. Die Sechste wurde jedenfalls, obwohl nicht gerade unproblematisch, lange als Referenz „gehandelt“, wohl auch deshalb, weil sie kaum ernsthafte bis gar keine Konkurrenz hatte.

 

Hier kann man die Aufnahme derzeit hören. Vorsicht, überlaute Werbeeinblendungen sind wahrscheinlich.

https://www.youtube.com/watch?v=mgggUyaeZVI oder

https://www.youtube.com/watch?v=UCDohcWOPps

 

 

4-5

Sylvain Cambreling

SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg (heute: im SWR-Sinfonieorchester aufgegangen)

Glor

1998

15:38  15:42  7:40  13:04  53:04

In Frankreich sind die Sinfonien von Anton Bruckner deutlich weniger beliebt als in Österreich, Deutschland oder der Schweiz. Umso erfreulicher, dass mittelweile auch zwei Dirigenten aus Frankreich gerade mit der als schwierig und sperrig geltenden Sechsten Erfolg haben. Außer Sylvain Cambreling wäre da noch François-Xavier Roth zu nennen, der bei uns die kurze Liste der HIP-orientierten Aufnahmen anführt. Als Sylvain seine Einspielung im Freiburger Konzerthaus machte, war Michael Gielen noch Chef des Orchesters, ein Jahr später, 1999-2011 wurde er selbst zum vorletzten Chefdirigenten des Orchesters. Der letzte war dann der soeben angesprochene Monsieur Roth.

Das Maestoso klingt nun zwar durchaus feierlich, aber auch zielstrebig und sehr differenziert gestaltet. Insbesondere in der Dynamik und der spontan wirkenden Artikulation. Das Spiel wirkt flüssig, die Dynamik sogar im Verlauf sehr weit ausgreifend, womit die Klangqualität diesbezüglich eindeutig zur Spitzengruppe gehört. Der Klang des Orchesters wirkt nochmals virtuoser als in den vorangegangenen Aufnahmen mit Hans Rosbaud und Ferdinand Leitner. Das Zusammenspiel zwischen Streichern, Holz und Blech wirkt geschmeidiger, feiner abgestimmt und noch freier, besonders weil auch die Akustik des Freiburger Konzerthauses nun ein kammermusikalisch wirkendes Spiel und den passenden Klang dazu ermöglicht. Nur manchmal wirkt der Verlauf gerade in den leisen Passagen etwas nüchtern und sachlich, da hätte wir uns die Musik noch etwas stimmungsvoller gewünscht. Das gelingt einem Günter Wand oder Sergiu Celibidache noch etwas besser. Die Tempi unterscheiden sich bei Cambreling nur wenig voreinander. Das Holz wird bei Cambreling und der Klangtechnik immer deutlich gehalten. Die Oboe klingt dabei nicht besonders schmelzend. Das wird sich schon in der Aufnahme mit Michael Gielen wieder gebessert haben. Vielleicht kam bei Cambreling eine Aushilfe zum Einsatz? Viel Glanz gibt es dagegen beim sehr direkt, präsent und fulminant aufspielenden Blech.

Cambreling scheint wie schon beim ersten auch beim zweiten Satz, dem Adagio, das Tempo von Ferdinand Leitner bei seiner ersten Aufnahme von 1982 zu übernehmen, was sicher Zufall war. Das Adagio klingt also zügig. Es wird besonders präzise und klar gespielt, jedoch nicht ohne einen gewissen Mangel an Wärme hören zu lassen., gerade in den leisen, besinnlicheren Passagen. Es gibt natürlich auch ausdrucksstarke, melancholische Kantilenen. Die leisen Passagen werden zwar schön leise gespielt, entbehren aber doch der gewissen Magie, die man bei Celibidache oder auch Haitink in den späteren Aufnahmen oder auch bei Eugen Jochum hören kann, also bei Darbietungen die ein offenes Ohr für den religiösen oder transzendenten Gehalt der Musik haben. Bei Cambreling scheint das „zügige“ Voranschreiten und formbewusste Darstellung immer etwas wichtiger zu sein als die „Erwärmung“ der Seele. Es klingt hier aber enorm klar und präzise ohne je holzschnittartig zu wirken. Und es wird auch im Adagio eine enorme Dynamik geboten. Die ist wahrlich einer späten Bruckner-Sinfonie würdig. Insgesamt wirkt der Satz auf uns kammermusikalisch aufgelichtet und mit besonderer Transparenz dargeboten aber bei aller Exzellenz des Spiels auch ein wenig zu zügig und ein wenig zu glatt.

Das Scherzo klingt indes zügiger und temperamentvoller als bei Leitner 1982. Das passt gut zum zügigen Adagio und zum zielstrebigen Majestoso. Auch das Trio erscheint nicht zu langsam, aber auch weniger dunkel und unheimlich als tänzerisch geprägt aber nicht unbeschwert. Respekt vor der Virtuosität, Strahlkraft und Leidenschaft des Blechs.

Das Finale beginnt frisch, unmittelbar und leidenschaftlich, doch auch den grazilen Holzbläserpartien wird Gehör verschafft. Das Blech erinnert an die Kollegen des BRSO in der Aufnahme mit Eugen Jochum 1966. Sagenhaft glanzvoll unmittelbar, plastisch, geradezu wie entfesselt. In der zu hörenden Unmittelbarkeit erinnert das Klangbild an eine gute alte Living-Stereo. Erfrischend. Eigentlich fällt nur das Adagio ein wenig ab, da klingt es etwas kühl und nüchtern, ansonsten eine hervorragend gelungene Einspielung, besonders in den Sätzen 3 und 4.

Diese Aufnahme des SWR klingt viel sauberer (transparenter), ausgewogener und plastischer als ihr Vorgänger mit Ferdinand Leitner. Das Blech kommt ganz und gar klar, da dröhnt nichts mehr. Allerdings: besonders erwärmend wirkt der Klang dieser Aufnahme nicht, dafür erfreut das in diese Aufnahme in gelungener Weise in Szene gesetzte Blech ganz besonders. Das kann auf seine Art ebenfalls erwärmen. Sehr gute Basswiedergabe.

 

4-5

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

NY Special Editions, Urania

1976, live

15:28  17:30  8:40  14:14  55:52

Wenn man an die als einschlägig als Bruckner-Dirigenten bekannt gewordenen Orchesterleiter denkt, fällt einem der Name Leonard Bernsteins wohl eher nicht ein. Es existieren mit ihm nur zwei Aufnahmen der Neunten, eine mit den New Yorkern (CBS-Sony) und eine wesentlich später aufgenommene mit den Wiener Philharmonikern (DG). Bernstein stand der Musik Bruckners stets kritisch gegenüber und machte von seiner eher ablehnenden Haltung nur für die Sechste und eben die Neunte Ausnahmen. Von der Sechsten gibt es jedoch lediglich diesen Mitschnitt von CBS-Radio. Wer weiß, vielleicht wäre noch eine Platte daraus geworden, aber angesichts des wenig perfekten Orchesterspiels haben die Verantwortlichen abgewunken. Bernstein bildete sich seine Meinung nicht aus Vorurteilen, denn er kannte alle Sinfonien Bruckners sehr gut. Dazu gibt es folgende Anekdote: Er wurde einmal nach einem Konzert in Japan von einem gewissen Harry Vogel gefragt, was ihm an Bruckner missfiele, da spielte er ihm nach dem Konzert auf dem Klavier oder Flügel des Probenraums die komplette Achte Sinfonie vor, nur um ihm zu zeigen, was daran alles falsch sei. Ohne jede Vorbereitung. Ob das wahr ist?

Im Gegensatz zu Karajan, der die Sechste nur für die Plattenaufnahme einstudierte aber nie aufführte, brachte Bernstein sie öffentlich zu Gehör. Dass die Sinfonie für die New Yorker Philharmoniker nicht gerade ein Repertoirestück war, hört man. Man nimmt den ersten Satz, das Majestoso, jugendlich frisch, flott und mit zupackendem Gestus, spielt dabei aber nicht gerade sattelfest. Die Hörner versagen in Takt 28 fast komplett, was sie aber nicht davon abhält im Verlauf des Werkes ihr Bestes zu geben, was nur meist nicht immer gelingt. Das 2. Thema, das Gesangsthema, wird nur etwas im Tempo abgebremst, aber immerhin. Das reicht ja schon. Die Violinen, die Streicher überhaupt wirken viel sicherer als das Blech, da klingt es sehr schön, auch mal sehr zart. Im Verlauf gewinnt man dem Satz viel Verve ab. Das Blech wird immer sicherer, die Pauke langt kräftig zu (eine Seltenheit!), aber die Vorzeigegruppe sind doch die Violinen. Die spielen homogen, rhythmisch sattelfest und klangschön. Das Blech ist hingegen immer mal für eine Überraschung gut. Langweilig wird es in dieser Aufnahme nie. Bernstein vermeidet es in die Breite zu gehen und bietet stattdessen Leidenschaft. Dabei bleibt er partiturgenau. Dazu gehört auch der sehr kurze, trockene, fast trotzig herausstechende Schlussakkord.

Das Adagio bietet emotionale Tiefe in einem sehr dynamisch-packendem Spiel, sehr detailreich und ausdrucksvoll. Man lässt sich genug Zeit dafür. Es klingt authentisch und man lotet die Extreme aus. Hätte man sich nur nicht entmutigen lassen, noch ein paar Proben mehr und vielleicht eine kleine Tournee und die Sicherheit für eine weltweit vermarktete Plattenaufnahme hätte sich auch noch eingestellt. Schade, das wäre was geworden!

Im Scherzo scheint Bernstein in seinem Element. Das pulsiert rhythmisch, stark akzentuiert, schwungvoll, pointiert und recht schnell. Zum geisterhaften Possenspiel gesellt sich die volle Wucht. So gespielt wird dieser Satz zu einem der besten Scherzi Bruckners. Das Trio bietet dazu den denkbar starken Kontrast, bleibt aber hochspannend.

Im Finale beginnt Berstein recht langsam und gewinnt erst nach und nach an Spannung. Da gibt es nun wenig gestische Erhabenheit, stattdessen viel Schwung und Tempo. Das Orchester wirkt emotional involviert, eine Distanz zum Werk ist für uns nicht auszumachen. Im Gegenteil: Inzwischen spielt das Blech bis auf die Hörner in Hochform, genau wie Bernstein, dessen legendären Aufstampfer man bisweilen deutlich hören kann. Die Coda wird langsamer und breiter, sodass vor allem die Posaunen aber auch das übrige Blech ordentlich triumphieren können. Von ein paar Fehlerchen einmal abgesehen erlebt man Elektrisierendes. Perfektionisten wäre indessen abgeraten, es klingt manchmal eher nach einer Generalprobe. Mangelnde Perfektion wird wohl der Hauptgrund gewesen sei, weshalb dieses Konzertdokument nicht schon früher veröffentlicht wurde. Die Darbietung ist durchweg packend und unkonventionell. Wir hätten uns eine nachfolgende Studiositzung gewünscht, aber wir sind ja unterdessen auch zu Liebhabern der Sechsten geworden, die werden damals in New York noch selten gewesen sein dürften. Ein Zusammenschnitt mehrerer Konzerte hätte vielleicht schon gereicht, wenn man dadurch diesem „Hörnerglücksspiel“ hätte entgehen können. Uns gefällt diese spontan und ziemlich inspiriert wirkende Darbietung besser als die Beiträge zur Diskographie der großen Antipoden Bernsteins Karajan und Solti.

Der Klang der Aufnahme erscheint sehr transparent, es ist genügend Tiefe und Dynamik vorhanden, es klingt sogar wuchtig, direkt, ziemlich voll und satt. Deutlich besser als der Mitschnitt des DDR-Rundfunks mit Herbert Kegel, der ähnlich spontan anmutet. Der ist nur vier Jahre älter und ruinierte eine vermutlich exzellente Darbietung. Das Publikum ist in leisen Passagen immer präsent.

 

4-5

Herbert Blomstedt

Gewandhausorchester Leipzig

Querstand, Accentus, auch als Mitschnitt des MDR gehört

2008, live

16:43  16:53  8:36  14:33  56:45

GA Herbert Blomstedt hat die Sechste bisher zweimal eingespielt. Das erste Mal als er Musikdirektor des San Francisco Symphony Orchestra (1985-1995) war für Decca, das zweite Mal in Leipzig 2008, wo er ebenfalls einmal von 1998-2005 Gewandhauskapellmeister war, also bevor diese Einspielung entstand. Auch in seiner Dresdner Zeit hat er die Sechste aufgeführt, es existiert davon leider keine Veröffentlichung. Das Gewandhausorchester kann ebenfalls auf eine lange Brucknertradition zurückblicken. Es führte zum ersten Mal überhaupt einen ganzen Zyklus auf. Das war in der Saison 1919/1920 mit Arthur Nikisch. Furtwängler, Abendroth, Konwitschny, Neumann, Masur und Herbert Blomstedt bis hin zu Andris Nelsons haben die Tradition auf ihre Weise fortgesetzt.

Die Leipziger Aufnahme des MDR gibt es bei Querstand als SACD, bei Accentus innerhalb der GA als normale CD. Darüber hinaus wurde sie bereits mehrmals vom MDR als Live-Mitschnitt gesendet, unter anderem zum 85jährigen Geburtstag des Dirigenten 2012. Es ist in allen Fällen dieselbe Aufnahme, der Trompeten-Kiekser bei Minute 11 ist so in jedem Fall zu hören.

Im Majestoso wirken die drängenden Steigerungen unforciert aber mit Schwung. Es wird der Musik immer genug Luft gelassen, dass sie „atmen“ kann. Die eigentlich wichtigen Höhepunkte werden klar aber auf natürlich wirkende Art imposant herausgearbeitet und herausgehoben. Immer dann gewinnt die Musik an Intensität. Das 2. kantable Thema wirkt entspannt und langsamer, über das „bedeutend“ könnte man trefflich streiten. Die Stimmen wirken sorgsam aufeinander abgestimmt. Das Blech darf sich entfalten aber nicht auf Kosten von Holz oder Streicher. Die Pauke, bei fast allen Aufnahmen ein Problem, so leise wie man sie sehr oft lediglich hören kann, kommt einigermaßen griffig, was schon als große Anerkennung zu werten wäre. Die Kontrapunktik wird offengelegt, ohne auch nur ansatzweise schulmeisterlich zu wirken. Nebenstimmen werden kantabel herausgearbeitet. Übrigens: Der charakteristische Rhythmus der Violinen zu Beginn treibt voran, nicht über Gebühr, aber sehr wohl spürbar. Der ganze Satz wirkt vital, frisch und sehr differenziert. Das Orchester macht einen mit der Sinfonie vollends vertrauten Eindruck, Blomstedt hatte sie auch früher bereits in Leipzig auf das Programm gesetzt.

Das Adagio wirkt feierlich, sehsuchts- und würdevoll. Sozusagen mit „vornehmer“ Tragik. Auch hier darf sich die Musik frei entfalten, es klingt ausdrucksvoll. Wir hören ein weiteres „Bruckner-Orchester“ par excellence mit feinem substanzreichem Holzbläserspiel, noblem Blech und schön aufblühenden, genauso seidigen wie sonoren Streichern. Die Orchesterleistung ist großartig, besonders wenn man den Mitschnitt Bernsteins aus New York mit ihm vergleichen würde. Wir hören weite Spannungsbögen, tiefgründige Musik, die sich jedoch eine gewisse Lebendigkeit erhalten hat.

Das Scherzo erklingt nicht schnell, aber auch nicht lethargisch, Blomstedt lässt die Funken sprühen. Erneut atmet das Orchester mit der Musik, spannend und im Blech nie aggressiv, also mit zurückhaltender Balance. Unter anderem bei den Hörnern im Trio. Die Zurückhaltung ändert nichts an der Bravour, sie wirkt nur nie um ihrer selbst willen.

Im Finale erscheint das Tempo ebenfalls mit Maß. Es ergibt sich dasselbe Bild wie in den anderen Sätzen: „Atmende Phrasierung“, spannungsreiche, weite Bögen, die den Satz zusammenhalten. Die Trompeten überstrahlen den Blechbläsersatz nicht so extrem wie in vielen anderen Einspielungen. Exzellentes Live-Spiel des Orchesters. Die Posaunen haben es in der Coda allerdings schwer sich beim Erscheinen des Hauptthemas aus dem Kopfsatz gegen das übrige Orchester (das übrige Blech) zu behaupten. Ein kleiner Makel.

Das Orchester spielt in der sogenannten „deutschen Sitzordnung“, wie bei Otto Klemperer und noch ein paar wenigen anderen. Die 1. Und 2. Violinen sitzen sich dabei gegenüber. Das macht das Klangbild in den allermeisten Fällen klar und räumlich, was ausdrücklich ebenfalls für den Konzertmitschnitt des MDR gilt. Was uns so noch nie begegnet ist: Der originale Mitschnitt vom MDR gesendet klingt dynamischer als der Tonträger. Obwohl auch die Querstand-Version eine weite, aber nicht übertriebene Dynamik bietet. Die Höhepunkte wirken wunderbar füllig mit natürlich wirkender Resonanz. Die Violinen klingen in den Steigerungspassagen auf Querstand sogar härter als auf der MDR-Live-Übertragung. Insgesamt geht die Lorbeerkrone des Siegers an die wärmer und weicher klingende MDR-Übertragung. Die SACD im CD-Modus hat leicht das Nachsehen. Eine für uns unerklärliche Ausnahme von der Regel. Normalerweise wirken die Radio-Sendungen meist mehr oder weniger in der Dynamik komprimiert. Dieses Mal scheint der MDR alle Schleusen geöffnet zu haben. Die Accentus-Version haben wir nicht gehört.

 

4-5

Herbert Blomstedt

San Francisco Symphony Orchestrtra

Decca

1990

16:33  18:47  8:10  13:53  57:23

Nach seiner Stellung bei der Staatskapelle Dresden wechselte Herbert Blomstedt vom traditionsreichen Sachsen der DDR ins sonnendurchflutete Kalifornien. Das Konzept Blomstedts steht bereits 18 Jahre vor der Leipziger Aufnahme fest, wurde jedoch modifiziert. In San Francisco erklang das Adagio spürbar langsamer, die andern drei Sätze einen Hauch schneller.

Die Ähnlichkeiten überwiegen jedoch beim Vergleich des Majestoso. Das Orchester wirkt in San Francisco jedoch etwas virtuoser, straffer und schlanker. Der Gestus noch etwas mechanischer. Bei aller Klarheit bietet es vielleicht sogar teilweise ein wenig mehr energischeren, impulsiveren Ausdruck.  Mehr jugendliche, teils feurig wirkende Frische. Wobei Herr Blomstedt bei der Decca-Aufnahme bereits 63 Jahre jung war, 2008 in Leipzig bereits rüstige 81. Auf der anderen Seite klingt die Leipziger Aufnahme reifer, gelassener, organischer und erhabener; herbstlicher, gegenüber dem sommerlichen Eindruck 1990. Die Sinfoniker aus San Francisco klingen homogen und bestens präpariert mit höchster Präzision. Sie bieten ebenfalls reichlich Zwischentöne.

Im zweiten Satz in San Francisco bevorzugt Herbert Blomstedt das klassische Adagio-Tempo. Fließend und jederzeit glasklar, das Schmerzliche nicht überspielend kommt man aber in der Dynamik gleichwohl richtig zur Sache. Man liebt den großen Klang und hat den langen Atem. Der Ansatz zeigt sich offen dafür, den spirituellen Gehalt des Satzes zu offenbaren. In Leipzig nahm man sich ebenfalls Zeit und Ruhe für die erforderliche kontemplative Kantabilität, man verfügt jedoch über das profundere Bassfundament und den sonoreren Klang. In San Francisco gibt es ebenfalls keine forcierten Steigerungen, ohne dass es den Höhepunkten an Leipziger Wucht fehlen würde. In beiden Fällen klingt es innig und sehr gefühlvoll. Man merkt sehr wohl, dass der Satz an beiden Orten eine Herzensangelegenheit war, von Seiten des Dirigenten auch religiös motiviert. In Leipzig wächst der Musik noch die gewisse Wärme der mitteleuropäischen Orchester zu (bei den nordeuropäischen hat man die auch mittlerweile im Portfolio). In Leipzig klingt es etwas strömender und es wird ohne Verlust etwas Zeit gespart, falls diese Info jemandem von Nutzen sein sollte.

Das Scherzo wirkt etwas leichter und tänzerischer als in Leipzig mit einem knackigeren, bissigeren Blech. Das fliegen die Röcke der nächtlichen Geister etwas höher als in Leipzig, wo es schwerer, etwas weniger elegant, dafür ein wenig urwüchsiger zugeht. Der Unterschied ist aber eigentlich kaum der Rede wert. Im Trio fehlt es auch in San Francisco nicht an Hornromantik und Wärme. In Leipzig klingt es herbstlicher und wärmer zugleich.

Das Finale wirkt minimal zügiger, dramatischer und vorantreibender. Die zentrifugal wirkenden Strukturen werden souverän zusammengefasst. Da hilft das etwas schnellere Tempo schon dabei. Das Orchester erscheint höchst aufmerksam und ohne Fehl und Tadel bis zum Schluss. Es gefällt durchweg besser als die Chicagoer bei Solti. Die Coda erklingt feierlich, wuchtig und triumphal, wenn auch ein wenig wie angehängt.

Das Klangbild wirkt schlank, transparent, räumlich und präzise. Der Sound der Violinen wirkt im Vergleich mit den Violinen aus Leipzig heller, generell ist die kalifornische Aufnahme heller und transparenter, die Leipziger dunkler, sonorer, satter, samtiger, besser im Bass grundiert. Daher wirkt sie tiefgründiger und strahlt mehr Wärme aus.

 

4-5

Mariss Jansons

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

BR Klassik

2015, live

14:45  15:41  8:23  14:27  53:16

Mit Mariss Jansons liegen uns wie mit Bernard Haitink vier Aufnahmen vor. Diese mit dem BRSO hätte sich zu einer Gesamtaufnahme runden sollen, es fehlen nur noch die unbeliebteren ersten Sinfonien. Leider sollte es nicht mehr dazu kommen. Die vier Aufnahmen der Sechsten  sind in einem relativ kurzen Abstand von sechs Jahren entstanden. 2012 in Amsterdam, 2015 in München, 2016 in Wien und 2018 in Berlin. Alle sind live im Konzert aufgenommen worden. Die nun betrachtete Aufnahme entstand live in der Philharmonie am Gasteig, alle gleichen sich was Tempi, Gestus und was die Qualität der Orchester anlangt, die nämlich alle vier zur Crème de la Crème der guten Bruckner-Orchester gehören. Wir immer gibt es kleinere Unterschiede, die man, je nachdem welchem Naturell man entspricht als mehr oder weniger gewichtig bezeichnen kann. Uns gefielen alle vier sehr gut, die Münchner minimal am besten, die Berliner minimal am wenigsten. Es handelt sich um kleine bis kleinste Nuancen, manch einer würde von Haarspalterei reden.

Zunächst wirkt Jansons´ Tempo im Majestoso nicht zügiger als bei Haitinks Konzertmitschnitt zwei Jahre später am gleichen Ort mit dem gleichen Orchester. Der Gestus wirkt hellwach. Bei B, da beginnt das Gesangsthema wird das „Bedeutend langsamer“ nahezu ignoriert. Das halten viele so. Bei F gibt es keinen Unterscheid zwischen ff und fff bei Trompeten und Posaunen, das ist ebenfalls bei vielen so.  Jansons arbeitet bevorzugt die lyrischen Details und die Nebenstimmen sehr schön plastisch heraus. Die Pauke erklingt hier mal groß und kraftvoll, meistens geht sie neben dem Blech geradezu unter. Jansons feiert keine ff-Parade ab, die volle Intensität behält er sich und uns für die echten Höhepunkte vor. Dann aber richtig. Er feiert nicht bei jedem ff ein Strohfeuer ab, das macht der junge und noch unerfahrene Daniel Barenboim prototypisch in seiner ersten Aufnahme in Chicago (1978). Auffallend spürt Jansons der Lyrik nach ohne dadurch das ff zu vernachlässigen. Das nimmt dem Kopfsatz insgesamt ein wenig Wucht und Monumentalität ohne ihm ein Gran Spannung zu nehmen. Das Orchester bringt seinem langjährigen Chef jedwede Leistungsbereitschaft entgegen und wirkt genauso verschworen für Bruckners Sechste eingestimmt wie zwei Jahre später für den 88jährigen Bernard Haitink. Die Coda wirkt bei Jansons deutlich lakonischer als bei Haitink, der es noch mehr strahlen lässt.

Im Adagio trifft sich Jansons im Tempo beinahe genau mit seinem niederländischen Berufskollegen. Da stimmen sowohl der Klang als auch die Hingabe der Münchner Musiker überein, genauso wie der Grad an Auffächerung der polyphonen Strukturen. Bei T. 59 könnte die Betonung des Rhythmus noch markiger ausfallen, denn es ist kaum eine Verschärfung gegenüber dem Rhythmus zuvor spürbar, genau wie nach K. Das Holz spielt genauso schön und beseelt wie bei Haitink, genau wie Streicher und Blech. Dennoch wirkt die Musik mit Haitink noch atmosphärischer und ausdrucksvoller. Zweifellos gehört das BRSO zu den großen Bruckner-Orchestern.

Im Scherzo hören wir eine leichte Hall-Beigabe, die es zuvor noch nicht gab. Vielleicht wurde dieser Satz aus einem anderen Konzertabend übernommen? Die Straffheit des Spiels wird dadurch in keiner Weise beeinträchtigt. Wir hören fast das gleiche Tempo wie bei Haitink 2017. Da ist man sich über die Jahre hinweg einig. Der ältere Dirigent (Haitink) bringt fast noch mehr Pointe mit ein und sogar ein wenig mehr Dynamik. Das bemerkt man jedoch wohl nur im direkten Vergleich und das Orchester spielt ja auch an einem Abend nicht genau gleich wie am nächsten. Dafür klingt das Orchester im Scherzo bei dem jüngeren (Jansons) noch etwas brillanter.

Im Finale klingt das Orchester sehr nebenstimmenreich und in der Phrasierung sehr detailliert. Jansons hat aber das Ganze immer im Blick. Dieses Mal wirkt die Musik bei Haitink noch ein wenig dynamischer, vielleicht. Das Tempo wirkt bei Jansons noch etwas drängender. Das Orchester klingt bestechend ausgewogen und wie bei Haitink souverän. In der Coda des Finales werden die Posaunen wunderbar dominierend gehalten. Die Trompeten halten sich wie bei Haitink wissend zurück. Das hat das Orchester in den zwei Jahren nicht vergessen.

Klanglich ähnelt die Jansons-Aufnahme aus München aus naheliegenden Gründen der Aufnahme Haitinks aus München mehr als den Aufnahmen Jansons´ aus Amsterdam, Wien oder Berlin. Es klingt super transparent, kraftvoll-dynamisch, sonor, räumlich, recht schlank und minimal hellhöriger als bei Haitink 2017.

 

4-5

Mariss Jansonss

Wiener Philharmoniker

WP Records

2016, live

15:31  15:38  8:47  14:54  54:50

Diese CD gehört zur Special Edition des orchestereigenen Labels zum 175. Geburtstag der Wiener Philharmoniker 2017. Aufgenommen wurden vom ORF anlässlich der Salzburger Festspiele im Großen Festspielhaus.

Das Tempo im Majestoso wirkt gegenüber dem Konzert 2015 in München zunächst spürbar gezügelt, jedoch drängend. Die Violinen erklingen straff, doch mit ihrem typischen Schmelz, wenig Vibrato aber dennoch mit fantastisch klingenden pp-Passagen. Die Hörner erklingen auffallend kraftvoll und werden gut in Szene gesetzt. Insgesamt erreicht die Spannung nicht die der Haitink-BR-Aufnahme von 2017. Und insgesamt wirkt die Musik etwas kühler und sachlicher als bei Jansons selbst 2015 mit seinem “Hausorchester“. In Salzburg hören wir wieder den organisch wirkenden Fluss mit hoher Detailakribie. Es gibt keine Dynamik-Orgien vom Blech, die Lyrik des Satzes kommt erneut ganz hervorragend zur Geltung.

Im Adagio wirkt die BR-Aufnahme dunkler und sonorer, obwohl man die Bassstimme der Wiener ebenfalls gut hören und verfolgen kann, sie bleibt aber leiser, also dezenter und sozusagen weniger kräftig. Geschmackssache. Wir lieben gerade im Adagio jedoch gerade den vollen, dunklen, sonoren Klang ganz besonders. Oft liegt es einfach nur an der Abstimmung am Mischpult, gar nicht einmal am Orchester selbst. Aber: Tiefgründig und ausgesprochen klangschön wirkt auch diese Jansons-Aufnahme.

Anders als in München verzichtet man beim ORF auf eine zusätzliche Hall-Begabe in Scherzo und Trio. In München wollte man wahrscheinlich das Gefühl von Weite und Erhabenheit noch weiter verstärken. Es klingt impulsiv und im Trio deutlich langsamer, fast schon betulich, wie eine Erinnerung aus längst vergangenen Tagen oder Zeiten, konkreter vielleicht Jagderlebnissen. Vielleicht verbirgt sich jedoch auch ein Erlebnis Bruckners aus seinem allerersten Urlaub in der Schweiz, den er in jener Zeit verbrachte? Da war Bruckner besonders von der Bergwelt beeindruckt. Seltsam, dafür hätte er eigentlich auch im Land bleiben können. Das Spiel des Wiener Blechs wirkt beeindruckend behände.

Im Finale vermissen wir wie bereits in der Münchner Version Jansons´ einen hörbaren Unterschied zwischen ff und fff. Ab N wird es deutlich langsamer, obwohl es eigentlich nur gezogen klingen soll, was eigentlich eine artikulatorische Anweisung darstellt und nicht in erster Linie was mit dem Tempo zu tun hat. Da, wo Tempoänderungen gewünscht sind, werden sie auch gebracht. In der Coda kommen die Posaunen wie in München sehr gut zur Geltung, obwohl sich das übrige Blech nicht hörbar zurückhält. Großer Erfolg für alle Beteiligten in Salzburg wo der Beifall viel spontaner einsetzt als in München. Viele Bravos und viel Applaus.

Die Salzburger Aufnahme klingt distanzierter als die BR-Aufnahme, jedoch offen, recht transparent (da steht die Aufnahme ebenfalls der BR-Aufnahme nach), weich und farbig. Es gibt mehr Mischklang und infolgedessen weniger Trennschärfe zwischen den einzelnen Instrumentengruppen. Es klingt etwas diffuser als in München, etwas weniger plastisch und insgesamt weniger detailfixiert. Die BR-Aufnahme hat eigentlich in allen Parametern die Nase leicht vorne.

 

Hier könnte man mal in die Aufnahme reinhören. Vorsicht, es gibt möglicherweise überlaute Werbeeinblendungen:

https://www.youtube.com/watch?v=JGhuXkLK4OM

 

 

4-5

Mariss Jansonss

Royal Concertgebouw Orchestra

RCO Live

2012, live

14:38  15:26  7:55  14:34  52:33

Mariss Jansons war 2004-2015 Chefdirigent des Amsterdamer Orchesters, 2003-2019 bis zu seinem Tod war er Chefdirigent des BRSO. Bei den Wiener und Berliner Philharmonikern war er ein jederzeit gern gesehener und hoch geschätzter Gastdirigent.

Bereits 2012 operiert Jansons mit dem auch später festgelegten Tempo, das für das Majestoso des ersten Satzes als recht zügig empfunden wird. Bei B, wo das Tempo eigentlich bedeutend langsamer gespielt werden sollte, wird man wohl immer geteilter Meinung sein, was „bedeutend“ langsamer hier denn nun bedeuten könnte, deutlich langsamer wird Jansosns jedenfalls nicht. Das COA klingt leicht und sehr luftig, was wieder von der Klangqualität der Aufnahme wesentlich mitbestimmt wird. Es wird jedenfalls die Schwere des vermeintlich althergebrachten Bruckner-Klangs vermieden, wie auch mit den anderen drei Top-Orchestern mit denen Mariss Jansons die Sechste aufgenommen hat. Das COA gibt sich keine Blöße. Und gehört ohne Zweifel auch in dieser Aufnahme zu den herausragenden Bruckner-Orchestern. Auffallend ist es, wie sehr doch Wert auf eine leichte Diktion gelegt wird und wie schwerelos die Musik im Raum schwebt. Breite, ausgewalzte Monumentalität wird vermieden, was für manch einen Bruckner-Hörer ein Verlust an Großartigkeit bedeuten könnte. Aber das Blech klingt in dieser Aufnahme knackiger als bei den Wienern und Berlinern, eher wie beim BRSO. Wir erhalten hier einen insgesamt klassizistischen und spannenden Blick auf den ersten Satz des Werkes. Es klingt schlank und „flink“, aber doch gelassen und ruhig. Da wird man wohl geteilter Meinung bleiben.

Das Adagio erklingt erneut facettenreich und fließend mit der für Jansons (und andere) typischen Andante-Geschwindigkeit. Schlank, makellos und einfach perfekt ausbalanciert. Für viele dürfte das tiefgründig genug sein. Für andere fehlt vielleicht der langanhaltende Blick ins Jenseits. Wie dem auch sei: Die Hörner klingen ohne Fehl und Tadel, die Streicher einfach wunderbar. Wer will da ernsthaft entscheiden, welchem Orchester von den vieren die Krone gebührt?

2012 in Amsterdam gibt es das zügigste Scherzo der Jansons-Aufnahmen zu hören. Gut gefällt uns, dass das Blech über die ganze Breite des Hör-Raums aufgeteilt wird, das klingt einfach viel klarer, als wenn das ganze Arsenal auf „einem Fleck“ sitzt. Die Hörner haben so einfach weniger Probleme sich gegen die direkt abstrahlenden Trompeten und Posaunen zu behaupten. Und die Techniker können sie gezielter eigens aussteuern. Es klingt ziemlich elegant und beschwingt in makelloser Geschmeidigkeit. Bei der BR-Aufnahme hat man jedoch das Blech am präsentesten vor sich. Und es klingt am deftigsten. Insgesamt ist dies zwar kein Mendelssohn-Scherzo, aber von den vier ist man in Amsterdam am dichtesten bzw. am elegantesten dran. Bruckner auf leisen Pfötchen, fast schon dezent.

In dieser Aufnahme werden tatsächlich Assoziationen mit Beethovens „Pastorale“ deutlich. Manche haben ja behauptet, die Sechste Bruckners würde der Sechsten Beethovens gleichen. Das träfe auf so manche fließende Ostinato-Bewegung zu. Die vorliegende Einspielung wirkt im Finale jedenfalls mit am spielerischsten, am organischsten und geschmeidigsten. Eine der lockersten Darbietungen dieses komplexen und leicht sperrig wirkenden Satzes ist es auf jeden Fall. Bruckner monumental bekommt man woanders tatsächlich eher. Das Posaunen-Thema schmettern übrigens die Wiener und Münchner Posaunen am besten, die Amsterdamer und vor allem die Berliner Kollegen bleiben da zurück.

Die Aufnahme klingt glasklar und fein. Es ist die „luftigste“ Aufnahme unter den vier mit Jansons. Und die großräumigste. Das Orchester erklingt sehr gut gestaffelt und in bester Durchhörbarkeit. Dreidimensional bereits im Stereo-Mix. Den Mehrkanalmix der SACD haben wir uns gar nicht angehört. Es klingt so bereits brillanter als die Aufnahmen aus Wien und Berlin. Der Bass ist gut durchhörbar, jedoch in der von uns gewählten Abhörlautstärke dezent.

 

4-5

Mariss Jansons

Berliner Philharmoniker

BPhil Recordings

2018, live

14:52  15:29  8:43  14:50  53:54

GA Die Beziehung zwischen Mariss Jansons und den Berliner Philharmonikern war von außergewöhnlicher Intensität und tiefem gegenseitigem Respekt geprägt. Die Zusammenarbeit begann 1971 und dauerte fast 50 Jahre. Jansons wurde 2018 für seine herausragende künstlerische und menschliche Integrität zum erst fünften Ehrenmitglied des Orchesters ernannt. Als ein Nachfolger für Simon Rattle als Chefdirigent gesucht wurde, galt er als einer der größten Favoriten.

2018 in Berlin geht Jansons beim Maestoso wieder mehr auf das Münchner Tempo zurück, also minimal zügiger als in Wien. Das „bedeutend“ langsamer bei Gesangsthema wird wie immer statt „bedeutend“ nur ein klein wenig langsamer. Der p-Bereich erklingt oft sehr leise. Besonders das Beliner Holz und die Streicher wirkt damit sehr ausdrucksvoll. Eine Differenzierung von ff zu fff haben wir erneut nicht bemerken können, z.B.  beim Blech bei F. Die Darbietung wirkt nicht langweilig, aber sie bietet auch keine Hochspannung, obwohl man ihr nicht nachsagen kann, sie wäre nicht differenziert, zielstrebig, sogar dringlich.

Im Adagio gefallen die Oboen und die Streicher besonders gut. Aber dass sie besser wären wie die der anderen drei Orchester ließe sich nicht behaupten. Der feierliche Charakter des Satzes wird sehr gut getroffen während beim dritten Thema die tiefe, schwarze Trauer zu fehlen scheint. Da leuchtet die BR-Aufnahme intensiver. Bei Haitink klang es noch weiträumiger und die Emotionen schienen tiefer zu reichen, das mag jedoch nur für da jeweilige eigene Erleben gelten. Da erscheint der Übertrag auf andere Hörer schwer. Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Berliner spielen geschmeidig, sonor, differenziert mit vollem, dunklem Klang und immer auf Augenhöhe mit den drei anderen Spitzenorchestern.

Das Scherzo klingt luftiger und freier als die Sätze zuvor. Eigentlich schön brisant, wenn dem Blech nicht das knackige der BR-Aufnahme fehlen würde (bei Haitink und Jansons) würde es jedoch noch besser gefallen. So wirkt es bei gleicher instrumentaler Kompetenz etwas glatter, windschlüpfriger, nicht schwungvoller.

Im Finale gibt es viele Tempoänderungen, die alle von Jansons Orchestern mit Präzision gemeistert werden. Es klingt nun eher gelöst als mit Hochspannung. Die Tristan-Zitate etwas langsamer und dadurch noch deutlicher herausgearbeitet. Die Dynamik wirkt nicht so kontrastreich wie in München, Und ganz so „bissig“ erklingt die Musik ebenfalls nicht, das BRSO scheint die Musik noch mehr mitzuerleben.

Alle vier Aufnahmen bieten den Brucknerklang, den man von den besten Orchestern heute erwarten kann. Die Coda des Finales enttäuscht in Berlin jedoch etwas, denn den Posaunen scheint am Ende die Kraft zu fehlen, das Hauptthema des Kopfsatzes deutlicher vom übrigen Orchester abgehoben erklingen zu lassen. Das und einiges andere gelang den Philharmonikern 1963 mit Joseph Keilberth auf Telefunken deutlich besser.

Diese Aufnahme erschien in einer GA der Berliner (aufgenommen von 2009-2019) mit verschiedenen Dirigenten und daher ein wenig heterogenen Ergebnissen. Anscheinend wollte man es den Wienern mit ihrer Decca-GA nachmachen. So steht natürlich zuerst mal das Orchester im Vordergrund, dann erst die Dirigenten. Man kann sie in verschiedenen Formaten abhören. Im normalen CD-Modus erreicht die Aufnahme das Niveau der Salzburger Aufnahme der Wiener. Bleibt aber hinter den beiden anderen Aufnahmen zurück. In Sachen Transparenz fallen die Berliner und Wiener sogar hinter die Klemperer-Aufnahme von 1964 zurück. Im CD-Modus klingt die BR-Aufnahme für viel Hörer am besten. Gegenüber der wirkt es in Berlin distanzierter, nicht so transparent, etwas diffuser und weniger brillant und lebendig. Der Ausgabe liegt jedoch noch eine Blu-Ray-Audio mit 24 Bit-48 kHz und eine Blu-Ray-Video mit 16 Bit-48 kHz bei. Im HD-Modus klingt die Aufnahme erheblich dynamischer, farbiger und lebendiger, fülliger und kraftvoller. Da wäre sogar eine höhere musikalische Einstufung fällig.

 

4-5

Christian Thielemann

Wiener Philharmoniker

Sony

2022, live

15:29  16:12  8:06  13:47  53:34

GA Christian Thelemanns Gesamtaufnahme bei Sony (incl. 0 und 00) wurde so angelegt, dass sie rechtzeitig zum 200. Geburtstag des Komponisten 2024 fertiggestellt werden konnte. Und zwar auf Tonträger und Bildträger. Der erste Bruckner-Zyklus der Wiener Philharmoniker mit nur einem Dirigenten. Einen früheren Zyklus hat Thielemann mit der Staatskapelle Dresden aufgenommen. Allerdings wurden die CD-Veröffentlichungen (Hänssler) nie ganz vollständig herausgegeben. Die Sechste war leider nicht dabei. Als Video-Produktion lägen alle Sinfonien von der Ersten bis zur Neunten vor, sie wurden allerdings nie als komplette Edition veröffentlicht. Die Videoaufnahme von Bruckners 6. Sinfonie mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Christian Thielemann entstand am 13. und 14. September 2015. Der Aufnahmeort war die Semperoper in Dresden. Thielemann dirigierte das Werk damals live als glanzvolles Eröffnungskonzert zur neuen Spielzeit des Orchesters, bevor die Produktion kurz darauf beim Label Unitel/C Major auf DVD und Blu-ray veröffentlicht wurde. Wir hatten leider keinen Zugriff auf diese Produktion, konnten somit leider nur die Wiener Aufnahme hören. Bei Videos ist unsere Sammlung nur klein und auf YouTube konnten wir die Aufnahme nicht finden, da Unitel/C Major seine Produkte streng schützt. Sony lässt hingegen bis jetzt seine Aufnahme bei YouTube anschauen bzw. anhören. Für Christian Thlemann fand also 2022 nicht die erste Begegnung mit der Sechsten Bruckner statt.

Christian Thielemann unterhält als einer der angesehensten Interpreten der deutsch-österreichischen Hochromantik (Bruckner, Strauss, Wagner) ein besonders gutes und auf Gegenseitigkeit beruhendes Verhältnis zum Wiener Orchester, bei dem sich, da es als hauptsächliches Opernorchester, die längste Bruckner-Tradition leider nicht entsprechend auf Tonträger niedergeschlagen hat. Außer der Aufnahme mit Horst Stein und Mariss Jansons konnten wir keine weitere Einspielung der Sechsten mit den Wiener Philharmonikern finden.

Das Majestoso erhält den getragen wirkenden Rahmen, der ihm zusteht. Das Tempo wirkt langsamer als es eigentlich objektiv gemessen ist. Es strahlt große Ruhe und Gelassenheit aus. Durch die genaueste Differenzierung von Dynamik und Artikulation wirkt der Gestus nicht statisch. Das wunderschöne Spiel lenkt zudem ebenfalls von diesem möglichen Eindruck ab. Was jedoch ein wenig fehlt ist der dynamische Kontrastreichtum. Der grobdynamische Zugriff. Da halten sich entweder die Blechbläser allzu vornehm zurück, oder die Sony-Klangtechnik hat nivellierend eingegriffen, damit sich bloß niemand erschreckt. Bei Horst Stein 1972 kamen sie noch viel strahlender, glänzender und vor allem erheblich dynamischer zu Wort. So wirkt der Satz deutlich weniger vital als bei Horst Stein. Das Spiel macht allerdings einen akribischen und besonders gut ausbalancierten Eindruck, so als würde nicht das Geringste dem Zufall überlassen. Das Spiel, d.h. der aus ihm resultierende Klang wirkt so nicht selten orgelhaft, vielleicht sogar absichtlich.

Das Adagio klingt feierlich und ebenfalls getragen. Fließender als bei Karajan, dessen Assistent Thielemann 1978/79 war, oder auch als bei Solti. Besonders strömend sogar. Hier hört man seine ganze Bruckner-Kompetenz und er weiß das hohe Ausdrucksvermögen des Orchesters zu mobilisieren, es klingt einfach fabelhaft. Oft ganz introvertiert, wie ein Selbstgespräch. Es könnte bei Günter Wand so ähnlich geklungen haben, wenn er eine Aufnahme mit den Wienern gemacht hätte. Da gab es jedoch keinen guten Draht untereinander. Außer einer Schumann-Aufnahme von 1960 (das Klavierkonzert mit Wilhelm Backhaus auf Decca) ist uns jedoch keine diskographische Zusammenarbeit bekannt. Wir werden Zeuge von äußerster Differenzierung das leisen Dynamikbereichs. Im ff und fff fehlt es jedoch wie bereits im ersten Satz beschrieben an Wucht. Auf der Aufnahme, im Konzertsaal sicher nicht.

Im Scherzo darf das Orchester auch mal grobdynamisch ansprechender musizieren. So wird man den Erwartungen an ein gutes Bruckner-Orchester vollends gerecht. Im Trio könnten dann die Hörner präsenter zur Geltung kommen, damit man sich an ihrer ganzen Pracht erfreuen könnte. Das ganze Trio klingt so etwas „schamhaft“, allerdings erneut mit bestechender pp-Kultur. Bei Horst Stein war das wie bereits erwähnt ganz anders. Erfreulicherweise wurden die Hörner räumlich vom übrigen Blech getrennt, sodass man sie immer hören kann, auch wenn ihr f viel leiser klingt als das von Posaunen und Trompeten.

Das Finale erklingt bewegt doch deutlich weniger zupackend als bei Keilberth oder Haitink. Die Pauke klingt mulmig. Schnell wird der Satz nicht gespielt, genau wie es sich Bruckner wünschte. Thielemann bleibt jedoch auch gegenüber Wand oder Keilberth an Spannung und Feuer zurück. Es klingt bei aller Klasse etwas zu kultiviert. Bei Horst Stein klangen die Wiener urwüchsiger und lebendiger. Übrigens kommen bei Thielemann die Tristan-Zitate nur sehr verschleiert zur Geltung. Thielemann folgt dabei sicher einem oder besser „seinem“ Plan.

Die Aufnahme aus dem Wiener Musikverein klingt sehr weiträumig, aber auch ziemlich distanziert. Der Aufsprechpegel erscheint ziemlich gering. Das Orchester wird sehr weich und abgerundet wiedergegeben. Sie klingt etwas weniger transparent als die Decca-Aufnahme der Philharmoniker mit Horst Stein. Und weniger dynamisch. Vor allem aber weniger lebendig und sogar nicht ganz so farbig. Das Orchester erscheint gut gestaffelt, die Soli werden nicht vergrößert und klingen in natürlicher Relation. Dieses Mal wurde im vollbesetzten Musikverein eingespielt, es gab 2022 anscheinend keinerlei Coronaauflagen mehr zu beachten. Vom Publikum hört man jedoch gar nichts. Tonal wie auch räumlich klingt die Aufnahme perfekt ausbalanciert. Wir hätten uns vor allem eine saftigere Dynamik gewünscht.

 

4-5

Bernard Haitink

Staatskapelle Dresden

Hänssler

2003

15:48  17:04  8:26  14:40  55:58

Wie bei der Leipziger Einspielung mit Herbert Blomstedt handelt es sich bei diesem Konzertmitschnitt um eine Aufnahme des MDR. Dieses Mal aus der Semperoper zu Dresden. Bernard Haitink übernahm nach dem plötzlichen Tod von Giuseppe Sinopoli relativ spontan dessen freigewordenen Posten. Nach drei Jahren gab es allerdings bereits wieder eine vorzeitige Trennung. Dies ist die zweite der vier Aufnahmen Haitinks, die wir in unsere Liste aufnehmen konnten. Es war in den 80er und 90er Jahren eine zweite Gesamtaufnahme der Bruckner-Sinfonien mit ihm geplant, erneut bei Philips, dieses Mal aber mit den Wiener Philharmonikern. Er konnte aber wegen der sogenannten „Klassik-Krise“ nicht beendet werden. Wie bei Decca und Christoph von Dohnanyi. Die Sechste war damals leider nicht bei den bereits aufgenommenen Sinfonien dabei.

In den Sätzen 1,3 und 4 sind die Tempi nun gegenüber der ersten Aufnahme (1970 in Amsterdam unter Studiobedingungen) langsamer geworden. Nur im Adagio geht es allerdings kaum spürbar etwas schneller zu. Insgesamt hat sich gegenüber 1970 jedoch noch wenig geändert, wenn man einmal von der Akustik und der Klangqualität der Aufnahme absieht. Das Spiel der Dresdner wirkt noch etwas geschmeidiger (obwohl live) und klingt noch etwas gedeckter und erheblich weicher als das in Amsterdam in der damals allerdings schon 33 Jahre alten Philips-Aufnahme. Die Ähnlichkeit der Dresdner mit dem Klang der Thielemann-Aufnahme aus Wien ist demgegenüber viel größer. In Dresden sind ein paar Kickser der Hörner und Trompeten stehengeblieben, woraus man erkennen kann, dass die Dresdner Aufnahme nicht oder nur unzulänglich bearbeitet wurde. Alternativ hätte man die Stelle von einem anderen Konzertabend reinschneiden können, falls diese besser gelungen wäre. Wir hören fließende Übergänge und eine makellos stimmige Balance unter den Gruppen des ungemein „golden“ klingenden Orchesters. Das „Molto ritardando“ in der Coda wird am Ende stärker ausformuliert. Die Amsterdamer spielten 1970 hingegen durchweg frischer und lebendiger.

Im Adagio bleibt Haitink seinem 1970 gewählten Tempo im Großen und Ganzen treu. Es wird getragen vom vollen, gedeckt-dunkelfarbigen und ungemein leuchtenden, sonoren Klang der Staatskapelle. Die Violinen erklingen voll und weich, darin den Amsterdamer von 1970 (anscheinend aufnahmebedingt) überlegen. Es gibt bruchloses Legato fast wie beim späten Karajan und mattschimmernder Glanz ähnlich wie in der Sony-Aufnahme Thielemanns in Wien. Dieser dunkle, samtige Klang scheint sich mittlerweile als Idealfall für die Bruckner-Interpretation etabliert zu haben, wenn einmal von den HIP-orientierten Einspielungen absieht. Er wirkt in Dresden zwar intensiv, aber durch den als „schön“ empfundenen Glanz wirkt er bei aller Trauer des Marsches durch die zugleich portierte Wärme immer auch bereits tröstend.

Im Scherzo wirkt das Tempo nun gegenüber 1970 leicht gezügelt, immer fließend, nie zäh. Bei „Nicht schnell“ ist immer viel Interpretationssache dabei. Das Spiel wirkt detailgenau, die Dynamik gut.

Das Finale klingt spürbar langsamer, aber nie stockend, bewegt, doch nicht zu schnell aber im Vergleich zu 1970: gebremst. In der Coda kommen die Posaunen voll zum Zuge, dem Hauptthema aus dem Kopfsatz wird man damit vollauf gerecht. Die Aufnahme vermittelt aber zugleich den Eindruck, dass das übrige Blech und dabei besonders die Trompeten etwas zurückgehalten werden oder aufnahmetechnisch abgedimmt werden.

Die MDR-Aufnahme wirkt etwas weniger transparent und etwas weniger dynamisch als die Philips von 1970. Sie klingt aber weicher und verfügt gerade für eine live aufgenommene Rundfunkaufnahme über einen sehr plastischen Klang. Sie ist dunkler timbriert und wirkt deutlich fülliger.

