Wolfgang Amadeus Mozart

10. Klavierkonzert für zwei Klaviere Es-Dur KV 365

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Werkhintergrund:

 

Wolfgang Amadeus Mozart komponierte sein Konzert in Es-Dur für zwei Klaviere (KV 365) im Jahr 1779, nach seiner Rückkehr von einer anstrengenden zweijährigen Europareise in seine Heimatstadt Salzburg [1]. Während dieser Reise (1777–1779) hatte er in Städten wie Mannheim, Paris und München nach einer besseren Anstellung gesucht. Er fand zwar keine neue Stelle, eignete sich aber viele der neuesten musikalischen Stile und Strömungen an, die damals in Europa aufkamen [2]. Zurück in Salzburg wurde der 23-jährige Komponist zum Hoforganisten des Fürsterzbischofs ernannt. Er widmete sich rasch neuen Werken, die von seinen Reisen beeinflusst waren, darunter auch Experimente mit Konzerten für mehrere Solisten – ein Format, das ihn zu dieser Zeit faszinierte [3]. Tatsächlich schuf Mozart um 1778/79 eine Reihe von Konzerten mit mehr als einem Solisten, darunter die Sinfonia Concertante für Violine und Viola in Es-Dur (KV 364) und eben dieses Konzert für zwei Klaviere [4]. Er hatte zuvor im Jahr 1776 ein weniger anspruchsvolles Klavierkonzert für drei Klaviere (KV 242) für eine aristokratische Familie geschrieben, die Sinfonia concertante KV 297b für vier Bläser und sein berühmtes Konzert für Flöte, Harfe und Orchester C-Dur KV 299 entstand bereits im Jahr 1778 während seines Aufenthalts in Paris. Er schrieb letzteres Stück dort als Auftragskomposition für den Herzog von Guines und dessen harfe-spielende Tochter. KV 365 wurde in einem breiteren, virtuoseren Rahmen für sich selbst und seine Schwester Maria Anna „Nannerl“ Mozart konzipiert [5].

 

Mozarts Privatleben und die Welt um ihn herum bildeten den Hintergrund für diese Komposition. Kulturell gehörten die späten 1770er Jahre zur Zeit der Aufklärung, in der die klassische Musik unter der Schirmherrschaft des Adels florierte. Politisch gesehen endete 1779 ein kurzer österreichisch-preußischer Konflikt (der Bayerische Erbfolgekrieg), und in Salzburg – einem kleinen, unabhängigen Fürsterzbistum – drehte sich der Alltag um höfische und religiöse Ereignisse. In diesem Umfeld schrieb Mozart das Konzert vermutlich für ein privates Salzburger Konzert für sich selbst und seiner Schwester Nannerl, einer versierten Pianistin (wie Mozart selbst ein „Wunderkind“). Nannerl, fünf Jahre älter als Wolfgang, war in ihrer Kindheit oft mit ihm auf Konzertreisen gewesen und wurde von ihrem Vater Leopold hochqualifiziert ausgebildet. Ab etwa 1769 unternahm sie jedoch keine Konzertreisen mehr und lebte fortan ein zurückgezogenes Leben in Salzburg [7]. Das Konzert in Es-Dur bot den beiden Geschwistern möglicherweise eine seltene Gelegenheit, als Erwachsene noch einmal gemeinsam aufzutreten. Interessanterweise gibt es keine gesicherten Belege dafür, dass Wolfgang und Nannerl KV 365 jemals öffentlich in Salzburg aufgeführt haben [8]. Mozart schätzte das Werk jedoch offensichtlich sehr: Als er 1781 nach Wien zog, um dort als freischaffender Komponist zu arbeiten, präsentierte er dieses Doppelkonzert in seinen eigenen Konzertreihen [9].

 

Besetzung:

Mozart komponierte das Konzert ursprünglich für zwei Cembali oder aber Orgel, oder Tangentenflügel – die standen in Salzburg zur Verfügung. Mozart hat jedenfalls bis 1788 die unspezifisch gemeinte Bezeichnung „Cembalo“ für das Soloinstrument verwendet. Die frühen Klaviere, auch Hammerklaviere genannt, kamen erst in Wien zur Anwendung. Hinzu trat ein kleines klassisches Orchester: zwei Oboen, zwei Fagotte, zwei Hörner und Streicher (Violinen, Bratschen, Celli und Kontrabass) [10] [11]. Bemerkenswert ist, dass in der Salzburger Fassung keine Klarinetten, Trompeten oder Pauken enthalten sind, da diese Instrumente damals nicht zur Standardbesetzung des dortigen Hoforchesters gehörten. Die beiden Klaviersolisten spielen gleichwertige und anspruchsvolle Partien, die die hohe Virtuosität Mozarts und seiner Schwester widerspiegeln, im Gegensatz zu dem einfacheren Tripelkonzert, das er einige Jahre zuvor für die Familie Lodron (Mutter und zwei Töchter, pianistische Amateure) geschrieben hatte (KV 242) [5].

 

Für spätere Aufführungen in Wien erweiterte Mozart offenbar die Orchestrierung, um einen brillanteren Effekt zu erzielen. Zeitgenössische Berichte vermerken, dass er für diese Wiener Konzerte „Klarinetten, Trompeten und Pauken hinzufügte“ [12]. Moderne Ausgaben enthalten diese Stimmen häufig, und das Konzert wird heute oft in dieser erweiterten Fassung aufgeführt. Da die hinzugefügten Bläser- und Schlagzeugstimmen jedoch weder in Mozarts erhaltenem Autograph noch in frühen Drucken zu finden sind, diskutieren Musikwissenschaftler, ob die Wiener Ergänzungen tatsächlich von Mozart selbst stammen [12]. Ungeachtet dessen verleiht die dichtere Wiener Orchestrierung (mit Klarinetten und strahlenden Trompeten sowie Akzenten der Pauken) den Ecksätzen zusätzliche Klangfarbe und festliche Lebendigkeit – ein Kontrast zur intimeren Salzburger Fassung.

 

Ein weiteres bemerkenswertes Merkmal der Instrumentierung dieses Werkes ist Mozarts ausgewogenes Verhältnis zwischen den beiden gleichberechtigten Klavieren und dem Orchester. Die Komposition für zwei Solisten stellte eine Herausforderung dar: Zu viel Orchesterklang hätte das Zusammenspiel überlagern oder verwässern können. Mozart löste dieses Problem, indem er „die Rolle des Orchesters zurücknahm und es eher zum Begleiter als zur führenden Stimme werden ließ“ [13]. In diesem Konzert bildet das Orchester oft einen dezenten Hintergrund, sodass die Klaviere den musikalischen Dialog tragen können. Dies ist im Vergleich zu Mozarts anderen (späteren) Klavierkonzerten, in denen sich Klavier und Orchester üblicherweise im Dialog abwechseln, eher ungewöhnlich. In KV 365 unterhalten sich die beiden Klaviere vorwiegend miteinander – sie tauschen Motive aus –, während das Orchester meist im Hintergrund agiert [14]. Das Ergebnis ist ein transparenter Klang, der Raum für komplexe Duett-Passagen schafft. Mozart verteilt die virtuosen Läufe und thematischen Aussagen „ziemlich gleichmäßig auf die beiden Klaviere“, und das Orchester ist „leiser als in [seinen] anderen Klavierkonzerten, wodurch ein Großteil des musikalischen Materials den Solisten überlassen wird“ [14]. Diese Herangehensweise erzeugt für den Hörer einen reizvollen Stereoeffekt, da die Motive in einem lebhaften Wechselspiel zwischen den beiden Tasteninstrumenten hin und her wandern.

 

Struktur:

Das Konzert folgt der typischen dreisätzigen Struktur klassischer Konzerte mit dem Schema schnell-langsam-schnell. Jeder Satz hat seinen eigenen Charakter und stellt die beiden Klaviere auf besondere Weise in den Vordergrund. Spielfreudigkeit und Einfallsreichtum zeichnen den ersten Satz aus, über dessen heiteren Glanz die Moll-Trübungen des Mittelabschnitts und die empfindsamen Dur-Moll-Wechsel des Reprisenbeginns nur leichte und rasch vorüberziehende Schatten legen. Der Mittelsatz wird schon zur zart versonnenen Elegie und das Rondo nimmt wieder im verstärkten Maß die Stimmungsschwankungen des ersten Satzes auf. Was im Konzert KV 271 mit Wertherischer Heftigkeit unaufhaltsam hervorbrach, die leidenschaftliche Unruhe und das Getriebensein, das tritt nun mehr zurück und verbirgt sich in der bestrickenden Süße des Wohlklangs und einer maßvollen Eleganz der Bewegung. Die Klangwirkungen dieses Konzerts liegen ganz besonders in der äußerst raffinierten Ausnutzung der koloristischen Möglichkeiten, die sich aus der Kombination der beiden Klaviere ergibt. Ihre „Doppelornamentik“ gehört zum Ausgesuchtesten und zugleich Vornehmsten, was die an durchtriebener Finesse wahrlich nicht arme Klavieristik des jungen Mozart und seine Zeit kennt. Das Orchester beschränkt sich noch auf die thematische Rahmengebung und die zarteste Pastellummalung. Die sinfonische Formproblematik wurde erst in der Figaro-Zeit bestimmend für das Konzert. Auch in der Orchesterbehandlung macht sich die verhältnismäßig frühe Entstehungszeit bemerkbar. Die Bläser üben, wenigstens im 1. und 3. Satz, vorwiegend Tuttifunktion aus. Bei den Streichern bleibt der Bratschenpart noch neapolitanisch-unselbständig. Die Fagotte verstärken meist nur den Bass. Mehr Farbigkeit bietet die Bearbeitung für die Aufführungen in Wien.

 

1. Satz: Allegro (Es-Dur):

 

Der erste Satz beginnt mit einem vollen Orchestertutti, das die Hauptthemen in schwungvoller, beschwingter Weise einführt [15]. Nach dieser Einleitung setzen die beiden Klaviere dramatisch allein, d.h. ohne Orchesterbegleitung, ein – ein kühner Effekt, der den Dialog der Solisten sofort in den Vordergrund rückt [16]. Es folgt eine ausgedehnte Doppel-Exposition: Die Klaviere tauschen Phrasen in einem fortwährenden Dialog aus und werfen sich kleine Melodiefragmente so schnell hin und her, dass die Musik einen „stereoartigen“ Charakter annimmt [17]. Dieser Effekt wird - ausgenommen die Aufnahmen in Monotechnik - mal mehr, mal weniger gut in den Aufnahmen umgesetzt. Die Stimmung ist freudig und weitläufig; ein Kommentator bemerkte, das Allegro wirke „wunderbar weitläufig, als ob Mozart sich in vollen Zügen amüsiere und seinen Ideen freien Lauf lasse“ [18]. Im Verlauf des Satzes imitieren sich die Klaviere gegenseitig und beantworten sich Fragen, mitunter in Echos zwischen hohen und tiefen Lagen (ein Klavier spielt ein Thema im Diskant, während das andere es eine Oktave tiefer wiederholt) – eine Textur, die Mozarts Sinfonia Concertante ähnelt, in der Violine und Bratsche Themen im Oktavabstand spielen [19]. Die Orchesterrolle ist weitgehend unterstützend; sie setzt sich leise ein, während das Klavierduo die Themen entwickelt. Gegen Ende fügte Mozart eine mitreißende Kadenz (einen solistischen Höhepunkt für beide Klaviere) hinzu, in der die Musik kurz in eine Molltonart wechselt und so einen dramatischen Moment erzeugt, bevor das heitere Es-Dur zurückkehrt und den Satz beschließt [20].

 

2. Satz: Andante (B-Dur):

 

Der zweite Satz ist ein sanftes Andante, das lyrische Kontraste und Eleganz vereint. Er beginnt mit einer zarten Orchestereinleitung, in der eine klagende Oboe eine melancholische Phrase über sanfter Streicherbegleitung erklingt [21]. Mit dem Einsatz der beiden Klaviere (zunächst unisono, ohne Orchester) entfaltet sich ein anmutiges Duett. Ihre Linien verweben sich in einem spielerischen, poetischen Dialog und ergänzen einander musikalisch. Die Atmosphäre ist von feinem Charme geprägt – schön und ausdrucksstark, aber mit leichter Hand. Mozart lässt Solisten und Orchester das Thema abwechselnd spielen, wobei jeder die Begleitung übernimmt, während der andere die Führung übernimmt [21]. Verglichen mit einigen von Mozarts noch gefühlstieferen langsamen Sätzen wirkt dieses Andante warm und fließend, nicht so intensiv dramatisch, obwohl es in seinen Mittelpassagen einige ergreifende Momente enthält [22, 23]. Die Textur bleibt transparent, das Orchester meist im Hintergrund, wodurch der intime Dialog zwischen den beiden Klavieren hervorgehoben wird. Der elegante Dialog und die ausgewogene Phrasierung des Satzes verleihen ihm einen höfischen doch intimen Charakter und bieten eine kurze Ruhepause zwischen den energischen Außensätzen.

 

3. Satz Rondeau: Allegro (Es-Dur):

 

Das Finale ist ein temperamentvolles Rondo voller Witz und Vitalität. Sein Hauptthema ist eine heitere, tänzerische Melodie in Es-Dur, die zwischen kontrastierenden Episoden immer wiederkehrt (eine typische Rondoform). Mozart verleiht diesem Satz Verspieltheit und Überraschungen. Er gilt sogar als „eines der besten Beispiele für Witz und Humor in Mozarts Musik“ [24]. Jedes Mal, wenn das beschwingte Rondo-Thema wiederkehrt, überrascht Mozart mit einer unerwarteten Wendung: Die Musik verharrt plötzlich an einem ungewöhnlichen harmonischen Wendepunkt – und landet bei jeder Wiederkehr auf einem anderen, unerwarteten Akkord [25]. Auf diese kurzen, skurrilen Pausen folgen abrupte Charakterwechsel, wenn das Stück neue musikalische Ideen oder Tonarten aufgreift und den Hörer auf angenehme Weise überrascht [25]. Dieser raffinierte Stop-and-Go-Trick demonstriert Mozarts erfinderischen Humor. Er findet immer wieder neue Wege, das Thema zu lösen und es, wie eine Analyse es ausdrückt [26], „über mehrere Hände zu scheinbar unzähligen Auflösungen“ zu führen. Der Satz ist rasant und überschwänglich, mit lebhaften Dialogen zwischen den beiden Klavieren – zeitweise fast ein freundschaftlicher Wettstreit der Virtuosität. Besonders in Aufführungen mit erweiterter Orchesterbesetzung besitzt das Finale einen festlichen, „bombastischen“ Charakter, wobei Trompeten und Pauken zu seiner Brillanz beitragen [27]. Nach einer letzten Reihe von Läufen und einer verspielten Kadenz für das Duo schließt das Konzert mit einem brillanten Orchesterklang und beschließt das Werk auf eine freudige und nachdrückliche Weise [28].

 

Mozarts Konzert für zwei Klaviere in Es-Dur hat sich als einzigartiges Juwel unter den Klavierkonzerten einen festen Platz im Repertoire erobert. Der genaue Uraufführungstermin ist bis heute unklar – es gibt keine Belege für eine konkrete Salzburger Aufführung, für die das Werk komponiert wurde [8]. Sollte Mozart beabsichtigt haben, es gemeinsam mit Nannerl in Salzburg aufzuführen, so war dieser Plan möglicherweise privat oder informell. Nach seinem Umzug nach Wien stellte Mozart jedoch fest, dass das Stück im Konzert großen Anklang fand. Er wählte es für seine Wiener Konzerte aus und spielte es in den 1780er Jahren zweimal mit seiner Schülerin Josepha Barbara Auernhammer [29]. Die erste dieser bekannten Aufführungen fand 1781 statt (im Jahr von Mozarts Ansiedlung in Wien), eine weitere 1787, als Mozart auf dem Höhepunkt seines Ruhms stand [30]. Wie bereits erwähnt, erweiterte Mozart für diese Wiener Konzerte die Orchesterbesetzung um Klarinetten, Trompeten und Pauken, um die größeren Möglichkeiten des Orchesters auszuschöpfen und das Publikum mit einem prachtvolleren Klang zu begeistern [31]. Zeitgenössischen Berichten zufolge wurde das Duospiel von Mozart und Auernhammer gut aufgenommen – obwohl Mozart selbst gemischte Gefühle bezüglich des Stils seiner Schülerin hegte. Er bemerkte, dass sie zwar „bezaubernd“ spiele, ihr aber in kantablen Passagen eine gewisse Zartheit fehle [32]. Über ihr Aussehen äußerte er sich weniger schmeichelhaft. Es kamen sogar Gerüchte über eine Heirat auf, die Mozart jedoch entschieden dementierte – kurz darauf heiratete er stattdessen Constanze Weber [33]. Abgesehen von diesen persönlichen Dramen festigten die Wiener Aufführungen den Ruf des Doppelkonzerts als ein mitreißendes und publikumswirksames Werk in Mozarts Konzertrepertoire.

Das bekannte und viel gespielte Konzert für zwei Klaviere nimmt zusammen mit dem ebenfalls häufig gespielten Klavierkonzert Es-Dur KV 271 aus dem Jahr 1877 eine Sonderstellung in Mozarts Konzertschaffen ein. KV 271 ist also kurz vor, KV 365 kurz nach dem an äußeren Erschütterungen, Enttäuschungen und Erfolgen wie inneren Stürmen reichen Lebensabschnitt entstanden, der durch die Mannheim-Paris-Reise ihren Rahmen fand. Auf beide passen wohl so viel missbrauchte Bezeichnungen, wie „ungetrübte Heiterkeit“ oder „apollinische Schönheit“. Beide lassen bereits so Friedrich Blume im Nachwort zur Partitur „den Anbruch eines neuen Zeitalters erkennen, das nicht mehr im beglückten Spiel einer vollendet eleganten Serenität Genüge finden sollte. Die Musik tritt in das Grenzstadium zweier Welten: der ‚schöne Augenblick‘: kann nicht zum Verweilen gebracht werden, das ‚Unnennbare‘, das aus der Tiefe quillt, wird Feind des Beharrenden. Zwielichtiger Dämmer und das plötzliche Aufreißen seelischer Tiefen künden bereits in diesen Konzerten das Nahen einer Zeit, der das Wirkliche zum Schein, und in der keinem so sehr die Wirklichkeit zum Trugbild einer geheimnisvoll überwirklichen Welt werden sollte, wie eben gerade Mozart.“

Werke entscheidender Wendezeiten behalten wohl immer etwas eigentümlich Erregendes, für ihren Schöpfer sowohl wie für den Nacherlebenden. Mozart hat den beiden Konzerten KV 271 und KV 365 später immer wieder seine Vorlieben bewiesen. Er hat sie wiederholt gespielt und bearbeitet. An der überkommenen Konzertform Johann Christian Bachs ändert Mozart vorerst noch nichts wesentlich.

 

Wirkung:

In den Jahrzehnten nach Mozarts Tod wurde das Konzert in Es-Dur weiterhin von bedeutenden Musikern bewundert und aufgeführt. So setzte sich beispielsweise der junge Felix Mendelssohn für das Werk ein. 1832 plante Mendelssohn eine Aufführung des Doppelkonzerts mit dem Pianisten Ignaz Moscheles in London und komponierte sogar neue Kadenzen dafür [34]. Ein Brief Mendelssohns aus diesem Jahr kündigt ein bevorstehendes Konzert an, bei dem er und Moscheles „Mozarts Doppelkonzert KV 365“ spielen würden. Dies belegt, dass das Werk Eingang in das Repertoire der Virtuosen des 19. Jahrhunderts gefunden hatte (Mendelssohn hatte seine Kadenz für den ersten und dritten Satz selbst ausgeschrieben, während Moscheles improvisierte) [34] [35]. Dieses Interesse späterer Komponisten und Pianisten zeugt von der anhaltenden musikalischen Anziehungskraft des Konzerts, die weit über Mozarts Lebenszeit hinausreichte.

 

Auch heute noch ist Mozarts Konzert für zwei Klaviere ein beliebtes Werk – oft ein glanzvolles Paradestück, wenn zwei versierte Pianisten zur Verfügung stehen. Seine Seltenheit (es ist Mozarts einziges Konzert für zwei Klaviere) und das mitreißende Zusammenspiel machen es besonders beliebt bei Geschwistern, diversen Familienmitgliedern und langjährigen Klavierduos. Viele berühmte Duos haben es aufgeführt und aufgenommen, von Ehepaaren, Vater-Tochter-Paare über Lehrer-Schüler-Paare bis hin zu Geschwistern. So haben beispielsweise die französischen Schwestern Katia und Marielle Labèque (ein renommiertes Klavierduo) dieses Konzert häufig mit großem Erfolg gespielt. Rezensionen loben oft, dass Mozarts „spritziges Doppelkonzert“, das „durch die Labèque-Schwestern mit ihrer charakteristischen ‚telepathischen‘ Koordination zum Leben erwacht“ [36]. Solche Aufführungen verdeutlichen, wie das Stück nicht nur die individuelle Virtuosität jedes Pianisten, sondern auch die Synergie des Ensembles zur Geltung bringt. Hörer und Kritiker erfreuen sich heute an dem brillanten, dialogischen Charakter des Werkes – genau jenen Eigenschaften, die Mozart 1779 einfließen ließ, um die Freude am gemeinsamen Musizieren zu feiern.

 

Mozarts Konzert in Es für zwei Klaviere (KV 365) gilt als charmante und innovative Bereicherung der Klaviermusik. Es vereint klassische Eleganz mit spielerischer Leichtigkeit und markiert einen besonderen Moment in Mozarts Schaffen, als er mit Einfallsreichtum und Virtuosität für mehrere Solisten komponierte. Von seinen Ursprüngen im 18. Jahrhundert als persönliches Werk für Mozart und seine Schwester bis hin zu den Aufführungen führender Klavierduos im 21. Jahrhundert hat sich das Doppelkonzert als zeitloses Werk erwiesen. Es zeugt von Mozarts Fähigkeit, einen funkelnden Dialog und ein harmonisches Zusammenspiel der Instrumente zu schaffen und hinterlässt ein Erbe, das Publikum und Interpreten seit über zwei Jahrhunderten schätzen.

 

(Quellen: Friedrich Blume: Nachwort der Partitur in der Ausgabe der Edition Peters; Mozart-Portal.com, darin enthalten: Wikipedia; Programmheft der LA Philharmonic; Boston Baroque (M. Pearlman): Anmerkungen; Boston Symphony Orchestra-Programmheft (M. Steinberg); Hyperion Records Anmerkungen (T. Lev); Website des Monteverdi-Chores (Labèque-Rezension) [36].

 

[1] [2] [13] [16] [20] [21] [27] [28] Konzert in Es-Dur für zwei Klaviere, KV 365, Wolfgang Amadeus Mozart,  https://www.laphil.com/musicdb/pieces/1438/concerto-in-e-flat-major-for-two-pianos-k-365

 

 

[3] [7] [11] [29] [30] [31] [38] BSO,  https://www.bso.org/works/concerto-in-e-flat-for-two-pianos-k-365

 

 

[4] [5] [15] [17] [19] [22] [23] [24] [25] [26] Konzert für zwei Klaviere und Orchester in Es-Dur, KV 365 (Mozart) - von CDA68367 - Hyperion Records,  https://www.hyperion-records.co.uk/dw.asp?dc=W10045_68367

 

 

[6] [10] [14] [18] Klavierkonzert Nr. 10 (Mozart) – Wikipedia, https://en.wikipedia.org/wiki/Piano_Concerto_No._10_(Mozart)

 

[8] [9] [12] [32] [33] [37] Mozarts Konzert Nr. 10 in Es-Dur für zwei Klaviere — Boston Baroque,  https://baroque.boston/mozart-365

 

 

[34] [35] Alle Wege führen zu Mozart – Teil I – Quinte Parallele, https://www.quinteparallele.net/interviste/all-roads-lead-to-mozart-part-i/

 

 

[36] Mozart: Doppel- und Tripelkonzerte für Klavier | Monteverdi Chor und Orchester, https://monteverdi.co.uk/recent-projects/mozart-2025

 

Der Stereo-Dialog im ersten Satz (Allegro) von KV 365 ist ein genialer Geniestreich von Mozart. Da er das Stück für sich (1. Klavier) und seine Schwester Nannerl (2. Klavier) schrieb (oder umgekehrt), hat er die beiden Instrumente nicht einfach nacheinander spielen lassen. Er hat sie wie zwei unzertrennliche Geschwister komponiert, die sich gegenseitig ins Wort fallen, Sätze beenden oder das Gesagte spiegeln. Wenn man die GrauSchumacher-CDs aus Berlin hörst oder andere gute Stereo-CDs, sollte man im ersten Satz einmal auf diese drei faszinierenden Stereo-Effekte achten:

  1. Der „Echoraum“-Effekt (Die Phrasen-Übergabe) Sehr oft spielt Andreas Grau (links) ein kurzes, prägnantes Thema von zwei Takten. Noch während sein letzter Ton verklingt, greift Götz Schumacher (rechts) exakt dasselbe Thema auf – oft eine Oktave höher oder tiefer. Der Stereo-Effekt: Das Thema wandert physisch von links nach rechts durchs Hörzimmer. Es wirkt wie ein musikalisches Echo, das dem Satz eine enorme räumliche Tiefe verleiht.
  2. Das „Zahnrad“-Prinzip (Die Sechzehntel-Ketten) Mozart liebt es, schnelle, virtuose Läufe aufzuteilen. Statt dass ein Pianist eine lange Kette von 32 Noten alleine durchrauscht, spielt Andreas Grau die ersten vier Noten, Götz Schumacher die nächsten vier, dann wieder Grau, dann wieder Schumacher. Der Stereo-Effekt: Wenn das perfekt synchron gespielt wird (und das ist das Markenzeichen von GrauSchumacher, aber auch vieler anderer guten Duos), entsteht eine einzige, rasend schnelle Klanglinie, die im Zickzack-Kurs permanent zwischen dem linken und rechten Lautsprecher hin- und herfeuert. Das erfordert blindes Timing, da kein Loch entstehen darf.
  3. Das vertauschte Rollenspiel (Melodie vs. Begleitung) In klassischen Solokonzerten spielt die rechte Hand die Melodie und die linke Hand die Begleitung (Albertibässe). Mozart bricht das hier im Stereo-Feld auf: Andreas Grau spielt mit seiner rechten Hand die strahlende Melodie (links im Raum). Götz Schumacher übernimmt mit seiner linken Hand die rhythmische Begleitung (rechts im Raum). Wenige Takte später dreht Mozart das Prinzip um: Schumacher singt rechts, Grau grundiert links.

Diese Effekte gehen leider bei allen Monoaufnahmen, aber auch vielen Stereoaufnahmen die den Dialog-Effekt nicht recht hervorheben wollen oder gar ignorieren ganz oder größtenteils verloren. Damit wird man den Erfordernissen des Werkes schon nicht mehr vollumfänglich gerecht. Nur wenige Einspielungen können das Manko durch andere Meriten kompensieren. 

 

Zitate:

„Ich schwöre … daß ich Salzburg und die ihnwonner … nicht leiden kann; - mir ist ihre sprache - ihre lebensart ganz unerträglich.“ (Mozart über seine Anstellung in Salzburg)

 

„Mozart war wirklich in der Lage, mit wenigen Tönen etwas unglaublich Schönes zu erreichen.“ (Ton Koopman zwar über die Krönungsmesse, aber das Zitat trifft auf so viele Werke zu, zweifellos auch auf KV 365.)

 

„Man irrt, wenn man denkt, daß mir meine Kunst so leicht geworden ist. Es gibt nicht leicht einen berühmten Meister in der Musik, den ich nicht fleißig, oft mehrmals, studiert hatte.“ (Mozart über sein „Handwerk“)

„Ich wünschte, meine Schwester wäre in Wien, sie würde gewiss sehr viel verdienen, denn man liebt hier die Klaviatur über die Maßen.“ (Mozart über die Fähigkeiten seiner Schwester „Nannerl“ in einem Brief an den gemeinsamen Vater Leopold, 1783.)

 

„Adieu, Engel, ich scheiße dir auf die Nase, sodass es dir am Kinn herunterläuft.“ (Mozart in einem Brief an „Nannerl“ zum Abschluss um sie zu erheitern.)

 

 

„Du wirst im Ehstand viel erfahren

was dir ein halbes Rätsel war;

bald wirst du aus Erfahrung wissen,

wie Eva einst hat handeln müssen

dass sie hernach den kain gebar.

doch schwester, diese Ehstands Pflichten

wirst du vom Herzen gern verrichten,

denn glaube mir, sie sind nicht schwer;

doch Jede Sache hat zwo Seiten;

der Ehstand bringt zwar viele freuden,

allein auch kummer bringet er.

drum wenn den Mann dir finstre Minen,

die du nicht glaubest zu verdienen,

in seiner üblen Laune macht:

So denke, das ist Männergrille,

und sag: Herr, es gescheh dein wille

beitag – – und meiner bei der Nacht.“

 

dein aufrichtiger bruder

W.A. Mozart

(Mozart in einem Brief an „Nannerl“ anlässlich ihrer Hochzeit)

 

 

11.8.2026

 

Mozart im Jahr 1779 oder 1790

Bölzlscheiben aus Holz wurden in der Familie Mozart selbst angefertigt und bemalt. Anschließend wurde mit Pfeilen oder einer Art "Windgewehr" drauf geschossen. Der ungeliebte Graf musste bei einem anderen Exemplar ebenfalls als Ziel herhalten. Spiele mannigfacher Art wurden von Mozart zur Zerstreung ausgeübt, denken wir nur ans Kegeln oder Billardspiel.  Besonders der dritte Satz lässt an ein "Jeu de Paume" denken. Das war der Vorläufer des Tennis. Das soll auch in Wien bereits zur Mozartzeit weitverbreitet ausgeübt worden sein. Gerne spielte Mozart auch mit Rätseln oder Wortspielen. Damit konnte er sich und seine Familie bisweilen aufheitern und sich vom Komponieren entspannen.

Übersicht aller gehörten Einspielungen:

Die Rezensionen folgen wie immer am Ende der Liste

 

Die Stereo-Einspielungen:

 

5

Tatjana Nikolajewa,  Eliso Wirsaladse

Saulius Sondetskis

Litauisches Kammerorchester

Melodija

1986

10:22  7:35  7:37  25:24

 

5

Clara Haskil, Géza Anda

Alceo Galliera

Philharmonia Orchestra London

EMI, Archipel, Membran

1956

10:00  7:13  6:47  24:00

 

5

Marie-Luise Hinrichs, Christian Zacharias

Christian Zacharias

Bamberger Symphoniker

EMI

1995

9:56  6:50  6:49  23:35

5

Peter Serkin, Rudolf Serkin

Alexander Schneider

Marlboro Festival Orchestra

CBS-Sony

1962

10:03  7:34  6:44  24:21

 

5

Murray Perahia, Radu Lupu

Murray Perahia

English Chamber Orchestra

Sony

1988

9:35  7:07  6:33  23:15

 

5

Emil Gilels, Elena Gilels

Karl Böhm

Wiener Philharmoniker

DG

1973

10:23  8:15  7:07  25:45

 

5

Carlo Grante, Barbara Panzarella

Bernhard Sieberer

Orchestra dell´Accademia Nazionale di Santa Cecilia

Music and Arts

2008

11:30  8:04  7:24  26:58

 

5

Havard Gimse, Vebjorn Anvik

Iona Brown

Norwegisches Kammerorchester

Chandos

1996

9:38  7:14  6:21  23:13

5

Robert Casadesus, Gaby Casadesus

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS-Sony

1960

10:11  6:32  6:24  23:07

 

5

Katia Labèque, Marielle Labèque

Semyon Bychkov

Berliner Philharmoniker

Philips

1989

9:58  8:02  6:59  24:59

 

5

Alfred Brendel, Walter Klien

Paul Angerer

Wiener Volksopernorchester (in manchen Ausgaben auch mal: Wiener Staatsopernorchester, Wiener Symphoniker oder Wiener Kammerorchester genannt)

Vox, Tuxedo Music

1960

9:44  7:45  6:52  24:21

 

5

Daniel Barenboim, Clifford Curzon

Daniel Barenboim

English Chamber Orchestra

BBC Classics

1979, live

10:13  7:53  7:16  25:22

5

Margarita Höhenrieder, Antti Siirala

William Garfield Walker

Wiener Concertverein

Solo Musica

2024

9:54  7:23  6:46  24:03

 

 

 

4-5

Zoltán Kocsis, Deszö Ránki

Janos Ferencsik

Hungarian State Orchestra

Hungaroton, Fidelio

1972

9:41  8:10  6:46  24:37

 

4-5

Friedrich Gulda, Chick Corea

Nikolaus Harnoncourt

Concertgebouw Orchester, Amsterdam

Teldec

1983

10:13  8:00  6:45  24:58

 

4-5

Alicia de Larrocha, André Previn

André Previn

Orchestra of St. Luke´s

RCA-Sony

1993

10:02  7:19  6:43  24:04

 

4-5

Anatol Ugorski, Dina Ugorskaja

Vladislav Czarnecki

Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim

Ebs

2001

10:00  7:55  7:13  25:08

4-5

Anna Walachowski, Ines Walachowski

Makus Bosch

Sinfonieorchester Aachen

Oehms

2005

9:46  6:45  6:37  23:08

 

4-5

Cyprien Katsaris, Eung-Gu Kim 

Yoon Kuk Lee

Salzburger Kammerphilharmonie

Piano 21

1999, live

9:35  6:50  6:46  23:11

 

4-5

Ingrid Haebler, Ludwig Hoffmann

Alceo Galliera

London Symphony Orchestra

Philips

1966

10:07  8:07  7:34  25:48

 

4-5

Duo del Valle:

Victor del Valle, Luis del Valle

Pablo Gonzalez

Orquesta Sinfónica de Castilla y Léon

Ibs

2022

11:39  8:02  6:57  26:38 

4-5

Derek Han, Wu Han

Massimo Quarta

Royal Philharmonic Orchestra, London

RPO Eigenlabel, Orchid Classics

2008

9:52  7:08  6:58  23:58

 

4-5

Andrei Gawrilow, Dang Thai Son

Pavel Kogan

Moskauer Kammerorchester (in späteren Pressungen: UdSSR State Chamber Orchestra genannt)

Melodija

1983

9:34  7:45  6:54  24:13

 

4-5

Prisca Benoit, Mladen Tcholitsch

Lavard Skou Larsen

Salzburg Chamber Soloists

Pavane Records

2020

9:56  6:55  6:46  23:37

 

4-5

Klavierduo Tal-Groethuysen:

Yaara Tal, Andreas Groethuysen

Bruno Weil

Münchner Rundfunkorchester

Sony

2013

10:10  6:30  7:16  23:56

4-5

Klavierduo GrauSchumacher:

Andreas Grau, Götz Schumacher

Ruben Gazarian

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

Neos

2009

11:14  7:41  7:37  26:32

 

4-5

Alfred Brendel, Imogen Cooper

Neville Marriner

Academy of St. Martin in the Fields

Philips, Decca

1977

9:48  8:03  6:52  24:43

 

4-5

Mari Kodama, Momo Kodama

Kent Nagano

Orchestre de la Suisse Romande

Pentatone

2024

10:02  6:51  6:44  23:37

 

4-5

Vladimir Ashkenazy, Daniel Barenboim

Daniel Barenboim

English Chamber Orchestra

Decca

1972

9:42  8:43  6:59  25:24

 

4-5

Rudolf Firkusny, Alan Weiss

David Zinman

Rochester Philharmonic Orchestra

Vox, Naxos

1978

10:10  8:32  7:04  25:46

 

4-5

Alexandre Rabinovitch, Martha Argerich

Jörg Faerber

Württembergisches Kammerorchester Heilbronn

Teldec

1995

9:26  6:54  6:04  22:24

4-5

Ellen Corver, Sepp Grotenhuis

Jürgen Kussmaul

Amsterdam Mozart Players

Channel Classics

1990

9:04  6:53  6:17  22:14

 

4-5

Jenö Jando, Dénes Varjon

Matyas Antal

Concentus Hungaricus

Naxos

1991

9:43  7:17  7:10  24:20

 

4-5

Jon Kimura Parker, James Parker

Mario Bernardi

CBC Radio Orchestra

CBC Records

2006, live

10:01  7:07  7:04  24:12

 

4-5

Arthur Gold, Robert Fitzdale

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS-Sony

1970

10:57  8:38  7:29  27:04

 

4-5

Duo Crommelynck: Taeko Kuwata, Patrick Crommelynck

Bruno Giuranna

Orchestra da Camera di Padova e del Veneto

Claves

1990

9:49  7:06  7:22  24:17

4-5

Valerie Tryon, Peter Donohoe

Boris Brott

Royal Philharmonic Orchestra, London

Somm

2017

10:19  6:53  7:10  24:22

 

4-5

Juliane Lerche, Ingeborg Herkommer

Gerhard Pflüger

Staatskapelle Weimar

Terna

1965

10:00  8:18  7:07  25:25

 

 

 

4

Carmen Piazzini, Alfredo Perl

Michail Gantvarg

Leningrad bzw. St. Petersburg Soloists

Amadeo, Aurophon, Membran

1990

9:54  7:00  6:38  23:22

 

4

Daniel Barenboim, Sir Georg Solti 

Sir Georg Solti

English Chamber Orchestra

Decca

1989

9:44  7:04  6:35  23:22

 

4

Klavierduo Sakamoto:

Aya Sakamoto, Risa Sakamoto

Howard Griffiths

ORF Radio-Sinfonieorchester Wien

Alpha

2022

10:099  6:29  7:08  23:46

 

4

Radu Lupu, André Previn

André Previn

London Symphony Orchestra

EMI, Warner

1976

10:18  8:13  6:43  25:14

 

4

Klavierduo GrauSchumacher:

Andreas Grau, Götz Schumacher

Wolfgang Gönnenwein

Stuttgarter Kammerorchester

Koch-Discovery

1995

9:57  7:26  7:22  24:45

4

Constantine Orbelian, Jonathan Shames

Nase Gum

Moskauer Kammerorchester

Delos

1992

9:37  7:41  6:42  24:00

 

4

Robert Blocker, Peter Frankl

William Boughton

Yale Philharmonia

Wyastone Estate, Nimbus

2018

10:20  7:16  7:10  24:46

 

4

Lukas Jussen, Arthur Jussen

Sir Neville Marriner

Academy of St. Martin in the Fields

DG

2015

10:14  7:39  7:12  24:55

 

4

Hephzibah Menuhin, Fou Ts´Ong

Yehudi Menhin

Bath Festival Orchestra

EMI

1964

9:46  7:01  6:47  23:34

 

4

François Do Toit, Albie van Schalkwyck

Bernhard Güller

Cape Town Philharmonic Orchestra

CTS Original

2020

10:30  7:42  7:32  25:44

 

4

Lev Vlassenko, Natasha Vlassenko

Gennadi Roshdestwenski

Sinfonieorchester des Kultusministeriums der UdSSR

Melodija, Entertain Me Europe, Essential Media

1986

10:11  7:53  6:56  25:00

4

Sivan Silver, Gil Garburg

Alexander Mickelthwaite

Tasmanian Symphony Orchestra

ABC Classic

2013

10:01  7:16  7:20  24:37

 

 

 

3-4

Viktoria Vassilenko, Louis Lortie

Kaspar Zehnder

Sinfonieorchester Biel-Solothurn

Outhère, Fuga libera

2019, live

10:20  6:41  7:02  24:03

 

3-4

Güher Pekinel, Süher Pekinel

Ladislav Slovak

Slowakische Philharmonie, Bratislava

Blaricum, Classical Gallary

1993, live

9:46  8:04  7:08  24:58

 

3-4

Christoph Eschenbach, Justus Frantz

Christoph Eschenbach

London Philharmonic Orchestra

EMI

1982

10:02  8:27  7:01  25:30

 

3-4

Dalia Ouziel, Orit Ouziel

Georges Octors

Orchestre de Chambre de Wallonie

Pavane Records

1991

9:59  9:12  6:52  26:03

3-4

Karl Engel, Till Engel

Leopold Hager

Mozarteum Orchester Salzburg

Telefunken, Teldec

1975

9:59  8:03  7:07  25:09

 

3-4

Elizabeth Sombart, Nicolas Comi

Mihaela Ceșa-Goje

Royal Philharmonic Orchestra London

Rubicon

2025

8:25  7:25  7:25  26:15

 

 

 

3

Marco Schiavo, Sergio Marchegiani

Gudni A. Emilsson

Royal Philharmonic Orchestra London

Decca, Universal Italiana

2019

10:30  7:34  7:19  25:23

 

3

Güher Pekinel, Süher Pekinel

Sir Neville Marriner

Philharmonia Orchestra

Chandos

1998

10:28  7:38  7:11  25:17 

 

 

2-3

Cinda Goold Redman, Lena Vozheiko Wheaton

Salvator Brotons

Vancouver Symphony Orchestra

Snail Worx

2016, live

10:20  7:26  6:43  24:29

 

 

Die Mono-Aufnahmen: 

 

5

Robert Casadesus, Gaby Casadesus

George Szell

Columbia Symphony Orchestra (in diesem Fall Mitglieder des Cleveland Orchestra)

CBS-Sony, Andromeda

1955

10:05  6:32  6:25  23:02

5

José Iturbi, Amparo Iturbi

José Iturbi

RCA Victor Symphony Orchestra

RCA-Sony

1951

9:38  6:42  7:02  23:22

 

5

Artur Schnabel, Karl Ulrich Schnabel

Adrian Boult

London Symphony Orchestra

EMI, History

1936

9:02  8:16  6:17  23:35 

 

 

4-5

Clara Haskil, Géza Anda

Paul Burkhard

Studio Orchester Beromünster

Tahra

1954

10:05  7:38  6:59  24:42

 

4-5

Clara Haskil, Géza Anda

Bernhard Paumgartner

Camerata Academica Salzburg

Orfeo

1957, live

10:06  8:18  6:59  25:23

 

4-5

Robert Casadesus, Gaby Casadesus

Dmitry Mitropoulos

New York Philharmonic Orchestra

AS, Archipel, JPK,

1955, live

9:53  6:27  6:21  22:41

4-5

Monique Haas, Ina Marika

Hans Müller-Kray

Südfunk-Sinfonieorchester Stuttgart (heute: SWR Sinfonieorchester)

SWR Classic Archive

1953, live

9:28  7:35  6:30  23:33

 

4-5

Jörg Demus, Helmut Brauss

Hans Müller-Kray

Südfunk-Sinfonieorchester Stuttgart (heute: SWR-Sinfonieorchester)

SWR Classic Archiv

1964

9:46  7:53  6:52  24:31

 

4-5

Emil Gilels, Yakov Zak (auch Sak geschrieben)

Kyrill Kondraschin

Staatliches Sinfonieorchester der UdSSR

Melodija, Hänssler

1949

9:39  7:32  6:37  23:48

 

4-5

José Iturbi, Amparo Iturbi

José Iturbi

Rochester Philharmonic Orchestra

Columbia-Sony

1940

9:41  7:09  7:11  24:01

4-5

Thierry de Brunhoff, Reine Gianoli

Louis Auriacombe

Orchestre de Chambre de Toulouse

Vega

1961

11:02  8:23  7:37  27:02

 

4-5

Paul Badura-Skoda, Reine Gianoli

Hermann Scherchen

Orchester der Wiener Staatsoper

Archipel

1951

9:48  7:47  7:26  25:01

 

4-5

Elena Gilels, Emil Gilels

Vyacheslav Ovchinnikov

Moscow Academic Symphony Orchestra (nicht wie oft behauptet: UdSSR State Symphony Orchestra)

YouTube

1983, live

10:40  8:15  7:12  26:07

 

4-5

Edwin Fischer, Harry Datyner

Edwin Fischer

Orchestre Municipal de Strasbourg (heute: Orchestre Philharmonique de Strasbourg)

Tahra, Mangora, Maestro

1953, live

10:44  6:22  7:20  24:26

 

4-5

Vitya Vronsky, Victor Babin

Dmitri Mitropoulos

Robin Hood Dell Orchestra of Philadelphia (anderer Name für das Philadelphia Orchestra in seiner Sommerresidenz)

Columbia-Sony

1945

9:27  7:25  6:45  23:37

4

Karl-Ulrich Schnabel, Helen Schnabel

Bernhard Paumgartner

Wiener Symphoniker

Epic, Fontana, Philips, Forgotten Records, Astory Classical

1955

8:37  8:35  5:56  23:08

 

4

Paul Badura-Skoda, Dagmar Bella

Wilhelm Furtwängler

Wiener Philharmoniker

Music and Arts

1949

9:44  7:56  6:40  24:20

 

4

Bracha Eden, Alexander Tamir

Walter Süsskind

BBC Symphony Orchestra

YouTube

1978

10:45  7:41  6:59  25:25

 

4

Carl Seemann, Andor Foldes

Fritz Lehmann

Berliner Philharmoniker

DG

1954

9:49  7:27  7:22  24:38

4

Lucas Jussen, Arthur Jussen

Ivan Fischer

Budapest Festival Orchestra

Molto Piano VOF, YouTube

2022, live

10:38  7:29  7:15  25:12

 

 

Die Aufnahmen, die in irgendeiner Form einen mehr oder weniger höheren Anteil HIP zeigen: 

 

5

Alexei Lubimov, Ronald Brautigam

Manfred Huss

Haydn Sinfonietta Wien

BIS

2006

10:17  6:35  6:42  23:34

 

5

Ya-Fei Chuang, Robert Levin

Laurence Cummings

Academy of Ancient Music

AAM (Eigenlabel)

2022

9:47  6:53  6:43  23:23

 

5

Jos van Immerseel, Yoko Keneko

Jos van Immerseel

Anima Eterna

Alpha, ZigZag, Outhère

2005

9:52  7:14  6:69  24:05

 

5

Malcolm Bilson, Robert Levin

John Eliot Gardiner

English Baroque Soloists

DG Archiv

1987

9:44  7:45  6:58  24:27

5

Viviana Sofronitsky, Linda Nicholson

Tadeusz Karolak

Musiqua Antiqua Collegium Varsoviense

Fundacja Pro Musica, Etcetera Records

2005

9:52  7:13  7:07  24:12

 

5

Katia Labèque, Marielle Labèque

Maxim Emelyanychev

SWR-Sinfonieorchester

SWR

2024, live

10:15  6:39  7:38  24:32

 

5

Katia Labèque, Marielle Labèque

Sir Simon Rattle

Orchestra of the Age of Enlightenment

BBC, gesendet vom HR

2011

9:37  6:27  7:23  23:27

 

4-5 

Due del Valle

Victor del Valle, Luis del Valle

Muriel Cantoreggi

Münchner Kammerorchester

BR Klassik

2005, live

11:30  6:35  7:40  25:45

 

4-5

Dmitry Ablogin, Maxim Emelyanychev

Maxim Emerlyanychev

Scottish Chamber Orchestra

BBC, gesendet vom SWR

2024, live

11:29  6:45  7:00  25:14 

 

 

4

Jean-Efflam Bavouzet, Andrea Nemecz

Gábor Takács-Nagy

Manchester Camerata

Chandos

2024

9:48  7:06  6:59  23:53

Fundstücke aus Radio, Mediathek und von YouTube:

 

5

Kate Liu, Eric Lu

Marek Mos

London Mozart Players

YouTube

2023, live

10:08  7:50  6:50  24:48

 

5

Maria Joao Pires, Martha Argerich

Daniel Harding

Orchestre de la Suisse Romande

RTS, gesendet vom SWR, Mezzo auch auf YouTube

2021, live

10:14  7:31  7:01  24:46

 

5

Güher Pekinel, Süher Pekinel

Sir Colin Davis

English Chamber Orchestra

YouTube

2007, live

10:11  7:03  6:54  24:08

 

5

Katia Labèque, Marielle Labèque

Semyon Bychkov

Wiener Philharmoniker

ORF

2012, live

10:05  6:47  7:38  24:30

 

5

Pierre-Laurent Aimard, Tamara Stefanovich

Pierre Laurent Aimard

Chamber Orchestra of Europe

ORF

2013, live

10:10  7:26  6:50  24:26

4-5

Lucas Jussen, Arthur Jussen

Alain Altinoglu

HR-Sinfonieorchester

HR

2025, live

10:07  7:21  7:11  24:39

 

4-5

Lucas Jussen, Arthur Jussen

Jaap van Zweden

Nederlands Radio Kamer Filharmonie

Radio 4, NPO Klassiek

2006, live

10:03  7:18  6:39  24:00

 

4-5

Anthony Paratore, Joseph Paratore

Oleg Caetani

Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken (heute: Deutsche Radio Philharmonie)

SR

1995, live

9:52  6:58  6:45  23:34

 

4-5

Murray Perahia, Radu Lupu

Riccardo Chailly

RSO Berlin (heute: Deutsches Sinfonieorchester Berlin, DSO abgekürzt)

RBB

1984, live

10:07  7:59  6:56  25:02

 

4-5

Lucas Jussen, Arthur Jussen

Cristian Macelaru

WDR-Sinfonieorchester

WDR

2021, live

10:14  7:17  6:58  24:29

 

4-5

Izabella Simon, Dénes Varjon

ohne Dirigent

Chamber Orchestra of Europe

YouTube

2020, live

10:03  7:35   7:04  24:42

 

4-5

Katia Labèque, Marielle Labèque

Jaap van Zweten

Gstaad Festival Orchestra

SWR

2023, live

9:51  6;19  7:21  23:31

4-5

Nikolay Shalamov, Alina Shalamova

Jun Märkl

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR, YouTube

2015, live

10:12  7:25  6:58  24:36

 

4-5

Geister-Duo; David Salmon, Manuel Vieillard

Radoslav Szulc

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR-YouTube

2021, live

10:00  6:41  7:04  23:45

 

4-5

Ani Sulkanishvili, Nia Sulkanishvili

Jun Märkl

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR-YouTube

2015, live

9:45  6:51  6:42  23:28

 

4-5

Aya Sakamoto, Risa Sakamoto

Radoslaw Szulc

Sinfonieorchester des BR

BR-YouTube

2021, live

10:10  7:08  7:07  24:25

 

4-5

Bracha Eden, Alexander Tamir

Yuri Ahronovitch

Gürzenich Orchester Köln

WDR ?

1985, live

11:24  7:46  7:19  26:29 

 

 

4

Begoña Uriarte, Karl-Hermann Mrongovius

Leopold Hager

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR

1980, live

9:45  7:12  6:40  23:37

4

Katia Labèques, Marielle Labèque

Bobby McFerrin

Münchner Rundfunkorchester

BR

2000, live

9:44  6:37  7:39  24:00

 

4

Alexander Wienand, Sebastian Wienand

Nikos Athinäus

Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt (damals noch unter dem Namen: Philharmonisches Orchester Frankfurt)

RBB

1998, live

9:26  6:39  6:42  22:47

 

 

Instrumentale Kuriosität der Extraklasse: Statt zwei Flügeln übernehmen zwei Harfen die Rolle der Solisten und wie: 

 

5

Marie-Pierre Langlamet, Naoko Yoshino

Alondra de la Parra

Kammerakademie Potsdam

RBB

2010, live

10:48  6:45  7:45  25:18

 

 

Die Rezensionen aller gehörten Einspielungen:

 

Die 59 Stereo-Einspielungen:

 

5

Tatjana Nikolajewa,  Eliso Wirsaladse

Saulius Sondetskis

Litauisches Kammerorchester

Melodija

1986

10:22  7:35  7:37  25:24

Diese Aufnahme der beiden Koryphäen der sowjetisch-russischen Klavierschule entstand im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums. Wie meistens, wenn kein befreundetes, verwandtes oder gar verheiratetes Paar an den beiden Flügeln spielt, gibt es eine gewisse Besetzungshierarchie: Da geht es oft nach Alter und Status, sodass der jüngere Pianist oder die jüngere Pianistin dem oder der älteren bzw. arrivierteren das Wahlrecht überlässt. Mitunter nimmt man aber auch die Position ein, die man in früheren Jahren bereits erlernt hat und verzichtet auf den Platz am ersten Flügel. Wir nennen die Pianisten oder den Pianisten immer zuerst, die den ersten Flügel spielt. Der steht meistens auf der linken Seite, der zweite Flügel rechts. Ausnahmen bestätigen die Regel. Das gilt natürlich nur für die Stereoaufnahmen und dann nur für die, die den Dialogcharakter durch die räumliche Anordnung unterstreichen oder schärfen wollen. Bei einigen Stereoaufnahmen klingen die beiden Flügel genau wie bei allen Monoaufnahmen plump aus der Mitte und mit dem Dialog ist es damit auch schon weitgehend vorbei, bevor er begonnen hat. Übertreiben sollte man allerdings auch nicht, denn in anderen Aufnahmen finden sich plötzlich die beiden Flügel auf der virtuellen Bühne zuhause in den Ecken links und rechts ganz außen wieder, so wie es bei der Aufnahme sicher nicht gewesen ist. Alles dazwischen ist möglich und kann im Laufe der 110 Aufnahmen gehört werden.

Frau Nikolajewa ist bekannt für ihren unerschütterlichen, bestens strukturierten, auch mal monumentalen Anschlag. Auch heute noch präsent ist ihr Bach-Spiel und ihre Schostakowitsch-Einspielungen. Frau Wirsaladse, georgischer Herkunft, 18 Jahre jünger als Frau Nikolajewa ist hingegen bekannt für ihr explosives Temperament, ihre Brillanz und ihre rasanten Finger. Und trotz des Altersunterschieds hören wir zwei Alpha-Pianistinnen auf Augenhöhe bei dem sich keine unterbuttern lässt bzw. bei der keine die andere unterbuttern will, allerdings deklamieren beide durchaus mit maximalem Selbstbewusstsein und wie wir meinen nicht zum Schaden Mozarts. Die wie gestochene Anschlagskultur wirkt ungemein kontrolliert und kultiviert, perlend und brillant. Der Klang der beiden Flügel wirkt perfekt „gematcht“ und herausragend artikuliert. Wir hören ein sehr angeregtes und anregendes Zwiegespräch, große Musik in jeder Hinsicht, gespielt mit großer Ernsthaftigkeit. Zuckrige Süßigkeiten oder pastellfarbenes zartes Porzellan kommt einem zu keiner Sekunde in den Sinn. Höchste Eloquenz in Verbindung mit einer faszinierenden Erhabenheit, voller Charakter, fast grimmig. Eine Interpretation des ersten Satzes, die in der ganzen Diskographie des Werkes als einzigartig dasteht.

Höchste Konzentration, höchste Perfektion und höchste Verinnerlichung herrscht im Andante. Das Orchester zieht nun noch besser mit als im ersten Satz. Besonders die Oboen werden wunderbar „seelenvoll“ geblasen. Das Orchester zieht alle Register, die ihm zur Verfügung stehen. Man erreicht mit den beiden außergewöhnlichen Pianistinnen eine Tiefe der Musik Mozarts an der sich fast alle anderen Einspielungen sozusagen die Zähne ausbeißen. Man kann hier bereits einen Blick auf die späten Wiener Konzerte Mozarts vorauswerfen. Eine musikalische Sternstunde, ganz großes Mozart-Kino.

Das Rondo klingt vielleicht sogar am ungewöhnlichsten, denn da schwingt auch viel Kraft, ja emotionale Wucht mit, sogar Stolz und Widerstand. Ob sich damit das richtige Gefühl einstellt, das sich Mozart bei der Komposition vorgestellt hat, wissen wir nicht. In jedem Fall bereichert der Satz, so wie er hier gegeben wird, die Diskographie auf einzigartige Weise. Vielleicht war Mozart stolz so eine musikalische Schwester zu haben, die sich da mit ihm auf der Bühne pianistisch so phantastisch auf Augenhöhe duellieren konnte? Vielleicht war er auch gerade stolz darauf, dass er so ein anspruchsvolles Doppelkonzert so leicht und locker aus dem Ärmelschütteln konnte? An seiner eigentlich unglücklichen derzeitigen Lebenssituation nach der auf vielen Ebenen missglückten Reise über Mannheim, München und Paris wollte er eher nicht denken. In dieser Einspielung klingt es nie überheblich, nie nach unbändiger Freude, nicht nach rasanter Karussellfahrt. Wir hören auch kein „Batteln“ wie bei Gulda und Corea und auch keine Selbstbeweihräucherung, wie man sie manchmal in einigen Einspielungen hören kann. Mit der Gilels-Böhm-Aufnahme hat diese Einspielung die Noblesse und die verinnerlichte Musikalität gemein. Hier zieht man einfach alle Register und durch den Live-Charakter wird das Ganze zusätzlich noch durch einen gewissen „Swing“ geadelt. Diese Einspielung sollte in keiner Sammlung von KV 365 fehlen. Zumindest sollte man sie einmal gehört haben.

Leider kann sie klanglich weniger reüssieren als musikalisch. Wir hören eine „Kühlschrank“-Akustik mit einem sehr harten, steril wirkenden frühen Digitalklang. Da hört man, dass die staatliche Melodija das notwendige Investitionsvolumen in eine ordentlich Aufnahmetechnik und die staatliche Mangelwirtschaft nicht zusammenbringen konnte. Aber wenn man die Konkurrenzaufnahme aus eigenem Hause mit den Vlassenkos und Roshdestwenski aus demselben Jahr dagegen hört, ist man dennoch positiv überrascht. Denn sie klingt viel weniger resonant doch räumlich und großformatig, weniger hart und viel besser zum Konzert passend. Die beiden Flügel klingen glasklar, aber auch das Orchester sehr transparent. Nur die sonore Wärme fehlt dem Portfolio noch. Die Aufnahme wirkt bemerkenswert gut ausbalanciert.

 

Wer mal in diese Aufnahme reinhören möchte:

 

https://www.youtube.com/watch?v=ABl0yY07N_8

 

 

5

Clara Haskil, Géza Anda

Alceo Galliera

Philharmonia Orchestra London

EMI, Archipel, Membran

1956

10:00  7:13  6:47  24:00

Die nunmehr 70 Jahre alte Aufnahme dürfte eine der ersten Stereo-Einspielungen des Werkes gewesen sein, wenn nicht die erste überhaupt. Da sie in Mono und Stereo produziert wurde, letzteres hatte wohl eher noch einen etwas experimentellen Charakter, kann man sie heute zumeist Stereo hören, es existieren jedoch auch noch viele Mono-Veröffentlichungen. Es handelt sich um eine Studioaufnahme aus den Londoner Abbey-Road-Studios, aus dem legendären Studio Nr. 1. Das ist wichtig zu wissen, denn in dieser Duo-Besetzung gibt es noch zwei Monoaufnahmen, die live aufgenommen wurden. 1954 aus Zürich und 1957 aus Salzburg. Auf diese beiden kommen wir in der Monoaufnahmen-Liste zu sprechen.

Clara Haskil übernimmt Klavier 1 und ist von links zu hören, ihr jüngerer Kollege mit Klavier 2 von rechts. Die beiden Flügel sind bestens zu unterscheiden, denn wie so oft in der Anfangszeit der Stereophonie wollte man die neu errungene Differenzierungsmöglichkeit auch besonders gut hörbar machen und so an die staunende Kundschaft bringen. So lässt sich das musikalische Zwiegespräch auch mit den damals noch recht einfachen Geräten von zuhause aus bestens verfolgen. Das gelingt auch für heutige Verhältnisse außerordentlich gut, wenn auch unrealistisch, da beide Flügel viel zu weit voneinander entfernt positioniert erscheinen. Beide Solisten, die sich sehr schätzten, verfügen über einen bewunderungswürdigen aristokratischen, einen unprätentiös perlenden, geradezu einzigartigen Anschlag. Trotz oder gerade wegen des großen Altersunterschieds (Haskil war 61, Anda 34) herrschte zwischen beiden gegenseitige künstlerische Bewunderung.

Alceo Galliera galt damals als der versierteste Begleiter der bei EMI in den 50er Jahren unter Vertrag stand. Das Philharmonia Orchestra spielt mit ganz besonderem Feingefühl und besonderer Klangschönheit ohne den Solisten die Luft zum atmen zu nehmen. Im Gegenteil, sie können sich bei ihm entfalten, was besonders im Andante deutlich wird. Das Orchester klingt fast wienerisch, was vielleicht genau die Absicht war. Es klingt luftig, geschmeidig, einfach toll. Studio 1 erweist sich als ein hervorragender Mozart-Klangraum. Der Klavierklang erscheint in besonderer Weise ausbalanciert, zuweilen prall, zuweilen grazil und zart. Stets klingen die Klaviere absolut synchron, bewundernswert klar und dennoch ausgestattet mit einer gewissen Wärme. Die Quadratur des Klavierklangs scheint gelungen, zumindest ist man ihr sehr nah gekommen.

Im Rondo wirkt der Spagat zwischen Dramatik und spontan wirkender, gelöster Spielfreude und zwischen düsterer Melancholie und musikalischem Scheibenschießen sehr gut geglückt. Über allem steht eine erhaben wirkende Distinguiertheit und Noblesse. Diese Einspielung gilt seit vielen Jahrzehnten als eine der unangefochtenen Referenzaufnahmen. Das Wiederhörn bestätigt das erneut.

Klanglich ist die Stereo-Einspielung den beiden Monoeinspielungen derselben Besetzung haushoch überlegen. Es klingt bereits offen, klar und viel ausgewogener und plastischer als bei den Rundfunkaufnahmen aus der Schweiz und Österreich. Man genießt bereits eine großzügige räumliche Anmutungsqualität. Die beiden Flügel sind exemplarisch gut zu orten, wirken sehr weit voneinander entfernt, allerdings nahm man dabei den Nachteil in Kauf, dass in der Mitte des Stereo-Klangbildes ein Loch entsteht. Der Hörer damals fühlte sich so zwischen die beiden Flügel gesetzt. Eine akustische Sensation. Zur akustischen gesellte sich eine musikalische Sternstunde, an der wir uns auch heute noch erfreuen dürfen. Vorsicht! Es sind immer noch viele Monoüberspielungen im Umlauf.

 

https://www.youtube.com/watch?v=ABl0yY07N_8

 

 

5

Marie-Luise Hinrichs, Christian Zacharias

Christian Zacharias

Bamberger Symphoniker

EMI

1995

9:56  6:50  6:49  23:35

Frau Hinrichs und Herr Zacharias waren damals ein auch Klavierduo spielendes Ehepaar, das aus einem Lehrer-Schülerinnen-Verhältnis hervorging. Rückblickend haben sie sich jedoch schon vor langer Zeit getrennt. Damals stimmte die Chemie zwischen den beiden jedoch noch, zumindest einmal, wenn uns das Gehörte nicht in die Irre leitet. Der ehemalige Lehrer gibt seiner Frau die Gelegenheit am 1. Klavier der Öffentlichkeit noch nachhaltiger aufzufallen, während er sich dirigierend des zweiten Parts annimmt, der jedoch absolut ebenbürtig von Mozart gestaltet wurde.

Auffallend an diese Einspielung ist die überbordende Musizierlust und Lebensfreude, die sich Bahn bricht. Es klingt feinsinnig, warm und es wird mit elegantem und federndem Puls gespielt, auch von Orchester, das zwar in der Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte Zacharias´ sonst nicht herangezogen wurde und seine eigene Leistung in der GA von Kirschnereit und Beermann weit übertrifft. Es klingt schlank, beweglich und immer auch voll, warm, sehr transparent, gerade was das Holz und die Hörner anlangt. In der Dynamik spielt man sehr flexibel, man will den beiden Flügeln nicht nachstehen, denn die spannen sie besonders weit zwischen pp und ff. Mozart schreibt ja meist nur p, mf oder f in die Partitur, hier denkt man die Dynamik weiter. Die Leidenschaft gebietet es. Frau Hinrichs präsentiert sich als Pianistin von Ausnahmeformat, packt voll an, spielt knackig und mit messerscharf fokussiertem Anschlag, sehr brillant und spritzig. Als arrivierter Meister wollte sie Zacharias glänzen lassen, das gelingt auf breiter Front, er selbst hat vom 2. Flügel (der dann ohne Deckel auskommen muss) den besseren Überblick über das Orchester. Als Pianist muss er sich anstrengen um mitzuhalten. Da steckt im ersten Satz eine ungeheure Musikalität drin.

Im Andante dürfen die Klänge der Flügel wunderbar sonor und frei schweben. Ideal passt dazu der warme, schwebende, volle Sound der Bamberger. Da möchte man nun wirklich kein dünnes Gezirpe dazu hören. Dazu gehört einfach ein „goldenes“ Fundament. So kann man die Aufnahme auch als Art Ehrenrettung für die klangtechnisch vermurkste Aufnahme bei Eschenbach und Frantz 1982 sehen. Das Holz ist in Top-Form, ohne dass man den Oboen eine „Memento mori“-Haltung anhören würde, die in manch einer anderen Einspielung spürbar wird. Was für eine feinsinnig und temperamentvoll spielende Ehefrau Herr Zacharias damals hatte! Da muss er tatsächlich aufpassen, dass er nicht zurückfällt. Von zärtlicher Begegnung bis zur warmen Umarmung ist im Andante alles dabei. Agogisch wird der Bogen weit gespannt, aber letztlich behält man doch alles im Griff. Auch bezgl. des Zusammenspiels mit dem Orchester. Da hören wir tatsächlich so etwas wie eine Liebenserklärung auf Tasten, wenn man so will. So ein „glühendes“ Andante hat absoluten Seltenheitswert. Pure Magie aus dem CD-Regal.

Im Rondo werden wir Zeuge von künstlerischer Emanzipation auf offener Bühne. Frau Hinrichs brennt für Mozart, sodass ihrem Ehemann nichts anderes übrigbleibt als mit zu brennen. Wie wir Herrn Zacharias bereits in unseren Erkundungen zu KV 491 und KV 595 kennengelernt haben, ist passives Mitmachen sowieso nicht seine Sache. Bei einigen anderen Paarungen bei KV 365 mit Eheleuten sieht das auch mal ganz anders aus. Das Wesen des Concertare wird hier wiederbelebt bzw. auf die Spitze getrieben. Wir werden Zeugen eines unter Strom gesetzten Wettstreits. Da ist nur noch wenig höfisch dran, kaum klingt da noch etwas zahm. Und da ist auch noch genug Reibung dabei an der man wachsen kann. Allzu oft geht es allzu glatt durch. Hier nicht. Leider ging die Ehe wenige Jahre nach der Einspielung in die Brüche.

Der Klang der Aufnahme ist sehr transparent, räumlich, körperhaft, gut gestaffelt und brillant. Die Flügel klingen sehr brillant, das Orchester differenziert und samtig. Beide Flügel werden hier mittig angeordnet, bleiben aber gerade noch so räumlich gut zu unterscheiden.

 

Von dieser Einspielung kann man hier immerhin das Rondo hören:

 

https://www.youtube.com/watch?v=KHO3eW4tByc

 

 

5

Peter Serkin, Rudolf Serkin

Alexander Schneider

Marlboro Festival Orchestra

CBS-Sony

1962

10:03  7:34  6:44  24:21

Diese Aufnahme wurde nicht im ländlichen Vermont live eingespielt worauf man wegen des entsprechend gestalteten Covers kommen könnte, sondern im CBS-Studio in New York. Sie unterscheidet sich von der mit französischer Eleganz nur zwei Jahre zuvor eingespielten CBS-Aufnahme mit dem Ehepaar Casadesus und Eugene Ormandy fundamental. Nun führt der Weg fort vom Rokoko hin zum expressiven Drive der beiden Serkins. Da wird jeder Rest-Puderzucker weggeblasen und auch das Orchester spielt zupackend und feurig impulsiv aber keineswegs optimistisch lächelnd, obwohl auch die Casadesus´ nicht gerade beschaulich vorgingen. Hier haben wir es übrigens mit einer Sohn-Vater-Paarung zu tun, wobei der Vater, der damals schon ein weltbekannter, tiefgründiger und weltweit geschätzter 59jähriger Klavier-Titan war, seinem 15jährigen Sohn den Vortritt am 1. Klavier ließ. Was für ein Ritterschlag! Peter stand am Anfang einer eigenwilligen, aber ebenfalls brillanten Weltkarriere. Auch der jugendliche Matador befleißigt sich keiner Samtpfötchen-Ästhetik, wie sie bei der dritten CBS-Sony-Einspielung mit Perahia und Lupu allerdings ebenfalls auf höchstem Niveau dominiert. Hier gibt es Schroffheit, enorme Dynamik und eine elektrifizierende kammermusikalische Zusammenarbeit. Da kommt der Sohn noch ganz nach dem Vater. Die Originalkadenzen Mozarts erklingen mit bemerkenswertem Furor und Stringenz. Dass der Vater dem Sohn das 1. Klavier überließ, scheint mit einem ordentlichen Motivationsschub einhergegangen zu sein. Alexander Schneider peitscht das Festival Orchester bemerkenswert expressiv und energisch voran.

Das Andante erklingt zutiefst lyrisch mit erstaunlich guten Oboen. Es ist eklatant wie der 15jährige auch im Ausdruck mit dem Vater mithalten kann. Wahrscheinlich waren die Probenstunden im familiären Umfeld zahlreich und sehr intensiv. Enorm sensibel aufeinander abgestimmt klingt es ebenfalls. Durchaus ebenfalls zärtlich aber doch ganz anders als es bei den Ehepaaren Stefanovich-Aimard oder Hinrichs-Zacharias klingt. Reich an dialogischen Interaktionen wirkt das beim jungen Peter nicht mehr wie einstudiert.

Im Rondo hören wir die Anschläge der gut „gematchten“ Flügel der beiden Pianisten noch einmal bei schnellerem Tempo. Sie klingen nahezu identisch. Hier hört man jugendlichen Übermut heraus, dem sich der Vater dieses Mal nicht verschließen kann. Klingt das nicht wie ein Nachlauf und Fangen-Spiel? Hier hört man auch viel Freude und Spaß am Klavierspiel überhaupt. Für eine Rudolf-Serkin-Einspielung klingt die Aufnahme bemerkenswert gelöst, ja befreit und unbeschwert. Da scheint die Anwesenheit des Sohnes auch auf den Vater, der Studioaufnahmen eigentlich hasste, zurück gewirkt zu haben. Auch mit dem Orchester und dem Dirigenten war man vertraut. Dann sind solche Ergebnisse möglich.

Die Aufnahme wirkt gut grundiert, sehr plastisch. Die beiden Flügel sind wieder weit voneinander entfernt, wie es während der Stereo-Frühphase gerne gemacht wurde. So sind sie bestens zu unterscheiden. Stereo in seiner ursprünglichsten Form. Die gute Dynamik der Aufnahme befördert die energiegeladene Musikalität der Darbietung sehr gut.

 

https://www.youtube.com/watch?v=2AATR5kCd1o

 

 

5

Murray Perahia, Radu Lupu

Murray Perahia

English Chamber Orchestra

Sony

1988

9:35  7:07  6:33  23:15

Diese Aufnahme entstand unter Studiobedingungen in der Snape Maltings Concert Hall in Suffolk, bekannt als Hauptspielort des von Benjamin Britten gegründeten Aldeburgh Festivals. Dies ist eine der feinsinnigsten, poetischsten und lyrischsten Einspielungen überhaupt. Es wird auf ein Kräftemessen jeglicher Art völlig verzichtet. Perahia übernimmt das 1.Klavier und dirigiert, Lupu das 2. Klavier. Dieses Klavierduo haben wir auch noch bei einem Gastspiel mit dem RSO Berlin unter Riccardo Chailly ein paar Jahre früher in der Liste mit YouTube- und Radioaufnahmen. Auffallend ist bei dieser eigentlich durch und durch introvertierten Einspielung, dass man die erweiterte Wiener Instrumentierung nutzt. Sie bietet zusätzliche Klarinetten aber vor allem Trompeten und Pauken auf. Da könnte man richtig Lärm machen und Es-Dur Heldenkraft daraus ziehen, aber bei Perahia klingt sie eher als Anreicherung der Farben und bleibt dezent im Hintergrund. Da hätte man mehr daraus machen können, aber dann hätte es lange nicht mehr so gut zum Klavierspiel gepasst. Radu Lupu begegnet uns auch nochmal an der Seite von André Previn ungefähr zehn Jahre zuvor, da sitzt er höchstwahrscheinlich am ersten Klavier. Wenn man genau aufpasst klingt der Flügel Perahias ein wenig brillanter, wie meistens beim 1. Klavier, denn da ist die Lage auch (meistens) die höhere. Lupu klingt dagegen wärmer und sonorer. Er kommt von rechts. Beide sind gut auseinanderzuhalten, ohne dass es das gefürchtete akustische „Loch“ in der Mitte gäbe.

Die Darbietung im ersten Satz sprüht nur so vor Elan, Freude und Vitalität. Wir nehmen Teil an einer angeregten Unterhaltung zwischen zwei völlig auf Augenhöhe befindlichen, befreundeten Solisten allerhöchsten Kalibers. Brillant. Das English Chamber Orchestra ist längst mit dem Konzert bestens vertraut auch im Aufnahmestudio und auf dem Konzertpodium. Es wird uns noch häufig begegnen. Die Aufnahmequalität betont das kammermusikalische, nahtlose Miteinander vortrefflich.

Das Andante klingt getragen, aber elegant. Der Sinfonia-Concertante-Aspekt ist sehr präsent. Die Oboen entsprechend noch deutlicher. Sie klingen schmeichlerisch, betörend und plastisch. Die zwei Pianisten betätigen sich als Belcanto-Sänger. Die Oboen bremsen die beiden, sodass sie nicht allzu sehr ausschweifen, hält sie sozusagen im Diesseits, sodass sie nicht vollends abheben. Die Flügel klingen makellos, besonders wegen der sanften Anschlagskultur der beiden klingt es warm und einschmeichelnd.

Das Rondo gelingt lebhaft, brillant und sehr schwungvoll. Mit stilvoller Kantabilität und wundervollem Jeu perlé. Beide Pianisten wirken hervorragend aufeinander eingespielt, homogen und doch gut unterscheidbar. Insgesamt hören wir in dieser Einspielung lyrisches, transparentes Mozartspiel mit luxuriöser Klangsinnlichkeit gepaart, leicht und poetisch. Wir hören gleichermaßen ein meisterhaftes Klavierduo und zwei einzelne Meister am Klavier.

Der Klang der Aufnahme wirkt körperhaft, farbig, dynamisch, sehr räumlich aber auch sehr transparent und sehr präsent. Eher sinnlich warm als porzellanhaft. Sehr brillant, noch brillanter als Gilels/Böhm und noch schwereloser. Die beiden Flügel sind sehr gut unterscheidbar, man weiß immer ganz genau, wann das erste und wann das zweite Klavier spielt, auch ohne Partitur.

 

Diese Einspielung kann man satzweise aufrufen. Leider nicht immer ohne Werbung.