 

4-5

Jesus Lopez-Cobos

Cincinnati Symphony Orchestra

Telarc

1991

15:59  17:51  8:21  14:11  56:22

Leider gibt es von Jesus Lopez-Cobos keine Gesamtaufnahme aller Bruckner-Sinfonien. Leider deshalb, weil er die Sechste mit hoher Kompetenz und Einfühlungsvermögen ins brucknersche Idiom eingespielt hat. Er hat mit dem amerikanischen Orchester aus Ohio nur die Sinfonien 4-9 eingespielt und anders als beim Mahler-Zyklus sprang kein zweiter Dirigent zur Vollendung ein. In Deutschland oder sagen wir mal besser in Berlin wurde Señor Lopez-Cobos wohlbekannt als GMD der Deutschen Oper Berlin (1981-90). 1986-2000 war er Musikdirektor des Orchesters aus Cincinnati, 1990-2000 Chef des Orchestre de Chambre de Lausanne und 2002-2010 Musikdirektor des Teatro Real in Madrid.

Im Maestoso wirken die Temporelationen stimmig, die „Bläserarbeit“ wirkt geschmackvoll rund und dezent. Auch das Blech wird nicht zu weit an die Rampe geholt (obwohl uns knackige Präsenz gut gefällt, sollte man es nicht übertreiben). Das natürliche Raumgefühl bleibt gewahrt. Eine Wohltat nach dem zweifelhaften „Genuss“ der Einspielung von Herrn Roshdestwensky gerade zuvor. Die Musik fließt ruhig und unaufgeregt, es gibt mächtige aber unforcierte Steigerungen, das Orchester spielt mit hoher Präzision. Es steht klanglich in etwa zwischen dem San Franzisco Symphony Orchestra unter Blomstedt und dem absolut glasklaren, ultrapräzisen Ansatz des Cleveland Orchestra unter Dohnanyi. Das wirkt so kompetent und stringent, dass man sich sicher aufgehoben fühlt und nie ins Zweifeln kommt. Wir konnten hier eine der besten Leistungen des Orchesters hören, die uns jemals zu Ohren gekommen ist (die Järvi-Aufnahmen eingeschlossen). Man wahrt das Gleichgewicht zwischen Opulenz und Schlankheit, aber es gibt strahlkräftige Brillanz. Man erreicht zwar nicht die rhythmische Clarté und Perfektion der Cleveland-Aufnahme, aber an Finesse fehlt es nicht und schwere Blockhaftigkeit wird vermieden. Und was noch wichtiger ist: Es geht nicht glatt durch. Das Blech klingt in anderen Aufnahmen noch wuchtiger, kraftvoller uns majestätischer (z.B. bei Blomstedt, um einmal in Amerika zu bleiben oder bei Solti (Chicago), der da wirklich übertreibt), aber es leuchtet.

Im Adagio bezieht Señor Cobos eindeutig Stellung. Das ist ein Adagio, kein Andante. Es wird lyrisch geweitet ohne epische Weite zu erreichen oder in sie zu verfallen, je nachdem welchen Blickwinkel man einnehmen will. Man erreicht ruhig wirkende Strömung ohne an Spannung merklich einzubüßen. Eine poetisch, weich gerundete Erzählweise herrscht vor. Von Kantabilität geprägt, ohne spürbare Einflüsse der HIP. Zärtliche, finessenreiche Phrasierungen auf Top-Niveau gibt es auch so. Beeindruckend und alles andere als selbstverständlich für ein amerikanisches Orchester, dass man auch das mitteleuropäische Herz erwärmen kann. Sie klingen nun einmal bei aller Globalisierung des Orchesterklang immer noch ein wenig anders, die amerikanischen Orchester. Besonders erfolgreich sind sie in der Musik der Moderne oder auch des Impressionismus, nicht unbedingt bei Bruckner, ohne pauschalisieren zu wollen. Da wird auch Spiritualität spürbar, ohne das Tempo über das übliche Maß in die Länge zu ziehen. Das Orchester findet seine Grenzen besonders im Klang der Violinen. Die Steigerungswellen bleiben auf einem „menschlichen“ Maß.

Im Scherzo hätten wir uns das warm und durchaus kräftig aufspielende Blech fast noch etwas amerikanisch-strahlender gewünscht. Es gibt aber keine Dominanz der Trompeten, die man sonst so oft hören kann. Die Partitur wird in Tempo und Phrasierung beherzigt. Die Hörner im Trio klingen diszipliniert und zurückhaltend, sie sind jedoch gut zu hören. Im Ganzen geht es unforciert doch nie langweilig zu.

Im Finale legt die Einspielung einen ordentlichen Drang an den Tag. Die Kontraste muten fast schon theatralisch an. Das Konfliktreiche des Satzes wird betont. Das langsame aber sichere Herauskommen aus der Düsternis wird nach und nach immer deutlicher. Dabei schlägt das Blech nicht über die Strenge und die Streicher spielen sehr klangschön. Die Coda wirkt mit einem gewissen Understatement, zügig ohne eine besonders triumphale Geste, fast mit einem Lächeln im Gesicht.

Der Klang wirkt für eine Telarc-Aufnahme erstaunlich warm temperiert. Es gibt eine sehr gute Transparenz, ohne dass es wie seziert klingen würde. An Räumlichkeit und Staffelung gibt es nichts zu kritisieren. Es gibt keine Härte im Klang der Violinen. Der Klang wirkt sehr gut ausbalanciert, aber leicht distanziert, es ist eben eine Aufnahme der 90er Jahre, da war der gute Überblick über das gesamte Orchester, möglichst aus der Feldherrenperspektive oberstes Ziel der Techniker bzw. Klangideal. Die Dynamik wirkt breit, das Orchester sehr gut durchgezeichnet. Vielleicht könnte das Bassfundament noch ein wenig kräftiger ausfallen.

 

4-5

Markus Poschner

Bruckner Orchester Linz

Capriccio

2021

15:50  16:15  8:32  14:14  54:51 

GA Vom Bruckner Orchester Linz gibt es mehr Aufnahmen als von den Wiener Philharmonikern. Nämlich vier zumindest einmal in unserer Sammlung. Es geht mit Georg Ludwig Jochums Aufnahme 1944 los, die erste komplett erhaltene Aufnahme des Werkes. Dann folgen noch Aufnahmen mit Kurt Eichhorn und Dennis Russell Davies. Die Aufnahme mit Markus Poschner 2021 als Startschuss für die Gesamtaufnahme aller 11 Sinfonien in allen Fassungen, die zum Bruckner-Jahr 2024 fertig wurde, markiert den vorläufigen Schlusspunkt der Historie dieses Orchesters. Es wurde im Probensaal des Orchesters im Landestheater zu Linz aufgenommen. Markus Poschner ist von 2017-2027 Chef in Linz. Die zwischenzeitliche Übernahme der Leitung des ORF Radio-Sinfonieorchesters Wien hatte zur Folge, dass auch dieses Orchester am Sinfonien-Zyklus beteiligt wurde.

Herr Poschner geht das Majestoso mit Schwung und Elan, beherzt und mit großen Tempogegensätzen, mitunter gar forsch an. Manche meinen eher mit Frénésie als mit Majestät. Nun der Begriff Majestät mag sich über die Zeit verändert haben. Frénésie konnten wir nicht unbedingt erkennen und die Tempowechsel empfanden wir auch nicht als störend. Bruckner wird in jedem Fall ernst genommen und die ein oder andere Errungenschaft der HIP mit ins Spiel aufgenommen, was diese Einspielung zusätzlich interessant macht. Echte Pianissimi sind allerdings eine Seltenheit. Das hängt jedoch wahrscheinlich mit der dichten Mikrophonierung zusammen. Probensäle sind meist nicht gerade ausladend gestaltet und bedingen zusätzlich eine gewisse Kompaktheit und Trockenheit im Klang. Nicht unbedingt die optimale Wahl, gerade wenn es um Bruckner geht. Warum man nicht in den exzellenten Konzertsaal in Linz, das Brucknerhaus gegangen ist? Da gab es wohl Terminprobleme, vielleicht unterschätzte man auch seitens des Aufnahmeteams die Probleme des Probensaals?

Das Adagio wirkt deutlich konventioneller als der Kopfsatz. Wie in den beiden Vorgängeraufnahmen mit Russell Davies (2008) und Eichhorn (1984) klingen die Streicher auch ohne den akustisch hervorragenden Konzertsaal in Linz wunderschön, üppig, homogen und ausdrucksstark. Da sind auch reichlich Mitspieler zugegen, das hört man auch. Die beiden Vorgänger-Aufnahmen bieten jedoch mehr Weite und Erhabenheit im Klangbild, sie wurden unserer Kenntnis nach im Brucknerhaus aufgenommen, dem großen Konzerthaus der Stadt. Da klingt es auch mit mehr Glanz und größerer verführerischer Sinnlichkeit. Das Holz klingt manchmal so laut wie das ganze Orchester. Da ist das Orchester nicht schlechter geworden, nur der aufgenommene Klang. Wenn da nicht alles zusammenpasst, nützt auch ein vollendetes Spiel nicht mehr alles. Da kommt der Klang nie ins Schweben und das Klangbild wirkt ziemlich flach.

Das Scherzo klingt geradlinig und kraftvoll. Das Trio geradlinig. Auf das Gefühl von Weite muss man verzichten, aber es klingt nun plastischer und weicher als zuvor, da der Orchestersatz nicht mehr so massiv komponiert wurde, ist der Raum und die Klangtechnik auch nicht überfordert. Jetzt sind auch die Relationen in der Dynamik stimmig und es klingt voller und sonorer.

Im Finale gibt es erneut geschärfte Tempowechsel mit großen Gegensätzen auch in der Dynamik. Wir empfanden dies nicht als Mangel an Kontinuität und als fast zusammenhanglose Aneinanderreihung disparater Teile. Im Gegenteil: so gespielt wirkt der Satz spannender, aufregender. Mit einigem Schneid ist uns lieber, als wenn „Nicht zu schnell“ mit „Richtig lahm“ gleichgesetzt wird. Größe und Majestät mag wohl etwas zur kurz kommen, aber doch mehr wegen der Aufnahmedisposition als wegen der Qualität des Orchesters oder der Interpretation Und wenn betrifft der Einwand allenfalls die ersten beiden Sätze. Hier gelingt eine Bruckner-Modernisierung ohne ihn verflachen zu lassen. Die Spannung und Zuspitzung empfinden wir als erfrischend.

Die Aufnahme wirkt lebendiger als die beiden Vorgänger-Aufnahmen des Orchesters mit Eichhorn und Russell Davies. Fast gewinnt man den Eindruck, dass sich Poschner die Aufnahme von einem weiteren Vorgänger, von Georg Ludwig Jochum gründlich angehört hat. Den Klang könnte man sich freier vorstellen. Wie man nachlesen kann, ist man für spätere Aufnahmen auch wieder ins Brucknerhaus gewechselt. So fehlen zwar die Weite und Majestät des idealen, typischen Brucknerklangs, aber man erreicht doch noch eine natürlich wirkende Räumlichkeit (die wahrscheinlich in Realiter gar nicht vorhanden war) und eine natürlich anmutende Staffelung. Dennoch wird die Aufnahmequalität der Qualität von Orchester und Interpretation nicht ganz gerecht. Im dritten und vierten Satz erfreut dann der plastische und körperhafte Klang bei guter Präsenz, wovon vor allem das Blech profitiert.

 

4-5

Riccardo Chailly

Concertgebouw Orchestra

Decca

1997

17:05  16:45  8:56  14:15  57:01

GA Riccardo Chailly war 1988-2004 Chefdirigent beim Concertgebouw Orchester in Amsterdam. Außer der Aufnahme unter Studiobedingungen haben wir noch einen Radiomitschnitt des RBB mit den Berliner Philharmoniker aus dem Jahr 2013 gefunden, der uns sehr gut gefallen hat, noch besser als die Decca-Aufnahme.

Das Majestoso beginnt Signor Chailly nur mäßig schnell bis langsam. Es klingt eher sanft, weich und geheimnisvoll als markig. Der Klang des Orchesters ist exzellent, die Hörner werden sehr schön zur Geltung gebracht. Als passionierter Plattenhörer weiß Riccardo Chailly, worauf es beim Klang zu Hause ankommt. Die Hörner werden links positioniert, das übrige Blech rechts. Bei B wird man für das Gesangsthema (2. Thema) tatsächlich mal „bedeutend langsamer“. Klanglich geht seine Performance weit über die beiden vorangegangen des Orchesters (1970 mit Haitink und 1980 mit Eugen Jochum (live) hinaus). Vor allem das Holz hat an Klangkultur hinzugewonnen. Auch die Streicher und das Blech klingen noch voller und abgerundeter. Das mag zum Teil auch an der feinen Decca-Klangqualität liegen. Das Majestoso klingt schlank und geschmeidig, mit einer maßvollen, doch spürbaren Verve, mit einer gewissen südländischen Leichtigkeit, der sogenannten „Italianità“. An den richtigen Stellen mangelt es keinesfalls an Kraft. Das Spiel ist geprägt von großer Gelassenheit und Ruhe, es gibt keinerlei Zweifel an der Beherrschung der Materie. Es werden keine Klangkathedralen errichtet, es gibt aber auch keine Hochspannung. Der Orchestersatz ist ganz exzellent durchhörbar.

Das Adagio klingt in Tonfall und Klang etwas „sonniger“ als üblich, was zum großen Teil an der völligen Transparenz des Orchesters liegt. Es ergibt sich eine „natürliche“ Kantabilität verbunden mit besonderer Schönheit des Spiels und des Klangs. Die Emotionalität wirkt nicht gerade überbordend und hält die Waage zwischen Sachlichkeit und expressiver Spiritualität.  Ohne dem Konfliktgehalt aus dem Weg zu gehen. Schönheit und Wärme sollten in einem langsamen Satz einer Bruckner-Sinfonie nicht fehlen und beides ist hier reich vorhanden. Es gibt einen guten Steigerungsverlauf, wobei das Orchester auch im ff noch mustergültig transparent bleibt. Von daher klingt es einfach „lichter“ als üblich.

Das trotzig anmutende Scherzo verbreitet viel Glanz, lässt aber den letzten Druck vermissen. Wir fragen uns erneut, warum nicht in viel mehr Aufnahmen die Hörner ein eignes Plätzchen bekommen. Es bekommt ihrer eigenen Durchschlagskraft und der Transparenz des Blechbläsersatzes, was dem ganzen Orchester dient. Im Trio wird die pastorale Qualität hervorgehoben. Es klingt besonders entspannt und genießerisch.

Im Finale erscheint die Lyrik des Satzes hervorgeholt, was ihm gar nicht schlecht bekommt. Der Beginn gerät so misterioso. Das Spiel des Orchesters wirkt akribisch, mit liebevollen Phrasierungsdetails. Die herausragend gestaltete Coda wird ausnahmsweise einmal nicht von der Coda des ersten Satzes überstrahlt oder gar in den Schatten gestellt. Daran haben die wuchtigen Posaunen des Orchesters ihren großen Anteil, aber der Dirigent beweist einmal mehr seine hervorragende Übersicht. Das klingt alles sehr verlässlich und besonders präzise, bestens gespielt und hervorragend aufgenommen. Für manch einen Bruckner-Kenner mag sie jedoch zu entspannt und zu wenig kraftvoll wirken, denn die Ohren kann man sich nicht unbedingt „wegblasen“ lassen; für den anderen der sich gerne transzendieren will, ist das Tempo im Adagio dann vielleicht doch nicht langsam genug. Eine Einspielung der goldenen Mitte.

Das Klangbild ist sehr gut aufgefächert, sehr räumlich und luftig, die Erhabenheit jedoch nicht mindernd. Es wirkt sehr transparent und dreidimensional, sehr weich, sehr ausgewogen, perfekt ausbalanciert, dynamisch, recht voll aber etwas distanziert, wie es bereits in der Live-Aufnahme mit Eugen Jochum (1980) zu hören war. Die grandiose Orchesterqualität wird mehr als hinlänglich hörbar gemacht.

 

4-5

Gerd Schaller

Philharmonie Festiva

Hänssler

2013, live

16:30  17:45  8:25  14:22  57:02

GA Die Einspielung wurde in der Abteikirche Ebrach in Koproduktion mit dem BR, Studio Franken aufgenommen. Das Orchester bildet sich in seiner Kernbesetzung aus den Münchner Bach-Solisten und Musikern der Münchner Spitzenorchester, ergänzt um Musiker aus ganz Deutschlang und aus dem angrenzenden Ausland. Ganz unerfahren ging es nicht an die Aufnahme der Sechsten heran, denn die Sinfonien 4, 7 und 9 waren bereits eingespielt. Inzwischen hat man ähnlich Markus Poschner alle Sinfonien einschließlich der 0 und der 00 und aller bisher bekannten Fassungen veröffentlicht. Ganz ist man damit bis zum Jubiläumsjahr 2024 nicht fertig geworden. Gerd Schaller erste leitende Position war 2003-2006 als GMD am Theater Magdeburg. Seitdem ist er freischaffend tätig.

Das Majestoso klingt recht schwungvoll und sehr deutlich in jeder Hinsicht (Orchestertransparenz und Polyphonie). Schaller bringt genügend Majestoso mit ein, nimmt aber relativ wenig Einfluss auf Tempomodifikationen. Er lässt es vielmehr fließen, so fühlt es sich jedenfalls an. Die einschlägigen Höhepunkte werden gut vorbereitet erklingen mit Gewicht. Das Orchester klingt und spielt ausgezeichnet. Nur von der Pauke erhält man keinen Eindruck. Dafür klingen die Hörner ganz besonders kraftvoll und präsent. Dass der Nachhall fünf Sekunden beträgt hört man so richtig nur nach dem letzten Akkord, ansonsten haben die Techniker die hallige Akustik während des Orchesterspiels spielt gut im Griff. Zwei Sekunden Nachhall wären aber bereits genug. Mache Hörer scheinen die Kirchenakustik gerade bei Bruckner zu wünschen, andere meinen sogar, Bruckner hätte für die nachhallende Akustik Sankt Florians komponiert. Daran haben wir allerdings unsere Zweifel. Schaller lässt es nicht an Erhabenheit fehlen, es klingen aber auch Leidenschaft, Freude, Andacht, und sogar Elemente von Humor und Heiterkeit durch. Dafür braucht man keine fünf Sekunden Nachhall. Im Adagio mag es vielleicht anders aussehen, aber auch da würden zwei Sekunden für einen guten Klang ausreichen.

Die Oboe klingt im Adagio nicht so vollmundig wie in den Münchner Spitzenorchestern. Gerd Schaller wählt ein echtes Adagio-Tempo, kein Andante. Zu langsam erscheint es nicht. Trotz des seltsam hellen Klangs der Violinen wirkt das Adagio tief ausgelotet, bisweilen könnte die Homogenität noch besser sein. Da erkennt man bisweilen doch, dass die Musiker des Orchesters nicht immer zusammenspielen. Es klingt aber besser als die Philharmoniker Hamburg in ihrer Aufnahme mit Somone Young. Es könnte aber trotzdem ein wenig wärmer klingen. Schaller lässt keine Längen aufkommen und dieses Adagio wirkt ziemlich leidenschaftlich.

Das Scherzo erklingt rhythmisch und mit viel Feinarbeit. Am Blech kann man sich rundum erfreuen. Selten, dass es so voll und kräftig klingen kann. Im Trio bringen sich die Hörner noch einmal höchst nachhaltig in Erinnerung. Das klingt zum niederknien präsent und wuchtig. Da haben die Techniker des Studio Franken die Mikros goldrichtig aufgestellt und ausgesteuert. Das darf mal vorbehaltlos schmettern. Das dürfte ihnen niemand in der Diskographie vorgemacht haben und nachmachen können.

Ins Finale steigt man kraftvoll ein. Im Verlauf werden die (für Bruckner-Verhältnisse) freudigen Elemente gefördert und die „Zwischenspiele“ lockern auf. Das wird mit einem frischen und nie schleppenden Grundtempo kombiniert. Der ganze Satz wirkt so sehr lebhaft, das Sperrige vieler anderer Einspielungen wird ihm so genommen. Die Hörner sind auch im vierten Satz gesondert zu loben (schon wieder!). Sie spielen überragend und man darf das auch hören, denn sie kommen auch im dicksten Getümmel prachtvoll zur Geltung. Großes Kompliment an das Orchester, den Dirigenten und an die Techniker.

Der Klang der Aufnahme wirkt weiträumig und räumlich, zugleich aber auch sehr präsent. Das Orchester klingt sehr transparent, gut gestaffelt und sehr dynamisch. Im ff schwimmt das Klangbild ein wenig auf. Das ist aber eigentlich verblüffend, dass es nicht schon früher oder viel stärker so passiert. Den Nachhall der Abteikirche hat das Team des BR Studio Franken sehr gut in den Griff bekommen, man hat ja auch nicht zum ersten Mal dort aufgenommen. Alles klingt gut ausbalanciert. Das Wichtigste dabei ist, dass der Hall nicht überhandnimmt, wie es bei der Aufnahme von Rémy Balot in Sankt Florian geschehen ist.

 

4-5

Wolfgang Sawallisch

Bayerisches Staatsorchester

Orfeo

1981, live

14:15  17:33  8:24  14:32  54:44

Wolfgang Sawallisch war 1971-1992 GMD der Bayerischen Staatsoper München, aufgenommen hat man aber nicht im Nationaltheater, sondern in der Aula der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das Bayerische Staatsorchester kann, obwohl es in erster Linie ein Opernorchester ist und Bruckner keine Opern geschrieben hat, auf eine lange Bruckner-Tradition zurückblicken. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich Bruckner-Schüler Ferdinand Löwe in München stark für dessen Werke ein. Auch unter Bruno Walter, Hans Knappertsbusch, Clemens Krauss und Wolfang Sawallisch riss der Bruckner Faden nie ab. Neuerdings halten bzw. hielten Generalmusikdirektoren (GMD) wie Kent Nagano und aktuell Vladimir Jurowski für Bruckner einen festen Platz in den Konzertprogrammen frei. Bei Petrenko stand eher das Werk Gustav Mahlers auf dem Konzertprogramm während Bruckners Werke bei ihm selten aufgeführt wurden, wenn, dann wurden sie aber zu singulären Ereignissen. Ob diese Tradition auch unter dem neuen Chef ab 2028 Petr Popelka erhalten bleibt, wäre zu hoffen.

Warum man zur Aufnahme dieser Sinfonie in die leere Aula der Universität gegangen ist, entzieht sich unserer Kenntnis, jedenfalls fand man einen Nachhall ähnlich einer Abteikirche vor. Das dürfte nicht jedermanns Sache sein. Opernhäuser sind jedoch normalerweise baulich darauf ausgelegt, dass Textverständlichkeit und Bühnenpräsenz im Vordergrund stehen. Sie besitzen daher meist eine kurze Nachhallzeit, eine eher trockene Akustik. Das Problem bei Bruckner: Bruckners Sinfonien sind wie „Kathedralen aus Klang“ gebaut. Sie benötigen für ihre monumentalen Steigerungen und das typische Wechselspiel der Klangblöcke zwingend einen Raum, der mitschwingt. Im trockenen Nationaltheater würde die Musik verflachen, anstatt sich feierlich zu entfalten. Aber wie bei allem kann man es auch mit dem Nachhall übertreiben. Ab 1985 konnte man dann in die Philharmonie am Gasteig gehen, wenn es um Bruckner ging, die brachte zwar genug Nachhall aber neue akustische Probleme mit sich. Jetzt im Provisorium HP8 klingt es weitaus am besten. Auf die Akustik im renovierten Gasteig darf man gespannt sein.

Das Maestoso klingt zu Beginn zumindest sehr atmosphärisch und stimmungsvoll, spannend aber auch sehr zügig. Das exzellente Orchester spielt kraftvoll und vorantreibend. Das rhythmische Ineins von Duolen und Triolen wird in Ausdruck umgesetzt und der Klang schwebt schön im Raum. Das 2. Thema wird nur leicht verlangsamt, bei dem schnellen Grundtempo ist das ohne Probleme für den folgenden Satzverlauf möglich. Anders verhält es sich, wenn man schon langsam beginnt, dann wird es träge. Die sehr weich klingenden Violinen scheinen kaum von den Tücken der frühen Digitalaufnahme gebeutelt. Die Dynamik des prallen und sicheren Blechs ist gut. Der Umgang mit der Sinfonie wirkt souverän. Es ist sicher nicht das erste Mal, dass Sawallisch die Sechste dirigiert. Er hält die Musik fließend mit einer ganz leichten Tendenz ins Hektische, aber nicht so kleinteilig wie bei Karajan oder noch deutlicher Barenboim. Sawallisch legt deutlich mehr Wert auf den übergreifenden Bogen. Bei dem Tempo fällt das auch etwas leichter. Es klingt dramatisch und bei allem Ernst auch mit einem kleinen Schuss Theatralik.

Im sehr feierlich klingenden Adagio ist es bedauerlich, dass die Oboe gleich zu Beginn vom Espressivo der Streicher überdeckt wird. Im Verlauf lernen wie das strömende Espressivo der Streicher aber sehr zu schätzen, denn es klingt sehr homogen und leuchtet, wie man das von einem Bruckner-Orchester der Extraklasse erwarten kann. Sawallisch hält trotz des langsamen aber nie schleppenden Tempos die Musik souverän zusammen, spannend auch in den Passagen des lyrischen Erzählens. Er erlaubt sich recht flexible Tempoabstufungen, die das Eindringen in die Tiefen der Werksubstanz jedoch eher erleichtern als verhindern. Man reiht so dieses Adagio ohne wenn und aber in die Reihe der ganz großen späten Adagios der Sinfonien 7, 8 und 9 ein. Falls man das überhaupt schreiben darf: Achtung! Es könnte sich ein metaphysisches Ereignis ergeben. Das Holz kommt generell in diesem Satz besser zur Geltung als im ersten.

Das Scherzo wirkt noch halliger als die beiden Sätze zuvor. Auch großräumiger. Es wirkt nicht schnell, aber auch noch nicht gemütlich. Das Trio erklingt sehr langsam, ausdrucksvoll und mit exzellenten Hörnern. Vielleich hat Sawallisch bei der Tempowahl Rücksicht auf den Nachhall des Aufnahmeraums genommen? Immerhin klingt es so ziemlich auratisch.

Das Finale begeistert wieder mit den strahlenden Violinen des Adagios. Sawallisch zeigt aber die Brüche des Satzes hart und „ungeschminkt“. Das Orchester spielt sehr kultiviert, macht aber auch einen hochmotivierten Eindruck. Dieser Bruckner wirkt frei von Ballast und falschem Pathos, modern und drängend. Wäre nur die Akustik nicht so stark nachhallend. Das Orchester gehört zu den besten. Da wäre eine höhere Platzierung drin gewesen.

Der Klang der Aufnahme wirkt „groß“, weitgehend transparent, in den leisen Passagen sogar sehr transparent, sehr räumlich, gut gestaffelt, farbig und dynamisch. Eine ganz leichte frühdigitale Härte im Klang ist spürbar, es könnte zudem voller klingen. Im ff des Tutti wird der Klang diffus, was nicht auf die Qualität des Orchesters zurückzuführen ist, sondern auf die hallende Akustik. Verschiedentlich wird diese Kirchen-Akustik als förderlich für die Stimmungshaftigkeit der Musik Bruckners angesehen. Wir könnten gut darauf verzichten. Das Blech zieht so immer eine Hallfahne nach und knackig klingt es so auch nicht. Publikum gab es nicht, damit hätte man den Nachhall vielleicht schon etwas bändigen können. Unser Kritikpunkt reduziert sich eigentlich auf eine Aussage: Das messerscharfe Spiel wirkt zupackend und weltlich, das verträgt sich nicht so recht mit dem allzu sakral anmutenden Ambiente.

 

Auch diese Aufnahme lässt sich bei YouTube nachhören, Addiobelpassato sei Dank:

https://www.youtube.com/watch?v=kHjTBq1MmNE

 

 

4-5

Riccardo Muti

Berliner Philharmoniker

EMI

1988

17:08  17:17  7:49  14:18  56:32

Riccardo Muti wählt für das Maestoso ein ähnlich mäßiges Tempo wie Herbert von Karajan. Es klingt jedoch weniger straff und weniger maestoso als bei dem Österreicher. Spannend und dramatisch wobei ein Drängen fast völlig fehlt. Hauptaugenmerk schein auf der Kantabilität zu liegen. Einen Sinn für Kantabilität hat man von dem Dirigenten erwarten können. Er lässt die Musik fließen und die Schönheiten sich wie von innen heraus wie von selbst entfalten. Die Höhepunkte werden sorgfältig vorbereitet. Muti kann sich auf den edlen Klang und das mittlerweile im Umgang mit der Sechsten deutliche versiertere Orchester verlassen. Man hört den kompakten aber ungemein glanzvollen und von einem speziellen Legato geprägten Klang der Karajan-Zeit noch gut durch. Es klingt bei Muti jedoch ausgewogener und gelassener, lange nicht so massiv und gedrungen wie bei Karajan. Bei Karajan klingt es deutlich dynamischer, wuchtiger und deutlich brillanter.

Im Adagio begeistert der Klang der Berliner Violinen durch ihre vollkommene Homogenität, wobei die EMI-Aufnahme nicht an den seidigen Glanz der Karajan-Aufnahme bei der DG fast zehn Jahre zuvor herankommt. Die Violinen klingen nun filigraner, bei Karajan satter. Im Ausdruck wirken die Berliner unter Muti letztlich nicht so expressiv und leidenschaftlich wie bei Karajan, dafür schwereloser und fast schon entrückt. Bei Karajan klingt es rauschhafter.

Rhythmisch, vital und motorisch klingt das Scherzo, bei Karajan noch dynamischer und zupackender. Das Trio wirkt sehr kantabel und wohltuend zügig. Fast ein wenig humorvoll.

Das Finale klingt glasklar in den polyphonen Strukturen und wird getragen vom leichten aber doch vollen Klang des Orchesters. Hier wird die straffe Hand des Dirigenten spürbarer als im ersten Satz, man würde von dem teilweise fast aufgebrachten Gestus mehr mitbekommen, wenn die Dynamik der EMI-Aufnahme urwüchsiger wäre. Muti entfaltet mehr Drive als Karajan, die vorantreibende Rhythmik klingt zugleich filigraner. Die Coda kommt allerdings an die monumentale Pracht der Karajan-Aufnahme bei weitem nicht heran.

Der Klang der Aufnahme wirkt besonders breit und auch in die Tiefe hinein respektabel gestaffelt. Da ist sie der Karajan-Aufnahme weit voraus. Die Stereoaufnahme zeigt keine frühdigitalen Schärfen und eine gute, aber keine herausragende Dynamik. Sie klingt viel distanzierter und lange nicht so dynamisch wie die Analogaufnahme Karajans 1979. Die EMI klingt dann wieder klarer und ausgewogener als die DG und bringt weniger Schmelzklang mit, ist weniger wuchtig, weniger sehnig und weicher, dann aber auch weniger prächtig als die urwüchsigere DG Karajans. Dass die Aufnahme mit demselben Orchester in demselben Raum erfolgte, ließe sich nicht ohne weiteres behaupten.

 

4-5

Heinz Rögner

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

Aufnahme vom Deutschlandfunk, war eine CD-Beigabe der Zeitschrift Audio

2000

15:37  17:33  8:26  16:00  57:36

Die Aufnahme entstand live und ohne Schnitte im Schauspielhaus (heute Konzerthaus) Berlin. Heinz Rögner war Chef dieses Orchesters 1973-93. Herr Rögner war damals 71 Jahre alt. Mit ihm gibt es noch zwei weitere Aufnahmen der Sechsten Sinfonie Bruckners. 1980 wurde die erste bereits vom VEB Deutsche Schallplatten für das Label Eterna aufgenommen und von 1994 existiert ein Mitschnitt aus dem Gewandhaus zu Leipzig mit dem MDR-Sinfonieorchester, der später Jahre später bei Genuin erschienen ist. Alle drei unterscheiden sich stark. Heinz Rögner war ein Connaisseur der Musik der Spätromantik um Bruckner, Reger und Mahler.

Die nun vorliegende letzte Aufnahme, die nur ein Jahr vor dem Tod des Dirigenten entstand, erscheint uns darunter als die Romantischste. Das Majestoso erscheint fließend, sehr klangschön und mit bruchlos gelungenen Tempomodifikationen. Das Orchester zeigt kleine Unsicherheiten bei den schwierigen Hörner- und Trompetenparts. Es ist Zug dahinter und weiter Atem. Damals war übrigens gerade noch Rafael Frühbeck de Burgos Chefdirigent, aber Marek Janowski sollte schon nach der Sommerpause übernehmen. Hervorzuheben sind die seidig- matt klingenden ungemein homogen aufspielenden Violinen.

Das exzellent geblasene Oboen-Solo im Adagio löst sich aus fast epischer, entspannter Ruhe. Nun dominiert ein weiter Atem. Die Tempi fließen deutlich freier als 1980 und der warme, volle Klang der Violinen betören. Alleine das verleiht dem Satz bereits eine auffallende emotionale Tiefe, dabei bleibt das Spiel weniger hoch gespannt als locker und hoch konzentriert. Man nimmt dabei eine menschliche Perspektive auf die Transzendenz ein. Es klingt anders als bei Blomstedt, der ja ein „Sieben-Tage-Adventist“ ist oder bei Eugen Jochum (katholisch) oder bei Celibidache, der von einem undogmatischen Zen-Buddismus herkommt. Gegenüber der Einspielung von 1980 spürt man nun einen gewissen Einfluss der Aufnahme (oder der Live-Konzerte) von Sergiu Celibidache.

Viel atmosphärischer als Rögner es 1980 unter Studiobedingungen aufgenommene erste Einspielung gelang, klingt auch das Scherzo. Die Dynamik wirkt zurückhaltend, was jedoch offensichtlich am Klang der Aufnahme des Deutschlandfunks liegt, nicht am Orchesterspiel. Im Konzertsaal sollte es kontrastreicher geklungen haben. Die Geister huschen jedoch körperhaft und höchst gegenwärtig vor uns herum, doch nicht schwerfällig. Lyrisch-gesanglich klingt das Trio.

Langsam, schwergewichtig und recht breit wirkt das Finale. Ein titanisches Anrennen, ein immer neues ausprobieren. Das klingt nicht immer temperamentvoll, manchmal wird die Entwicklung sogar von einem gewissen Spannungsabfall bedroht. Es gibt jedoch interessante Varianten der Phrasierung im Lyrischen, die die Aufmerksamkeit erhalten. Die Coda verbreitert sich nach einem kathartischen Verlauf. Dies ist die packendste und emotionalste Sechste unter den drei Einspielungen Heiz Rögners.

Die Aufnahme klingt offen, sehr klar, sehr räumlich, weich, voll und körperhaft. Das Klangbild erscheint breit und tief. Es ist durchaus audiophil zu nennen. Die Dynamik wirkt zwar nicht gewaltig, ist aber im normalen Bereich. Es wurde direkt vom Mischpult-Ausgang aufgezeichnet, es wurde also weder nachbearbeitet noch geschnitten. Das Blech klingt homogen in den Gesamtklang integriert. Der Gesamtklang wirkt mit seiner natürlichen Raumakustik fast genau wie im Konzertsaal. Man hört in ganz leisen Passagen auch mal ein paar Geräusche vom Publikum.

 

Diese Aufnahme kann hier runtergeladen werden. Als Download of the month auf Herrn Berkys Bruckner-Seite:

https://www.abruckner.com/downloads/downloadofthemonth/october19/

 

 

4-5

Heinz Rögner

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

Eterna, Berlin Classics, Brilliant

1980

13:54  15:37  8:00  14:32  52:03

Bei seiner ersten Aufnahme der Sechsten Sinfonie, die im Studio 1 des Rundfunks der DDR stattfand, war Heinz Rögner 51. Der Kopfsatz erklingt jetzt fast so, als entspränge er einer klassischen Sinfonie. Erheblich zügiger als 2000 ist dies die mit Abstand unpathetischste der drei Aufnahmen mit Heiz Rögner.

Schon das Maestoso ist von drängender Dramatik erfüllt. Rhythmisch sehr klar, impulsiv und stringent. Genau im Takt. Das Gesangsthema ab B „Bedeutend langsamer“ erklingt nahezu ohne Tempoverlust. Das Interesse liegt mehr auf der Zuspitzung des Gestus und allgemeiner Präzision als auf einer Verbreiterung. Das Orchester spielt hier fehlerlos, es handelt sich ja auch um eine Studioaufnahme mit allen Möglichkeiten der Korrektur. Seine Klangcharakteristik liegt bereits 1980 sozusagen fest, hat sich in den folgenden 20 Jahren anscheinend kaum geändert. Es klingt schlank aber doch dunkel timbriert und mit viel Wärme und scheint dem Brucknerideal ziemlich nah zu kommen. Die damalige tendenzielle Geringschätzung der Orchester der DDR im Westen (besonders in West-Deutschland) lässt sich heute kaum noch verstehen. Anscheinend hat die Ideologie auf beiden Seiten den Blick oder vielmehr das offene Gehör getrübt.

Beim Adagio belässt es Rögner 1980 noch bei einem Andante-Gefühl, gegenüber dem klaren Adagio-Tempo wirkt es deutlich leichtgewichtiger. Das klagende Oboen-Thema klingt bereits recht voll und weich tönend, 1980 war das noch nicht unbedingt der Standard. Anscheinend versucht man bei Neubesetzungen diesen Klangcharakter zu erhalten. Die Fülle und sagenhafte Wärme des Violinenklangs der Aufnahme von 2000 sucht man allerdings vergeblich, genau wie eine sakrale Stimmung oder eine Entrückung jedweder Art. Glasklare Durchhörbarkeit ist bereits vorhanden. Die Darbietung wirkt weder sachlich-distanziert noch unbeteiligt.

Das Scherzo klingt etwas metrischer als 2000, wie ein sorgfältig geöltes Uhrwerk. Das Blech kommt gut zur Geltung, nur dass man es in einigen anderen Aufnahmen präsenter hören kann. Differenziertes und poetischer als üblich klingendes Trio.

Das Finale klingt vielleicht ein wenig weniger differenziert und weniger geschmeidig in der Tempobehandlung. Aber zügiger. Die Musik wirkt nun blockhafter. Man spürt den Versuch durch das schnellere Tempo den Satz gut zusammenzuhalten. Im Jahr 2000 versucht man es durch Flexibilität des Rubato. Der Klang besticht jederzeit durch sonore Wärme. Die Coda verbreitet Heinz Rögner damals noch nicht. Sehr deutlich lässt er die Themen erkennen, das Hauptthema aus dem Kopfsatz erhält dabei das größte Gewicht.

Wir hören bereits im Großen und Ganzen den sonoren, vollen, dreidimensionalen, sehr gut tiefengestaffelten Orchesterklang von 2000. Da fehlt lediglich noch etwas Glanz, bestens ausgewogen ist er bereits. Das Blech wurde bereits damals in den Gesamtklang eingebettet. Es schreit nie vorwitzig heraus. Insgesamt wirkt der Klang ein wenig distanziert. Sehr guter Eterna-Analogklang. Für uns erscheint er ein wenig zu distanziert, denn ein etwas präsenteres Blech trüge noch mehr zum Erlebnis Bruckner bei. Diese Aufnahme klingt geschätzt 1000x besser (und das ist noch untertrieben) als der Radiomitschnitt mit Herbert Kegel und immer noch deutlich besser als die Eterna/Eurodisc-Aufnahme mit Kurt Masur (vor allem in den Sätzen 3 und 4), um einmal in der DDR zu bleiben.

Einen Live-Mitschnitt, den wir erst jetzt gefunden und somit nicht mehr gehört haben, mit Heiz Rögner und dem RSB, allerdings aus dem Palast der Republik aus dem Jahr 1978 kann man hier hören:

https://www.youtube.com/watch?v=a__eYl6A_HI

 

Hier findet man die besprochene Einspielung aus dem Jahr 1980:

https://www.youtube.com/watch?v=9N8Uuno6tQo

 

 

4-5

Kurt Eichhorn

Bruckner Orchester Linz

Camerata

1994

16:48  18:15  9:05  16:11  60:19

Zur Zeit der Aufnahme war Kurt Eichhorn 86 Jahre alt und man ist geneigt zu behaupten, befand sich damit im besten Dirigenten-Alter für Bruckner-Dirigenten. Die Aufnahme entstand im Todesjahr des Dirigenten. Er konnte so die geplante Gesamteinspielung der Bruckner Sinfonien nicht mehr vollenden, was ein Jammer ist. Glücklicherweise entschloss man sich den Zyklus mit Martin Sieghard zu komplettieren, der dazu die Sinfonien 1 und 3 nachzutragen hatte. Herr Sieghard war Chefdirigent des Orchesters 1992-2002. Die Aufnahme entstand zum 170. Geburtstag Bruckners. Aufgenommen wurde im Brucknerhaus Linz, das an der schönen blauen Donau gelegen ist. Das Bruckner Orchester Linz ist nicht nur das Orchester der Stadt Linz, sondern auch das Konzertorchester Oberösterreichs. Nicht zuletzt deshalb kann man sich eine starke und hochwertige Besetzung leisten. Es bedient sowohl den Konzert- als auch den Opernbetrieb. Bei dieser Einspielung handelt es übrigens um die zweite nach der mit Georg Ludwig Jochum von insgesamt vier in unserer Liste.

Im Majestoso bezaubern vor allem die Violinen mit ihrem silbrigen hellen, sehr klangschönen, seidigen Spiel. Das übrige Orchester steht dem jedoch nicht nach. Die gekonnt abgestufte Tempowahl überzeugt mit fließenden Übergängen und wird dem Majestätischen ganz gut gerecht. Nur klingt das Blech (wie so oft in den 90er Jahren) sehr weit entfernt und kann entsprechend nur wenig markante Akzente setzen. Homogenität und Geschlossenheit waren Dirigent und Aufnahmeteam anscheinend oberstes Gebot. Eine Komponente die Musik noch mitreißender zu gestalten geht somit weitgehend verloren. Die Darstellung wirkt aber auch so sehr kompetent und einfühlsam, betont jedoch ein wenig einseitig die lyrische Seites der Musik. Die weiträumige, eher langsame Darbietung wirkt insgesamt verträumt und sanftmütig, was ihren Wert in unseren Ohren nicht schmälert. Dramatischer geht es bei anderen zu. Der Coda geht das Strahlende weitgehend ab, was ebenfalls an der großen Entfernung des Blechs liegt.

Dem Adagio, im Adagio-Tempo gespielt, steht der seidenweiche, verträumte Charakter und die weiträumige Aufnahme besonders gut an. Es erklingt nebenstimmenreich. Das Orchester trägt den Namen Bruckners natürlich nicht von ungefähr, denn Bruckner kommt ja aus Oberösterreich und hat die längste Zeit seines Lebens dort verbracht, in St. Florian unweit Linz und in Linz selbst, wo er ja Domorganist wurde. Die Musik Bruckners scheint dem Orchester jedoch auch Auftrag zu sein, was nicht nur an der Anzahl der Aufnahmen der lange unbeliebten Sechsten erkennen kann.  Das Adagio wird einfach sehr schön gespielt, da fehlt es an nichts und es erscheint der Vollendung nah. Eins steht fest: Da spielt kein Provinzorchester.

Das Scherzo klingt trotz recht gemächlichen Tempos erfreulich „keck“, locker und gelöst.  Um eine höhere Strahlkraft zu erzielen hätte man sich „mutiger“ dem Blech nähern müssen. Es hat die Distanz nicht verdient, denn dass es nicht an Qualität fehlt und durchaus weich und vollmundig klingt, das hört man auch so. Das Trio strahlt viel Wärme aus, ist aber sehr langsam.

Im Finale könnten vor allem die fff erhabener oder „wilder“ klingen, jedenfalls mit mehr „Schmackes“. Ab D, wo der zweite Themenkomplex beginnt wird Eichhorn langsamer. Davon steht zwar nichts in der Partitur, aber manches wurde von Bruckner ja auch dem Dirigenten überlassen. Viele Dirigenten verfahren an dieser Stelle so. Die Tristan-Zitate erscheinen sehr deutlich. Bei M gibt es ebenfalls eine Verlangsamung, die aber auch notiert ist. Ab Q (Tempo primo) wird es dann schneller und lebendiger. Ein Großteil des Satzes wäre somit sehr langsam, daher die lange Spielzeit. Eigentlich wäre es so mustergültig partiturgerecht. Eichhorn kommt jeder Tempomodifikation nach und findet immer die dazu passenden fließenden Übergänge. Auch an den triumphalen Posaunen, eigens zur Hervorhebung des Hauptthemas des Kopfsatzes fehlt es nicht. In der Coda kommt das Orchester mal richtig aus sich raus.

Die Akustik im Brucknerhaus scheint hervorragend zu sein. Sie wirkt räumlich und sehr ausgewogen, allerdings wie in den 90ern üblich etwas distanziert. Die Dynamik erscheint so nur höchst durchschnittlich, beim Blech klingen sogar die sonst oft hervorstechenden Trompeten sehr hintergründig. Besonders schön: Die weichen, homogenen, seidigen Violinen, denen es auch nicht an Anzahl mangelt.

 

Eine Kostprobe der Aufnahme kann man sich hier derzeit mal anhören:

https://www.youtube.com/watch?v=OedhZgvj1Hs

 

 

4-5

William Steinberg

Boston Symphony Orchestra

RCA

1970

14:55  16:16  8:02  13:04  52:17

Diese Aufnahme entstand in der Bostoner Symphony Hall. Die Bostoner sind mit den Sinfonien Bruckners diskographisch bisher kaum in Erscheinung getreten. Und von den Aufnahmen Steinbergs der 4., 7. Und 8. aus Pittsburgh für Capitol aufgenommen mitsamt der Ouvertüre g-Moll hat man unseres Wissens außerhalb der USA wenig Kenntnis erhalten. Umso gespannter hörten wir uns die Bostoner Aufnahme an, insgeheim auf einen ähnlichen Meilenstein hoffend, wie es Steinbergs Einspielung von Strauss „Also sprach Zarathustra“ ist.

So scharf wie bei Steinberg hört man den Rhythmus der Violinen zu Beginn des Maestoso sonst höchst selten, wenn überhaupt. Ganz scharf und trocken wie ein Morsesignal. Ob Bruckner tatsächlich an einen Morsecode dachte, wissen wir nicht. Theoretisch wäre es möglich, denn Samuel Morse meldete seine Erfindung 1837 beim Patentamt an. Wenn man dann noch wüsste, was der geheime Bruckner-Code bedeuten würde und ob er überhaupt einen Sinn ergäbe, wäre man schon wieder einen Schritt weiter. Steinberg lässt zügig beginnen und beachtet die Verlangsamung beim 2. Thema (46 gegenüber ca. 53 Schlägen zuvor). Nur wenige Dirigenten nehmen Bruckner beim Wort (was ist eine „bedeutende“ Verlangsamung überhaupt). Durch diese Verlangsamung wird dem Thema und insbesondere dem solo der Oboe mehr Bedeutung gegeben und strukturelle Substanz.  Er kann sich die Verlangsamung erlauben, denn zuvor zieht er den Satz bereits mit einem nahezu rasanten Tempo durch. An Majestät oder Monumentalität ist Steinberg jedenfalls nicht sonderlich interessiert. An seinem ersten Satz gibt es wenig Heldenhaftes oder Tragisches. Bei ihm klingt es noch fast nach Schubert. Wie eine harmonisch, besetzungsmäßig und thematisch weiterentwickelte Große C-Dur Sinfonie. Von Wagner beeinflusst.

Der zweite Satz ist hingegen ein relativ ausladendes Adagio, strömend und emotional mir seidigen Streichern und einer weit gespreizten Dynamik. Hier wirkt nichts parsifalähnlich oder mystisch, die Musik wird „einfach“ tief ausgelotet, die Trauer nicht zelebriert und eine ausführliche „Innenschau“ gibt es ebenfalls nicht. Die Emotion soll ja auch vom Individuum losgelöst erscheinen, da scheint Steinberg zu realisieren, oder er versucht es zumindest. Es könnte etwas wärmer und voller klingen, obwohl es keineswegs kalt oder gar abweisend klingt. Die Violinen bestechen sogar durch ihre Homogenität und ihren seidig-geschmeidigen Klang besonders.

Im temporeichen Scherzo nähert sich Steinberg vorsichtig der Intensität Furtwänglers an. Nicht schnell heißt ja die Anweisung, das würde noch passen, wenn man die Viertel-Noten betrachtet, die Triolen wirken dagegen bereits schnell. Da weht der Wind bereits ganz schön bewegt durch die Nacht. Und der Satz bekommt etwas manisch-bedrohliches. Ein Ländler mit Jagdmotorik, besonders verstärkt durch die exzellent herausgearbeiteten und spielenden Hörner. Der Bass ist immer gut hörbar, was das Tänzerische betont. Das Trio bringt wie üblich Beruhigung. Insgesamt wirkt der Satz eindringlich.

Das Finale erhält ein schnelles Anfangstempo und eine leichte Verlangsamung beim zweiten Thema. Da steht ja eigentlich nur „gezogen“, was ja nur eine artikulatorische Vorschrift ist, keine tempoverändernde. Man unterstreicht sie jedoch gerne mit einer Tempomodifikation. So wirkt die Stelle noch kraftvoller. Immer wenn Tempo primo erscheint wird es kraftvoll schneller. Die Tempi auch noch eigenständig zu wechseln soll zur Brucknerzeit zum Aufgabenbereich des Dirigenten gehört haben. So wird wie bei Steinberg auf einmal ein fast rhapsodischer Verlauf daraus. Allerdings getragen von einem schnellen Grundtempo, das dann schon wieder stringent wirkt. Die Coda muss man als grandios bezeichnen. Die Posaunen erweisen sich als enorm durchsetzungsfähig, denn zugleich darf auch das übrige Blech tüchtig strahlen. Beides kommt sich seltsamerweise bei Steinberg nicht in die Quere.

Die Aufnahme klingt recht transparent und gut gestaffelt. Recht räumlich und weder hallig noch übermäßig trocken. Das Orchester könnte jedoch üppiger klingen. An den auch aufnahmetechnischen Meilenstein „Zarathustra“ bei der DG von 1971 kommt man bei RCA nicht heran. Der Gesamtklang wirkt jedoch homogen und ein wenig analytisch. Es könnte körperhafter klingen. Die Living-Stereo-Zeiten waren leider vorbei, die Präsenz ist immer noch ganz gut.

 

Auch von dieser Einspielung könnte man sich bei Google derzeit noch einen Eindruck verschaffen:

https://www.youtube.com/watch?v=ZFBBsoWGnxk

 

 

4-5

Christoph Eschenbach

London Philharmonic Orchestra

LPO Live

2009, live

16:05  20:02  8:05  15:15  59:37

Christoph Eschenbach scheint der Sechsten sehr zugetan zu sein, denn es liegen uns drei Einspielungen der Sinfonie mit ihm vor. Die erste entstand 1999 mit dem Houston Symphony Orchestra, dem er von 1988-99 als Musikdirektor vorstand. Die zweite, nun vorliegende, bei der der Dirigent 69 Jahre alt war, entstand 2009 in der Londoner Royal Festival Hall, dem Stammsitz des Orchesters. Die letzte ist ein Mitschnitt aus dem Radio, der jedoch auch als Video in der ARD bzw.- HR-Mediathek abzurufen ist. Ein Mitschnitt vom Rheingau Musikfestival 2016 aus dem Kloster Eberbach mit dem HR-Sinfonieorchester. Letzterer gefällt uns noch ein wenig besser als die bereits sehr gelungenen beiden vorangegangenen Aufnahmen.