 

https://www.youtube.com/watch?v=e3e2TdyByYk

https://www.youtube.com/watch?v=iSeoPn4kpgs

https://www.youtube.com/watch?v=ioydVZ8MO2A

 

 

5

Emil Gilels, Elena Gilels

Karl Böhm

Wiener Philharmoniker

DG

1973

10:23  8:15  7:07  25:45

Zu der Aufnahme unter Studiobedingungen aus dem Großen Saal des Wiener Musikvereins gesellt sich in dieser Vater-Tochter Paarung noch eine sowjetische Videoproduktion ungefähr zehn Jahre später aus dem großen Saal des Moskauer Konservatoriums. Da lässt der Vater seine Tochter ans erste Klavier. Da es sich um einen bescheidenen Mono-Fernsehton für die damaligen sowjetischen Fernseher handelt kann man die beiden Flügel in der Moskauer Aufnahme allerdings nicht aufgrund ihrer Position im Raum unterscheiden. In der Wiener Aufnahme, bei der die DG ihr ganzes damaliges Know-how mobilisiert, ist das völlig problemlos möglich. In Wien übernimmt Vater Emil noch den Part des ersten Klaviers. Das Verfolgen der einzelnen Klavierparts ist in dieser Aufnahme, Eleganz mit dem kraftvoll-farbigen Flügelklang der russischen Klavierschule kombiniert. Das wird zu einem besonderen Genuss. Beide Parts sind klanglich sehr weit angenähert. Vater und Tochter haben ein so hohes Maß an Kongruenz im Anschlag und Klangfarbe erreicht, wie man sie sonst vor allem bei festen Klavier-Duos hören kann. Die Flügel klingen in unseren Ohren genau gleich. Ein Hoch auf den Klavierstimmer und die beiden Bösendorfer Imperial 290. Gilels war eigentlich Steinway-Künstler, aber solange Klang und Intonation perfekt waren, war er flexibel. Und die beiden Bösendorfer konnten ihn überzeugen. Uns auch. Man spielt den ersten Satz nicht ohne Schwung doch abgeklärter als man es unter anderem bei den Paarungen Solti-Barenboim, Ashkenazy-Barenboim oder Barenboim-Curzon hören kann, vielleicht sogar ein wenig ausgezirkelt. Balance und klassisches Ebenmaß kommen in dieser Einspielung so gut zur Geltung wie in kaum einer anderen. Dieser eigentlich klassische Gestus wirkt außerordentlich formbewusst, wird aber mit dem großen, sonoren, fast romantisch wirkenden Klang und dem perfekten Spiel der beiden Gilels kombiniert, sodass ein einzigartiger, ausgesprochen apart wirkender Zusammenklang herauskommt. Diese Aufnahme kann man unter allen anderen am leichtesten wiedererkennen. In ihrer Art ist sie wohl wahrscheinlich unerreichbar. Wir hören dazu eine exzellent klingende und gefühlvoll geblasene Wiener Oboe alten Schlages, die einfach dahin gehört. Der Notentext wird, wie ganz nebenbei, punktgenau abgeliefert. Mit Emil Gilels gibt es noch eine ältere Aufnahme aus den 40er Jahren gemeinsam mit Jakov Zak (verschiedentlich auch Sak geschrieben). Während in dieser Aufnahme (zu finden bei den Mono-Aufnahmen) ein Wettkampf auf Augenhöhe stattfindet, klingt der 57jährige Vater gemeinsam mit der 25jährigen Tochter 1972 familiär vertraut und mit einer fast telepathischen Sicherheit verbunden. Wir hören nun keinen offen ausgetragenen Diskurs mehr, sondern ein vertrautes Zwiegespräch. In der Kadenz gibt es daher keine dramatischen Showeffekte, was nicht heißt, dass Mozarts Abgründe oder sein Witz ausgeblendet erscheinen würden. Pianistisch sind die beiden Gilels klar besser als z.B. Solti und Barenboim aber auch als fast alle anderen Protagonisten, die wir in unserer Erkundungstour hören konnten. Es klingt sehr vertraut aber auch sehr persönlich. Wie aus einem Guss, wie man in solchen Fällen immer gerne sagt. Als ob die beiden eine besondere Sprache entwickelt hätten. Im Andante ordnet sich Elena den stilistischen Vorgaben ihres Vaters spürbarer unter, aber auf organische Weise. Das Zusammenspiel ist nochmals lyrischer, feinsinniger und von liebevollem Geben und Nehmen geprägt. Insgesamt wirkt das Spiel überlegt aber auch überlegen gestaltet mit dem Wissen und den Erfahrungen vieler gemeinsamer Aufführungen. Die Staccati erklingen kraftvoll. Der Ton erscheint voller Glanz und doch wird in aller Bescheidenheit vorgetragen. Sympathisch und doch unerreichbar. Der vornehme, erwärmende, ausgesprochen distinguiert auftretende Orchesterklang trägt das Seinige dazu bei, dass die Lyrik des Satzes besonders wertig erscheint.

Das Rondo erklingt kraftvoll aber nicht robust wie bei Solti und Barenboim, sondern leicht und luftig, jeder Ton erhält genau das Gewicht, das ihm zusteht. Manchmal wird eine Winzigkeit verzögert, dann eine Kleinigkeit beschleunigt, sodass das Speil nie nähmaschinenhaft, sondern lebendig wirkt. Der Klang wirkt wunderbar im Raum schwebend, wobei Saalakustik und Aufnahmeteam daran sicher keinen kleinen Anteil haben.

Würdevoll, doch einfach, gewichtig, also nie zu leichtgewichtig klingt das Werk bei den beiden Gilels. Hier klingt der Satz nach gegenseitigem Respekt aus der Kompetenz heraus, es gibt kein aufmüpfiges Batteln (was auch sehr treffend sein kann) und vor allem keine Selbstbeweihräucherung. Es klingt mal süffig, mal ziseliert. So wird aus Können Kunst. Mit einer gewissen Majestät. Dass Emil der bessere Pianist ist macht nicht viel aus, denn die Phrasierungsübereinstimmung zwischen Vater und Sohn ist frappierend. Der Vater lässt die Tochter sozusagen nie im Regen stehen. Die klangliche Übereinstimmung ist ebenfalls enorm, es klingt fast nach Gleichheit. Da hat auch der Klavierstimmer einen exzellenten Job gemacht.

Wir hören einen ausgezeichneten Analogklang, mit impulsfesten Flügeln, vollen, seidigen Violinen und einer tiefen, transparenten Abbildung. Insgesamt glanzvoll. Der Klang wirkt schwebend. Die exzellente Aufnahmequalität schmälert also die exzellente Musikalität der Einspielung in keiner Weise.

 

https://www.youtube.com/watch?v=K74mwjAmRWY

 

 

5

Carlo Grante, Barbara Panzarella

Bernhard Sieberer

Orchestra dell´Accademia Nazionale di Santa Cecilia

Music and Arts

2008

11:30  8:04  7:24  26:58

Bei den beiden Solisten scheint es sich nicht um ein festes Klavier-Duo zu handeln. Während man von Herrn Grante einen Eintrag bei Wikipedia findet, wo er als Spezialist für Busoni, Godowsky und verschiedene andere Komponisten vertrackter Werke bezeichnet wird, ist von der jungen Barbara Panzarella noch kein Eintrag zu finden. Das Besondere an dieser Einspielung ist jedoch, dass man hier die Weltersteinspielung der Kadenzen von Godowsky hören kann. Das alleine hätte uns schon gereicht, um die Aufnahme in den Olymp aufzunehmen, zudem können wir auch noch die erweiterte Wiener Instrumentierung hören, die nur selten aufgenommen wird. Während die Pauken nur zurückhaltend zur Geltung gelangen, erklingen die Trompeten sehr deutlich. Die Klarinetten, na ja, die hört man nur als Füllstimme. Diese Fassung passt zu den spätromantischen Kadenzen viel besser als die Salzburger.

Das Orchester beginnt den ersten Satz sogleich mit einem temporeichen, durchzugsstarken, angetriebenen Spiel und akzentuierter Phrasierung. Schon beim ersten Einsetzt der Klaviere fällt auf, dass die typische Steinway-Brillanz fehlt. Man hat sich für den weicheren, wärmeren Bösendorfer entschieden. Der spielerische Charakter weist durchaus ernsthafte Züge auf. Man bemerkt, wie weit sich die Musiker in das Idiom des Werkes vertieft haben. Das Orchester allerdings ist ganz weit weg, der HIP Bedeutung zu geben, es klingt voll und farbig. So hat man alles getan, damit die Kadenz von Herrn Godowsky in ein stimmiges Umfeld kommt. Die Kadenz selbst wirkt im Vergleich zur originalen Mozart-Kadenz, die man jedoch erst spät zur Kenntnis nehmen konnte (ab ca. 1937), weshalb man in einigen ganz alten Aufnahmen noch Eigenkompositionen der Pianisten hören kann oder aber die anderer Komponisten, hochkomplex und wie ein kontrapunktische Klanggebirge. Godowsky nimmt aber reichlich Bezug auf die Themen Mozarts, jedoch könnte der Kontrast zur Stilistik der Originalkomposition kaum größer oder überbordender ausfallen. Einfach und schlicht, das sind Fremdworte die einem bei dieser Kadenz als letztes einfallen würden. Die Bösendorfer (Typ: Imperial) gefallen auch in der Kadenz sehr. Da klingt nichts metallisch oder überbrillant. Und ein warmes, dunkles Fundament hat man ebenfalls zur Verfügung.

Das Andante wird passenderweise kein Galopp durch die Noten, sondern zu einem warmen, rund klingenden, eher getragenen Gesang der beiden Bösendorfer. Er klingt viel „holziger“ als ein Steinway, weniger messerscharf, verfügt über weniger perlende Trennschärfe im Diskant. Mit seinem warmen Grundton verschmilzt er besser mit dem römischen Orchester, dem überhaupt nichts Dünnes anhaftet. Es hat sich mittlerweile mit seinen absolut erstklassig klingenden Oboen bereits fest in der europäischen Spitze etabliert.

Im Rondo wird einem gewahr, wie sehr diese Aufnahme doch eigentlich nach Wien tendiert. Wiener Instrumentation, Wiener Flügel, im Geiste der Wiener Moderne komponierte Kadenzen und dann auch noch ein Tiroler als Dirigent, der auch noch im Salzburger Mozarteum studiert hat. Wenn das mal nicht zusammenpasst. Man spielt auch das Rondo nie metronomisch starr, sondern sehr flexibel. Die Kadenz zum dritten Satz ist der Hammer. Zunächst ist man so erstaunt, dass man ein ausbrechendes Lachen gerade noch so verhindern kann. Da klingt es plötzlich nach Orchestrion oder nach Jahrmarkt, dann wird es mal so richtig romantisch, aber auf die romantisch-kitschige Weise um dann wieder temperamentvoll aufzubrausen. Da werden die 20 Finger mal so richtig heiß im Sinne eines großen musikalischen Romantik-Spaßes. Wenn dann noch die Trompeten und Pauken der Wiener Instrumentierung nicht fehlen, ist der Erfolg garantiert. Mozart gegen den Strich aber doch im Sinne Mozarts, so wie wir meinen.

Schon jetzt ist es klar, dass diese Erkundungstour bezüglich KV 365 keinen einzelnen Gipfel hat, sondern dass es, wie bei jedem Hochgebirge eine gewisse Mehrgipfeligkeit geben wird. Wichtig dabei ist:

 

  1. Klangästhetik und Seele
  2. Pioniergeist und Repertoirewert und
  3. Audiophile Transparenz (wobei bei den Mono-Aufnahmen Abstriche vorzunehmen sind)

 

Es gibt also verschiedene Wege unseren Olymp zu erklimmen. Bei dieser Aufnahme wurden die beiden Flügel ins Orchesterhalbrund eingebettet und das Orchester selbst erscheint eine Winzigkeit zurückgesetzt. Dieses Setup passt gut zur Interpretation aus Rom. Eine ziemlich geniale Wien-Rom-Kollaboration, von der wir bei uns im Norden (von Rom aus gesehen) noch überhaupt nichts gehört hatten. Manch eine Perle bliebe unentdeckt, wenn man nicht mal vorbehaltlos das Repertoire erkunden würde.

 

5

Havard Gimse, Vebjorn Anvik

Iona Brown

Norwegisches Kammerorchester

Chandos

1996

9:38  7:14  6:21  23:13

Diese Aufnahme entstand in der Lommedalen Kirche in Lommedalen, Norwegen.

Iona Brown dirigiert das Norwegische Kammerorchester, dessen künstlerische Leitung sie seit 1981 innehatte, lebendig, beredt, fast überschäumend. Man spielt schlank und „sprechend“ auf modernen Instrumenten. Man hält sich an die Originalkadenzen. Gegenüber beispielsweise den Sakamotos klingt der Klavierpart herber, frischer und zupackender. Da sprühen die Funken beim Klavierduo, aber auch beim Orchester farbiger, höher und reichlicher.

Im Andante versüßen die wunderbar voll und sonor klingenden Oboen den Satz. Die differenzierte Klanggebung der beiden Pianisten wirkt sehr einfühlsam und musikalisch.

Das Rondo gelingt sehr lebendig, wunderbar perlend und temperamentvoll-packend. Was Tempovorgaben, Rubati und Klang anlangt muss man nicht nur beim Klavierduo, sondern auch beim Kammerorchester und vor allem bei Iona Brown von einer Glanzleistung reden. Wir nahmen erst durch unsere Umschau durch die Diskographie Kenntnis von der Einspielung, falls das auch bei anderen Sammlern und Hörer/innen der Fall sein sollte, so ließe sich fast noch von einem Geheimtipp reden. Es wird so gespielt als sei es live und spontan gewesen, es wurde jedoch unter Studiobedingungen aufgenommen. Unser Resume: Funkelnd und brillant von allen Beteiligten hingelegt incl. der Technik und zudem pianistisch und musikalisch hervorragend.

Die Aufnahme klingt brillant, räumlich sehr differenziert, sehr transparent, warm und sonor, körperhaft, luftig und subtil, genau wie die musikalische Darstellung. Wir höheren einen Referenz-Mozart-Klang der Güteklasse 1, falls es sowas überhaupt gibt. Wenn man im Antquaritat auf die Suche gehen sollte, so sollte man nach der Originalausgabe von 1998 Ausschau halten. Sie klingt besser als die Neuauflage beim gleichen Label von 2009.

 

Von dieser Aufnahme kann man hier immerhin das Andante hören:

 

https://www.youtube.com/watch?v=N503NTdxz3Y

 

 

5

Robert Casadesus, Gaby Casadesus

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS-Sony

1960

10:11  6:32  6:24  23:07

Bei dieser Einspielung handelt es sich wieder um ein Duo aus klavierspielenden Eheleuten. Die Spielweise ist bereits von zwei älteren Aufnahmen von 1955 aus Cleveland mit George Szell (Studio) und New York mit Mitropoulos (Live) bekannt. Diese aus Philadelphia ist jedoch insgesamt größer dimensioniert und sie verfügt über einen in diesem Fall besonders wichtigen guten Stereoklang. Robert am Klavier 1 kommt von links und Gaby am Klavier 2 (rechts) kommen hervorragend deutlich zur Geltung. Aus der Mitte klingt fast nichts. Der typischer Stereoklang der ersten Jahre beschert uns die am deutlichsten differenzierten Einzel-Flügel, aber meist noch ein Loch in der akustischen Mitte, das in realiter nicht da war. Die beiden Casadesus spielen klar, distinguiert, mit perlendem Anschlag, bei dem man noch merkt, dass die französische Klavierschule vom Clavecin (Cembalo) herkommt. Für Mozart-Verhältnisse klingt es jedoch sehr dynamisch, auch für Robert Casadesus-Verhältnisse. Offensichtlich fühlte sich der Meister durch die Anwesenheit seiner Gemahlin motiviert und im Temperament herausgefordert. Gegenüber den beiden älteren Einspielungen wirken die Flügel weicher ins Orchester eingebettet. Robert zählte 61, Gaby 59 Jahre. Man beflügelt sich immer noch gegenseitig. Die Original-Kadenz, die übrigens in geschätzten 95% aller Fälle verwendet wird, reizen die beiden voll aus.

Im Andante wirkt nicht nur das Orchester (von dem man das bereits erwartet hat) viel weicher als in den Vorgänger-Aufnahmen, sondern auch die beiden Flügel. Es ist frappierend, wie ähnlich die beiden Instrumente klingen. Und beide Spieler sind sich in Phrasierung und Tongebung absolut einig. Die Bläser klingen fast wie beim Cleveland Orchestra.

Die Tempovorgaben kommen anscheinend immer von den Casadesus, denn sie sind bei allen drei Einspielungen fast gleich. Nur ein klein wenig färbt der Dirigent sozusagen auf die beiden Solisten ab. Sie klingen farbiger, plastischer, ein bisschen mehr auf Außenwirkung bedacht und brillanter als bei Szell und Mitropoulos. Gaby erscheint in diesem Konzert ihrem Mann pianistisch als voll ebenbürtig, sie kann jederzeit ohne Probleme mithalten. Wie bei den beiden Gilels.

Diese Einspielung macht viel Spaß, denn sie wirkt viel klangsinnlicher als die beiden Vorgänger von 1955, ohne dass der Geist Mozarts aufs Spiel gesetzt worden wäre. Vielleicht klingt sie nicht so hyperpräzise als die Monoaufnahme mit Szell. Das Klavierduo Casadesus ist in allen drei Aufnahmen voll auf der Höhe. Ormandy dirigiert nicht so sehr aufs Detail fixiert wie Szell, Die große Linie und die weichen Bögen lässt er jedoch wie Mitropoulos und Szell ebenfalls nie aus den Augen. Und er liebt es nun mal üppig.

Klanglich ist die Aufnahme in vielerlei Hinsicht größer dimensioniert als die Vorgänger. Die Flügel weisen eine hervorragende Kanaltrennung auf. Robert klar links, Gaby klar rechts. Das Orchester ist ebenfalls breit aufgestellt, in der Mitte klingt es fast so, als wäre da nichts. Es klingt insgesamt jedoch plastischer, dynamischer und brillanter als 1955 und vor allem üppiger. Die Flügel werden jetzt virtuell ins Orchester eingebettet. Sicher, manch einem Klangasket wird die Aufnahme mit Szell besser gefallen und sicher gibt es auch gute Gründe dafür, aber der Dialogcharakter leidet nun einmal bei einer Monoaufnahme beträchtlich.

 

https://www.youtube.com/watch?v=KhzDMrubSHk

 

 

5

Katia Labèque, Marielle Labèque

Semyon Bychkov

Berliner Philharmoniker

Philips

1989

9:58  8:02  6:59  24:59

Mit den beiden Schwestern aus Bayonne einer französischen Stadt nahe dem Atlantik im Département Pyrénées-Atlantiques haben wir außer dieser ersten Aufnahme unter Studiobedingungen noch ein paar weitere Live-Aufnahmen im Programm. Sie haben sich unterdessen die Errungenschaften der HIP angeeignet, spielen sogar auch mal (je nach Repertoire) auf Hammerflügeln, sind aber nach wie vor offiziell gelistete Steinway-Artists. 1989 in Berlin waren die beiden 39 (Katia, die etwas ältere, die das erste Klavier spielt, links zu hören) und 37 Jahre (Marielle, die etwas jüngere Schester, rechts zu hören).

Es wird exzellent und äußerst temperamentvoll gespielt, wobei sich die Kombination des außerordentlich brillanten, jazzig-leuchtenden Klangs der Steinways vor dem warmen, vollen Klang der Philharmoniker wunderbar kontrastreich abhebt. Ihre feinfühlige Agogik nimmt den Hörer durchaus gefangen. Ihr Spiel ist geprägt von höchster Präzision und Übereinkunft in allen Details der Phrasierung und Artikulation. Puristen könnte der feurige Steinway-Klang vielleicht zu glattgebügelt und wuchtig erscheinen. Wir hören das Werk in jedem Fall eine Nummer extrovertierter als bei den bisher gehörten beiden Klassikern mit Haskil-Anda oder den beiden Casadesus. Bei den Serkins sieht es dann schon wieder anders aus. In 20, 30 Jahren wird auch diese Aufnahme zu den Klassikern gehören.

Das Andante erklingt besonders feinfühlig und schwebend. Der tolle Orchesterklang, gar nicht so dick, wie man ihn sich vielleicht vorstellen mag, wirkt wohlig-warm und voll. Die Linien wirken opernhaft-arios, also wie gesungen von Sängerinnen oder Sängern, die allerdings sehr gut bei Stimme sind. Die Übergänge gelingen vollkommen nahtlos, das Spiel wirkt jedoch keineswegs glatt, sondern stets beredt, auch vom Orchester. Man spielt stilvoll und ausgesprochen motiviert. Semyon und Marielle verliebten sich während der Aufnahmesessions ineinander und wurden später ein Paar. Wenn unsere Info nicht fehl geht sind sie heute noch verheiratet. Man meint, wenn man dieses Internum kennt, tatsächlich die besondere Atmosphäre zu hören.

Das Rondo erklingt mitreißend temperamentvoll, mit Esprit und rhythmischer Verve. Von Glück übersprudelnd. Es wirkt aber trotz allen Überschwangs kontrollierter als bei der Paarung Rabinovich-Argerich mit dem Württembergischen Kammerorchester unter Jörg Faerber. Das Orchester kann hier in Berlin dem pianistischen Esprit viel besser standhalten als es die Württemberger vermögen. Rabinovich und Argerich legen es aber allem Anschein auch darauf an, ein bisschen aus der Rolle zu fallen. Die Berliner können ihrerseits sogar noch Glanzpunkte beisteuern (z.B. die Oboensoli). Dieses spezielle Labèque-Temperament hört man in den anderen Aufnahmen einfach nicht. Nur bei den Geschwister Iturbi vielleicht. Die waren „ganze“ Spanier, die Labeques kommen ja fast von der spanischen Grenze. Das kann natürlich nur ein dummer Zufall sein. Im Rondo erklingt Mozart hier mit einem jazzig anmutenden Drive. Er wirkt noch sehr jugendlich frisch, wie es dem Alter Mozarts bei der Komposition entsprach. Noch fehlt es vielleicht im Andante an der Tiefe der besten Konkurrenzaufnahmen, aber da hatte man ja anderes im Sinn und Schmetterlinge im Bauch.

Zu der Berliner Aufnahmen gesellen sich noch fünf weitere des Schwestern-Duos. Live werden sie noch aus Wien, München, London, Gstaad und Stuttgart zu uns kommen.

Der Klang bietet räumlich sehr gut zu unterscheidende Flügel. Er ist sehr farbig, räumlich und tonal tiefreichend, also: es gibt ein gutes Bassfundament, auf das man bei Mozarteinspielungen allzu oft verzichten muss. Er ist zudem sehr dynamisch, glasklar und sehr transparent. Bester Philips-Klang, als ob es nie den harten, unterkühlten strohigen frühen Digitalklang gegeben hätte. Sehr sinnlich.

 

Auch diese Einspielung kann man satzweise anhören. Sie wurde möglicherweise von den Schwestern selbst bzw. deren Mitarbeitern bei YouTube eingestellt. Ganz ohne Werbung geht es auch in dem Fall nicht.

 

https://www.youtube.com/watch?v=tp_Cvx8ror0

https://www.youtube.com/watch?v=7I1ZFrwPWpQ

https://www.youtube.com/watch?v=xoNvdl5hoSk

 

 

5

Alfred Brendel, Walter Klien

Paul Angerer

Wiener Volksopernorchester (in manchen Ausgaben auch mal: Wiener Staatsopernorchester, Wiener Symphoniker oder Wiener Kammerorchester genannt)

Vox, Tuxedo Music

1960

9:44  7:45  6:52  24:21

Diese Aufnahme wurde im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses eingespielt. Dieser Saal ist bekannt für seine glasklare, direkte und recht trockene Akustik und er ist ideal für Kammermusikdarbietungen geeignet. Brendel war damals 29, Klien 31 Jahre alt. Mit Brendel gibt es noch eine spätere Philips-Aufnahme, 1977 eingespielt, bei der er zusammen mit seiner Meisterschülerin Imogen Cooper und der Academy of St. Martin in the Fields unter Neville Marriner spielt. Bei allen Meriten hat diese Aufnahme einen gravierenden Nachteil: Der Dialogcharakter ist nur schwach ausgeprägt, weil man den Klang der ineinandergeschobenen Flügel genauso aufgenommen hat. Er klingt fast wie ein einziger Flügel. Das ist 1960 in Wien noch ganz anders. Da gibt es wieder zwei virtuell ganz weit voneinander entfernt stehende Flügel, ganz links auf der Bühne Brendel, ganz rechts in der Ecke Klien. Das entspricht zwar mit Sicherheit nicht der Realität im Mozart-Saal, aber die Aufnahme überträgt so die Gesprächssituation ganz hervorragend. Das Orchester erklingt flexibel, unprätentiös und spielfreudig. Es ist zwar nicht immer das präziseste, weil die Aufnahmen mit ihm oft schnell und preisgünstig entstanden sind, in unserem Fall gibt es sich kaum eine Blöße. Die beiden noch am Anfang ihrer Karriere stehenden jungen Pianisten intonieren schlank, hellwach und mit fast theatralisch wirkender Spielfreude, ganz genau wie das Orchester. An historischem Ballast war ihnen jedenfalls noch nicht gelegen. Obwohl Paul Angerer bereits sehr früh an historischen Aufführungsbedingungen interessiert war. Damals spielten beide Pianisten noch auf Steinways, obwohl Walter Klien später zu einem Bösendorfer-Künstler wurde. Zwischen beiden herrscht eine tolle Gesprächsatmosphäre, da muss die spätere Philips-Aufnahme Brendels geradezu passen. Sie ist sehr leicht verfolgbar und Initiative kommt aus beiden Richtungen. Interessant ist in diesem Fall, dass man hier zwar eloquent, aber gerade nicht immer ganz gleichförmig kontert oder antwortet. Vielleicht ist die völlige Übereinstimmung nicht gelungen, vielleicht liegt aber da genau die Besonderheit dieser Einspielung. Die Stimmen von Menschen sind ja auch nicht identisch, das weiß jeder, familiäre Ähnlichkeiten sind selbstverständlich nicht ausgeschlossen. Noch deutlicher, nein noch krasser wird der Unterschied bei Barenboim-Curzon. Davon unten mehr. In Wien klingt die Oberstimme, meist Brendel mit Flügel 1 auch meist brillanter. Das Zusammenspiel hat jedoch höchstes Niveau, wirkt besonders intelligent, hellwach und reich an Schattierungen. Jugendlicher Elan verbindet sich mit intellektuellem Biss.

Das Andante profitiert vom schwebenden Klang im Mozart-Saal. Paul Angerer hält das Orchester zu gefühlvollem Spiel an. Dennoch sind die beiden Flügel die Stars. Unverzärtelt, beredt und so feinfühlig und kraftvoll wie nötig. Wenn man ins „Klangloch“ in der Mitte der Stereobasis jetzt noch die solistisch herauskommenden Oboen platziert hätte, die leider von ziemlich weit links kommen, dann wäre das der klangliche Höhepunkt dieses kollegialen, kongenialen Klangbildes gewesen. Im Rondo klingen die Steinways etwas untypisch wenig brillant oder vielleicht hat man ihren auch eine „Wiener Abstimmung“ verpasst? Das gibt es tatsächlich. Vielleicht rundet aber die damalige Röhrentechnik bei Vox nur etwas nach unten ab.

Es klingt aber auch im Rondo eloquent, frisch und es fliegen die Funken. Das alles ist ein erstklassig aufgenommenes Rednerduell, während Brendel-Cooper eher ein in sich verschlungenes Zwiegespräch von zwei Partnern ist, die sich von Grund auf verstehen.

Die Platte, bzw. die CD gewann damals den Grand Prix du Disque und den Rosette Award von Pinguin Guide. Nicht unverdient!

Es klingt gegenüber dem großen Saal im Musikverein (zu hören bei den Gilels und den Labeques in einer der Live-Aufnahme) nicht so resonant, sondern erheblich trockener, daher umschmeichelt der Klang auch nicht so sehr. Die Töne der beiden Klaviere fließen nicht so sehr ineinander. Es klingt offen und knackig, sehr frisch, eigentlich eher wie eine funkelnagelneue Aufnahme als eine über 65 Jahre alte. Sehr plastisch, sehr räumlich, erstaunlich voll und voluminös. Die Klaviere im echten Ping-Pong-Verfahren. Aber dreidimensional. Fabelhaft. Da erinnern wir uns an die fulminante Aufnahme von „Wellingtons Sieg“ (Beethoven) mit Scherchen und dem Orchester der Wiener Staatsoper ebenfalls bei Vox. Da klang es zwar werkbedingt ganz anderes aber ebenfalls fulminant. Sonst waren die Vox-Aufnahmen aus Wien eher klangliche Sorgenkinder, besonders als alte Mono-LPs. In diesem Fall sind die Vox-Techniker geradezu über das damalige Technik-Niveau und die finanzielle Deckelung hinausgewachsen. Gut gehört haben wir diese Aufnahme vom Tonträger des Billig-Labels Tuxedo-Music.  

 

5

Daniel Barenboim, Clifford Curzon

Daniel Barenboim

English Chamber Orchestra

BBC Classics

1979, live

10:13  7:53  7:16  25:22 

Daniel Barenboim, 1979 noch weitgehend im Vollbesitz seiner pianistischen Kräfte, überließ in dieser Live -Aufnahme aus der Royal Albert Hall, denn es handelt sich um ein Konzert im Rahmen der BBC-Proms, seinem hochgeschätzten Kollegen Clifford Curzon die Wahl, welches Klavier er denn spielen möchte. Da er sich für das zweite Klavier entschied, spielte Barenboim selbst das erste, von dem aus er dann auch dirigierte. Bei den anderen Einspielungen mit ihm, d.h. mit Solti und Ashkenazy als Partner saß er jeweils am 2. Klavier. Das besonders Aufregende an dieser Einspielung ist neben der Live Situation vor 8000 Zuschauern und -hörern, dass die beiden Klavier sehr unterschiedlich klingen. Das 1. Klavier links, von Barenboim gespielt klingt klarer, schlanker, heller. Das zweite, rechts von Curzon gespielt klingt voller, sonorer, dunkler, lauter und somit auch dominierend. Beide klingen klar, konturiert, sehr deutlich und es gelingt der BBC-Aufnahme beide Flügel schweben zu lassen. Ein besonderes Qualitätssiegel, gerade bei Live-Aufnahmen. Dieser Unterschied des Klangs bei den beiden Flügeln, ließ uns verschiedene Typen vermuten. Da beide Pianisten Steinway-Artists sind bzw. waren, kommen eigentlich nur Steinway-Flügel in Frage. Bei Barenboim wird es der Flügel gewesen sein, der standardmäßig in der Royal Albert Hall verwendet wird, einer aus Hamburger Produktion; bei Clifford Curzon hingegen könnte es sein eigener Flügel gewesen sein, den er nicht aus der Hamburger Manufaktur bezog, sondern aus der New Yorker. Curzon hasste jede Art von Einheitsklang, daher ließ er sich ein New Yorker Modell liefern. Die New Yorker waren damals für ihren tendenziell dunkleren, wärmeren und „fleischigeren“ Klang bekannt. Besonders dunkel timbriert im Bass. Zudem hatte Mister Curzon immer seinen Klavierstimmer dabei, der den für den überkritischen Meisterpianisten richtigen Ton zu treffen hatte. Es ist bekannt, dass Curzon die Hämmer seines Flügels eigens weich „stecken“ ließ (wegen der Intonationsfeinheit), sodass jeder harte, perkussive „Knall“ im Anschlag dezimiert wurde. Er wollte damit singen wie ein Opernsänger bzw. eine Opernsängerin, je nach geforderter Tonlage. Barenboims Flügel war offenkundig wie üblich auf maximale Präsenz, Knackigkeit und Helligkeit getrimmt. Ein ganz seltener Kontrast, wie Licht und Schatten, wo man doch sonst eine möglichst große Ähnlichkeit des Klangs der beiden Klavier anstrebt, am besten sogar absolute Gleichheit. Von einigen Pianist/innen ist es bekannt, dass sie ihre Flügel auf Reisen mitnehmen, wie Geiger und Geigerinnen ihre Geige. Krystian Zimerman, manchmal Vladimir Horowitz, Angela Hewitt und Arturo Benedetti-Michelangeli.

Doch nun zurück zur Aufnahme aus der Royal Albert Hall. Barenboim war erst 36, Curzon 72. Zudem war Barenboim in den 60er und frühen 70er Jahren eng mit dem English Chamber Orchestra verbunden. In seiner Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte mit diesem Orchester fehlte das Doppelkonzert. Er spielte es aber mit Ashkenazy und später mit Solti ein, aber jeweils für die Label seiner Duo-Partner, also Decca. Von Sir Clifford Curzon, ist uns keine weitere Einspielung von KV 365 bekannt, sodass diese Live-Einspielung den Rang einer Besonderheit erhält.

Barenboim leitet das ECO energisch und vital. Es klingt im Wesentlichen wie in seiner Gesamtaufnahme. Man verfolgt gebannt zwei verschiedene Steinway-Klangwelten in einem Konzert. Kontrastreicher und individueller kann man das Gespräch unter Gentlemen in keiner anderen Einspielung hören.

Auch im Rondo ist Barenboim stets mit dem helleren Flügelklang und einem noch präzisen Anschlag, später wurde er leider immer teigiger, zu hören. Curzon kommt von rechts mit abgeklärter Altersweisheit ins Bild, stets sonorer und mit warmem Klang das jugendliche Ungestüm des Partners auffangend und abbremsend (natürlich ohne langsamer zu werden). Selten klingt das Gespräch einmal so abwechslungsreich und grundsätzlich verschieden. Mit seiner tiefen, fast stoischen Ruhe und seiner altersdisziplinierten Eleganz klingt es fast wie eine Sohn-Vater-Einspielung. So einen sensationell frenetischen Applaus und Jubel wie nach dieser Darbietung haben wir noch nie gehört. Höchstens nach der „Symphonie fantastique“ mit Roshdestwenski, ebenfalls in der Royal Albert Hall. Allein der wäre schon hörenswert.

Die Analogaufnahme rauscht noch leicht, aber deutlich. Die Flügel sind auch unabhängig von ihrem verschiedenen Klang gut zu unterscheiden, denn sie sind räumlich deutlich voneinander getrennt. Das Orchester klingt voll und warm. Doe 60er und 70er Jahre war die Hochzeit dieses Orchesters, danach lief ihm Marriners Academy nach und nach den Rang ab. Es steht in guter Balance zu den beiden Flügeln. Der rechte wirkt immer etwas lauter, sonorer, wärmer und voller. Auf elegante Art verschafft sich Curzon da leise aber bestimmt Vorteile. Barenboim ist ja auch noch mit Dirigieraufgaben beschäftigt. Der Klang ist offen, sehr räumlich und sehr körperhaft. Das Publikum ist ebenfalls sehr präsent, was bei Proms-Konzerten eigentlich ganz passend ist. Der Radiomitschnitt klingt insgesamt sehr gut, besser als die allermeisten BBC-Mitschnitte aus dieser Zeit.

 

5

Margarita Höhenrieder, Antti Siirala

William Garfield Walker

Wiener Concertverein

Solo Musica

2024

9:54  7:23  6:46  24:03

Diese Aufnahme entstand im Wiener Musikvereissaal. Man verfolgt keinen HIP-Ansatz, spielt auf modernen Bösendorfer-Flügeln, Modell Concert Grand 280 C. Das Orchester kommt ungemein plastisch ins Bild, die Hörner klingen großartig. Bei den beiden Solisten handelt es sich um zwei Klavierprofessoren aus München, die zumeist solistisch unterwegs sein, also nur gelegentlich zusammen im Klavier-Duo spielen. Der Klang der Flügel ist eher dunkel, warm und weich timbriert, nicht ganz so brillant und kühl wie bei den großen Steinways. Evtl. klingen sie geschmeidiger und farbenreicher, das kann man aber nicht immer mit Sicherheit voraussagen, denn die Pianist/innen an den Tasten spielen ja auch eine entscheidende Rolle. Es klingt aber in diesem Fall ebenfalls sehr klar aber im Diskant nicht so hell. Es geht ungemein temperamentvoll und drängend voran. Das Orchester, eine Kammerorchestervereinigung vornehmlich aus Wiener Symphonikern bestehend, spielt wie die Solisten ebenfalls auf modernen Instrumenten.

Das Andante profitiert vom Schmelz und vom Top-Klang der beiden Flügel und des Orchesters. Es gibt kein stures Metronomisieren, das Spiel wirkt vielmehr frei, spontan und ebenso „beseelt“ ohne gleich andächtig zu wirken.

Beim Rondo geht es akzentuiert, zügig, tänzerisch und mit spontan wirkender Rhetorik voran. Ansonsten gibt es keinen nachhaltigeren Draht zur HIP. Wir hören zwei Pianisten-Persönlichkeiten, die sich gut aneinander angepasst haben, aber sich doch noch einen Rest Individualität bewahrt haben. Ein Dialog auf Augenhöhe, virtuos und einfallsreich, nie vordergründig und sogar mit einem gar nicht so professoral wirkenden Schalk im Nacken.

Der Klang der modernen Aufnahme wirkt großräumig, weit gespannt, weder trocken noch übermäßig resonant, sehr transparent, voll, frisch, enorm dynamisch, voluminös und dreidimensional. Die beiden Flügel erklingen ziemlich in der Mitte zentriert. Aber sie kommen sich nur wenig in die Quere, obwohl sie nicht weit voneinander platziert worden sind.

 

Sogar diese neue Einspielung kann man sich bereits bei YouTube anhören, allerdings nur den 1. Satz, als Appetitmacher sozusagen:

 

https://www.youtube.com/watch?v=IWeCKzmiNmE

 

 

 

 

4-5

Zoltán Kocsis, Deszö Ránki

Janos Ferencsik

Hungarian State Orchestra

Hungaroton, Fidelio

1972

9:41  8:10  6:46  24:37

Schaut man als Produzent normalerweise darauf, dass sich die Solisten einer Plattenproduktion bereits bewährt haben, verpflichtete man in Budapest zwei gerade einmal 20 bzw. 21 Jahre alten Studenten, die gerade erst die akademischen Weihen der Franz-Liszt. Musikakademie hinter sich gebracht haben.