Im Majestoso vermeidet man einen schweren Gestus mit Erfolg. Es klingt eher elegant als majestätisch-strahlend um jeden Preis. Das LPO steht in seiner Live-Aufnahme dem nahezu perfekten amerikanischen Orchester aus Houston zehn Jahre zuvor in Nichts nach. Es bringt sogar noch etwas mehr Farbigkeit ein, was jedoch genauso gut aus der Klangtechnik herrühren kann. Wie in Houston herrscht lebendige Dramatik vor. Die Übergänge gelingen vorzüglich, die Musik wird fließend gehalten, eine souveräne Beherrschung der Partitur wird spürbar. Das Meiste, was die Aufnahme aus Houston auszeichnet wird beibehalten, sogar noch intensiviert, was Phrasierungsgenauigkeit und Timing anlangt. Die Formgebung wird durch kleine Tempomodifikationen unterstrichen. Die Pauke ist gut hörbar, wir wissen ja, das ist in der Diskographie der Sechsten nicht selbstverständlich. Man beachte die fast sekundengenaue Satzlänge nach zehn Jahren.

Das Adagio wird wunderschön ausgesungen, breit und ausladend aber nicht mit der schwere eines Solti. Es klingt lyrisch-kontemplativ, feinfühlig und beseelt.

Das Scherzo klingt kraftvoll und zügig, recht tänzerisch, sogar quirlig. Das Trio wunderbar atmosphärisch mit glasklarer Hörnerromantik.

Wie 1999 führt Eschenbach souverän durch die wechselnden Tempi des Finales. Sein Konzept steht ziemlich unverändert. Die Spannung kann trotz des recht langsamen Tempos weitgehend aufrecht gehalten werden. Die erzählenden Passagen werden nicht vernachlässigt. Es gibt wie in Houston bei T. 407 ein Ritardando, womit die Coda eher an Strahlkraft und Fulminanz verliert, gerade dann, wenn die Posaunen das Hauptthema des Kopfsatzes „herausposaunen“. Das könnte aber zu den Intentionen Bruckners passen, denn sonst hätte er ja die Trompeten oder/und die Hörner ebenfalls dieses Hauptthema spielen lassen können. Diese Einspielung klingt von A-Z nach einer Herzensangelegenheit, wie übrigens die beiden anderen Aufnahmen Eschenbachs ebenfalls. Es klingt sehr sorgfältig, empathisch und inspiriert.

In London werden die Bläser etwas kräftiger abgebildet und die Hörner erneut räumlich vom übrigen Blech getrennt, was ihnen in allen Aufnahmen, wo dies so praktiziert wird zu mehr Geltung verhilft. Und wo wären die Hörner wichtiger als bei Bruckner? Aus der Royal Festival Hall klingt es recht resonant, ausgewogen, detailreich und transparent. Auch die Tiefenstaffelung gelingt erfreulich. Diese Live-Aufnahme klingt besser als die beiden Live-Aufnahmen der Londoner Konkurrenz LSO mit Sir Colin Davis und Sir Simon Rattle. Normalerweise wird man nicht gerade mit Streicherschmelz überschüttet, wenn es um Aufnahmen aus der Royal Festival Hall oder der Barbican Hall geht. Die Dynamik könnte noch etwas weiter gespreizt sein, aber unsere Abhörlautstärke ist recht maßvoll, wenn man mehr aufdreht wirkt die Dynamik meist lebendiger.

 

4-5

Christoph Eschenbach

Houston Symphony Orchestra

Koch

1999, live

16:03  19:52  8:35  15:19  59:59

Dies ist ein Ausschnitt aus einem seiner Abschiedskonzerte mit denen sich der Dirigent aus Houston verabschiedet hat. Es wurde in der Jonas-Hall aufgenommen. Nach der Zeit als Musikdirektor 1988-99 blieb Eschenbach in Houston Ehrendirigent, sodass der Abschied nicht so schwergefallen sein dürfte. Nach Stationen in Hamburg, Philadelphia, Paris, Washington und Berlin ist Eschenbach derzeit künstlerischer Leiter der NFM Breslauer Philharmonie. Damit ist er wieder in seiner Geburtsstadt angekommen.

Im Majestoso gibt es eine gelungene Mischung aus dem hellen, analytischen Spiel und Klang des Orchesters und dem Versuch der Musik bei aller Dramatik auch schwärmerische Aufbruchstimmung, Leichtigkeit und Verspieltheit abzugewinnen. Entsprechend klingt es wenig majestoso, wenig sakral und wenig monumental, doch nicht ohne Tiefgang. Manchmal spielt das Orchester in diesem Satz noch ein wenig routiniert. Meist spielt es aber sehr gut und mit einem überraschend reichhaltigen Klang und hoher Präzision, präziser als die Staatskapelle Dresden mit Eugen Jochum. Seine amerikanische Herkunft merkt man dem Orchester in dieser Einspielung kaum noch an. Außer den hellen Oboen (und leicht aufgehellten Violinen) klingt es ziemlich mitteleuropäisch und wenig nach Texas. Die Coda gelingt erhaben.

Im Adagio hat Eschenbach bereits in Houston den langen Atem für die tragischen und himmlischen Längen. Da darf die Musik tiefgründig singen, besonders natürlich die Streicher, bei denen man fast annehmen könnte, dass sie aus Wien kämen und nicht aus den U.S.A. Das klingt sehr gefühlvoll.

Das Scherzo erhält viel impulsiven Schwung. Dass die Hörner vom übrigen Blech räumlich getrennt sind bekommt ihnen gut. Gerade die Durchhörbarkeit gewinnt enorm. Die Hörner kommen von links, die Trompeten aus der Mitte. Das Trio wirkt bewegter als beim Mainstream.

Frisch und recht beweglich kommt das Finale in die Gänge. Es gibt treffende Temporelationen, die Vitalität der Musik wird immer im Auge behalten und nicht vernachlässigt. Die zwischenzeitlichen Höhepunkte sind gut getimt. Am Ende der Coda könnte man sich vielleicht einen noch triumphaleren Gestus vorstellen und auch noch eine wenig mehr Biss.

Der Klang wirkt relativ trocken und analytisch, der „Spaltklang“ gegenüber dem „Mischklang“ bevorzugt. Nichts wird übertönt. Die Durchhörbarkeit gefällt. Obwohl es nicht an Höhen fehlt, könnte das Klangbild stärker strahlen. Es klingt nicht besonders großräumig und so denkt man eher an eine Studioaufnahme als an einen großen Konzertsaal.

 

4-5

Ferdinand Leitner

Sinfonieorchester des SWF, Baden-Baden (heute: aufgegangen im SWR-Sinfonieorchester)

Hänssler, SWR Classic

1982

15:46  15:27  9:16  15:02  55:31

Dies ist eine Studioaufnahme aus dem Hans-Rosbaud-Studio, Baden-Baden. Das Konzerthaus in Freiburg gab es damals noch nicht und die beiden südwestdeutschen Sender SWF und SDR waren noch nicht vereinigt. Die Orchester sowieso noch nicht. Dies ist die erste Aufnahme mit Ferdinand Leitner, die zweite aus Basel wurde bereits weiter oben vorgestellt. Diese hier wirkt durchweg robuster, es gibt keine Effekthascherei, sie klingt schnörkellos und klar, schlank und unpathetisch. Die Musik darf organisch atmen. Es wird souverän dirigiert und das Orchester spielt sehr präzise, recht transparent und rhythmisch akzentuiert. Was noch wenig auffällt, besonders im direkten Vergleich mit der späteren Aufnahme aus Basel ist die Hinwendung zu einer Art Transzendenz, die sich besonders im Adagio bemerkbar macht.

Im Majestoso das recht zügig intoniert wird, ist der Klang bereits recht eindrucksvoll. Es klingt aber geheimnislos in den ruhigen Passagen. Es wirkt in den dramatischen Passagen zögerlicher als beispielsweise bei Skrowaczewski ohne temperamentlos zu sein. Die Steigerungen wirken etwas burschikos und das Blech ein wenig vorwitzig.  Der Gestus hat mehr Biss als in der Aufnahme Leitners aus Basel 1992.

Das Adagio zeigt eine gute Balance zwischen fließendem Schwung und ernstem Ton. Die leisen Töne müssten noch viel leiser sein, um einer wie auch immer gearteten Transzendenz näher zu kommen. Ein echtes pp macht eben den Unterschied, das erst bereitet den atmosphärischen Boden, hinzu muss dann noch ein fein abgewogenes vornehmlich langsames Tempo kommen, was Leitner beides in Basel realisiert. Das Blech klingt in Baden-Baden zwar nicht immer brillant, aber viel lebendiger als in Basel. Ob das einem Eindruck von Transzendenz Vorschub leistet oder doch eher verhindert? Wir nehmen an, Leitner hatte Transzendenz in Baden-Baden noch gar nicht im Sinn.

Das Scherzo erhält einen mitreißenden Rhythmus und wird gut gespielt. Es klingt ziemlich aufregend aber auch recht holzschnittartig. In Basel klingt alles viel feiner, edler, gepflegter. Der künstlich im Studio hinzugefügte Hall stört in diesem Satz am meisten. Im Trio neigt die Musik sogar zum Lärmen.

Im Finale wird das Tempo noch als drängend empfunden. Es wirkt recht gleichmäßig und zügig. Wand ist deutlich schneller. Es klingt jedoch detailreich, dynamisch und kraftvoll.

Das Hans-Rosbaud-Studio, das auch Rosbaud selbst für seine Aufnahme der Sechsten nutzte, damals hieß es noch nicht nach ihm, soll sich gut für die Musik Bruckners geeignet haben. Das Konzerthaus Freiburg erschien uns in den beiden spätesten der vier Aufnahmen mit dem Baden-Badener (und später zusätzlich Freiburger) Orchester als noch besser geeignet. Bei Herrn Leitner klingt es mit gut abgestimmten Instrumentengruppen, kraftvollem Bass, voller, satter, fülliger und sogar dynamischer als in der Saarbrücker Aufnahme mit Skrowaczewski, aber auch halliger und im Ganzen lauter, im leisen Bereich leider zu laut. Der Hall, seltsam für ein eigentlich trocken klingendes Studio, wirkt verunklarend. Hier wollten die Techniker der Musik eine passende Aura verleihen. Das erwies sich anscheinend als schwieriger als erwartet. Das gelang Jürg Jecklin in Basel viel besser, da waren aber auch die Räumlichkeiten offensichtlich besser geeignet. Es klingt aber in Baden-Baden erheblich präsenter, aber auch viel nüchterner als in Basel.

 

4-5

Eugen Jochum

Staatskapelle Dresden

Eterna, EMI, Brilliant

1978

16:03  18:32  7:52  13:29  55:56

GA Zwölf Jahre nach der ersten Aufnahme der Sechsten für DG entstand in Dreden die zweite. Man merkt, dass das Dresdner Orchester lange nicht so vertraut mit dem Dirigenten war als das BRSO 1966 oder aber, dass nicht genug Probenzeit zur Verfügung stand.

Alles klingt nun etwas näher und möglicherweise kontrastreicher und Jochum verleiht den „schnellen“ Sätzen zu mehr Energie, die aber ziemlich burschikos „rüberkommt“. Die Entrückung im langsamen Satz gelingt lange nicht so überzeugend. Seine Musik sollte sich ja „aus einer ew´gen Ruh in Gott dem Herrn entwickeln“. Die Hörner kommen dieses Mal von rechts die Trompeten und die erfreulich präsenten Posaunen von links. Auch in dieser Konstellation kommen die Hörner sehr gut zur Geltung, anders als in München, wo man noch gemeinsam in einer Ecke saß. Diese „Ecke“ hatte es allerdings mächtig in sich. Nach dem Motto: Gemeinsam sind wir (noch) stärker.

Das Maestoso hat nicht mehr die Spannung der Münchner Aufnahme. Es wirkt aber noch recht flexibel was die Agogik anlangt. Das Blech klingt nun allgemein (unabhängig von der in Dresden günstigeren Aufstellung), nicht mehr so brillant wie beim BRSO. Die Staatskapelle klingt auch nicht so ausgewogen, aber wie bereits erwähnt die Hörner sind viel besser durchhörbar. Sie klingen aber rauer, weniger harmonisch man könnte fast meinen ungehobelter. Ähnliches gilt auch für das Holz und das übrige Blech. Wenn man an den Strauss-Zyklus mit Rudolf Kempe zurückdenkt (z.B. „Also sprach Zarathustra“, weniger „Die Alpensinfonie“), an den „Peer Gynt“ kürzlich mit Herbert Blomstedt oder an die Sechste Bruckner 2003 mit Haitink, dann würde man nicht unbedingt bei dieser Aufnahme an Wagners „Zauberharfe“ denken, Das BRSO klang in der ersten Aufnahme Jochums, zumindest für unsere Ohren, deutlich geschmeidiger und glanzvoller. Nicht wenige sehen das zwar anders, aber für uns ist die Sache klar.

Im Adagio ist Jochum nochmals langsamer geworden als ´66. Nun kommt man dem Zelebrieren nah, was Jochum ja verschiedentlich bereits vorgeworfen wurde. Davon haben wir in München ebenfalls kaum etwas bemerkt. Das Holz erklingt noch nicht mit der heute und damals ebenfalls bereits häufiger zu hörenden Klasse. Dieses Mal braucht man fürs Adagio etwas Geduld. Wir empfanden die Münchner Darbietung des Adagios als spiritueller. Es ist also nicht immer die Darstellung des älteren Dirigenten die ausgereiftere als die des jüngeren.

Das Scherzo erklingt wie in München zügig mit teils brachial auftrumpfendem Blech. Jochum macht eher einen gewalttätigen Totentanz aus diesem Satz, eher noch als in München. Das klingt ganz schön forsch. Die Hörner erhalten freie Bahn. Das klingt frisch und sehr knackig in Scherzo und Trio. An Energie hatte der 76jährige gegenüber seiner älteren Aufnahme nichts eingebüßt.

Zügig und frisch, ausgestattet mit vielen Tempomodifikationen, auch solche, die man nicht in der Partitur findet, erklingt das Finale. Das wirkt dramatisch, aber auch unruhig. Dass Jochum gerne beim dramatischen Steigern etwas schneller wir und dann, angekommen auf dem Höhepunkt gerne zum Verweilen etwas langsamer wirkt, wird häufig kritisiert. Wir konnten uns daran nicht stören, im Gegenteil. Die Trompeten dominieren den Blechbläsersatz und das ganze Orchester. Was für ein jugendliches Temperament der 76jährige noch an den Tag legt, das ist bewunderungswürdig. Am Ende achtet Jochum darauf, dass die Posaunen gegenüber dem restlichen Orchester, das heißt in dieser Aufnahme besonders gegenüber den häufig wie entfesselt aufspielenden Trompeten, das so wichtige Hauptthema aus dem Kopfsatz dominant durchbringen. Damit war nicht unbedingt zu rechnen.

Die Aufnahme des VEB Deutsche Schallplatten wirkt geräumig und weist einen eingedunkelten, manchmal orgelartigen Streicherklang auf. Die Blechbläser-Partien wirken aufnahmetechnisch weniger brillant oder unsere CD-Pressung war nicht auf dem neuesten oder überhaupt keinem guten Stand. Es klingt etwas transparenter und plastischer als in München zwölf Jahre zuvor. Die Streicher wie auch das übrige Orchester erscheinen im Klangbild viel besser verteilt als in München, auch die rechte Seite wirkt so schön gefüllt, während sie in München wie verwaist wirkte. Das Holz kommt in Dresden ebenfalls besser zur Geltung, sodass es manchmal fast kammermusikalisch wirkt. Im ff ist ein kammermusikalisches Spiel bei Bruckner sowieso nicht mehr möglich. Wenn das Orchester zu einem ff oder fff des Tutti ausholt, dann wird der Klang klotzig, d.h. er verdichtet sich, es wirkt immer auch so, als wäre man nahe am Übersteuern des damals noch genutzten Magnetbandes. Das gelang der DG in München besser. In Dresden hört man den langen Nachhall des „Studio Lukaskirche“ nur an den Satzenden.

 

4-5

Eugen Jochum

Concertgebouw Orchestra Amsterdam

RCO Live, Tahra, Altus

1980

17:26  18:58  8:02  13:29  57:55

Eugen Jochum trat 1941 zum ersten Mal mit dem Amsterdamer Orchester auf und nach dem Tod Eduard van Beinums teilte er sich 1959-1963 die Position des Chefdirigenten mit dem jungen Bernard Haitink. Er war bis zu seinem Tod oft und gerne in Amsterdam zu Gast, nicht zuletzt oder ganz besonders, um die Sinfonien Anton Bruckners zu dirigieren. Allein 1980 dirigierte er neben der Sechsten auch noch die 7., die 8. und die 5. Neben seinen beiden Gesamtaufnahmen aus München bzw. Berlin (DG) und Dresden (EMI) gibt es noch eine Nr. 5 bei Philips mit dem Concertgebouw Orchester. Die Aufnahme der Nr. 6, die uns nun vorliegt, stammt aus der Box „The Radio Recordings 1980-1990“, eine Teiledition innerhalb der „Radio Legacy“.

Zehn Jahre nach der Aufnahme mit seinem Chef Bernard Haitink spielte das Orchester die Sechste also erneut, es stellt sich dabei wieder einmal das beste Zeugnis aus. Es klingt auch in der Aufnahme des Rundfunks besonders ausgewogen, transparent, weich gerundet und klangschön. Das Blech ragt zumindest einmal im Majestoso lange nicht so stark heraus wie in den beiden anderen Aufnahmen. Bei der zu hörenden Klangästhetik wären wir bereits in den 90er Jahren angekommen: Weiträumigkeit und beste Übersichtlichkeit stehen an oberster Stelle der Todo-Liste der Tontechniker. Der Gestus wirkt nun erheblich abgeklärter als in München und Dresden, wobei es beim Dresdner besonders überrascht, denn der ist ja erst zwei Jahre her. Aber von 76 zu 78 Lebensjahren, da kann sich im Leben schon viel ändern. Es gibt nun viel weniger Tempomodifikationen, jede Nervosität ist verschwunden aber auch der noch so jugendfrische Drang nach vorne, der in Dresden noch so überraschte. Es klingt nun viel ruhiger aber auch weniger spannend.

Das Adagio klingt ebenfalls viel runder und ausgewogener im Klang und ruhevoller im Gestus als die Dresdner Aufnahme, was aber nicht nur am nun viel stärker in den Gesamtklang integrierten Kang des Blechs liegt. Jochum selbst dirigiert nun weniger erregt, kontemplativer oder resignativer. Nun taucht man weit ein in die Ausdruckswelt des Satzes, der dieses Mal auch langsam nicht den Zusammenhalt verliert. In Amsterdam versteht man sich eben hervorragend auf einen ausdrucksvollen Bruckner-Klang.

Im Scherzo erleben wir nun nicht mehr ganz den wilden Ritt wie in München und Dresden. Das Amsterdamer Blech fordert Jochum aber ebenso wie die Kollegen in München oder Dresden, besonders die Hörner und die Trompeten. Obwohl sich die Posaunen nicht gerade schonen. Und sie sind in Amsterdam in Topform. Die Trompeten klingen ganz schön heraus, was den Dirigenten wenig oder gar nicht zu stören scheint. Das hört man in allen drei Aufnahmen mit Eugen Jochum.

Das Finale erklingt erneut temporeich, ja stürmisch. Die Zitate aus „Tristan“ sind in allen drei Jochum-Aufnahmen deutlich zu hören, genau wie die Tempomodifikationen z.B. bei „Bedeutend langsamer“ T. 177. Dies wird bis zu Q eingehalten. Das Crescendo wird wie immer bei Jochum mit einer leichten Beschleunigung versehen und die Plateauphase des Höhepunkts leicht abgebremst. Manchmal langen die Trompeten so doll zu, dass man sich in einem Trompetenkonzert meint. Der Satz klingt immer noch zupackend und knackig.

Obwohl wir eine Aufnahme von NOS Niederlande, also einer Rundfunkanstalt, hören, ist der Klang sehr ausgewogen, transparent und weiträumig. Wenn man von den üblichen Einschränkungen in der Dynamik einmal absieht, die man ja oft bei Rundfunkaufnahmen hört, kann sie durchaus mit den beiden anderen Jochum-Aufnahmen mithalten. Allerdings wirken auch Brillanz und Körperhaftigkeit insbesondere des Blechs reduziert. Die älteste Aufnahme (DG) wirkt am farbstärksten. Insgesamt wirkt die Rundfunkaufnahme auch etwas flacher als die beiden Plattenaufnahmen. Ab und zu hört man auch leise Geräusche vom Publikum, unbedeutend, denn sie stören den Musikgenuss nicht.

 

Hier kann man die Aufnahme derzeit hören:

https://www.youtube.com/watch?v=KqWZC_tTQec

 

 

4-5

Jaap van Zweden

Nederlands Radio Philharmonic Orchestra

Challange

2012

15:31  18:36  7:41  15:13  57:01

GA Diese Aufnahme entstand im Studio MCO 5 in Hilversum. Jaap van Zweden war von 2005-11 Chefdirigent dieses Orchesters. Die Bruckner-GA der Sinfonien entstand 2006-2013. Der Zyklus wurde bei Exton begonnen und dann von Challange zu Ende gebracht.

Das Majestoso zeigt sich rhythmisch-präzise, jugendlich-frisch mit einigem Vorwärtsdrang und ohne zu verweilen. Durchaus atmosphärisch aber auch straff und schnörkellos. Das Orchester zeigt sich von seiner besten Seite und hoch motiviert. Die Violinen klingen homogen, strahlend und geschmeidig, das Holz präsent und voll, das Blech sonor. Das Werk wirkt gut erarbeitet und souverän dargeboten. Der Majestoso-Anspruch erscheint erfüllt.

Im Adagio bemerkt man dann bei den Violinen doch Grenzen, denn bei aller Klasse, fehlt noch etwas Schmelz, Wärme und sie könnten etwas üppiger klingen. So wirkt der Klang nur fast so reichhaltig wie beim Concertgebouw. Man lässt sich viel Zeit und achtet auf Gesanglichkeit und stetigen Fluss. Emotional wirkt die Darbietung eher gepflegt als hochgepeitscht, doch irgendwie aufrichtig und edel. Es gibt keinen Mangel an groß angelegten Höhepunkten. Man vermeidet jedoch zu viel Pathos und Extreme jedweder Art. Man legt großen Wert darauf, dass die Musik atmosphärisch bleibt.

Das Scherzo wirkt fast leicht gespielt wie eines von Mendelssohn, nur mit einem Brucknerorchester und mit einigen kräftigen „Aufrüttlern“, bei denen man fast aus dem Sattel geworfen werden könnte. Messerscharf artikuliert huschen flirrend die Geisterwesen der Nacht vorbei und vielleicht andere seltsame Gestalten. Das Trio trumpft mit markigen Hörnern auf und lässt zarte Streicherpizzicati hören.

Das zügige Tempo, das man zu Beginn des Finales anschlägt würde helfen die Spannung aufrechtzuhalten.  Doch van Zweten ist partiturgenau und verlangsamt teilweise deutlich, wodurch formale Probleme offengelegt werden und die Spannung leicht einbricht, obwohl die lyrischen Passsagen eigentlich oft innig und gesanglich ausgespielt werden. Das langsame Tempo inmitten des Satzes kann tückisch werden. Vermisst haben wir auch eine zwingende Schlusssteigerung. Schade am Ende der Sinfonie kommt es uns so vor, als ginge ein wenig die Inspiration und die Puste aus.

Der Klang der Aufnahme wirkt ausgewogen, recht präsent, direkt und sehr transparent. Wir haben die Stereo CD-Schicht der SACD gehört. Auch in diesem schlechtesten aber am besten mit normalen CDs vergleichbaren Modus klingt die Aufnahme sehr gut gestaffelt, dynamisch und recht sonor. Trotz Aufnahme im Studio klingt es weder trocken noch zu stark nachhallend.

 

Hier könnte man mal in die Aufnahme reinhören:

https://www.youtube.com/watch?v=gwl200h0Oa8

 

 

4-5

Gianluigi Gelmetti

Radio-Sinfonieorchester Frankfurt (heute: HR-Sinfonieorchester)

Denon

1997, live

13:24  18:31  8:21  12:45  53:01

Bei dieser Einspielung handelt es sich um eine Koproduktion von Denon mit dem Hessischen Rundfunk. Damals wurde im Dolby-Digital- Mehrkanalformat aufgenommen. Ein in erster Linie für den Kino- und Heimkinobereich entwickeltes Tonformat. Es wurde in diesem Fall ausdrücklich als Vorläufer der DVD-Audio angekündigt, einem Speichermedium, dem keine lange Zukunft beschieden war. Großer Vorteil für den Klassikhörer wäre gewesen, dass ganze Konzerte (oder sogar ganze Werkzyklen) auf einer Disc untergebracht auf einer Disc hätten untergebracht werden können oder dass man mit der Datenrate nicht mehr hätte sparen müssen. Und man hätte so durch den Mehrkanalsound mitten im Konzertsaal sitzen können oder sogar mitten im Orchester, statt nur vor der Bühne. Das ist aber alles Schnee von gestern. Und die Blu Ray-Audio tut sich heutzutage ebenfalls wieder schwer sich durchzusetzen.

Signor Gelmetti studierte bei Franco Ferrara, Sergiu Celibidache und Hans Swarowski. Celibidache entdeckte Gelmetti bereits als 16jähriger. Bekannt wurde er in Deutschland vor allem durch seine Position als Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart 1989-95. Ab 2001 leitete er die Oper in Rom.

Das Majestoso des ersten Satzes hat man selten so schnell gehört. Der Gestus des Satzes erinnert nun mehr an den Belcanto und die Verve Giuseppe Verdis, etwas überspitzt formuliert, als an die spätere Sichtweise des Lehrers von Gelmetti, Sergiu Celibidache. Sportlich oder rasant würde den Zugang zum ersten Satz ebenfalls ganz gut treffen. Der morsesignal-ähnliche Anfangsrhythmus pulsiert schon wie im Alarmmodus. Da herrscht jetzt plötzlich mediterrane Klarheit und mediterraner Lichteinfall spielt mit dem oberösterreichischem dunklen Klanggewölbe, den das RSO Frankfurt aufbaut. Pastos klingt da nichts mehr. Den Klang der Inbal-Aufnahme hört man wohl noch mit aber allein das Tempo ändert schon alles. Massivität wird noch weiter abgebaut, es klingt leicht und schlanke Linienführung herrscht noch mehr vor. Aber es fehlt dem Klang an Präsenz und Attacke. Beides verliert sich sozusagen im nun riesig anmutenden Raum der Alten Oper Frankfurt.

Zum Kontrast dazu gibt es ein Adagio in voller Länge. Sehr feierlich trifft zu. Ohne Neigung zu statischer Breite ist dieser Satz auch für Gelmetti Zentrum der Sinfonie. Schwermütig und getragen, aber im Klang stets durchlässig, nie „dick“ oder schwerfällig im Gestus. Immer scheint die Sonne durch den dunklen Nadelwald und ganz ohne Hoffnung klingt es eigentlich nie. Das Blech klingt nie massiv, die Alte Oper weitläufig und luftig wie nie zuvor. Gelmetti hat hier den langen Atem des Bruckner-Dirigenten. Sein Repertoire hat er allerdings viel eher auf die italienische Oper und die klassische Moderne ausgerichtet. In Sachen Bruckner war er eher ein interessierter und kundiger Grenzgänger.

Das Scherzo erklingt temperamentvoll und feurig, rhythmisch stark akzentuiert, dynamisch, doch irgendwie trocken-lakonisch und ohne „Theaterdonner“. Das Orchester spielt virtuos. Das Trio klingt geheimnisvoll und pastoral eingefärbt.

Das Finale findet wieder zur Straffheit des ersten Satzes zurück. Zunächst drängend und immer im vergleichsweise zügigen Tempo verbleibend. Die Relationen sind ja innerhalb der Temponahme besonders wichtig. Teils sogar rasant und kontrastreich kommt Gelmetti mit Temperament über die Untiefen des Satzes hinweg.

Wir hörten also eine DVD-Video ohne Bild und eine deutliche Verbesserung des Klangs gegenüber der Teldec-Aufnahme Inbals. Es klingt trotz Datenreduktion recht dunkel, transparent, sehr weiträumig, weich und mit guter Tiefen- sowie Breitenstaffelung. Die Datenreduktion hört man der Aufnahme kaum an, es klingt recht voll und sonor. Es gibt ja auch einen separaten Subwoofer-Kanal. Die Violinen klingen nicht ausgezehrt. Die Dynamik ist allerdings nur wenig ausgeprägt und er fehlt dem Klangbild eine anspringende Präsenz.

 

Auch diese Aufnahme kann hier von der Bruckner-Seite John F. Berkys runtergeladen werden, wer weiß, wie lange noch, wahrscheinlich „nur“ in Stereo, aber immerhin:

https://www.abruckner.com/downloads/downloadofthemonth/september16/

 

 

4-5

Eliahu Inbal

Radio-Sinfonieorchester Frankfurt (heute: HR-Sinfonieorchester)

Teldec

1987

17:48  17:01  8:30  15:00  58:19

GA Auch diese Aufnahme entstand als Koproduktion dieses Mal der Teldec mit dem HR in der Alten Oper Frankfurt. Außer der Frankfurter Aufnahme gibt es auch noch eine spätere von 2010 mit dem Maestro und dem Tokyo Metropolitan Orchestra auf Exton. Leider hatten wir auf die Einspielung keinen Zugriff.

Innerhalb unseres Vergleiches legt Inbal im Majestoso ein erstaunlich langsames Tempo vor. Es wird sogar von Celibidache unterboten. Das Frankfurter Orchester klingt jedoch noch nicht mit der sonoren Kraft der Münchner Philharmoniker und das Blech wahrscheinlich aufnahmetechnisch bedingt noch deutlich härter. Dynamisch werden große Gegensätze geboten. Die Spannung verliert sich indes mitunter. Aus den langen lyrisch-intensiven Passagen wird man vom geballten hessischen Blech bisweilen sehr unsanft erweckt. An Majestät mangelt es dieser Einspielung nicht, wohl aber an der sonoren klanglichen Abrundung und der wärmenden Fülle. Es klingt durchweg eher kammermusikalisch als massiv.

Im Adagio stimmt die Tempowahl besser und seltsamerweise klingen die Violinen nun nicht mehr so spröde wie im ersten Satz. Es fehlt nicht an Spannung und das Orchester spielt empathisch. Es klingt in den leisen Passagen wunderbar differenziert und sehr gefühlvoll. Die Wirkung ist eher intim als pastos. Wenn es lauter wird verunklart sich die Sicht leider etwas, ein Tribut an die damalige Klangtechnik.

Im Scherzo drängt es ungeduldig irrlichternd. Der klassische Scherzo-Charakter wird deutlich herausgearbeitet, flott und dynamisch, temperamentvoll-tänzerisch in der Bewegung. Das Frankfurter Blech zeigt vorzügliche Spiellaune. Das Trio wirkt wie zum Kontrast eher betulich.

Das Finale verbindet einen kraftvollen, rasch-vorwärtsdrängenden Gestus mit leichter Transparenz. Trotz Berücksichtigung der verschiedenen Tempi verliert man hier nie den Faden. Eine gewisse, unruhig-suchende Lebendigkeit bleibt immer erhalten bis zum triumphal gestalteten Finale. Respekt! Da war ein Bruckner-Kenner am Werk, leider konnte die Teldec-Technik mit dem Musikalischen technisch noch nicht so recht Schritthalten.

Aber man hat ein transparentes, schlankes und detailreiches Klangbild beigesteuert, das jedoch immer etwas spröde und glasig wirkt. Da waren die Kinderkrankheiten der frühen Digitaltechnik noch nicht ganz überwunden. Die Violinen klingen noch etwas belegt und härter als im wirklichen Leben. Es fehlt dem Klangbild auch an Präsenz, dafür hat man die Totale immer im Blick. Die Dynamik wäre eigentlich gut zu nennen, aber immer, wenn es richtig laut wird, verengt sich die Perspektive und die Transparenz lässt nach. Im Großen und Ganzen klingt es allerdings brillant. Die Aufnahme könnte mehr von der warmen Akustik des Frankfurter Konzerthauses vermitteln.

 

 

4

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DG

1979

15:14  19:00  7:50  15:12  57:16

GA Herbert von Karajan nahm die Sechste Bruckner innerhalb seiner Gesamtaufnahme der Sinfonien, die von 1975-81 entstand mit auf. Dass er ein distanziertes Verhältnis zu ihr pflegte kann man daran erkennen, dass er sie lediglich für die Aufnahme einstudierte, aber nie in eines seiner Konzertprogramme aufnahm. Er pflegte vor allem die Sinfonien 8, 7 und 4, mitunter auch mal die Nr. 5 oder die Nr. 9. Alle anderen schätze er als nicht ebenbürtig ein und daher fragte er sich, warum er nicht immer nur die besten, statt die weniger guten spielen sollte. Darüber hinaus garantierten die von ihm „gepflegten“ Sinfonien auch den überschwänglichsten Applaus, den sich auch ein Karajan, wie jeder Musiker, wünschte. Entsprechend ist die 79er DG-Aufnahme auch die einzige Aufnahme der Sechsten in Karajans Diskographie. Das alles hatte zur Folge, dass den Philharmonikern die Sinfonie weniger geläufig war als die anderen, von einem Repertoirestück konnte keine Rede sein.

Nichtsdestotrotz ist die schiere Klangschönheit mit der die Sechste präsentiert wird, auffallend, sobald man sich die Platte oder CD auflegt. Darüber hinaus spürt man ein Gespür für die musikalische Linie und für das brucknersche Idiom. Ein unbeleckter Bruckner-Anfänger war Karajan wegen seiner Klassifizierung der Sinfonien, die damals nicht einmal unüblich war, beileibe nicht. Klangsfumato, verbunden mit einem Aufweichen des Rhythmischen wird gerade noch so in Grenzen gehalten. Der einschlägige Karajan-Stil in diesem Stadium seiner Karriere dürfte den Lesern bekannt sein. Allerdings wird dem gourmethaften Absenken des Pianos (d.h. man bietet ein ppp, wenn ein p notiert ist) nachgegeben. Genauso wie die Superqualitäten des Orchesters immer mal wieder wie eigens präsentiert erscheinen. Ganz im Gegensatz zur Aufnahme mit Keilberth von 1963, um von der nur rudimentär erhaltenen alten Aufnahme Furtwänglers gar nicht erst zu reden.

Das Tempo im Majestoso erklingt sehr schnell, gar forsch. Im Tempo wird nur wenig differenziert. Ein eigentlicher Majestoso-Charakter stellt sich kaum ein. Es gibt keine Schärfe im Rhythmus wie z.B. bei Keilberth. Der Gestus wirkt durchaus lebendig, wirkt zumindest auf uns jedoch etwas steif und äußerlich. Die einzelnen Passagen erscheinen wie aneinandergereiht, man vermisst ein wenig die großen Bögen, die eigentlich zu Karajans Lieblingssinfonien Bruckners dazugehören wie der Fisch ins Wasser. Die Philharmoniker spielen sehr schön, wirken aber dabei wenig involviert. Dennoch lässt man die Musik strahlen und glänzen, dass man sich kaum entziehen kann. Aber man spürt immer, dass da was nicht ganz stimmt. Denn die Musik wirkt bei aller klanglicher Opulenz trotzdem nüchtern, nicht glatt, aber irgendwie zwanghaft. Die Lockerheit fehlt. Die Musik scheint sich nie wie aus sich selbst zu entwickeln. Keilberth scheint da weit voraus. Es gibt auch bei Karajan berückend schön gespielte Stellen, aber die Geheimnisse des Satzes erschließen sich kaum.

Im Adagio wählt Karajan ein angemessenes, eher langsames Tempo, das dem Satz eine feierliche Stimmung verleiht, die auch majestätischer wirkt als im ersten Satz. Er wirkt auch weniger „zwanghaft“ als der erste. Er erreicht hier aber nicht die Ausdrucksdichte, die er in den entsprechenden Stellen in der 5., 7. oder 8. erreicht. Karajan ist in der Sechsten einfach weniger „zuhause“. Auch im Adagio gibt es wieder berückend schön gelungene Passagen der Streicher und des kraftvoll-ausdrucksstarken Blechs der Berliner. An den Ausdrucksgehalt seiner Aufnahme mit Josph Keilberth kann das Orchester jedoch nicht anknüpfen. Karajan hat keine Scheu vor Pathos, er übertreibt es jedoch nicht. Man genießt vor allem den dunklen, satten Klang des Orchesters.

Das Scherzo erscheint uns als der am besten gelungene Satz dieser Einspielung zu sein. Ein klassisches Bruckner-Scherzo kraftvoll und wuchtig, ein richtiges „Kraftpaket“. Hier könnte Bruckner auf die Idee gekommen sein, dass die „Sechste die Keckste“ sei, wenn er die Karajan-Aufnahme denn gekannt hätte. Aber selbst bei Karajan, der die Virtuosität seines Orchesters ganz schön herausfordert, will sich keine eindeutig frohgemute Stimmung einstellen. Eher Jagdszenen, die im eigentlichen Wortsinn selten wirklich „keck“ sind, insbesondere nicht für das erlegte Wild. Insgesamt also doch wieder, auch bei Karajan, ein irrlichternder „Totentanz“. Letztlich wohnen wir einem „Triumph“ des Orchesters bei. Jedoch gefällt es bei Keilberth noch besser und, das ist vielleicht noch überraschender, es klingt bei ihm auch besser aufgenommen. Das Trio klingt weihevoll.

Das Finale klingt gegenüber Klemperer oder Keilberth mehr nach einer Pflichtübung. Ein bisschen „einsilbig“.  Und häufiger als gewünscht sogar ein wenig lärmend. Obwohl Karajan die dynamischen Kontraste auslebt (oder gerade deshalb?) wirkt es wenig zusammenhängend und dann ist auch der Spannungsverlust nicht weit. Der unwiderstehliche Zug Keilberths fehlt. Letztlich kann Karajan mit der Sinfonie, insbesondere mit dem letzten Satz wenig anfangen. Das hindert ihn und die Philharmoniker aber nicht daran, die Coda mit nahezu unvergleichlicher Pracht, mit „Grandezza“, erklingen zu lassen. Dabei profitiert er von der Urgewalt des Berliner Orchesters, insbesondere des Blechs, das von der Technik zudem ins rechte Licht gerückt wird.

Der Klang der Aufnahme wirkt erheblich fülliger als bei Keilberth oder auch bei Muti oder Barenboim bei ihren Einspielungen mit demselben Orchester. Die Transparenz hingegen fällt gegenüber diesen Aufnahmen ab und es klingt geradezu orgelhaft und dicht, jedoch brillant und sehr dynamisch. Es klingt zudem wenig körperhaft, ja geradezu flach, also wenig dreidimensional.

 

Hier kann man die Aufnahme (derzeit noch) hören. Vorsicht, mit überlauten Werbeeinblendungen ist zu rechnen.

https://www.youtube.com/watch?v=mSJIqcdmOOM

 

 

4

Kurt Masur

Gewandhausorchester Leipzig

Eterna, Ariola-Eurodisc, RCA

1979

14:40  15:00  8:29  15:05  53:14

GA Diese Aufnahme entstand im Studio Paul-Gerhard-Kirche, Leipzig-Connewitz innerhalb einer Gesamtaufnahme aller Sinfonien Bruckners. Das hieß damals immer nur 1-9. Die 0 und die 00 gehörten damals noch nicht zum Kanon der Sinfonien dazu, wie es heute üblich geworden ist.  Masurs GA entstand in etwa zur selben Zeit wie Karajans Gesamteinspielung, also in der 70er Jahren. Es gelang nicht alles gleichermaßen gut, das haben aber wahrscheinlich alle Gesamtaufnahmen gemein. Die Sechste macht bei Masur jedoch einen guten Eindruck, wenn auch nicht alle Sätze gleichermaßen. Sie gefällt uns aber besser als die 40 Jahre später entstandene Aufnahme mit Andris Nelsons. Bei Masur gefallen die ersten beiden Sätze sehr gut, die beiden letzten viel weniger. Die beiden letzten Sätze klingen nämlich viel schlechter, was da wohl passiert ist.

Der Kopfsatz in seinem Majestoso klingt bei Kurt Masur zügig, konzise, bewegt und sehr spannend. Da wird nichts zergliedert, da ist organisch wirkender Zug dahinter, die Musik fließt. Das Orchester spielt hier „seinen“ Bruckner mit viel Empathie und Wärme.

Das Adagio gelingt ebenfalls wohltuend zügig und wird mit einem gewissen drängenden Gestus versehen, der nicht deplatziert wirkt. Im Gegenteil, das schlanke Musizieren wirkt sehr bewegt. Die Violinen klingen sehr homogen, sind zu einem ganz weichen, zarten aber auch strahlendem Klang fähig, keinesfalls schlechter als in seinen Aufnahmen mit Blomstedt oder Nelsons. Die Hörner sind ebenfalls in Topform. Der schlanke Gesamtklang wirkt nie hart und bringt genügend Wärme mit.

Im Scherzo klingt es nun ganz anders. Das Blech wird allzu sehr im Zaum gehalten Da kommt jetzt nur noch wenig Dynamik rüber. Es könnte (und hat ja bereits zuvor) viel brillanter und kraftvoller klingen bzw. hat bereits so geklungen. Das zügige Tempo gefällt hingegen. Das Trio gefällt mit seinen Hörnern ebenfalls, aber die könnten gerade in diesem Satz viel besser herauskommen. Insgesamt fällt der Satz aufnahmebedingt gegenüber den vorherigen beiden stark ab.

Im Finale erklingt das Blech erneut wie aufgeweicht, kaum noch des Strahlens fähig. Das fällt gerade im Vergleich zu den Streichern auf, die nämlich geradezu um die Wette strahlen, allen voran natürlich die Violinen. Der Satz weist gegenüber den beiden zuvor nur noch ein wenig zügiges oder gar brisantes Tempo auf, es gibt leichte Zerfallserscheinungen, die die Einheit des Satzgefüges bedrohen. Das liegt allerdings auch an Bruckner, nur Masur hat nicht genügend dagegen unternommen. Es fehlt eine wache Nervosität und die Einspielung klingt in den beiden letzten Sätzen einfach fade und blass.

Der Klang wirkt zu Beginn weiträumig, voluminös, räumlich, recht brillant, klar, weich und warm. Und offen, es hört sich an wie eine Quadroaufnahme, die auch in Stereo plastisch klingt. Es gehen nicht viele Details unter. In den Sätzen 3 und 4 klingt es dumpfer und diffuser als in den Sätzen 1 und 2. Sehr schade.

 

4

Lorin Maazel

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

BR Klassik

1999, live

16:28  17:51  9:34  16:40  60:33

GA Lorin Maazel war Chefdirigent des Münchner Orchesters 1993-2002. Es hat mit ihm innerhalb von zwei Monaten des Jahres 1999 den ganzen Zyklus eingespielt, sogar die „Nullte“ war dabei. Damit hat er gewartet bis der große Bruckner-Dirigent der Stadt Celibidache verstorben war, was vielleicht nur Zufall ist. Selbstverständlich wurden Konzerte mitgeschnitten, keine Studioaufnahmen gemacht. Der Klangkörper konnte zwar nur auf eine recht kurze, doch beachtliche Bruckner-Tradition zurückblicken. Von Beginn an stand jedoch insbesondere bei Jochum und Kubelik immer wieder Bruckner auf dem Programm. Maazel selbst ist zuvor eher wenig mit Bruckner hervorgetreten, wir erinnern uns nur an die bereits im Rahmen der Horst-Stein-Aufnahme der Sechsten oben angesprochene GA der Wiener Philharmoniker bei Decca, da war Lorin Maazel mit der Fünften vertreten. Und an eine Dritte mit dem RSO Berlin, 1967 für Concert Hall eingespielt. Als erfolgreicher gelten seine Aufnahmen der Nr. 7 und Nr. 8 mit den Berlinern bei EMI. Eine weitere Dritte kam dann noch später (2012) mit den Münchner Philharmonikern bei Sony heraus. Na, da kommt ja doch noch mehr zusammen, als wir ursprünglich vermutet hatten.

Das Orchester zeigt auch bei ihm (wie zuvor bei Jochum und Kubelik und danach wieder mit Jansons und Haitink) eine exzellente Klangkultur und innere Beteiligung. Wir hören profunde, nie schwerfällige Bässe, üppig singende Celli, präsentes Holz auch im Tutti und das exzellent disponierte Blech. Letzteres prägt den Klangcharakter einer jeden Bruckner-Aufnahme ganz entscheidend. Dieses Mal erklingt es konturenscharf und plastisch aber weniger homogen, da manchmal die Posaunen ein wenig rau knurren. Andererseits zieht gerade das eine gewinnbringende Deutlichkeit nach sich. Die Hörner strahlen und die Trompeten strahlen ebenfalls, aber ohne zu „schneiden“. Der Live-Charakter hat dieses Mal zur Folge, dass nicht jeder Einsatz vollkommen überzeugt. Die Temponahme ist traditionell und im langsamen Bereich bei allen Sätzen. Im Adagio eigens verlangsamt um den Transzendenzcharakter zu intensivieren, wir müssen bedenken, das Münchner Publikum kannte die Darbietungen Celibidaches und die von Günter Wand. Für Konkurrenz war also einerseits bestens gesorgt andererseits hatte sie es besonders schwer. Tempowechsel gehen geschmeidig vor sich, es gibt keine harten Schnitte. Es gibt keine Beschleunigungen bei Crescendi wie bei Furtwängler und den beiden Jochums. Das Orchester spielt sehr differenziert, so gibt es auch Unterschiede zwischen p und pp, die bei vielen anderen Orchestern fehlen.

Im Maestoso spielt das Orchester bereits mit der Klangpracht der späteren Einspielungen aber noch nicht alle Übergänge gelingen so geschmeidig wie dort. Die Ausdruckskraft Haitinks 2015 wird nicht erreicht. Der Satz wird sehr gut auf sein Ende hin gesteigert.

Im Adagio wird ein hohes Maß an Ausdruck und Versenkung erreicht. Das klingt einfach wunderbar geschmeidig, differenziert und kantabel. Die Hörner müsste man als herausragend extra erwähnen. Es gibt feinfühlige Agogik und fabelhaft-sanfte Momente.

Das Scherzo und noch mehr das Trio wirken etwas zu langsam. Die Dynamik wird allerdings weit gespreizt, dank des einsatzfreudigen Blechs. Im Trio droht Spannungsverlust, es wird jedoch innig gespielt, da scheint sich der Dirigent ein wenig im Klang seines Orchesters zu verlieren.

Im Finale wird das „Nicht zu schnell“ wörtlich genommen, das „bewegt“ leider viel weniger, denn der Satz wirkt etwas müde. Das fff bei C (Blech) klingt nur schwach, was zum Tempo passt. Das wird auch im weiteren Verlauf nicht besser. Die Tristan-Motive werden alle ganz klar herausgestellt. Im Tempo bleibt man flexibel. Ff sind von fff einfach nicht unterscheidbar. Die Posaunen haben wie bereits oben erwähnt viel Nachdruck. Das Hauptthema des Kopfsatzes kommt sehr deutlich heraus. Ansonsten gelingt auch das Finale, wie der gesamte letzte Satz weniger mitreißend. Der zweite Satz gerät in dieser Darbietung eindeutig zum Höhepunkt.

Der Klang wirkt recht üppig doch auch straff und scharf geschnitten (Pauke). Er erscheint klar konturiert, räumlich und sehr transparent. Der Streicherklang wirkt warm. Die Violinen klingen noch etwas heller und die Dynamik noch etwas zurückhaltender als bei Haitink und Jansons (2017 bzw. 2015).

 

4

Marek Janowski

Orchestre de la Suisse Romande

Pentatone

2009

17:54  17:38  8:51  12:45  57:08

GA Marek Janowski hat die Sechste Bruckner bereits 1999 mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France für Harmonia Mundi eingespielt. Da war er Chefdirigent 1990-99. Damals klang die Sinfonie noch deutlich beschwingter bei ihm. Auf diese Einspielung konnten wir jedoch nicht mehr zugreifen, sie ist vom Markt verschwunden. Bruckner mit französischen Orchestern, das scheint keine Kombination zu sein, die gerne gewählt oder gekauft wird. Dafür haben wir noch einen Radio-Mitschnitt des RBB aus der Berliner Philharmonie gefunden, der zehn Jahre nach der Aufnahme für die (SA)CD entstanden ist, also 2019 mit den dortigen Philharmonikern. Davon später mehr.

In Genf nimmt Janowski das Tempo des Majestoso deutlich langsamer als zehn Jahre später in Berlin. Es wirkt behäbiger und wird nahezu durchgängig beibehalten. Man könnte von einer stoischen Tempogestaltung reden. Der so erwirkte ruhevolle Charakter nimmt in Teilen bereits das Adagio vorweg. Dass das Majestoso so dermaßen traurige Züge annimmt, scheint Janowski selbst suspekt geworden zu sein, sonst hätte er es 2019 in Berlin nicht merklich beschleunigt. In Genf fehlt es an Spannung und weitausgreifender Dynamik. Der Satz hört sich so zwar sorgfältig gespielt an, er wirkt aber eintönig und gedehnt. Erst in der Coda wacht diese Interpretation richtig auf. Ob Janowski das Tempo aus didaktischen Gründen so langsam gewählt hat? Es klingt bisweilen wie durchbuchstabiert und müde. Die Streicher spielen anscheinend vibratoarm. Insgesamt klingt der Satz konventionell, ziemlich uninspiriert und bieder.

Das Adagio erklingt ebenfalls langsamer als in Berlin 2019. Die Streicher blühen auch im espressivo nicht richtig auf. Sie klingen aber auch recht trocken. Das gelingt dann in Berlin voller und ausdrucksstärker. Wir fragten uns spätestens jetzt, warum Janowski nicht sein zweites Orchester zur Einspielung der Sinfonie(n), das RSB gewählt hat, das hatte sich auch bereits mit Heinz Rögner bewährt und er hätte sicher darauf Zugriff gehabt, war es doch künstlerischer Leiter des RSB 2002-2017.

Das Scherzo gelingt besser, es wirkt lebhaft, fast sogar wild. Jetzt hört man die Wucht beim Blech, die man in den ersten beiden Sätzen vermissen musste. Das Trio wirkt dann wieder statisch. Gebetet haben wir doch schon im Adagio, dazu hätten wir das Trio eigentlich nicht gebraucht und einschlafen wollen wir während des Trios ebenfalls nicht. Mit Bruckners Bezeichnung „langsam“ hat Janowski allerdings auch gute Gründe auf seiner Seite. Das Scherzo wird ja wiederholt, wir sind wieder hellwach.

Mit einem so schnellen Finale, fast so schnell wie bei Furtwängler, hätten wir dann gar nicht mehr gerechnet. Das Feuer Furtwänglers und die wilde Dynamik von dessen Aufnahme bekommen wir jedoch nicht geliefert. Die Posaunen trainieren schon vor der Coda mit rauem Sound daran, dass sie das übrige Blech zu übertönen haben. Recht erfolgreich. Man versucht sich wie bei Furtwängler gehört an mitreißenden Beschleunigungen, aber in diesem Umfeld und für heutige Verhältnisse überraschen sie mehr, das dass sie tatsächlich mitreißen. Sie entfalten einfach nicht sie Sogkraft, die ihnen der ältere Dirigent mitgibt. Dennoch gefallen die beiden letzten Sätze bei Janowski viel besser als die beiden ersten. Die Posaunen in der Coda sind voll da. Wie man hört sind andere Sinfonien in Janowskis Gesamtaufnahme (2007-2012) weitaus besser gelungen als die Sechste.