Das Orchester ist reichlich mit Streichern besetzt spielt aber rhythmisch und temperamentvoll. Die beiden Pianisten werfen sich die musikalischen Bälle mit einer fast schon arroganten, sportlichen Leichtigkeit zu. Wenn man nicht wüsste, dass Mozart ein begeisterter Freizeitsportler und Spielefreund war, würde man meinen, das könne er sich so doch eher nicht so vorgestellt haben. Hier gibt es keine Feierlichkeit und natürlich keine Altersmüdigkeit. Hier klingt es mit einer fast atemberaubenden Spritzigkeit. Die beiden jungen Männer sollten sich alsbald die Podien der Welt erobern, jeder für sich. Wobei vor allem die Arbeit von Zoltán Kocsis diskographisch gut dokumentiert ist. Purer, frischer Drang mit einer wie unter Strom gesetzten Virtuosität. Trotzdem gibt es kein „Wettrennen“, da steht die musikalische Reife der beiden jungen Männer vor, aber vor allem der damals 65jährige Grandseigneur der ungarischen Dirigentenzunft, der die beiden Heißsporne gerade noch so im Zaum halten kann. Die Original-Mozart-Kadenz erklingt überaus dynamisch.

Im Andante kann man die stark ausgeprägte Äquilibristik der beiden Flügel besonders ausgiebig bewundern, denn man wählt ein eher getragenes Tempo. Nun können wir ein exzellentes Zusammenspiel mit stark ausgeprägter Dialog-Charakteristik hören. Auf einmal hören wir zwei junge Klaviertitanen in noblem Gespräch vertieft, gebildet und ausgewogen. Die Oboen werden als konzertantes Element erkannt und durchaus gesanglich gespielt. Vielleicht hat sie auch Ferencsik als ein „Momento mori“ erkannt. Allem wohnt der Moment vergänglicher Flüchtigkeit inne auch der Jugend (gerade der). Dazwischen und darunter brodelt dann aber wieder der jugendliche Vorwärtsdrang. Aber wie bereits im ersten Satz steht da noch ein Herr Ferencsik als Wächter der stilistischen Einheit, der alles nach seinem Gusto im Griff behält. Das Andante bringt so eine interessante Kombination aus jugendlichem Vorwärtsdrang inmitten eines warm getönten, altersweisen Rahmens.

Im Rondo gibt Ferencsik bereits ein straffes und spritziges Orchesterspiel vor, das die beiden Solisten nur allzu gerne aufgreifen. Die dynamische Palette wird vor allem im oberen Bereich voll ausgenutzt. Das klingt beherzt und furios. Allerdings empfanden wir das Rondo von den drei Sätzen am wenigsten sensationell.

Die Aufnahmetechnik und der resultierende Klang können nicht ganz mit der musikalischen Seite der Einspielung mithalten. Es klingt zwar voll, rund und recht transparent, aber gerade in der hohen Lage klingen die Violinen etwas strohig, ansonsten meist straff. Die beiden Flügel sind gut zu unterscheiden, auch wegen ihrer Position im Raum. Das Klangbild ist leider etwas flach geraten, bringt also kaum eine nennenswerte Tiefendimension mit und die Klangfarben leuchten nicht gerade satt, sondern ein wenig stumpf.

 

https://www.youtube.com/watch?v=kEacb-9dc78

 

 

4-5

Friedrich Gulda, Chick Corea

Nikolaus Harnoncourt

Concertgebouw Orchester, Amsterdam

Teldec

1983

10:13  8:00  6:45  24:58

Damals, als die Einspielung frisch herauskam, erwartete sich manch einer eine Sensation. Und obwohl sich das eine oder andere Detail ungewöhnlich anhören mag, ist dies doch eine seriöse Darbietung von zwei sehr unterschiedlichen Pianisten geworden. Das war allerdings zu erwarten. Dirigent Harnoncourt war damals noch weniger arriviert und auf seiner Suche nach Schründen und Klüften in Mozarts Musik. Damals noch innovativ ist es aus der zeitlichen Distanz betrachtet längst zu einem etablierten Bild geworden, an das man sich längst gewöhnt hat. Damals war die „Klangrede“ jedoch noch keineswegs selbstverständlich und so manch ein Klassikhörer schüttelte nur den Kopf, vor allem wenn dann auch noch der dünne Klang des Concentus Musicus dazu kam. Nach Amsterdam pilgerten jedoch viele aufgeschlossene und interessierte Musiker um das neue Konzept kennenzulernen. Das ist lange her.

Die drei Protagonisten machen aus KV 365 jedoch keine galante Nebensache. Dass dem Werk die deprimierende Paris-Reise vorausging hört man noch. So gibt man den Kopfsatz nicht ohne „Verdunklungen des Horizonts“. Gulda (links) wirkt sicherer und klanglich heller, Corea (rechts) suchender und klanglich etwas dunkler. Gegenüber dem klassisch ausgebildeten und enorm virtuosen Gulda, der in Sachen Anschlagskultur und Brillanz überlegen spielt, gerät er klaviertechnisch etwas ins Hintertreffen. Kein Wunder, er kommt ja auch von der Jazz-Improvisation. Umgekehrt kommt Gulda, wenn es um Improvisationen geht, an die intuitive Eloquenz eines Corea nicht heran. So ist dies eine Einspielung, bei der die beiden Klavierparts auch vom Kontrast leben. Eine schöne Abwechslung, wenn man schon so viele absolut gleich klingende Klavierpaare gehört hat. Es werden viele Zwischentöne geboten und Harnoncourt sorgt für exzellentes Zusammenspiel, man umgarnt sich sogar spielerisch. Der Orchesterpart klingt profilierter als üblich, die Flügel klingen sehr akzentuiert, vor allem der von Gulda. Da treffen sich wohlige Abschnitte mit Streichern mit seelischen Abgründen in den Klavieren. Keiner stößt dabei den anderen vor den Kopf. Es wird durchweg eine große emotionale Bandbreite geboten. Das Liebliche wir mit dem Höfischen kombiniert, das Düstere mit dem Tragischen, sogar Dämonischen. Durch diesen Satz liegen wir wie auf einem fliegenden Teppich, ohne dass man je ans runterfallen denken müsste. Da sind drei Klangredner am Werk.

Im Andante wird das Konzert viel deutlicher als verkapptes Tripelkonzert erkannt als in den meisten anderen Einspielungen. Das Orchester und die Oboen klingen dabei exzellent, auch wenn damals sicher nicht alle im Orchester mit dem Stil Harnoncourts einverstanden gewesen sein dürften. Mit Chefdirigent Haitink pflegte man Mozart anders zu spielen. Gulda wirkt freier, Corea vorsichtiger. Sehr deutlich kommen die Oboen als „Memento mori“ zur Geltung. Charme, Spielwitz, Klangrede, alles ist da und nichts wird übertrieben.

Im Rondo spielt man zwar erneut sehr dynamisch, aber man lässt es auch in den Kadenzen, wo man es vielleicht dann doch erwartet hätte, nicht richtig krachen. Es klingt da sogar eher artig als freigeistig. Virtuos schon und teils sogar überschäumend, aber nicht etwa „kasperletheaterhaft“ oder exzentrisch. In der Kadenz bleibt man, wie bereits erwähnt, hinter den Erwartungen zurück, da hält man lieber die Balance, ohne es an Spielfreude mangeln zu lassen. Harnoncourt, stets um die historisch korrekte Spielweise besorgt, hält da die Hand drüber. Da gibt es keine Kompromisse. Auf Be-Bop-Rhythmen oder Blue Notes in einer Improvisation muss man daher verzichten. Einige Jahre später hätte es da vielleicht anders ausgesehen.

Der Klang aus dem Concertgebouw wirkt offen, transparent und sehr dynamisch. Die Violinen klingen noch ganz leicht frühdigital gläsern. Insgesamt bringt der Klang die musikalische Interpretation gut zur Geltung.

 

https://www.youtube.com/watch?v=HjgBsT9A0js

 

 

4-5

Alicia de Larrocha, André Previn

André Previn

Orchestra of St. Luke´s

RCA-Sony

1993

10:02  7:19  6:43  24:04

Gegenüber seiner ersten Einspielung von KV 365, 1976 in London, bei der Mister Previn vermutlich noch das erste Klavier spielte (obwohl Lupu als erster genannt wird, denn das erste wirkt holpriger) und das zweite Radu Lupu überließ, gelingt nun 17 Jahre später in New York eine deutliche Verbesserung. An den beiden Steinways ändert sich nichts, die sind jetzt nochmal dabei (natürlich andere Exemplare), aber der „hochflorige“ Teppich des LSO ist nun einem strafferen und flinkeren gewichen. Die Oboen klingen voller, weicher und deutlich runder und das New Yorker Orchester wirkt insgesamt feinfühliger und elastischer. De Larrocha, eine ausgewiesene Mozart-Spielerin, wirkt nicht so weich im Anschlag als Lupu in der 76er Aufnahme bei EMI, sie perlt mehr, wirkt klarer, kerniger und trockener aufgenommen, bei ihr gibt es kein fragil wirkendes Schweben. Sie passt insgesamt besser zu Previn, der jetzt wie bereits erwähnt ans zweite Klavier gewechselt (falls er nicht bereits in London am zweiten saß) ist, aber gegenüber de Larocha nicht ganz ebenbürtig wirkt. Er muss ja auch noch dirigieren. Ihr handfest wirkendes Zusammenspiel erscheint stimmiger, schnörkelloser und direkter als mit dem eher vergeistigt wirkenden Lupu. Der hatte in Murray Perahia seinen kongenialen Partner gefunden. Das Orchester passt ebenfalls viel besser als das dick und schwer wirkende LSO 1976. Es klingt nun schlanker, sogar sonorer und ist es wahrscheinlich viel eher gewöhnt gewesen auch mal ohne Dirigenten zu spielen, als das LSO, sodass sich Previn viel besser auf sein Klavierspiel konzentrieren konnte. Sein Zusammenspiel mit seiner Partnerin gelingt nun nahtlos, homogener und partnerschaftlicher. Previn selbst wirkt, obwohl 17 Jahre älter geworden, gelöster, präziser und differenzierter. Er ist besser mit seiner Partnerin koordiniert, d.h. synchroner und klanglich übereinstimmend. Ein echter Fortschritt im musikalischen Sinn.

Im Andante sind die nun viel besser klingenden Oboen (voller, homogener) ein großes Plus. Das Tempo wird etwas beschleunigt und klingt nun einem Andante gemäß, also nicht so nach Adagio wie 1976. Lupus entrückte (und für sich genommen herausragende) Phrasierungen gibt es hier nicht. Dagegen lässt es de Larrocha wunderbar perlen. So entspinnt sich ein intimes Gespräch. Die Anschläge wirken homogener als beim Duo Previn-Lupu. Die größere Gemeinsamkeit wird brillant mit großer Gelassenheit und besser ausbalanciert präsentiert. Previn, sehr motiviert, vermag gleichzuziehen. Insgesamt wird das Andante mit klassischer Würde gegeben.

Im Rondo, das fidel und offenherzig wirkt, ist gegenseitiges Animieren Trumpf. Da steckt viel humorvolle Lebensfreude drin. Es gibt nun keinen tendenziell schwerfälligen Orchesterapparat mehr. Hier kann auch Previn unbeschwert von dirigentischer Schwerstarbeit die Funken fliegen lassen. Das Rondo wirkt tänzerischer, spritzig, straff und mit federndem Vorwärtsdrang. Das Orchester zieht mühelos voll mit.

Der Klang der Aufnahme wirkt schlanker, transparenter und zugleich sonorer als in der 76er EMI-Aufnahme mit dem LSO. Dort wurde zudem noch räumlich ganz schön aufgeplustert. Sehr schön und unverfälscht werden nun die Flügelanschläge eingefangen.

 

https://www.youtube.com/watch?v=uzZap-sTeMs

 

 

4-5

Anatol Ugorski, Dina Ugorskaja

Vladislav Czarnecki

Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim

Ebs

2001

10:00  7:55  7:13  25:08

In dieser Einspielung haben wir es wieder mit einer Vater-Tochter-Einspielung zu tun. Bei der Einspielung war Vater Anatol 59, er ist links zu hören und Tochter Dina, 28 von rechts. Diese Aufnahme haben wir nicht ganz unbeschwert gehört, denn als wir nach Informationen über beide Protagonisten gesucht haben mussten wir erfahren, dass Dina bereit mit 46 Jahren wegen einer Krebserkrankung verstorben ist, vier Jahre vor ihrem Vater. Der Kummer mit dem Berufsverbot in der damaligen UdSSR und die Verbannung in die Provinz, wo er nur noch vor Schulklassen und in Seniorenheimen spielen durfte, ist da noch ein weit geringerer Schicksalsschlag. Grund für die Verbannung war, dass Anatol bei einem Konzert zu viel Applaus bekommen hatte, worauf die politische Führung der UdSSR schlussfolgerte, dass es sich um eine politische Akklamation gehandelt haben muss. Scheinheilige Gründe finden sich dort jederzeit und überall. Zum Schritt ins Ausland auszuwandern (zunächst die DDR, dann die BRD) wurden die Ugorskis veranlasst, da Tochter Dina wiederholten antisemitischen Angriffen ausgesetzt war. Wirtschaftlich aufwärts ging es erst nach dem ersten Konzert im Westen und dem sich anschließenden Vertrag mit der DG.

Das Orchester aus Pforzheim ist schlank besetzt, doch es klingt nicht dünn, aber auch nicht übermäßig sinnlich oder gar verschwenderisch. Man spielt vibratoarm, erreicht dabei aber nicht die Abrundung, die man in neueren Aufnahmen mit vibratoreduziertem Klang hören kann, z.B. das Orchester de la Suisse Romande mit Nagano in der Aufnahme mit den beiden Kodama-Schwestern. Mittlerweile ist der vibratoreduzierte Klang bei Mozart zum Standard geworden, weshalb diese Aufnahme auch nicht in unsere kleine HIP-Liste gekommen ist. Anatol war Steinway-Artist und auch Tochter Dina bevorzugte den Steinway-Klang. Die beiden Instrumente klingen hier sehr variantenreich, von ganz klein und flüsterleise bis groß und mächtig. Besonders wenn sie gemeinsam spielen, die Russische Klavierschule kann man oft leicht heraushören. Zumindest einmal damals noch. Anatol und Dina, obwohl beide deutlich zu unterscheiden sind, wirken sehr homogen im Klang, in der Phrasierung und in der Artikulation. Die Familienbande garantiert es zumindest einmal auf dem extrem hohen pianistischen Niveau, auf dem wir uns bei unserer Umschau in der Diskographie bewegen. Anatol wirkt meist etwas analytischer, kantiger, etwas weniger rund und kantabel. Dina etwas wärmer und tiefgründiger. Letztlich hören wir zwei völlig verschiedene Charaktere, die jedoch immer noch dieselbe Sprache sprechen.

Das Andante klingt sehr plastisch, in sich versunken, intensiv und tiefgründig. Wie ein Gespräch zwischen Vater und Tochter. Würde man es auch erkennen, wenn man es nicht wüsste? Die Oboen klingen leider etwas trocken. Eine ganz erstaunlich tiefsinnige Darbietung, was besonders bei der noch so jungen Dina überrascht, aber in Anbetracht ihres noch so jungen, aber an Tiefschlägen reichen Lebenslaufs vielleicht doch nicht.

Auch das Rondo wird mit viel Sinn für die Schattenseiten der Komposition dargeboten. Es klingt im Vergleich zu den vielen anderen Einspielungen kaum einmal richtig unbeschwert. Eine pianistisch brillante, uneitle Suche nach dem wahren, oder doch zumindest nach einem sonst selten erkannten Gehalt des Werkes. Vielleicht wurde unser Hörvermögen oder unsere Urteilskraft aber auch durch die Biographien ein wenig kanalisiert.

Der Klang der Aufnahme ist offen und transparent. Die Flügel erscheinen im Vergleich zum Orchester, aber auch losgelöst davon, sehr groß, gewichtig und bassstark. Beide sind ganz ausgezeichnet differenziert auseinanderzuhalten. Es klingt trotzdem natürlich, präsent ohne das gefürchtete „Loch“ in der Stereobasis, nur etwas trocken.

 

4-5

Anna Walachowski, Ines Walachowski

Makus Bosch

Sinfonieorchester Aachen

Oehms

2005

9:46  6:45  6:37  23:08 

Diese Aufnahme entstand im Saal der Freien Evangelischen Kirchgemeinde Aachen. Beide Schwestern waren Schülerinnen von Karl-Heiz Kämmerling und Alfons Kontarsky. Anna, das ist die Dame mit den auf dem Cover blonden Haaren, spielt das erste Klavier und ist wie üblich links zu hören. Ines, die dunkelhaarige spielt folgerichtig das 2. Klavier und ist von rechts zu hören. Diese Info steht nicht im Beiheft, aber da erfährt man immerhin so Entscheidendes wie, dass die beiden Skoda fahren. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass man gar nicht wissen soll wer welche von Beiden ist. Das Duo soll das Wichtigste sein. Verständlich wäre es. Wir hören zwei perfekt aufeinander eingestimmte Steinways, auch beim Orchester bereits eine sehr lebendige Phrasierung und eine wunderbar präzise Synchronität der beiden Schwestern. Ihr Spiel wirkt aber nicht wie bei einigen anderen Geschwister-Formationen gleichförmig (weil man das Stück schon tausend Mal gespielt hat), sondern wie gerade frisch erfunden. Natürlich ist auch diese Spontaneität einstudiert, sonst gelänge das Spiel nicht in dieser traumwandlerischen Perfektion. Sehr deutlich dürfen in Aachen die Hörner das majestätische im Es-Dur betonen. Markus Bosch hat ja einen stark ausgeprägten Hang zur HIP. Es werden (wie in ca. nicht statistisch ausgewerteten 95 % aller Einspielungen) die originalen Mozart-Kadenzen gespielt. Frisch und agil.

Mit ihrer brillanten Technik und dem damit verbundenen sehr brillanten Klang spielen die beiden Walachowskis das Andante ausdrucksvoll, so wie es das sehr zügige Tempo noch erlaubt. Eine Kunst dabei noch so frei zu deklamieren. Das Orchester wirkt engagiert und erzeugt keinen trägen Klangbrei, sondern wirkt noch recht leicht und luzide. Das Kantabile kann sich ungehindert im Raum entfalten. Man kommt ins schweben. Wozu so ein kirchliches Gemeindehaus gut sein kann!

Das Rondo klingt ebenfalls sehr flott und spritzig. Es wird dennoch markant artikuliert, sodass zumindest primär keine motorische Wirkung entsteht. Herr Bosch heizt ebenfalls ganz schön ein, das kennen wir ja schon von seiner 6. Bruckner (vor allem aus dem ersten Satz).

Die Aufnahme lässt einen tief gestaffelten Raum hören, gute Präsenz und einen vollen, offenen, voluminösen und sonoren Klang. Die Flügel klingen nicht überbrillant, als ob man den Steinways eine spezielle Mozart-Modifikation verabreicht hätte. Ein besonders dreidimensionales Klangbild.

 

4-5

Cyprien Katsaris, Eung-Gu Kim 

Yoon Kuk Lee

Salzburger Kammerphilharmonie

Piano 21

1999, live

9:35  6:50  6:46  23:11

Diese Einspielung hat Cyprien für sein eigenes Label „Piano 21“ gemacht, das er aus Verdruss über die Plattenlabels gegründet hat, weil man ihm keinen Vertrag mehr anbieten wollte. Das Orchester wurde von Yoon Kuk Lee gegründet, man sollte es nicht mit der noch neueren Philharmonie Salzburg verwechseln. Heute existiert es bereits nicht mehr.

Das Tempo sprüht voller Elan und Lebensfreude. Trotzdem wirkt der Gestus allgemein elegant, das Klavierspiel brillant. Besonders bei Katsaris selbst, sein Partner bringt diese Brillanz jedoch nicht uneingeschränkt hervor. Beide perlen jedoch wunderbar und ansonsten (Phrasierung, Synchronität, Zusammenspiel) bewegt man sich auf Augenhöhe. Der Gesprächscharakter wird ganz ausgezeichnet hervorgehoben, nicht zuletzt durch die (virtuelle) Entfernung zwischen den beiden Flügeln. Da ging man jedoch einen Schritt zu weit, denn wie bei den ersten Stereoaufnahmen scheinen die beiden Flügel jeweils am Rand der Bühne (des Großen Saals des Mozarteums) zu stehen. Damit schließt man einen intimeren Charakter des Gesprächs schon im Vorfeld aus. Eigentlich müsste man sich auf die Entfernung schon fast anschreien um sich verständlich zu machen. Das ist schon witzig, denn auf der Bühne selbst nahm man tatsächlich die intimste, ineinander geschobene Position der Flügel ein. Bei der Kadenz hat man sich viel Mühe gegeben, denn man bietet zwei Versionen der Mozart-Kadenz an. Beide unterscheiden sich allerdings nur in eigentlich unbedeutenden Details. Dafür wurde jedoch ganz tief im Archiv gegraben.

Im Andante erfreuen die sehr schön „singenden“ Oboen. Sie kommen sehr gut als „Memento mori“ heraus., obwohl die beiden Flügel auch klangtechnisch immer Vorrang haben. Vor allem der Flügel von Herrn Katsaris, den man immer etwas deutlicher hört, na, er war ja auch Produzent. Katsaris hat übrigens keinen Exklusiv-Vertrag mit einem Klavierbauer, er wollte immer frei auswählen, um das richtige Instrument zum Stück passend auswählen zu können. In diesem Fall waren es zwei perfekt aufeinander eingestimmte Steinways. Katsaris war überzeugt davon, dass Mozart vom modernen Flügelklang begeistert gewesen wäre und ihn dem Klang des historisch korrekten Hammerflügels vorgezogen hätte. Trotz des recht zügigen Tempos wirkt das Andante verträumt und introvertiert.

Das Rondo glückt in der Dynamik auffallend gut ausdifferenziert. Die Balance zwischen Live-Spontaneität und Studio-Perfektion ist ebenfalls sehr gelungen. Die ganze Aufführung des Konzerts macht einen hochkonzentrierten Eindruck.

In dieser Aufnahme sind die beiden Flügel von allen Einspielungen am weitesten voneinander entfernt, wie in frühen Ping-Pong-Stereo-Zeiten. Das entstehende Loch in der Mitte kann vom Orchester nicht hinreichend ausgefüllt werden. Es steht zudem etwas weiter hinter den Solisten zurück als es nötig gewesen wäre. Das 1. Klavier von Herrn Katsaris macht einen leicht bevorzugten Eindruck, vielleicht auch nur weil er letztlich doch der eloquentere Pianist ist, bei aller Übereinstimmung. Im Bass wirkt die Aufnahme nicht sonderlich prononciert. Das Klangbild verschwimmt nie, wirkt klar, nuancenreich, offen und transparent. Vom Publikum hört man gar nichts. Man kann davon ausgehen, dass es sich um eine sogenannte Patchwork-Einspielung handelt, bei der alle Störungen oder Patzer von einem gelungeneren z.B. Probenmitschnitt ersetzt wurden.

 

4-5

Ingrid Haebler, Ludwig Hoffmann

Alceo Galliera

London Symphony Orchestra

Philips

1966

10:07  8:07  7:34  25:48

Nach seiner Mitwirkung in der legendären Aufnahme mit Clara Haskil und Géza Anda wurde Alceo Galliera auch für weite Teile der Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte Mozarts mit Ingrid Haebler besetzt, so auch bei KV 365. Wie bereits erwähnt wurde er damals als Meister der subtilen, hochpräzisen und rücksichtsvollen Begleitung sehr geschätzt. Ingrid Haebler selbst war damals weltberühmt für ihr zutiefst klassisches, nobles Mozartspiel. Ihr mit der sogenannten „Wiener Anschlagskultur“ in Verbindung gebrachter perlender Anschlag und der zugleich runde, weiche und kontrollierte Ton geht nie in Härte über, sucht aber auch nicht die leicht verschwommene, doch differenziert wirkende, fast schon verklärte Weichheit eines Radu Lupu. Nachdem Alfred Brendel seine Gesamtaufnahme bei Philips herausgebracht hat, ging man in der Folgezeit bei Philips meist achtlos an Ingrid Haeblers Mozart vorbei, nicht zuletzt, weil auch kritische Stimmen eine Zeit lang immer lauter wurden. Ihr zur Seite steht Ludwig Hoffman, der wiewohl Deutscher, sich dem Wiener Klangideal der Haebler weitgehend anpasst. Ihr Zusammenspiel wirkt nicht mechanisch oder steril wie z.B. bei den frühen Pekinels, sondern vom gemeinsamen Atem der Wiener Klassik geprägt. Beide erweisen sich zudem als kräftig zupackende Virtuosen, die sich hervorragend imitieren können. Das LSO ist traditionell noch stark besetzt, das war in den 60er Jahren noch häufig so. Trotzdem klingt es schlank und elegant. Die Oboen klingen leider noch wie bei den anderen Londoner Orchestern damals auch. Hart und dünn. Veredelt wird der Klang von der verwendeten Philips Röhren-Technik.

Im Andante gibt es keinen dicken Pinselstrich, im Gegenteil es wird sehr subtil von beiden Flügeln intoniert. Wir werden Zeuge eines außerordentlich intim wirkenden Zwiegespräches auf denkbar hohem pianistischem Niveau. Von nobler Blässe, die man Haeblers Mozart zeitweise angedichtet hatte, ist da nichts zu hören. Eher ein fein abgestufter Farbenreichtum in Pastell. Da wird minutiös abgestuft. Allerdings fordert Hoffman ungemein heraus ohne zu erdrücken. Es kann also durchaus sein, dass Frau Haebler ihre pianistischen Reserven mobilisiert hat. Pianistisch brillant und unterstützt vom warmen, sonoren Philips-Klangteppich des LSO.

Das Rondo wird zu einem recht spritzigen, wiewohl im Tempo gemessenen Theaterfeuerwerk. Sehr stark dynamisiert von den beiden Protagonisten. Da hat fast jeder Ton ein eigenes Gesicht. Es fehlt lediglich etwas am Humor befördernden Drive. Von Links kommt die charmante Noblesse von Ingrid Haebler, sodass Ludwig Hoffmann gar nicht anders kann schelmisch-kernig dagegenzuhalten. Dennoch fehlt zum vollkommenen Mozart-Glück der letzte finale Punch.

Der Klang der Aufnahme gefällt schon alleine durch die silbrig hell und seidig klingenden, nie harten Violinen. Die beiden Flügel sind gut unterscheidbar, ohne dass es ein akustisches Loch im Zentrum gäbe. Dazu sind die beiden Flügel zu groß und zu plastisch eigefangen worden. Beide Flügel reichen bis zur Mitte. Blass oder auch nur farbschwach erscheint hier gar nichts.

 

Auch diese Aufnahme konnte bei YouTube gefunden werden, Satz für Satz.

 

https://www.youtube.com/watch?v=XJLVcDlB980

https://www.youtube.com/watch?v=Tbhw4_IfRDA

https://www.youtube.com/watch?v=7uJyykWCc84

 

 

4-5

Duo del Valle: 

Victor del Valle, Luis del Valle

Pablo Gonzalez

Orquesta Sinfónica de Castilla y Léon

Ibs

2022

11:39  8:02  6:57  26:38 

Mit dem Klavierduo del Valle gibt es auch noch eine Aufnahme vom ARD-Musikwettbewerb 2005, bei dem es den 2. Preis errungen hat (bei nicht vergebenen 1. Preis). Beim Preisträgerkonzert werden sie von Muriel Catoreggi und dem Münchner Kammerorchester begleitet. Den vom BR als CD veröffentlichten Mitschnitt haben wir zur Liste der Hip-Einspielungen gezählt. Bei der neuen Einspielung aus Spanien kann man das nicht mehr machen, denn inzwischen geht es gemäßigter zu. Bei der Suche, ob man eine der beiden Aufnahmen bei YouTube findet, haben wir noch eine dritte gefunden, die wir uns jedoch nicht angehört haben. Da spielten die beiden Brüder in der Stuttgarter Liederhalle mit dem RSO Stuttgart und Anton de Ridder, 2006. Da könnten sie wieder die Kadenz von Edwin Fischer gespielt haben, so unmittelbar nach dem Wettbewerb. Wer einmal selbst nachforschen will:

 

https://www.youtube.com/watch?v=Ikv0TBcNcuc

https://www.youtube.com/watch?v=ELwqvpIi0kQ

https://www.youtube.com/watch?v=MGPtrOzSV9Q

 

Die neue spanische Aufnahme entstand in der Miguel Delibes Hall in Valladolid. Jetzt wählt man anders als in München beim Wettbewerb die Wiener Instrumentierung mit Klarinetten, insbesondere mit Pauken und Trompeten. Der HIP-Einfluss erscheint gegenüber 2005 zurückgedrängt, wenn auch nicht ganz eliminiert. Wir hätten Pablo Gonzalez etwas progressiver eingeschätzt, aber letztlich muss er sich ja nach seinen Solisten richten. Das Orchester klingt voller, runder, stattlicher und Vibrato ist nun kein Tabu mehr. Das passt ganz gut zur Wiener Instrumentierung. Die Pauken und Trompeten hören wir jedoch bei weitem nicht mit dem heroischen Es-Dur Gestus der Aufnahme mit Lubimov-Brautigam. In Valladolid hören wir wieder die Standard-Steinways, die genauso klingen, wie sie sollen, voll, sonor, brillant und ein bisschen hart und kühl im Diskant. Glücklicherweise haben sich die beiden aber nicht davon abbringen lassen, erneut die Kadenzen von Edwin Fischer zu spielen. Sie sind immer wieder eine sehr willkommene Abwechslung. Mit ihrer spätromantischen Chromatik und ihrer Polyphonie überrascht sie immer wieder, zur Wiener Instrumentierung passen sie sogar noch besser als zur Salzburger, obwohl wir da jetzt manch einen Puristen entsetzt aufschreien hören. Pianistisch wirken die Gebrüder Valle gereift, ruhiger und doch brillanter als in München. Da wird jetzt mit aller Souveränität gespielt, mit der Sicherheit einer Studioaufnahme im Rücken. Es klingt jedoch nicht routiniert, eher vielleicht etwas „abgefeimt“, d.h. mit allen Wassern gewaschen und abgeklärt. Das Zusammenspiel mit dem Orchester wirkt sehr klangschön. In München klang es jedoch spannender. Mehr Glanz und Gloria bieten sie in Valladolid.

Im Andante wird nun ein fast schon romantisch wirkender weicher und farbiger Klangteppich ausgerollt. Vibratoreich, wohlig und sanft. Hier kann man sich wohl fühlen. Die Bögen der Flügel werden nun weiter gespannt, die Anschläge wirken kantabler. Mit dem Legato-Spiel als solches hält man sich jedoch zurück. Ein klares Non-Legato herrscht vor. Auch das Orchester lässt die Rhetorik nicht ganz außen vor. Nun wirkt bei den beiden nichts mehr einstudiert, man spielt jetzt direkt aus dem Herzen. Ein angeregter Dialog in Musik. Mit dem gewonnenen „blinden“ Verständnis lässt man sich mehr Zeit für Details. Angstfrei, angeregt und eloquent. Was in der HIP oft als schmerzhaft gedeutet wird und entsprechend fragil klingt wirkt nun als ein lichter, humaner Raum der Freiheit in dem freie Meinungsäußerung herrscht.

Wie im ersten Satz verfügt die Aufnahme auch im Rondo über ein solides Fundament. Pauken und Trompeten erklingen klar und deutlich, aber nie aufrührerisch. Die beiden Valles spielen wieder brillant mit angenehmer Leichtigkeit, wie eine zarte Sommerbrise. Es könnte noch etwas übermütiger klingen. Der freche Witz kommt etwas zu kurz. Die Kadenz von Edwin Fischer bringt allerdings wieder Erfrischung. Hochvirtuos, brillant glitzernd mit viel Gefühl für den großen Bogen.

Der Klang der Aufnahme bietet eine für Mozart stark ausgeprägte Basslinie. Das Klangbild wirkt voll, sonor und audiophil farbig. Mit wunderbar ausschwingendem Klavierklang.

 

 

Ibs lässt uns immerhin das Andante dieser Einspielung hören:

 

https://www.youtube.com/watch?v=PEV2Apto8-M

 

 

4-5

Derek Han, Wu Han

Massimo Quarta

Royal Philharmonic Orchestra, London

RPO Eigenlabel, Orchid Classics

2008

9:52  7:08  6:58  23:58 

Aufgenommen wurde in der Cadogan Hall, der kleinste große Konzertsaal Londons und seit Jahren Heimstätte des RPO. Er ist zwar nicht so groß, hat aber die beste Akustik unter den großen Konzertsälen. Das hört man der Einspielung auch an. Derek Han ist uns vor allem bekannt geworden mit seiner zeitweise extrem günstig angebotenen Gesamtaufnahme aller Mozart Klavierkonzerte mit dem Philharmonia Orchestra und Paul Freeman. Viele Musikfreunde verdanken ihm so die Kenntnis von einem der schönsten Werkzyklen der Musikgeschichte. Die beiden Konzerte für zwei Klaviere wurden damals nicht von ihm eingespielt. Diese CD ist also sozusagen der späte Nachtrag zur Gesamteinspielung, die dadurch erst komplett wird. Der amerikanische Pianist starb 2021 an den Folgen einer Covid-19-Infektion im Alter von 64 Jahren.

Das Spiel wirkt souverän, die klangliche Angleichung der beiden Flügel frappierend. Dabei sind Herr und Frau Han weder verwandt noch verschwägert. Es handelt sich um eine zufällige Namengleichheit. Die Pianistin heißt eigentlich Han Wu. „Han“ kann also sowohl Vor- als auch Familienname sein. Das RPO klingt eigentlich stark besetzt, voll und sehr schön abgerundet, es spielt jedoch gewandt und es trägt nie dick auf. Der typische Steinway-Sound zeigt zwei absolut gleichwertige Spieler. Frau Han Wu macht sogar einen noch etwas stärkeren Eindruck, eine echte Powerfrau mit Gefühl und Kraft. Geradlinig, flüssig, makellos. Nichts klingt hier nur einfach mal durchgespielt. Ein Dialog auf Augenhöhe bei dem sich niemand vordrängt.

Im Andante spielt man außerordentlich gefühlvoll und mit gedeckter Brillanz. Ein enorm gewachsenes Stilbewusstsein ist den Akteuren nicht abzusprechen. Die absolute Synchronität über die (virtuelle) Entfernung hinweg bleibt gewahrt. Wir hören idiomatisches Mozartspiel auf hohem Niveau. Es klingt nie verwaschen, nie hängt ein Flügel klanglich auf dem anderen drauf. Man musiziert virtuos und wie aus einem Geist heraus.

Das RPO, neuerdings häufiger als Mozart-Orchester verpflichtet, dreimal alleine bei KV 365 in den letzten Jahren, bringt sich in dieser Aufnahme viel stimmiger ein als bei Schiavo-Marchegiani als es unter der Leitung von Herrn Emilsson stand (Decca 2019), Im Rondo lässt es jedoch den allerletzten Funken an Spielfreude vermissen. Aber besonders Wu Han begeistert mit spritzigen Flügelklang und bringt so ein besonders belebendes Element in den Dialog ein, ohne die Harmonie oder die Balance im Duo ins Wanken zu bringen. Bei den Sforzati kann keiner der beiden den anderen übertrumpfen, die Symmetrie bleibt gewahrt.

Diese Aufnahme klingt sehr transparent, unverhallt, voll, rund und weich. Die beiden Flügel erscheinen ganz deutlich voneinander getrennt und sind sehr plastisch und natürlich zu unterscheiden, ohne dass sich das gefürchtete „Loch“ in der Stereobasis auftun würde. Das Klangbild wirkt räumlich, exakt und sehr angenehm. Audiophil.

 

4-5

Andrei Gawrilow, Dang Thai Son

Pavel Kogan

Moskauer Kammerorchester (in späteren Pressungen: UdSSR State Chamber Orchestra genannt)

Melodija

1983

9:34  7:45  6:54  24:13

Ohne politische Hintergründe wird man diese Solistenpaarung nicht ohne weiteres nachvollziehen können. Dang Thai Son kam aus dem kriegszerstörten Hanoi nach Moskau um dort zu studieren (u.a. bei Baschkirow). Er sollte mit Andrei Gawrilow eine sozialistische „Achse“ bilden. Der Musikfreund kann so zwei völlig verschiedene Facetten der russischen Klavierschule in einem Stück hören. Gawrilow gewann 1974 den Tschaikowsky-Klavierwettbewerb in Moskau, Dang Thais Son 1980 den nicht minder renommierten Chopin-Wettbewerb in Warschau (das war der Jahrgang als Ivo Pogorelich der Finaleinzug verwehrt wurde und Artha Argerich darauf wutentbrannt die Jury verließ). Wir hören eine der ersten sowjetischen Digitalproduktionen.

Das Orchester klingt sehr temperament- und kraftvoll-rustikal. Gawrilow spielt wie man ihn kennt sehr brillant, sehr kraftvoll um nicht zu sagen „muskulös“. Auf höchstem Niveau kontrastiert sein Spiel zur lyrischen Tongebung des Chopin-Ästheten aus (Nord-)Vietnam mit dem poetisch-leichten, schwebenden Flügelklang Dang Thai Sons. Das Orchester spielt extrem straff, rhythmisch und dem sinnlich-weichen, seidigen Klangideal ziemlich abhold. Feurig-frech statt zahm und hochkultiviert. Es schlägt sich irgendwie auf die Seite von Herrn Gawrilow. Der von beiden Pianisten gleichermaßen hochvirtuose, brillant und straff geführte Dialog wird hier eher konfrontativ, statt wie aus einem Herz und einer Seele.