Der Klang der Aufnahme ist glasklar und farbig, räumlich und gut gestaffelt, doch mehr in die Breite als in die Tiefe. Zumindest einmal für ihr Aufnahmedatum hätten wir eine tiefere Raumabbildung erwartet. Die Dynamik erscheint lediglich maßvoll. Der Klang ist ansonsten recht voll und recht sonor, mit einer gut hörbaren, wenn auch nicht besonders tiefen Basslinie. Wir hörten der besseren Vergleichbarkeit wegen die Stereo-Schicht in CD-Auflösung.

 

4

Daniel Barenboim

Berliner Philharmoniker

Teldec, Elatus

1994, live

15:38  16:57  8:18  13:24  54:12

GA Daniel Barenboim dürfte der einzige Dirigent sein, der den Sinfonienzyklus drei Mal eingespielt hat. Manchmal fragt man sich allerdings, warum? Sie scheinen sich ganz gut verkauft zu haben. Beim ersten Zyklus aus Chicago für die DG (1972-81) aufgenommen, wäre das noch einleuchtend, da gab es noch kaum Konkurrenz. Aber bei den anderen beiden? Bei der Aufnahme der Sechsten mit den Berliner Philharmonikern (die zu dem mittleren Zyklus gehört, aufgenommen 1991-97), war er 52 Jahre alt. Immerhin stellt sich der mittlere Zyklus gegenüber dem ersten als gereift dar. Aber reden wir nur von der Sechsten.

Da beginnt das Maestoso zügiger und ein klein wenig drängender als 1978 in Chicago. Vor allem klingt das Blech nicht mehr so separiert und schneidend, vor allem bei den deutlich dominierenden Trompeten. Nun wird es in den Gesamtklang integriert. Die Berliner gefallen schließlich besser als das Orchester aus Ohio, nicht dass das Orchester aus Ohio kein exzellentes wäre, aber der damals noch sehr junge Dirigent versteht es noch nicht, es wie ein Bruckner-Orchester klingen zu lassen. Nun ist der Gesamtklang geschlossen und keine Orchestergruppe (in dem Fall besonders das Blech) fällt unbotmäßig aus dem Rahmen. Barenboim selbst hat in den 16 zurückliegenden Jahren als Bruckner-Dirigent einiges an Erfahrung bzw. Erkenntnis hinzugewonnen, aber er kann die Berliner längst nicht so begeistern wie Furtwängler 1943, Keilberth 1963 oder Karajan 1979. Beherzt spielen sie immer noch, es fehlt jedoch immer noch die Stringenz und wenn wir einmal bei Keilberth bleiben wollen, immer noch der großen Bogen. Der Zerfall in einzelne Episoden ist nun nicht mehr so auffällig, jedoch wirkt der erste Satz nicht durchgehend spannend. Das ständige Abfeiern von jedem einzelnen ff als vermeintlichen Höhepunkt ist deutlich gemindert. Manches Detail wirkt bei den Berlinern ein wenig schwerfällig.

Das Adagio wird nun etwas zügiger genommen als 1978 und gefällt besser als in Chicago. Der Trauermusikcharakter wirkt nun besser charakterisiert. Mitunter spielt man in den leisen Passagen zu laut, sodass der Misterioso-Effekt leidet. Die Musik wirkt bewegter als in Chicago und lange nicht mehr so zerfahren. Die Streicher spielen mit etwas mehr espressivo und der Vortrag wirkt insgesamt freier, musikalisch gelöster, nicht so fest, wahrscheinlich bedingt durch die größere Erfahrung des Dirigenten als Bruckner-Interpret und die gesteigerte Souveränität Barenboims als Dirigent überhaupt. Das CSO spielt indes noch „perfekter“, wenn man schiere Präzision als Messlatte heranziehen möchte.

Der Charakter des dritten Satzes als „Scherzo“ wird besser getroffen, er klingt temperamentvoller und erhält mehr Drive, klingt also bewegter und schwungvoller. Das Blech strahlt in Chicago allerdings viel heller, es ist dort sowieso eine Wucht, nur wird es werkdienlich eingesetzt? Das Trio wird nun langsamer gespielt als in Chicago, das Hörnerquartett kommt in Berlin sehr gut zur Geltung.

Das Finale wird nun zügiger und temperamentvoller vorangetrieben als 1979, teilweise akzentuierter, bei kontrastreicherer Tempowahl. So wird das „bedeutend langsamer“ bei M nun viel deutlicher herausgearbeitet. Barenboim lässt den Fluss der Musik ein ums andere Mal ins Stocken geraten. Dass der Satz eigentlich ein „schwieriger“ ist, das kann man hier gut hören.

Der Klang der Aufnahme wirkt gegenüber der glasklaren 78er aus Chicago wie mit dem Weichzeichner behandelt. In der Berliner Philharmonie klingt es mit mehr Nachhall, in Chicago erheblich trockener, ohne „staubtrocken“ zu wirken. Bei Teldec bevorzugt man einen wesentlich höheren Anteil an Mischklang, sodass es gegenüber Chicago etwas diffuser wirkt. Man hört leise Geräusche des Publikums während leiser Passagen, die Aufnahme in Chicago erfolgte hingegen unter Studiobedingungen.

 

4

Daniel Barenboim

Staatskapelle Berlin

Perl Music, DG, Accentus, Universal

2010, live

14:43  14:59  8:36  13:33  51:51

Auch diese letzte Einspielung der Sechsten entstand live in der Berliner Philharmonie, Herr Barenboim war dabei 68 Jahre alt. Dieses Mal wurde auch als Video produziert und veröffentlicht. Der dritte Zyklus entstand 2010-2012. Das Orchesterspiel wirkt fein, der Klang generell weniger schwer als der der Philharmoniker 16 Jahre zuvor. Die Streicher im Maestoso nimmt man zunächst nur undeutlich als „Klangteppich wahr. Das Orchester erscheint im Verlauf immer souveräner und klingt besser durchhörbar als die Philharmoniker, die jedoch voller, runder, auch mit mehr Nachhall aufgenommen wurden. Auch das Blech klingt leichter als bei den Philharmonikern. Hin und wieder hört man auch leichte Einflüsse der HIP, auch die Tempi weisen auf einen entsprechenden Einfluss hin und die deutlicher hervorgehobenen Mittelstimmen weisen ebenfalls in diese Richtung. Aber: Den vollen Streicherklang der Philharmoniker sehnt man sich schon bald wieder herbei. Die Aufnahmetechnik könnte ebenfalls eine Rolle gespielt haben, dass es zwar hellhöriger, aber tendenziell dünner klingt.

Das Adagio wirkt nun noch weniger feierlich als mit den Philharmonikern, es klingt viel leichter und viel zügiger als 1994 und als 1978. Die Trauermusik wirkt nun viel weniger gramgebeugt wie ehedem. Insgesamt wirkt die Darbietung moderner, man lässt Bruckner so progressiver erscheinen. Es klingt deutlich weniger „traditionell“. Entscheidend ist aber letztlich: Wird man involviert? Das muss eigentlich jeder für sich selbst herausfinden. Wir waren es nur wenig.

Das Scherzo wirkt auf uns als der stimmungsvollste Satz der Einspielung. Es wird gut gespielt und klingt flexibler als zuvor.

Im Finale wird in Barenboims letzter Aufnahme eine Art Summe gezogen. Unter Einbeziehung der HIP wird teilweise auch ein Mittelweg (Fülle des Orchesterklangs) beschritten. Tempi und Dynamik werden deutlicher konturiert und der Satz klingt nun straffer als 78 und 94. Man versucht nun eine schärfere Charakterisierung einzelner Phrasen zu erreichen, was mit einem stürmischeren Impetus einhergeht. Der gesamte Satz erhält so eine rhapsodischere Gestaltung als zuvor, er klingt insgesamt leichter und beschwingter als bei Barenboims beiden Vorgänger-Aufnahmen. Das Orchester spielt nicht immer ganz perfekt, aber klangschön. Das Blech strahlt geringere Autorität aus und die Streicher wirken gegenüber den Philharmonikern „strähniger“. Auf die Fülle des Berliner Vorgängers muss man verzichten, der HIP-Einfluss hat da seinen Preis.

Der Klang der Aufnahme wirkt, obwohl ebenfalls in der Berliner Philharmonie aufgenommen, nicht so diffus wie 1994 mit den Philharmonikern und fast ebenso trocken wie 1978 mit dem CSO. Es könnte fast als goldener Mittelweg bezeichnet werden, würde die Dynamik nicht so sehr gebremst wirken. Tonal und von der Balance her gibt es wenig zu kritisieren, die Philharmonie wirkt jedoch nun viel kleiner, das Orchester viel kompakter und schmaler als ´94. Für eine Aufnahme aus dem Jahr 2010 könnte, ja müsste sie fülliger und brillanter klingen.

 

4

Simone Young

Philharmoniker Hamburg (jetzt wieder: Philharmonisches Staatsorchester Hamburg)

Oehms

2013, live

15:12  15:56  8:34  14:20  54:02

GA Frau Young war Chefdirigentin der Philharmoniker und  GMD und Intendantin der Hamburgischen Staatsoper und der Hansestadt Hamburg 2005-2015. In dieser Zeit spielte sie für Oehms einen ganzen Zyklus ein. Das Orchester hat eine große Bruckner-Tradition aufzuweisen, waren doch bekannte Bruckner-Dirigenten wie Siegmund von Hausegger, Karl Muck, Eugen Jochum, Joseph Keilberth, Wolfgang Sawallisch, Horst Stein und Gerd Albrecht zuvor bereits Chefdirigenten des Orchesters, nur diskographisch dokumentiert wurde diese Tradition nur selten. Dokumentiert sind nur Aufnahmen mit Eugen Jochum (5te, 1938 und 8te, 1949) und Keilberth (9te für Telefunken, 1956). Die Aufnahme der Sechsten entstand wie bereits die meisten Bruckner-Aufnahmen Günter Wands in der Laeiszhalle (auch Musikhalle genannt) in Hamburg.

Das geradlinig und zügig klingende Majestoso kann eine gewisse Hektik nie ganz abstreifen. Meist wirkt die Linienführung klar und deutlich. Besonders stark wird der Majestoso-Charakter nicht betont und man hat den Satz schon erhabener gehört. Wenn man darüber hinwegsehen möchte, kann man sich am guten, recht subtil, recht strahlkräftig und recht ausgewogen klingenden Spiel des Hamburger Orchesters erfreuen. Über so manche lieb gewonnene Schönheit des Satzes geht es hinweg wie über Stock und Stein. Eine Phrase einmal bewusst auszukosten kommt Frau Young kaum einmal in den Sinn.

Das Adagio gefällt besser, denn alle drei Themen werden vortrefflich artikuliert, besonders das dritte. Das tragische, sehnsuchtsvolle Thema des Trauermarschs, schreitend, doch immer stark bewegt, also weder stockend noch geschwindmarschähnlich. Das klingt würdevoll ohne zu schleppen. Ein Tempo, das bei einer Satzlänge von 17-18 Minuten endet sagt uns meist noch mehr zu. Keilberth oder Klemperer mit ihren etwas über 14 Minuten seien da mal ausgenommen. Das Orchester ist zu großen Steigerungen fähig, die ohne nennenswerte Einbußen umgesetzt werden.

Das Scherzo wirkt energisch aufgeladen und rhythmisch vorantreibend. Es wirkt mehr menschlich als gespenstisch, kraftvoll, schwungvoll und vorantreibend. Das Trio wirkt in der Relation dazu zu langsam und behäbig, wobei sich die Hörner sehr gut in Szene setzen können.

Das Finale bringt einen noch recht zügigen, temperamentvollen Zugriff mit gut gestalteten Übergängen, kultiviertem Spiel, dem es nicht an Zwischentönen mangelt. Dennoch fehlt ein übergreifender Spannungsbogen, der allerdings in diesem Satz besonders schwer aufrecht zu halten ist. Das Blech wirkt auf uns stark dominierend und klingt leider immer gleichermaßen trompetenlastig und gleichlaut. Da wäre eine stärkere Differenzierung möglich (und nötig).

Der Klang der Aufnahme wirkt recht voll und recht ausgewogen, sehr dynamisch und räumlich. Er geht aber im CD-Modus nicht über die ebenfalls bei Oehms erschienene Aufnahme mit Skrowaczewski hinaus. Vielleicht klingt es bisweilen etwas voller. Es fehlt etwas an Rundung und feiner Transparenz und könnte etwas weiträumiger wirken.

 

4

Jia Lü

China National Centre for the Performing Arts Orchestra, Peking (China NCPA Orchestra)

NCPA

2024

16:08  17:32  9:27  15:17  58:24

GA Jia Lü ist ein in China geborener nunmehr jedoch italienischer Dirigent, der 2026 zum Musikdirektor des Teatro Lirico G. Verdi in Triest ernannt wurde. Zuvor war er bereits 1999-2005 Leiter des Norrköping Symphony Orchestra. 2008 wurde er Musikdirektor in Macao, einer Stadt in China, Hong Kong gegenüberliegend und noch bis 1999 portugiesisch. Danach chinesisch. Wegen der riesigen Casinos wird Macao auch das „Las Vegas Asiens“ genannt. Derzeit ist er Chef des in dieser Aufnahme zu hörenden Orchesters aus Peking. Woran wir uns ja bereits gewöhnt haben ist die Tatsache, dass China überall aufholt bzw. die westliche Welt bereits in vielem überholt hat. Das verhält sich bei Konzertsälen oder in der Orchesterkultur ganz ähnlich. Jia Lü hat mit seinem Orchester alle Sinfonien Bruckners eingespielt (sogar noch auf CD erhältlich!) und wie einige andere auch versucht, damit bis zum 200. Geburtstags Bruckner fertigzuwerden. Man hat es geschafft (2016-2023). Die Aufnahmen fanden im Konzertsaal des National Centre for the Performing Arts (NCPA) in Peking statt und umfassen sämtliche Hauptsinfonien (1-9) sowie frühere Werke. Architektonisch futuristisch gestaltet, hat man sich getraut mit dem NCPA, eine Art Riesen-Ei in die Landschaft zu legen. Trotzdem wirkt es optisch sehr gelungen. Ein sehr elegantes Ei. Ob die Akustik da mit der Optik mithalten kann?

Das Orchester verfügt über einen sehr hohen Standard. Wenn man versucht eine gewisse Fremdheit oder eine geringe Vertrautheit mit dem brucknerischen Idiom herauszuhören, tut man sich sehr schwer. An die mitteleuropäischen Spitzenorchester kommt man noch nicht heran, aber so viel fehlt da nicht mehr. Das Majestoso wird sauber gespielt, die Violinen, die ja mit den Duolen über Triolen „gequält“ werden, klingen absolut homogen. Die Bässe klingen sonor, das Blech punktgenau, der gesamte Orchesterklang weich und sehr gut ausbalanciert. Das Tempo wirkt konventionell, recht lebhaft und zielstrebig. Der Satz strahlt eine gewisse unterschwellige Bedrohung aus, die man sonst gar nicht so bemerkt. In Sachen Vibrato ist man auf dem neuesten Stand, davon gibt es nämlich wenig. Nur manchmal erscheint das Blech ein wenig plump und massiv.  Besonders in Relation mit den Streichern. Das Holz kommt allerdings generell ein wenig zu kurz, im Klangbild des Tutti sowieso. Damit steht diese Einspielung aber lange nicht alleine da. Es gibt keine fernöstliche Zurückhaltung oder Gelassenheit, zumindest war sie für uns nicht spürbar. Eigentlich klingt das Majestoso im Großen und Ganzen wie meistens.

Im Adagio erklingt nun auch das Holz recht deutlich, wenngleich distanziert. Gemessen am recht gemächlichen Tempo erklingt der Satz expressiv. Dem zweiten Thema wird ein hohes Maß an Gesanglichkeit zuteil, genauso wie es sein sollte. Auch am maßvollen Rubato-Einsatz mangelt es nicht. Das dynamische Spektrum wirkt sehr weit. Die Aufnahmetechnik ist (wie sollte es anders sein) auf dem neuesten Stand. Aber: Obwohl objektiv alles richtig gemacht wird, der Satz macht lange nicht so betroffen wie viele andere und wir haben die Aufnahme sehr spät in unserem Vergleich gehört (es war die 77ste). Es kamen noch einige danach und es gingen ihr noch mehr voraus, die tiefer unter die Haut gingen.

Im Scherzo generiert das langsame Grundtempo einen behäbig wirkenden Rhythmus. Trotzdem gelingt es, das Scherzo dramatisch und unheimlich wirken zu lassen, denn es fehlt nicht an Dynamik. Es klang in anderen Einspielungen aber schon viel zugespitzter. Das Trio wirkt dann sehr langsam und wie zum Mitschreiben.

Das Finale könnte allerdings deutlich kontrastreicher gespielt werden Im fff wirkt das Blech nun schon etwas ermüdet und es fehlt dem Satz an „Aufbruchstimmung“. Die sehnsüchtigen Tristan-Zitate gelingen gut, die Tempogegensätze wirken stark angeglichen. Die Steigerungsverläufe wirken wenig mitreißend, obwohl das Blech immer noch sonor und homogen agiert. Accelerandi sind kaum spürbar. Die Coda klingt verwaschen, aber die Posaunen kommen deutlich heraus.

Der Klang der Aufnahme wirkt meist klar, voll und sonor, recht weich und rund. An Mitspielern dürfte es dem Orchester ebenfalls nicht fehlen, denn es klingt satt, geschmeidig und recht brillant.

 

4

Dennis Russell Davies

Bruckner Orchester Linz

Arte Nova

2008, live

18:35  17:31  9:04  17: 42  62:52

GA Dennis Russell Davies war Chefdirigent des Linzer Orchesters von 2002-2017. Der Bruckner Zyklus wurde 2002-2008 eingespielt und zwar inklusive der Studiensinfonien 0 und 00. Er ist ja derzeit u.a. Chefdirigent des MDR-Sinfonieorchesters und hat auch mit ihm alle elf Sinfonien eingespielt 2020-2024. Obwohl man rechtzeitig zum 200. Geburtstag Bruckners fertig geworden ist, hat man sich entschieden die Aufnahmen nur auf Download- oder Streaming-Plattformen zu veröffentlichen. Damit scheint man aber erst 2026 zu beginnen. Auffallend beim Dirigenten sind die langsamen Tempi, übrigens nicht nur bei Bruckner-Sinfonien. Man könnte annehmen, er hätte Kurse bei Celibidache besucht, aber davon scheint nichts bekannt geworden zu sein. Seine prägenden Lehrer waren Jean Morel und Jorge Mester an der Juilliard School of Music in New York. Anderseits kann man sich ja auch von den Aufnahmen der Bruckner-Sinfonien Celibidaches inspirieren lassen oder selbst auf die Idee kommen. Die EMI-Box wurde 1998 veröffentlicht und der interessierte Bruckner-Dirigent wird sicher auch Konzerte mit Celi besucht haben, solange das noch möglich war. Wie die Aufnahme mit Kurt Eichhorn ließ auch Arte Nova im Bruckner-Haus aufnehmen und man erkennt den Klang des Orchesters sogleich wieder.

Das Majestoso beginnt zügig und mit Schwung, wird dann vorschriftsmäßig bei B, also beim Gesangsthema langsamer, deutlich langsamer. Diese Temo wird durchgehalten bis es von Bruckner aufgelöst wird. Das Orchester klingt in seinem Stammsitz wieder ganz ähnlich der 1994er Produktion mit Kurt Eichhorn, seidig, transparent, ja luftig, wenig massiv und sehr gut austariert. Erneut etwas distanziert. Der Nachhall im Brucknerhaus erscheint genau richtig, um brucknersche Größe zu unterstreichen. Der majestätische Gestus wird durch das langsame Tempo zu imposanter Größe gebracht. Das Tempo bringt aber auch die Gefahr von quälender Langeweile mit. Bis bei T. 191 Accelerando folgend bei M das Ausgangstempo erreicht wird. So sollte es sich Bruckner gedacht haben, aber es fiele uns kaum ein anderer Dirigent ein der das so konsequent realisiert. Leider sind die fff etwas schwach geraten. Das Blech klingt ja auch wieder einmal von weiter Ferne und die Pauke erklingt genauso hintergründig., trotz fff. Jede Partitur-Treue stößt irgendwo und irgendwann an Grenzen. Russell Davis hat ein schlüssiges Konzept und hält es durch. Viele Dirigenten modifizieren das Tempo, um Längen zu vermeiden, andere setzen das Ausgangstempo gleich schneller an und nehmen eine Reduktion von Majestät in Kauf. Bei Russell Davies klingt der Satz wenig dramatisch, wenig zugespitzt, richtig episch. Mit vielen Schönheiten durch die sehr klangschönen Hörner zum Beispiel oder überhaupt durch das erneut feine Orchesterspiel. Wenn man beim Bruckner Orchester die Musik des Namenspatrons nicht liebt, wo dann?

Im Adagio bewegt man sich mit Russell Davies sogar noch etwas schneller voran als mit Kurt Eichhorn. Immer noch sehr moderat und immer noch „sehr feierlich“ genug, dunkel und trauernd. Der Klangcharakter passt ganz ausgezeichnet zur Musik. Die Oboe klingt nicht nach Wiener Art, sondern voll und weich. Sie passt gut zum warmen, vollen Klang des Orchesters. Eine sehr sanfte, sensible und erwärmende Darbietung mit dem gewissen misterioso. Das Orchester scheint gegenüber 1994 sogar noch etwas besser geworden.

Das Scherzo ist fast durchgängig langsam, besonders das Trio dann sehr langsam. Es gibt sehr geschmeidige Streicher, strahlendes Blech und sogar noch etwas Schwung. Die Spannung bei dem Tempo noch zu halten gelingt nicht oft.

Der Finalsatz dürfte für viele Hörer noch vor dem Kopfsatz der problematischste Satz dieser Einspielung sein. Das Anfangstempo suggeriert bereits epische Breite und wird im Verlauf noch weiter abgebremst. Bei F geht Russell Davies nicht abrupt zum Tempo primo zurück, erst langsam und zögerlich mit den folgenden Steigerungen der Dynamik. Bei M wird es dann noch langsamer. Das Spiel des Orchesters wirkt immer noch sorgfältig und empathisch, aber wenn der Hörer seinerseits nicht die rechte Ruhe mitbringt, dann wird in dem Satz die Spannung nicht aufrecht zu halten sein. In der Coda behalten die Posaunen die Oberhand. Das dürfte die langsamste Einspielung der Sinfonie bisher sein.

Der Klang kommt der Eichhorn-Aufnahme aus Linz näher als der neueren mit Markus Poschner. Das liegt wahrscheinlich am Aufnahmeort, dem Brucknerhaus, in dem die beiden sich ähnelnden Aufnahmen stattfanden. Das Holz kommt 2008 besser zur Geltung als 1994. Insgesamt klingt es noch etwas plastischer und bläserbetonter, was noch ausgewogener wirkt. Beide Aufnahmen klingen gleichermaßen distanziert und weiträumig.

 

Hier könnte man derzeit noch eine Kostprobe der Aufnahme hören:

https://www.youtube.com/watch?v=rLZQgKCwEKI

 

 

4

Sir Simon Rattle

London Symphony Orchestra

LSO Live

2019, live

15:04  17:15  8:46  14:37  55:42

Sir Simon, Chefdirigent des LSO 2017-23, danach dessen Ehrendirigent, spielt in seiner Aufnahme erstmals die Urtextausgabe von Benjamin-Gunnar Cohrs ein (die wir nicht vorliegen haben).

Er wählt dabei ein zügig wirkendes Tempo ausgestattet mit einigem Schwung. Auf uns wirkte das Maestoso vielleicht doch zu gehetzt, sehr straff in der Spielweise und sehr metrisch, zu metrisch um die Musik atmen zu lassen. Und im Endresultat ohne Charme. Der Rhythmus wirkt im Verlauf etwas verwaschen. Bass und Pauke klingen sehr zurückhaltend, das ganze Orchester glanzlos fast unscheinbar. Und wenig wuchtig. Man hatte offenbar eine Entschlackung des Bruckner-Klangs im Sinn, angereichert mit ein paar Übernahmen aus der HIP. Aber letztlich sind es zu wenig HIP-Einflüsse, um die Einspielung in unsere kleine Extra-Liste zu übernehmen, wo man mehr oder weniger deutliche HIP-Einflüsse vernimmt. Heute sind die Lager meist nicht mehr getrennt, die Übergänge fließend. Der Klang des Orchesters scheint im Verlauf des Satzes etwas glanzvoller zu werden, was wir uns eigentlich nicht erklären können. Dennoch hört es sich so an, besonders ab T. 191, accelerando, da spielt sich das Orchester frei und ab M (Reprise) klingt es dann auch spannender. Insgesamt wirkt der Verlauf unruhig, ganz ähnlich wie in der Einspielung mit Sir Colin Davis, der jedoch noch eine ältere Ausgabe der Partitur nutzt. Bei U klingt der ff-Einsatz leicht verschliffen, das kann live immer mal passieren. Die Beschleunigungen, auch die bei E, wirken nie nichtig organisch. Die Kunst ist es zu beschleunigen ohne abrupt zu wirken. Mitreißend wirkt das Majestoso bei Rattle nicht auf uns.

Das Adagio wirkt differenziert und feingliedrig musiziert, zwar mit breitem Adagio-Tempo, aber ohne Gravität. Bei B wird das Thema schön frei ausgesungen, was beim Gesangsthema im Kopfsatz analog nicht gelingt. Das Adagio wirkt geheimnisvoll und zum großen Teil innig musiziert, trotzdem trifft es nur selten voll ins Herz, obwohl das Orchester eigentlich alles richtig macht.

Dem Scherzo kann Sir Simon nur wenig Individualität abgewinnen. Das Tempo sticht nicht aus dem bereits bekannten heraus, es wirkt ziemlich düster, kaum tänzerisch, fast nie beschwingt und gemächlich. Das Tempo ist langsamer als bei Celibidache. Nur das Blech agiert lebhaft. Das Trio wirkt sehr unterhaltsam. Das LSO spielt trotzdem engagiert und dynamisch.

Das Finale wird ähnlich dringlich angelegt wie der Kopfsatz, er klingt teils verspielt, teils energisch, teils zaghaft, teils besinnlich aber insgesamt nur wenig packend. Das mag daran liegen, dass Sir Simon den Zerfall in einzelne Episoden nicht verhindern kann, vielleicht sogar als kompositionsbedingt noch betont. Vielleicht will er auch jedem Detail zu möglichst großer Bedeutung verhelfen, dass man den großen Bogen aus den Augen verliert. Das Spiel des LSO erscheint makellos. Dass das alles live aufgenommen wurde kann man sich kaum vorstellen. Die Coda gelingt hervorragend, das Werk wird zu einem glanzvollen Ende gebracht.

Der Klang der Aufnahme ist nicht mehr gar so trocken wie die Aufnahme mit Sir Colin Davis 2002. Es klingt nun luftiger und brillanter. Blech und Holz klingen nicht mehr so vorwitzig, man hört nun den heute allgemein bevorzugten Bruckner-Klang, bei dem alle Instrumentengruppen gleichermaßen zur Geltung kommen. Das wird leider oft mit glanzlosem Blech erkauft. An Deutlichkeit mangelt es nicht. Der Klang der Violinen wirkt sehr schlank, da kann man einen gewissen HIP-Einfluss erkennen (wenig Vibrato). Vielleicht auch eine etwas kleinere, klassischere Besetzung? Die Streicher klingen dennoch sehr homogen und substanzreich, also nicht so ausgedünnt wie in den Hardcore- HIP-Einspielungen, wie sie beispielsweise von Roger Norrington vorgelegt wurden. Der Klang hat aber mehr Tiefe, klingt substanzreicher, voller, satter, körperhafter und weicher als 2002 bei Sir Colin, den man nicht unbedingt verdächtigt, der HIP zuzusprechen.

 

4

Sir Colin Davis

London Symphony Orchestra

LSO Live

2002, live

16:51  19:46  10:00  14:48  61:25

Ähnlich Joseph Keilberth und Leonard Bernstein hat Colin Davis nur die Sechste und Neunte eingespielt, zumindest für das LSO Live-Label. Wir erinnern uns noch an eine Live-Aufnahme der Siebten mit dem Sinfonieorchester des BR, das er als Nachfolger von Rafael Kubelik 1983-92 als Chefdirigent leitete. Chef des LSO war er von 1995-2007. Aufgenommen wurde wie bei der Einspielung mit Sir Simon Rattle in der Barbican Hall, dem Stammsitz des Orchesters. Sie ist für ihre trockene Akustik weniger berühmt als berüchtigt.

Trotz des langsamen Tempos wirkt der Gestus im Majestoso unruhig und getrieben, ohne aber wirklich energisch nach vorne zu ziehen. Ruhevolle Majestät will sich nicht einstellen. Der Orchesterklang wirkt offen aber erheblich unausgewogener als bei anderen Spitzenorchestern, obwohl die einzelnen Solisten und Orchestergruppen für sich genommen hervorragend spielen. Da standen vielleicht die Mikrophone zu dicht und eine Abrundung des Klangs wollte sich durch die Abmischung nicht einstellen lassen. Andererseits gibt es sozusagen im Gegenzug sehr schöne glasklare Detailansichten. Bei den Streichern will sich der Ton nicht so recht von den Saiten lösen, er bleibt förmlich daran kleben. Man spielt mit fiebriger Leidenschaft, kraftvoll, ja mit Inbrunst, schade dass sich kein geschlossener, warmer Gesamtklang einstellen will. Im Gegensatz zu Rattles 17 Jahre später aufgenommener Einspielung am gleichen Ort wirkt die Musik jedoch nicht leicht, sondern eher schwer und wenn das Blech agiert klingt es oft etwas gewalttätig und von Unruhe getrieben. Ein eigener Ansatz, interessant, aber leider klanglich nicht ganz überzeugend umgesetzt.

Vom Tempo her bietet uns Sir Colin ein großes Adagio. Detailreich, aber ohne den rechten „Fluss“. Der Trauermarsch könnte dunkler klingen, das Holz wirkt extrem deutlich und nah mikrophoniert. Eine mystische oder transzendente Dimension eröffnet sich so kaum, wenn man so auf die Faktur des Werkes gestoßen wird. Trotz exzellenten Spiels aller Beteiligter. Ein weiterer Grund dafür ist, dass man echte pp mit der Lupe suchen muss. Trotz eindringlichen Spiels scheint man so nicht in die tieferen Regionen der Musik vorzudringen. Man muss nur einmal an die späten Aufnahmen Haitinks, Wands oder an die Celibidaches zurückdenken, um sich den Unterschied zu vergegenwärtigen. Ein weiteres Hemmnis ist die Tendenz zum Dröhnen. Und es fehlt dem Klangbild an Fluktuation und Rundung, was sich beides als besonders wichtig zur Entfaltung des Zaubers gerade des Adagios erweist.

Im Scherzo und im Trio wird dem Blech (und dem Holz) noch mehr auf die Pelle gerückt. Das Scherzo kommt zwar langsam, es wird aber durchaus „keck“ und frisch phrasiert. Da passt das präsente und glanzvolle Blech am besten. Es klingt nun auch nicht so vom restlichen Orchester isoliert. Das Trio wirkt unheimlich aber auch sehr gemächlich.

Das Finale erscheint nun völlig überzeugend. Es geht temperamentvoll, fast schon vorantreibend los. Sir Colin gelingen überzeugende Temporelationen und er kann die Spannung, so wie wir es empfanden, bruchlos aufrecht halten. Im Blechbläsersatz könnte man die Tuba etwas stärker hören, er wirkt trompetenlastig und dadurch entsprechend hell. Die Leistung des LSO muss man als perfekt bezeichnen. Der Finalsatz ist der beste in Sir Colins Darbietung.

Der Klang der Aufnahme wirkt präsent, vor allem Holz und Blech werden dicht an die Hörer herangerückt. Es gibt wenig räumliche Tiefe, wenig Fülle, wenig Wärme. Die Dynamik ist gut und es gibt eine hohe Transparenz, Der Klang wirkt sehr detailreich. Dafür fehlt es etwas an der Übersicht über das Gesamtgeschehen. Es klingt fast wie aus einem Probenraum (denken wir einmal an das Bruckner Orchester Linz unter Markus Poschner), nur dass es sich um einen Konzertsaal einer Weltstadt handelt. Es klingt trocken wie aus einem (zu) keinen Studio. Aber: Man stellt sich mit der Zeit darauf ein. Trotzdem bleibt der Klang das Manko dieser Produktion. Wir konnten keine störenden Publikumsgeräusche vernehmen. Erstaunlich wie gut die Technik dieses früher mitunter extrem störende Phänomen mittlerweile im Griff hat.

 

4

Heinz Rögner

MDR-Sinfonieorchester

Genuin

1994, live

14:17  17:00  8:00  14:26  53:43

Bei dieser Aufnahme handelt es sich um eine Veröffentlichung aus dem Archiv des MDR. Aufgenommen wurde im Gewandhaus zu Leipzig. Dazu ist der Dirigent in seine Geburtsstadt zurückgekehrt. Damals war Daniel Nazareth Chefdirigent (1992-97) des neu formierten Rundfunkorchesters, der erste nach der Wende. Die Fusion aus Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig und der MDR-Kammerphilharmonie war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz vollendet. Wir erinnern uns: Das war die Zeit, in der viele Betriebe in der DDR „abgewickelt“ wurden, was zu erheblichen gesellschaftlichen Spannungen und Verwerfungen führte. Daniel Nazareth war da nicht der richtige Chef, es gab Kommunikationsprobleme und er war wohl zu wenig Psychologe, um bei dem neu gegründeten Riesenorchester ausgleichend wirken zu können. Es gab zu viele verunsicherte Musiker (Wer muss gehen? Wer darf bleiben?) und zerstrittene Musiker (Qualitätsgefälle). Da hätte es einen erfahrenen Kommunikator, einen in Verwaltungsdingen sowie in Mitarbeiterführung und Pädagogik erfahreneren und im zwischenmenschlichen Bereich einfühlsamen Leiter gebraucht, so wie ihn SR und SWR bei ihrer Orchesterfusion der Orchester aus Saarbrücken und Kaiserslautern zur DRP, der Deutschen Radiophilharmonie, mit Christoph Poppen zur Verfügung hatten. Das nur nebenbei. Das sind aber keine unwesentlichen Details sondern letztlich für das Gelingen entscheidend. Das erklärt aber auch, warum der „Gast“ Rögner, der aus seiner Zeit als Chef des RSO Leipzig (1958-1962) noch den allergrößten Respekt genoss und wie ein Retter empfangen wurde. Man hatte nun plötzlich von vorneherein wieder eine gemeinsame Arbeitsbasis wozu, gar nicht unwichtig, auch ein mitteleuropäisches, um nicht zu sagen mitteldeutsches Klangideal gehörte. Hinzu kam, dass der Dirigent Rögner, frei von Starallüren und als Diener am Werk, allseits Vertrauen genoss. Man sprach nicht nur buchstäblich dieselbe Sprache. Er wäre wohl der geeignete Chefdirigent für die Zeit nach der Wende gewesen. Warum er nicht ernannt wurde? Vielleicht weil man glaubte jetzt international werden zu müssen? Wir wissen es nicht. Damals wurden manche seltsame Entscheidungen getroffen, die man heute ganz anders sieht.

Das erklärt schon einmal, dass das Orchester des MDR im Maestoso nicht mit der Homogenität der beiden Aufnahmen des RSB unter Rögner aufspielen kann, vor allem die Violinen wirken bisweilen (sogar ziemlich oft) grobfaserig, also wenig homogen. Es fehlt auch der sonore Unterbau. Das vormalige RSO Leipzig haben wir da als viel besser in Erinnerung. Die beiden Berliner Aufnahmen wirken im Vergleich ausgewogener in Struktur und Emotionalität. Aus Sicht des Holzbläserfreundes sind die beiden Berliner Aufnahmen Rögners ebenfalls vorzuziehen.

Im Adagio sind Mängel bei der Klangerzeugung und in der Präzision ebenfalls hörbar. Eine warmherzige Interpretation, der jedoch die Entsprechung in einem ähnlich gearteten Klang der Violinen oder der Oboe fehlt. Interpretatorisch meint man, dass die luftige Leichtigkeit der ersten Berliner Einspielung Rögners (1980) mit der hochromantisch-entrückten der zweiten Berliner Einspielung (2000) kombiniert worden wäre. Man kann den Weg von Trauer und Zweifel hin zur Erlösung oder zumindest doch Zuversicht oder Erleichterung bereits nachvollziehen.

Im Scherzo gibt es kleinere, doch vernehmliche Präzisionsprobleme, liedhaft und unprätentiös besonders das Trio. Sekundengenau wird das Tempo der Berliner Aufnahme von 1980 getroffen.

Mit spontan wirkendem Zugriff gelingt es Herrn Rögner das Finale zusammenzuhalten. Die orchestralen Mängel sind jedoch unüberhörbar, das MDR-Sinfonieorchester konnte im Krisenmodus damals (noch) nicht mit dem RSB mithalten.

Der Klang der Aufnahme wirkt klar und deutlich, auch räumlich. Im Vergleich zu den beiden voll und rund klingenden Berliner Aufnahmen Rögners klingt das Orchester etwas dünner, ausgezehrter, was man auf die mangelnde Homogenität der Violinen, zuerst aber auf die mangelnde Sonorität von Celli und Bässen zurückführen kann. Die beiden Berliner Aufnahmen sind also auch klangtechnisch der Leipziger vorzuziehen. Interessant ist die Einspielung vor allem als zeitgeschichtliches Dokument einer für das Orchester (und für Deutschland) schwierigen Zeit.

 

4

Herbert Kegel

Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig (heute: MDR-Sinfonieorchester)

Ode, Weitblick, Urania

1972, live

16:17  15:28  8:16  14:32  54:33

Herbert Kegel war Chef dieses Orchesters 1960-78, danach wurde er zu dessen Ehrendirigent und 1977-85 Chefdirigent der Dresdner Philharmonie. Er spielte in den 60er und 70er Jahre die Sinfonien 3-9 ein, die meisten davon live. Außer der Sechsten alle für Eterna, nur die Sechste nicht. Um wenigstens die großen Sinfonien zusammenzubekommen grub man sie aus dem Archiv des Rundfunks der DDR aus.  Er fällt in der Klangqualität mächtig ab. Das ist sehr bedauerlich, denn musikalisch wäre die Aufnahme ein Highlight der Diskographie geworden.

Das Maestoso erklingt recht flotten Tempos, teils sogar forsch, impulsiv und vorwärtstürmend. Teils hat man den Eindruck, dass es sogar rasant vorwärtsgeht. Gleich beim zweiten Ton erwischt das Horn einen kraftvollen Kickser. Was für ein Pech. Der Rhythmus der Violinen wird stark betont, sodass man ihn gut weiterverfolgen kann, auch wenn das übrige Orchester einsetzt. Das Blech lässt sich vom Malheur des Horns nicht beinträchtigen und spielt voller Leidenschaft, allerdings klingt es nur wenig sonor. Das, wir wissen es von vielen Eterna-Aufnahmen, ist jedoch der Klangtechnik des DDR-Rundfunks zuzuschreiben, denn bei Eterna klingt das Orchester meist ausgezeichnet. Wir kommen später noch einmal darauf zurück. Im ganzen Satz wird das Moderne in Bruckners Komponier-Technik, besonders in Instrumentation und Harmonik betont, der hochromantische Ausdruck wirkt dagegen weniger ausgeprägt. Nüchtern oder versachlicht wirkt die Musik dadurch jedoch nicht. Die Darbietung wirkt schlank und geradlinig, weist aber z.B. mitreißende Crescendi und Accelerandi auf. Hier darf die Sechste die „Keckste“, d.h. die Frechste sein. Das Majestätische wird nicht ausgeblendet, sie dominiert aber nicht den ganzen Satz. Aus welchem Blickwinkel hören wir sie hier?  Leider wird die Einspielung durch den gebotenen Klang zumindest für den Klang-Kulinariker weitgehend entwertet. Man hat zwar bereits Stereo aufgenommen, wobei man den Sendern Westdeutschlands voraus gewesen wäre, aber es klingt in allen Belangen schlecht.

Ziemlich selten kommt es in der Diskographe des Werkes vor, dass das Adagio der jeweiligen Einspielung kürzer ist als das Majestoso. Entsprechend zügig und wie im Andante-Tempo klingen der zweiten Satz dann auch. Das kann trotzdem überzeugend sein. Wenn es beispielsweise so kraftvoll und bewegt wirkt wie hier. Allerdings müssen wir eine deutliche Klangverschlechterung (ja, die war noch möglich) im p-Bereich der Lautstärke in Kauf nehmen, es klingt nun lange nicht mehr so plastisch und präsent wie noch zuvor und so scharf, dass es bereits verzerrt wirkt. Weinerlich klingt dieses Adagio im Andante-Tempo nicht. Die Musik atmet natürlich, wirkt sehr spannend, ohne Durchhänger. Man spielt hoch konzentriert und aufmerksam. Gänzlich diesseitig, mitreißend und impulsgeladen. Schade, dass die Musik so mies klingt, im Konzert war es sicher ein Erlebnis der besonderen Art. Schade um die hervorragende Leistung der Musiker.

Recht zügig dann das Scherzo. Leider gibt es hier überhaupt keine Unterschiede in der Lautstärke zwischen p der Streicher und ff des Blechs. Da war der Rundfunk der DDR gegenüber den Eterna-Aufnahmen anscheinend noch weit im Hintertreffen. Trotzdem erkennt man den immensen und feurigen Impetus der Musiker. Von der Interpretation her wäre diese Einspielung mindestens eine 4-5, aber dem minderwertigen Klang müssen wir ebenfalls Rechnung tragen.

Das gilt genauso für die Darstellung des Finales. Da wird leidenschaftlich musiziert, ausgesprochen bewegt und absolut mitreißend. Es klingt mittlerweile fast durchgängig verzerrt, was selten so bedauerlich war wie bei dieser hochkompetenten, eigenständig und inspiriert anmutenden Interpretation. In Anbetracht des Aufnahmedatums liegt die Aufnahme im technischen Bereich jenseits von Gut und Böse. Vielleicht hat man auf einen Mitschnitt eines DDR-Bürgers zurückgreifen müssen, der die Rundfunkübertragung selbst auf einem Magnetband aufgezeichnet hat. Hier kann man mal in die Einspielung reinhören:

https://www.youtube.com/watch?v=vB3fef8ItCM

Etwa bis mf klingt die Aufnahme meist recht passabel. Transparent und sehr präsent. Die Violinen neigen jedoch bereits bei niedrigeren Lautstärken zum rauen Ton hin. Beim ersten ff geht die Dynamik bereits in die Knie. De facto wirkt die Lautstärke sehr stark nivelliert. Ab ff geht die Transparenz stark zurück. Das Klangbild verklumpt dann. Es rauscht für eine Aufnahme des Jahres 1972 sehr stark. Mit HiFi hat diese Aufnahme nur wenig zu tun.

Man wundert sich, dass das Orchester kein bisschen mit der Sinfonie fremdelt und man kann seine gegenüber der 1994er Aufnahme mit Heinz Rögner erheblich höhere Gesamtqualität nur bewundern.

 

4

Rafael Kubelik

Sinfonieorchetser des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

Studio Vita Sonus

1977, live

15:32  18:48  9:33  15:30  59:23

Hier handelt es sich um den Soundtrack einer Videoaufnahme. Rafael Kubelik war als Nachfolger von Eugen Jochum Chefdirigent des Münchner Orchesters 1961-1979. Er ist diskographisch kaum als Bruckner-Dirigent in Erscheinung getreten, erst spät hat Audite ein paar Live-Dokumente (ohne die Sechste) mit ihm und dem BRSO veröffentlicht. Das lag wohl daran, dass Kubeliks Plattenfirma mit der er einen Vertrag hatte, dieselbe war, bei der auch Eugen Jochum und Herbert von Karajan unter Vertrag standen (außerdem auch noch Karl Böhm). Die drei zog man Herrn Kubelik als Bruckner-Dirigent vor. Er hatte ein anderes Repertoire zu beackern (z.B. Mahler und Dvorak). Erst später, als er zu CBS-Sony wechselte erschienen zumindest die 3. und. 4. Von der Sechsten soll es zudem noch Mitschnitte aus Cleveland (1980), Philadelphia (1983) und Chicago (1985) geben, zu einer Zeit, als er schon nicht mehr Chef des BRSO war. Auf die Münchner Produktion kann man bei YouTube sogar als Video zugreifen:

https://www.youtube.com/watch?v=fRc16LLXEZk

Wir haben sie als Audio-Datei hören können. Das Majestoso beginnt er recht schnell und dabei verströmt eine gewisse Euphorie. Kubelik war Emotionsmusiker. Das zweite Thema wird retardiert so wie es in der Partitur steht und dann auch so beibehalten wie es notiert ist. Das Tempo wird jedoch flexibel modifiziert, bei Übergängen zum Beispiel. Diese Vorgehensweise ist der Dramatik des Satzes zuträglich.

Kubelik lässt das Adagio recht breit und feierlich strömen. Das zweite Thema lädt bei ihm zu liebevollem Verweilen ein, er gibt ihm viel Raum (und Zeit) sich zu verströmen. Man verbleibt in einem intim-gefühlvollen Rahmen. Aus dem Satz wird kein Staatsbegräbnis gemacht. Die Musik lädt den Hörer dazu ein sich unmittelbar mit ihr zu verbinden. Das Orchester ist bestens aufgelegt, besonders die Hörner fallen durch ihre Dynamik, Klangfülle und Kraft auf. Und die Violinen mit homogenem, seidigem Glanz, dem man bereits zuvor in der Aufnahme mit Jochum (1966) und danach wieder bei Maazel (1999), Jansons (2015) und Haitink (2017) begegnet.

Beim Scherzo gibt es keinen Hauch von Mendelssohnscher Verspieltheit, sondern funkelnd-akzentuierte Boshaftigkeit. Da treten die bösen Geister auf, die man auch schon in einigen anderen Aufnahmen hören konnte. Großbogig gedacht. Das Trio kam uns nicht ganz so schlüssig vor. Kubelik kann sich in der Einspielung auf die hervorragenden Hörner verlassen. Schade, dass die Dynamik der Videoaufzeichnung zeitgemäß so verhalten wirkt. Überhaupt ist dies wieder eine der Darbietungen, die unter ihrem schlechten Ton zu leiden haben, nicht ganz so extrem wie die Aufnahme Herbert Kegels.

Im Finale bietet Kubelik starke Tempokontraste, nach subtilem Verweilen. Es wird aber auch mal ein Fast-Stillstand riskiert. Wenn es lauter wird, tritt er auch schon einmal in die Fuß-Stapfen von Herr Jochum und beschleunigt etwas. Im Konzert wirkte diese Darbietung sicher toll, als reine Musikkonserve leider nur enttäuschend.

Der Klang der Aufnahme wirkt recht distanziert, recht transparent, weder voll noch saftig und die angebotene Dynamik wirkt teils spürbar komprimiert. Es klingt nicht gerade üppig und statt schön farbig doch eher stumpf und matt. Mitschnitte aus München hat man von Audite schon sehr viel besser restauriert gehört. Insgesamt verdient sich der Klang höchstens ein „mäßig“ oder „noch anhörbar“, aber Begeisterung kann er nicht auslösen. Es gibt leise Publikumsgeräusche zu hören, von einem neuen DSD-Remastering, wie auf dem Cover versprochen, hätten wir uns mehr versprochen. Auch bei dieser Aufnahme ist der Klang der musikalischen Qualität nicht ebenbürtig.

 

 

 

3-4

Georg Tintner

Bohuslav-Martinu-Philharmonie, Zlin

Deutsche Schallplatten

1992

16:30  16:48  8:17  13:41  55:16

Der Name Georg Tintners erscheint nun das erste Mal auf unseren Seiten. Grund genug ihn genauer vorzustellen Er begann (laut Wikipedia) mit sechs Jahren, Klavier zu lernen, und komponierte bereits wenig später. Vom neunten bis zum dreizehnten Lebensjahr gehörte er den Wiener Sängerknaben an. Er studierte in Wien Musik, unter anderem bei Felix Weingartner und Joseph Marx, und wurde dort sowohl vom „Wiener Klang“ der Philharmoniker als auch von deren Repertoire geprägt, insbesondere durch die Wiederentdeckung und beginnende Pflege der Originalfassungen der Sinfonien Anton Bruckners. Mit 19 Jahren wurde Tintner an die Wiener Volksoper engagiert. Er galt als außergewöhnliches Talent. Nach der Annexion Österreichs musste er aufgrund seiner jüdischen Herkunft das Land verlassen, emigrierte über Jugoslawien und Großbritannien nach Neuseeland, wo er einige Jahre zurückgezogen lebte. Aufgrund persönlicher Verluste und der Entwurzelung durch die Emigration war es ihm nicht mehr möglich, weiter zu komponieren. Er zählt zur Reihe der lost composers in Folge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Erst Ende der 1940er Jahre fand er wieder Boden unter den Füßen und begann eine erfolgreiche Karriere als Dirigent. Er wurde Resident Conductor der australischen Nationaloper, ging 1966 nach Kapstadt, wo er das städtische Orchester leitete, und wurde danach für drei Jahre ans Sadler’s Wells in London verpflichtet. In Großbritannien dirigierte er auch die London Mozart Players, das Bournemouth Symphony Orchestra, die Royal Northern Sinfonia und das London Symphony Orchestra. 1971 ging er wiederum nach Australien, wo er alle wichtigen Operntruppen dirigierte, darunter auch am Sydney Opera House. Zu seinem Repertoire zählten fünfzig Opern, rund zwei Drittel davon konnte er auswendig dirigieren. Tintner wurde zum wahrscheinlich gefragtesten Spezialisten der österreichischen Romantik in den Ländern des Commonwealth – Neuseeland, Australien, Kanada, auch Schottland und Irland. Mit den dortigen Orchestern spielte er für Naxos eine Gesamtaufnahme der Sinfonien Bruckners ein, wobei er diesen Ensembles die Prinzipien des Wiener Klanges (Bogenführung u. ä.) generell überhaupt erst beibringen musste und dabei eine ähnliche Leistung vollbrachte wie Bruno Walter mit dem Columbia Symphony Orchestra. 1987 wurde er zum Musikdirektor des Symphony Nova Scotia in Halifax bestellt und übersiedelte nach Kanada. Er dirigierte fortan alle wichtigen kanadischen Orchester, wie das Toronto Symphony Orchestra und das Montreal Symphony Orchestra, und wurde auch von der Michigan Opera in Detroit verpflichtet. Regelmäßig kam er nach Tschechien, um dort Meisterklassen zu geben. Nach sechsjährigem Krebsleiden beging Tintner durch Fenstersturz Suizid.

Auch diese Aufnahme kann hier runtergeladen werden.

Von der 6. Sinfonie Bruckners sind uns zwei Aufnahmen Tintners bekannt. Die erste entstand 1992 in Zlin, einer kleineren Stadt in Tschechien mit lediglich 75.000 Einwohnern für Deutsche Schallplatten, die zweite drei Jahre später in Neuseeland für Naxos. Die beiden Einspielungen unterscheiden sich vor allem im Tempo der Sätze 2 und 4 sowie in der klanglichen Disposition. Die Aufnahme in Zlin klingt, als wäre sie in einem Kirchenschiff aufgenommen worden. Tatsächlich suchte man dafür die Kongresshalle des Ortes auf. Einhallen lassen sich Tonaufnahmen immer ganz gut, trockenlegen wenn sie zu hallig sind, das ist schon schwieriger.