Die Oboen im Andante klingen genau wie bei den anderen sowjetischen Orchestern dieser Zeit. Eher hart und dünn. Allerdings hat man sie auch schon noch dünner gehört. Das übrige Orchester klingt spürbar wärmer und weniger gläsern als im ersten Satz. Vor allem bei Gawrilow ändert dich die Spielweise nun, er zügelt sein ungestümes Spiel, passt sich nun Dang überraschend genau an mit einem mühelosen Legato-Spiel. Er lässt sich voll auf die zarten, aber doch alles andere als anämischen Vorgaben seines Partners ein. Fast könnte man nun von einem Herz und einer Seele sprechen.

Im Rondo zünden die beiden Pianisten ein virtuoses Feuerwerk mit Pavel Kogan als zupackenden Einpeitscher. Da hört man nichts von nobler Zurückhaltung wie beispielsweise bei Firkusny-Weiss. Nun ist man wieder im drangvollen Vorwärtsgang.  Gawrilow scheint aufs Tempo zu drücken und fordert Dang heraus zumindest mitzuhalten. Dem macht das offensichtlich keine Mühe, sodass sich ein sportlich-spritziges, musikalisch brillantes Spielchen ergibt, denn beide sind mit atemberaubender Fingerfertigkeit gesegnet. Impulsivität pur von links, pure Eleganz von rechts. Fast wie ein Tennismatch in Wimbledon in Musik. Finale versteht sich.

Diese Überspielung gehört zu den lautesten. Die Flügel klingen wuchtig und werden groß abgebildet. Völlig verzerrungsfrei übrigens. Auf warmen Schmelz, wie immer besonders bei den Violinen, mit denen stand die frühe Digitaltechnik ganz besonders auf Kriegsfuß, muss man leider verzichten. Wie fast immer bei sowjetischen Aufnahmen.

 

https://www.youtube.com/watch?v=--X2mOyN_t8

 

 

4-5

Prisca Benoit, Mladen Tcholitsch

Lavard Skou Larsen

Salzburg Chamber Soloists

Pavane Records

2020

9:56  6:55  6:46  23:37

Bei dieser Aufnahme haben wir es wieder mit einem Ehefrau-Ehemann-Duo zu tun. Sie wurde über eine Crowdfounding-Veranstaltung auf „Kickstarter“ finanziert und im Großen Saal des Mozarteums Salzburg eingespielt. Wie so oft bei Eheleuten nimmt die Frau die erste Stimme ein, so auch hier. Und wie so oft bei Eheleuten-Duos hören wir eine „blindes“ hochgradig vertrautes, intuitives Verständnis. Die Anschlagskultur der beiden ist beachtlich, wobei es nicht ganz so brillant perlt wie beispielsweise bei Gimse und Anvik. Das Orchester mit einer, so hört es sich zumindest an, recht kleinen Kammermusikbesetzung spielt aufgeweckt, knackig und dringlich und klingt offen, frisch und dynamisch, schlank und agil. Es legt keinen Klangteppich aus, spielt eher solistisch besetzt und orientiert sich eher am sprechenden Musizieren als lange kantable Bögen aufzuspannen. Das Ganze klingt federnd und akzentuiert, es gibt keine einförmige Eleganz. Es klingt fast schon fröhlich. Das Orchester wurde übrigens 1991 von Skou Larsen gegründet, der seit 91 in Salzburg als Professor tätig ist. Es rekrutiert sich aus Absolventen, Studierenden und Dozenten der Universität Mozarteum. Also Kammermusiker aus dem akademischen Umfeld Salzburgs. Skou Larsen war 1983-86 Mitglied der Camerata Salzburg, da wird es klar, wo er seine Inspiration zur Orchestergründung hernahm. Bei den beiden Solisten hören wir Musizieren auf Augenhöhe. Insgesamt ergibt sich eine dramatisch geprägte Szene wie in einer Mozart-Oper.

Im Andante klingen die Oboen sehr schön, sie halten sich nicht zurück und haben das Vorbild „Wiener Oboe“ anscheinend komplett aus den Augen verloren. Das Klavierduo spielt beredt und ausdrucksstark, unverzärtelt mit kraftvollem Anschlag. Dynamisch ungewohnt flexibel, jedoch etwas rustikaler als in einer anderen Produktion, die allerdings nur einmal vom ORF gesendet wurde, die mit Aimard und Stefanovich, einem anderen Ehepaar-Duo.

Im Rondo wirkt das Orchesterspiel apart und charmant, man merkt, dass da der Genius loci nicht weit entfernt war. Das klingt spritzig doch nicht zu schnell. Wir hören lebendiges Ping-Pong-Spiel zweier gleichwertiger Pianisten. Es gelingt tatsächlich dem Spiel noch etwas Überraschendes, Spontanes abzugewinnen.

Der Klang der Aufnahme gefällt mit glasklarer Transparenz auch an Wärme fehlt es nicht ganz. Er wirkt etwas hell. Die Basslinie lässt sich gut hören, auch die Dynamik gefällt. Das Klangbild wirkt recht plastisch aber nicht sehr geräumig.

 

https://www.youtube.com/watch?v=VBPY5g2WoGA

https://www.youtube.com/watch?v=XcDvdg38dE4

Leider ohne Rondo bei YouTube eingestellt, zumindest konnten wir es nicht finden.

 

 

4-5

Klavierduo Tal-Groethuysen:

Yaara Tal, Andreas Groethuysen

Bruno Weil

Münchner Rundfunkorchester

Sony

2013

10:10  6:30  7:16  23:56

Das Duo wurde 1985 gegründet, war zur Zeit der Aufnahme also bereits seit 28 Jahre zusammen. Beide sind zwar nicht verheiratet aber über die musikalische Zweisamkeit hinaus auch Lebenspartner. Wie so oft übernimmt die Dame des Hauses das erste Klavier. Aufgenommen wurde im Münchner Studio 1 des BR.

Das Orchesterspiel wirkt sehr transparent, schlank und völlig routinefrei. Das Holz hört man auch dort, wo es sonst meist vom Streicherteppich zugedeckt wird. Das Münchner Orchester wirkt in Teilen auf HIP gebürstet, klingt aber immer noch so voll und rund und das Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen spielt zwar regelmäßig auf Instrumenten verschiedener namhafter Hersteller, ist jedoch nicht exklusiv an Steinway gebunden. Mit Hammerflügeln hat man sie noch nie gehört. Sie treten auf Konzertbühnen weltweit auf und nutzen je nach Veranstaltungsort oder privater Vorliebe unterschiedliche Marken wie Steinway, C. Bechstein oder Fazioli. Andreas Groethuysen besitzt privat unter anderem einen Steinway-Flügel sowie einen Fazioli-Flügel, während das Duo im Rahmen von Reihen wie den C. Bechstein Klavierabenden auch gezielt auf Bechstein-Flügeln konzertiert und aufnimmt. Eine offizielle, exklusive Künstlerpartnerschaft ausschließlich mit der Marke Steinway & Sons besteht nicht.

Das alles hat uns veranlasst diese Aufnahme nicht in unsere HIP-Liste aufzunehmen, obwohl Bruno Weil ein bekannter „Grenzgänger“ zwischen den beiden Welten ist. Die Artikulation ist eher kurz und spritzig, aber nur wenig drahtig. Das Orchester ist ein engagierter Partner und nicht nur Dekorateur oder passiver Mitläufer. Beide Flügel erhalten von ihren Spielern einen gleichermaßen virtuosen doch gut unterscheidbaren eigenen Charakter. Es klingt also nicht wie in Tasmanien nach einem Vierhandflügel bedient von 20 Fingern. Da ist viel Feinschliff und traumwandlerisch sichere Präzision zu hören. Feste Klavierduos kennen KV 365 aus unendlich vielen Aufführungen, besonders wenn sie schon lange zusammenspielen. Tal zeigt etwas mehr Silberglanz Groethuysen klingt etwas wärmer und sonorer und das nicht nur, wenn er es mit der tieferen Lage zu tun hat. Wohliger Fluss wird mit HIP-Klarheit und sprechender Rhetorik verbunden, wobei uns der wohlige Fluss etwas zu dominieren scheint. Der Gestus wirkt jedoch insgesamt flexibel, manchmal grüblerisch, manchmal geradezu mit einem Lächeln im Gesicht. Übrigens hören wir die Wiener Instrumentierung mit Pauken und Trompeten, wobei besonders das Potenzial der Pauken nicht genutzt wird. Vorbildhaft in diesem Bereich: die Haydn Sinfonietta aus Wien.

Im Andante wird der Dialog-Charakter gut herausgearbeitet. Wir belauschen ein nachdenkliches Gespräch mit Sinfonia concertante-Charakter. Man merkt der Darbietung an, dass Mozart in Paris C. P. E. Bach getroffen hat. Da hat er viel Neues gelernt und übernommen. Die geschliffen intellektuelle Perfektion überwiegt. Man wühlt nicht in der Seele herum. Was da möglich wäre hört man bei Hinrichs-Zacharias. Es geht in München einfach zu schnell von einem Gedanken zum nächsten. Letztlich bleibt man im vom Münchner Rundfunkorchester und den Technikern des BR vortrefflich aufgewärmten, wohligen Zuhause. Keine HIP-Wildnis, keine Himalya-Besteigung. Der Salzburger Hausberg tut es auch. Klangschöne Oboen, von denen kein „Memento mori“ ausgeht.

Im Rondo werden wir immer noch oder wieder Zeugen eines nachdenklichen Gesprächs. Beim Klavierspielen soll man ins schwitzen kommen, ob das sie beiden Münchner beherzigt haben? An Subtilität, auch an Elan fehlt es eigentlich nicht. Der Spaß kommt ebenfalls nicht zu kurz. An ein lustiges Bölzlscheibenschießen im Hause Mozart denken wir jedoch nicht. Zu gerne hätten wir Wolferl und Nannerl bei dem Konzert gehört. Da hätte man das Dunkel und den Spaß mal aus erster Hand gehört, in der richtigen Balance. In der Kadenz könnte noch possenreißerischer zugehen als wir es bei Tal-Groethuysen hören können. Noch hanswurstiger, aber man befindet sich auf einem guten Weg im Vergleich der Einspielungen.

Die Opulenz des Klangs lässt die Audiophilen unter den Hörern nicht darben. Es klingt sehr transparent, farbig, räumlich und körperhaft. Die beiden Flügel sind differenziert und deutlich voneinander getrennt zu hören. Tal links, Groethuysen rechts, so wie es die klassische Verteilung im Raum will. Es gibt kein „Mittelloch“ in der Stereobasis. Die Dynamik ist gut.

 

Sony stellt uns immerhin das Rondo aus dieser Einspielung zur freien Verfügung:

 

https://www.youtube.com/watch?v=bl4227jn7-c

 

 

4-5

Klavierduo GrauSchumacher:

Andreas Grau, Götz Schumacher

Ruben Gazarian

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

Neos

2009

11:14  7:41  7:37  26:32

Von Duo GrauSchumancher (ein festes Klavier-Duo), so die offizielle Schreibweise gibt es noch eine ältere Einspielung von den Ludwigsburger Schlossfestspielen 1995. Da waren sie bereits genauso gut aufeinander eingespielt und auch mit dem Orchester bereits eng verzahnt; das Orchester klang jedoch noch ein wenig pauschaler und man hatte noch nicht die geniale Idee doch einmal die Bartok-Kadenzen mit einzuspielen. Das sichert dieser Berliner Einspielung höchsten Repertoirewert.

Dazu muss man wissen, dass die Original-Kadenz von Mozart erst 1937 in geeigneter Form veröffentlicht wurde, sodass sie auch für jedermann zugänglich war, auch für Pianisten, die damals nicht nach Originalquellen (wie Artur Schnabel) forschten. Bela Bartok nahm von der originalen Kadenz noch keine Notiz (nicht zuletzt wegen des in der alten Welt tobenden Weltkriegs), weshalb er selbst eine komponierte, damit er und seine Frau Ditta das Werk aufführen konnten. In den USA musste die Familie Geld verdienen, man war durch das Exil wieder nahezu mittellos geworden. Seine Kadenz erzeugt viel Reibung statt stilistischer Übereinkunft. Sie ist aber großartig komponiert und geht keinesfalls vollkommen von Mozart weg. Bartok bringt Mozart ziemlich behutsam ins 20. Jahrhundert. Die Aufnahme verliert durch sie an dieser Stelle zumindest den letzten Rest von Gemütlichkeit. Das Orchester spielt in Berlin etwas zupackender als das Stuttgarter Kammerorchester (Ludwigsburg) 1995. Allzu groß ist der Unterschied jedoch nicht.

Im Andante werden die Oboen lange nicht so prägnant hervorgeheben wie in Ludwigsburg, obwohl auch die Berliner expressiv und klangschön spielen. Das Klavierduo phrasiert nun prägnanter und pointierter und man erscheint mehr am rhetorischen Detail interessiert. Das Zusammenspiel gelingt nach wie vor hervorragend, klanglich besteht höchstes Maß an Kongruenz. Es ergießt sich nicht mehr der Legato-Strom über die Zuhörer wie noch 1995.

Das Rondo macht den größten Unterschied zur 95er Aufnahme. Es klingt nun geschärfter, wacher und differenzierter. Im Tempo bleibt man nach wie vor eher gemäßigt. Die Zusammenarbeit mit dem Orchester wird auf eine höhere Bewusstseinsstufe gestellt, so in etwas hört es sich an. Insgesamt klingt es flexibler ohne den großen Bogen außeracht zu lassen. Die Kadenz Bartoks im Rondo wirkt facettenreich und ausführlich.

 

Naxos lässt uns den ersten Satz aus dieser Einspielung hören, einzigartig durch die Verwendung der von Béla Bartók geschriebenen Kadenz.

Der Klang der Aufnahme gleicht der Ludwigsburger nicht wenig, vor allem was sie beiden Flügel anlangt. Sie klingt voll, körperhaft und transparent, beide Flügel sind erneut sehr gut unterscheidbar, werden aber nun noch besser im Raum verteilt als 1995.

 

https://www.youtube.com/watch?v=gyzeLA1Epiw

 

 

4-5

Alfred Brendel, Imogen Cooper

Neville Marriner

Academy of St. Martin in the Fields

Philips, Decca

1977

9:48  8:03  6:52  24:43

Dies ist die zweite Einspielung von KV 365 von Alfred Brendel. Nun ist nicht mehr der nahezu gleichaltrige Walter Klien sein Partner, sonders seine Meisterschülerin Imogen Cooper. Wahrscheinlich, weil er die Stimme des Klavier 1 schon oder noch so gut kannte hat er seiner Meisterschülerin nicht das erste Klavier überlassen. In vielen Bereichen, vor allem musikalischen, wäre diese Aufnahme noch höher einzustufen als seine Wiener Aufnahme von 1960. Vor allem das Orchester setzt ganz andere Akzente, klingt besser und bringt viel mehr Schwung mit ein. Aber auch Brendels eigenes Spiel wirkt noch ausgereifter. Allerdings kann man die beiden Klavierstimmen aufgrund der räumlichen Positionierung kaum unterscheiden, der Dialogcharakter wirkt so minimiert. Es könnte sein, dass es von dieser Aufnahme Pressungen gibt, die den Gesprächscharakter der Komposition nicht so sehr nivellieren wie unsere. Über den Laptop mit der YouTube-Version gehört ergibt sich nämlich eine deutlichere Unterscheidung der Flügel als mit der großen Abhöranlage, das kann ja eigentlich gar nicht sein…

Marriner lässt die Academy quicklebendig und frisch beginnen. Sie klingt noch weicher, geschmeidiger und abgerundeter als das Wiener Orchester 1960. Es gibt feinere Nuancen zu hören und das Zusammenspiel wirkt noch nahtloser. Auch beim Klavier-Duo. Die beiden Flügel (Steinways) harmonieren ausgezeichnet miteinander. Es wird großbogig und spannend gespielt. Vorteile bei der melodischen Schönheit und bei der musikalischen Gestaltung im Sinne eines Reifungsprozesses sprechen für die ´77er Einspielung. Die Flügel klingen wärmer, fülliger, brillanter und lyrischer in der Grundstimmung als in Wien. Aber wie gesagt: der Dialogcharakter geht zumindest in einer Variante fast baden, da beide Flügel aus einem Punkt des Klangbildes hervorkommen.

Im Andante lässt man sich mehr Zeit und die Musik darf freier atmen. Der Dialog auf Augenhöhe rückt viel enger zusammen als bei Brendel-Klien. Es klingt nun nicht mehr so individuell und durch die äußerst geringe Distanz geht viel Dialog-Spannung verloren. Es klingt nun besonders innig und miteinander verflochten und wird gefühlvoller und bewegter gestaltet. Brendel erhält eine leichte Dominanz gegenüber Cooper.

Das Rondo klingt sehr beschwingt und es gibt ein spannendes Miteinander auf höchstem Niveau zu hören. Bei Brendel-Klien gab es jedoch eine deutlich bessere Durchhörbarkeit der beiden Parts zu hören, wodurch der Dialog ungemein an Schärfe gewinnt. Eine „natürliche“ Hierarchie wird bei Brendel-Cooper noch leise spürbar. Frau Cooper scheint sich im lyrischen Gesamtkonzept ein wenig unterzuordnen. Das Rondo ist in beiden Einspielungen sekundengenau gleich schnell. Beide Einspielungen befinden sich auf Top-Niveau. Pianistisch, im Zusammenspiel und klanglich. Bei Brendel-Klien gibt es mehr Reibung, bei Brendel-Cooper mehr Harmonie zu hören. Wir sind von einem zu gering ausgeprägten Dialogelement bei Brendel-Cooper ausgegangen, das sich aber vielleicht nicht bei jedem Tonträger geleichermaßen zeigt.

Der Klang wirkt gegenüber der 17 Jahre älteren Vox-Aufnahme noch körperhafter aber kaum tiefer, also kaum dreidimensionaler aufgenommen. Die Flügel sind beide in die Mitte gerückt, wo sie sich beide überdecken. Sie klingen jedoch noch brillanter und erklingen mit reicheren Mitten, was ihnen einen warmen, holzigen, ja anschmiegsamen Klang verleiht. Es gibt nun kein akustisches Loch mehr in der Stereobasis. Im Gegenteil in der Mitte herrscht jetzt geradezu Hochbetrieb. Das homogenere Klangbild spricht für Brendel-Cooper, die bessere Durchhörbarkeit für Brendel-Klien.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=jSRcu7yGVPw

 

 

4-5

Mari Kodama, Momo Kodama

Kent Nagano

Orchestre de la Suisse Romande

Pentatone

2024

10:02  6:51  6:44  23:37

Die beiden Schwestern haben schon von Kindesbeinen an zusammen Klavier gespielt. Sie haben dann gemeinsam am Pariser Conservatoire studiert, dann aber jede ihre eigene Karriere verfolgt. Sie treten normalerweise nicht als Klavierduo auf und wollen sich auch sonst nicht ähnlich sein. Mari (57) ist die ältere von beiden. Sie spielt wie meistens bei Geschwisterpaaren als der ältere Geschwisterteil das 1. Klavier. Man hört sie von links. Momo (52) hören wir von rechts. Aufgenommen wurde in der Victoria Hall in Genf.

Die Orchestereinleitung wird engagiert und mit Verve vorgetragen, das Orchester wirkt dabei recht stark besetzt und kraftvoll, bleibt aber doch schlank im Ton, denn man verzichtet auf allzu reichliches Vibrato, erhält sich aber den brillanten Ton. Man pflegt das heute, gerade bei Mozart weit verbreitete Non-Vibrato. Die Solistinnen nehmen den festlichen Es-Dur Gestus Naganos auf. Zu ihm hätte die Wiener Orchestrierung sicher noch besser gepasst, man beließ es aber bei der Salzburger Version. Die beiden spielen spritzig und nicht haargenau gleich. Vielleicht sind die beiden Steinways auch nicht überpenibel gleich abgestimmt worden. Maris Diskant klingt von links sehr klar, sehr gut fokussiert und sogar etwas schneidend. Das wirkt pointiert. Momos Flügel von rechts wirkt in den Mitten weicher, runder und sogar etwas farbiger. So klingen die beiden mal nicht genau gleich, was ja nicht nur ebenfalls reizvoll ist, sondern wahrscheinlich in fast allen Gesprächen der Normalzustand sein dürfte.

Andante: Das Orchester aus der romanischen Schweiz verfügt mittlerweile über ausgezeichnet klingende Oboen und die dazugehörigen ausgezeichneten Musiker/innen. Das Orchester klingt überhaupt samtig, voll und warm. Kein Vergleich zum Orchesterklang zu Ansermets Zeiten und auch gegenüber Janowskis Aufnahme von Bruckners Nr. 6 gefällt es besser, obwohl man beide Partituren wohl kaum vergleichen kann. Es bildet hier jedoch einen dezenten selbst schon farbigen Klangteppich auf dem sich die brillant intonierten Flügel vortrefflich abheben können. Das Ganze klingt sehr transparent. Die beiden Pianistinnen spielen ziemlich verspielt. Ihr Spiel wirkt nicht einstudiert, sondern flexibel und spontan.

Auch im Rondo wird kein Einheitsbrei angerührt. Wir hören nach wie vor deutlich verschiedene Charaktere, die ihre pianistische Identität bewahren. Der Anschlag hat nicht dieselbe klar fokussierte Präzision, wie man sie bei den besten, z.B. Clara Haskil und Géza Anda hören kann. Aber auch Momo lässt ihren Anschlag gegenüber Maris Anschlag geringfügig doch hörbar weicher klingen und sie singt noch etwas mehr auf ihrem Instrument. Das Rondo wirkt freudig erregt und temporeich, wobei nicht überzogen wird. Die Unisoni klingen sehr sauber, die Darbietung wirkt nicht überbordend emotional, sondern eher durchdacht und hochelegant.

Wie bereits erwähnt lässt die Klangtechnik das Orchester mit einem vollen, sinfonisch wirkenden Streicherklang hören. Es wird viel Wert auf Transparenz gelegt, die Stimmen werden gut differenziert, die gute Kanaltrennung kommt auch den beiden Flügeln zugute. Die Flügel selbst klingen räumlich und körperhaft, nicht hallig. Doch insgesamt hören wir einen großen Raum mit recht hoher Resonanz, sodass es eine gewisse Tendenz zum Verschmelzen der Klänge gibt. Es gibt kein „Loch“ in der Mitte der Stereobasis, der Gesamtklang wirkt sinnlich und ist durchaus audiophil zu nennen. Die beiden Flügel erscheinen wie zwei tönende Skulpuren vor dem samtigen Orchester.

 

Momo Kodama lässt uns über YouTube zwei Sätze der Einspielung hören:

 

https://www.youtube.com/watch?v=tGSoD7AZTg0

https://www.youtube.com/watch?v=zej8SbadJTk

Das Rondo wurde leider soweit ersichtlich bisher nicht bei YouTube eingestellt.

 

 

4-5

Vladimir Ashkenazy, Daniel Barenboim

Daniel Barenboim

English Chamber Orchestra

Decca

1972

9:42  8:43  6:59  25:24

Mit diesen Protagonisten gibt es außer der Plattenaufnahme aus der Kingsway Hall von 1972 auch noch eine Live-Aufnahme von 1966, bei der Filmkameras dabei waren. Und davon gibt es wiederum eine Backstage-Dokumentation, die man gesehen haben muss, wenn man sich für einen oder beide Pianisten interessiert.

Wir haben beides erst bei der Suche nach den entsprechenden YouTube-Aufnahmen der 1972er Decca-Aufnahme gefunden und werden sie uns erst später genauer anschauen. Die Links wollen wir jedoch nicht vorenthalten und haben sie unten angefügt.

1972 erfolgt der Einstieg des damals führenden Kammerorchesters in KV 365 quicklebendig, kraft- und schwungvoll. Der Decca-Klang enttäuscht nicht und lässt das ECO voll, üppig, ja saftig erklingen. Askenazy ist mit dem 1. Klavier beschäftigt (anders als im Film sitzt er auch links und ist genauso zu hören), Barenboim nimmt sich wie im Film des 2. Klavieres an und dirigiert das Orchester von rechts. Die Phrasierungsübereinstimmung ist sehr hoch, die beiden Steinways klingen auch vom Ton her sehr ähnlich brillant, kraftvoll und frisch, wie bereits im Orchestervorspiel vorgelegt. Ashkenazy lässt noch nicht den späteren aufgedunsenen Decca-Klavierklang hören und Barenboim spielt vital. Er will gegenüber dem Tschaikowsky-Preisträger nicht zurückstehen. Vom später bei ihm teigig werdenden Anschlag ist noch nichts zu hören. Er klingt aber etwas weniger brillant als Ashkenazy. Die Einspielung fand vor Ashkenazys Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte für Decca statt, wurde vielleicht zu einem frühen Auftakt und Barenboim hatte seine Gesamtaufnahme für EMI schon weitgehend hinter sich gebracht. Er dirigierte zu dieser Zeit das ECO bereits sehr häufig und war bestens mit ihm vertraut. Ashkenazy hatte seine Dirigentenlaufbahn zumindest einmal als Plattendirigent noch nicht begonnen und konnte sich voll auf sein Klavierspiel konzentrieren.

Das Andante wirkt ruhevoll und leicht getragen. Die Oboen klingen für Londoner Verhältnisse der damaligen Zeit sehr gut, zwar schlank, aber strahlend. Man hat das Spannungspotential nicht aus den Augen verloren und bleibt hellwach.

Das Rondo klingt agil und richtig jugendlich-frisch. Das Orchester klingt besser als in sehr vielen anderen Aufnahmen, vielleicht weil es bei Decca nicht so oft zu hören ist, es spielte meist in EMI-Aufnahmen mit. Bei Decca übernahm bereits die Academy of St. Marin in the Fields. Die beiden Pianisten erreichen eine sehr hohe tonliche und musikalische Übereinstimmung. Ashkenazy erscheint pianistisch leicht überlegen, festzustellen lediglich an ein paar weniger gut kontrollierten Tönen Barenboims, die vielleicht lediglich mit Barenboims Doppelrolle zu tun haben.

Der Decca-Klang wirkt voll, kraftvoll, dynamisch, sehr präsent und farbig. Er wirkt weniger großräumig und passt sich in seinen Dimensionen der Musik an. Die Kingsway Hall kann auch ganz anders klingen.

 

Die Studioaufnahme von 1972:

https://www.youtube.com/watch?v=8xuBQlXHFPQ

https://www.youtube.com/watch?v=USRYeKrz2GE

https://www.youtube.com/watch?v=zrnUNDSWL5Q

 

Die Filmaufnahme von 1966 in derselben Besetzung:

https://www.youtube.com/watch?v=pKfiuvVvitM

 

Und dazu gibt es auch noch eine hochinteressante, unbedingt sehenswerte Dokumentation:

https://www.youtube.com/watch?v=ahUywqTYKow

 

 

4-5

Rudolf Firkusny, Alan Weiss

David Zinman

Rochester Philharmonic Orchestra

Vox, Naxos

1978

10:10  8:32  7:04  25:46

In diesem Duo verbindet sich ein älter Gradseigneur des Klavierspiels mit seinem Meisterschüler. Rudolf Firkusny (u.a. Schüler von Leos Janacek) war zur Zeit der Aufnahme 66 und längst ein weltweit etablierter Star der Szene. Alan Weiss, zur Zeit der Aufnahme 28jährig, lernte zuerst das Gitarrenspiel und bekam seine erste musikalische Prägung durch Andrés Segovia, wechselte dann aber mit zwölf anscheinend noch rechtzeitig zum Klavier. Ab dem zwölften Lebensjahr konzentrierte er sich ausschließlich auf dieses Instrument. David Saperton, der berühmte Lehrer von Cherkassky, Katchen und Bolet, Schwiegersohn von Godowsky und Assistent des legendären Josef Hofmann am Curtis Institute, spielte eine entscheidende Rolle in seiner pianistischen Entwicklung. Unter der profunden musikalischen Anleitung von Firkusny erwarb er den Doktortitel der Musikkunst an der Juilliard School. David Zinmam war von 1974-85 Chefdirigent in Rochester und bei der Aufnahme gerade einmal 42.

Er leitet das Orchester schlank, präzise und hellwach. Insgesamt hören wir ein sehr homogenes, brillantes Team. Die Orchestereinleitung klingt frisch und vital allerdings nicht vollkommen sonor und noch ganz leicht spröde bei den Violinen. Es könnte viel seidiger klingen, man hatte sich bei Vox wohl vor allem auf die Solisten gestürzt und das Orchester was seine Mikrophonierung anlangt etwas vernachlässigt. Die Flügel klingen hingegen im Vergleich ungleich besser: brillant, völlig unverzerrt, sonor und körperhaft. Das Duo ist in Phrasierung und virtuoser Eleganz sehr gut aufeinander abgestimmt.

Das Andante gelingt wunderbar fließend in einem getragenen, nobel wirkenden Tempo, das uns gut zum Andante zu passen scheint. Es funktioniert allerdings auch deutlich schneller immer noch gut. Es entspinnt sich so ein Dialog unter weisen Menschen, die keine Sorge haben, sich zu lange aufzuhalten Wir hören das genaue Gegenteil zu einem Wettbewerb. Man versucht (erfolgreich) pure Imitation der Stimmen durch variantenreiche „Antworten“ zu vermeiden. Der warme, reife, subtil abschattierte doch brillante Ton von Firkusny kann vor allem dabei begeistern. Weiss spielt klar und phrasiert deutlich, sein Flügelklang wirkt ein wenig silbriger. Das Orchester klingt detailreich und behutsam, es schafft die richtige Atmosphäre, geradlinig doch interessant.

Das Rondo klingt federnd, nicht zu leicht doch mit Gewicht, ohne zu hetzen. Es klingt glasklar und pointiert, spaßig klingt es nie. Die Stimmen greifen unmittelbar (nahtlos) ineinander über. Man kennt sich sehr genau. Es gelingt eine opernhafte (d.h. eher buffahafte) Note zu erreichen, bleibt aber doch gepflegt und nobel. Man merkt, dass sich hier zwei Generationen zusammengetan haben und jede ihr bestes beisteuert.. Ein feinsinniger Mozart mit ungewöhnlicher Note. Schade, dass sie Violinen nicht immer ganz frei klingen.

Leider bietet der Klang der Aufnahme manchmal ganz leicht gepresst klingende Violinen, mitunter klingen sie sogar verzerrt. Die Flügel klingen hingegen sauber und brillant, direkt und präsent. Die Flügel erklingen deutlich im Vordergrund, das Orchester nicht allzu weit dahinter. Besonders die beiden Flügel werden zu einem audiophilen Genuss, während das Orchester nicht so gut wegkommt. Es fällt klanglich deutlich ab.

 

Naxos stellt via YouTube das Rondo zur allgemeinen Verfügung:

 

https://www.youtube.com/watch?v=np75IJ3BCb4

 

 

4-5

Alexandre Rabinovitch, Martha Argerich

Jörg Faerber

Württembergisches Kammerorchester Heilbronn

Teldec

1995

9:26  6:54  6:04  22:24

Aufgenommen wurde in der Stuttgarter Liederhalle. Vor der Aufnahme waren sich die beiden Solisten bereits von vielen gemeinsamen Konzerten und einigen Einspielungen bestens bekannt. Außerdem waren sich die beiden auch menschlich sehr nah (das nennt man derzeit wohl „Lebensabschnittspartner“).

Im ersten Satz wirkt das Tempo des Orchesters in der Einleitung rasanter als es eigentlich ist. Die Heilbronner wirken teils pastos und weniger sensibel, es weiß bereits, was an solistischer Wucht auf es zukommt. Rabinovitch und Argerich haben es eilig als müssten sie schnell noch den Zug erreichen oder den Jet. Es geht aber auch mit übermäßiger Spielfreude voran. Die Heilbronner können da nicht mithalten, obwohl sie sich bemühen die Artikulation ähnlich knackig zu halten wie die beiden Solisten. Manchmal wirkt es aber eher wie ein Hinterherhecheln als ein Mithalten. Die Solisten legen aber auch einen ganz besonderen Schwung und eine geradezu exaltierte Spielfreude an den Tag. Man gewinnt manchmal den Eindruck, dass die beiden auch ohne Orchester ganz gut ausgekommen wären. In der Kadenz legen die beiden nochmals nach.

Das Andante wirkt wenig verträumt. Wir hören stattdessen ein lustvoll-genießerisches, sinnliches Duett-Spiel. Die Oboen wirken eigentlich klangschön, versuchen wirklich alles was sie können, aber sie wirken aufdringlich und finden zwischen den beiden keinen rechten Platz. Sie spielt allerdings auch viel zu laut: immer ff statt p. Da hat sie sich doch irgendwie einschüchtern lassen. Aber die beiden haben auf sie irgendwie auch keine Rücksicht genommen.

Das Orchester bringt im Rondo zwar gute Laune aber keine dynamische Differenzierung mit ins Spiel. Die Württemberger preschen immer wenn der Refrain beginnt wie auf und davon. Die begeisternd aufspielenden Pianisten können das nur bedingt wieder wettmachen. Mit der Kadenz gebieten sie dem Orchester erst einmal zu schweigen, dann legen sie los und fegen geradezu über ihre Noten hinweg. Ob es „Wolferl“ und „Nannerl“ auch so gemacht hätten?

Das Klavierduo wirkt gegenüber dem Orchester, das sich tapfer, aber letztlich doch ziemlich erfolglos wehrt, zu dominant. Dabei gehen viele Nuancen im Orchesterapparat verloren. Es kann kaum einen gleichberechtigten, spritzigen Dialog mit ihm antreten. In der Aufnahme Argerichs mit Pires, dem Orchestre de la Suisse Romande (2021, live über Radio aber auch bei Youtube zu finden) klingt das ganz anders. Da musste niemand niemendem etwas beweisen, allerdings werden bis dahin 26 Jahre vergangen sein.

 

Die Stuttgarter Einspielung mit den Heilbronnern:

https://www.youtube.com/watch?v=UcgHXqjeLx8

 

Die Genfer Aufnahme mit Maria Joao Pires, Martha Argerich, dem Orchestre de la Suisse Romande und Daniel Harding 2021 in Genf. Wir kommen bei unserer Rundfunk- und YouTube-Liste darauf zurück. Wer es nicht erwarten kann, bitteschön:

https://www.youtube.com/watch?v=7fzYOtaJcxU

 

 

 

4-5

Ellen Corver, Sepp Grotenhuis

Jürgen Kussmaul

Amsterdam Mozart Players

Channel Classics

1990

9:04  6:53  6:17  22:14

Ellen Corver und Sepp Grotenhuis sind ein festes Klavierduo, das bereits auf eine lange gemeinsame Zusammenarbeit zurückblicken kann. Privates ist uns von diesem Duo nicht bekannt.

Die Darbietung wirkt im ersten Satz sehr schlank, aber man artikuliert „modern“ also nicht nach den Geboten der HIP. Das Fingerwerk wirkt enorm schnell aber manchmal erklingt die Musik ein bisschen nach der Demonstration des gemeinsam eroberten Niveaus. Hektik wird gerade noch so vermieden, es klingt zwar beschwingt, doch ohne Charme. Klanglich und musikalisch werden die Beiden perfekt vom Amsterdamer Orchester unterstützt. Die Kadenz klingt wenig spannend, alles erklingt im weichen, vollen, runden, etwas glatten Steinway-Klang. Wie im Divertissement-Stil runtergespielt, grazil und gewandt, makellos und pfeilschnell doch ohne besondere Delikatesse. Das Tempo wird einfach allzu starr durchgezogen. Ein sportlicher Wettkampf eher gegen die Uhr, als ein anregender Dialog. Wer mag wohl als erste oder als erster ankommen? Das Orchester, dessen Namen man kaum kennen wird, ist ein Adhoc-Orchester bestehend aus bewährten Kräften aus dem Concertgebouw Orchester, aus den Rotterdamern Philharmonikern oder aus Streichquartetten. Rainer Kussmaul, Bruder des Dirigenten als Konzertmeister führt den noch vibratoreichen Klang und das noch etwas gefühllose aber sehr geläufige Runterspielen aus der Frühzeit der HIP an.

Das Andante gelingt insgesamt deutlich besser. Die Oboe klingt meisterhaft, weich, warm mit gefühlvollem Vibrato, das klingt tatsächlich nach Concertgebouw Orchester oder nach den Rotterdamern. Das Tempo wirkt zwar erneut sehr zügig für ein Andante, aber trotzdem viel gefühlvoller als der erste Satz. Man agiert mit einer sehr weit gespreizten dynamischen Spannweite. Das klingt poetisch, intim, wie ein echtes Zwiegespräch unter Geschwistern oder auch unter Liebenden. In gewisser Weise opernhaft, in der Oper wäre es ein kleines „Liebesduett“. Davon hätten wir gerne auch etwas mehr im ersten Satz gehört. Im Andante gibt es einen recht hohen Verschmelzungsgrad der beiden Flügel.

Auch das Rondo kann gefallen. Es wirkt temperamentvoll, aufgeweckt, sogar ein wenig „neckisch“. Tendenziell hören wir wieder die etwas hektische Aufregung aus dem ersten Satz, aber doch deutlich gelöster, lebensfroher, spritziger und vor allem charmanter.

Der Klang der Aufnahme wirkt weich, voll und abgerundet. Er ließe ein wesentlich größer besetztes Orchester vermuten. Es klingt transparent und recht körperhaft. Obwohl die Flügel beide mittig positioniert sind, erklingen sie recht gut voneinander differenziert, zudem recht dreidimensional.