Selbst wenn Herr Tintner den Orchestern die Wiener Spielweise beizubringen versucht hat, klingen sie deshalb noch lange nicht wie die Wiener Philharmoniker, das versteht sich eigentlich von selbst. Das Maestoso wirkt in Zlin drängend der Gestus unerbittlich, das Orchester spielt differenziert und bis zum mf spielt die Akustik der Zliner Kongresshalle noch gut mit. Die verschiedenen Tempi werden gekonnt flexibel gehandhabt. Im Grundgerüst werden sie stabil gehalten. Das Orchester macht auf uns einen intonationssicheren Eindruck und verleiht dem Satz einen kantigen, kontrastreichen und dramatischen Impetus. Viel Wärme kann es dagegen nicht einbringen.

Im Adagio wird ein flüssigeres Tempo als 1995 in Neuseeland gewählt. Das Orchester spielt in seinen Leistungsgrenzen expressiv, ja leidenschaftlich. Oft gelingen gerade den Streichern eindrückliche Momente. Erneut stellt man fest, dass Phrasierung und Dynamik besonders aufmerksam realisiert werden. Das Orchester klingt in dieser Aufnahme sehnig und wenig opulent, sodass der Verdacht von Weichzeichnung gar nicht erst aufkommt und Bruckners strömende Musik oft etwas herb und spröde klingt. Mag der tschechische Klang ganz gut zur sozialen Wirklichkeit Bruckners (vor allem in seiner Vergangenheit, als er lange keinerlei Erfolge feiern konnte) passen, zur Musik, wie wir sie inzwischen zu hören gewöhnt sind, weniger. Besonderes Lob verdienen sich schon jetzt die Hörner. Denen gelingt nämlich, was den Violinen beispielsweise nur wenig gelingt: Sie fluten den ganzen Raum. Ihre eigentliche Visitenkarte kommt aber eigentlich erst im Scherzo.

Großes Manko im Scherzo ist die dröhnende und mächtig polternde Pauke, während das Blech von ihren aufnahmetechnisch bedingten Eskapaden völlig unbeeindruckt, sauber und souverän klingen. Das Holz klingt immer noch reichlich weit entfernt, die Streicher immer noch ein bisschen entrückt, zumindest einmal räumlich. Es klingt wahrscheinlich unbeabsichtigt etwas rustikaler, bäuerlicher und derber als in den geschliffeneren Versionen mit den weltstädtischen Top-Orchestern. Das Trio verbleibt in einer suchend-geheimnisvollen Stimmung. Aber im Trio ganz herausragend und das ganze Orchester geradezu überflutend: Die Hörner. Kein Wunder, ist doch Böhmen seit Jahrhunderten für den handwerklichen Bau von Blechblasinstrumenten bekannt. Hersteller wie Cerveny oder moderne Meisterwerkstätten wie M. Jiracek & Söhne, sowie historische Marken, prägen den typisch dunklen, warmen und runden Klang der böhmischen Instrumente. Und die berühmte "böhmische Hornschule" legt großen Wert auf extreme klangliche Flexibilität, Kantabilität (das "Singen" auf dem Instrument) und eine virtuose Beherrschung des Tons.

Das Finale nimmt Herr Tintner, 75jährig, wie bereits das Adagio noch deutlich zügiger als drei Jahre später in Neuseeland. Es wird spannender und teils mitreißender gestaltet. Mit Hilfe von Tempo, des nun sehr geschmeidigen Spiels der Tschechen und seiner eigenen Spannkraft hält der österreichische Dirigent den oft als gedehnt und als besonders redundant empfundenen Satz sehr gut zusammen. Immer vorwärts zu neuen Ufern. Das triumphale Ankommen gibt es erst beim erklingen des Hauptthemas aus dem Kopfsatz, das wirkt, wie ein freudiges Nachhausekommen. In dem Fall wäre es besonders schön geworden, wenn die Hörner das Thema zu spielen gehabt hätten, womit wir nichts gegen die Posaunen des Orchesters gesagt haben wollen.

Der Klang der damals noch autonom agierenden ostdeutschen Plattenfirma (später wurde sie zu Berlin Classics) wirkt offen, recht räumlich, großräumig und leider etwas zu stark nachhallend. Da versuchte man der Musik eine passende Bruckner-Aura mitzugeben. Das verhilft den Streichern des Orchesters zudem zu einer besseren Homogenität. Bis zu einer gewissen Lautstärke schwebt der Orchesterklang schön im Raum, dann wirkt der Nachhall verunklarend. Ab mf kann man sagen. Darüber hinaus wirken die Konturen verunklart. Auch die Staffelung wirkt bis zum Mezzoforte stabil. Die Farbgebung wirkt kühl und erinnert noch an die Frühzeit der Digitaltechnik. Der Klang raubt der musikalischen Darbietung schon etwas von ihrer Klasse. Beide Aufnahmen mit Georg Tintner klingen letztlich nicht zufriedenstellend.

 

Auf dieser Seite könnte man sich die Aufnahme (noch) herunterladen, der Bruckner-Seite von John F. Berky sei Dank:

https://www.abruckner.com/downloads/downloadofthemonth/april16/

 

 

3-4

Georg Tintner

New Zealand Symphony Orchestra

Naxos

1995

16:58  18:44  8:52  14:44  59:18

Als diese Aufnahme in der Lower Hutt Town Hall in Wellington, der größten Stadt Neuseelands, gemacht wurde, war Georg Tintner 78 Jahre alt. Er ist in allen vier Sätzen (insbesondere im Adagio und im Finale) langsamer geworden. Mehr Zeit, langsamere Tempi, vielleicht klingt das neuseeländische Orchester deshalb kultivierter? Es wirkt aber nur graduell besser als das tschechische Orchester (und nominell sicher auch stärker besetzt), aber nicht substanziell. Es klingt wegen des Tempos des Maestoso nun majestätischer, mehr Sturm und Drang bietet jedoch die Aufnahme aus Zlin. Allerdings stört auch dieses Mal der harte, relativ ungedämpfte Nachhall der klanglich kaum für klassische Konzerte optimierten Mehrzweckhalle im Wellingtoner Rathaus. Man wollte wahrscheinlich irgendwie die Erhabenheit einer alpinen Gebirgslandschaft suggerieren.

Das Adagio erklingt erheblich langsamer als vor drei Jahren. Ob Tintner mit dem Tempo dem Orchester entgegenkommen wollte, oder ob sich seine Sicht der Dinge verändert hat? Die Musik wirkt im direkten Vergleich zur Zliner Aufnahme nun fast schon wie zelebriert. Aber auch spiritueller. Die Musik darf jetzt noch tiefer durchatmen. Man kann der Musik durchaus ein verinnerlichtes Strömen bis zur abschließenden Entrückung entnehmen.

Das Scherzo klingt jetzt etwas gemächlicher, fast schon betulich. Das Orchester klingt zwar homogener als das Zliner, aber nicht mehr so spritzig und derb-tänzerisch. Da fehlt jetzt fast jedes gespensterhafte Irrlichtern im Mondlicht. Und aus der wüst polternden Pauke in Zlinwird in Wellington eine nahezu unhörbare. Das Trio wirkt nun langweiliger, die Hörner werden nun viel kleiner abgebildet und spielen nur noch sowas wie eine untergeordnete Nebenrolle. Das ist also alles, was vom gefluteten Hör-Raum in Zlin übriggeblieben ist. Geringe Dynamik.

Durch das langsamere Tempo bekommt das Finale mehr Melancholie aber eine kontrastreichere Gestaltung. Das Blech kommt nun deutlicher zur Geltung und man hört einen gewissen sakralen Einschlag. In den lyrischen Passagen des Schwankens und Erzählens verliert man schon einmal an Spannung, vor allem, wenn man nicht die erforderliche Ruhe und Konzentrationsfähigkeit beim Hören mitbringt. Das Orchester aus Neuseeland wird besser aufgenommen als das tschechische, eigentlich spielen beide auf demselben Niveau. Vor allem die Präsenz des Blechs und dann die Opulenz des Hörnerklangs führt jedoch dazu, dass man von der Bohuslav-Martinu-Philharmonie mehr gepackt wird.

Die Klangcharakteristik ist ganz ähnlich wie in der drei Jahre älteren Aufnahme von Deutsche Schallplatten in Zlin, nämlich großräumig und hallend. Insgesamt wird nun der Mischklang bevorzugt. Im Bereich Wärme und Geschmeidigkeit bietet auch die Naxos-Aufnahme nur wenig. Für unseren Geschmack klingt die Aufnahme einfach zu schwammig und zu wenig differenziert.

 

3-4

Georg Solti

Chicago Symphony Orchestra

Decca

1979

17:37  19:19  8:48  15:04  60:48

GA Solti spielte seine Gesamtaufnahme (0-9) von 1979 bis 1995 ein.  Die Aufnahme der Sechsten gewann 1980 den Grammy als „Best Classical Orchestral Recording“. Wie in manch anderer Darbietung wurde die Blechbläserbesetzung ein bisschen verstärkt. Mehr Durchschlagskraft, mehr Fülle, mehr Strahlkraft, bessere Balance bei überreich besetzten Streichern, um riesige Konzertsäle besser mit Klang füllen zu können oder um den von Bruckner so bewunderten Wagner-Klang besser adaptieren zu können, Gründe für die Vergrößerung des Blechbläserapparats gäbe es genug. Manch einer wird es gemacht haben, weil es der schärfste Konkurrent ebenfalls gemacht hat. Man wollte ja nicht zurückfallen. In der Vergangenheit war das oft gängige Praxis. Auch bei Karajan oder Celibidache auch noch bei Juanjo Mena kann man die Verstärkungen in den bestreffenden Videos erkennen. Bei Aufführungen nach der HIP wäre diese Gepflogenheit obsolet.

Im Majestoso hören wir zu Beginn sehr genaue, fast schon penetrant zur Schau gestellte scharf gezeichnete Rhythmen der Violinen, so scharf wie Morsezeichen. Dabei steht da pp. In der CD-Aufnahme noch viel deutlicher als im Video. Woran man schon erkennen kann, dass es sich nicht genau um dieselbe Einspielung handelt. Wenn man recherchiert, dann erfährt man, dass die Aufnahmen für die LP bzw. CD-Produktion bereits im Juni für das Video jedoch im Dezember erfolgten. Jeweils in der Orchestra Hall. Da klingt es dann schon noch genauer rhythmisiert als bei Karajan, aber nimmt schon zu Beginn nicht besonders für diese Aufnahme ein, klingt es doch detailaffektiert und sehr aufdringlich. Die Violinen fallen da einfach zu sehr auf, diese Bedeutung, die sie bei Solti erhalten, haben sie gar nicht. Die Pauke allerdings ist bei Solti sehr kraftvoll zu hören. Wir haben keine Ahnung, warum sie in so vielen Einspielungen wie schamhaft versteckt wird. Ansonsten wird bei Solti genau dynamisiert. Viele Hörer mögen diese Aufnahme sehr und manchmal wird sie sogar als Referenz genannt. Sicher, man spielt virtuos und mit Perfektion aber der spezifische, eher warme, als kühle, ja „seelenvolle Klang“ der besten Orchester Europas fehlt gerade den Chicagoern besonders. An Wucht fehlt es nicht und auch an Detailakribie lässt es Solti nicht fehlen. Und dem Orchester fehlt es auch nicht an Engagement, das uns jedoch eher sportlich motiviert vorkommt. Zudem geht es mitunter auch eher lethargisch voran, was nicht zuletzt aus Soltis Beherzigung der Tempoanweisungen Bruckners resultiert. Die hätten jedoch der Modifizierung bedurft. Am Ende hat man ein Majestoso gehört, das zwar brillant geklungen hat, detailreich und genau, mitunter sogar akribisch und pedantisch wirkt, aber weder besonders spannend noch aufregend war. Lob gebührt jedoch dem Chicagoer Blech, das den Majestoso-Charakter sehr plausibel macht. Wir hätten von Solti mehr Drang erwartet, der zu Beginn auch noch vorhanden war; irgendwo ist er jedoch verpufft. Den Streichern fehlt trotz üppiger Besetzung Fülle, dem Holz klangliche Wärme. Wir haben nur die Decca-Aufnahme nicht aber das Video gehört.

Im Adagio lässt man sich viel Zeit um die gewünschte feierliche Grundstimmung zu erzielen. Es fehlt jedoch die zusammenhaltende Kraft und die Violinen spenden einfach keine „Herzenswärme“, was in diesem Satz als ein noch schwerwiegenderer Mangel erscheint als im Kopfsatz. An Differenzierungsvermögen fehlt es nicht, man merkt jederzeit, dass an dieser Einstudierung gründlich gefeilt wurde. Die Oboen klingen sehr hart und schmal, was für die Freunde des guten Holzbläserklangs vielleicht auch ein entscheidendes Manko darstellen könnte. Auf der Habenseite stehen: Saubere Intonation, absolute Präzision und glasklarer Klang. Es wird zwar langsam gespielt, dennoch will der Satz keine Ruhe ausstrahlen, es fehlt die spezielle „Bruckner-Aura“.

Im Scherzo darf das Blech der Chicagoer wieder richtig brillieren (im Zusammenklang mehr als bei den einzelnen Soli), wobei die Hörner wieder einmal stark gegenüber Trompeten und Posaunen abfallen. Ansonsten wirkt alles bestens austariert. Allerdings wirkt das Spiel dann auch wenig spontan. Bei uns wird weder die Assoziation des nächtlichen Spuks noch eine alpine Jagdszenerie hervorgerufen.

Ähnlich wie in der Darbietung Karajans macht das Finale einen (innerlich) wenig bewegten Eindruck. Das Finale soll ja „Bewegt, doch nicht zu schnell“ gespielt werden. Die Bewegung bezieht sich hier eher auf äußerliche Faktoren. Die auffallende akribische Genauigkeit lässt den Satz fast in viele Einzelteile zerfallen. Es fehlt an drangvoller Dramatik, wobei Bruckner selbst daran nicht ganz unschuldig ist. Manchmal klingts es wie im musikalischen Versuchslabor. Mitunter herrscht aber auch einfach „Leerlauf“. Das fällt bei Solti ziemlich stark auf. Bei dieser Einspielung lässt es sich, bei aller orchestraler Klasse, hören, warum es die Sinfonie so lange so schwer hatte sich bei Dirigenten, Orchestern und Hörern durchzusetzen. Wenn man Keilberth oder Klemperer hört, verblasst die Chicagoer Orchesterbrillanz ziemlich stark. Perfektion alleine ist anscheinend auch bei Bruckner nicht genug. Zumal wenn man dermaßen darauf hingewiesen wird wie in dieser Einspielung. Als ob Solti zeigen wollte, dass sein Orchester das „perfekteste“ ist.

Der Klang der Aufnahme erscheint viel klarer und deutlicher als bei der wahrscheinlich als direktes Konkurrenzprodukt produzierten Aufnahme mit Herbert von Karajan. Die Violinen klingen hell, obwohl es sich gerade noch so, wie bei Karajan um eine Analogaufnahme handelt. Die Dynamik ist ausgezeichnet. Der Sound des Blechs ist voll und dynamisch. Einen besonders weiten Klangraum und „Kathedralen-Akustik“ hört man nicht. Unsere CD stammt aus dem CD-Würfel „The Analogue Years“. Dafür, dass man Deccas Fertigkeiten bei Analogaufnahmen demonstrieren wollte, klingt sie schon fast zu digital.

 

Man kann Soltis Aufnahme auf YouTube als Video oder aber als gerippte CD finden, die Links haben wir unten zum bequemen Auffinden angeführt.

Als Video:  https://www.youtube.com/watch?v=tDy9pQ7TpQU

Als gerippte CD: https://www.youtube.com/watch?v=tWuzI59xJig

 

 

3-4

Rémy Ballot

Oberösterreichisches Jugendorchester

Gramola

2016, live

18:26  21:03  10:04  17:51  67:24

Wie die Einspielung mit Valery Gergiev wurde auch diese Gramola-Aufnahme in der Stiftsbasilika Sankt Florian, in der Bruckner seine letzte Ruhestätte unter der Orgel (!) gefunden hat, aufgenommen. Rémy Ballot spielte als Geiger über zehn Jahre im Orchester der Wiener Staatsoper und war einer der letzten Schüler Sergiu Celibidaches. 2013-2024 war er Conductor in Residence der Brucknertage in Sankt Florian. Derzeit ist er „Conductor in Residence“ der „Richard-Strauss-Tage“ in Garmisch-Partenkirchen.

Rémy Ballot orientiert sich bei seiner Tempowahl sowohl an seinem ehemaligen Lehrer, vor allem auch an der stark nachhallenden Akustik der Stiftsbasilika. Er übertrifft seinen Lehrer sogar nach an zeitlicher Ausdehnung bei allen Sätzen, Celibidache musste aber auch nur auf die Tücken der Akustik in der Münchner Philharmonie Rücksicht nehmen. Der Mut Ballots zu einer individuellen Gestaltung nötigt Respekt ab, wenn man das Ergebnis auch nicht in allen Bereichen als gelungen bezeichnen kann. Das Orchester macht angesichts der Tatsache, dass es sich um ein regionales Jugendorchester handelt einen sehr guten Eindruck, sodass man es kaum glauben kann, selbst wenn das Durchschnittsalter bei 17-18 Jahren liegt.

Man kommt dem „Majestoso“ der Satzüberschrift nahe wie in kaum einer anderen Einspielung. Das langsame Tempo erweist sich aber auch als zwingend nötig um bei dem langen, fast schon echobildenden Nachhall Überlagerungen zu vermeiden. Das Klangbild verstärkt die Erhabenheit einiger Passagen vorteilhaft, andererseits hemmt das sehr langsame Tempo jedoch auch den stringenten Fortgang. Dass Ballot mit seinem Tempo Rücksicht auf die Spielfähigkeit seines jungen Orchesters nimmt ist denkbar aber unwahrscheinlich. Dazu klingt es zu gut und leistet sich kaum Fehler oder hat nur wenig Intonantionaprobleme. An Klangvolumen bleibt es jedoch hinter Celibidaches Münchner Philharmonikern zurück (was allerdings für die meisten Orchester unseres Vergleiches ebenfalls gilt), auch an Eloquenz des Solistischen. Das Orchester besticht aber häufig durch filigrane, zarte Artikualation, die ff - oder fff-Eruptionen gelingen nicht ganz so überzeugend, wobei da die Akustik ebenfalls ein limitierender Faktor darstellt. Da stört der Nachhall schon deutlich. Es kommt im Verlauf nur gelegentlich zu Präzisions-Mängeln, auch im Zusammenspiel z.B. Hörner-Streicher. Die hallende Akustik erleichtert das Zusammenspiel auch nicht gerade.

Der langsame Satz, das Adagio, kommt den Befindlichkeiten der Akustik besser entgegen als der Kopfsatz. Vice versa. Nun nimmt man sich Zeit sehr entspannt zu musizieren. Das bereitet der musikalischen Transzendenz, die sich in diesem Satz ereignen könnte, einen guten Nährboden. Da geht es jetzt sehr bedächtig und sehr gemächlich voran. Sehr klangschön (Streicher!) und sehr feierlich. Es wird in hypnoseähnlichen Klangwellen gesteigert. Das erscheint als eigene Sichtweise und wird nicht jedem gefallen. Bedenken wir doch, eine Autorität wie Klemperer benötigt für den Satz gerade einmal 14 ½ Minuten, d.h. 6 ½ Minuten weniger. So wie die jungen Leute den Satz spielen, könnte es sich auch um eine mit Liebeskummer versehene Liebeserklärung handeln. Da muss man ja auch manchmal einen Trauermarsch bemühen. Natürlich ist die Musik so vom Zerfall in Einzelteile bedroht, aber wir bemerkten keinen. Und wenn doch, dann gehört er vielleicht auch zur Gestaltung dazu. Allerdings muss man sich auf die Sichtweise aktiv einlassen, sonst könnte es auch langweilig werden. Innig klingt es, auch breit im Duktus und schlank in der Phrasierung und im Klang. Mitunter wird sogar Stillstand riskiert. Der Satz wirkt noch viel langsamer als es die Zeit suggeriert und der Vergleich mit Celibidache eigentlich vermuten ließe.

Das Scherzo zeigt leider eine Verflachung der Dynamik. Da gibt es kaum einen Unterschied zwischen dem p von Holz und Streichern zum ff des Gesamtorchesters, da müsste einfach mehr kommen. Vielleicht hat man Sorge, ein impulsives ff könnte bereits zu einer Überlastung der Akustik führen. So wird aber dem Satz viel von seiner eigentlich vorhandenen Lebendigkeit genommen. Das fff des Blechs bietet ebenfalls kaum eine Steigerung.  Das klingt dann kaum lauter als ein einfaches f der Hörner. Eine marcato-Spielanweisung des Blechs verpufft vollends in den unendlichen Weiten der Basilika. Das Trio klingt nun sehr langsam, wird aber mit viel Wärme gespielt. In diesem Satz fällt es sehr schwer sich eine tänzerische Bewegung vorzustellen, die die Bezeichnung noch verdient hätte. Hinzu kommt, dass es auch noch konturenarm klingt. Das Orchester spielt nach wie vor recht sicher.

Die innere Unruhe und das Suchen, das man in anderen, zügigeren Einspielungen im Finale hören kann, wird nun bereits durch das Tempo ausgeglichen. Es bleibt zwar trotzdem suchend, aber das Tempo sorgt nun doch für eine gewisse Langatmigkeit. Es heißt zwar „Bewegt. Doch nicht zu schnell“ aber nicht „Bewegt. Ruhig und langsam.“ So langsam, dass die Bewegung fast erstarrt. So kann man zusammenfassen: Guter erster Satz, auf seine Art ziemlich beeindruckender zweiter, dritter und vor allem vierter Satz allzu schwerfällig. Insgesamt wird das musikalische Gewicht etwas einseitig auf Durchdringung des geistigen Gehaltes und auf die meditative Seite des Werkes gelegt.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr weiträumig, geradezu ausufernd. Weich, räumlich, der Aufnahme mit Gergiev und den Münchnern nicht ganz unähnlich. Diese entstand ebenfalls in der Stiftsbasilika. Bei Ballot klingt es jedoch luftiger aber auch stärker hallend und noch etwas distanzierter. Trotzdem transparent und nur selten verunklart. Es könnte sonorer klingen, während es an Glanz kaum fehlt. Das Holz wirkt gegenüber den Streichern häufiger mal akustisch benachteiligt. Ansonsten ist die Balance zufriedenstellend.

 

3-4

Andris Nelsons

Gewandhausorchester Leipzig

DG

2018, live

16:31  19:33  8:21  14:34  58:59

GA Andris Nelsons spielte seinen Bruckner-Zyklus in den Jahren 2017-23 ein, einschließlich der „Nullten“. Man wurde also zum Bruckner-Jahr trotz der Corona-Einschränkungen bequem fertig. Die Aufnahme der Sechsten erfolgte zehn Jahre nach der Aufnahme mit Herbert Blomstedt. Dieses Mal wurde die Hilfe des MDR nicht beansprucht, die DG vergab den Aufnahmeauftrag in die Niederlande. Das renommierte niederländische Tonstudio Polyhymnia wurde mit der gesamten Aufnahmetechnik und dem Engineering betraut. Wem es noch nicht aufgefallen ist: Sämtliche Recording-Jobs werden mittlerweile an externe Dienstleister, spezialisierte Tonstudios oder freiberufliche Tonmeister vergeben. Die DG unterhält gar kein eigenes Team mehr dafür. Deshalb gibt es auch so unterschiedliche Endergebnisse. Obwohl Polyhymnia auch für Pentatone viele Aufnahmen erstellt (beide Firmen gehören sozusagen zusammen) klingt es dieses Mal bei der DG erneut nicht gerade überragend. Es fehlt also nicht nur die eigene Handschrift. Polyhymnia nimmt auch für Decca, Sony oder Soli Deo Gloria auf,

Schon im Maestoso klingt das Orchester relativ wenig aufgelichtet. Obwohl man wohlwollend zur Kenntnis nimmt, das erste und zweite Violinen sich gegenübersitzen, wirkt vor allem das Holz wieder leise und „unwichtig“. Das Blech sitzt wieder komplett links, wie auch die Bässe und die Celli. Das Orchester wartet prinzipiell mit keinem anderen Bruckner-Klang auf als bei Blomstedt, doch wirkt der Satz nicht so schlüssig, sondern etwas zerfahren, es fehlt zwar nicht an Schwung, aber der innere Zusammenhang und die durchgehende Spannung. Da wird mal zu lange verweilt, dann wird mal zu schnell beschleunigt, dann wird man mit Ungeduld gedrängt. Man hört zwar berückend schön gelungene Details, insgesamt klingt es jedoch weniger klar, episodischer und schwerfälliger als bei Blomstedt.

Das Adagio wirkt teilweise gedehnt, wodurch ebenfalls Spannung verloren geht. An schmerzerfüllten Details fehlt es nicht und teilweise klingt es auch intensiv. Das Gewandhausorchester spielt nicht schlechter als bei Blomstedt, bietet sogar sehr ausgeweitete dynamische Kontraste. Es klingt aber meist schwerfälliger. Man höre nur einmal Haitink, Wand oder auch die Aufnahme Herbert Blomstedts, da wird der Satz souverän zusammengehalten. Ein Adagio sollte eben nicht den Charakter eines Largo annehmen.

Das Scherzo wirkt zwar recht kraftvoll und dynamisch aber auch zahm. Das Trio dann sehnsüchtig aber auch etwas schwerfällig. Insgesamt kein großer Wurf.

Das Finale erklingt mit frischem Schwung. Die Tristan-Anklänge wirken deutlich und werden anmutig gespielt. Bei den leisen Passagen kann man ein sich Verlieren beobachten, was aber nicht unsympathisch wirkt. Es geht damit ein leichter Spannungsabfall einher, aber es klingt feinfühlig. Die Posaunen in der Coda klingen prall und durchsetzungsfähig.

Die antiphonisch geteilten Violinen erfreuen, aber insgesamt klingt das Orchester distanziert und nicht immer ganz transparent, gerade für so eine neue Aufnahme.

 

3-4

Roberto Paternostro

Württembergische Philharmonie Reutlingen

Antes, Membran, Documents

2003, live

16:32  19:07  8:39  14:38  58:56

GA Dieser Zyklus wurde 1997-2006 erstellt. Mit der „Nullten“ und dem Te Deum. Aufgenommen wurde in der Basilika Weingarten. Roberto Paternostro war Schüler von Hans Swarowsky, György Ligeti und Christoph von Dohnanyi. Später assistierte er bei Herbert von Karajan. Er war 1991-2000 GMD der Württemberger Philharmonie, 1997-2007 GMD des Staatstheaters Kassel und 2009-2013 Musikdirektor des Israel Chamber Orchestra.

Das Maestoso wirkt vorwärtsdrängend und dramatisch, auffallend dicht. Das Blech spielt kantig und kommt wahrscheinlich weniger subtil beim Hörer an als es gedacht war. Das Zusammenspiel wirkt nicht gerade traumwandlerisch sicher und die Homogenität der Violinen erscheint nicht immer gänzlich gewährleistet. Dabei sollte die immens hallende Akustik eher gnädig wirken als entlarvend. Das Engagement des Orchesters ist davon unbenommen. Rau klingende Passagen und kleinere Intonationsmängel sind ebenfalls nicht zu überhören.

Das Adagio erinnert besonders deutlich an die Einspielung von Rémy Ballo aus Sankt Florian. Die sakrale Atmosphäre schlägt voll durch und mag das langsame, getragene Tempo sicher mit beeinflusst haben. Damit die ausgesprochen lange anhaltenden Hallfahnen die Musik nicht mit Echos überlagern ist ein langsames Tempo angeraten. Im Adagio ist es ja sowieso gewünscht, aber andere Dirigenten kommen eben auch mit 14 ½ Minuten aus. Leider klingt es auch noch diffus und die Streicher rau, nie seidig oder vollkommen homogen und wenig sonor. Es mag sein, dass sie auch zahlenmäßig schwächer besetzt sind. Kein guter Vergleich also gegenüber den Spitzenorchestern aus Berlin, Amsterdam, München oder Wien, die dann immer zudem noch in ihren Konzerthäusern mit hervorragender Akustik aufgenommen werden. Auch Holz und Blech erreichen nicht das Niveau der angesprochenen Konkurrenz. Die Akustik neigt dazu, die Musik verschwimmen zu lassen. An Partitur-Treue fehlt es nicht.

Im vergleichsweise zügigen, ja schnellen Scherzo müsste der Nachhall dann eigentlich erbarmungslos zuschlagen. In den Pausen könnte man die Sekunden zählen, die sich der Nachhall in der Basilika aufhält. Seltsamerweise bleibt die Musik davon relativ unbeteiligt. Das Orchester kann seine Qualitäten nun sogar ungestörter zeigen, den Violinen merkt man die mangelnde Sonorität kaum noch an und das Blech kann sich austoben. Mit seinem Tempo nähert sich der Dirigent der Grenze des noch vertretbaren an. Im ziemlich spärlich instrumentierten Trio gibt es gar keine Detailverluste, wohl aber Problem mit den Hörnern. Das Scherzo fällt dem Orchester leicht und so klingt auch die Musik. Leicht und enthusiastisch.

Im Finale wird eine eigentlich weite dynamische Spannweite aufgefahren und die Darbietung wirkt spannend. Angesichts der akustisch mehr als schwierigen Umstände, die man jedoch vielerorts für die Musik Bruckners besonders geeignet hält, macht Roberto Paternostro noch das Beste. Allen, die Bruckner in einem sakralen Rahmen hören wollen sei die Aufnahme empfohlen, denn der Preis der Gesamtaufnahme war damals unerreicht günstig und wenn man gut aufpasst kann man sie auch heute noch antiquarisch als Schnäppchen erwerben.

Der Klang der Aufnahme ist sehr resonant. Meist aber nicht allzu hallig. Da gehen die Geschmäcker immer wieder weit auseinander. Für unsere Ohren klingt es ziemlich unausgewogen, allerdings abhängig von der Lautstärke. Im pp und p klingt die Aufnahme sehr atmosphärisch und transparent. Im ff dominieren die Trompeten allzu sehr, sodass man fast ein nie komponiertes Trompetenkonzert von Anton Bruckner hörn kann. Fünf Sekunden Nachhall sind ein Problem. Es wurde in unseren Ohren nicht vollständig gelöst.

 

3-4

Valery Gergiev

Münchner Philharmoniker

MPhil

2019, live

16:36  17:47  8:36  14:59  57:58

GA Auch dieser Zyklus von Bruckner-Sinfonien (1-9) wurde in der Stiftsbasilika Sankt Florian eingespielt. Obwohl auch die Münchner Philharmoniker auf eine lange Bruckner-Tradition zurückblicken können (beginnend mit Hermann Levi, und Ferdinand Löwe mit dem ersten Bruckner-Fest; dann kam Siegmund von Hausegger mit der Uraufführung der Neunten, Weingartner, Kabasta, Rosbaud, Fritz Rieger und Kempe waren alle keine Bruckner-Verächter. Zu neuen Höhen kam es dann mit Sergiu Celibidache, Thielemann und als Gast Günter Wand) wurde der erste Zyklus erst 2017-2019 mit Valery Gergiev eingespielt. Dieser war Chef des Orchesters 2015-22. Das Arbeitsverhältnis wurde vorzeitig aufgelöst, weil sich der Dirigent nach dem russischen Überfall auf die Ukraine nicht von der Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin distanzierte.

Das Maestoso beginnt bei Gergiev langsam und bedächtig, ohne Nachdruck, so als ob die Musik keiner Direktive die über die Koordination des Zusammenspiels hinausgehen folgen würde. Jeder Eindruck von Eile wird vermieden. Das Orchester klingt voll, weich und rund. Es verbindet eigentlich alle Attribute, an denen man ein gutes Bruckner-Orchester erkennen kann auf sich. Dennoch klingt es seltsam wenig expressiv und glatt. Und dem Spiel haftet eine gewisse Trägheit an. Fließen lassen heißt die oberste Devise, nicht Spannung. So fehlt es an Dramatik, Dynamik und Lebendigkeit. Die Musik wirkt reduziert. Auch der Phrasierung geht Nuance und Charakter verloren, manchmal klingt es wie schlecht nachgeahmter Celibidache. Der erste Satz wirkt so ziemlich träge und monolithisch, einzig auf die Klangschönheit des Orchesters abgestellt. Es fehlt an Innenspannung, schöner Klang reicht nicht. Im Verlauf klingt die Musik etwas farbiger und ein wenig kontrastreicher. Man höre sich einmal die Keilberth-Aufnahme und diese hier an, dann lässt sich ermessen, wie unterschiedlich Bruckner klingen kann.

Das Adagio wird im Prinzip auf dieselbe Art musiziert wie der Kopfsatz. Ein möglichst klangschönes Strömen lassen mit guter Balance zwischen Streichern und Blech. Bei Thielemann (Wiener Philharmoniker) oder Blomstedt (Gewandhausorchester), nur um einmal zwei zeitnahe Vergleichsaufnahmen zu nennen, wirkten die Orchester noch besser verzahnt. Es fehlt erneut an Expressivität und man spürt kaum einmal einen individuellen Zugriff, sodass der Satz etwas gesichtslos erscheint. Als ob das Orchester, das sein Bestes unternimmt, ziemlich alleingelassen worden wäre. Aber der ätherische Schluss gefällt ohne Wenn und Aber.

Das Scherzo wirkt nun plötzlich deutlich weniger distanziert aufgenommen. Es klingt nun viel dynamischer, aber auch hallender. Anscheinend wurden zweierlei Konzerte zusammengeschnitten. Nun klingt das Spiel (nicht nur weil es jetzt das Scherzo ist) auch bewegter, recht pointiert und recht bedrohlich. Das ganze Orchester klingt nun brillanter. Das Ländler-Trio wäre wohl recht langweilig geraten, wenn die Hörner nicht so gelungen intervenieren würden. Das Scherzo gefällt bis jetzt deutlich am besten.

Das Finale wirkt recht bewegt, doch kaum unruhig oder gar nach einer Lösung suchend. Alles wird in derselben Art, möglichst klangschön aber in demselben unverbindlichen Gestus durchgespielt. Es fehlt an Kontrasten und es fehlt einfach an Lebendigkeit. Am Ende bleibt ein fader Beigeschmack.

Dieses Mal klingt es ganz anders aus der Stiftbasilika als bei der Aufnahme von Rémy Ballot. Zwar immer noch weiträumig, aber die Kirchenakustik wirkt gebändigt, kaum noch hallend und nicht mehr diffus. Die Staffelung ist in Ordnung, es klingt farbig und luftig. Die Dynamik ist allerdings recht schwach ausgeprägt. Lang andauernden Nachhall hört man nur nach den Schlussakkorden, nicht währenddessen die Musik spielt. Was heute alles möglich ist.

 

 

 

3

Daniel Barenboim

Chicago Symphony Orchestra

DG

1978

16:30  18:10  8:43  14:30  57:53

GA Daniel Barenboim hat den Zyklus der Sinfonien drei Mal aufgenommen. Das erste Mal mit dem Chicago Symphony Orchestra 1972-81. Das zweite Mal mit den Berliner Philharmonikern 1990-97 (Teldec) und das dritte Mal mit der Staatskapelle Berlin 2010-12 Universal).  Bei der Aufnahme zur Sechsten in der Orchestra Hall 1978 war er 36 Jahre alt, als Bruckner-Dirigent immer noch sozusagen ein „Grünschnabel“.

Im Maestoso hat er sich das akribische Absenken der Dynamik im p-Bereich anscheinend von den Einspielungen Herbert von Karajans abgeschaut. Auffallend ist im anderen Extrem das völlig hemmungslose Abfeiern eines jeden ff oder fff. Dann hört man nur noch Blech. Und Episode reiht sich an Episode, einen übergreifenden Bogen hört man kaum einmal. Es gibt auch keinen übergreifenden Spannungsaufbau. Das CSO spielt nicht so detailgenau wie bei Solti, dessen Aufnahme nur ein Jahr später aufgenommen wurde. Die Pauke ist allerdings selbst im fff kaum zu hören (zumindest einmal bei N), so laut spielt das Blech. Das „Bedeutend langsamer“ bei B oder P wird kaum spürbar. Wir nehmen hier an einer kleinteiligen Sicht auf den ersten Satz teil, es gibt ein ständiges Auf und Ab, ohne dass ein Ziel spürbar werden würde. Und fast immer feiert das Blech nach jeder Episode ordentlich ab. Das klingt für sich genommen gar nicht einmal schlecht aber als Ganzes kann man keinen rechten Sinn darin erkennen. Der Klang der Hörner wirkt sehr schön und weich z.B. ab W und die Trompeten strahlen wunderbar, das muss man dem Orchester schon lassen und alles klingt mühelos, wie bereits bei Solti weiter oben erwähnt auch dieses Mal im sportlichen Sinn.

Im Adagio klingen die Oboen wie bei Solti arg piepsig. Das Tempo, objektiv gar nicht einmal so langsam, wirkt doch so, als wäre man dem verschleppen nah, denn der Zusammenhang scheint wie im Kopfsatz bedroht. Die Streicher ab B klingen viel zu laut, für sie war ein p von Bruckner vorgesehen. Sie klingen jedoch homogen und strahlend, was allerdings keinen Grund darstellt die Dynamik nach eigenem Gusto anzupassen. Übrigens: Bei Barenboim klingen die Streicher erheblich wärmer und etwas voller als ein Jahr später bei Solti. An keiner Stelle treibt Barenboim die Entwicklung voran, immer hört man nur einzelne „schöne Stellen“. Nebenstimmen werden nicht ausdrücklich hervorgehoben.

Das Scherzo erklingt weniger akzentuiert, immer wenn es möglich ist glänzt das Blech, das wie eigens dazu gemacht, immer aus dem Gesamtklang herausfällt. Dessen Exzellenz ist unbestreitbar, aber muss man damit wie hausieren gehen?  Als ob man immer die Scheinwerfer aufblendet. Ein profiliertes Marcato ist bei Blechbläsern dieser Güte kein Problem. Die vier Hörner sind bestechend intonationssicher. Genauso wie die Imposanz der Posaunen und der Strahl der Trompeten. Das ist alles sehr gut und klangschön gespielt, aber aufregend, gespenstisch oder unheimlich klingt es nicht.

Bewegt doch nicht zu schnell ist die Tempobezeichnung des Finales. Es wirkt aber eher wenig bewegt. Es gibt keine Unterschiede zwischen pp und ppp bei den Streichern bei T. 10 und erneut wird wieder jedes ff und fff abgefeiert, man glaubt kaum wie vorhersehbar und ermüdend das auf die Dauer gesehen klingt. Das Ganze immer in gleißender Perfektion. Nebenstimmen werden erneut kaum einmal zum Leben erweckt. Auch hier stockt es immer mal wieder und der Satz zerfällt in Episoden. Lauter bedeutet auch fast immer schneller. Das CSO gibt sich wie eine Horde gleich angezogener Leistungssportler.

Der Klang der Aufnahme, wie die Soltis noch analog eingespielt, zeigt das Orchester sehr transparent und gut gestaffelt. Die Violinen klingen deutlich angenehmer als bei Soltis Decca, nämlich nicht ganz so hell und dünn. Man hat die amerikanische Sitzordnung eingenommen mit rechts positionierten Celli. Der Gesamtklang wirkt ebenfalls wärmer als bei Solti und er ist sehr dynamisch.

 

3

Gennadi Roshdestwensky

Staatliche Kapelle des Kultusministeriums der UdSSR

Melodija, BMG, Venezia

1984

16:06  16:05  8:27  15:32  56:10

GA Gennadi Roshdestwensky hat seine Gesamtaufnahme, die auch schon Alternativ- und Frühfassungen mit einbezieht, in den 80er Jahren in Moskau aufgenommen. Die Aufnahme zur Sechsten entstand im Sudio der Staatlichen Radio- und Fernsehanstalt. Sie ist die einzige Aufnahme eines sowjetischen Dirigenten, wenn man einmal von Gergiev in München absieht in unserer Liste. Mrawinsky, seinerseits ein hochgeschätzter Bruckner-Dirigent, hat die Sechste zeitlebens ignoriert und von Swetlanow ist uns keine Aufnahme bekannt.

Die Hörerwartungen werden in dieser Aufnahme schon beim Majestoso gründlich gegen den Strich gebürstet aber was sich zu Beginn noch interessant anhört nutzt sich sehr schnell ab. Da klingt das höchst präsent abgebildete Holz messerscharf und auch das Blech wird enorm dicht aufgenommen und bläst uns sozusagen direkt ins Ohr. Und zwar mit dem üblichen silbrig-scharfen Klang, den man damals von sowjetischen Orchestern zu hören bekam. Besonders die Schärfe der messerscharf klingenden Trompeten und der rau klingenden Violinen (letzteres ganz ähnlich wie bei der Württembergischen Philharmonie) konterkariert dabei den weichen, runden Klang, an den man sich hierzulande längst gewöhnt hat und den man bei Bruckner zu schätzen gelernt hat. Seltsamerweise ist die Sozialisierung des Orchesterklangs bei Schostakowitsch anders abgelaufen. Da weiß man den sowjetischen durchaus zu schätzen. Die Polyphonie wird bei Roshdestwensky gut abgebildet. Das Hören des Majestoso ist weniger ein Genuss als ein Hörabenteuer. Der scharfkantige Klang will bei Bruckner einfach nicht als authentisch durchgehen. Musikalisch wirkt die Darbietung eigentlich hoch emotional und dramatisch, passagenweise auch theatralisch und übertrieben. Weihrauchbelastet ist nichts und die Musik kann eigentlich klar durchatmen. Wenn es nur nicht so rau und scharf klingen würde, würde man vielleicht die packend und triumphal klingenden Trompeten, die mächtig und kraftvoll aufspielenden Hörner und Posaunen gerne in Kauf nehmen.

Das Adagio wird zügig und kontrastreich gespielt, da wird keine Messe zelebriert und keine Andacht oder Meditation abgehalten. Die Musik wirkt emotional aufgepeitscht. Die Violinen, durchaus homogen, zahlreich besetzt und ordentlich mit Nachhall versehen klingen schrill und erbarmungslos intensiv (aber nicht auf eine angenehme Weise) und das Blech blitzt grell und scharf auf anstatt matt oder sanft zu schimmern. Der packende, allerdings allzu derbe Zugang Roshdestwenskys dürfte in der Diskographie einzigartig sein.

Beim Scherzo hört man Holzbläser-Stimmen, die bisher kaum aufgefallen sind, kein Wunder die spielen ganz nah vor der Nase des Hörers und alle anderen Instrumente scheinen weit hinter ihnen zu spielen. Das Scherzo erklingt mit Schwung und äußerster Kraftentfaltung. Die normale Balance im Orchester erscheint auf den Kopf gestellt.

Im Finale klingt das Blech mit den extrem knackig klingenden Trompeten gleichwohl ungemein aufdringlich. Lästig werden vor allem die drahtig klingenden Violinen, die noch nicht einen Hauch Wärme ausstrahlen. Die Wiederkehr des Hauptthemas aus dem ersten Satz in der Coda des letzten klingt selten so klar und hymnisch wie hier.

Der Klang der Aufnahme bietet Trockenheit (manchmal) und langen Nachhall (häufiger) in einem. Höchste Präsenz beim Holz und beim Blech und sehr weit zurückgesetzte Streicher. Das Hinterste wird nach vorne geholt, das Vorderste rückt ab. Verkehrte Klangwelt.

 

Dank Addiobelpassato kann man auch diese eigentlich rare Aufnahme im Netzt anhören.

https://www.youtube.com/watch?v=1zAn73DAfO4

 

 

3

Hubert Reichert

Westfälisches Sinfonieorchester Recklinghausen (heute: mit dem Philharmonischen Orchester Gelsenkirchen aufgegangen in der Neuen Philharmonie Westfalen)

Vox, Mediaphon, Turnabout, Adora, Zyx

Ca. 1963

16:52  16:18  9:45  16:05  59:00

Diese Aufnahme sollte ungefähr zu der Zeit entstanden sei, in der die Aufnahmen von Keilberth und Klemperer aufgenommen wurden. Auf keiner Ausgabe haben wir ein Aufnahmedatum entdecken können. Hubert Reichert, der zu jener Zeit Chefdirigent des Orchesters war, hat anscheinend noch mehr damals randständiges Repertoire für Vox aufgenommen. So gibt es auch die Zweite Bruckners aber auch die „Ländliche Hochzeit“ von Goldmark, das Stabat Mater von Dvorak und die Jenaer Sinfonie Beethovens mit ihm.

Im Maestoso hören wir Violinen mit Strahlkraft, die jedoch nicht ganz homogen klingen. Insgesamt gelingt es jedoch, einen passablen, im Gegensatz zu Roshdestwensky, authentisch klingenden Bruckner-Klang zu erzeugen. Im Rhythmus kann man nicht genau die Triolen und die Punktierungen unterscheiden. Die Intonation des Blechs wirkt manchmal schwerfällig und es klingt nicht immer intonationssicher. Der Beginn wirkt sehr zügig, bei B erfolgt eine sehr starke Verlangsamung der 2. Themengruppe von ca. 66 auf 33 Schläge, das dürfte so ziemlich die stärkste Verlangsamung der Diskographie sein. Der Vorteil: Da das Tempo halbiert wird, kann der gleiche Puls beibehalten werden. Das gelingt dann auch elegant, aber führt zu einem Spannungsabfall. Das mag auch der Grund sein, weshalb die von Bruckner gewünschte starke Verlangsamung kaum ein Dirigent realisiert. Wenn Bruckner den Satz zu Lebzeiten gehört hätte, dann hätte er das „Bedeutend“ bei „Bedeutend langsamer“ vielleicht wieder gestrichen. Reichert zieht das Tempo dann bei Y wieder an, womit er es lange durchhält. Richtig wäre es gewesen, wenn er erst ab Z wieder beschleunigt hätte, da steht nämlich eigens „Tempo wie anfangs“. Bei Z gibt es bei Reichert erneut eine ordentliche Beschleunigung. Obwohl Reichert die gleiche Zeit benötigt wie Keilberth, wirkt es bei Reichert immer mal ein bisschen schleppend. Und schön ausgehörte Passagen stehen neben provinziell verwackelten. Abschließend gibt es nicht gerade aufgebauschtes, sehr leichtgängiges und sogar eine leicht Stretta-artig beschleunigte Coda.

Im Adagio klingen die Violinen doch arg dünn und „ausgefranst“. Dennoch gelingt eine gefühlsstarke Darbietung und der am besten gelungene Satz der Darbietung aus Recklinghausen. Der Glanz des Blechs wirkt immer ein wenig brüchig. Gegenüber den beiden schnellen Lesarten der damaligen „Mitbewerber“ Keilberth und Klemperer bietet Reichert eine deutlich langsamere, einem tatsächlichen Adagio eigentlich gerechter werdende. Das Tempo ist aber nicht alles.

Das Scherzo bringt Reichert ähnlich langsam wie Hans Rosbaud, dem er immerhin den Stereoton voraushat. Es klingt nun jedoch weniger energetisch und nach wie vor durch den provinziellen Klang der Violinen beeinträchtigt, während die Hörner einen ganz guten Eindruck hinterlassen. Ansonsten klingt es ganz gut, wenn auch ohne jede Finesse. Die Trompeten klingen nun glanzvoller als in den beiden Sätzen zuvor.

Im Finale beginnt Reichert recht breit und verfolgt dann Bruckners Anweisungen nur andeutungsweise. So entwickelt sich insgesamt ein leicht rhapsodisch wirkender Verlauf, der nicht unbedingt der Partitur entspricht. Mit abrupten Wendungen, wo man nicht unbedingt damit rechnet. In Summe wirkt es etwas unorganischer als bei den Besten. Durch das mittelmäßige Spiel und den mittelmäßigen Klang könnte man in dieser Einspielung den Eindruck gewinnen, dass auch die Sinfonie Bruckners eine mittelmäßige wäre. Mittelmäßiger als die drei Vorgänger und mittelmäßiger als die drei Nachfolger. Das Blech (vor allem die Hörner) kommen vor allem wegen ihrer Intonation und des Zusammenspiels nicht über Provinzniveau hinaus. Man muss aber wissen, dass damals viele Orchester noch provinziell geklungen haben, von denen man das heute nie und nimmer vermuten würde. Das Niveau der Orchester hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gesteigert.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr klar, offen und transparent, was sich leider im ff des Tutti deutlich verschlechtert. Es klingt recht dynamisch aber wenig klangsinnlich. Es klingt aber weit besser als damals von der LP.

 

Auch hier kann man dank Addiobelpassato, YouTube und Internet die Aufnahme anhören:

https://www.youtube.com/watch?v=HrhxHRall74

 

 

 

Die historischen Mono-Aufnahmen

 

5

Wilhelm Furtwängler

Berliner Philharmoniker

Melodija, Music and Arts, Andromeda, Tahra, Pristine

1943, live

16:21  7:36  12:24  36:21

Dies ist die älteste zumindest teilweise erhaltene Aufnahme der Sechsten. Wilhelm Furtwängler konnte sich wie Solti oder Karajan nach ihm nur wenig mit der Sechsten anfreunden. Obwohl er in Anton Bruckner einen der größten Sinfoniker sah, der für die Ewigkeit schuf. Er verehrte ihn als „mystischen“ Komponisten und fungierte zeitweise als Präsident der Deutschen Bruckner-Gesellschaft. Dirigentisch prägte Furtwängler das Bruckner-Bild durch hochdramatische, emotionale Aufführungen maßgeblich. Er schätzte Bruckners Geisteshaltung, der abseits des Zeitgeistes dachte und seine Werke als transzendentale „kosmische Ordnungen“ begriff und fühlte sich mit seinen Werken eng verbunden. Das heißt vor allem mit den Sinfonien Nr. 4, 5, 7 und 8. Er übte die Sechste erst kurz vor der Rundfunkübertragung ein und führte sie danach nie wieder auf. Daher ist dieses Dokument ohne erhaltenen ersten Satz leider das einzige Dokument dieses Werkes mit Furtwängler als Dirigent. Die Magnetbänder dieser Aufzeichnung des Reichsrundfunks wurden nach dem Fall Berlins durch die Rote Armee als eine Art Beutekunst nach Moskau verbracht und dort viele Jahre später als Melodija-LP veröffentlicht. In den 80er Jahren dann als CD. Erst in den 1990er Jahren, als Gorbatschow an der Macht war und Perestroika herrschte, wurden die erbeuteten Bänder wieder zurückgegeben. Es geht die Legende, dass die Aufnahme (vielleicht auch nur des Adagios) nach dem Tod Hitlers erneut über den Rundfunk ausgestrahlt worden wäre, weil dieser die Sechste zu Lebzeiten besonders gemocht hätte. Das erscheint uns unglaubwürdig, denn im Dritten Reich war die Sechste genauso unbeliebt wie später noch weitere viele Jahrzehnte. Hitler sah allerdings in Bruckner – der wie er aus Oberösterreich stammte – ein missverstandenes Genie und projizierte seine eigene Biografie in dessen mühsamen künstlerischen Aufstieg. Die Nationalsozialisten machten Bruckner neben Richard Wagner und Ludwig van Beethoven zu einem Kernpfeiler ihrer Musikpropaganda.

Dass das Band mit dem Maestoso auf dem Weg nach Moskau irgendwie verloren gegangen ist, ist ein Jammer. Die Darbietung des Adagios ist eine der lebendigsten und dramatischsten der gesamten von uns gehörten Diskographie. Es hört sich enorm kurzweilig, packend und spannend an. Es wird fließend und ergreifend gespielt. Diese Art der Darbietung hätte Schule machen können, ja müssen. Er erklingt als absolutes Meisterwerk zum mehrfachen Wiederhören dringend empfohlen.

Das Scherzo strotzt nur so, oder besser glüht oder brennt nur so vor Energie, Drang, ja Lust. Da ist wahrlich Feuer drin. Die Hörner im Trio sind nicht einmal sattelfest. Es klingt aber ungeheuer leidenschaftlich und elektrisierend. Ob man da mehr Bruckner oder mehr Furtwängler hört? Wer will das schon entscheiden. Wir denken, dass Bruckner von der Darbietung – wie wir – begeistert gewesen wäre. Andere mögen sie als übertrieben abtun.

Zu Beginn wird das Finale nicht zu schnell angegangen. Der Weckruf des Blechs (hat man den Einsatz jemals zuvor als Weckruf empfunden) entfesselt jedoch Impulsivität und Drive. Hat man in irgendeiner Aufnahme einmal eine dermaßen entfesselte Pauke gehört? Wir können uns nicht daran erinnern. Beruhigung gibt es bei D. Jederzeit, ob bei einem ff oder fff, was beides übrigens sehr deutlich unterschieden wird, lodert das Feuer mit großer Energie und Leidenschaft. Man vergleiche einmal diese mittels eines alten Live-Mono-Tons eingefangen glühende Leidenschaften mit den in den Aufnahmen von z.B. Ballot oder Barenboim, dem man ja eine große Furtwängler-Nähe nachsagt, festgehaltenen, dann kann man sofort die Sonderstellung Furtwänglers ermessen. Da tun sich Welten auf. Für uns ist es völlig unverständlich, warum Furtwängler die Sinfonie nur dieses eine Mal aufgeführt hat, sollte sein Erfolg mit seinen Favoriten (7,8,9) so viel größer gewesen sein? An seiner eigenen, wenn, dann nur von ihm so empfundenen mangelnden Kompetenz kann es nicht gelegen haben. Anscheinend lag ihm was daran oder darin quer. Die starken Kontraste beziehen sich nicht nur auf die Dynamik, sondern genauso auf die Tempogegensätze. Stürmisches Finale mit loderndem Brio. Atemberaubend, singulär, zum Niederknieen. Anders will man danach die drei Sätze der Sinfonie eigentlich gar nicht mehr hören.  

Anders als mit den musikalischen Höhenflügen verhält es sich mit dem Klang der Aufnahme, der bei Andromeda einen relativ unbehauenen Eindruck macht, Es rauscht ungeniert laut, klingt aber offener und ein klein wenig dynamischer als bei Music and Arts. Letztere wirkt rauschunterdrückt und störungsreduziert was zu den bekannten Folgen führt, dass die Musik weniger lebendig klingt. Der Klang wirkt aber viel besser ausbalanciert und wäre so für den heutigen Hörgeschmack vermutlich besser geeignet. Definition der einzelnen Instrumente und -gruppen, auch der Basswiedergabe und erstaunlich: Die bei Andromeda reichlich vorhandenen Störgeräusche des Publikums erscheinen bei Music and Arts kaum noch zu hören. Vielleicht bietet Pristine eine nochmals verbesserte Klangaura dieser Aufnahme? Wir konnten sie leider nicht hören.

 

Hier kann man die drei vorhandenen Sätze hören und zugleich die Partitur verfolgen. Scheint werbefrei.

https://www.youtube.com/watch?v=yewhb8XWzuE

 

 

5

Georg Ludwig Jochum

Linzer Bruckner-Reichsorchester des Deutschen Rundfunks (heute: Bruckner Orchester Linz)

Urania, Dante, Lys, Forgotten Records

1944

13:51  17:26  8:06  12:02  51:25

Das Reichs-Bruckner-Orchester Linz wurde 1942 in Sankt Florian aus dem Städtischen Sinfonieorchester Linz und abkommandierten Musikern aus verschiedenen Orchestern aus dem damaligen Deutschen Reich (z.T. zwangsweise) rekrutiert in erster Linie zur Pflege von „Anton Bruckners Lebenswerk“. Das große Projekt Hitlers, der ja selbst aus Oberösterreich stammte, war ja Linz zur “Reichskulturhauptstadt“ zu machen ganz analog zu Bayreuth nur eben als Pilgerstätte zum Werk Bruckners, statt Wagners. Der jüngere Bruder von Eugen Jochum, Georg Ludwig Jochum, Schüler u.a. von Siegmund von Hausegger, der der Musik Bruckners ebenso verbunden war wie sein Bruder, sollte das neue ca. 120köpfige Orchester leiten. Er war bereits mit 23 Musikdirektor in Münster, danach in Frankfurt und Plauen. GMD in Linz war er von 1940-45. Nach dem Krieg war er auf Lebenszeit GMD der Duisburger Symphoniker (heute: Duisburger Philharmoniker). G.L. Jochum wurde 1937 Mitglied der NSDAP 1941 jedoch wieder rausgeworfen, weil er seine Beiträge nicht bezahlte.

Es wurde unter Studiobedingungen aufgenommen. Das Reichs-Bruckner-Orchester wurde 1945 vom Hochkommissar der US-amerikanischen Besatzungstruppen aufgelöst und steht nicht mit dem heute existierenden Bruckner Orchester Linz in Verbindung, wenngleich mehr als nur einige der Musiker des einen in dem anderen Orchester erneut eine Anstellung gefunden haben dürften..

Vielleicht hätte so oder so ähnlich das verloren gegangene Maestoso in Wilhelm Furtwänglers Aufnahme geklungen? Die Herangehensweise wirkt besonders leidenschaftlich, ungemein drängend und detailreich. Drängender als sein Bruder Eugen, mit dem wir allerdings kein Dokument als 35jährigem Dirigent der Sechsten kennen. Für heutige Verhältnisse wirken die Tempi teils ungemein zügig. Trotzdem klingt es detailreich. Obwohl nicht wirklich dynamisch (die Aufnahme ist ja auch von 1944) wirkt sie so dynamisch wie kaum eine andere, nicht zuletzt, weil die Musik ungemein lebendig wirkt, wie unter Strom gesetzt. Spannung und Entspannung werden deutlich unterschieden. Insgesamt herrscht jedoch ein enormes Spannungspotenzial mit geradezu herausbrechenden Blechbläser-Eruptionen. Oft geht das Crescendo mit einem Accelerando einher. Der erste Satz wird mit einem hymnusartigen Strahlen hochgradig erregt abgeschlossen. Diese Glorie, so meint man, wird von der Coda des Finalsatzes nie erreicht werden können.

Das Adagio wirkt sehr feierlich und getragen, emotional stark aufgeladen und leider stärker übersteuert als im Kopfsatz. Die Verzerrungen machen sich bereits im p der Streicher bemerkbar. Diese Verzerrungen nehmen der Musik Kontur, Dynamik und natürlich in erster Linie Klangschönheit. Nur im p bleibt sie von technischen Unzulänglichkeiten unbeeinflusst. Im Verlauf bessert sich dieser betrüblich stimmende Zustand jedoch. Soweit hörbar erreicht man eine starke Versenkung in die Musik, aber Georg Ludwig Jochum vergisst nie die Zeit wie Remy Ballot 72 Jahre später. Übrigens soll die Einspielung 1944 in Wien und nicht in St. Florian stattgefunden haben. Die Akustik macht auch überhaupt nicht den Eindruck, dass es einen überlangen Nachhall vor Ort gäbe.

Im Scherzo hört es sich dann doch nach der Stiftsbasilika St. Florian an. Der Klang bleibt aber doch konkreter, besser fasslich. Der musikalische Zugriff erfolgt äußerst kraftvoll. Das Blech spielt sogar etwas sicherer als die Berliner unter Furtwängler, das war aber auch live, hier in Wien herrschen Studiobedingungen. So strahlend wie die Berliner spielen sie jedoch nicht und nicht so eruptiv. Die Idylle im Trio wirkt spannend.

Leider kapituliert die Technik des Reichssenders Wien gegenüber der angelieferten Dynamik des Linzer Orchesters im Finale komplett. Und leider blendet man sich ein paar Sekunden zu spät in die Aufnahme ein. Man entwickelt nicht ganz den Elan Furtwänglers und die Temposchwankungen sind nicht ganz so stark und mitreißend. Man spielt jedoch sehr ausdrucksvoll, sehr wechselhaft und immer noch sehr temporeich. Auch bei ihm gibt es das mit einem Accelerando verbunden Crescendo, wie bei Furtwängler und wie bei seinem Bruder Eugen. Wenn das gekonnt gemacht ist, wäre es beckmesserisch, einen Groll dagegen zu entwickeln. So kann man Brisanz oder ein Überstürzen gut ausdrücken. Andere Zeiten, andere Sitten. Der Gestus des Suchens, des Misslingens, der Melancholie, des vergeblichen Anrennens, das wird bei Herrn Jochum sehr gut deutlich gemacht. Und des Drängens in der Coda.

Die lauteren Passagen klingen mal leichter, mal stärker verzerrt. Es gibt deutliches Grundrauschen. Teilweise klingt es erstaunlich transparent, was aber leider schwankt. Die Aufnahme wirkt erstaunlich dynamisch. Es gibt kein knacken oder schleifen, woran man erkennen kann, dass man auf das Magnetband des Rundfunks zurückgreifen konnte.

 

Hier kann man diese Einspielung anhören, Werbeeinblendungen sind möglich.

https://www.youtube.com/watch?v=fyLeXHR2WxA

Hier könnte man sich die Aufnahme sogar runterladen, der Bruckner-Seite von John F. Berky sei Dank.

https://www.abruckner.com/downloads/downloadofthemonth/february13/

 

 

4-5

Volkmar Andreae

Wiener Symphoniker

Amadeo, Music and Arts

1953

14:15  15:31  8:27  12:17  50:30

GA Volkmar Andreae (1979-1962) war von 1906-49 Dirigent des Tonhalle Orchesters Zürich. Anschließend arbeitete er freiberuflich und nahm seinen Wohnsitz in Wien. Er ist auf Tonträger fast nur noch mit Bruckner vertreten. Sein Enkel Marc Andreae ist übrigens ebenfalls Dirigent. Lange blieb sein Einsatz für Bruckner für nachgeborene Generationen unbekannt, da die vom Österreichischen Rundfunk im Studio produzierten Aufnahmen aller Sinfonien eigentlich gar nicht zur Veröffentlichung auf Tonträger bestimmt waren. Obwohl nicht für den Tonträger produziert stellen die Aufnahmen des ORF de facto im Nachhinein aber doch die erste Gesamtaufnahme der Bruckner-Sinfonien dar, Auf eine Veröffentlichung auf CD mussten die Aufnahmen bis 2009 warten. 

Die Wiener Symphoniker nahmen die Sechste ein Jahr zuvor bereits mit F. Charles Adler auf. Demgegenüber schlägt Andreae im Maestoso ein deutlich schnelleres Tempo an und lässt die Musik quirliger und dramatischer erscheinen. Seine Lesart wirkt eher unruhig mit ungestümen Ausbrüchen, bei denen er das Blech der Symphoniker richtig fordert. Da gelingt manches nicht mit letzter Vollendung. Bei Andreaes Tempo gelingt es besser die Formteile zusammenzuhalten, obwohl er die unterschiedlichen Tempi sehr gut deutlich macht. Bei ihm wird mehr oder weniger alles einem machtvollen, rhythmusbetontem, lebendigem Drängen untergeordnet. Äußerst kraftvoller Schlusshymnus mit einem besonders lakonisch-trocken wirkenden Schlussakkord. „Keck“ oder „kühn“ könnte sich in dieser Interpretation des Notentextes noch mit am ehesten nachvollziehen lassen.

Im Adagio machen die Wiener Oboen noch deutlicher auf sich aufmerksam als bei Adler hier klingen sie noch mit ihrer ursprünglich-traditionellen Klangaura. Im zügigen Tempo, ganz ähnlich wie bei Haitink 2017 oder Keilberth 1963 macht er vor allem dem Trauermarsch „Beine“, es klingt so natürlich, nie schleppend und es wird ihm nicht viel an Erschütterung genommen. Die Darbietung macht stets einen hellwachen Eindruck und vereint Drama und Lyrik auf gelungene Art und Weise.

Im Scherzo bevorzugt Herr Andreae das mittlerweile etablierte, mittlere Tempo. Langsamer als Furtwängler oder Georg Ludwig Jochum. Es wirkt entspannter als bei den beiden und im Ausdruck gemäßigter.

Im Finale geht es dann wieder straff und trocken zu, sehr zügig und spannend mit teils überraschend schnellen Passagen., bei denen sich die Ereignisse fast überstürzen. Das klingt sehr dramatisch im Gestus sogar bis ins Aufgebrachte gesteigert. Dabei klingt es wenig theatralisch, ganz ähnlich wie noch bei Furtwängler und G. L. Jochum, ohne die beiden (insbesondere Furtwängler) ganz zu erreichen. Wir nehmen Teil an einem Wechselbad der Gefühle, bei denen man nur selten und wenn, dann nur kurz einmal zur Ruhe kommt. Nicht zuletzt wegen der heftigen Blechattacken.

In dem Jahr seit der Aufnahme mit Adler ist die Aufnahme offener, dynamischer, etwas transparenter und farbiger geworden. Die Violinen klingen noch ein wenig drahtig und dünn. Von „richtiger“ Transparenz sind wir jedoch noch weit entfernt.

 

Auch diese Aufnahme kann bei YouTube gehört werden:

https://www.youtube.com/watch?v=dMr4L_vvE54

 

 

4-5

Hans Müller-Kray

Südfunk-Sinfonieorchester Stuttgart (zwischenzeitlich: Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (des SWR zusätzlich seit der Senderfusion 1998 mit dem SWF) und schließlich seit der Fusion mit dem Ochester aus Baden-Baden und Freiburg 2016: SWR-Sinfonieorchester)

Hänssler

1962

16:31  16:05  7:55  14:37  55:08

Diese Aufnahme der Sechsten entstand zu einer Zeit, als es noch so gut wie keine LPs mit ihr gab, ein Jahr vor der Keilberth- und zwei Jahre vor der Klemperer-Aufnahme. Und auch diese Einspielung war nur als zu Sendezwecken entstanden und um das Archiv zu füllen. Das war nämlich noch im Aufbau begriffen. Es ist verständlich, dass man die alten Archive der heutigen Öffentlichkeit zugänglich machen will. Nicht in jedem Fall trifft man dabei ins Schwarze, manchmal sind auch „graue Mäuse“ mit dabei. Hans Müller-Kray wurde nach dem Krieg noch von der amerikanischen Militärregierung ernannt. Er sollte Chefdirigent von 1948 bis zu seinem Tod 1969 bleiben.

Das Maestoso wirkt romantisch, recht gemächlich (obwohl dieser Eindruck wirklich relativ ist) und weniger poliert wie man das in späteren Darbietungen hören kann. Im Vergleich zum Nachbarsender SWF ist man jedoch durchweg zügiger unterwegs als Hans Rosbaud nur ein Jahr zuvor. Beim Repertoire-Aufbau kochten die beiden Sender jeweils noch ihr eigenes Süppchen, kein Wunder, man konnte nur in einem recht kleinen Sendegebiet sein Programm verbreiten. Satelliten gab es noch keine. Die Streicher klingen nicht so dünn als bei Rosbaud und „seinem“ Sinfonieorchester des SWF. Das Blech befindet sich dieses Mal in Stuttgart in besserer Verfassung (das war auch schon umgekehrt), obwohl auch das Blech, genau wie das Holz, die Partitur noch nicht völlig verinnerlicht haben. Man zeigt aber bereits großes Einfühlungsvermögen in die Klangwelt Bruckners. Die Violinen spielen mit großer Intensität, sie neigen bei höherer Lautstärke jedoch zur Schärfe, was wir der Aufnahmetechnik zuschreiben. Das Blech klingt dann entsprechend schrill. Im p-Bereich fehlt noch das Differenzierungsvermögen. Das Orchester spielt aber besser, als es uns die Aufnahme weismachen möchte, denn es spielt dieses Mal auch unter seinem Chef bewegend und spannungsreich. Der Schlussakkord wirkt provozierend lapidar.

Auch im Adagio lässt Müller-Kray zügiger spielen als Rosbaud, jedoch bewegt und teils romantisch aufwallend. Die Spannung kann gehalten werden. Der Satz wirkt wie der erste durchaus inspiriert.

Das Scherzo erklingt zügig und sehr bewegt mit einem knackig und frisch klingendem Blech. Das ist ein Scherzo im ursprünglichen Sinn der Wortbedeutung: Scherzhaft. Wenn dabei aber jemand tanzen sollte, dann Geister, Gespenster oder andere alptraumhafte Gestalten. Hübsch anzusehende Paare sicher nicht. Im Scherzo könnte die Aufnahme von Furtwängler Pate gestanden haben. Die wird aber kaum jemand gekannt haben, ausschließlich damalige Konzertbesucher oder damalige Radiohörer.

Der Beginn des Finales wirkt bewegt, auch Müller-Kray verlangsamt beim 2. Thema deutlich, da er die Haas-Ausgabe benutzte, wie Rosbaud und viele andere auch, könnte es sein, dass an dieser Stelle ein entsprechender Vermerk erscheint. In unserer später erschienen Nowak-Ausgabe steht davon eigentlich nichts, es war jedoch damals üblich, dass der Dirigent ein Gesangsthema auch mal verlangsamen darf, ohne dass explizit was vermerkt ist. Müller-Kray lässt in diesem Satz (in der Sechsten überhaupt) erstaunlichen Impetus erkennen, er wirkt aber auch sensibel. In Sachen Vorwärtsdrang fällt er gegenüber Furtwängler und Georg Ludwig Jochum etwas zurück.

Der Klang der Aufnahme ist nicht überall gleich. Ab T. 143 klingt es nicht mehr so dünn wie zuvor. Es klingt etwas präsenter und sonorer als bei Rosbaud 1961, ähnlich präzise und ähnlich transparent im Stimmenverlauf. Die Unterschiede sind nicht groß. Die Rosbaud-Aufnahme klingt jedoch insgesamt ausgewogener.

 

4-5

Hans Rosbaud

Sinfonieorchester des SWF, Baden-Baden (später nach der Fusion der Sender SDR und SWR 1998: SO des SWR Baden-Baden und Freiburg und schließlich nach der Fusion der Orchester 2016: SWR-Sinfonieorchester)

SWR Music

1961

16:20  18:15  9:40  13:69  58:14

Eine Erkrankung Rosbauds hat es verhindert, dass auch noch die letzte noch nicht eingespielte Bruckner-Sinfonie (die Erste) aufgenommen werden konnte. So können wir bei Hans Rosbaud keine GA vermelden. Der Termin stand schon fest. Aufgenommen wurde im heute sogenannten Hans-Rosbaud-Studio.

Das Majestoso macht einen hochkonzentrierten Eindruck, während das Orchester präziser spielen könnte. Die Rücknahme des Tempos für das zweite Thema von ca. 52 auf 33 Schläge pro Minute könnte man wohl als mustergültig bezeichnen. Es erfolgt direkt und ohne vermittelndes Rallentando. Umgekehrt, wenn er ins vorherige Tempo zurückkehrt, stellt sich Sogkraft ein. Die Violinen klingen, als könnten sie stärker besetzt sein, zumindest klingen sie ein wenig dünn und das Blech erscheint nicht immer ganz sicher. Trotzdem stellt sich das gewünschte „Bruckner-Feeling“ ein, kraftvoll, entschlossen, tiefgreifend. Mit dem gewissen Drang den seine Kopfsätze mitbringen und dem Einschlag ins Heroische oder Majestätische. Das klingt nicht unromantisch. Der Schlussakkord klingt kurz aber nicht übermäßig trocken.

Die Streicher insbesondere die Violinen fühlen sich im Adagio hörbar wohler als im turbulenteren Kopfsatz. Es klingt nun nicht mehr so anämisch, etwas wärmer, etwas voller und mit besserer Intonationssicherheit. Das Tempo ist langsam, der Gestus jedoch immer spannend, die Gestaltung sehr ausdrucksvoll. Das Holz verfügt ebenfalls noch nicht über die Klangfülle späterer Jahre. Stets spürt man die straff führende Hand des Dirigenten. Er verbindet eine geschärfte, klare Gestaltung mit hoher Partitur-Treue. Er vermeidet Pathos ohne in pure Sachlichkeit abzugleiten. Die Klangtechnik lässt das Orchester weniger voll und nur wenig seidig glänzend erscheinen, ohne allzu nüchtern zu wirken.

Der dritte Satz wurde verschiedentlich als Scherzo inmitten Ruinen bezeichnet. Wenn das Bild tatsächlich als zutreffend gelten soll, dann bei Hans Rosbaud. Alptraumhaft klingt es jedoch ebenfalls.  Im Klang wirkt die Musik karg, im Rhythmus metrisch, daher die Assoziation mit den Ruinen. Das Holz klingt nicht immer ganz deutlich. Das Hörnerquartett wirkt nicht immer ganz souverän. Es geht nur langsam vorwärts, schwerfällig wirkt es jedoch nicht. Irrlichtend wirkt es jedoch nicht, dazu ist das Tempo zu langsam.

Im Finale nimmt Rosbaud wie im Kopfsatz einen Tempowechsel beim Eintritt des 2. Themas vor von dem, wie bereits mehrfach erwähnt nichts in der Partitur steht. Es gibt nur wenig Attacke bei den ersten ff von Trompeten und Hörnern. Die Violinen zeigen wieder die Schwächen aus dem Kopfsatz. Bei M (bedeutend langsamer) wird es ebenfalls wieder richtig langsam. Ab T. 207 wird das Tempo leidenschaftlich angezogen (davon steht in unseren Novak-Ausgabe ebenfalls nichts drin). Das Orchester spielt nicht perfekt, aber es wirkt vertraut mit der Sinfonie. In der Coda wird das Hauptthema des Kopfsatzes mustergültig hervorgehoben, dabei merkt man, dass die Posaunen alles geben. Das reißt dann doch noch mit. Eine schnörkellose Interpretation, die sich sehr viel Mühe gibt Bruckners Gedanken, die nur teilweise in der Partitur stehen, vollumfänglich umzusetzen.

Dies ist eine typische Rundfunkaufnahme aus den späten 50er oder frühen 60er Jahren mit einer leichten Trockenheit aber bereits guten Transparenz. Meist sind sie blass, dieses Mal etwas farbiger und sogar recht dynamisch und sogar einigermaßen luftig. Das Holz klingt generell nur leise und zurückgesetzt. Man hätte der Darbietung einen vollen, satten Bruckner-Klang wie beispielsweise bei Celibidache in München oder bei Haitink in Amsterdam (2018) gewünscht.

 

Diese Aufnahme wurde, wie viele andere auch freundlicherweise von Ulrich Dünnebach bei YouTube eingestellt:

https://www.youtube.com/watch?v=bYlcXBsMxr4

 

 

 

4

Otto Klemperer

Concertgebouw Orchestra Amsterdam

Andromeda, Music and Arts

1961, live

17:10  12:33  8:31  12:00  50:14

Auf Otto Klemperers Verhältnis zur Sechsten Sinfonie Bruckners sind wir bereits bei der Besprechung seiner Aufnahme mit dem Philharmonia Orchestra eingegangen, die er 1964 für EMI aufgenommen hat. Sie war für Klemperer eine der bevorzugten Bruckner-Sinfonien. Legge wollte sie aber nicht produzieren etc. (siehe oben). Es gibt auch noch eine Aufnahme mit dem BBC Symphony Orchestra, live, ebenfalls monaural und ebenfalls von 1961. An diese Aufnahme sind wir leider nicht rechtzeitig herangekommen. Hätten wir nur mal auf YouTube nachgeschaut, da hätte sich die Chance dazu ergeben: Derzeit ist die BBC-Aufnahme hier zu finden, aber Vorsicht, es könnte überlaute Werbeeinblendungen geben.

https://www.youtube.com/watch?v=mgggUyaeZVI

Wenn es eine exzentrische Bruckner-Einspielung der Sechsten gibt, dann ist es die Amsterdamer. Zumindest einmal, wenn es um das Adagio geht, das wohl das schnellste der gesamten Diskographie sein dürfte. Wahrscheinlich das Schnellste aller Zeiten. Bei ersten Satz ist Klemperer in London und Amsterdam etwa gleich langsam, ja da steht er eher auf der langsamen Seite. In Amsterdam wirkt es noch träger als in London, sodass sich nicht mehr sofort ein Majestoso ergibt. Bei B wird Klemperer, und das ist ja eigentlich ein „Hammer“, statt bedeutend langsamer sogar bedeutend schneller. Der Stimmenverlauf wirkt trotz bescheidener Klangtechnik klar, das Orchester erweist sich als motiviert und im Verlauf stellt sich dann doch eine gloriose Erhabenheit ein. Der Eindruck einer bei heutigen Darbietungen bei diesem Tempo schon einmal vorkommenden schlaffen Trägheit stellt sich bei Klempere nicht ein. Der Klang der Violinen zeigt, durch das Monoklangbild schon beeinflusst, eine schöne ausdrucksvolle Weichheit. Das Blech hat Strahlkraft spielt aber nicht gerade perfekt. Es gibt immer mal wieder Intonationsprobleme, es klingt aber weder spitz noch scharf. Bei M geht Klemperer tatsächlich auf genau das lähmende Tempo des Beginns zurück. Konsequent ist er, auch wenn er seinen eigenen Kopf hat. Bei P gibt es wieder dasselbe Spiel wie bei B. Also: Deutlich schneller statt deutlich langsamer. Bei der EMI-Aufnahme wird daraus ein: „ganz sicher mal nicht deutlich langsamer“, aber immerhin auch kein deutlich schneller. Der ganze Satz wird mit der ganzen Autorität Klemperers gegeben. Da gäbe es nichts anzuzweifeln, wenn man nicht selbst in die Partitur schauen würde.  Es beschließt eine monumentale Hymne.

Ganz im Gegensatz zum Kopfsatz ist das Tempo im Adagio, d.h. in diesem Fall im sogenannten Adagio noch zügiger als in London 1964, das schnellste Adagio der ganzen (gehörten) Diskographie. Selbst die HIP-Anhänger Norrington und Venzago denken nicht an so ein schnelles Tempo im 2. Satz. Ganz anders als in London ´64 kommt das Holz nur unzulänglich durch. Allerdings klingt die Amsterdamer Oboe nicht ganz so dürr wie in London. Die Violinen zeigen hohe Strahlkraft. Selbst bei C Largo sieht sich Herr Klemperer zu keiner Verlangsamung seines Andante-Tempos veranlasst. In unseren Ohren kommt Klemperer nicht an die Eindringlichkeit seiner EMI-Aufnahme heran. Und bei Celibidache, um nur einmal einen Vertreter der Langsam-Fraktion zu wählen. tut sich eine ganz andere Welt auf.

Auch das Scherzo wirkt schneller als in 1964 London und wie dort im Blech stark und fast schroff akzentuiert. Immer klar und offen. Das Trio wirkt dagegen wie gezogen, die Hörner mit ihrem Marcato viel zu hintergründig und schwach ins Klangbild kommend.

Im Finale, erneut schneller als in London, hat das Blech kleinere Probleme bei den immerhin hörbaren leisen Stellen. Der Gestus des Satzes wirkt unruhig und suchend, er erklingt aber lange nicht mit der Wucht, dem Impetus und der Strahlkraft Furtwänglers. In der Coda haben die Posaunen nicht den Hauch einer Chance sich mit dem Hauptthema des Kopfsatzes durchzusetzen. Von allen anderen Instrumentengruppen (Trompeten und Hörnern!) und von den Violinen hört man mehr.

Die Monoaufnahme klingt leicht verhangen. Der Rundfunk-Mitschnitt bietet nur wenig Dynamik und klingt nur wenig farbig. Die Transparenz dagegen ist ganz gut. Klanglich ist die 64er EMI Klemperers deutlich vorzuziehen. Immerhin klingt die Amsterdamer Aufnahme störungsfrei und kaum gepresst, wie es bei älteren Mitschnitten Klemperers aus Amsterdam schon mal der Fall sein kann.

 

Hier kann man Klemperers Amsterdamer Aufnahme hören.

https://www.youtube.com/watch?v=S2KgrRinFb4

 

 

4

Christoph von Dohnanyi

Sinfonieorchester des NDR (heute: NDR Elbphilharmonie Orchester)

Somm

1961, live

15:41  17:57  9:13  14:44  57:35

1961 stand das Hamburger Orchester noch unter der Leitung von Hans Schmitt-Isserstedt, Christoph von Dohnanyi wird erst 2004-11 Chefdirigent des Orchesters werden. Zur Zeit der Aufnahme war er der damals jüngste GMD Deutschlands (was auch immer dieser Titel eigentlich zu bedeuten hat) in Lübeck (1956-63). Er war gerade einmal 32 Jahre jung und stand fast noch ganz am Anfang seiner beruflichen Karriere. Seine zweite Einspielung in Cleveland ist klanglich und vom Orchesterspiel deutlich überlegen und auch was die dirigentische Souveränität anlangt, so scheint Herr Dohnanyi im Laufe des zwischen den beiden Aufnahmen liegenden Dirigentenlebens noch dazugewonnen zu haben.

Dennoch ist die von Somm im Rahmen ihrer Gesamtedition aufgenommene Aufnahme hörenswert. Das Majestoso wirkt zügig, straff und hochkonzentriert. Beim zweiten Thema, dem Gesangsthema, bremst auch von Dohnanyi nur leicht ab, wird also nicht „bedeutend“ langsamer, wie es Bruckner in der Partitur vermerkt. Wobei man immer wieder darüber sinnieren könnte, was in diesem Zusammenhang „bedeutend“ überhaupt vermitteln soll. Er achtet aber auf eine lyrisch-kantable Phrasierung, was schon viel wert ist. Das Orchester zeigt sich noch nicht mit der heute von ihm gewohnten Perfektion und Klangfülle. Es gibt Unsicherheiten beim Holz („es klappert“) und Blech, nicht nur bei den Hörnern. Man bemerkt, dass die Sinfonie damals noch ungewohnt für die Orchester war und die Probezeit häufig noch nicht ausreichte. Der junge Dirigent (was sind 32 Jahre für einen Bruckner-Dirigenten?) hält den Satz gut zusammen und vermeidet es, Hektik in die Musik zu tragen, auch wenn das Orchester noch ein wenig nervös scheint. In der Coda wird das Tempo verbreitert.

Das Adagio erzeugt eine angemessene Weiträumigkeit, musikalisch gesehen, nicht klangtechnisch, Ruhe und Erhabenheit in Tempo bzw. Gestus. Man lässt tiefe Melancholie und Trauer zu und zieht die Linien lang ohne an Spannung einzubüßen. Den Satz über erweist man sich als geduldig, denn man wird weder schneller, noch büßt man weiter an Tempo ein, man hält das Tempo durch. Höhepunkte werden ohne Accelerando mit Würde und Größe erreicht. Die Streicher, immer besonders auffällig die Violinen, zeigen bereits hohe Meriten, denn sie klingen bereits weich, ja seidig und homogen.

Das Blech hat sich seit dem Majestoso im Scherzo merklich gesteigert und mittlerweile Topform erreicht. Das Tempo wirkt gediegen, der Rhythmus wirkt tänzerisch betont. Es wirkt nicht schwerfällig, ist aber nahe dran. Das strahlende Blech spielt dagegen an. 1991 in Cleveland werden die Tempi zügiger werden und die ganze Darbietung wird in allen Bereichen durchperfektioniert sein. Das Trio erhält trotz seiner Langsamkeit etwas Schwebendes, die Hörner wirken leider im Mono-Klangbild etwas zu domestiziert. Bruckner wird beim Tempo wörtlich genommen.

Das Finale beginnt mit einem rasant wirkenden, jugendlich-frischem Tempo, ff und fff sind gut voreinander zu unterscheiden. Bei D nimmt von Dohnanyi das Tempo raus, wie viele andere Dirigenten auch, obwohl es keine Handlungsanweisung Bruckners dazu gibt. So klingt es zweifellos anmutiger. Die Übergänge gestaltet der junge Dirigent bereits gekonnt und fließend, es kommt zu keinem Spannungsabfall oder sogar Spannungsabriss. Die Musik klingt durchaus dramatisch und feurig bewegt. Auch das Lyrische gelingt ihm überzeugend. Die Tempomodifikationen werden beherzigt. Bei der Coda kommt es wie im Kopfsatz zu einer deutlichen Verbreiterung um der späteren Ankunft des Hauptthemas aus dem Kopfsatz Gewicht zu geben. Dies ist eine bereits ausgereift und lebendig wirkende Darbietung des Finalsatzes, die das Konzertpublikum hörbar begeistern konnte.

Die Monoaufnahme klingt transparent, auch im ff des Tutti gibt es keine Dröhn-Effekte, die Dynamik ist ordentlich. Für einen 65 Jahre alten Radiomitschnitt in der damals in Deutschland noch üblichen Mono-Technik klingt es durchaus respektabel.

 

4

Frederick Charles Adler

Wiener Symphoniker

Music and Arts, Tahra

1952, live

16:13  17:10  10:39  14:21  58:23

Adler wurde 1889 als Sohn eines amerikanischen Vaters und einer bayrischen Mutter in London geboren. Er wuchs in München auf und nahm Klavier-, Musiktheorie- und Dirigentenkurse an der dortigen Königlichen Musikakademie bei Felix Mottl und Gustav Mahler, zu dessen Musik er sich ganz besonders hingezogen fühlte. Bis 1911 war er Assistent Mottls an der Münchener Oper. Adler war als Chorleiter an der Münchener Uraufführung von Mahlers 8. Sinfonie beteiligt. Im Ersten Weltkrieg wurde er im Internierungslager Ruhleben gefangen gehalten. Nach dem Tod von Mottl und Mahler wirkte er als Dirigent bei Wagnerfestspielen und Brucknerkonzerten in ganz Europa, Nord- und Südamerika. Von 1924 bis 1933 wirkte er als Dirigent für Radio Berlin und war gleichzeitig Musikdirektor bei der UFA. Er emigrierte 1933 nach New-York, wo er einerseits als Rundfunkdirigent und andererseits als Produktionsleiter im Musikverlags- und Schallplattenwesen tätig war. In den U.S.A. hatte er bereits mehrere Bruckner-Zyklen dirigiert, bevor er seine Aufnahmen in die Wege leitete. Mit den Wiener Symphonikern war er sehr vertraut, denn er arbeitete ziemlich oft mit ihnen zusammen, nicht zuletzt wurden viele in den U.S.A. produzierten Klassik-Aufnahmen der Nachkriegszeit in Wien aufgenommen. Das soll damals noch besonders günstig gewesen sein. Seinen Lebensabend verbrachte Adler ebenfalls in Wien. Herr Adler ist der einzige Dirigent unserer Liste, der die Hynais-Doblinger Edition von 1899 zu seiner Darbietung nutzte. Sie galt damals bereits als fehlerhaft und eigentlich hätte er in jedem Fall die Hass-Ausgabe von 1935 nutzen können oder vielleicht schon die Nowak-Ausgabe, die jedoch erst im Jahr der Aufnahme erschien. Heute macht diese Entscheidung die Aufnahme eher noch interessanter, obwohl im Falle der Sechsten keinerlei neue Kompositionen oder auch nur Abänderungen Bruckners mit den verschiedenen Ausgaben verbunden sind.

Dem Maestoso gibt Herr Adler eine erhabene und grandiose Aura wieder, die sich über den ganzen Satz kraftvoll und bewegt erhält. Das gelingt ihm besser als in sehr vielen heutigen Darbietungen. Die starken dynamischen Kontraste wirken belebend obwohl ein ruhevoller Grundcharakter erhalten bleibt. Das Orchester wirkt meist sicher und weiß offensichtlich genau, was es tut. Die Coda wirkt grandios, als ob Herr Adler den bei Furtwängler fehelenden ersten Satz hätte ergänzen wollen. Betont kurzer, trockener Schlussakkord.

Im Adagio kommt die Wiener Oboe noch - gegenüber der heute bei den Philharmonikern, aber auch bei den Symphonikern gebräuchlichen Weise – in ihrem ursprünglicheren Klang zur Geltung. Adlers Darbietung ähnelt eher der Aufnahme mit Georg Ludwig Jochum, als der von Furtwängler. Manchmal wird aber auch nur an den Noten entlang musiziert. Poesie und kraftvolle Dramatik kommen aber meist vollauf zu ihrem Recht. Tiefe Versenkung macht dieses Adagio schon so früh in der Aufführungsgeschichte, zu einem lyrischen Meisterwerk. Da sie erst 1990 erstmals auf Tonträger veröffentlicht wurde konnte sie nie in der Breite wirken, genau wie die Aufnahme von Andreae und alle anderen Rundfunkmitschnitte der damaligen Zeit auch. Die ihm vertrauten Symphoniker lassen sehr viel von der Polyphonie Bruckners hören. Adler lässt keinen Stillstand zu, die Musik darf fließen.

Das Scherzo allerdings wirkt gebremst und behäbig. Dies ist mit der Version von Rémy Ballot die langsamste Version überhaupt. Allerdings konturiert Adler viel schärfer und lässt kraftvoller spielen. Mit zupackendem Blech und der dazu passenden Pauke. Das Trio wird ebenfalls ein wenig gedehnt.

Im Finale ist das „bewegt“ in Bruckners Satzbezeichnung eigentlich wichtiger als „nicht zu schnell“. Bei D fällt der veränderte Notentext mal eher auf und ist von einiger Relevanz, ansonsten fallen die Änderungen nur wenig auf. Wie man das bewerten will, als unscheinbar oder elementar, das muss jeder selbst entscheiden. Die Tempounterschiede sind deutlich. Die Symphoniker geben sich keine Blöße.

Wir hören den typischen Mono-Klang der 50er Jahre ohne Knack- oder Schleifgeräusche noch älterer Aufnahmen oder von Überspielungen, die von alten Platten erstellt wurden. Das Magnetband war bereits der Standard. Die Dynamik ist bereits recht weit, sodass sich manche moderne Digitalproduktion davon eine Scheibe abschneiden könnte.

 

Auch diese Aufnahme lässt sich derzeit auf YouTube nachhören:

https://www.youtube.com/watch?v=AaLigjie4EE

 

 

 

Aufnahmen, die mehr oder weniger den Errungenschaften der HIP folgen, sei es bei der Besetzungsgröße, der Phrasierung, dem Vibratoeinsatz, Instrumentarium oder Orchesteraufstellung.

 

 

5

François-Xavier Roth

Gürzenich Orchester Köln

WDR

2023, live

15:53  15:15  8:03  12:40  51:51

Dies ist eine Live-Aufnahme des WDR vom Festival 8 Brücken aus der Kölner Philharmonie. François-Xavier Roth war 2015-2024 Kapellmeister des Gürzenich-Orchesters und GMD der Stadt Köln (Kölner Oper). Seit 2025 ist er Chefdirigent des SWR-Sinfonieorchesters. Zuvor war er bereits der letzte Chefdirigent des Sinfonieorchesters des SWR Baden-Baden und Freiburg, bevor es mit dem Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR fusioniert wurde. Auch in Köln war man bestrebt bis zum Bruckner-Gedenkjahr 2024 (200jähriger Geburtstag Bruckners) eine Gesamtaufnahme aller Sinfonien oder doch der von ihm durchnummerierten von 1-9 fertigzustellen. Es wurden auch eigentlich fast alle aufgenommen nur meinte der Produzent, dass das Produkt nicht mehr verkäuflich wäre. Veröffentlicht sind die Sinfonien Nr. 1 & 2 (veröffentlicht 2024, basierend auf den Urfassungen), die Sinfonie Nr. 3 (erschienen Ende 2023, Erstfassung von 1873), die Nr. 4 (erschienen 2023, in der selten gespielten Urfassung von 1874), Nr. 7 (erschienen 2022) und die Sinfonie Nr. 9 (erschienen im März 2024, klassische dreisätzige Version). Vielleicht nimmt man noch einen Anlauf zur Gesamtveröffentlichung, wenn sich die Wogen wieder geglättet haben. Hintergrund war der vorzeitige Abbruch der Zusammenarbeit Roths mit dem Gürzenich-Orchester Köln. Hinter der unvollständigen Veröffentlichung stehen im Wesentlichen zwei Gründe: Das plötzliche Ende der Zusammenarbeit (Mai 2024) aufgrund der im Mai 2024 veröffentlichten Recherchen des französischen Musikmagazins VAN bzgl. schwerwiegender Vorwürfe wegen sexueller Belästigung. Roth hatte Musikerinnen und Mitarbeitern über Jahre hinweg unaufgefordert intime Nachrichten und Fotos geschickt. Da wollen wir lieber nicht in die Details gehen. Daraufhin entschloss man sich in Köln (auch beim Orchester Les Siècles) zur Trennung. Roth räumte das Fehlverhalten ein und entschuldigte sich öffentlich. Kurz darauf ließ er seine Arbeit in Köln ruhen. Im Juli 2024 wurde sein Vertrag als Generalmusikdirektor der Stadt Köln im gegenseitigen Einvernehmen vorzeitig aufgelöst. Der Aufnahmestopp war die logische Konsequenz. Mit dem abrupten Ende seiner Amtszeit beim Gürzenich-Orchester wurde auch das gemeinsame, auf mehrere Jahre angelegte Bruckner-Aufnahmeprojekt unvollständig abgebrochen. Die Sinfonien Nr. 5, 6 und 8 sowie die frühen Werke (die "Nullte" und die Studiensinfonie) waren zum Zeitpunkt des Bruchs schlicht noch nicht für dieses Projekt fertiggestellt worden. Obwohl die Sinfonien mit Roth als Dirigenten im Konzertrepertoire des Orchesters existierten (man nimmt beim Gürzenich alle Konzerte auf), existieren die fehlenden Teile nicht als fertige Tondokumente für diesen spezifischen Zyklus. So fehlt bei der Sechsten zum Beispiel nur noch die Nachbearbeitung. Im Moment zwar „endgültig“ begraben, lebt das Projekt vielleicht irgendwann doch noch einmal auf. Musikalisch spräche nichts dagegen. Nachhören kann man die Sechste, wenn man die Sendung des WDR nicht selbst aufgezeichnet hat, in der Mediathek des Gürzenich Orchesters. Den Link dazu geben wir unten gerne weiter.

Roth wollte in erster Linie die Modernität der Sinfonien zeigen. Er meint, „dass die Musik Bruckners direkt wirkt auf menschlicher Ebene, auf das Emotionale besonders durch Melancholie, aber auch Freude.“ Kennzeichen der Darbietung sind wie es sich für eine Aufführung, die aus den Erkenntnissen der HIP ihre Schlüsse zieht, vibratoarme Klarheit, trotz schlanker Streicherklänge voller Klang, abgerundetes Blech (das Gürzenich nutzt keine Originalinstrumente), messerscharfe Präzision, federnde Rhythmen, Detailgenauigkeit und eine eher leichte Diktion. Und was vielleicht das Wichtigste ist: Man bleibt undogmatisch, erhält das klassische Maß, tariert die Dynamik fein aus und bleibt inspiriert.

Im zügig und belebt wirkenden Maestoso wird man für das zweite Thema nur wenig langsamer. Es herrscht große Stimmenautonomie, erst die erlaubt die Klarlegung der Polyphonie. Die Stimmenklarheit ist außergewöhnlich und die Korrespondenzen untereinander hörbar. Der Satz ist spannend von A-Z, die Phrasierung wirkt detailreich, es wird in größeren Bögen gedacht. Die Coda folgt als stringenter, abschließender Höhepunkt. Das Orchester spielt geschmeidig und lässt dunkle Farben hören. Insofern muss man die Verbindung von HIP-Elementen und einem tiefgründigen Bruckner-Klang als besonders geglückt bezeichnen. Uns gefällt es so besser als die Versuche von Janowski, Norrington Nézet-Seguin oder Venzago, die in unserer kleinen Liste noch folgen.

Das Tempo des Adagios ist zwar nicht gerade langsam, trägt aber durchaus noch zum feierlichen Gestus bei. Die Oboen klingen voll und sonor. Man bemerkt die HIP-Elemente im langsamen Satz vielleicht noch deutlicher, aber man bleibt diskret und winkt nicht mit dem Zaunpfahl. So aussagekräftig hat man das kantable zweite Thema bei B noch nicht gehört und das dritte bei D ebenfalls noch nicht, fahl und todtraurig mit echten pp, p und mf auf engstem Raum. Da gibt es keine Gleichmacherei. Der Satz klingt in erster Linie bewegt, bewegend und akzentuiert ohne das Ruhevolle außeracht zu lassen. Roth hält den Satz souverän zusammen.

Das Scherzo klingt rhythmisch und kraftvoll mit drängend wirkendem tänzerischem Gestus. Das Trio lässt Roth nicht durchhängen. Referenz bleibt (wahrscheinlich bis in allen Zeiten) weiterhin Furtwängler.

Das Finale erhält ein frisch vorantreitendes, straffes Tempo. Das zweite Thema wird nur wenig im Tempo reduziert. Der Satz erhält wie bei Furtwängler (bei dem noch flammender) etwas prometheisches mit dem ständigen Anrennen und in Form und Sinn bringen wollen. Diese kraftvolle Darbietung vertreibt viele sonst oft spürbaren Längen. Ganz ohne Zaudern und gesanglichem Erzählen kommt natürlich auch Roth nicht aus, das ist werkimmanent. Dank frischem Posaunenklang kehrt das Hauptthema aus dem Kopfsatz triumphal wieder.

Zum Klang der WDR-Übertragung haben wir uns erstaunlicherweise gar nichts notiert, es war der typische Klang der Mitschnitte des WDR aus der Kölner Philharmonie. Er wird jedoch anders klingen als der auf der Website des Gürzenich Orchesters hinterlegte Konzertmitschnitt. Und ganz sicher auch vom Klang der Veröffentlichung auf CD oder Datei vom Label Myrios oder einem anderen Label, falls es je dazu kommen sollte. Schlecht wäre es nicht. Das SWR-Sinfonieorchester bzw. dessen Leitung hat dem Dirigenten ja auch eine zweite Chance gegeben. Und die Öffentlichkeit vergisst schnell…

 

In der Mediathek des Gürzenich Orchesters kann man sich derzeit alle Konzertdarbietungen der Sinfonien 3-9 anschauen. Hoffentlich bleiben sie uns erhalten. Hier ist der Link zur Sechsten:

https://mediathek.guerzenich-orchester.de/de/themen/1/bruckner-zyklus

 

 

5

Pablo Heras-Casado

SWR-Sinfonieorchester

SWR

2024, live

14:34  15:46  8:01  12:52  51:13

Pablo Heras-Casado ist in Sachen HIP sehr bewandert und auch mit Bruckner bereits mehrfach in Erscheinung getreten. So gibt es bereits eine Aufnahme mit Anima Eterna (auf einer veröffentlichten CD) mit der Nr. 4, jedoch nicht von der Sechsten. Mit dem SWR-Sinfonieorchester gibt bereits eine Aufnahme der Messe f-Moll, erschienen gemeinsam mit dem Te Deum.

Es gibt in dieser Aufnahme keine historischen Instrumente, auch bei den Bläsern nicht. Die Darbietung, die wir bei einer Rundfunk-Übertragung kennengelernt haben, klingt hell, gelöst, vital und erfrischend. Auf dem Video kommt das nicht so gut zur Geltung wie bei der Radioübertragung, die über den besseren Ton verfügte. Es klingt farbenreich und obwohl relativ vibratoarm gespielt wird nicht mehr anämisch wie noch in der Aufnahme mit Roger Norrington, der allerdings auf Vibrato komplett verzichtete und dessen Besetzung zudem kleiner wirkte. Die Darbietung wirkt oft tänzerisch inspiriert aber auch erhaben glänzend. Das auftreten nervöser Hektik, die sich gerne einmal einstellt, wenn man ein schnelleres Tempo wählt, wird gekonnt vermieden.

Das Majestoso mit dem Morsezeichen-Rhythmus zu Beginn nur ganz leise, zeigt so keinen Kammerorchester-Effet mehr wie das bei den Aufnahmen von Norrington, Nézet-Seguin oder Venzago tendenziell zu hören ist. Es herrschen klaren Linien vor, das Holz klingt jedoch lange nicht so deutlich wie bei Norrington und das Blech weniger eruptiv. Da bleibt Señor Heras-Casado doch erheblich traditioneller in Klang und Klangbild als Norrington mit dem gleichen Orchester 16 Jahre zuvor.

Das Adagio klingt feierlich, ja hinreichend weihevoll, wenn wir weihevoll mal als Steigerung von feierlich nehmen wollen. Es wird langsam genug gespielt, um die Schönheiten des Satzes kantabel und in großen Bögen darzubieten, denn die Phrasierung wirkt nicht kurzatmig. Beim „Trauermarsch“ darf dann auch mal „richtig“ vibriert werden um das Schmerzvolle zur Wirkung zu bringen. Dabei besonders erfreulich: der dunkel-satte Streicherklang mit hoher Intensität und farbstark, sehr gefühlvoll. Es klingt nun noch mehr nach einem traditionellen Brucknerorchester mit dem warm-aufblühenden Klang, mehr nach Roth und Hengelbrock als nach Norrington und Nézet-Seguin. Der erhabene Bruckner-Klang wird durchaus zur vollen Blüte gebracht.

Scherzo: nicht schnell, Trio: langsam. So wollte es Bruckner und so wird es auch gespielt. Es klingt zwar spukhaft aber nicht elfenhaft wie es bei Mendelssohn wäre. Auch bei Heras-Casado gibt es die kraftvollen Aufbrüche mit teils elementarer Wucht. Der Tanz wirkt also eher von Dämonen bevölkert, bis die Hörner im Trio zur Jagd blasen, dann löst sich der Spuk zumindest einmal zwischenzeitlich in Wohlgefallen auf. Kraftvoller, doch wohldosierter Strahl des Blechs.

Im Finale hören wir sorgfältig vorbereitete spannende Steigerungen und einen besonderen Erzählton, der dem Rubato nicht abgeneigt ist. Das lässt den Satz lebendiger werden. Die Tempomodifikationen wirken meist organisch, nur wenn es der Betonung der Struktur dient, auch mal etwas abrupter. Wir hören einen besonders weichen Posaunenklang, der sich ausgezeichnet mit dem Klang der Hörner mischt.

Die Übertragung via Rundfunk (Satellit) wirkt feiner und plastischer als die Videos aus dem Netz; sie klingt auch transparenter, offener, strahlender und dynamischer. Die Ortbarkeit der einzelnen Schallereignisse gelingt leichter. Im Ganzen wirkt sich der Klang so aus, dass die ganze Aufführung temperamentvoller wirkt. Insgesamt saftiger und sinnlicher. Möglicherweise wurden beim Video auch zwei Konzerte kombiniert, was bei der Ausstrahlung unter echten Live-Bedingungen nicht möglich ist. Das Holz ist lange nicht so auf dem Präsentierteller wie noch bei Norrington, der Klang der Violinen viel weicher. Es klingt unmittelbar (das ist beim SWR nicht immer so deutlich), trotzdem noch angenehm räumlich. Es klingt hallender als bei Norrington obwohl ebenfalls in der Liederhalle aufgenommen wurde. Es herrscht nun eher ein Mischlang vor, der nicht so knackig wirkt wie bei Norrington.