 

4-5

Jenö Jando, Dénes Varjon

Matyas Antal

Concentus Hungaricus

Naxos

1991

9:43  7:17  7:10  24:20

Diese Aufnahme entstand im Italienischen Institut in Budapest. Während es mit Jenö Jando nur eine Aufnahme gibt, hat Dénes Varjon das Werk noch einmal eingespielt und zwar mit seiner Frau und dem Chamber Orchestra of Europe. Darauf kommen wir in unserer Radio- und YouTube-Liste zurück. Der Dirigent Matyas Antal war bevor er die Dirigentenlaufbahn eingeschlagen hat fast zwei Jahrzehnte lang Soloflötist beim Ungarischen Staatsorchester (heute: Ungarische Nationalphilharmonie). Der Concentus Hungaricus spielt, auch wenn er eine gewisse Ähnlichkeit im Namen mit dem Concentus Musicus Wien anstrebt, nicht auf Originalinstrumenten, geht nicht der HIP nach, spielt kein reduziertes Vibrato und artikuliert nicht speziell nach rhetorischem Vorbild. Er setzt sich vornehmlich aus Musikern des Budapester Rundfunk-Sinfonieorchesters zusammen. Moderne Streicher mit Stahlsaiten, modernes Holz. Die beiden Pianisten spielen Steinways und begegnen sich auf Augenhöhe. Es herrscht ein recht voluminöser, bassreicher, homogener Klang und es wird sauber und engagiert gespielt. Schnörkellos, direkt, weich, ziemlich reich abschattiert und mit viel Wärme. Das Zusammenspiel der beiden Pianisten wirkt unaufgeregt und präzise. Die klangliche Ähnlichkeit der beiden Flügel ist hoch, beide klingen nicht gerade überbrillant. Das passt alles ganz gut zusammen, wenn man einen traditionell klingenden Mozart liebt. Uneitel, flüssig und irgendwie sympathisch.

Im Andante erscheint das Orchester wie ein sanftes Ruhekissen. Man fühlt sich wohl und man lässt sich genug Zeit, um sich in Ruhe auszusprechen. Die Oboen geben sich viel Mühe um ebenfalls weich und rund zu klingen. Sie machen die intime Atmosphäre jedenfalls nicht kaputt. Die beiden Pianisten bieten viel Feingefühl auf, man versteht sich und kommuniziert auf höchstem Niveau (klaviertechnisch und klanglich), absolut synchron. So differenziert leise zu spielen gelingt längst nicht jedem Klavierduo. Das ist eher die hohe Kunst des Klavierspiels als das Donnern auf Tasten. Hier lernen wir Jando nicht als Vielaufnehmer kennen, sondern als Pianisten mit Seele.

Um die Stimmung aus dem Andante nicht zu zerstören gibt es ein fast schüchtern wirkender Einstieg ins Rondo. Ein apartes Detail, das man nur selten hört. Danach geht es spürbar beschwingter und dramatischer weiter. Leicht und locker, nicht ohne auf die dunklen Zwischentöne aufmerksam zu machen. Das Rondo ist hier jedenfalls kein Rausschmeißer. Den Charakter eine s Jugendwerkes lassen wir nun schon hinter uns. Klammheimlich schleichen sich da die Moll-Reprise herein und chromatische Reibungen. Tiefe Gedanken unangestrengt verpackt,

Die Aufnahme klingt voll, rund, recht weich, warm aber nicht dick. Dynamisch wirkt sie solide. Die beiden Flügel werden gut getrennt aber sie wirken gut ausbalanciert. Für zwei Steinways klingt es gar nicht mal so brillant.

 

 

Naxos stellt uns (nur) das Rondo auf YouTube zur Verfügung:

https://www.youtube.com/watch?v=p8B0M7X0ldg

 

 

4-5

Jon Kimura Parker, James Parker

Mario Bernardi

CBC Radio Orchestra

CBC Records

2006, live

10:01  7:07  7:04  24:12

Diese Aufnahme wurde im Chan Centre, Vancouver, Kanada gemacht. Hier erleben wir einmal wie es sich anhört, wenn KV 365 von zwei Cousins gespielt werden. Das Orchester wirkt reichlich besetzt und klingt entsprechend sonor und voll. Es zeigt sich spielfreudig und spielt lebendig. Die beiden Flügel sind gut unterscheidbar. Überraschenderweise kommt Jon Kirmura Parker, dem das 1. Klavier anvertraut ist von rechts. Cousin James mit dem 2. Klavier von links. Normalerweise ist es umgekehrt. Beide klingen sehr klar und sonor, mit einem vollen, ja sogar saftig klingenden, nicht überbrillanten Klang. Die beiden spielen und klingen perfekt aufeinander abgestimmt. Jon Kimura Parker ist seit 1985 offizieller Steinway-Partner. Daher kann man davon ausgehen, dass es sich um zwei ausgezeichnet „gematchte“ Steinways handelt, die in ihrer Brillanz ein wenig abgemildert wurden. Da passt so sehr gut zur Musik Mozarts.

Das Andante klingt unaufgeregt fließend, weder gedehnt noch gehetzt, sodass die beiden Cousins frei aufspielen können. Sehr gelungen wirkt das ineinander Spielen der Phrasen, das heißt einer beginnt eine Phrase, der zweite beendet sie. Das wäre ins Gespräch übertragen, der eine beginnt den Satz der andere beendet ihn, Das stellt dar, wie gut man sich im Hause Mozart gekannt haben muss. Es klingt innig und verträumt, klanglich hochwertig, denn auch das Orchester gibt sich viel Mühe und spielt sehr feinfühlig und zurückhaltend. Die Bläser wirken nur dezent ein, mit Farbtupfern, wenn man so will. Sie überdecken den Dialog nie. Von einem „Memento mori“ kann in Vancouver also keine Rede sein.

Im Rondo wird der Refrain kräftig und fröhlich herausgestellt. Das sportliche Ping-Pong-Spiel kommt anschaulich rüber. Tennis gab es zwar schon, war aber längst noch nicht so populär und ob die Wiener bereits davon Kenntnis hatten, das wissen wir nicht. Auch Tischtennis gab es noch nicht, er entstand erst am Ende des 19. Jahrhunderts. Als eine Art Indoor-Miniaturisierung des Rasen-Tennis. Das Vorgänger-Spiel von Tennis „Jeu de Paume“ wäre möglich gewesen. Es wurde zur Zeit Mozarts in seiner heimischen Umgebung in Wien gespielt und war bereits extrem populär. Mozart war dem sportlichen Divertissement nicht abgeneigt, hatte sogar ein eigenes Billard-Spiel zuhause. Ein Privileg, das sich ansonsten nur der Adel erlauben konnte. Gekegelt hat er auch, das hat in seine Musik Einzug gehalten, warum also nicht auch „Jeu de Paume“? Ob allerdings auch Mädchen oder Frauen schon daran teilnehmen durften? Und ob es für Nannerl schicklich gewesen wäre? Und dann gab es ja auch noch das „Bölzelschießen“, von Mozart gerne „Bölzelscheißen“ genannt. (Das ist kein Tippfehler!) Das muss man sich so ähnlich wie Dart vorstellen oder aber es wurde mit einer ArtLuftgewehr, „Windbüchse“ genannt, geschossen. Auf Holzscheiben, die man im Hause Mozart selbst bemalte. Tarock und Pharao spielte er auch gerne. Mit Spielen verbrachte er einen großen Teil seiner Freizeit. Es diente ihm als Katalysator für seine Arbeit. Seine Geldprobleme gehen unter anderem höchstwahrscheinlich auf Verluste beim Spiel zurück. Ein weiterer Zeitvertreib waren Charaden, Rätselraten und Würfelspiele.

Die Aufnahme klingt weich, voll, abgerundet und sonor. Es gibt keine Spur von HIP zu entdecken. Trotzdem klingt es sehr transparent (Hörner!). Die beiden Steinways werden sorgfältig voneinander getrennt. Sie stehen jedoch nicht weit voneinander entfernt, sodass es kein akustisches Loch in der Stereobasis gibt.

Jon Kimura Parker ist übrigens ein Trekkie, also ein Fan von „Star Trek“. Während er Melodien von Star-Trek in seine Kadenzen von KV 467, das sich ebenfalls auf der Disc befindet, einbaut, bleiben die Kadenzen von KV 365 original.

 

4-5

Arthur Gold, Robert Fitzdale

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS-Sony

1970

10:57  8:38  7:29  27:04

Aufgenommen wurde in der ehemaligen Philharmonic Hall (dann Avery Fischer Hall jetzt Geffen Hall genannt). Das Tempo wirkt wenig zügig, doch rhytmisch und akzentuiert. Manch einem könnte es für heutiges Hörempfinden etwas zu großsinfonisch anmuten. Das feste Klavierduo (es war nicht nur als Klavierduo ein Paar, sondern auch ein eingespieltes „Lebens-Paar“) lässt sich nicht zu einem zu metronomischen Spiel verleiten Es gelingt mit elastischer Agogik und Luft in der Phrasierung dem Spiel Leben einzuhauchen. So lässt sich auch einmal ein „Witzchen“ einbauen oder den Gestus flexibel variieren. Das war bei Eschenbach-Frantz im Nähmaschinen-Stil kaum möglich. Besonders spritzig wirkt das Allegro aber nicht. Dafür differenziert man die leicht abgewandelte Original-Kadenz durch einen neuen Eingang. Da grinste Maestro Bernstein bestimmt über die harmoniefremde eigene Note.

Das Andante klingt recht langsam und gefühlshaft-romantisch. Die New Yorker rollen einen weichen B-Dur-Teppich aus. Wir werden Zeuge einer groß angelegten doch leisen und sehr differenzierten Gesangsszene. Für manch einen Puristen unter den Hörern mag es vielleicht schon zu gefühlig wirken. Es klingt balsamisch und die beiden Steinways können wunderbar auf dem Klangteppich schweben. Da bekommen die Flügel selbst Flügel. Die Melancholie des Orchesters (Oboen) kann von den Steinways gut konterkariert werden.

Im Rondo wirkt das Miteinander unbeschwert und das Holz immer sehr deutlich. Die Anschläge des Duos wirken immer rund, nie hart und gemeinsam mit den ebenfalls weich und voll klingenden Philharmonikern können sie uns, trotz des eigentlich beschwingten Spiels, leicht einlullen. Es fehlt dann doch etwas der Allegro-Esprit. Man nimmt sich der Musik immer charmant an und lässt sie aufblühen, es gibt kein Hämmern. Auch so kann pure Lebensfreude klingen, aus einer gesicherten Existenz heraus. Es muss ja nicht gleich stürmisch, frech oder gar anarchisch-revolutionär klingen.

 

https://www.youtube.com/watch?v=-y_KCpRVN-o

https://www.youtube.com/watch?v=QD4wCBLBLgQ

https://www.youtube.com/watch?v=z6O22gZqJ2E

 

 

4-5

Duo Crommelynck:

Taeko Kuwata, Patrick Crommelynck

Bruno Giuranna

Orchestra da Camera di Padova e del Veneto

Claves

1990

9:49  7:06  7:22  24:17

Auch in dieser Aufnahme, die im Palazzo Giusti in Padua entstand, hören wir ein klavierspielendes Ehepaar, wobei Frau Kuwata das 1. Klavier übernimmt. Dass es wohl nicht immer so harmonisch wie bei der Aufnahme von KV 365 bei dem Ehepaar zuging, das beweist ihre tragisch zu Ende gehende gemeinsame Vita. Nach einem schweren häuslichen Streit fasste Patrick Crommelynck den Entschluss sich das Leben zu nehmen. Er erhängte sich. Später fand ihn seine Frau Taeko Kuwata und erkannte, dass er tot war, worauf sie ebenfalls den Freitod wählte. So lauten zumindest die offiziellen Ermittlungsergebnisse der belgischen Polizei. Das war 1994. Man befand sich eigentlich auf dem Höhepunkt des beruflichen Erfolgs.

Das Orchester im Palazzo Giusti klingt vital, doch im Klang etwas spröde, zumindest was die Violinen anlangt. Das Zusammenspiel der beiden Flügel im Sinn eines gemeinsamen Organismus ist perfekt. Der Klang der Flügel wirkt schwebend, man vernimmt eine vollkommene Symmetrie des Anschlags.

Das Andante wird trotz des recht zügigen Tempos auch vom Orchester wunderbar entspannt erzählt. Die Anschläge der 20 Finger perlen schön und wirken gut geformt ohne je hart zu erscheinen. Ein gefühlvoll und atmosphärisch gestaltetes Andante. Das Orchester könnte, um die höchsten Weihen zu erlangen, noch homogener erklingen und mit noch etwas mehr Glanz erstrahlen. Es klingt für eine Palazzo-Akustik ziemlich trocken.

Das Rondo-Allegro klingt frei und ziemlich unbeschwert, poetisch, nicht vorantreibend. Das Orchester gefällt jetzt etwas besser, bringt jetzt etwas mehr Glanz zustande (wieso?). Das klingt alles tänzerisch und anschmiegsam. Dazu gibt es eine temperamentvoll gespielte Original-Kadenz. Insgesamt feinsinnig und musikalisch.

Während der Klang der Aufnahme die beiden Flügel deutlich voneinander unterscheidbar hören lässt, könnte das Orchester etwas transparenter klingen. Ansonsten wirkt die Aufnahme nur wenig gealtert, bis auf den bisweilen fehlenden Glanz. Es klingt nicht übermäßig resonant, sogar ein bisschen trocken. Der Klang der Flügel kommt im besonders gelungenen Andante schön ins schweben.

 

Die Einspielung lässt sich satzweise komplett nachhören:

https://www.youtube.com/watch?v=rve-1eD7PVQ

https://www.youtube.com/watch?v=_naaftXJLls

https://www.youtube.com/watch?v=c2bSvzqer7A

 

 

4-5

Valerie Tryon, Peter Donohoe

Boris Brott

Royal Philharmonic Orchestra, London

Somm

2017

10:19  6:53  7:10  24:22

Auch diese Aufnahme wurde in der Heimstatt des RPO aufgenommen, der gerade für kleinere und mittlere Besetzungen akustisch exzellenten Cadogan Hall. Valerie Tryon, bei der Aufnahme 82 übernahm das 1, Klavier, Peter Donohoe, 64, das 2. Klavier. Wir hören das Gegenteil zu dem eher kraftmeierischen Klang der Aufnahme der Menuhins bei EMI, 1964. Es wird extrem feinsinnig und mit edlen Klangen anmutig, differenziert und elegant musiziert, durchaus aber lebendig und virtuos, dass da Veteranen am Flügel sitzen, könnte man kaum heraushören. Beide zeigen sich auch bei der Original-Kadenz zur Texttreue verpflichtet. Das Orchester spielt ebenso feinsinnig und zurückhaltend, sehr farbig und mit transparentem Holz.

Zügig und klassisch-ausgewogen klingt das Andante, mit ausgereiftem Spiel auf hohem Niveau. Frau Tryon scheint zu den alterslosen Musikern zu gehören, denen man ihr Alter nicht anmerkt, zumindest wenn sie musizieren. Das Spiel mit Peter Donohoe ist mindestens auf Augenhöhe und klingt äquilibristisch. Es klingt nie gefühlig, dennoch sanft und nobel, man hört keinen harten Ton.

Das Rondo klingt dann locker, beschwingt und schwebend im Klang. Federleichte Präzision trifft sich mit Altersmilde, völlig entspannt und geschmeidig von A-Z. Da muss man auch an die hervorragende Arbeit des Dirigenten denken, der die Basis im Orchester zum Gelingen beigesteuert hat. Er starb 2022 mit 78 Jahren bei einem Autounfall, völlig unverschuldet.

Wir hören ein exzellentes, audiophiles Klangbild, weich, räumlich, weit, luftig mit ausgeprägter Tiefe. Die beiden Steinways sind gut ortbar und ihr Klang löst sich hervorragend vom Instrumentenkorpus. Ein sonorer, freischwebender Luxusklang.

 

Das Andante kann auf YouTube hören:

https://www.youtube.com/watch?v=gDGVGNqkuQ8

 

 

4-5

Juliane Lerche, Ingeborg Herkommer

Gerhard Pflüger

Staatskapelle Weimar

Terna

1965

10:00  8:18  7:07  25:25

Beide Solistinnen gelten oder vielmehr galten als festes Klavierduo. Dass sie auf eine lange gemeinsame Proben- und Konzerterfahrung zurückblicken können hört man ihrer Einspielung an. Es gibt bei Eterna auch noch ein drei Jahre ältere Einspielung von KV 365 mit der Vorzeige Pianistin der DDR Annerose Schmidt und Dieter Zechlin gemeinsam mit der Staatskapelle Dreden und Otmar Suitner. In der Eterna/Berlin Classics-Firmengeschichte ist jedoch die Aufnahme des festen Klavierduos stets vorgezogen worden, so dass gemäß unserer Nachforschung die Aufnahme mit Schmidt-Zechlin bisher noch nie digitalisiert worden ist. Das könnte klangliche oder editorische Gründe haben. Da es mit Annerose Schmitt bereits eine Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte im Handel gibt, erscheint es jedoch seltsam, dass mach die Aufnahme vom 7. (das ist KV 242 für 3 Klaviere) und vom 10. Klavierkonzert (das ist unser KV 365) nicht mit aufgenommen hat. Vielleicht war aber einfach das „blinde Verständnis“ des festen Klavierduos gegenüber dem Zusammentreffen zweier starker Solisten deutlich überlegen.

Die beiden Pianistinnen entfachen einen recht spritzigen Dialog an dem das Orchester nicht unmaßgeblich beteiligt ist. Wir hören wieder das nahtlose Miteinander, das bei (fast) allen festen Klavierduos auffällt, genau wie die akribisch ausgewogene Balance zwischen den beiden Flügeln. Ob man auf den damals im Westen bereits am weitesten verbreiteten Steinways spielt oder auf hervorragenden Flügeln der in Leipzig ansässigen Firma Blüthner lässt sich kaum mit Sicherheit bestimmen. 1972 wurde Blüthner zwangsverstaatlicht, 1989 wieder zum Familienbetrieb. Ein Beiheft steht uns leider nicht zur Verfügung, falls es da überhaupt erwähnt worden wäre. Vielleicht hat man die Devisen verschlingenden Steinways aus Hamburg auch nur für internationale Star-Solisten hervorgeholt? Für unsere Ohren klingt es nach Steinways.

Das Andante wird von den beiden Solistinnen sehr gefühlvoll gespielt und das Orchester, das in der DDR nicht gerade an vorderster Schallplatten-Front stand, übertrifft sich selbst in Sachen „intimer“ Umspielung. Da fügt sich alles auch stilistisch zusammen (lange vor der HIP-Bewegung).

Im Rondo kommt die Brillanz durch den klaren Diskant hervorragend zur Geltung. Mit ihm lassen sich die perlend-dynamischen Anschläge gut hören. Das klingt nun wirklich nach Steinway. Aber vielleicht ist diese Brillanz damals auch von Blüthner zu erreichen gewesen, das entzieht sich unsere Kenntnis. Oft gelten ja die Produkte aus dem eigenen Lande im Lande selbst nicht. Es klingt jedenfalls wie aus einem Guss. Aber wie häufig bei gut eingespielten Duos fehlt dann doch die letzte virtuose Brillanz. Das Gesamtergebnis ist jedoch durch und durch stimmig, nicht zuletzt lässt der warme Eterna-Analogklang das musikliebende Herz höherschlagen. Wenn man auf die letzte Humor-Bezeugung verzichten kann ist diese Einspielung eine runde Sache.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr räumlich und körperhaft. Auch in dieser Einspielung hören wir noch das typische Ping-Pong-Stereo. Wobei die Flügel wirklich ganz weit außen auf unserer imaginären heimischen Hör-Bühne stehen. Also im größtmöglichen Abstand voneinander. Der Clou der Stereotechnik sollte auch den DDR-Bürgern nahegebracht werden. Das auch von anderen Aufnahmen der Zeit bekannte Stereo-Loch in der Mitte hören wir auch in Weimar. Der Klangraum wirkt recht resonant. Die Flügel klingen sonor und brillant, das Orchester transparent, warm und substanzreich. 

 

 

4

Carmen Piazzini, Alfredo Perl

Michail Gantvarg

Leningrad bzw. St. Petersburg Soloists

Amadeo, Aurophon, Membran

1990

9:54  7:00  6:38  23:22

Die Stadt Leningrad wurde gerade im Jahr 1990 wieder in Sankt Petersburg umbenannt, weshalb man bei den unterschiedlichen Editionen der Einspielung verschiedene Namen lesen kann. Michail Gantvarg formte die Soloists aus den besten Streichern der Stadt. Eigentlich klingt es gut ausbalanciert, gut artikuliert, schlank und seidig. Carmen Piazzini spielte mit ihm alle Klavierkonzerte Mozarts ein. Ihr klares, uneitel wirkendes, fein artikuliertes, elegantes Klavierspiel kann als ideal gerade für die Kompositionen Mozarts (oder Haydns) gelten. Der argentinischen Pianistin zur Seite steht bei KV 365 der chilenische Pianist Alfredo Perl, bekannt geworden durch Gesamtaufnahmen von Sonaten Beethoven und Liszts. Er bringt das sonor, tragfähige Fundament mit ein. Wir hören also eine frühe Glasnost-Produktion, bei der man noch für überschaubares Geld mit guten Kräften bezahlbar produzieren konnte. Leider klebt das ganze Ensemble st Solisten auf der linken Seite fest, sodass ein Dialog zwischen den beiden Flügeln akustisch nicht so recht stattfindet. Ob es an der Aufnahme liegt oder doch eher an der Abmischung oder am Mastering? Der Klang der beiden Flügel scheint wie aus einem zu kommen. Leider hatten wir kein zweites Exemplar zur Hand um eine nähere Überprüfung zu starten. Musikalisch wirkt das Gehörte hochklassig. Pianistisch und auch vom Orchester her.

Im Andante erscheint die Verortung der beiden Flügel im Raum besser möglich. Im Orchester scheint sich jedoch immer noch alles links abzuspielen.

Im Rondo hören wir eigentlich den musikalischen „Goldstandard“. Es wird sehr natürlich und lebendig phrasiert. Da hört man schon Elemente der HIP. Das klingt gut gelaunt und frisch musiziert. In Sachen Anschlagstechnik und virtuoser Phrasierung fehlt nicht viel zum Olymp. Leider ist die Einspielung klanglich problematisch, der Dialog ist wie bereits erwähnt nur schwach ausgeprägt und es liegt noch eine gewisse frühdigitale Härte in der Luft.

Besonders wie immer die Violinen. Da klingt es manchmal ein bisschen rau. Die Aufnahme klingt weit aufgespannt und großräumig. Beide Flügel klingen leider von links, als ob man sie versehentlich zusammengemischt hätte. Sollte sich der Verantwortliche ein geeignetes Zwischenprodukt nicht mehr prüfend angehört haben? Auch das Orchester versammelt sich nahezu komplett hinter dem linken Doppelflügel. Im Andante ist eine trennende Verortung etwas besser möglich.

 

4

Daniel Barenboim, Sir Georg Solti 

Sir Georg Solti

English Chamber Orchestra

Decca

1989

9:44  7:04  6:35  23:22

Diese Aufnahme erschien zurzeit als Barenboim seinen zweiten Mozart-Zyklus der Klavierkonzerte für Teldec in Berlin einspielte. Anders als 1972 mit Vladimir Ashkenazy rückte nun Barenboim ans 1. Klavier, während Solti vom zweiten aus dirigierte. Der ungarische Dirigent war ausgebildeter Konzertpianist, der sogar bei Wettbewerben (so unter anderen der internationale Klavierwettbewerb in Genf) reüssierte, fand während der Zeit des 2. Weltkriegs in der Schweiz, wohin er geflüchtet war, jedoch nur wenige Engagements, sodass er sich nach und nach immer mehr dem Dirigieren zuwandte. 1989, viele Jahre nach seiner aktiven Zeit als Konzertpianist, kann er zwar immer noch beträchtliche pianistische Fähigkeiten zeigen, aber an Barenboim oder andere Klaviervirtuosen unseres Vergleichs kommt er nicht mehr so ganz heran. Allerdings hat er ja auch noch das Orchester zu dirigieren. Allerdings wirkt Barenboims Anschlag 1989 bereits etwas breiter als 1972, als er mit Ashkenazy das Stück einspielte. Das präzise Zusammenspiel und das aufmerksame Zuhören sind bei Musikern dieses Kalibers selbstverständlich. Soltis Fingersatz wirkt bisweilen ein wenig steif, ohne dass es gleich hölzern klingen würde, allerdings manchmal etwas teigig, bei der CD-Produktion noch weniger als beim gefilmten Live-Mitschnitt. Solti treibt das Orchester temperamentvoll und quirlig voran. Das 1. Klavier ist dieses Mal, wie man beim Film gut erkennen kann mittig recht, das zweite mittig links platziert. Auf der CD klingt es fast wie eines, beim Film sieht man immer wer gerade spielt, da hört das Auge sozusagen mit. Übrigens nutzt man die Wiener Instrumentierung, aber von den Klarinetten hört man mehr als von den Pauken und Trompeten.

Das Andante wirkt zügig, aber innig. Die pianistische Schwerlosigkeit vergangener Jahre ist wohl nicht mehr so überreich vorhanden. Im Ganzen klingt es ziemlich laut für eine Romanze.

Im Rondo gibt es nur relativ wenig dynamische Kontraste, das Tempo wird allerdings sehr zügig und temperamentvoll genommen. Das Spiel wirkt sehr musikantisch, während man die höchstmögliche Anschlagskultur, die andere Paarungen hören lassen, vermisst. Es klingt eher handfest als elegant. Doch mit erstaunlich hoher Perfektion im Zusammenspiel. Der tänzerische Kehraus-Charakter wirkt deutlich und mitreißend, wenn auch nicht mit dem am besten strahlenden und perlenden Non-Legato. Das läuft hier unter zu vernachlässigender „Oberflächen-Verfeinerung“.

Der Klang wirkt wie bereits in der Decca-Aufnahme des ECO von 1972 voll und dynamisch, aber doch mit den etwas raueren Violinen.

 

Die Decca-Aufnahme, aufgenommen in der Walthamstow Town Hall, die wir uns von CD angehört haben:

https://www.youtube.com/watch?v=LaQOoatlp6g

https://www.youtube.com/watch?v=E_0-Ge-mrQY

https://www.youtube.com/watch?v=k4zMi41vj44

 

 

Der Film aufgenommen in der Royal Festival Hall:

https://www.youtube.com/watch?v=2IZ6RjXIf0s

 

 

4

Klavierduo Sakamoto:

Aya Sakamoto, Risa Sakamoto

Howard Griffiths

ORF Radio-Sinfonieorchester Wien

Alpha

2022

10:099  6:29  7:08  23:46

Die beiden Schwestern aus Japan haben am ARD-Musikwettbewerb 2021 im Fach Klavierduo teilgenommen und den 3. Preis und was fast noch wichtiger ist, den Publikumspreis gewonnen. Ihren Vortrag dort haben wir in unsere Radio- und YouTube-Liste eingeordnet. Es gibt dazu auch ein Video vom BR. Ein Jahr später konnte man das „Pflichtwerk“ des Wettbewerbs ganz befreit im Großen Sendesaal des Radiokulturhauses in Wien innerhalb des Großprojekts „Next Generation Mozart Soloists“ für Alpha einspielen.

Das nicht gerade üppig besetzte Orchester spielt und klingt farbig, die Violinen könnten jedoch seidiger klingen. Mag sein, dass der ein wenig aufgeraute Klang aber auch Programm ist. Ansonsten klingt es feinfühlig und differenziert. Ruhig und geschmackvoll, nichts wird überstürzt. Allerdings könnte das Spiel manch einem Musikfreund etwas zu „gesittet“ vorkommen. Bei dem Spiel will keiner gewinnen. Jeder soll möglichst alle Bälle des anderen auffangen können. Kein will siegen, keiner hat Sorge, dass er verlieren könnte. Die Flügel der Sakamoto-Schwestern klingen nicht so brillant, spritzig oder auch füllig wie man es mittlerweile gewöhnt ist. Möglicherweise spielen sie auf Bösendorfer-Flügeln. Dass sie gut zum Werk passen, kann man nur bestätigen. Allzu voluminös brachen sie bei dem von Griffiths gewünschten Orchesterklang auch gar nicht zu sein. In Wien hört man Bösendorfer-Flügel recht häufig, sie werden dort gebaut. Die beiden Schwestern ergänzen sich fantastisch. Es klingt nahezu identisch. Das ist nicht ohne Zauber.

Im Andante hören wir einen sehr schönen Oboenklang, bei dem man keinen Wiener Akzent mehr erkennen kann. Das Wechselspiel zwischen den beiden Flügeln ist wunderbar ausgeglichen, innig und wunderbar verspielt Aber irgendwie glaubt man, dass zwischen Spiel und Musik noch eine Schranke liegt, die die völlige Vereinigung behindert.

Im Rondo könnten die dynamischen Gegensätze etwas geschärfter sein, beim Orchester als auch bei den Solistinnen. Die Begleitung ist hochklassig doch dem Ganzen fehlt es ein wenig an Spannung. Die Lieblichkeit der Pianistinnen und ihres Klavierspiels hat sich offensichtlich auf das Orchester übertragen. Die Original-Mozart-Kadenzen sind sehr präzise gelungen. Das alles wirkt sehr sauber gespielt und ist musikalisch eigentlich untadelig, man wird aber nicht vom Hocker gerissen.

Aya spielt übrigens als die ältere der beiden Klavier 1. Sie ist links zu hören. Der Klang der Aufnahme wirkt sonor und gedeckt, weniger brillant erklingen die Flügel.

Den Link vom ARD-Musikwettbewerb fügen wir bei der Besprechung des Wettbewerb-Beitrags bei.

 

Von der Wiener Aufnahme gibt es nur das Andante, sozusagen als Appetitmacher:

https://www.youtube.com/watch?v=K0nivD5Q-3o

 

 

4

Radu Lupu, André Previn

André Previn

London Symphony Orchestra

EMI, Warner

1976

10:18  8:13  6:43  25:14

Bei dieser Aufnahme übernimmt Radu Lupu das 1. Klavier und ist links zu hören. Zumindest wird sein Name in der Besetzungsliste zuerst genannt. Vielleicht hat sich das die Decca, deren Exklusivkünstler Radu Lupu zeitlebens war, aber auch ausbedungen? André Previn bleibt wie in seiner Aufnahme mit Alicia de Larrocha 17 Jahre später am 2. Klavier. Aufgenommen wurde in der Londoner Kingsway Hall. Vielleicht weil es sich um eine Quadraphonic-Aufnahme handelt klingt sie leider etwas dicker als schwerer als man es von diesem Aufnahmeort gewöhnt ist. Beide Pianisten waren auf Steinways zu Hause und die hören wir hier auch. Previn war am Anfang seiner Karriere als Dirigent unterschätzt, kam er doch vom Jazz, dem „Showbiz“ und der Filmmusik her. Er konnte aber alsbald auch bei einigen Aufnahmen im klassischen Konzertrepertoire überzeugen. Er macht keine schlechte Figur neben dem Vollzeit-Pianisten Radu Lupu. Beide agieren musikalisch durchaus auf Augenhöhe. Orchester, Aufnahmedisposition und Interpretation klingen eher groß und es wird auch beethovennah interpretiert. Der erste Satz klingt ziemlich schwer (recht groß besetztes LSO) und Es-Dur-monumental. Lupu ist der Pianist, der etwas mehr Feinzeichnung mit einbringt, Previn bleibt nur in der Schlankheit des Anschlags und im Differenzierungsvermögen zurück.

Für das Andante hat man ein recht getragenes Tempo gewählt, ohne den klassischen Fluss und die übliche Leichtigkeit. Es wirkt ziemlich schwergewichtig aufgeladen und weniger stimmungsvoll. Die Oboen klingen noch hell und dünn. Die Pianisten sind nicht nur aufgrund ihrer Position im Raum gut zu unterscheiden, auch in Anschlag und Klang. Sehr gefühlvoll und wie mit einem Weichzeichner versehen: Radu Lupu. Letztlich mutet der Satz nicht zuletzt durch das großformatig besetzte Orchester und das Tempo heutzutage zu romantisch an. Damals war dieser Mozart-Stil weit verbreitet.

Im Rondo hören wir leichte Schärfe bei den Violinen und Oboen. Lupu erscheint hier als idealer Mozart-Pianist. Anschlag, Klang, Artikulationsvermögen, alles perfekt. Previn war vielleicht damals mit der Doppelbeanspruchung als Pianist und Dirigent noch überfordert. Im der bereits angesprochenen Aufnahme mit Alicia de Larrocha wirkt er als Dirigent erfahrener, freier und pianistisch sicherer und technisch vervollkommnet. 

Der Klang der Aufnahme wirkt zunächst etwas dick und leidet etwas unter zu viel Gewicht und einem zu voluminösen Klangideal. Beide Steinways scheinen dicht zusammenzustehen, man kann sie dennoch gut unterscheiden. Es gibt kein akustisches Loch in der Mitte. Das LSO wirkt stark streicherdominiert aber weniger sonor, als es die Besetzungsgrößer erwarten ließe. Insgesamt klingt es jedoch plastisch und nicht zu resonant. Die Quadro-Aufnahme ist auch in der Stereoversion der CD noch zu erahnen.

 

https://www.youtube.com/watch?v=s8p8eUZnAzk

 

 

4

Klavierduo GrauSchumacher:

Andreas Grau, Götz Schumacher

Wolfgang Gönnenwein

Stuttgarter Kammerorchester

Koch-Discovery

1995

9:57  7:26  7:22  24:45

Die Aufnahme aus der Frühzeit des Klavierduos entstand im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele. Klassisch und mit warmen Klangfarben erklang das Orchester sogar in Kammerorchester-Besetzung ziemlich üppig, doch ausgewogen, unaufgeregt und elegant. Die Hornstimme wird auffallend deutlich hervorgehoben. Damals spielte man noch die originalen Mozart-Kadenzen. In der zweiten Aufnahme mit dem DSO 2009 wählte man die Kadenzen von Béla Bartók und sichert sich damit einen herausragenden Repertoirewert. 1995 fließt bzw. strömt alles noch klassisch, es gibt bereits die perfekte Synchronität sowohl in Anschlag, Artikulation und Klang. Vielleicht noch nicht ganz so verfeinert wie 2009.

Im Andante können wir überragende Oboen hören, die man nur selten einmal so lebendig und klangschön hören kann. So verleiht man dem Andante besonderen Glanz und hebt seine Gestalt als Sinfonia Concertante hervor. Nach einem „Memento mori“ hört es sich nicht an, eher nach einem dritten Gesprächspartner mit einer besonderen Meinung. Vielleicht die des Vaters Leopold? Man könnte auf die Idee kommen, dass man sich der Dienste von Lajos Lencses versichert hätte. Hört sich jedenfalls nach ihm an.

Im Rondo wirkt die Musik etwas betulich, sicher und traditionell, da ist kein Mut zum Risiko spürbar. Das Dirigat wirkt nicht gerade bieder, innovativ aber auch nicht. Die Virtuosität und Spielwitz bleiben auf dem Teppich. Die Phrasierung könnte noch eleganter sein, wie man in der Berliner Einspielung von 2009 hören kann.

Der Klang der Aufnahme wirkt offen, transparent, räumlich, recht voll und brillant, sehr plastisch und körperhaft. Die beiden Flügel sind vortrefflich zu unterscheiden, obwohl sie räumlich gar nicht so weit voneinander separiert wurden.

 

4

Constantine Orbelian, Jonathan Shames

Nase Gum

Moskauer Kammerorchester

Delos

1992

9:37  7:41  6:42  24:00

Constanine Orbelian galt als Wunderkind und war der erste Amerikaner, der im Moskauer Konservatorium (mit 11 Jahren!) studieren durfte. Mit Jonathan Shames war er zur Zeit der Einspielung bereits lange bekannt. Eigentlich war als Dirigent der Aufnahme der damalige Chefdirigent des Moskauer Kammerorchesters, Andrei Korsakov, vorgesehen. Er verstarb aber während der Vorbereitungen. Der Koreaner Nase Gum konnte kurzfristig einspringen. Kurz darauf wurde Orbelian selbst zum neuen Chefdirigenten ernannt. Er blieb es 18 Jahre lang.

Der Orchester spielt im ersten Satz straff und mit einem gesteigerten Puls, fast ein wenig hastig. Die beiden Herren an den Flügeln spielen mit viel Freude am Musizieren und lassen die Musik leichtfingerig und spritzig erklingen, glasklar und perlend. Dem Eindruck der recht abwechslungsreichen Artikulation und der recht dynamischen Vielfalt überwiegt jedoch der Eindruck des Vorantreibenden, Ungetrübten, Unbeschwerten.

Im Andante hielten es die Techniker für angebracht das Orchester in einen viel resonanteren Raum zu stellen als zuvor, es findet so keine symphonische Verschmelzung statt. Die Oboen erklingen zwar deutlich, erscheinen aber von sehr weit weg zu spielen. Die Streicher wirken nun dünner und drahtiger und es fehlt ihnen das rechte Fundament. Das Orchester klingt so zwar leichtgewichtig, ins Schweben kommt es leider nicht. Das ist leider nicht das erhoffte audiophile Erlebnis. Allerdings erklingen die beiden Steinways rundum hervorragend.

Im Rondo sind es auch vornehmlich die beiden Pianisten, die Lebensfreude entfalten. Das Orchester klingt weiter dünn und weit zurück. Vielleich war es in Trauer wegen des noch so jungen, gerade erst verstorbenen Chefdirigenten? Die Pianisten werfen sich die Bälle unbeschwert mit viel Leichtigkeit zu.

Das Orchester klingt in dieser Aufnahme etwas dünn und entfernt, den Flügeln fehlt es teilweise etwas an Größe, an Brillanz mangelt es ihnen nicht. Die beiden Flügel sind leicht durch ihre räumliche Position zu unterscheiden. Die Flügel klingen im Vergleich zum Orchester deutlich besser, ähnlich wie bei der Vox-Aufnahme mit Firkusny, Weiss und David Zinman. Sie klingen körperhaft, vollmundig und „prachtvoll“.