 

Die Aufnahme lässt sich in Bild und Ton in der ARD-Mediathek nachhören. Sie klingt dort leider nicht so dynamisch und frisch wie bei der Rundfunk-Übertragung selbst. Die ARD hat das Video zudem bei YouTube eingestellt.

https://www.ardmediathek.de/video/ard-klassik/bruckner-symphonie-nr-6-swr-symphonieorchester-pablo-heras-casado-swr/ard/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIxMzA2ODQ

https://www.youtube.com/watch?v=_OWkwoiimtc

 

 

5

Thomas Dausgaard

Bergen Philharmonic Orchestra

BIS

2018

14:55  16:38  8:02  12:39  52:14

Diese Aufnahme entstand in den Grieghallen in Bergen.

Majestoso ist eigentlich keine Tempoangabe, weshalb die Tempi in den einzelnen Einspielungen ziemlich deutlich differieren. Bei Thomas Dausgaard mutet es ziemlich schnell an mit einem jugendfrisch-stürmischem Beginn. Man könnte ihn aber auch als krisenhaft-turbulent hören. Es geht sehr akzentuiert zu. Dausgaard verhält sich partiturtreu indem er das Gesangsthema deutlich verlangsamt, das funktioniert gut, weil der Beginn entsprechend schnell war. Letztlich sollten die Relationen untereinander stimmen. So wirkt das 2. Thema ziemlich elegisch. Eigentlich kehrt er dann zu schnell zum schnellen Anfangstempo zurück. Eigentlich erst in der Reprise. Gegenüber der Aufnahme mit Bolton und dem Mozarteum-Orchester Salzburg klingen die Streicher (Violinen) viel runder, vollmundiger, obwohl auch in Bergen nur wenig Vibrato genutzt wird. Ob es an der Besetzungsstärke liegt? Die Artikulation wirkt sprechend und das Blech artikuliert scharf. Der Verlauf wirkt stark kontrastierend mit fast schon hysterisch wirkenden aufgepeitschten Passagen. Irgendwie zwischen Sturm und moderner Hektik angesiedelt. Zwischen forciert, spannend, überstürzend oder andererseits Gelassenheit pendelnd. Der Dirigent kümmert sich weniger um ein geschlossenes Gesamtbild als um facettenreich ausgebildete Episoden, obwohl der Satz nicht auseinanderfällt. Er wirkt insgesamt genauso frisch und aufmüpfig wie majestätisch und großartig. Erstaunlich, wie vielfältig man den Begriff Majestoso musikalisch gestalten kann.

Beim Adagio landet Dausgaard mit seinem Tempo zwischen Klemperer und Karajan, fast genau bei Furtwängler. Aber es klingt bei Dausgaard für ein „Sehr feierlich“ doch ein wenig zu leicht. Die Dynamik wirkt sehr weit, wie adrenalingeladen und der Duktus ist durchaus zu weiten Bögen und hohen Aufschwüngen fähig. Es klingt ausdrucksvoll, nicht aufgebauscht und frei von Pathos, aber auch nicht unterdimensioniert. Herzzerreißend gelingt der Trauermarsch. Die Streicher holen da das Maximum an Klang raus, was ohne Vibrato möglich ist, so hört es sich mal an. Dann klingt es auch so leuchtend. Vielleicht wird doch ein wenig vibriert, das macht ja schon viel aus und der Klang bleibt immer noch schlank.

Das Scherzo mag wohl angesichts der Partiturangaben zu schnell dahingehen, dafür bricht aber auch mal das klassisch Scherzhafte hervor. Mit deftiger Dynamik und zuspitzenden Rubati, da ist richtig was los.  Hier klingt es eindeutig nach norwegischen Trollen und viel weniger nach dem Italien-Zauber Mendelssohns. Das Blech zeigt was es kann und die Bässe werden gut herausgestellt. Das klingt sehr leidenschaftlich.

Das Finale wirkt bewegt, sogar sehr bewegt, schnell aber nicht unbedingt draufgängerisch-rasant. Es knüpft an den ersten Satz an. Und es wird entsprechend mit hellwacher Aufmerksamkeit musiziert und mit machtvollen Accelerandi. Die überschäumende Coda bringt Pracht, Glanz und Glorie und steht nicht hinter dem ersten Satz zurück. Der Satz wirkt nicht unbedingt partiturgenau was die Tempi anlangt, auch weniger traditionell, aber spannend und aufregend.

Der Klang der Aufnahme ist erheblich voller, sonorer, detailreicher und körperhafter als der der Aufnahme Boltons in Salzburg. Es klingt sehr offen und weit, ohne den bisweilen bei BIS vorherrschenden langen Nachhall. Es klingt brillant, sogar kräftig-leuchtend. Eigentlich hervorragend, wenn man auf die wohlige Wärme verzichten kann und stattdessen gefallen an der kühlen, klaren Frische Norwegens Gefallen findet.

 

 

 

4-5

Thomas Hengelbrock

NDR-Sinfonieorchester (heute: NDR Elbphilharmonie Orchester)

NDR

2011, live

14:21  15:45  8:19  12:33  50:58

Als Nachfolger von Günter Wand, John Eliot Gardiner, Herbert Bomstedt, Christof Eschenbach und Christoph von Dohnanyi war Thomas Hengelbroch 2011-18 Chefdirigent des NDRSO. Das Orchester war also über eine lange Zeit (wenn man einmal von der Zeit mit Gardiner absieht, der nur das Te Deum beim NDR dirigiert hat) an ein traditionelles Bruckner-Bild gewöhnt. Die Sechste hatte man nichtsdestotrotz seit 14 Jahren nicht mehr gespielt. Als Vertreter der HIP wird Thomas Hengelbrock bei dem Hamburger Orchester also nicht nur auf offene Ohren oder offene Herzen gestoßen sein. Das Konzert, das live vom NDR übertragen wurde fand in der Laieszhalle statt. Es war erst das zweite, dass Hengelbrock als Chefdirigent leitete, da war man sicher noch von gegenseitigen Erwartungen erfüllt.

Hengelbrock wählt (nicht nur) für das Majestoso tendenziell schnelle, antriebsstarke Tempi, bevorzugt einen sehr transparenten, vibratoarmen (keineswegs vibratofreien) Orchesterklang, betont gerne rhythmisch stark, akzentuiert gerne und lasst die Musik federnd erklingen. Starre Statik wird gerne vermieden. So vernimmt man mehr tänzerischen Schwung und eher wenig Majestoso. Bei ihm hört man so Schuberts große C-Dur Sinfonie stärker durch als üblich.

Das Adagio gehört ebenfalls zu den sehr zügigen. Sogar das dritte Thema wird vibratoarm intoniert, der Trauermarsch schließt sich sehr zügig an, der Marschcharakter kommt sehr gut heraus. Meist spielt das Orchester mit hoher Deutlichkeit und hoher Detailgenauigkeit. Die Holzbläser unterlassen es ebenfalls Vibrato zu spielen. Obwohl der Klang durchaus vom üblichen abweicht, klingt das Orchester immer noch ganz ähnlich wie bei Hengelbrocks Vorgängern Wand und Dohnanyi. Der Klang des Orchesters schwebt schön. Hengelbrock trifft sich beim Tempo mit Günter Wand.

Das Scherzo profitiert von den geschärften Rhythmen ganz besonders und von der turbulenten, aufgeladenen Atmosphäre. Das Trio gelingt ebenfalls stimmungsvoll und wird nicht so lähmend langsam gespielt wie oft. Das Hörnerquartett wirkt sehr kraftvoll. „Keck“ trifft hier zu, aber auch „kühn“, wie es Bruckner wohl gemeint hatte.

Das Finale lässt Hengelbrock temporeich, abenteuerlustig und dramatisch-bewegt beginnen. Er bleibt dem vortreibenden Gestus soweit möglich im Verlauf treu. Ähnlich hörten wir den Satz bereits bei Wilhelm Furtwängler, Volkmar Andreae, bei F.X. Roth und Otto Klemperer in Amsterdam. Da treffen sich auf einmal viele verschiedene Dirigenten-Welten.

Leider wirkt der Klang der Übertragung des NDR wieder dynamikkomprimiert. Das Orchester klingt etwas heller als man es von den Bruckner-Aufnahmen Günter Wands kennt. Die Aufnahme wirkt nicht besonders luftig, hat ziemlich wenig Bass und klingt blechbetont.

 

4-5

Robin Ticciati

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

Linn Records

2018

14:14  15:24  7:34  13:43  50:55

Robin Ticciati musikalischer „Ziehsohn“ von Simon Rattle, dem er sogar äußerlich ein wenig ähnelt, war von 2017-2024 Chefdirigent des Berliner DSO. Auf YouTube kann man noch eine etwas früher entstandene Videoeinspielung mit dem Bergen Philharmonic Orchestra sehen und hören. Das haben wir mal genutzt und weiter unten den entsprechenden Link zur Homepage des Norwegischen Orchesters eingefügt.  Bei der Aufnahme in der Berliner Philharmonie war Ticciati 35 Jahre jung. Die Tempi der beiden Einspielungen ähneln sich, bei beiden klingt es entschlackt und dem massiven Mischklang wenig gewogen.

Das Majestoso klingt ausgesprochen zügig, ja schnell. Insgesamt klingt das Berliner Orchester noch etwas fülliger, dunkler und sonorer als das Bergener, aber immer noch schlank, schlanker als in der Aufnahme mit Kent Nagano, zehn Jahe zuvor. Das geschmeidige Spiel klingt erstklassig. Sowohl solistisch als auch als Ganzes. Das Blech erklingt mit hoher Strahlkraft, sodass das Majestoso zumindest in der Coda kraftvoll zur Geltung kommt.

Das Adagio erklingt bewegt und ebenfalls im zügigen Tempo. Der Streicherteppich klingt dabei betörend sanft und samtig. Das Spiel wirkt reich an Nebenstimmen, sehr gefühlvoll und ungemein präzise. An Erhabenheit mangelt es nicht, man verzichtet jedoch auf einen statischen Gestus. Etwas langsamer im Tempo würde es wahrscheinlich noch intensiver und großartiger klingen. Der Eindruck des Gebetshaften, Großartigen oder auch des Transzendenten versucht man in vielen modernen Einspielungen gerade zu mindern. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist?

Das Scherzo erklingt sehr beschwingt und dynamisch, spannend und spontan. Sogar im Trio gelingt es, Spannungsverlust zu vermeiden. Es geht hier sogar noch schneller zu als bei Furtwängler 75 Jahre zuvor, aber weniger intensiv. Ein Spiel von Licht und Schatten. Das Berliner Blech zeigt, was es kann.

Das Finale wirkt bei allem Kontrastreichtum kultiviert und elegant, weder sachlich noch übermäßig befrachtet, weder lahm noch verhetzt. Weder schroff noch zu weich. Ein Kompromiss, der aber letztlich zündet. Fast so leicht gespielt wie bei Mozart nur eben in ein lauteres Gewand gekleidet.

Der Klang der Aufnahme wirkt ein wenig wärmer und dreidimensionaler als in Bergen. Die Tiefenstaffelung ist gut und dynamisch erweist sich die Berliner Aufnahme als etwas feiner gezeichnet. Insgesamt klingt die Berliner CD dynamischer als der Bergener Mitschnitt. Insgesamt fällt der aber kaum ab, was eigentlich kein gutes Zeichen für die CD wäre. Die Linn Aufnahme könnte zudem noch etwas transparenter und noch etwas wärmer klingen. Die Aufnahme Naganos auf Harmonia Mundi gefiel uns insgesamt noch besser.

 

4-5

Paavo Järvi

HR-Sinfonieorchester

RCA

2010, live

15:16  15:10  7:44  14:05  53:15

GA Außer dieser Produktion aus der Alten Oper Frankfurt, die Teil einer Gesamtaufnahme aller Bruckner-Sinfonien ist, die 2008-13 entstanden ist, gibt es auch noch eine Video-Produktion der Sechsten mit seinem neuen Orchester, dem Tonhalle Orchester Zürich von 2022, die man auf YouTube sehen und hören kann. Bei der Aufnahme in Frankfurt war er 48 Jahre alt. Er versucht sich nach eigener Aussage „vom sogenannten traditionellen Ansatz fernzuhalten und den typischen monumentalen, schweren und pseudo-religiösen Kitsch zu vermeiden.“

Entsprechend der Absicht ist zwar von Beginn an Spannung spürbar und die Musik bleibt trotz der verschiedenen Tempi unter anderem auch wegen der leichten Agogik wenig monumental. Emotional wirkt das Majestoso gezügelt. Die lyrischen Passagen klingen angemessen verträumt. Das Holz des Orchesters erfreut wieder einmal besonders, die Steigerungen wirken beherzt, die Höhepunkte können sich jedoch nicht so frei entfalten wie bei anderen Bruckner-Exegesen.

Beim Adagio herrscht Järvis Absicht gemäß ein recht zügiger Grundpuls. Das vielmalige Hören spricht eigentlich für eine für das Adagio günstige Zeit von 17-18 Minuten. Dann kann sich die Magie der Musik gut entfalten. Andere Spielzeiten können auch funktionieren, brauchen dann aber gewisse günstige Umstände. Z.B einen charismatischen Dirigenten oder ein herausragendes Orchester. Bei Järvi mangelt es nicht an Ausdruck und Tiefsinn. Um Transzendenz auszudrücken, wirkt die Musik jedoch zu lebendig, zu unstet. Es fehlt dem 2. Thema nicht an Kantabilität und der Trauermarsch im Anschluss an das 3. Thema wirkt trotz des zügigen Tempos nicht als Geschwindmarsch. Anscheinend spielen die Streicher auch im zweiten Satz nahezu vibratofrei. Es klingt stets schlank und klar und nicht so dünn besetzt wie in Stuttgart bei Roger Norrington oder bei Mario Venzago in Bern.

Das Scherzo gefällt. Man wählt ein sehr zügiges und beschwingtes Tempo, sodass die Violinen nur so vorbei huschen. Das Holz spielt wunderbar akzentuiert. Bruckners Anweisung „Nicht schnell“ kann man nicht unbedingt als eingelöst bestätigen, gerade nicht innerhalb unseres Vergleichs. Nur wenige spielen so rasant oder sind sogar noch etwas schneller. Vor allem beim Trio, das eigentlich langsam gespielt werden sollte. Ihm kommt alles Lastende abhanden. Klanglich erleben wir eine plötzliche Verbesserung der Präsenz, sodass man annehmen muss, der Satz wäre vielleicht einem anderen Konzertabend entnommen als die beiden Sätze zuvor. Es wird stets spannend musiziert.

Das Finale beginnt stürmisch und sehr temperamentvoll doch auch akribisch genau und detailreich. Järvi und sein Orchester, dem er 2006-13 als Chef vorstand, haben die vielen großen und kleinen Tempowechsel sicher im Griff. Es kommt zu keinem Spannungsabfall. Insgesamt haben wir das HRSO aber schon klangvoller erlebt. Die verordnete Verschlankungskur hat unserer bescheidenen Meinung nach Bruckner zwar nicht nachhaltig geschadet, aber nach vorne gebracht? Mal hören, wie es sich zwölf Jahre später in Zürich anhört. Da haben wir uns entschlossen die Aufnahme nicht mehr unter die von der HIP-inspirierten Einspielungen zu listen. Da hat sich Herr Järvi ein wenig umorientiert.

Das Klangbild wirkt nicht so klar und wie unter anderen bei Norrington oder Dohnanyi in Cleveland. Das Orchester klingt heller als gewohnt und nicht mit dem Schmelz vieler anderer Aufnahmen und Sendungen. Es klingt der Inbal-Aufnahme ähnlich. Es klingt auch weniger räumlich als bei anderen Bruckner-Aufnahmen aus dem Järvi-Zyklus. Man hat sich damals entschieden vom SACD-Format wegzugehen und nur noch CDs anzubieten, zumindest einmal in Europa. In Japan, dem Land der Audiophilen, wird das sicher anders sein. Die Dynamik ist nicht schlecht, aber man kennt das Orchester auch von den unzähligen Konzertübertragungen als erheblich wärmer, schmelzender und sonorer klingend. Schade, dass man seinen eigentlichen Klang ausgerechnet bei Bruckner verändert hat. Das gehört aber zur damaligen Entschlackungskur Järvis. Von CD klingt es jedoch immer noch knackiger und dynamischer als bei den Übertrgungen des Rundfunks. Es klingt nicht so anämisch wie bei Norrington oder Nézet-Seguin, Bolton oder Venzago und insgesamt deutlich besser als bei Inbal 23 Jahre zuvor an gleicher Stelle.

 

4-5

Roger Norrington

Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR (heute: SWR-Sinfonieorchester)

Hänssler, SWR Music

2008

15:19  15:20  7:42  12:06  50:27

Der im letzten Jahr (2025) verstorbene Roger Norrington war 1998-2011 Chefdirigent beim RSO in Stuttgart. Er prägte dort den damals sogenannten „Stuttgart Sound“ der die Eigenheiten der HIP weitmöglich auf ein normales Sinfonieorchester übertrug. Nur ihre Instrumente durften die Musiker behalten, wenngleich das Blech je nach Komposition auch auf historischen Instrumenten spielte. Der „Norrington-Style“ war seinerzeit heftig umstritten. Heute kann man sagen, dass sich der Norrington-Sound zwar nicht durchgesetzt hat, aber doch viel Spuren hinterlassen hat, die ohne ihn heute nicht so deutlich spürbar wären. Diese kleine Rubrik der historisch informierten Einspielungen bei Bruckner gäbe es wahrscheinlich auch ohne ihn, aber ob sie so reichhaltig wäre? Das wollen wir nicht vertiefen, bleibt die Stärke des Einflusses doch letztlich Spekulation. Auch Celibidache hat Spuren bei einigen jüngeren Dirigenten hinterlassen, das wurde bei unserem kleinen Vergleich ebenfalls durchaus deutlich.

Das Majestoso klingt zügig, leicht, glasklar, sehr detailreich und vibratolos. Das Holz wird ganz besonders hervorgehoben, wie sonst nur bei Klemperer 1964. Bei Norrington spielt eine Verkleinerung des Streicherapparats sicher eine gewisse Rolle dabei. Das Blech klingt kompakt aber ungemein dynamisch und durchdringend, weniger wuchtig als üblich. Das Orchester spielt mit hoher, ja höchster Perfektion, man hatte den „Stuttgart-Sound“ 2008 bereits weitestgehend verinnerlich. Man nimmt übrigens die Wiener Sitzordnung ein, was vielleicht oder wahrscheinlich einiges zum transparenten Klangbild beitragen konnte. Bogenführung, Phrasierung und Artikulation sollen aus der Brucknerzeit übernommen worden sein. Das meinte Norrington jedenfalls, andere waren und sind anderer Meinung. Besonders das Vibratospiel Norringtons und seine historische Begründung schlägt immer noch hohe Wellen. Wir sind darauf bei der Besprechung von Norringtons Aufnahme der Fünften Mahlers etwas intensiver eingegangen. Man kennt das alles mittlerweile hinlänglich. Viele Kenner zeigen sich trotzdem heute noch reichlich verärgert. Ob eine Parallele zwischen der Übernahme Österreichs durch die Nazis im selben Jahr 1938 und der Einführung des „sündhaften“ und womöglich „wollüstigen“ Vibratos besteht? Die Diskussion sollte besser gar nicht erst entfacht werden, fast 20 Jahre nach Aufnahme dieser Bruckner 6 sollte bereits alles gesagt worden sein. Die kraftvollen Höhepunkte werden vor allem durch das Blech geprägt und klingt nachhaltig verschieden vom Üblichen. Da das Blech in Topform ist, kann man sich von ihm begeistern lassen. Das Holz hält das von ihm bekannte höchste Niveau und die Streicher? Siehe oben. Die klingen sehr schwach und schmal. Aber was ist schon gut ausbalanciert? Auch das ist letztlich doch relativ.

Das Adagio schreitet sehr zügig voran. Dieses Tempo haben aber schon viele andere Dirigenten gewählt, auch viele der HIP-Fraktion, die sich da sogar deutlich annähern. Die Streicher klingen jedoch in Stuttgart besonders anämisch und dünn, da nützen auch die besten Bläser nicht mehr viel. Das vibratolose Spiel und die anscheinend kleine Besetzung sind einfach zu viel des „Guten“. Manch eine Phrasierung wirkt gewollt „keck“, ob Bruckner das so gewollt hätte? Gerade im Adagio? Den Trauermarschcharakter trifft man jedoch ziemlich eindrucksvoll, gerade durch den Mangel an erwärmender Sinnlichkeit und Verstärkung der fahlen Farben wird der Traueraspekt sogar noch verstärkt. Die erwärmende Komponente des Trostes fehlt völlig. Norrington und sein Orchester bieten eine Fülle von Details, auch darin sind sich die HIP-Einspielungen ziemlich einig. Ohne stricktes Vibrato-Verbot klänge diese Einspielung wahrscheinlich noch überzeugender. Das Adagio leidet trotz aller fraglos vorhandenen Meriten besonders unter „Stuttgart Sound“ und „Norrington Style“.

Im Scherzo erreicht Norrington fast das Tempo Furtwänglers. Die Artikulation bei den Celli und Bässen mit dem betonten Schlag wirkt seltsam. Das macht sonst niemand und in unsere Partitur gibt es keinen Hinweis darauf. Der Gestus wirkt lebendig. Das Blech (incl. Hörner) klingt wieder schön strahlend. Das mangelnde Vibrato macht sich im Scherzo kaum oder gar nicht bemerkbar. Bei den hier vorherrschenden schnellen Figuren unterlassen es die Streicher sowieso. Das Trio klingt so schnell, dass man schon einen Irrtum beim Übersetzen der deutschen Tempovorschrift Bruckners in Englische vermuten muss, vielleicht hat Mister Norrington aber auch eine geheime Quelle der Inspiration oder eine andere Partitur aufgetan. Die Hörner dürfen wunderbar schmettern. Unserer Meinung nach wäre das der beste Satz der Einspielung, trotz des Tempo-Irrtums beim Trio.

Auch beim Finale muss man wieder an die Aufnahme Furtwänglers denken. Die brachte ähnlichen Aplomb mit ein. Das klingt teilweise rasant, ja unwiderstehlich. Manchmal allerdings etwas zackig, aber mit Zug nach vorne. Deutlich langsamer wird Norrington auch für die Tristan-Motive. Danach geht es wieder schnell weiter. Die Soli der Cellogruppe irritieren dann wieder, so ganz kahl, ohne verlebendigendes Vibrato. Bei N gibt es dann ein besonders langsames Tempo. Es steht jedoch nur „langgezogen“ in der Partitur, was eher eine Artikulationsangabe wäre, keine Tempobezeichnung. Da irren sich einige Dirigenten, wir wissen nicht warum. Das Blech wirkt immer hellwach und strahlend. Bei Q, Tempo primo geht es dann wieder stürmisch weiter, fast schon zügellos schnell. Wie ein Ritt in vollem Galopp. Ein wahrlich stürmischer Verlauf mit grandioser Coda.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr klar und differenziert. Sehr dynamisch wirkt vor allem das Blech.

 

4-5

Christoph König

Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern (kurz: DRP)

SR

2017, live

14:38  15:55  7:46  14:52  53:11

Diese Aufnahme entstand in der Fruchthalle in Kaiserslautern. Christoph König hat seine musikalischen Wurzeln in der sächsischen Dirigiertradition. Er war einmal Mitglied im Dresdener Kreuzchor. 2003-2006 war er Chef in Malmö, 2008-2016 Chef in Porto, wo sein Nachfolger Stefan Blunier wurde. Seit 2010 ist Christoph König Chef der Solistes Européens in Luxembourg, da wäre der Weg nach Saarbrücken oder Kaiserslautern nicht weit. Mit ihm liegt bei YouTube ein Mitschnitt des Spanischen Rundfunks von 2023 vor, bei dem er das Rundfunk-Sinfonieorchester Spaniens dirigiert. Den Link dazu fügen wir aus Mangel eines Videos oder Audio-Mitschnitts aus Kaiserslautern hier an. Vorsicht, obwohl vom Orchester selbst bei YouTube eingestellt gibt es laute Werbeunterbrechungen.

https://www.youtube.com/watch?v=cQQChMxlPWI

Christoph König übernahm die Position als Chefdirigent und Musikdirektor des Spanischen Radio-Sinfonieorchesters (RTVE) zu Beginn der Saison 2023/2024.

Auch Christiph König lässt Elemente der HIP in seine Darbietung einfließen. Im Majestoso sind das: wenig Vibrato, größtmögliche Klarheit und rhythmische Prägnanz, lebendige, zügige Tempi, detailreiche Phrasierung und scharfe Kontraste. Es gibt wenige Tempomodifikationen. Die rhythmische Reibung zwischen Duolen und Triolen wird gut deutlich. Der Satz wirkt insgesamt ein wenig motorisch.

Im Adagio erreicht man mit dem für die HIP-beeinflusste Interpretationsweise zügigen Tempo und den schlanken Violinen eine tiefe, lyrische Kraftentfaltung, die Phrasierung wirkt untadelig, die Artikulation sprechend und präzise. Die Polyphonie wird sorgfältig ausgearbeitet. Man zeigt immer ein „Herz“ für Mittelstimmen. Wenn Bruckner es wünscht wird kantabel ausgesungen. Das Blech erdrückt das Holz keineswegs. Königs Ansatz haben wir als packend, wenig pathosreich und modern empfunden. Die DRP kann beides: hochromantische Wucht und klare, entschlackte HIP-Darbietung. Sie kann aber auch beides miteinander verbinden.

Das Scherzo klingt wieder mehr als beschwingt, sehr lebendig, ja rasant und aufmüpfig. Das „Kecke“, das Bruckner beschrieb, kommt sicher aus einer solchen Interpretationsweise. Furtwängler hat es vorgemacht. Nur, warum hat Bruckner dann seine Tempoanweisungen so notiert, dass sie das Tempo so zurückhaltend und langsam werden lassen? Besonders bedauerlich: Gerade in diesem Satz ist die Dynamik-Komprimierung, die der SR seiner Übertragung verordnet, besonders stark ausgeprägt und lästig. Die tut der Musik gar nicht gut. Im Trio wird es nicht allzu beschaulich. Die Hörner gefallen mit Schmiss, Dynamik und Sicherheit.

Entgegen der Erwartung kommt das Finale in der Relation zu den anderen Sätzen eher langsam und gemessen daher. Es wird sehr deutlich musiziert. Der Abschluss wirkt choralartig und erhaben, fast wie mit der Orgel dargeboten.

Die Aufnahme wirkt klar, auch im gut aufgefächerten Streichersatz. Leider wurde die Dynamik bei der Übertragung wieder exzessiv komprimiert. Man müsste sehr häufig die Lautstärke nachregeln, was aber auch nicht viel bringt, da das Orchester zugleich, wenn es leiser geregelt wird auch vom Hörer abrückt. Das kann die Freude am Musikgenuss nachhaltig vermiesen.

 

 

 

4

Marcus Bosch

Sinfonieorchester Aachen

Coviello

2009, live

13:19  16:04  9:25  13:46  52:34

Das Orchester aus Aachen ist zwar nicht besonders groß, hatte aber in seiner Vergangenheit schon Musikdirektoren mit großen Namen, so z.B. Fritz Busch (1912-19), Herbert von Karajan (1935-42) und Wolfgang Sawallisch (1953-58). Marcus Bosch leitete das Orchester 2002-2012. Der Bruckner-Zyklus entstand 2003-2011. Marcus Bosch ist seit 2020 Chefdirigent der Norddeutschen Philharmonie in Rostock. Da steht aber bald (2026) sein Abschiedskonzert an. Auch er lässt deutlich hörbare Elemente der HIP in sein Musizieren einfließen. Die Tempi sind zügig bis schnell, der Gestus betont frisch, die Artikulation sprechend, das Vibrato wird sparsam eingesetzt.

Das sehr schnell gespielte Maestoso erzählt statt von Wald und Jagd wie bei der Vierten eher von Ritterspielen und Geisterspuk. Dem Ausspruch Bruckners, dass die Sechste die „Keckste“ seiner Sinfonie sei, entspricht diese Darbietung ziemlich mit am ehesten. Leider sind Begleitfiguren wie z.B. die Triolen der Celli und Bässe, die so schön an fließendes Wasser erinnern (woher wahrscheinlich auch die Assoziation herkommt, die Sechste Bruckners ähnelte der Sechsten Beethovens) mitunter komplett unhörbar. Bei der Reprise klingt sogar das Hauptthema verwaschen. Insgesamt wird der Satzcharakter Maestoso geradezu konterkariert, der tiefere Gehalt allenfalls angerissen. Nahezu verfehlt, zumindest wenn man von den traditionellen Hörerwartungen ausgeht. Man hört stattdessen eher ein Scherzando. Allerdings arbeitet diesem Scherzando eine sehr nachhallende Kirchenakustik entgegen. Es klingt hektisch und man findet nur selten zu einem ruhigen Erzählton. Ungewohnt klingt es auch für den für Alles offenen Hörer.

Das Adagio wird ebenfalls zügig genommen und nähert sich den Tempi von Keilberth und Klemperer an. Es klingt aber doch sogar mehr kontemplativ als feierlich und man ist überrascht, dass die nominell schwächer besetzten Streicher genauso seidig klingen können wie man sie bei nominell stärker besetzten Orchestern hört. Vielleicht hat die Akustik in diesem Fall einen schönenden Effekt, vielleicht hat man sich auch Verstärkung geholt. Allerdings fehlen doch noch sonore Ausstrahlung und Brillanz, wenn man an die Besten denkt. Es klingt nie dick und schlank. Leichte Überlagerungen waren bei dem schnellen Tempo nicht ganz zu vermeiden. Nicht jeder möchte sein Tempo gänzlich den akustischen Gegebenheiten unterordnen.

Im Scherzo wandelt sich das Bild gegenüber den ersten beiden Sätzen. Nun wählt Bosch eines der langsamsten Tempi. Der Gestus erscheint nun träge, der Klang noch verwaschener. Die Akustik harmoniert nun nicht mehr gut mit den Anforderungen der Musik. Die klaren Konturen gehen verloren. Zügiger musiziert wären wahrscheinlich Strukturen der Musik noch mehr in einer Hall-Soße verschwommen. Das Trio ist durch die wesentlich geringere Lautstärke nahezu frei von den Problemen des Scherzos. Träge, müde und kraftlos wirkt es aber trotzdem.

Das Finale geht Bosch mit viel Drive an. Er kann es aber nicht ganz verhindern, dass es im Verlauf manchmal nach Leerlauf klingt. Als Ganzes wirkt der Satz unpathetisch. Lieber jugendlich-frisch als authentisch. Der Dirigent war damals gerade einmal 40 Jahre jung.

Die Kirchenakustik wirkt offen, aber auch sehr stark nachhallend und leicht distanziert. Ganz ähnlich wie bei Rémy Ballot. Die Dynamik kann sich hören lassen. Wenn es laut wird gehen viele Details verloren. Die Absicht dieser eher modern wirkenden Darbietung einen als authentisch geltenden Klangraum zu verschaffen sollte vielleicht die Ehrfurcht steigern. Für unsere Ohren passt beides nicht so recht zusammen. Aufgenommen wurde in Sankt Nikolaus in Aachen.

 

4

Mario Venzago

Berner Sinfonieorchester

cpo

2011

14:00  14:18  7:41  14:06  50:05

Diese Einspielung entstand im Großen Saal des Berner Kultur-Casinos unter Studiobedingungen innerhalb mehrerer Tage. Seit 2010-2021 war Mario Venzago künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Berner Sinfonieorchesters. Seitdem ist er dort Ehrendirigent.

Das Maestoso wird mit der jugendlichen Ungeduld eines jungen Dirigenten durchgezogen, schwungvoll und mit einiger Vehemenz. Herr Venzago war bei der Einspielung 63 Jahre alt. Beim 2. Thema wird er kaum langsamer. Es sollte eigentlich bedeutend langsamer werden, aber schon Klemperer ignorierte dies. Ab T. 79 wird Venzago dann viel langsamer, ohne dass es dafür einen Grund gäbe (es steht nichts davon in der Partitur). Alsbald geht es wieder hochmotiviert und sehr schnell weiter, ebenfalls aus eigenem Antrieb. Die Violinen klingen etwas voller als bei Norrington, man spielt ebenso vibratofrei. Das deutlich hintergründiger klingende Berner Blech verfügt lange nicht über die Stuttgarter Strahlkraft und das Holz erhält von der Technik nicht die Präsenz wie dies bei den Stuttgarter Kolleg/innen der Fall ist. Insgesamt herrscht ein sehr nüchterner, wenig sinnlicher Klang vor. Das flotte Tempo geht über viele Details und Stimmungen wie flüchtig hinweg. Einen Grund zu fliehen oder für Flüchtigkeit haben wir im Majestoso bis dahin nicht gefunden. Es klingt auch nicht nach übermäßiger Lebensfreude. Nichtsdestotrotz gibt sich das Orchester keine Blöße, es bleibt jedoch, da es so nüchtern klingt, den Beweis schuldig, warum man es zur Aufnahme der Sechsten ausgewählt hat.

Im Adagio gibt sich Venzago als „Verfechter“ des Klemperer-Tempos (64er EMI-Aufnahme), der langsameren von beiden. Es klingt sehr detailreich und es scheint so, dass die verschiedenen kleinteiligeren Phrasierungen zwar das Detail hervortreten lassen, das Fließen der Musik jedoch verhindern. Das Trauermarschthema entwickelt sich zu einem Geschwindmarsch. Wir fragen uns warum? Es gibt dazu eigentlich keinen partiturbedingten Anlass. Der Dirigent neigt dazu, gerne das Tempo anzuziehen, wenn eine dramatische Steigerung mit Crescendo ansteht. Es gibt auch kantable Stellen, die expressiv ausgesungen werden aber auf uns mit einer gewissen Vehemenz wirken, so als wäre die Hand zur Faust geballt. Insgesamt ergibt sich im Adagio ein ziemlich rhapsodisches Bild, sowohl was die Tempi als auch die Phrasierung anlangt. Da wird es unruhig und ungemütlich im schönen Bern. Die drei abschließenden Akkorde ziehen sich fast ins Endlose. Seltsam für eine Darbietung, die den Geschwindigkeitsrekord halten würde, wenn es die Amsterdamer Aufnahme von 1961 mit Klemperer nicht gäbe.

Das Scherzo gefällt uns viel besser, denn es klingt sehr detailreich, sehr beschwingt mit Ungeduld, suchender Unruhe oder sogar Wut. Jedenfalls dynamisch mächtig gesteigert. Das Scherzo ist ein echter Unruhestifter (das war das Adagio allerdings gewissermaßen ebenfalls). Sehr gelungen, aber sich ebenfalls kaum nach den Tempi der Partitur richtend. Furios, toll.

Das Finale beginnt sehr schwung- und kraftvoll. Man besteigt einen monumentalen Gipfel ohne dabei monumental zu wirken. Erneut wird dem Orchester viel Flexibilität bei den Tempi abverlangt, da werden starke Dehnungen und starke Beschleunigungen eingebaut. Im Dienst der dramatischen Zuspitzung. Immer gelingt es nicht ganz. Wir empfanden die beiden letzten Sätze als deutlich gelungener. Die beiden ersten mitunter fragwürdig, so bewusst anders, dass man sie schon als eigenwillig gestaltet bezeichnen muss. Da wird auch mal auf die Partitur „gepfiffen“. Immerhin ein ganz eigener Ansatz.

Die Transparenz der Aufnahme ist eigentlich gut, dennoch klingt es nicht mit der Detailgenauigkeit Norringtons. Das Blech klingt hintergründiger und lange nicht so eruptiv wie in Stuttgart. Dennoch bietet die Aufnahme ebenfalls geschärfte Konturen. Das ziemlich lange nachhallende Klangbild wirkt etwas linkslastig. Bisweilen darf die Basslinie hervorkommen, ansonsten ergibt sich ein durchweg heller, schlanker, bei den Violinen tendenziell dünner Klang (weil vibratofrei und mutmaßlich schwächer besetzt).

 

4

Yannick Nézet-Séguin

Orchestre Métropolitain, Montréal

Atma

2012

14:18  17:20  8:02  13:55  52:35

GA Den Bruckner-Zyklus nahm der junge kanadische Dirigent 2007-2017 mit dem Orchester auf, bei dem er bereits seit 2000 Musikdirektor ist. Im Jahr 2018 unterzeichnete er einen Vertrag auf Lebenszeit. Die Sechste wurde im Maison Symphonique in Montréal eingespielt als Nézet 37 Jahre jung war. Das Jahr 2012 war für ihn ein bedeutendes Jahr, weil er da Musikdirektor des Philadelphia Orchestra wurde. Er lässt sich – wie viele moderne Dirigenten seiner Generation – von den Erkenntnissen der HIP-Bewegung beeinflussen: Schlankes Klangbild: Er bevorzugt einen transparenteren, artikulierteren Orchesterklang statt des schweren, breiten Spätromantik-Sounds des 20. Jahrhunderts. Bei seinem Bruckner-Zyklus wählt er mit Vorliebe wissenschaftlich rekonstruierte Urfassungen oder neue historisch-kritische Editionen, was dem historisch forschenden Geist der HIP nahekommt. Er arbeitet mit nahezu ausschließlich modernen Orchestern mit modernen Instrumenten an Phrasierungen, Tempi und einer bewussteren Artikulation, die am Wissen über die jeweilige Epoche orientiert sind. Denken wir nur an das Chamber Orchestra of Europe.

Vom Gestus her ist das Maestoso eigentlich gar keins. Da ist zunächst das recht schnelle Grundtempo und der recht impulsive Vorwärtsdrang. Die Phrasierung erscheint trotz des hohen Tempos recht nuancenreich. Die Streicher spielen schlank und sie klingen vibratoarm, selbst wenn sie leicht vibrieren. Das Blech spielt nicht ganz perfekt, was vor allem die Hörner betrifft. Das Maestoso klingt nach einer Jugendsinfonie, bei der es noch wenig Tiefgründiges zu entdecken gibt und den langsamen Passagen wird das Pathos und die Majestät ziemlich gründlich ausgetrieben und zwar auf lebhafte, aber auch ziemlich sachliche, geradlinige Art. Manchmal klingt es sogar gehetzt. Das Blech in Stuttgart zeigte mehr Durchschlagskraft, Feinschliff und Glanz.

Im Adagio finden der junge Kanadier und sein Orchester zu einem erheblich ausdrucksvolleren Spiel als im ersten Satz. Das Tempo wirkt nun stimmig, am Orchesterklang ändert sich allerdings nichts, das Orchester klingt auch beim Adagio hell und licht. Die leiseren Passagen gelingen den Musikern dabei viel besser als die lauten, die blechbelasteten. Vor allem die Streicher, aber auch das Holz sind eines durchaus beseelt wirkenden Pianissimos fähig, wenngleich uns der Trauermarsch noch mehr berühren würde, klänge er denn sonorer. Wenn die Norrington-Aufnahme schon keine Schule gemacht hat, so scheint sie doch als Ideengeber gedient zu haben. Die Violinen in Montréal klingen jedoch durchaus wärmer und weicher als in Stuttgart. Besonders deutlich kommen nun das Holz und die plastischen Hörner heraus. Es gelingen durchaus eindrucksvolle Momente der Ruhe. Zur Intensität Celibidaches fehlt noch viel, falls etwas ähnliches überhaupt intendiert war.

Im Scherzo macht sich Nézet-Seguin nicht allzu viel aus Bruckners Tempobezeichnungen, „nicht schnell“ ist allerdings relativ zu verstehen und lässt viel Freiraum zur Interpretation. Es klingt hier vor allem scherzohaft. Das Trio lässt buchstäblich und im übertragenen Sinn „herausragende“ Hörner hören. Sehr jugendlich frisch.

Im Finale klingt die Komposition, die ja durchaus episodenhafte Züge aufweist, tatsächlich episodenhaft. Da wird nichts gekittet. Er wird aber aufmerksam und beschwingt mit einer gewissen Empathie für das Werk gespielt und nicht so „heruntergerissen“ wie der Kopfsatz. Ein bisschen flach und glatt klingt es dennoch. Uns erinnert diese Einspielung ein wenig an Bruckner im Westentaschenformat. Meist gut gespielt aber nie großartig. Klar und offen aber auch mitunter etwas unbeteiligt.

Die Aufnahme klingt transparent, gut gestaffelt und präsent. Der Orchesterklang wirkt schlank, er war auch früher schon, als man noch nationale Unterschiede im Orchesterklang hören konnte, in Kanada eher französisch geprägt als deutsch, österreichisch, russisch oder britisch. Holz und Blech sind sehr gut durchhörbar und über die ganze Breite der imaginären Bühne zuhause verteilt. Der Orchester klingt wie ein Kammerorchester, was die Streicher anlangt. Ob da die Besetzung etwas verkleinert wurde um den schlanken Klang zu erreichen?

 

 

3-4

Ivor Bolton

Mozarteumorchester Salzburg

Oehms

2010, live

15:20  16:32  8:18  13:53  54:04

GA Bis zur Gesamtaufnahme aller Bruckner-Sinfonien ist das Mozarteumorchester lediglich oder sagen wir besser in erster Linie als Mozartorchester hervorgetreten. Das Orchester setzt sich heute aus 91 Musikern zusammen. Von 2004 bis zum Ende der Spielzeit 2015/2016 war Ivor Bolton als Chefdirigent für das Orchester maßgeblich verantwortlich. Als Ehrendirigent wird er dem Orchester auch künftig verbunden bleiben. Bolton ist derzeit Chef des Basler Sinfonieorchesters. Diskographisch ist er eher als Barock-Dirigent hervorgetreten. Die GA entstand 2005-2014 mit den regulären nummerierten Sinfonien. Die Nullte wurde zum Brucknerjahr 2024 nachgereicht.

Das Majestoso klingt straff, angetrieben und Entschlossenheit ausstrahlend, insbesondere aber vibratoarm. Das Orchester klingt durch die HIP-orientierte Spielweise ähnlich dem RSO Stuttgart mit Norrington oder den Bernern mit Venzago etwas trocken und sachlich. Es klingt wie ein größer besetztes Kammerorchester vor allem natürlich bei den Streichern. Trockene Klarheit ist Trumpf, das führt leider oft zu einem stumpfen Klang. Es gibt wenig herkömmliche Majestät und sehr wenig Pathetik. Es wirkt aber nicht kraftlos oder undramatisch, wie in einigen anderen Aufnahmen des Zyklus. Das Orchester, insbesondere die Violinen wirken, als hätten sie genug geprobt um vertraut mit dem Werk zu sein. Man befand sich in etwa in der Mitte der Aufnahmen zum Zyklus, da war man mittlerweile schon zwangsläufig zum Bruckner-Orchester geworden. Viele Details werden hörbar, die bei mach einem anderen im romantischen Schwall untergehen. Kontraste werden nicht vor allem durch die Dynamik erzeugt (obwohl es auch diese gibt), sondern durch raffinierte Varianten der Artikulation. Das Holz spielt sehr differenziert und ist gut hörbar, besonders die Oboen fallen auf. Sie hängen mittlerweile keinen Wiener-Oboen-Klang mehr an. Das Blech zeigt eine gute Balance, weil die Trompeten nicht wie so oft herausragen und die Hörner super mithalten. Die Tempoveränderungen Bruckners werden eingehalten. Der ganze Satz wirkt straff und gedrungen. Und spannend, es gibt keine Längen. Ob die nötige Erhabenheit mitschwingt? Das ist bei den HIP orientierten Einspielungen so eine Sache.

Das Adagio fühlt sich etwas zu „metronomisch“ an. Da gibt es nur wenig Rubato und die Violinen wünschte man sich mit mehr Wärme im Klang ausgestattet und etwas dunkler timbriert. Da wirkt der helle, vibratoarme Klang einfach etwas steril. Boltons Tempo entspricht mittlerweile den Gepflogenheiten. Es passt nicht unbedingt zum Klang seiner Streicher.

Das Scherzo scheint bei vielen Dirigenten und Orchestern der Lieblingssatz zu sein. Oft wird er zum Besten der jeweiligen Einspielung. Nun wirkt die Dynamik auch in Salzburg sehr kräfig und viel weiter ausgefahren als in den Sätzen zuvor. Die Transparenz wirkt bei Streichern und Holz gesteigert und das Blech hört man in diesem Satz ja immer besonders gut. Temperamentvoll.

Das Finale klingt dann wieder wie die Sätze eins und zwei. Trocken und kompakt, auch wieder etwas gedrungen. Die Phrasierung wirkt manchmal etwas kurzatmig, Das Suchen nach einer Lösung und das nur bedingte Finden kommt im Gestus jedoch gut zur Geltung. Der angebotene Klang muss dem Hörer jedoch einfach gefallen. Er ist nicht jedermanns Sache. Diese Mal wirkt er auch noch ziemlich blechlastig. Der Klang macht insgesamt die Sinfonie kleiner als sie ist.

Oehms präsentiert uns keine Klangwolke. Von den drei von Oehms präsentierten Gesamtaufnahmen und damit Sechsten mit Stanislaw Skrowaczewski, Simone Young und Ivor Bolton klingt die Boltons am bescheidensten. Transparent und etwas zu trocken. Ein paar Violinen mehr wären willkommen gewesen. Es könnte generell etwas voller, weicher, saftiger und sinnlicher klingen. Die HIP macht sich bemerkbar und kostet Erhabenheit und Größe, aber das war ja so gewünscht. Vom Publikum hört man nichts.

 

 

Weitere Live-Mitschnitte mitgeschnitten bei Konzertübertragungen des Rundfunks, aus Mediatheken und von Youtube übernommen, HIP spielt hier kaum oder gar keine eine Rolle.

 

5

Günther Wand

Sinfonieorchester des NDR (heute: NDR Elbphilharmonie Orchester)

TDK-Video, NDR- oder ARD-Mediathek, YouTube

1996

16:15  15:47  8:45  13:40  54:27

Diese Videoaufzeichnung fand anlässlich der Eröffnung des Schleswig-Holstein-Musikfestivals in der Musik- und Kongresshalle in Lübeck statt. Man musste nun nicht mehr in den Lübecker Dom gehen, dessen Akustik bot für die meisten Kompositionen einfach zu viel Nachhall. Auch 1996 war ein Bruckner-Jahr. Es wurde des 100. Todesjahres gedacht. Es wurde live und ohne Schnitte an einem einzigen Abend mitgeschnitten. Das Orchester hatte die dreijährige Amtszeit John Eliot Gardiners hinter sich gebracht. 1996 war Herbert Blomstedt bereits Chefdirigent des Orchesters. Der Herz- und Seele erwärmende Bruckner-Klang des Orchesters hatte sich erhalten und von hanseatischer Kühle ist keine Spur zu erkennen.

Im Maestoso hören wir jedoch ein Spiel mit gezügeltem Vibrato. Das Orchester spielt den anspruchsvollen ersten Satz mittlerweile wie ein Repertoire-Stück, das jedes Jahr aufgeführt wird, woran auch ein Horn-Patzer bei B nichts wirklich ändert. Herr Wand war darüber allerdings gar nicht erfreut, man hat den Eindruck, dass er sich während der ganzen Aufführung darüber geärgert hat. Seine Stimmung löst sich erst, als er von einem kleinen Mädchen, das ihm hinterherlaufen musste, einen Blumenstrauß überreicht bekam. Das zauberte ein wirklich seltenes Lächeln in sein Gesicht. Beim Gesangsthema wird er auch dieses Mal kaum langsamer. Das Holz klingt aufgelichtet und sehr präsent, es ist das am deutlichsten hörbare von allen Aufnahmen der Sechsten Wands. Und nicht nur deshalb, weil man es nun nicht nur hört, sondern auch sieht. Der Satz vereinigt Schwung, Misterioso und Espressivo und Wand dirigiert, wenn man nur einmal die Hände betrachtet auch mit 83 immer noch wie ein junger Mann. Übrigens kommt auch die Pauke im ff klanglich besser zur Geltung als auf allen Wand-CDs. Die Hörner wirken ebenfalls präsenter und es gibt magische Momente zuhauf. Die Trompeten spielen statt zu dritt mit vier Musikern. Damit wäre ein Teil der Trompetendominanz in den Aufnahmen Wands aufgeklärt.

Im Prinzip hat sich im Adagio gegenüber den vorherigen Aufnahmen nicht viel geändert, das wichtige Oboensolo erklingt sehr klangschon und wunderbar traurig, es dürfte dem Ideal sehr nah kommen. Die Darbietung vereint Konzentration und Präzision mit einem recht frei und spontan wirkenden Vortrag, hoher Expressivität und bestem Bruckner-Klang. Das Orchester ist mittlerweile wohl mit dem Bruckner-Klang vertraut wie kein anderes, zumindest einmal mit Wands Vorstellung davon. Und Übung macht ja schließlich die Meister. Das klingt sogar auf Video berückend schön und mit unerschütterlicher Überzeugungskraft.

Das Scherzo klingt z.B. im Vergleich zu Keilberth weicher und abgerundeter artikuliert. Wohlig klingt es deshalb nicht. Sagenhaft wie Wand nach dem Patzer im ersten Satz die Hörner mit stechendem Blick fixiert, als ob er damit ein weiteres Malheur verhindern könnte.

Höchstes Niveau wie in den anderen Wand-Mitschnitten bietet das Video im Finale ebenfalls. Die Darbietung wirkt vollkommen durchgeformt und hellwach von A bis Z. Solistisch Top und weitgehend perfekt, wenn man einmal von den üblichen (dieses Mal echten) Live-Bedingungen absieht.

Der Klang kann sich für eine Videoproduktion wirklich sehen und natürlich hören  lassen, er wirkt sehr präsent und voll, räumlich und dynamisch. Er kann mit den CDs durchaus mithalten. Damals legten sich viele Hörer Surround-Anlagen zu und hatten bereits höhere Ansprüche auch an den Klang von Video-Produktionen. Die Hörner erhalten hier die Möglichkeit am besten von allen Wand-Aufnahmen herauszukommen, bis auf den in dem Zusammenhang besonders bedauerliche Patzer wird sie genutzt. Auch der Holzbläsersatz ist mit der deutlichste. Dieses Mal könnten die Streicher etwas besser durchkommen. Man kann sagen, um die sechs Aufnahmen Wand ein bisschen einzuteilen, dass dies die empfehlenswerteste Einspielung für die Freunde des Holzbläserklang ist. Auch die Freunde des Hörnerklang werden, die kleine Ausnahme mal ausgenommen, verwöhnt.

 

Der NDR hat die Aufnahme bei YouTube eingestellt. Das ist eine gute Idee, denn auf seiner eigenen Webseite ist die Frist anscheinend 2028 bereits abgelaufen. Deshalb geben wir den Link an, der zu YouTube führt. Die Bildqualität ist in beiden Fällen milchig, also nicht gerade als scharf zu bezeichnen. Damals war das normal.

https://www.youtube.com/watch?v=kYiK1lJ4sQI

 

 

5

Riccardo Chailly

Berliner Philharmoniker

RBB

2014, live

16:19  17:33  8:23  14:39  56:54

Mit dem damaligen Programm (es war auch noch die Italienische von Mendelssohn mit dabei) gingen die Philharmoniker auf eine kleine Tournee in Deutschland. Seinerzeit hat sich der SWR die RBB-Aufnahme aus der Berliner Philharmonie ausgeliehen und zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls gesendet. Sicher ist das Konzert in der Mediathek der Philharmoniker, der Digital Concert Hall, die es bereits seit 2008 gibt, ebenfalls nachzuhören. Die Berliner Aufnahme zeigt die Darbietung Chaillys im Vergleich mit der mit dem Concertgebouw Orchester von 1997 nochmals gereift.