 

4

Robert Blocker, Peter Frankl

William Boughton

Yale Philharmonia

Wyastone Estate, Nimbus

2018

10:20  7:16  7:10  24:46

Aufgenommen wurde in der Morse Recital Hall auf dem Unigelände in Yale, Connecticut. Dieser Saal gilt als einer der besten Kammermusik-Säle der USA, mit intimer, warmer Resonanz. Dan Blocker ist in Europa vielleicht weniger bekannt geworden, er spielt hier als der langjährige Dekan der Yale School of Music. Er war bei der Aufnahme 71. Peter Frankl, langjähriger Professor in Yale bereits 83. Die Yale Philharmonia ist also das Hochschulorchester der Yale School of Music. Die Aufnahme wurde bei Nimbus in Wales überarbeitet und ins CD-Format gebracht. Der Name des Labels weist auf den physischen Sitz von Nimbus in Wyastone in Wales hin und auf den Namen des Firmengründers. Nachdem wir die diversen Namen geklärt haben können wir uns endlich der musikalischen Darbietung der beiden Akademiker (die natürlich in ihrem Leben auch viel als Solisten konzertiert haben) widmen.

Da nimmt es kein Wunder, wenn wir im ersten Satz einem hochkultivierten, geistreichen Dialog zweier älterer Herren zuhören dürfen, weich und voll im Klang und sehr gut aufeinander abgestimmt und erstaunlich akzentreich. Die zusammen 153 Jahre pianistischer Erfahrung auf dem Podium ist spürbar.

Im Andante kann man die absolute Äquilibristik der beiden Professoren noch mehr genießen. Die beiden Steinways erfahren in der Akustik des Konzertsaals eine hochinteressante Veränderung. Sie klingen nun selbst weniger brillant, weniger metallisch dafür mit wärmeren Holzklang und gedeckter. Er nähert sich ein wenig dem typischen Bösendorfer-Klang an. Der Darbietung hört man makellose Textgenauigkeit und intellektuelle Formung an. Der Klang kommt aber nie ins Schweben, er will sich nicht so recht vom Instrument lösen. Ob es an der Pianistik liegt, am Instrument, an der Aufnahmetechnik oder doch an der Raumakustik? Es herrscht noble, melancholisch eingetrübte Melancholie mit festem Boden unter den Füßen der Flügel. Eine Kommunikation zwischen Himmel und Erde findet nicht statt.

Das Rondo führt den ausgesprochen kultivierten Dialog auf hohem pianistischem Niveau weiter, die Großmeister mutieren wie erwaret nicht zu Spaßbolzen oder Kasperles. Die Pointen werden durch die gediegene Virtuosität und die intellektuelle Kontrolle allzu vorhersehbar, Dass da kein „Nannerl“ und kein „Wolferl“ an den Flügeln sitzt ist aber keine Schande (wie sollte das auch möglich sein?), aber etwas jugendfrischer könnte es schon klingen.

Die Aufnahme zeigt den Klangkörper tief gestaffelt (da wird der Nimbus-Klang hörbar). Der Gesamtklang wirkt angenehm warm, besonders die beiden Flügel, die warm, gedeckt und körperhaft erklingen. Es dringt keinerlei „Überbrillanz“, die man sonst mitunter den Steinways, besonders wenn es um Mozart geht, anlastet. Da hat man eine Wiener Abstimmung gefunden. Beide Flügel kommen gleichermaßen zur Geltung und sind gut zu unterscheiden.

 

4

Lukas Jussen, Arthur Jussen

Sir Neville Marriner

Academy of St. Martin in the Fields

DG

2015

10:14  7:39  7:12  24:55

Die Gebrüder Jussen wurden von Beginn an als Klavierduo aufgebaut. Lucas ist der ältere der beiden und übernimmt mit seinen damals 22 Jahren das 1. Klavier, der jüngere Arthur (19 bei der Aufnahme) das zweite. Bei Geschwisterpaaren ist diese „Hierarchie“ eigentlich immer mit an Bord. Die Jussens brechen sie aber mitunter auf und wechseln auch mal. Bei den von uns gehörten Aufnahmen von KV 365 jedoch nicht. Mit den Jussens gibt es außer der DG-Aufnahme noch einige weitere Konzertmitschnitte im Netz zu finden, so beim WDR und beim HR, aber auch mit dem Budapest Festival Orchestra (klanglich leider der schlechteste) aber auch ihr Debut im Concertgebouw mit der Nederlands Radio Filharmonie von 2006, da waren sie 13 und 10 Jahre alt. Um diesen Mitschnitt zu finden muss man aber lange suchen. Hoffentlich finden wir ihn nochmal um den Link anzugeben, denn die beiden spielen da noch völlig unbeschwert, es handelt sich ja fast noch um Kinder, hauen aber bereits in die Tasten, dass es eine Freude ist. Wir bringen die Besprechungen in der Radio- und Youtube-Liste. Die Budapester Einspielung sogar in der Liste der Mono-Aufnahmen.

In der CD-Aufnahme spielt das Orchester unter der Leitung des 90jährigen Sir Neville Marriner schlank, doch beileibe nicht dünn, griffig, mit Swing und mit gut durchhörbarem Holz. Die Jussens können so unter Marriner nicht den Hochgeschwindigkeits-Mozart von 2006 wiederholen. Bei bester Geläufigkeit hören wir passgenaues Zusammenspiel und punktgenaues Timing. Es wird nun sorgfältig aber doch etwas monochrom ausformuliert. Da scheint Sir Neville mäßigend eingegriffen zu haben. Das Grundtempo lässt die Musik nobel, gemessen, klar und deutlich erscheinen. Die Kadenz zeigt die absolute Synchronität der beiden ganz besonders deutlich auf. Sie wirkt dadurch noch kompakter als üblich. Sir Neville verhindert leeres, bloß virtuoses Schaulaufen, aber besonders aufregend oder besonders inspiriert wirkt der erste Satz nicht. Da ging es 2006 beim Debut im Concertgebouw rasanter und „magischer“ zu, vor allem, wenn man sich die beiden noch dazu als 13- bzw. 10jährige Pimpfe vorstellt. Nun hat man im Vergleich den Eindruck, dass sich die beiden durch die Studioatmosphäre oder/und den greisen Sir Neville musikalisch ein wenig einkorsettiert gefühlt haben könnten.

Das Andante wird vom Orchester exzellent gespielt. Geradlinig und fließend. Eher mit klassischem Ebenmaß als mit romantischer Wärme. Es gab bei Sir Neville noch nie HIP-Gezirpe, warum dann mit 90? Die Oboen klingen fantastisch, die jungen Niederländer spielen diszipliniert, aber etwas brav und nüchtern, es wird aber auch nichts sentimental verschleppt. Wir hören einen sehr schönen Steinway-Klang aber auch keine Fazioli-Magie mit ihrer erhabenen Glocken-Transparenz, die gab es nur auf einer Aufnahme zu hören. Wir verraten jetzt noch nicht auf welcher. Ein übermächtiger Maßstab (gerade am Vortag gehört), zumal zum Klang auch noch herausragende Solisten mit charismatischer Ausstrahlung kamen. Das war eine klangvolle Sternstunde für die Ewigkeit, hier gibt es im Vergleich einen sehr guten, aber doch „normalen“ Studio-Mozart Klang.

Im Rondo gibt es kein leeres Geplänkel, aber auch kein restlos erfülltes Mozart-Spiel. Klangschön, gesittet, ohne aufmüpfig-temperamentvolle Entladungen und nicht besonders erregend oder begeisternd. Man wollte in London (Watford Colosseum) eine möglichst unanfechtbare Darbietung für Kritiker und Hörerschaft produzieren. Unseres Wissens handelte es sich um die Debutaufnahme bei der DG. Daher klingt es eine bisschen mutlos und mit angezogener Handbremse, ein bisschen glatt und brav. Da gibt es Einspielungen mit größerer emotionaler Wucht, die das Werk tiefer ausloten. Aber: die späteren Aufnahmen der Jussens zeigen die beiden auf einem guten Weg und da ist ja auch noch die sagenumwobene Debutaufnahme. Doch davon später mehr.

Die DG-Aufnahme klingt sehr klar, sehr offen, differenziert und räumlich. Mit ganz besonders deutlich ortbarem Instrumentarium, dazu gehören auch die beiden exzellent unterscheidbaren Steinways.

 

Diese Aufnahme wird komplett in drei Teilen ganz offiziell von Universal bei YouTube angeboten. Allerdings werbebelastet.

https://www.youtube.com/watch?v=0GPceTiQoEY

https://www.youtube.com/watch?v=7niTTU_FlbA

https://www.youtube.com/watch?v=2m4zwpWC8sM

 

 

4

Hephzibah Menuhin, Fou Ts´Ong

Yehudi Menhin

Bath Festival Orchestra

EMI

1964

9:46  7:01  6:47  23:34 

Bei dieser Einspielung handelt es sich ebenfalls um eine Familienproduktion. Hephzibah (1.Klavier, links zu hören) ist die Schwester von Yehudi und die angeheiratete Tante von Fou Ts´Ong. Fou´Tong seinerseits hatte nämlich die Tochter Yehudis namens Zamira geehelicht. Ganz nebenbei: die Ehe hielt von 1960-69. Yehudi war also damals sein Schwiegervater. Fou Ts´Ong seinerseits hatte 1955 beim Chopin Wettbewerb in Warschau den 3. Platz erreicht. Er lebte wie die Menuhins in London, wo er auch an den Folgen einer Covid-19-Infektion 2020 86jährig starb. Hermann Hesse schrieb 1960 über Fous Chopin-Spiel, dass er die früheren Meister Padereweski, Fischer, Lipatti und Cortot übertraf. In der Tat, Fou zu hören, sagte er, sollte das "reine Gold" von Chopin selbst spielen hören. Und weiter: "Es atmete den Duft von Veilchen, Regen auf Mallorca und auch von exklusiven Salons, es klang melancholisch und modisch, die rhythmische Definition war ebenso sensibel wie die Dynamik. Es war ein Wunder."

Aufgenommen wurde im Studio 1, Abbey Road, London. Das Orchester ist recht klein besetzt, da hat man sich bereits etwas historisch informiert. Das Spiel schwankt zwischen stürmisch-drängend und bisweilen grob. Es ist gut durchhörbar, man spielt in der Salzburger Instrumentierung und legt sich mächtig ins Zeug, vor allem Hephzibah, die ein unerschütterlich abgeklärtes, recht kühl wirkendes und wenig dynamisch differenziertes Mozartspiel hören lässt. Es klingt aber doch voller Noblesse. An den strafferen Anschlag und das differenzierte Spiel des Neffen kommt sie nicht heran, er ist der brillantere Pianist. Doch an Synchronität und klanglicher Übereinstimmung mangelt es nicht.

Im Andante spielt man bereits recht vibratoarm, die Oboen klingen so wie sie typischerweise damals in London geklungen haben. Mächtige Klavierakkorde zerstören bisweilen den innigen Dialog. Von links hören wir die kritallinen, noblen Linien Hephzibahs, rechts die weich pointierte Anschlagskultur des Chopin-Spezialisten. Er bleibt meist dynamisch zurück, fast wie im Hintergrund, seine Antworten wirken lyrischer. Es gibt kein Legato-Zelebrieren bei den Menuhins.

Im Rondo legt Yehudi eine frische, direkte, straffe, fast schon herb-stürmische Gangart vor. Es entspinnt sich jedoch ein respektvoller, klassisch anmutender Dialog, Hephzibah spielt wieder weniger dynamisch differenziert, zeigt viel Kraft und Durchsetzungsvermögen, wirkt spontan und zupackend. Fou Ts´Ong zeigt sich rücksichtsvoller und differenziert ihm p und pp-Bereich wesentlich stärker, poetischer. Die Kadenzen sind texttreu die Original-Kadenzen von Mozart. Die Menuhins musizieren KV 365 erstaunlich unromantisch, schlank und modern. Es fehlt vielleicht an Feinschliff, auch aufnahmetechnisch. Dass beide Klavierparts mal nicht auf der genau gleichen Wellenlänge liegen, wirkt erfrischend und irgendwie realitätsnäher am Dialogcharakter.

Die Aufnahme klingt nur durchschnittlich transparent, im ff verschwimmen die Konturen der beiden Flügek ein wenig, ansonsten kann man sie gut auseinanderhalten. Es herrscht eine warme Analog-Atmosphäre aus Studio 1, nur die Violinen erscheinen manchmal ein weinig übersteuert.

 

4

François Du Toit, Albie van Schalkwyck

Bernhard Güller

Cape Town Philharmonic Orchestra

CTS Original

2020

10:30  7:42  7:32  25:44

Die Aufnahme entstand im Artscape City Theatre der Cape Town City Hall während der Corona-Epidemie ohne Zuhörer. François Du Toit ist Professor für Klavier an der Cape Town University, Albie van Schalkwyck kommt ebenfalls aus dem Umfeld dieser Uni und ist langjähriger Duopartner von Du Toit. Bernhard Güller ist in Kapstadt Ehrendirigent auf Lebenszeit. Während der Corona-Epidemie streamte er und das Orchester über 20 Konzerte, dies ist ein Ausschnitt von einem davon.

Das Orchester agiert nicht so spritzig wie andere, wirkt aber auch nicht schwerfällig. Es klingt transparent und füllig, es drängt sich nicht vor und überlässt so den beiden Flügel den Vordergrund. Die beiden Pianisten klingen solide, noch einigermaßen elegant, klar und deutlich. Beide bestechen weder durch Sonorität, noch durch besondere Brillanz, auch die Flexibilität oder die Anschlagskultur sticht nicht hervor. Es wird aber recht feinsinnig dynamisiert, ohne einen Hang zum Extremen anheimzufallen. Ausgewogenheit steht im Vordergrund. Es klingt auf gediegene Weise urmusikalisch, es gibt aber kein Dialog-Feuerwerk. Da lastete vielleicht auch die Epidemie aus den Schultern der Musiker.

Durch die Live-Atmosphäre (ohne Publikum) und das zügige Tempo wird das Andante nicht zergliedert. Es klingt also zusammenhängend, es gibt keine Schnitte, der musikalische Fluss ist da und die Musik klingt frei und schwebend. Die Oboen kommen deutlich als „Memento mori“ ins Bild. Das 2. Klavier ordnet sich vielleicht etwas zu weit unter, vielleicht auch aufnahmetechnisch bedingt, da die Aufnahme zusammen mit den Filmaufnahmen zusammen gemacht wurden hat man dem Ton vielleicht weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Wir haben uns nur an den Ton gehalten, hatten gar kein Bild zur Verfügung. Um das YouTube-Video zu finden mussten wir länger suchen. Die elegischen Streicherlinien werden voll ausgesungen. Wie in der Oper.

Im Rondo stellen sich beiden Pianisten nicht als Kraftprotze dar, ihr Ansatz wirkt uneitel und dialogorientiert. Das Orchester erscheint in der reinen Tonaufnahme erstaunlich dominant. Die Flügel fallen in der Dynamik bisweilen etwas zurück. Es herrscht kontrollierter Elan und das Spiel wirkt im klassischen Sinn ausbalanciert und perlend. Das würde bei schnellerem Tempo wahrscheinlich nur weniger gut gelingen. Ob man es nun als ein Statement der Abgeklärtheit sehen will oder ob die technischen Grenzen erreicht waren? Es entspinnt sich jedenfalls kein sportlicher Wettkampf, die beiden Pianisten wie auch Dirigent Güller waren bereits im gesetzeren Alter, was man dem Rondo am meisten anmerkt. Wir hören also kein Werk der Jugend mehr (Mozart war 23, als er es niederschreib).

Der Klang der Aufnahme aus Südafrika wirkt offen und mit einer tiefen Staffelung, doch immer noch recht präsent und transparent. Die Flügel werden klanglich klar voneinander getrennt, ohne dass sich ein akustisches Loch in der Mitte ergäbe. Das Bildmaterial bestätigt den akustischen Eindruck. Es klingt recht plastisch. Auch im südlichsten Zipfel Afrikas versteht man sich auf gutes Mozart-Spiel und darauf es gut aufzunehmen.

 

François Du Toit hat das Konzert bei YouTube eingestellt:

https://www.youtube.com/watch?v=xw_BZ-EBhnE

 

 

4

Lev Vlassenko, Natasha Vlassenko

Gennadi Roshdestwenski

Sinfonieorchester des Kultusministeriums der UdSSR

Melodija, Entertain Me Europe, Essential Media

1986

10:11  7:53  6:56  25:00

Bei dieser Klavier-Paarung handelt es sich wieder um ein Vater-Tochter-Duo. Lev Vlassenko ist oder vielmehr war ein in der Sowjetunion sehr bekannter Pianist, der 1958 hinter Van Cliburn Zweiter beim 1. Tschaikowsky-Klavierwettbewerb in Moskau wurde. Er war jahrelang einflussreicher Klavierprofessor am Moskauer Konservatorium. Er überlässt hier seiner Tochter Klavier 1.

An das Temperament der Vorgänger-Aufnahme bei Melodija mit Gawrilow, Son und Pavel Kogan kommt sie genauso wenig heran wie an die klangliche Ausgewogenheit und Brillanz der Vater-Tochter Kombination der Gilels-Böhm Aufnahme der DG von 1972. Es fehlt an der sonoren Autorität des Gilelsschen Klavierklangs und gegenüber Gawrilow-Son wirkt das Klangbild allzu aufgebläht und dadurch unvorteilhaft, zudem kühl und drahtig. Dafür können die Vlassenko nichts, das geht alleine auf das Konto der Aufnahmetechnik. Innerhalb des Duos gibt es ein kleines Ungleichgewicht.

Im Andante erklingen wieder recht dünne und weit entfernte Oboen. Obwohl Roshdeswenski die Streicher eigentlich stark besetzt hat, klingen sie nicht warm, außerdem wirken sie besonders im Raum geweitet aufgestellt, wie aufgebläht. Mozart wie in einer leeren Bahnhofsvorhalle. In Wirklichkeit kamen zwei Aufnahmeorte in Frage: Die Große Halle des Moskauer Tschaikowsky-Konservatoriums oder das Melodiya-Studio in der dortigen ehemaligen Anglikanischen Kirche des Heiligen Andreas. Beide wären keine Empfehlung für weitere Mozart-Einspielungen aus dieser Zeit. Die Flügel klingen in der Relation etwas wärmer, sodass die Grundlagen für ein berührender Dialog zwischen Vater und Tochter gelegt sind. So weiß das Andante doch gut zu gefallen. Beim Orchesterklang muss man hingegen ein Ohr zudrücken. Für Mozart einfach sehr, sehr groß dimensioniert.

Der Überresonante Raum verträgt sich leider auch nicht so gut mit der schnellen Bewegung des Allegros im Rondo. Den Flügeln macht es wenig aus, denn die stehen recht sonor, angemessen brillant und unverhallt, wiewohl nicht gerade „trocken“ vor dem überresonant aufgenommenen Orchester. So tun sich fast zwei Klang-Welten auf. Diese Einspielung ist kein aufnahmetechnischer Glücksfall. Musikalisch ist die viel besser gelungen als klangtechnisch.

Wenn man einmal von der Überresonanz absieht klingt es offen, transparent und erstaunlich gut gestaffelt. Leider stören die schroffen Violinen den Musikgenuss. Anders als bei den Aufnahmen der Schostakowitsch-Sinfonien stören sie bei Mozart noch viel mehr. Die Flügel erscheinen sehr weit voneinander aufgestellt. Flügel 1 ganz links auf der Bühne, Flügel 2 ganz rechts. In der Mitte gähnt das „Loch“ aus der frühen Stereozeit. Beide Flügel scheinen sich über die Zeit, d.h. während des Abspielens ein wenig anzunähern. Besonders, wenn beide gleichzeitig spielen scheinen sie aufeinander zu zu wandern. Bis sie sich treffen. Das Klangbild wirkt als Ganzes wie aufgedunsen.

 

Das Rondo aus dieser Einspielung lässt sich bei YouTube finden:

https://www.youtube.com/watch?v=-vrUoj3YKzo

 

 

4

Sivan Silver, Gil Garburg

Alexander Mickelthwaite

Tasmanian Symphony Orchestra

ABC Classic

2013

10:01  7:16  7:20  24:37

Bei dieser Aufnahme hören wir wieder ein festes Klavierduo, beide sind auch im „richtigen“ Leben verheiratet und spielten zur Zeit der Aufnahme bereits seit 16 Jahren zusammen. 2013 waren sie schätzungsweise 36-38 Jahre alt. Der Dirigent ist zur Zeit Chefdirigent und Musikdirektor des Oklahoma City Symphony Orchestra. Zuvor war er 2006-2018 beim Winnipeg Symphony Orchestra engagiert.

Das Orchester hat die richtige Größe und klingt voll und weich. HIP-Elemente sind spürbar, werden aber nur zurückhaltend eingesetzt. Am Vibrato hat man festgehalten. Das Dialogische wirkt nicht so stark ausgeprägt, zumindest ist es auf der Aufnahme nicht so gut zu verfolgen, was bedauerlich ist. Dabei hat es Mozart doch fast wie ein Theaterstück (vielmehr eine Oper) für den Konzertsaal konzipiert, ein Kammerspiel für zwei Protagonisten. Zu synchron kann es also auch mal werden. Er klingt sportlich, das muntere Perlen ist Hauptprogramm. Es klingt zu einheitlich für zwei Stimmen.

Die Oboen klingen auch in Australien gut und sie dürfen im Andante präsent hervortreten. Es hört sich leider immer noch so an, als hörten wir einen Flügel mit 176 Tasten, statt zwei mit 88. Das Zwiegespräch klingt fast wie eine Verschwörung, als würden die beiden Verschwörer ganz eng bei einander stehen und flüstern, damit nur niemand mithören kann. Poetischer lässt sich das Andante kaum noch spielen und gemeinsamer atmen ebenfalls nicht. Allerdings hätte Mozart, wenn er sich den Klang so gewünscht hätte, für Klavier zu Händen komponieren können.

Im Rondo ergibt sich bzgl. Dialogcharakter kein anderes Bild. Da werden keine Pointen über die Bühne geschickt, das hört sich so an, als vollende man seine Sätze selbst. Die Tasten scheinen von einem Menschen mit 20 Fingern bedient zu werden. Es gibt keinerlei Reibung mehr. Da hätte man mit einer anderen, möglicherweise durchdachteren Aufnahmedisposition viel mehr rausholen können. Absicht und Vermögen, Fertigkeit und Fähigkeit im musikalischen Bereich wären vorhanden gewesen.

Beide Flügel wurden anscheinend parallel nebeneinander aufgestellt und sind räumlich kaum zu unterscheiden. So werden beide Stimmen allzu sehr miteinander verwoben. Beide klingen sehr klar, aber räumlich kaum voneinander differenziert. Das Orchester klingt glasklar und recht brillant. Innerhalb der Diskographie scheint dies die Ein-Flügel-Variante zu sein.

 

 

 

3-4

Viktoria Vassilenko, Louis Lortie

Kaspar Zehnder

Sinfonieorchester Biel-Solothurn

Outhère, Fuga libera

2019, live

10:20  6:41  7:02  24:03

In dieser Aufnahme gibt es wieder die Konstellation Lehrer-Schülerin. Louis Lortie war aber nur 2016 Lehrer von Frau Vassilenko in Brüssel. Bei der Aufnahme mit der jungen Bulgarin übernahm er das 2. Klavier. Aufgenommen wurde im Palais des Congrès in Biel (Schweiz). Man verzichtet zwar weitgehend auf Vibrato, nutzt aber moderne Instrumente, eine moderne Stimmung und große Konzertflügel. Wenn man auf Vibrato verzichtet klingt das Ergebnis meist klagender als mit. Obwohl beides vordergründig nicht viel miteinander zu tun hat. Es fehlt dem Klang des Orchesters das wärmende, das wohlige. Das Orchester gibt sich eher unerbittlich-draufgängerisch, da nimmt man das Es-Dur sehr ernst. Gerade in der Dynamik zeigt man sich wenig subtil. Die Flügel wirken eher wenig akzentuiert und wenig temperamentvoll, immerhin flüssig und leicht beschwingt, recht brillant, geschmeidig aber doch recht brav. Es fehlt dem Orchester auch an entsprechender Zartheit und Poesie. Es wird eher wenig akzentuiert und bleibt wenig temperamentvoll, recht geschmeidig, rund, recht brillant aber doch zu brav. Auch in der Kadenz fehlt der Biss, da wird man kein bisschen frech, die dynamischen Unterschiede sind sehr gering. Im Film mag das wieder anders wirken, denn beide Solisten machen einen sympathischen Eindruck.

Das Andante gefällt besser, die Solisten spielen sanftmütig, der Charakter der Musik wirkt ruhig. Insgesamt scheint man dem Satz besser entsprechen zu können.

Im Rondo geht es ziemlich betulich zu, man möchte den sicheren Boden der Risikolosigkeit nicht verlassen. Auch das Orchesterspiel vermag nicht so recht zu begeistern. Die Solisten haben sich weitmöglich angeglichen. Mit etwas mehr Autorität klingt Klavier 2. Insgesamt bleibt die Darbietung, gerade wenn wir bereits gehörte (geniale) Aufnahmen von Louis Lortie nochmal Revue passieren lassen, eher enttäuschend. In einem anderen Kontext wäre er möglicherweise besser zur Geltung gekommen. So klingt es etwas trocken und nur solide. Es wird kein Feuerwerk gezündet.

Die Aufnahme hat eigentlich eine gute Balance zwischen resonant und trocken gefunden. Die Flügel sind gut unterscheidbar. Es klingt insgesamt weich, aber für eine so neue Aufnahme erstaunlich blass.

https://www.youtube.com/watch?v=f9J4fPBbTwU

 

 

3-4

Güher Pekinel, Süher Pekinel

Ladislav Slovak

Slowakische Philharmonie, Bratislava

Blaricum, Classical Gallary

1993, live

9:46  8:04  7:08  24:58

Die beiden Zwillingsschwestern waren je nach Quelle bei der Aufnahme 40 oder 42 Jahre alt. Es gibt mit den Pekinels noch eine Chandos-Aufnahme mit dem Philharmonia Orchestra unter Neville Marriner von 1998 mit total verhallter Akustik (sie folgt am Ende unsere CD-Liste) und eine ungleich gelungenere Aufnahme mit Colin Davis und dem English Chamber Orchestra von 2007 (sie wurde verfilmt und findet in unserer Radio- und YouTube-Lise an prominenter Stelle Erwähnung.

Bei der Aufnahme aus Bratislava geben die Bässe ein majestätisches aber doch aufgedunsen wirkendes Fundament. Slovak lässt flott musizieren doch das Orchester klingt flach und trocken, traditionell und von HIP-Elementen unbeleckt. Die beiden Damen lassen ihren Anschlag flüssig und legatoreich perlen, an einer fein abschattierten und doch straff organisierten Entdeckungsreise wie bei den Labeques 1989 nehmen wir nicht teil. Die Pekinels pflegen in einem rechten Winkel zueinander zu spielen oder Rücken an Rücken oder aber die Flügel stehen in einer Richtung. Auf Blickkontakt legen sie anscheinend keinen Wert mehr. Da bekommt der Ausdruck „blindes Verständnis“ eine gewisse Anschaulichkeit. Die Folge bei der Darbietung in Bratislava ist allerdings schon eine fast maschinell wirkende Präzision im Zusammenspiel, so als würde nur ein Pianist mit 20 Fingern agieren. Aber anders als in der australischen Aufnahme zuvor lassen sich beide Flügel ganz leicht einzeln hören, denn sie erscheinen wie sehr weit voneinander entfernt. Es gibt hier keine warme Verschmelzung, kein atmender Dialog. Durch die räumliche Distanz muss man unwillkürlich an zwei weit voneinander tickende Uhren denken.

Im Andante fällt der mechanische Druck glücklicherweise weg. Nun kommt mehr Wärme und Ausdruck in Klang und Darbietung. Auch dank des gemessenen Tempos. Sogar das Orchester klingt jetzt etwas wärmer. Die Oboen allerdings weniger. Nun wird beachtlich sensibel und mit großem Bogen phrasiert, zu dem gesellt sich makellos geschmeidige Legato-Kultur. Doch die räumliche Distanz fordert ihren Tribut. Bei aller artikulatorischer Schmeichelei fehlt sozusagen die intime Mitte, das Zusammenkommen. Es gibt hier keinerlei Verschmelzung. Die Trennung wirkt doch zu steril. Gut, dass die mahnenden Oboen wie eine imaginäre Trennlinie genau aus der Mitte klingen. Der Vater passt auf, dass es nicht zu intim wird, bei dem imaginären Liebespaar. Vielleicht geben sie auch so eine Art „Memento mori“ ab, in dieser Einspielung würde es nicht so deutlich wirken wie in einigen anderen.

Im Rondo klingt es plötzlich noch wärmer und körperhafter. Klaviertechnisch steht es bei den Schwestern zum Besten. Das klingt nun richtig brillant, das Orchester dazu recht akzentuiert. Vom Tempo her wirkt es noch etwas bedächtig und vom Orchester etwas zu vorsichtig vorgetragen. Die Pekinels scheinen sich zu ergeben und versuchen es gar nicht es stärker voranzutreiben, falls sie das überhaupt im Sinn hatten.

Die imaginäre Bühne wirkt sehr weit in die Breite gezogen. Die Violinen sind von den Bässen größtmöglich weit entfernt. Es klingt für die Raumgröße erstaunlich trocken. Die beiden Flügel erscheinen ebenfalls sehr weit voneinander entfernt. Das wirkt natürlich super transparent, was man vom Orchester als Ganzes nicht behaupten kann. Orchester und Flügel wirken nur wenig körperhaft. Es gibt mit dem Orchester keinen gemeinsamen Konzertsaal-Körper und die Präsenz bei den Holzbläsern lässt zu wünschen übrig.

 

3-4

Christoph Eschenbach, Justus Frantz

Christoph Eschenbach

London Philharmonic Orchestra

EMI

1982

10:02  8:27  7:01  25:30

26 Jahre nach der Aufnahme mit Clara Haskil und Géza Anda ging man bei EMI wieder ins Abbey Road Studio 1. In diesem Fall bilden zwei gut befreundete Pianisten ein Klavierduo, das zuvor bereits einiges an Duo-Literatur gemeinsam eingespielt hat. Beide Stimmen sind gut zu hören, räumlich differenziert im Timbre und Anschlag jedoch weitmöglich angepasst. Die Übereinstimmung wirkt nahezu vereinnahmend. Es klingt wie bei einem typischen Klavierduo, mit sehr wenig Rubato, sehr metronomisch (vor allem in den motorischen Abschnitten), da erklingt ein Nähmaschinen-Mozart mit wenig Glanz. Besonders die Kadenz wirkt wie durchgepeitscht, ohne Punkt und Komma. Sie hat überhaupt keinen Improvisationscharakter mehr, kein freies Fließen. Da macht die Aufnahme einen altbackenen Eindruck. Man nutzt die Wiener Instrumentierung, hört aber vor allem was von den Klarinetten, kaum was bis gar nichts von den Trompeten und Pauken.  

Im Andante wird die Metronom-Schraube gelockert. Nun klingt es freier und es gibt mehr Rubato. Der Klang bleibt aber immer noch wie am Instrument kleben, es kommt kein Steinway-Schweben auf. Die Violinen zeigen recht deutlich frühdigitale Härte (zumindest bei unserer CD der ersten Stunde). Viel deutlicher als die beiden Flügel. Dieses Mal hört man der Aufnahme im Studio 1 den Studiocharakter an, denn es fehlt die natürliche Resonanz eines richtigen Raums. Den hörte man bei Haski-Anda besser, oder man glaubte ihn besser zu hören. Die musikalische Ehre der beiden Pianisten ist aber nach dem ersten Satz gerettet.

Im Rondo hören wir ein zügiges, eigentlich belebtes Tempo. Es kehrt wieder ein wenig die Nähmaschine zurück, jedoch abgemildert durch gekonntes Non-Legato. Die beiden Steinways erklingen fast ohne Körper, nur wie zweidimensional. Die EMI-Technik konnte ihren Klang damals nicht vollumfänglich einfangen, kein Wunder, dass die EMI-Techniker beim alten Analog-System treu bleiben wollten. Die beiden Klaviervirtuosen bringen wenig dynamische Differenzierung ins pp- bzw. p-Spiel ein. Eher befolgt man eine simple Terrassendynamik. Die Kadenz wirkt freier gespielt als das Pendant im ersten Satz. Da gibt es mal eine ordentliche Portion Rubato. Insgesamt wird jedoch recht straff durchgezogen.

Die Aufnahme klingt recht transparent, recht trocken, einigermaßen räumlich und wenig körperhaft. Etwas flach und gläsern. Die Staffelung im Raum erscheint im Andante verbessert. Die beiden Pianisten kann man vor allem aufgrund der leicht von der Mitte abweichenden Ortung recht gut identifizieren. Es klingt insgesamt weniger warm, es gibt kein Schweben der Musik im Raum. Die ältere Aufnahme mit Haskil und Anda von 1956 hat auch klanglich die Nase vorn, zumindest wenn man die Stereoversion erwischt hat.

https://www.youtube.com/watch?v=vxyK6fI-2N4

 

 

3-4

Dalia Ouziel, Orit Ouziel

Georges Octors

Orchestre de Chambre de Wallonie

Pavane Records

1991

9:59  9:12  6:52  26:03

Die Aufnahme wurde im Großen Saal der Königlichen Musikhochschule in Brüssel eingespielt. Die beiden Ouziel-Schwestern spielten zur Zeit der Einspielung seit 15 Jahren offiziell im Klavierduo zusammen. Dalia war Professorin in Brüssel. Georges Octors der langjährige Chefdirigent des Kammerorchesters war auch der langjährige „Kopf“ des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs in Brüssel und als solcher erfahren darin junge Musiker/innen zu fördern.

Die beiden Schwestern lassen ihre Steinways besonders schlank klingen, ihr Anschlag perlt leicht und unaufdringlich, da bleibt der intime Charakter des Werkes erhalten und vielleicht soll man sich auch an den Klang des Hammerklaviers erinnern, der zur Mozart-Zeit einmal aktuell war. Das Orchester spielt in kleiner Kammerorchesterbesetzung und passt gut zum schlanken Klang der Flügel. Leider gibt es aufnahmetechnisch bedingt nur wenig Dialogcharakter.

Das Andante erfährt eine langsamen Tempogestaltung und wirkt sehr atmosphärisch. Das Spiel der Pianistinnen erklingt sauber und gefühlvoll, sehr besinnlich und kantabel allerdings wenig akzentreich. Die Oboe bleibt im Hintergrund, an ein „Memento mori“ hat man bei ihrem Einsatz ganz sicher nicht gedacht. Schön geblasen werden sie. Eine tänzerisch pulsierende Prägung kann man diesem ¾ Takt kaum noch entnehmen. Eher gleitet man schon sanft in ein Adagio. Es wirkt ein wenig statisch.

Im Rondo bleibt man zügig und temperamentvoll, lässt es perlen und spielt mit gediegener, lockerer Virtuosität. Die Pianistinnen wirken agiler als das brav mitschwimmende Orchester.

Der Klang der Aufnahme wirkt ausgewogen und räumlich, der Klang der Flügel wirkt unaufdringlich aber brillant. Sie sind ziemlich beisammen aufgestellt und erklingen beide aus der Mitte. Das Stereo-Erlebnis mit alternierenden Flügeln fehlt weitgehend.

 

Von dieser Aufnahme kann man bei YouTube das Andante hören.

https://www.youtube.com/watch?v=pxG5Yg6jY1Y

 

 

3-4

Karl Engel, Till Engel

Leopold Hager

Mozarteum Orchester Salzburg

Telefunken, Teldec

1975

9:59  8:03  7:07  25:09

Hier haben wir wieder eine Vater- und Sohn-Konstellation. Der Vater Karl (knapp über 50) nahm den Platz am Klavier 1 ein, der Sohn Till (Mitte 20) am Klavier 2. Das Orchester klingt allenfalls gediegen, fast bieder und lässt die Munition, mit der man Funken verschießen kann im Arsenal. Die beiden Pianisten spielen mit angemessener, korrekter Phrasierung und einem runden, sehr wenig brillantem Klang, uneitel und fast wie nur für sich selbst im stillen Kämmerlein. An Stilgefühl und Durchzeichnung fehlt es nicht. Besonders von Till mit seinen jungen Jahren hätte man doch mehr Frische und Brillanz erwartet, er bleibt im stilistischen Fahrwasser seines Vaters. Für eine ausgewogene Balance ist also gesorgt. Es scheint jedoch der Mut zum Risiko zu fehlen, an einer gewissen spontan wirkenden Spielfreude oder einer gewissen Innovationskraft. Nichts lässt aufhorchen. Grundsolide kann auch mal zu wenig sein. Mehr Schwung, mehr Licht und auch mehr Schatten wären wünschenswert.

Im Andante erfolgt der Dialog ohne Spannung und Reibung. Kein Wettstreit, keine Überhöhung, kein zärtlicher Austausch. Wir hören so etwas wie ein perfekt synchronisiertes Alltagsgespräch, vielleicht wer denn nun zum Wochenmarkt zum Einkauf geht oder ob es schön wäre gemeinsam zu gehen. Oder wie trist denn wahrscheinlich der nächste Tag mit den Klavierschülern werden wird.