Damals war Chailly bereits Chef in Leipzig (2005-16) und er nahm noch viele Tonträger auf. Seit er zur Scala wechselte hat das deutlich nachgelassen. Dieses Jahr wurde er (mittlerweile 73) als Chef in Mailand von Myung Whun Chung (ebenfalls 73) abgelöst.

Im Majestoso klingt das Holz 2013 sogar besser als bei Karajan, Barenboim und Muti. Das ganze Orchester klingt ein bisschen besser als in den anderen beiden Radio-Mitschnitten unter Janowski und Storgards. Das zweite Thema wird erneut, wie in Amsterdam, deutlich verlangsamt, wie es in der Partitur steht. Das Orchester erreicht absolute Präzision, die der Aufnahme unter Studiobedingungen 1997 bei Decca in nichts nachsteht, genauso verhält es sich in Sachen Motivation und Aufmerksamkeit. Es wird sogar noch etwas spannender musiziert. Die Klangschönheit könnte live kaum beeindruckender sein. Das Majestoso kommt voll zu seinem Recht.

Im Adagio könnte man sich den Klang kaum noch schöner, voller, weicher, geschmeidiger, leuchtender oder differenzierter vorstellen. Im Tempo geht es nun noch etwas langsamer zu und der Ausdruck wirkt nun noch eindringlicher. Gerade die Violinen klingen voller als in der Decca-Aufnahme aus Amsterdam und nicht so hell. Auch im pp. Es wird außerordentlich zart, sensibel und beweglich artikuliert, das hört man bei Bruckner höchst selten.  Die Oboe klang selten einmal so klangschön, übrigens auch bei Karajan nicht. Eine transzendente Wirkung lässt sich dieser Aufnahme kaum absprechen.

Das Scherzo wirkt ebenfalls sehr gefühlvoll, teils wie gespensterhaft vorbeihuschen, teils ganz schwerelos. Dann wieder wie triumphal aufleuchtend. Richtig „keck“ will es hier nicht klingen, eher wie ein exquisiter, geheimnisvoller Mummenschanz. Die Attacken des Blechs wirken in diesem Satz recht mild, was aber auch an der die Kontraste ausgleichenden Aufnahme des RBB liegen kann.

Beim Finale beherzigt Chailly Bruckners Anweisung: „Bewegt. Doch nicht zu schnell.“ Wie bereits in Amsterdam. Und zwar beides. Manches wirkt da vielleicht nicht so frisch, wie es gemeint war, aber an sorgsamer, gewissenhafter Artikulation ist diese Darbietung kaum zu überbieten. An Klangfarbenreichtum ebenfalls kaum. Man wünschte sich eine weniger konziliante Technik. Die gab es in Amsterdam ebenfalls. Die Coda erklingt mit der erforderlichen Posaunendominanz. Bravo.

Der Klang der Übertragung des RBB lässt die Musik sehr deutlich und transparent erscheinen. Fast wie auf der Decca-Aufnahme. Die Dynamik kann nicht mit der CD mithalten, es klingt aber plastisch, bestens abgerundet und sehr gut ausbalanciert.

 

5

Christoph Eschenbach

HR-Sinfonieorchester

HR

2016, live

15:52  18:27  8:24  16:36  58:36

Christoph Eschenbach scheint die Sechste zu mögen, er ist in unserer Liste dreimal vertreten. Nach Aufnahmen aus Houston und London ist dies die dritte im Bunde. Es ist ein Mitschnitt des Eröffnungskonzerts des Rheingau-Musikfestivals aus dem Kloster Eberbach. Eschenbach war mittlerweile 76 Jahre alt. Wir haben die Sendung im Radio mitgeschnitten. Während es in den Mediatheken von ARD und HR nur noch die Mitschnitte der Aufnahmen des HR mit Storgards und Järvi zu sehen gibt, kann man im Fall der von uns favorisierten HR-Aufnahme Eschenbachs immerhin noch bei YouTube zurückgreifen. Den Link dazu fügen wir unten an. Er sollte frei von Werbeeinblendungen sein, wie es bei den öffentlich-rechtlichen üblich ist.

Wenn man die drei sehr gelungenen Aufnahmen der Sechsten mit Christoph Eschenbach vergleicht hebt sich die mit dem HRSO nochmals positiv ab. Das Orchester bringt gegenüber den Orchestern aus Houston und London einen noch volleren, dunkleren Klang mit in die Interpretation ein, der unserer bescheidenen Meinung nach noch besser zum Ausdrucksgehalt der Sinfonie passt. Nach den beiden kompletten Zyklen mit Inbal und Järvi ist das Orchester mit dem Metier „Bruckner“ mehr als vertraut. Und genauso spielt es auch. Der Dirigent macht einen jugendlich-frischen Eindruck und scheint in seinem Auftreten seinem Alter zu spotten. Die Musik scheint jung zu halten. Das meint man, wenn man so viele Spitzeninterpretationen von bereits betagten Dirigenten gehört hat. Andererseits gibt es genug Gegenbeispiele, wie Joseph Keilbert oder Giuseppe Sinopoli, dem eine Sechste in seinem unvollständig gebliebenen Bruckner-Zyklus versagt blieb. Das Orchester zeigt sich von seiner besten Seite und braucht bei Bruckner jedenfalls keinen Vergleich zu scheuen. Die Darbietung wirkt spontan, bruchlos und spannend.

Im Adagio bleibt Eschenbach nicht ganz seiner vorherigen Tempowahl treu. Erneut wirkt es nicht statisch oder gar gelähmt. Kleine Rubati helfen dabei, die Musik lebendig und bewegt zu halten. Großartige Musik, großartig gespielt.

Wie bereits aus Houston und London bekannt erhält das Scherzo viel Spannung und Verve, hier wirkt der Mischklang und der lange Nachhall der Klosterakustik allerdings weniger begünstigend als die Akustik in Houston und London. Das Tänzerische wirkt etwas reduziert, dafür verstärkt sich das pastorale oder jagdliche Element. Die pp klingen besonders plastisch.

Im Finale natürlich und locker, führen Eschenbach und das Orchester mit Geschmeidigkeit auch bei den Verläufen zu den Höhepunkten hin, die glänzend gestaltet werden. Ein Abfeiern à la Barenboim gibt es jedoch nie.

Die Klangqualität der Radiosendung war ausgezeichnet. Fast sogar dynamischer als bei den CDs aus Houston und London, was höchst selten mal vorkommt. Die Kirchenakustik soll ja vielen Hörern gerade bei Bruckner gut gefallen; hier hört man, wie sie sich anhört, wenn sie die Techniker, über Jahre vor Ort geübt, sehr gut im Griff haben. Die ersten Übertragungen aus Eberbach waren noch sehr, sehr stark nachhallend. Das ist schon längst nicht mehr so. Bei Rémy Ballot und anderen Aufnahmen aus St. Florian versuchte man den Nachhall und die damit verbundene Resonanz komplett mit in die Tonkonserve zu portieren.

 

Das Video des HR kann man noch auf YouTube bewundern: Das Bild ist gegenüber dem Video mit Günter Wand mittlerweile gestochen scharf.

https://www.youtube.com/watch?v=OflReU5RlZM

 

 

 

 

4-5

Kent Nagano

SWR-Sinfonieorchester

SWR, YouTube

2019, live

16:20  16:16  8:11  13:57  54:44

Als Kent Nagano in Stuttgart zu Gast war, war er 68 Jahre alt und GMD der Hamburgischen Staatsoper und des Philharmonikeschen Staatsorchesters (2015-25) und des Orchestre Symphonique de Montréal (2006-2020). Nach der Harmonia Mundi-Aufnahme mit dem DSO vor 14 Jahren hat sich das Konzept Naganos nicht viel geändert. Man spielt wie damals beim DSO in Berlin noch mit Vibrato, was dem Klang auch in Stuttgart sehr guttut. Das Resultat wirkt aber schlanker als beim DSO, das damals mehr romantische Üppigkeit und Wärme ins Spiel brachte. Zudem wirkte das Maestoso in Berlin noch flüssiger, kraftvoller und dynamischer. Die Steigerungen wirken nicht mehr so mitreißend wie 2005. Es gibt aber berückende Momente im Lyrischen. Ob dem Orchester immer noch ein wenig der „Stuttgart Sound“ der Norrington-Ära anhängt, wagen wir zu bezweifeln, aber man muss ja nicht alles davon über Bord werfen. Er hatte ja auch seine guten Seiten. Bei Nagano wirkt das Blech nicht mehr so felsenfest und sicher wie bei Norrington und leichte Unsicherheiten hört man ungewohnter Weise auch beim Holz. Wir sind jetzt aber auch live dabei, während die Aufnahme mit dem DSO unter Studiobedingungen ablief. Oft im Bild (völlig zurecht) ist Peter Bromig, der vor der Orchesterfusion bereits Solo-Hornist im Sinfonieorchester des SWR Baden-Baden und Freiburg war. Mittlerweile, nach 44 Jahren Dienst ist er im wohlverdienten Ruhestand.

Im Adagio kann man im Bild auch nochmal den ehemaligen Solo-Oboisten des Orchesters Philippe Tondre erkennen. Er spielt jetzt beim Philadelphia Orchestra und bei Chamber Orchestra of Europe. Im Video mit Pablo Heras-Casado sieht man dann bereits Anne Angerer an der Solo-Oboe. Alles feine Musiker/innen mit einem schönen Ton. Uns gefiel jedoch Lajos Lences („Ein denkendes Schilfrohr“), bereits seit Jahren im Orchesterruhestand, immer noch am besten. Naganos Interpretation wirkt, vielleicht durch das weiträumige, luftige Stuttgarter Klangbild begünstigt, noch ein wenig gelassener und feierlicher als 2005 in Berlin.

Das Scherzo wirkt etwas atmosphärischer als in Berlin, ebenfalls vielleicht durch das Klangbild bedingt. Ansonsten ganz ähnlich. Das DSO wirkt dynamischer, vielleicht ebenfalls nur wegen der Akustik und der Art des Speichermediums.

Das Finale wirkt auf uns immer noch organisch, aber nicht mehr so packend. Es wirkt auch nicht so einheitlich, die Disparatheit des Satzes kommt jetzt deutlicher hervor. Anders die Gestaltung der Coda. Da wirkt der finale „Sieg“ nun deutlicher gemacht. So wie man es bereits von den anderen Sinfonien gewohnt ist und es sich manche auch von der Sechsten erhofft haben. Generell wirkte auf uns die Berliner Aufnahme Naganos von 2005 mitreißender, vielleicht einmal von der Coda des Finalsatzes abgesehen. Dagegen wirkt die Stuttgarter Aufnahme etwas abgeklärter und reifer bei fast gleichen Tempi.

Der aufgenommene Klang in der Stuttgarter Liederhalle wirkt sehr plastisch, sehr gut aufgefächert und weiträumig. Weiträumiger als die CD aus Berlin. Das Klangbild selbst wirkt analytisch, aber doch warm. Keine Orchestergruppe geht hier als Sieger oder Verlierer hervor. Das Bild ist klar, so wie bei Eschenbach zuvor. Es lässt sich gut mit dem Video vergleichen, das der SWR mit Heras-Casado eingestellt hat.

 

Hier gleich die passenden Links. Oben geht es zur ARD-Mediathek, unten zu YouTube:

https://www.ardmediathek.de/video/ard-klassik/bruckner-symphonie-nr-6-swr-symphonieorchester-kent-nagano-swr-classic/ard/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzE3ODAzMjc

https://www.youtube.com/watch?v=HC49wsny2SE

 

 

4-5

Paavo Järvi

Tonhalle Orchester Zürich

Eigenproduktion des Orchesters, eingestellt bei YouTube

2022, live

16:00  15:30  7:56  15:40  55:06

Wer gehofft hatte, dass sich die Aufnahmen der Bruckner Sinfonien 7, 8 und 9, die Järvi mit dem Schweizer Spitzen-Orchester bei Alpha gemacht hat, zu einem kompletten Zyklus runden würde, wird enttäuscht sein. Man hat den Fokus mittlerweile auf Mahler und Honegger gerichtet.

Ansonsten erstellt man weiter fleißig viele Videos und stellt sie bei YouTube ein. Für jedermann zugänglich und kostenlos. Sehr lobenswert! Allerdings auch mal durch (sehr lautstarke) Werbung unterstützt. Das gilt auch für die Sechste, bei der man auf eine CD-Veröffentlichung bei Alpha verzichtet hat. Vielleicht bringt sie nicht so viel ein wie die drei folgenden Sinfonien. Man wäre ja rechtzeitig zum Bruckner-Jahr 2024 zur Stelle gewesen. 2022, wir erinnern uns noch an die Corona-Epidemie, hätte in Deutschland wohl noch Maskenpflicht bestanden, vielleicht sogar noch die Pflicht, Mindest-Distanzen einzuhalten. Davon sieht man bei dem Video aus der Schweiz nichts mehr. Orchester und Publikum nehmen wie üblich Platz. Nur vereinzelt sieht man noch eine Maske.

Der Ansatz Järvis ist vielleicht immer noch immer (wie 2010 in Frankfurt) ein historisch orientierter, sehr transparenter. Er wird jedoch klanglich und musikalisch anders umgesetzt bzw. deutlich modifiziert. 2022 klingt es nicht mehr so straff, energisch und feurig-vorantreibend wie 2010, stattdessen gibt es mehr Wärme im Klang und das Tempo (vor allem im ersten und letzten Satz) sind spürbar langsamer geworden. Paavo Järvi ist bei der Aufnahme 60 Jahre alt. Es klingt nun fülliger, es gibt mehr Raum zu Atmen, die Phrasierungen wirken liebevoller und das Blech klingt nicht mehr so vordergründig, aber immer noch kraftvoll und mächtig.

Schon das Ostinato im Maestoso gleich zu Beginn wirkt nicht mehr so markant und straff, klingt nun viel federnder. Es stellt sich nun nicht mehr ohne Weiteres eine Assoziation mit Morsezeichen ein. Jetzt klingt es auch milder, wärmer und sonorer, nicht mehr so aufdringlich aber auch nicht mehr so frisch. Musikalisch wirkt die Darbietung genauso souverän umgesetzt, aber noch gereifter, gelassener und beeindruckender. In besten Sinn traditioneller.

Im Adagio verweilt man mehr und lieber, man spürt die Stimmung besser und kann sie in Ruhe wirken lassen. Es klingt nun einfach wärmer und expressiver, besonders die schmerzlichen Trauermarschelemente. Sowohl die lyrischen als auch die dramatischen Passagen strahlen nun mehr Gefühlstiefe aus. Er wirkt einerseits sowohl deutlich intimer und gefühlvoller als auch feierlicher als 2010 in Frankfurt.

Das Scherzo klingt nicht mehr so kammermusikalisch, analytisch und trocken als 2010, aber immer noch genauso energisch. Es klingt „großorchestraler“. Das Holz wird nicht mehr so scharf voreinander getrennt oder auch vom Blech getrennt. Letzteres erscheint wie bereits in den Sätzen zuvor ziemlich in den Hintergrund, nicht nur die Hörner auch die Trompeten und Posaunen. Das nächtliche Drama wirkt abgedämpft. Es klingt wie in Frankfurt immer noch tänzerisch, aber weniger mechanisch.

Das Finale beginnt geschmeidiger und nicht mehr so ungestüm. Die Kontraste realisieren sich jetzt nicht mehr so sehr nur durch schroffe Tempoveränderungen, sondern zudem als spürbare Abschattierung. Der Satz erhält so mehr Bindekraft, kann mehr als Ganzes wirken, wie organischer gegenüber technischer. Er wirkt so sogar wie besser komponiert. Die Coda wirkt majestätischer und nicht nur als Anhängsel. Manch einem Hörer mag die Zürcher Version gegenüber der Frankfurter ein wenig träger und weniger spannend klingen, aber sie wirkt reifer, gesanglicher und vermag das Herz des Hörrs erheblich besser zu erwärmen.

Das Bild des Videos ist nicht so klar und etwas blasser als bei ähnlich neuen Produktionen. Ein Quercheck mit der Videoaufzeichnung der dritten Sinfonie der Zürcher zeigt, dass das wohl ein Einzelfall ist, der ist nämlich konturenschärfer. Das gilt übrigens ebenso für den Klang. Trotzdem gefällt uns der Klang auch der Sechsten besser als der Frankfurter Klang. Es klingt nämlich räumlicher, weiter aber auch sonorer, kurzum „traditioneller“. Mit vollerem, seidigerem Streicherklang.

 

Hier kann man sich das Video anschauen. Das Orchester hat es selbst produzieren lassen und bei YouTube eingestellt. Es ist leider nicht werbefrei und das Bild wirkt etwas konturenschwach und milchig für so eine neue Aufnahme. Trotzdem ist es schön bei diesem Konzertereignis nachträglich dabei sein zu können.

https://www.youtube.com/watch?v=K4y0eKgpf58

 

 

4-5

Robin Ticciati

Bergen Philharmonic Orchestra

Eigenproduktion des Orchesters

2016, live

13:54  15:15  7:43  13:01  49:52

Diese Aufnahme wurde in der Grieghallen in Bergen aufgenommen. Und man kann sie derzeit noch auf der Webseite Bergenphillive des Orchesters finden. Unkorrigiert mit echtem Live-Feeling. Unten fügen wir den Link an, damit er sogleich gefunden werden kann. Diese Aufführung war die erste, bei der Ticciati die Sinfonie aufführte. 2018 folgte die zweite in Berlin, der dann sogleich die Linn-Aufnahme folgte. Eine dritte hat es im gleichen Jahr im Wiener Konzerthaus mit den Wiener Symphonikern gegeben. Sie wurde im ORF gesendet und wir konnten sie aufnehmen, aber leider war sie nicht mehr abspielbar.

Damals beim Konzert in Bergen war Robin Ticciati erst 33 Jahre jung und noch Chefdirigent des Scottish Chamber Orchestra (2009-2018). Eigentlich hätte die Aufnahme noch in die Liste der HIP orientierten Darbietungen gehört, aber sie ist live, ein Video und es gibt sie nicht auf herkömmlichen haptischen Tonträger, sodass man sie zur Not auch hier einordnen kann.

Das Maestoso wird ausgesprochen zügig, ja schnell begonnen. Es wäre die Gelegenheit gegeben beim Gesangsthema (B) vorschriftsmäßig abzubremsen, das passiert jedoch (wie bei vielen anderen Dirigenten) nur halbherzig. Bei anderen Dirigenten, die schon langsam beginnen, würde man dann zu langsam werden aber bei Ticciati, der bereits rekordverdächtig schnell beginnt, wäre ein beherzteres Abbremsen ohne größeren Schaden für das Folgende möglich. Vielleicht richtet er es später einmal so ein, wenn er das Bruckner-Dirigenten-Alter von mindestens 60+ oder noch besser 80+ erreicht hat. Rhythmisch klar und akzentuiert klingt es bei ihm auch im Rekordtempo. Ein erster Beweis für die hohe Qualität des norwegischen Orchesters. Er sticht damit schon aus dem Gros der Einspielungen deutlich heraus. Es klingt spannungsreich und erstaunlich wenig hektisch, was einen schon verwundern mag. Und es bleibt fließend. Fast wie bei „Der Ankunft auf dem Lande“ oder bei der „Szene am Bach“, da gibt es ja mittlerweile auch sehr schnelle Schilderungen. Das Orchester klingt, obwohl vibratoarm gespielt wird voll und rund, sehr homogen, sonor und geschmeidig. Zweifellos ein Spitzenorchester und ein souveräner Dirigent, der bereits beim ersten Mal weiß was er will.

Obwohl im Adagio deutlich an der Sprache orientiert phrasiert wird, kommt die Kantabilität an anderer Stelle nicht zu kurz. Im Adagio darf vibriert werden, wenn auch nicht über alle Maßen. Es gibt also in dem Bereich kein Dogma für den jungen Dirigenten. Das Orchester klingt nie trocken oder hart. Um es einmal einzuordnen: Es klingt weicher und runder als bei Järvi in Frankfurt oder Nézet in Montréal, Norrington in Stuttgart oder Venzago in Bern. Wie man sieht fehlt es bei den Streichern nicht an der Zahl. Es bleibt Raum und Zeit für Ausdruck, für Melancholie. Wenn auch nicht überreich.

Im Scherzo sind die meisten HIP-orientierten Einspielungen am ehesten in ihrem Element. Da pocht es deutlich, da geht es lebendig und spukhaft-tänzerisch zu. Alles wirkt sehr präzise artikuliert. Zügig gelingt auch das Trio. Das Orchester spielt auch für seinen jungen Gastdirigenten sehr engagiert.

Im Finale sieht man gut, dass auch die Bergener mit vier statt nur mit drei Trompeten spielen. Das wäre eigentlich für eine richtige HIP-orientierte Aufnahme nicht „erlaubt“. Drei werden laut Partitur benötigt. Vielleicht haben wir sie deshalb und wegen des warmen Orchesterklangs schließlich doch nicht in die HIP-Liste aufgenommen. Die Grenzen sind schon seit langem fließend geworden. Um über die manchmal ganz schön holprig anzuhörenden Brüche des Satzgefüges zu kommen lässt Ticciati ziemlich energisch und wild spielen. Keine schlechte Methode, die bereits Otto Klemperer als gangbar empfand, vor allem 1961 in Amsterdam. Ticciati spielt aber auch die Kantabilität in den lyrischen Passagen voll aus, sodass die Darbietung nie einseitig erscheint.

Die Darbietung wird in der Aufnahme in Ton und Bild sehr klar und offen wiedergegeben. Besser als in Zürich sechs Jahre später. Klanglich herrscht Transparenz vor, die die Musik leicht wirken lässt. Dieser Klang geht mit dem eigentlich vollen, sonoren Klang des vollbesetzten Orchesters, das hier aber schlank spielt, eine aparte Kombination ein. Vom Publikum hört man keinen Mucks.

https://bergenphilive.no/en/video-concerts/2016/9/anton-bruckner-symphony-no-6/

 

 

4-5

John Storgards

Berliner Philharmoniker

RBB

2022, live

16:25  16:20  8:30  13:50  55:05

Dies ist die Aufzeichnung des Debutkonzertes des Dirigenten bei den Berliner Philharmonikern in der Berliner Philharmonie. Beim DSO war er hingegen schon vorher häufiger zu Gast. Zwei Jahre später gab er wiederum mit der Sechsten auch sein Debut beim HR-Sinfonieorchester. Da lässt er übrigens verlauten, dass die Sechste Sinfonie Bruckners seine absolute Lieblingssinfonie unter den Bruckner-Sinfonien ist. Da gibt es dann auch wieder einen Link.

Das Majestoso wirkt zügiger als es ist, mit Drang ohne es dabei zu überstürzen. John Storgards nimmt Bruckner ernst und verlangsamt das Gesangsthema „bedeutend“. Pompös wird die Musik nie. Der Klang der Philharmoniker während der Übertragung des RBB ist sehr gut ausbalanciert und kraftvoll. Das erhaben klingende Blech darf hier deutlich hervorklingen, mittlerweile wird es ja mitunter allzu weit in den Gesamtklang integriert. An monumentaler Majestät mangelt es bei Storgards nicht, auch wenn das mitunter recht schnelle Tempo dem ein wenig entgegenwirkt; Übergänge werden fließend gestaltet. Es ist auffallend, dass Storgards hier mächtige Dynamikreserven mobilisiert. Das ist kein Bruckner light. Bei seinem Debut bei den Philharmonikern war Storgards übrigens 59 Jahre alt.

Das Adagio klingt sehr ausdrucksvoll und dynamisch, die Artikulation wirkt ungemein klar und plastisch. Die Polyphonie kommt umrissscharf und deutlich. Das Orchester klingt mittlerweile ebenfalls recht schlank und es spielt sehr bewegt und zielgerichtet. Hier werden keine statischen Klangkathedralen gebaut und der Trauermarsch wird entsprechend nicht ausgewalzt. Die Musik bleibt bewegt und lebendig, kraftvoll und flexibel.

Das Scherzo erklingt recht lebhaft mit strahlendem Blech. Im Trio wird stark verlangsamt und es wird melancholisch. Die Hörner klingen, als wären sie weiter nach hinter verlegt worden.

Im Finale geht es zunächst zielstrebig, ja feurig voran. In den langsamen Passagen, die wollte Bruckner ausdrücklich langsam, kann die Spannung gehalten werden. Es gibt großartige Steigerungen, in denen das Potential der Philharmoniker gut genutzt wird. Die Ruhe und Kompetenz, die die Aufführung ausstrahlt, kommt ihr eigentlich nie abhanden. Die Coda lässt die Posaunen sehr kraftvoll und deutlich hören.

Die Aufnahme klingt der HR-Aufnahme zwei Jahre später recht ähnlich. Das Blech klingt jedoch akzentuierter, knackiger, die Streicher kommen dagegen nicht ganz so warm timbriert wie beim HR rüber. Die Aufnahme lässt die Philharmoniker heller und aufgelichteter klingen, als wir sie in Erinnerung hatten. 

 

4-5

John Storgards

HR-Sinfonieorchester

HR, YouTube

2024, live

16:44  16:04  8:23  13:33  54:44

Auch in Frankfurt stellte sich John Storgards als mit seiner Lieblingssinfonie von Anton Bruckner vor. Im Bruckner-Jahr. Da war er 61 Jahre. Ein spätes Debut also. Kein Wunder, der Mann scheint vielbeschäftigt. So ist er in seiner finnischen Heimat Chefdirigent des Philharmonischen Orchesters Turku und in Großbritannien des BBC Philharmonic in Manchester. Hinzu kam unlängst noch der Posten als Musikdirektor des National Arts Centre Orchestra in Ottawa/Kanada. Das sieht nach vielen Flugmeilen aus. Und als ob dies nicht bereits genug wäre, kam 2026 auch noch die Position als Hauptdirigent der Jungen Deutschen Philharmonie hinzu. Da gibt es allerdings nur punktuelle Arbeitsphasen. Dennoch muss er da seinen Terminkalender immer gut im Auge behalten. Übrigens war er bei anderen Rundfunk-Sinfonieorchestern der ARD schon früher zu Gast, so beim NDR in Hamburg, beim WDR in Köln und bei SWR in Stuttgart. Die Sechste war bisher dort noch nicht auf dem Programm.

Das Maestoso geht Herr Storgards etwas zügiger an als Christoph Eschenbach in der vorherigen Produktion des HR. Die weniger nachhallende Akustik der Alten Oper hätte ein noch schnelleres Tempo erlaubt, wie wir bereits von der Darbietung Paavo Järvis wissen. Eschenbach musste ja die Akustik der Klosterkirche von Eberbach mit in seine Interpretation einbeziehen. Storgards´ Stil ist wie in Berlin kraftvoll, impulsiv, sehr klangschön und bestechend klar. Das Orchester kennt die Sinfonie mittlerweile wahrscheinlich (immer noch) wie kein zweites. Die flott anmutenden Tempi helfen dabei Spannungslöcher zu vermeiden. Bei der zweiten Themengruppe wird das Tempo wie in Berlin „bedeutend langsamer“. Storgards lässt das Blech stärker strahlen als Eschenbach, wahrscheinlich kommt es aber in der Alten Oper besser heraus oder es war ein anderer Aufnahmeleiter bzw. Tonmeister am Werk. Gehetzt wird nie.

Im Adagio dürfen wir uns an einem phantastischen Streicherklang erfreuen, dem die Holzbläser in nichts nachstehen. Eine sehr genaue und sensible Spielweise sind trotz der gegenüber Eschenbach zügigeren Tempowahl Garanten für ein sehr tiefgründig wirkendes Adagio. Meisterhaft gespielt von einem echten Bruckner-Orchester.

Im Scherzo wirkt die Verve gegenüber Eschenbach bei gleichem Tempo etwas reduziert. Im Gegenzug klingt das Trio bei Storgards etwas sehnsuchtsvoller.

Das Finale klingt wie in Berlin geradlinig. Die größten Tempogegensätze werden etwas ausgeglichen ohne es an Ausdruck fehlen zu lassen. Die Coda klingt kraftvoll mit hinreichend dominanten Posaunen.

Gegenüber der Produktion der Sechsten aus Kloster Eberbach wirkt der Klang aus der Alten Oper noch etwas dynamischer und klarer, sogar noch etwas voller und leuchtender. Er ist bestens gestaffelt, brillant und detailreich. Allerdings hatten wir 2024 die Direktübertragung mitschneiden können, diese klingen immer noch etwas besser als eine zum späteren Zeitpunkt gesendete. Möglicherweise ergeben sich kleine Unterschiede zu dem unten verlinkten Video. Das Bild ist noch brillanter und detailgenauer als beim ohnehin schon scharfen Bild bei Eschenbach. Und akustisch ist letztlich der Konzertsaal der Alten Oper der Klosterkirche in Eberbach doch noch überlegen, auch bei Bruckner. Der HR scheint technisch auf dem neuesten Stand zu sein und ist beim Erstellen von Konzertvideos besonders fleißig.

 

 

Diese Aufnahme gibt es aus zwei Quellen. Ganz sicher ohne Werbung, da gebührenfinanziert:

https://www.ardmediathek.de/video/hr-sinfonieorchester/bruckner-6-sinfonie-john-storgards/hr/YzU3YWY0OTQtM2Q3Yy00NGM2LTk4MzctNGUyZjUxMGE4MWNl

https://www.youtube.com/watch?v=1Vm9RMR80D0

 

 

4-5

Myung Whun Chung

Hangzhou Philharmonic Orchestra

SWR

2024, live

13:35  17:13  8:04  13:46  52:38

Hangzhou gilt als das Silicon Valley Chinas (Ali Baba, Geely, Deepbeek, Ant Group) und hatte je nach Quelle 2020 9-12 Millionen Einwohner. Damit schafft es die Stadt knapp nicht unter die zehn einwohnerreichsten Städte Chinas. Der koreanische Dirigent scheint ein Faible für die Sechste Bruckners zu haben, denn außer diesem Mittschnitt findet man noch Produktionen mit dem RSO Saarbrücken bei einem Gastspiel in Ost-Berlin, auf das wir gleich im Anschluss noch eingehen wollen, Paris (2006), Amsterdam (2008) und Mailand (2024) im Netz. Das erst 2007 gegründete und 2009 erstmals konzertierende Orchester hinterlässt einen sehr guten Eindruck und ist offensichtlich durchweg hochkarätig besetzt. Es gilt mittlerweile als eines der besten Chinas. Herr Chung hat die Sinfonie 2024 im Rahmen eines Konzerts zu Ehren des 200. Geburtstags des Komponisten dirigiert.

Im Vergleich zur Videoaufzeichnung aus Ost-Berlin mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken hat Chung die Tempi aller Sätze mehr oder weniger stark erhöht. Das Maestoso bekommt so einen betont vitalen, bewegten Charakter, Stringent ohne in Hektik zu verfallen. Die Musik fließt. Dabei sind zu Beginn kleinere Unsicherheiten bei Holz und Blech zu hören. Der Klang der Streicher, meist geprägt durch die Violinen, erscheint eher silbrig hell als dunkel-sonor. Homogen und schön strahlend, nie schrill. Chung betont den kämpferisch-dramatischen Aspekt des Kopfsatzes nicht nur durch das Tempo, auch durch starke dynamische Gegensätze. Das feurige Tempo ist ihm wichtiger als eine lyrische Versenkung oder eine zögerlich wirkende Versenkung ins Detail, ohne dass auch nur ein Takt oberflächlich wirken würde.

Die Tempowahl im Adagio erscheint stimmig. Die Musik darf atmen und sich frei entfalten. Das chinesische Orchester gibt sich schon längst keine Blößen mehr, höchstens wünschte man sich bei den Violinen einen wärmeren Klang. Man verliert sich nicht, es bleibt immer ein gewisser Vorwärtsdrang spürbar. Subtile Tempomodifikationen unterstützen die Expressivität und verhindern „Durchhänger“ beim Spannungsverlauf.

Im Scherzo hält das Blech höchsten Standard, es gibt auch bei den Hörnern keinerlei Unsauberkeiten. Nichts stört den temporeichen, dynamischen Ablauf des geisterhaften Ländlers und des nicht allzu langsamen Trios.

Das Finale stellt das Drama heraus und klingt ziemlich kämpferisch, temporeich und sehr kraftvoll. Das Orchester wirkt sehr dynamisch, vorantreibend und saftig im Klang. Es lässt sich stark motivieren und erklimmt ganz erstaunliche musikalische Gipfel. Die Coda klingt fulminant, so wie man es in der Diskographie nur sehr selten findet.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr klar, deutlich, offen, dynamisch und plastisch. Auch das Holz ist gut heraushörbar und kommt gut zur Geltung. Diese Darbietung gefiel uns noch besser als die der anderen Produktion aus China mit dem Orchester aus Peking unter Jia Lü.

 

Ein Video aus Hangzhou haben wir nicht gefunden, aber eines aus Mailand, bei dem Herr Chung das Orchester der Scala dirigiert (ebenfalls im Brucknerjahr 2024): Heute ist er übrigens Musikalischer Leiter der Mailänder Scala.

https://www.youtube.com/watch?v=YDqLL6Oyx3I

 

 

4-5

Myung Whun Chung

Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken

YouTube

1987. live

15:47  19:18  8:34  15:55  58:34

Aufgenommen wurde diese Darbietung im damals noch Ost-Berliner Schauspielhaus im Rahmen der Feierlichkeiten zur 750-Jahr-Feier Berlins, die in Ost- wie West-Berlin begangen wurden. Zeitgleich aber natürlich damals noch fein säuberlich räumlich getrennt. Dabei versuchte der Osten unter keinen Umständen zurückzufallen, am besten sollte der Westen noch übertrumpft werden, um die Reputation des Ostteils zu erhöhen. Der technisch heutigem Video- und Ton-Standard kaum noch genügende Mitschnitt stammt von einer VHS-Kassette, die man glücklicherweise bei YouTube eingestellt hat. Sonst wäre das damals im Feuilleton stark politisch aufgeladene Event wahrscheinlich langsam aber sicher der Vergessenheit anheimgefallen. Aufgezeichnet wurde vom DDR-Fernsehen, obwohl auch der Saarländische Rundfunk mitgeschnitten hat, wahrscheinlich zur Sendung via Radio im SR. Der Besuch des saarländischen Orchesters war der diplomatische Gegenbesuch zur Visite des Staatsratsvorsitzenden Erich Honegger in seiner saarländischen Heimat. Ja, der „gute“ Mann war Saarländer. Ein Gegenbesuch als Zeichen des Wohlwollens und der Entspannung. Was man damals noch nicht wusste, noch nicht einmal ahnte, das Konzert war ein allerdings ganz kleines Mosaiksteinchen das mit vielen anderen, viel Wichtigeren zur Deutschen Einheit beigetragen hat. Rückwirkend betrachtet. Finanziert wurde das Konzert übrigens, da die DDR unter chronischem Devisenmangel litt mit einem Austauschkonzert des Gewandhausorchesters im Saarland. Der Vollständigkeit halber: Das Saarbrücker Orchester war bereits 1984 in der DDR unterwegs, damals noch mit Hans Zender. Das war immer auch ein Politikum und ein riesiger logistischer Mehraufwand., wie sich die Zeiten geändert haben.

Myung Whun Chung war 1984-1990 Chefdirigent beim RSO, bevor er dann zur Pariser Bastille-Oper wechselte und zu einer Weltkarriere durchstartete. Derzeit hat er gerade, mittlerweile selbst 73 oder 74, von Riccardo Chailly die musikalische Leitung der Scala übernommen.

Der junge Dirigent, damals gerade einmal 34 Jahre alt und 37 Jahre vor seinem Gastspiel in Hangzhou/China nimmt die Tempi in Berlin in allen Sätzen langsamer. Er dirigiert auswendig, was uns in keinem der Videos anderer Dirigenten wieder begegnet ist. Absolut souverän und sehr präzise, sehr transparent. Der sog. „Bruckner-Rhythmus“ bei dem Duolen und Triolen gleichzeitig erklingen, stellt kein Problem für das Orchester dar. Für Herrn Chung sowieso nicht. Das Orchester klingt absolut transparent, bei der dirigentischen Souveränität ist das auch kein Wunder. Schade, dass man von der Akustik im damals gerade frisch rekonstruierten Schauspielhaus (heute: Konzerthaus) fast nichts mitbekommt. Die Videokassette gibt an uns nur einen äußerst bescheidenen Ton weiter. Es scheint, als wäre beim Transfer zu YouTube ein Malheur passiert ist, denn nur der linke Kanal scheint belegt worden zu sein. Das hat zur Folge, dass man mit linksseitigem Monosound zufrieden sein muss. Schade. Vielleicht sendet der SR das Programm mal wieder in Stereo auf einem der betreffenden Sendeplätze?

Das Adagio klingt traditionell, was ja bekanntermaßen nicht schlecht sein muss. Langsam, ausdrucksvoll mit einem (man kann ihn mehr ahnen als hören) reichen Brucknerklang mit dem das Orchester ein paar Jahre später mit dem Bruckner-Zyklus Skrowaczewskis man kann sagen weltweit reüssieren wird. Das klingt nicht sakral, sondern rhythmisch glasklar und hellwach. Dass Chung noch gerade mal vor ein paar Jahren Schüler Giulinis war, das hört man in seinen frühen Jahren noch gut durch, wobei er schon früh eine eigene, von Temperament und hellwacher Präzision geprägte Handschrift entwickelte.

Das Scherzo klingt sehr beschwingt, dynamisch und hat viel Saft und Kraft. Sehr ausdrucksvoll und mitreißend. Rasant und vom äußerst präzisen Blech gekrönt. Das Trio fällt dagegen weniger auf.

Das Finale wirkt hochemotional und, wenn man so will wie himmelwärts strebend, monumental, dabei aber hoch energetisch und dadurch modern wirkend. Der hohe Präzisionsgrad fördert eine kammermusikalische Schlankheit gepaart mit ordentlicher Durchschlagskraft. In Ansätzen ergeben sich da bereits Parallelen mit den HIP-Anhängern. Damals hieß es im Feuilleton sinngemäß, dass da frischer Wind für die Bruckner-Rezeption aus dem Saarland rüberwehen würde. Spannend, feurig und dynamisch.

Durch die VHS-Qualität sehen wir nur ein für heutige Verhältnisse ungewohnt unscharfes Bild, das war früher der Standard, was man vielleicht heute gar nicht mehr glauben mag. Entsprechend gibt es noch das altbekannte 4.3 Bildformat. Es wurde leider nur der linke Ton-Kanal belegt, obwohl das Video eigentlich Stereoton mitbringen sollte. Ost- und Westdeutschland hatten verschiedene Systeme (der Osten das französische SECAM), da kam es vielleicht zu Kompatibilitäts-Problemen. Der Klang wirkt zudem verzerrt, wobei besonders wieder einmal die Violinen betroffen sind. Die trifft es immer zuerst, wenn was nicht mit dem Klang stimmt. Klanglich und visuell also ein eher bescheidenes Erlebnis. Zudem rauscht es und zirpt es hochfrequent noch leise rum. Ein Klang der wahrscheinlich nur mit einem alten DDR-Fernseher erträglich war. Aber: Ein echtes Zeitdokument.

 

Dankenswerterweise wurde das VHS von asimon65 bei YouTube eingestellt:

https://www.youtube.com/watch?v=PyGgxrcCk_I

 

 

 

4

Tomas Hanus

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

DLF

2023, live

17:10  18:36  8:21  14:19  58:26

Tomas Hanus war 2016-2026 Musikdirektor der Welsh National Opera und seit 2025 ist er erster Gastdirigent des Iceland Symphony Orchestra. Beim DSO ist er regelmäßig zu Gast. Hervorgetreten ist er weniger durch seine Bruckner-Darbietungen als durch seine Tätigkeit als Operndirigent, dabei insbesondere der tschechischen Opern von Smetana, Dvorak und Janacek. Die Sechste zeichnet sich ja dadurch aus, dass sie im Maestoso nicht so blockhaft konstruiert erscheint, wie es ein Architekt bei einer Kathedrale machen würde, sondern dass sich nun eher bewegende Gedanken durch den Satz ziehen, durch die ganze Sinfonie ziehen. Er hatte durch seinen ersten Urlaub überhaupt, der ihn u.a. in die französischen Alpen und in die Schweiz führten, Naturbilder im Kopf, die ihm fließend vorkamen. Beeindruckend massive, majestätische Gebirgsmauern, die ihn beeindruckt haben, müssen jedoch ebenfalls dabei gewesen sein. Auch diese Eindrücke versuchte er in Musik zu verwandeln.

Bei Hanus erhält das Majestoso ein langsames, episch angehauchtes, getragenes Grundtempo, dass mit Eintritt des 2. Themas, des Gesangsthemas deutlich verlangsamt wird, genau wie Bruckner es wollte. Das klingt ausdrucksvoll und man bemerkt, dass wann immer möglich, die Massivität des Bleches durchhörbar gemacht werden soll. Gerade im Tutti. Das Lyrische, das Poetische wird vor dem Dramatischen deutlich betont. Der Weite des Satzes wird man gerecht und dazu passt der hier wieder volle, vibratoreiche, warme Klang des Orchesters besonders gut. Ein ganz anderer Ansatz wie beim damaligen Chefdirigenten des Orchesters Robin Ticciati.

Das Adagio beginnt schon fast wie bei einem sehr kantablen Trauermarsch, die zarten Nuancen nicht außeracht lassend mit dem vollen, vibratoreichen Klang des DSO ausdrucksvoll vorgetragen. Der Spannungsgehalt wird nicht gerade forciert. Lyrisches Strömen herrscht auch im langsamen Satz vor. Von den Holzbläsern nutzt die Oboe am besten die Gelegenheit sich ausdrucksvoll zu profilieren. Mächtige Klangwogen entstehen vor den Ohren der Hörerschaft. Dieser Satz wirkt über weite Passagen wie gesungen. Dieses Mal hört es sich gar nicht so orgelhaft an. Es eröffnet sich in jeder Hinsicht großer Bruckner-Klang ohne Experimente.

Auch das Scherzo wird vom warmen, vollen Sound des ganzen Orchesters getragen. Klingt so „keck“ im Sinne von gewagt? Eher tänzerisch-robust und nicht ohne Humor. Die sauber spielenden Hörner gefallen sehr.

Im Finale sucht man keine extremen Tempi auf. Man vernimmt ein freudiges Suchen im Sinne von ausprobieren; sauberes Spiel, geschmeidige Übergänge und immer wieder den erwärmenden Klang des Orchesters. Ganz ohne den Furor eines Furtwängler, aber nicht ohne Temperament. Eine ausgewogene Wiedergabe des Werkes, die dessen Schönheiten und Glanz sehr gut zur Geltung bringt, aber kein Herzklopfen verursacht.

Der Klang der Aufnahme aus der Philharmonie wirkt offen, klar und deutlich auch noch im ff, weich, warm und sonor. Leider wurde wieder mit spürbarer Dynamik-Begrenzung gesendet aber mit weiter Räumlichkeit.

 

4

Marek Janowski

Berliner Philharmoniker

RBB

2019, live

16:36  16:36  8:21  12:51  54:24

Als Marek Janowski, 2002-2015 künstlerischer Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) und 2005-2012 beim Orchestre de la Suisse Romande war, gab es noch keine Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern. Erst in den vergangenen Jahren hat sich eine regelmäßige Zusammenarbeit entwickelt, die immer wieder Bemerkenswertes zutage fördert. Das Traditionsorchester – mit zum Teil sehr jungen Mitgliedern – trifft hier auf einen Kapellmeister vom alten Schlag, der sich mit messerscharfer Präzision und Hingabe vor allem dem deutsch-österreichischen Repertoire des 19. Jahrhunderts widmet. Beim Konzert in der Philharmonie war er 80 Jahre alt. Gegenüber seiner älteren Aufnahme mit dem Orchestre de la Suisse Romande sind Janowskis Tempi nicht etwa noch langsamer, sondern zügiger geworden.

Im Majestoso hören wir einen weitläufig gegliederten Ablauf mit einem Defilee ruhiger Steigerungen. Das Orchester spielt nicht immer detailgenau, auch was den Blechbläser-Einsatz anlangt. Das fff ist nicht hinreichend vom ff abgehoben. Das Tempo bleibt gleichmäßig, Rubato gibt es wenig. An irisierend schön klingenden Passagen herrscht jedoch kein Mangel.  Der Dirigent zeigt Ruhe und Übersicht, die Aufführung wirkt jedoch gerade, wenn man die Darbietungen von Riccardo Chailly oder John Storgards noch im Ohr hat allzu sachlich. Ein dem Klang Nachspüren findet nicht statt.

Im Adagio herrscht eine Art „schliche Innigkeit“ vorgetragen mit „stoischer Konzentration“. Die Tempi wirken zügig, unmerkliche Übergänge zeigen den Könner. Vieles was bei anderen erhaben und prachtvoll klingen darf, kann dieses Mal bei den Philharmonikern nicht beeindrucken. Manch einem Hörer mag jedoch gerade das an der Interpretation gefallen. Es gibt auch kein Nachgeben oder Nachgehen bei den „schönen Stellen“. Wie bereits im Satz zuvor, allerdings noch auffallender.

Im Scherzo wird die Musik zügig vorangetrieben. Obwohl auch hier ein tendenziell nüchterner Duktus vorherrscht und es nur wenig „romantisch“ im herkömmlichen Sinn klingt, sieht man seltsame Gestalten ihr tänzerisches Spiel treiben. Durch die Triolen unterstützt geisterhaft und irrlichternd. Ein paar Unsauberkeiten im Blech und im Zusammenspiel sind auch dieses Mal wieder zu vermelden. Man hat den Eindruck, dass der Dirigent die Philharmoniker dieses Mal nicht zu Höchstleistungen anspornen konnte. Aber wir hören ja auch eine Aufnahme, bei der es keine Korrekturmöglichkeiten gab. Allerdings gab es die bei Chailly und Storgards 2014 bzw. 2022 ebenfalls nicht.

Im Finale fordert Janowski besonders deutliche Tempounterschiede ein. Eine Art Stopp and Go-Technik. Der Gestus ist sehr offensiv und schnell, im letzten Teil nochmals im Tempo angezogen. Die Coda erklingt strettaartig. Das empfanden wir allerdings als mitreißend. Obwohl das Hauptthema des Kopfsatzes in den Posaunen noch deutlich betonter hätte herauskommen können.

Mache Konzertbesucher hatten sich von der Darbietung anscheinend mehr erhofft (wie man am Applaus erkennen konnte). Von den Philharmonikern erwartet man eben immer das ganz Besondere. Dass die Vertrautheit mit dem Orchestre de la Suisse Romande größer war, dürfte allerdings nicht überraschen. Trotz aller Einwände würden wir jedoch die Berliner Einspielung der Genfer immer noch deutlich vorziehen.

Die Aufnahme erreicht ebenfalls nicht ganz das gewohnte Niveau der Übertragungen aus der Berliner Philharmonie. Die Violinen glimmen mehr als dass sie strahlen würden und manch ein Tutti wirkt tatsächlich auch einmal hölzern. Manche haben sogar von einem „herben, unsinnlichen Altherren-Bruckner“ gesprochen, wohl unwissend, dass gerade nicht wenige über 80jährigen (oder welche in den hohen Siebzigern) mit bei den besten Bruckner-Dirigenten gehören. Deshalb würden wir nie so weit gehen, aber er bleibt dabei, dass es für Philharmoniker-Verhältnisse seltsam genügsam oder sparsam klingt.

 

4

Alexander Merzyn

Philharmonisches Orchester Cottbus

RBB

2022, live

15:56  19:10  8:32  14:51  58:29

Alexander Merzyn ist seit 2020 GMD am Stadttheater Cottbus, seit 2018 bereits kommissarisch wegen des vorzeitigen Weggangs von Evan Christ und zuvor schon als 1. Kapellmeister tätig. Vor seinem Dirigentenstudium spielte er Cello im DSO in der Chefdirigentenzeit von Kent Nagano und im RSB in der Zeit von Marek Janowski. Da gab es sicher genug Gelegenheit einige Bruckner-Sinfonien aus der Perspektive des Orchestermusikers kennenzulernen. Mit dem Sinfonieorchester Aachen ist das Orchester aus Cottbus das einzige in unserer Aufstellung, das nicht der höchsten Tarifgruppe angehört. Es ist um einige Planstellen stärker besetzt als das Aachener Orchester, das sich diesen Widrigkeiten zum Trotz hervorragend behaupten konnte. In Cottbus sind 74 Musiker zur Stelle, in Aachen 64. Das sind ältere Daten, aber in letzter Zeit, in der der Kultursektor überall zum Schrumpfen verurteilt ist, wird es wohl kaum zu einer Aufstockung gekommen sein. Herr Merzyn wird bis 2028 GMD in Cottbus bleiben.

Das Orchester macht der Sinfonie tatsächlich alle Ehre, besonders die Streicher klingen im Majestoso homogen und gut besetzt. Man hört einen vollgültigen Bruckner-Sound, nicht ganz makellos, aber wir sind ja auch live dabei. Holz und Blech leisten sich keine gravierenden Fehltritte. Man spielt sicherer als die New Yorker Philharmoniker in ihrer Live-Aufnahme mit Bernstein in den 70er Jahren, die diesbezüglich eher Generalprobenniveau hatte. So gut hat sich die Qualität unserer Orchester in den letzten Jahrzehnten verbessert. Im Einzelnen könnte das ein oder andere Bläsersolo vielleicht noch ausdrucksvoller gelingen. Gegenüber den Spitzenklangkörpern aus den Musikmetropolen klingt es etwas weniger ausgefeilt, etwas weniger sonor und etwas weniger brillant. Das Orchester ist jedoch kein reines Konzertorchester, denn es hat auch die Opernaufführungen des Theaters zu bedienen. So häufig wird Bruckner da nicht gespielt werden können. Und Akustik und Aufnahmetechnik spielen ja auch noch eine Rolle.

Das Adagio klingt auf eloquente Art entspannt, kontemplativ und klangschön. Ob man sich bei den Streichern noch ein paar Aushilfen hinzugeholt hat? Jedenfalls kommt man in Cottbus der Entrückung ganz nah, sehr gefühlvoll.

Im Scherzo wird das Tempo wohl gewählt. Die Blechbläsereruptionen wirken aufnahmetechnisch bedingt stark abgemildert, das Trio sehnsuchtsvoll, ja fast verträumt oder wie in Trance und lässt kleinere Intonationstrübungen erkennen. Die Hörner erweisen sich jedoch ansonsten als sattelfest.

Im Finale sorgen flexible Tempi mit für eine spannungsreiche Darbietung. Die dynamische Spannweite ist erstaunlich groß, weil man sich sehr viel Mühe bei den p und pp gegeben hat. Die Rhythmik erscheint durchweg weich.

Es wurde im Stadttheater Cottbus aufgenommen, das lediglich eine recht kleine Bühne aufzuweisen hat. Dennoch haben es die Techniker des RBB verstanden, ein großräumiges Klangbild mit guter Durchhörbarkeit darzustellen. Blech, Holz und Streicher stehen in plausibler Relation zueinander, lediglich das Holz könnte besser zur Geltung kommen. Damit steht diese Aufnahme jedoch nicht alleine da. Es klingt weich, recht voll und brillant wie man es vom RBB ähnlich auch von seinen Übertragungen aus Berlin kennt. Und es klingt auch leicht distanziert ganz ähnlich wie aus Berlin. Leider erscheint die übertragene Dynamik stark nivelliert.

 

Dank Rainer F gibt es von dem Konzert, das wir in einer Rundfunkübertragung des RBB gehört haben und das schon länger aus der ARD-Mediathek verschwunden ist, immer noch als Video zu sehen, zumindest einmal derzeit noch:

https://www.youtube.com/watch?v=TyDpZHbbxig

 

 

  2.7.2026