Im Rondo ändert sich an der Spielweise nicht viel. Das wäre werktreue Monotonie ohne Glanz und ohne interpretatorischen Esprit. Es klingt einfach für den 23jährigen Mozart zu altbacken. Mit dieser Einspielung ist die Diskographie unvorteilhaft umgegangen. Trotzdem gefällt das Rondo noch am besten, es kommt nämlich doch einiger Schwung auf und man kann sich am hin und her springenden Klavierklang in gediegener Virtuosität erfreuen. Das Orchester verdient sich keine besonderen Meriten. Es klingt nach einer beamtenmäßig abgeleisteten Pflichterfüllung. Eine befeuernd wirkende Initiative von Herr Hager kann man nicht feststellen. In dieser Einspielung erscheint die Gefahr der Eintönigkeit nicht gebannt, wobei Hager und sein Orchester nichts zu unternehmen scheinen, um ihr Einhalt zu gebieten.

Der Klang der Aufnahme trägt nicht wenig zum matten Erscheinungsbild der Aufnahme bei, die Dynamik erscheint flach, der Klang vom Orchester und den beiden Bösendorfer-Flügeln gedeckt und sehr wenig brillant. Beide Flügel erscheinen recht weit voneinander aufgestellt worden zu sein. Das hat größtmögliche Unterscheidbarkeit zur Folge. Die Akustik wirkt trocken und wattiert, „dickflüssig“ und matt.

 

Nur der 2. und 3. Satz waren von dieser Einspielung zu finden. 

https://www.youtube.com/watch?v=qfReRtREjqs

https://www.youtube.com/watch?v=vu1vHb5AhiA

 

 

3-4

Elizabeth Sombart, Nicolas Comi

Mihaela Ceșa-Goje

Royal Philharmonic Orchestra London

Rubicon

2025

8:25  7:25  7:25  26:15 

Die Aufnahme entstand in der Henry Wood Hall in London. Madame Sombart, zur Zeit der Aufnahme 66 oder 67 Jahre alt war Schülerin von Sergiu Celibidache. Ihr Duopartner am 2. Klavier gilt als ehemaliges Wunderkind war zur Zeit der Aufnahme 19 oder 20. Er studiert seit 2023 bei Sombart „Phänomenologie des Klangs“, was so viel bedeutet, dass Frau Sombart das bei Celibidache gelernte aktiv weitergibt. Da braucht man sich nicht zu wundern, dass der junge Mann sich nicht als Unruhestifter gibt, sondern sich perfekt eingliedert in den fließend-andächtigen Kosmos seiner Lehrerein. Die junge, bestens ausgebildete Dirigentin kommt aus Rumänien und hat Fellowships bei Gustavo Dudamel und Marin Alsop absolviert, dann aber bald die akademische Laufbahn eingeschlagen. Sie ist trotz ihre jungen Jahre bereits Professorin in ihrem Heimatland. Sie stellt sich in den Dienst der Solisten und liefert einen unauffälligen, professionellen Rahmen, anstatt die Musik mal richtig aufzumischen. Man musste ja auch einen gemeinsamen Nenner finden.

Das Allegro wirkt erwartungsgemäß entschleunigt. Das 2. Klavier erklingt in völliger Symbiose, wäre wahrscheinlich absorbiert warenden, wenn es nicht räumlich so gut unterscheidbar platziert worden wäre. Der Gestus der Musik erscheint brav und ohne jede Überraschung, klanglich hochwertig ausgeformt und gut ausbalanciert.

Im Andante klingt das Orchester sehr nobel und „schön“, die Oboen hinterlassen einen exzellenten Eindruck. Die Musik erklingt ohne Ecken und Kanten und ist auf pure Klangschönheit und zarte Entrückung aus. Beides gelingt allerdings auf bemerkenswerte Art und Weise. Die Kunst des Abschattierens wird beherrscht.

Im Rondo geht es wieder im ebenmäßigen Gleichmaß voran. Comi entwickelt dabei wie seine Mentorin in etwa den Elan des 83jährigen Peter Frankl und des 73jährigen Robert Blocker. Das wäre vor dem Studium bei Madame Sombart noch ganz anders gewesen, wie frühere Aufnahmen des jungen Manns belegen. Besonders die hohe Klangkultur der Solisten und des Orchesters schützen gerade noch so vor gepflegter Langsamkeit und Langeweile. Die Jugendlichkeit scheint nahezu versiegt. Mozart wirkt reduziert auf Ebenmaß und nahezu regungslose Klangschönheit. Die entschleunigte Harmonie im Studio-Hochglanz wirkt auf uns zu einseitig und wird dem fast noch jugendlichen Rebellen Mozart nur teilweise gerecht. Wo bleibt der der Bölzlscheiben schießende (pardon: scheißende) Anarchist mit seinem ausgeprägten Spaß am Fäkalhumor und voller sexueller Energie? Pardon, der ist eben mal weggehuscht in die Aufnahme von Lunimov-Brautigam und Huss.

Der edle Klang aus London bügelt ebenfalls jede Reibung glatt, klanglich eigentlich ausgezeichnet gelungen klingt es räumlich und weich umrandet, wie mit einem Weichzeichner versehen. Die Flügel klingen brillant, werden aber nie mal richtig laut.

 

Den dritten Satz als Appetithäppchen findet man hier:

https://www.youtube.com/watch?v=Tm59Pglzg6Q

 

 

 

 

3

Marco Schiavo, Sergio Marchegiani

Gudni A. Emilsson

Royal Philharmonic Orchestra London

Decca, Universal Italiana

2019

10:30  7:34  7:19  25:23

Noch eine Aufnahme mit den königlichen Philharmonikern aus London, die anscheinend gerade Hochkonjunktur mit Mozart haben. Wie bei Frau Tryon wurde wieder in der Cadogan Hall im Londoner Stadtteil Chelsea aufgenommen, wie bereits erwähnt derzeit der kleinste und bestklingende der großen Londoner Konzerthäuser.

Man wählt eine recht große Streicherbesetzung, musiziert zu Beginn recht spontan wirkend, rollt aber den hochflorigen Klangteppich aus. Es handelt sich bei den beiden Herren um ein festes Klavierduo, entsprechend synchron und mit hohem klanglichen Verschmelzungsgrad klingt es dann auch. Die Anschlagskultur befindet sich jedoch nicht auf dem höchsten Stand (der ist exemplarisch zu hören beim Duo Haskil-Anda). So klingt es nicht superbrillant, nicht superpräzise und nicht supervirtuos. Dafür singt es kantabel und es wird in hohen Maß gemeinsam geatmet. Der Klang der Flügel wirkt indes pastellartig. Und zum Beispiel im Vergleich mit dem Duo Katsaris-Kim matt, gedämpft und ein wenig konturenlos. Es ist eine Studioproduktion ohne spontanen Elan und pianistisch gebremst.

Im Andante können die Pianisten trotz bester Raumakustik und Studiobedingungen dem Klang nicht zum Dahinschweben verhelfen, wie man es in den besten Einspielungen hören kann. Die Oboen präsentieren sich wieder klangschön, weich und voll, sie werden aber nicht eigens als ein „Memento mori“ herausgestellt. Trotz durchaus besinnlicher Momente bleibt die Darbietung immer etwas matt, auch das Orchester. Die Streicher könnten ein höheres Maß an Wärme (auch emotionaler Wärme, also nicht nur einen mittenbetonten Sound) beisteuern. In dem Saal wäre das eigentlich leicht möglich.

Im Rondo geht es etwas drängender zu, die Musik wirkt aber immer noch wenig brillant, sowohl pianistisch als auch klangtechnisch. Da fehlen Esprit und Schlagfertigkeit im Dialogischen. Es wirkt lediglich gut einstudiert. Herr Emilsson bleibt da nur ein verlässlicher Begleiter, ohne dass er ein wenig unterstützendes Feuer beisteuern würde. Alles klingt etwas müde und leidenschaftslos.

Die klangliche Seite der Einspielung sieht etwas besser aus. Es klingt offen, voll, weich und abgerundet. Beide Flügel sind mittig angeordnet doch noch gut unterscheidbar. Es klingt insgesamt körperhaft, transparent, homogen, warm und samtig, aber für so eine neue Aufnahme seltsam wenig brillant.

 

Den dritten Satz in einer anderen, erheblich bescheideneren orchestralen Umgebung kann man mit den Solisten und dem Dirigenten hier hören:

https://www.youtube.com/watch?v=ugs5jv-xTEo

 

 

3

Güher Pekinel, Süher Pekinel

Sir Neville Marriner

Philharmonia Orchestra

Chandos

1998

10:28  7:38  7:11  25:17

Die Zwillinge sind Steinway-Artists. Sie könnten in dieser Aufnahme aber so gut spielen wie sie wollen und das Philharmonia Orchestra könnte seine Seele als Kollektiv an den Teufel verkaufen, diese Einspielung wäre trotzdem nicht gelungen. Das liegt an der Kirchenakustik der All Saints Church. Welcher Produzent kommt auf die Idee das kleine, kecke, frische Doppelkonzertchen in einer Kirche aufzunehmen, die allenfalls für die Krönungsmesse oder das Requiem halbwegs geeignet gewesen wäre? Und wenn man schon darin aufnahmen muss, weil keine andere Location in London frei war, dann nicht so. Dennoch ist nicht alles misslungen und für die beiden Pekinels wird schließlich alles gut in ihrer dritten Aufnahme, wieder in London aber mit Sir Colin Davis und dem English Chamber Orchestra. Davon später mehr.

Immerhin kommt das Holz besser durch als in der Aufnahme in Bratislava 1993. Trotz der halligen Akustik. Die Flügel sind jedoch viel schlechter zu differenzieren. Sie sind beide in der Mitte ansässig und ihr Klang scheint sich zu überlagern. Jeder Ton auf dem Flügel zieht ein Hallfähnchen hinter sich her. Dabei hat man den Kirchenraum wahrscheinlich nicht anders als realistisch eingefangen, was für manch einen Tonmeister oberstes Gebot ist. Der realistische Klang aber ist dem Werk in diesem Fall alles andere als zuträglich. Es fehlt so nämlich die so eminent wichtige Konturenschärfe im Rhythmischen und die Unmittelbarkeit des Dialogs. Das Orchester wirkt unter diesen Umständen überdimensioniert, die Steinways gnadenlos überbrillant. Da herrscht Nebelalarm in London. Sakrale Opulenz und Gewaber erdrücken die kammermusikalische Kommunikationsfähigkeit im Ansatz. Bewundernswert, dass das Schiff mit all seinen Musikern als Passagiere den Weg da wieder hinausgefunden hat.  Und sich nicht verirrt haben. Dank Sir Neville auf der Brücke, der übrigens 1979 die Ernennung zum Commander of the Order of the British Empire (CBE), 1985 die Erhebung zum Knight Bachelor (Sir) und 2015 die Aufnahme in den Order of the Companions of Honour (CH) erhalten hat. Jetzt wissen wir auch, wann man Sir zu seinem Namen zu schreiben hat.

Im Andante geht der lange Nachhall gnädiger mit der zarten Musik um. Jetzt wirkt er eher wie ein akustischer Weichzeichner. So wird das Legato fast wie von selbst getragen. Das klingt schön und die Musik bekommt so etwas Schwebend-Andächtiges und Edles. Die Streicher des Philharmonia Orchestra wirken nun seidig und recht klar und er kann sich ohne Überlagerungen ausbreiten, lässt Raum für Innigkeit. Die Oboen, klanglich in Topform, wirken nicht als trennende Ermahnung sondern als schmückendes Beiwerk. Die beiden Flügel klingen in dieser Akustik stark miteinander verschmolzen, sie behalten aber ihre Unterscheidbarkeit.

Im Rondo schlägt die Akustik dann wieder ziemlich erbarmungslos zu, da geraten die Staccato-Passagen, die Pointen, die Widerpart- und Antwort-Passagen in Gefahr. Durch die Hallfahnen, die nun wieder jeder Ton hinter sich herzieht, gibt es Überlappungen und Überlagerungen. Ein allzu eingeschränktes Feuerwerk, eher ein dicker, dichter akustischer Brei. Der Fehler, wir haben es bereits erwähnt, bestand schon in der Wahl des Aufnahmeort. Wenn man diese Aufnahme mit der trockenen aus Bratislava mendeln könnte, dann träfe man vielleicht die goldene Mitte. Sir Nevilles Bemühungen um „seinen“ gewohnt straffen Mozart laufen bei all dem Nachhall in die Leere. Nur bei der Kadenz macht die Akustik den gewünschten Effekt nicht kaputt. Die klingt brillant und im Klang relativ unbeeinträchtigt.

Der Klang der Aufnahme ist von einer erhaben hallenden Kirchenakustik geprägt. Sie lässt die Musik konturenschwächer, weicher und voluminöser erscheinen als sie ist. Und mit mehr Bass als wünschenswert. Zudem wirkt das Orchester leicht distanziert und die feinen Akzente verpuffen, falls sie überhaupt vorhanden waren, ungehört in der Leere des Raums. Viel zu resonant und hallend für „unser“ kleines Mozart-Konzert.

https://www.youtube.com/watch?v=bLwgROLQods

 

 

 

 

2-3

Cinda Goold Redman, Lena Vozheiko Wheaton

Salvator Brotons

Vancouver Symphony Orchestra

Snail Worx

2016, live

10:20  7:26  6:43  24:29

Zunächst mal ein Wort zum Orchester. Es handelt sich um das Vancouver im Bundesstaat Washington der USA, einer Stadt, die gar nicht einmal so weit vom größeren, bedeutenderen kanadischen Vancouver entfernt liegt. Die beiden Pianistinnen bilden ein festes Klavierduo, allerdings ohne dass man die gewohnten Vorzüge eines festen Duos erkennen könnte.

Wir hören einen dicht aufgenommenen eher semiprofessionellen, ungeschnittenen und ungeschönten Live-Mitschnitt. Das Spiel der beiden Pianistinnen wirkt sehr akzentuiert, agil und drängend. Sehr lebendig, aber rau, wie das Orchester. Vordergründig wirkt das aufregend. Die Hörner kommen sehr deutlich zur Geltung. Beide Flügel stehen anscheinend sehr eng beisammen, sodass der räumliche Dialogcharakter fast „ausgeschaltet“ ist. Es klingt sehr temperamentvoll aber auch sehr unausgewogen. Das Orchester wirkt befeuert aber hemdsärmelig. Das klingt alles robust und ungekünstelt und ohne den erforderlichen Feinschliff. Mozart ohne Filter und Make-up, wenn man so will.

Gerade im Andante wirkt der Klavierklang etwas zu hart und spröde. Die Pianistinnen geben sich der Musik gegenüber unbarmherzig und forcieren ihre Akzente sehr stark. An technischer Fingerfertigkeit scheint es nicht zu mangeln, wohl aber an aufnahmetechnischer Finesse. Dem Orchester geht die übliche, weich klingende und behutsame Vorgehensweise bei diesem Andante weitgehend ab. Es klingt hart und unnachgiebig. Ohne jeden Weichzeichner, den man dann noch bemühen würde, ungeglättet und unbearbeitet.

Im Rondo erklingt so dass man es am ehesten mit einer unverkrampften Show-Mentalität in Verbindung bringen würde. Nicht besonders sauber und kultiviert dargeboten erscheint die Musik nun wie temperamentvoll rausgehauen. Das Duo nennt sich übrigens „East meets West“. Frau Vozheiko kommt nämlich aus St. Petersburg, Frau Goold-Redman aus Los Angeles. Die Abmischung könnte aus einer wie spontan anberaumten Eigenaufnahme herrühren. Vielleicht im Geist gar nicht einmal so weit weg von den spontanen Darbietungen Mozarts selbst, aber er war ja zugleich auch Perfektionist, das scheint hier nicht der Fall gewesen zu sein. Vielleicht ist man so noch näher dran als so manch eine glattpolierte Weichzeichner-Aufnahme von heute? Für uns überwiegen jedoch die Mängel vor den Vorzügen. Das Hämmern könnte auch zur Kompensation rhythmischer Mängel nötig geworden sein und die sogenannte Live-Spontaneität der beiden älteren Damen mündet in einem ziemlich desaströsen Klangbild.

Es herrscht unruhige Live-Atmosphäre. Das Orchester wirkt großformatig und räumlich, aber in der Dynamik und im Frequenzbereich ein wenig gepresst. Es gibt zudem Störgeräusche technischer Art, so bisweilen ein lautes, aber nur kurzes Zischen. Die Steinways klingen etwas hart und ausgedünnt. Sie wirken manchmal etwas übersteuert. Die Aufnahme wirkt nur wenig professionell gemacht, vielleicht für das Orchesterarchiv? Oder privat für die beiden Solistinnen oder eine von ihnen? Wahrscheinlich ohne Stützmikrophone. Es fehlt an Fülle und Rundung. Eigentlich nicht zur Veröffentlichung geeignet. Die Aufnahme war auch YouTube nicht zu finden.

en Text zu schreiben.

 

 

Die 19 Mono-Aufnahmen:

 

 

5

Robert Casadesus, Gaby Casadesus

George Szell

Columbia Symphony Orchestra (in diesem Fall Mitglieder des Cleveland Orchestra)

CBS-Sony, Andromeda

1955

10:05  6:32  6:25  23:02

Bereits fünf Jahre vor der Stereo-Einspielung mit Ormandy 1960 war die Verteilung der Klavierstimmen klar. Robert saß am ersten, Ehefrau Gaby am zweiten. Auch dem Jahr 1955 gibt es zudem noch eine Live-Aufnahme mit den beiden aus der Carnegie Hall, bei der Dmitri Mitropoulos die New Yorker Philharmoniker dirigiert.

Nun ist aber Präzisionsfanatiker Szell und sein Orchester aus Cleveland am Werk, das sich allerdings in diesem Fall, wahrscheinlich aus vertragsrechtlichen Gründen, hinter dem Namen der Plattenfirma versteckt. Seine Tempovorgabe ist nicht besonders schnell, aber gewohnt kraftvoll, straff und betont akzentuiert. Dazu hören wir die französisch geprägte Klavierschule in Reinkultur, temperamentvoll, doch klanglich und von der Dynamik noch den Klang des Cembalos im Hinterkopf. Besonders was die betont trockene Anschlagskultur anlangt und das bereits 1955 fast pedallos, klar und punktgenaue Spiel anlangt. Da trifft man sich mit dem Rhythmusschärfer Szell gleichgesinnt und auf Augenhöhe. Da feuert man sich gehörig an bei einer fast schon technisch-mathematisch wirkender Präzison, die auf uns allerdings nicht technokratisch oder gar unmusikalisch wirkt. Romantisch wirkende Gefühlswallungen bleiben allerdings aus, die wären den Beteiligten sowieso stilistisch obsolet. Es ist aber mehr Feuer im Spiel als in so manch einem Mozartkonzert, das Robert alleine gespielt hat, die Anwesenheit Gabys scheint der Unternehmung sehr gut bekommen zu sein. Man spielt die von Robert verfassten Kadenzen mit demselben feurigen Gestus und dem französisch-kühlen Anschlag wie den ganzen ersten Satz.

Im Andante gibt es deutliche Kontraste in der Dynamik. Die Oboen sind genau richtig dosiert und klingen trotz p-Anweisung Mozarts deutlich über den beiden Flügeln um sie als ein „Memento mori“ zu empfinden. In Sachen Phrasierungsübereinstimmung und klanglicher Äquilibristik der beiden Flügel steht diese Einspielung mit an der Spitze, in Sachen Anschlagskultur ergänzt sich der perlende, immer etwas kühl und zart wirkende Klang der beiden ideal. Das Zusammenspiel mit dem Orchester wirkt vorbildlich und der Sinfonia-Concertante-Charakter wird sehr deutlich.

Im Rondo stört es etwas, dass die Solisten kaum unterscheidbar sind, aber das geht mit dem Monoklang nun einmal einher. Das Orchester erscheint dennoch sehr konturiert und plastisch herausgearbeitet, straff und virtuos spielt es ohnehin. Erneut fällt das dynamisch vor allem in den unteren Dynamik-Bereichen sehr differenzierte Mozartspiel des Duos auf. Die Präzision einer Nähmaschine wäre vorhanden, dennoch kann man den Eindruck, dass eine solche am Werk wäre vortrefflich vermeiden. Die Kadenz im Rondo wurde ebenfalls von Robert verfasst, sie ist kurz und prägnant und übernimmt in ihrem zweiten Teil das Original von Mozart. Alle Musiker erscheinen perfekt miteinander verzahnt.

Das CBS-Original klingt frischer, voluminöser, offener, knackiger, lebendiger, die beiden Flügel klarer, voller und brillanter als auf der Version von Andromeda. Da hat es sich als vorteilhaft erwiesen, dass man die alten Master wieder hervorgeholt hat. Insgesamt klingt es aber sehr trocken und knackig.

https://www.youtube.com/watch?v=LhL53cvOo10

Das Andante scheint sich in der Einspielung 1955 in Cleveland in den unendlichen Weiten des www. versteckt zu haben. Oder er wurde absichtlich nicht eingestellt, damit man die Aufnahme doch noch käuflich erwirbt.

https://www.youtube.com/watch?v=FqNNFMUsoN0

 

 

5

José Iturbi, Amparo Iturbi

José Iturbi

RCA Victor Symphony Orchestra

RCA-Sony

1951

9:38  6:42  7:02  23:22

Dies ist die zweite Einspielung des Geschwisterpaars Iturbi. Wir haben sie nach der ersten gehört, weshalb wir einige Details bereits dort vermerkt haben. Da die erste klanglich weniger erfreut als die zweite Einspielung kommt sie in der Liste etwas später. Nun ist das Orchester nochmals verbessert, es handelt sich jetzt um ein hörbar hochkarätig besetztes New Yorker Studioorchester.

Erneut hören wir das sanguinisch wirkende Vorwärtsdrängen, nun im sattelfesteren, volleren Klanggewand. Das Orchester wirkt gegenüber der ersten Einspielung der Iturbis nun regelrecht emanzipiert, spielt also noch deutlicher eine eigene Rolle als 1940, es ist nun nicht mehr nur Stichwortgeber und es hat nun mehr Biss. Wahrscheinlich hat José in den zurückliegenden Jahren erheblich an Erfahrung als Dirigent gewonnen und zugleich hat sich die Klangqualität mit der Zeit deutlich verbessert. Das Zusammenspiel wirkt nun nochmals enger verzahnt und das Spiel der beiden Geschwister hat noch mehr Ecken und Kanten, d.h. wirkt nochmals akzentuierter und lebendiger, ist noch profilierter. Bei der Kadenz kommt erneut Josés Eigenkomposition zum Einsatz, sie klingt nun noch klarer, voller und wärmer.

Das Andante wird schneller gespielt als zuvor, was es nicht daran hindert gewichtiger zu wirken. Pianistisch als auch orchestral sind die Verbesserungen erneut deutlich erfahrbar. Die hervorragenden Oboen (die haben ihre allerbesten Rohre rausgeholt) sind jetzt wunderbar klar und deutlich zu hören. Die Akzente sitzen noch stimmiger, überhaupt ist die Anschlagskultur und die Pianistik ganz hervorragend, gerade für ein festes Klavierduo. Das Rubato wird noch etwas weitergetrieben, sodass der Satz noch eher als eine instrumentalisierte Opernszene erscheint. Es klingt zudem viel farbiger. Und da ist auch immer der improvisatorisch wirkende spontane Gestus, der an dieser Einspielung besonders begeistert. Das unterscheidet sie am deutlichsten von der Einspielung der Eheleute Casadesus zuvor.

Das Rondo wirkt ebenfalls reifer, gesetzter und durch die vielen gemeinsamen Auftritte in der Zwischenzeit noch sicherer, brillanter und tiefer ausgelotet. In den Steigerungen geschliffener, kontrastreicher und dramatischer. Und deutlicher, was jedoch in erster Linie auf die verbesserte Klangtechnik zurückzuführen sein dürfte. Als Kadenz kommt erfrischender Weise auch im Rondo wieder eine Eigenkomposition Josés zum Einsatz. Sie wirkt nun noch ausgefeilter ohne an Originalität eingebüßt zu haben. Das Spiel wirkt genauso pointenreich, humorvoll wie abgründig. Immer noch ziemlich ungezähmt und sanguinisch und bei aller hinzugewonnenen Reife nicht glatter, sondern noch frischer und mutiger.

Nun kam bereits Magnetbandtechnik zum Einsatz, man musste also keine Schellackplatten digitalisieren wie 1940. Das macht sich im Klang sehr deutlich bemerkbar. Es klingt klarer, deutlicher, dynamischer, weicher, offener, störungsfreier und wärmer. Die Flügel erklingen nun unverzerrt und sogar recht plastisch vor das Orchester gestellt. Die elf Jahre brachten einen gewaltigen technischen Fortschritt. Schade, dass es von den Iturbis nicht noch eine Stereoaufnahme gibt. Uns hat ihre recht unkonventionelle perönlichkeitsstarke Darbietung ganz besonders gut gefallen.

 

Immerhin ließ sich der 1. und der 3. Satz bei YouTube finden. Auch in diesem Fall hat sich das Andante mutmaßlich irgendwo im Netz versteckt.

https://www.youtube.com/watch?v=mJcy4la_Vpo

https://www.youtube.com/watch?v=AFt8G5y2R4Q

 

 

5

Artur Schnabel, Karl Ulrich Schnabel

Adrian Boult

London Symphony Orchestra

EMI, History

1936

9:02  8:16  6:17  23:35

Nach unserer Recherche spielte Artur Schnabel mit seinem Sohn Karl Urich KV 365 als erstes Duo überhaupt für die Platte ein. Möglicherweise gibt es allerdings in diversen Rundfunkarchiven noch ältere Mitschnitte. Das war noch zu einer Zeit als die Musik Mozarts von Musikern noch als „seicht“ oder „niedlich“ unterschätzt wurde. Schnabel erkannte bereits früh die enorme Tiefe und Vielfältigkeit dieser Musik. Er prägte den bei vielen bereits längst bekannte Satz: „Kinder bekommen Mozart wegen der kleinen Menge an Noten; Erwachsene meiden ihn wegen der hohen Qualität der Noten.“ Sinngemäß zitiert.

In dieser Einspielung wird intellektuelle Klarheit gepaart mit unbändigem, fast ungestümem Vorwärtsdrang. Der typische Drang des Vaters harmoniert blendend mit dem absolut disziplinierten Spiel des Sohnes. Beide Stimmen kommen sehr deutlich zur Geltung und sind trotz Monoton gut zu unterscheiden. Er werden bereits die schlanken Mozart-Kadenzen verwendet, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht überall auf der Welt bekannt waren. Schnabel grub schon damals in den Salzburger Archiven, während beispielsweise Béla Bartók in Amerika eigene Kadenzen komponieren musste, weil ihm noch keine bekannt waren. Es wird sehr virtuos gespielt mit hervorragender Geläufigkeit. Boult und das LSO bringen hochdisziplinieren Elan mit ein. Die Basspräsenz (zumindest auf History) ist erstaunlich.

Das Andante klingt bereits straff und modern, wenig romantisch, klar und architektonisch. Man hört nur wenig Pedaleinsatz, nur wenig Rubato. Dafür klingt es dynamisch, kontrastreich und rhythmisch exakt. Boult nimmt den Faden auf und lässt das Orchester trocken und ebenfalls klassisch klingen. Die hellklingenden Oboen geben ihr Bestes. Wenig Schmelz und Wärme, ganz ähnlich wie bei den beiden alten Aufnahmen mit Badura-Skoda und seinen beiden Partnerinnen. Die Klarheit ist bestechend, wobei es durchaus kantabel und emotional wirkt, aber eben doch mit einer gewissen noblen Distanz.

Im Rondo plätschert die Musik nicht gefällig dahin, sondern es entspinnt sich ein zupackender, spannungsreicher, hochgradig vitaler Dialog. Vater und Sohn verblüffen mit völliger Übereinstimmung in Phrasierungsdetails, lassen dasselbe Timing hören und scheinen völlig synchron zu atmen. Dieser Mozart wirkt sprühend, geschärft und sehr lebendig. Das ist kein Süßigkeiten-Mozart. Da wurde gleich die erste Einspielung zu einem zeitlosen Meilenstein.

Obwohl ursprünglich auf 78er Schellackplatten gebannt, die man digitalisieren musste, klingt es verblüffend gut. Das ist eine hochprofessionelle Aufnahme unter den damals bestmöglichen Bedingungen im Abbey Road Studio No. 1. Die Durchhörbarkeit der beiden Flügel gelingt erheblich besser als bei anderen Monoplatten, gerade wenn sie dann auch noch live eingespielt wurden. Bei EMI gibt es noch ein hintergründiges Restbruzzeln von den alten Platten zu hören, bei History ist auch das wie auch die letzte Verzerrung völlig eliminiert und die Musik erklingt fast gänzlich ungestört. Die Flügel bereits erstaunlich brillant. Geradezu gespenstisch plastisch, denn wir schreiben das Jahr 1936.

Übrigens gibt es noch eine Aufnahme mit Karl Urich Schnabel und seiner Ehefrau Helen. Auf sie kommen wir später noch kurz zu sprechen.

 

Das ist die Aufnahme mit Vater und Sohn Schnabel:

https://www.youtube.com/watch?v=9Cgrl5bROvQ

 

 

 

 

4-5

Clara Haskil, Géza Anda

Paul Burkhard

Studio Orchester Beromünster

Tahra

1954

10:05  7:38  6:59  24:42

Beromünster ist im idyllischen Wynetal in der Nähe von Luzern gelegen. Da stand aber, so wie wir das verstanden haben, eigentlich nur der riesige Sendeturm, Mittelwelle versteht sich, die älteren unter uns werden sich noch daran erinnern. Der Sender existierte von 1931-2008 und war so etwas wie die Stimme der deutschsprachigen Schweiz. Warum man dann die Studios in Zürich und Basel unterhielt und nicht in Luzern selbst, entzieht sich unserer Kenntnis. Während des Krieges war der Sender legendär wegen der Fülle von unzensierten Kriegsnachrichten. Daher war es in Deutschland verboten Radio Beromünster zu hören. Nach dem Krieg war er die Keimzelle des Schweizer Radios SRF, berühmt für akustisch hochwertige Konzertübertragungen (z.B. aus der Tonhalle in Zürich). Manch einem wird der Name Paul Burkhards nichts mehr sagen. Er war von 1945-57 Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchesters Beromünster. Jeder ältere unter uns kennt wahrscheinlich noch seinen Hit „Oh mein Papa“. Er war auch Komponist, vornehmlich der leichten Muse. Er übernahm damals den Posten statt Herrman Scherchen.

Die bei EMI erschienene Stereoeinspielung des Duos Haskil-Anda haben wir ja schon sehr weit oben in der Liste kennengelernt. Dasselbe traumhafte Perlen von zeitloser Eleganz, würdig und uneitel und das perfekte Zusammenspiel gibt es genauso in Zürich 1954 zu hören. Wir hören das ultimative „Gespann“ für Mozarts KV 365 der Nachkriegszeit. Jeder für sich selbst pianistische Extraklasse und in idealer Ergänzung der Partner zueinander. Das Orchester bringt sehr hohes, kammermusikalisches Niveau mit. Es gibt auch noch eine dritte Einspielung mit den beiden, dieses Mal live und mit Publikum. 1957 in Salzburg. Davon später mehr.

In Zürich geht es im Andante etwas zügiger zu, es klingt schlank, frisch, federnd und beredt. Kein Ton wird künstlich beschwert, nichts auch nur einen Hauch aufgeblasen. Musik gewordene stille Größe, wo würde der Begriff besser passen als bei Clara Haskil und Géza Anda ordnet sich hervorragend ein. Die Oboen klingen damals auch in Zürich noch dünn und hart.

Wie später in Salzburg klingt das Orchester kraftvoll, aber durchaus noch akzentuierter. Meist wird jedoch leise, enorm klar, hellwach und frisch gespielt. Da weht der uneitle Geist der Wiener Klassik. Und man hört etwas mehr Schweizer Präzision als beim Salzburger Mitschnitt, es klingt aber etwas kühler, die Salzburger etwas wärmer und musikantischer, Haskil und Anda in der Schweiz noch ein bisschen enger musikalisch miteinander verzahnt. Mit erhabener Vollkommenheit. Im Ausdruck noch ein wenig schüchterner als in Salzburg.

Der Monoton wirkt klar und lässt die Violinen silbrig hell erklingen. Bässe sind in dieser Aufnahme kaum zu hören, wie damals genauso bei den deutschen Rundfunkanstalten. Und genauso auch noch etwas klinisch und steril. Der auch räumlich erfahrbare Dialogcharakter bleibt leider technikbedingt auf der Strecke.

https://www.youtube.com/watch?v=tZU6gTlaJN0

 

 

4-5

Clara Haskil, Géza Anda

Bernhard Paumgartner

Camerata Academica Salzburg

Orfeo

1957, live

10:06  8:18  6:59  25:23

Obwohl auf der CD eine Stereoaufnahme in Aussicht gestellt wird, handelt es sich um eine Monoaufnahme. Es handelt sich um einen Teil einer Mozart-Matinee, die im Rahmen der Salzburger Festspiele im Mozarteum vom Österreichischen Rundfunk ORF aufgenommen wurde. Das Orchester spielt lebendig und differenziert, die Holzbläser sind gut zu hören. Das Holz sticht im f immer ein wenig heraus, scheint wie vor den beiden Flügeln platziert, da ist man der EMI-Aufnahme mit dem Phiharmonia Orchestra deutlich unterlegen, aber davon haben wir ja auch die Stereoversion gehört. Wir hören dann wieder außerordentlich kultiviertes Klavierspiel von höchster Anschlags- und Phrasierungskultur. Die beiden Flügel sind, obwohl virtuell durch die Monoaufnahme an genau derselben Stelle stehend, noch gut zu unterscheiden. Haskil mit unnachahmlicher, fast schwerloser Poesie, Anda farbiger und rhythmisch vielleicht etwas gespannter und feuriger. Der Unterschied zwischen den beiden wirkt in diesen Bereich größer als in London. Beide spielen in Salzburg mit einer gewissen „singenden Wärme“. Was wohl eher am Klang der Aufnahme liegen mag. Da werfen sich keine zwei Ballmaschinen die Bälle zu, sondern es wird ein Gespräch unter völlig verschiedenen Menschen geführt, vielleicht ein kleines bisschen leidenschaftlicher, doch immer noch klassisch vollkommen ausbalanciert. Anscheinend lässt Paumgartner die Zügel etwas lockerer. Oder es liegt an der Live-Atmosphäre.

Im Andante klingen die beiden Flügel ähnlich wie bei Seemann-Foldes, nämlich wie gestochen. Das kommt vom brillanten, außerordentlich klaren Anschlag und dem zurückhaltenden Pedalgebrauch, aber auch von der trockenen Akustik der Monoaufnahme. Die Oboen klingen 1957 auch in Salzburg noch dünn und recht hart im Ton. Das Tempo ermöglicht ein beseeltes Spiel, bei dem gegenüber der 54er Aufnahme mehr Melancholie einfließt. Es wird etwas freier phrasiert.

Im Rondo wirkt die Gangart gemäßigt, vornehm, beredt und erneut von bestechender Klarheit, was das Klavierspiel angeht. Live-Spontaneität bringt nun am ehesten das Orchester. Auch insgesamt gibt etwas mehr Spielfluss und Spontaneität als in der Schweiz.

Der Klang der Aufnahme lässt die beiden Flügel fast so hören, als ob sie in einem eigenen Raum spielen würden. Und zwar hinter dem Orchester. Das Orchester steht weit vorn und dominiert vor allem im f das Klangbild. Insgesamt klingt es rau und wenig dynamisch. Ein bisschen topfig und schrill bei den Violinen, die einen recht schwach besetzten (mengenmäßig, nicht qualitativ) Eindruck machen und hart klingen. Das Orchester klingt trocken. Die Flügel bekommen etwas mehr Raum oder „Luft“ zugebilligt. Aufnahmetechnisch bekommt die ORF-Aufnahme obgleich ein Jahr jünger, keinen Stich gegen die EMI-Studioaufnahme. Die Geräusche vom Publikum sind überaus deutlich.

 

Von dieser Live-Aufnahme haben wir leider nur den ersten Satz gefunden:

https://www.youtube.com/watch?v=6rJBaNax21U

 

 

4-5

Robert Casadesus, Gaby Casadesus

Dmitry Mitropoulos

New York Philharmonic Orchestra

AS, Archipel, JPK,

1955, live

9:53  6:27  6:21  22:41

Die Aufnahme fand Live in der Carnegie Hall in New York ungefähr einen Monat vor der Aufnahme für Columbia (CBS) in Cleveland statt.

Mit Mitropoulos am Pult klingt der Orchesterpart expressiver und vielleicht noch zupackender als mit Szell oder Ormandy. Vielleicht könnte es das Orchester tatsächlich mit dem Cleveland Orchestra aufnehmen, wenn man es genauso gut hören könnte. Am Klavierspiel der beiden Eheleute ändert sich nicht viel. Roberts´ Kadenz aus den beiden Studioaufnahmen findet auch in New York Verwendung.

Im Andante herrscht trotz gleichen Tempos eine erheblich dramatischer und vorantreibendere Wirkung und das Klavierduo lässt sich ein wenig von Mitropoulos´ Geist anstecken.

Das Rondo klingt noch feuriger und zupackender als bei Szell, was auch die Casadesus´ kraftvoller und etwas spontaner agieren lässt. Ob es an Mitropoulos Temperament und Leidenschaft liegt oder an der Live-Atmosphäre? Klaviertechnisch klingt diese Darbietung ebenfalls perfekt. Auch im Rondo dieselbe kurze Kadenz wie im Studio. Seltsam, dass Mitropoulos außer beim „Don Giovanni“ mit Mozart nicht so sehr reüssieren konnte, oder kennt man die alten Aufnahmen nur nicht mehr, falls es sie gibt?

Das Orchester klingt recht hell und frisch, die Violinen manchmal gepresst, das Orchester generell etwas dumpf und besonders zur Cleveländer Aufnahme stumpf. Casadesus, Cleveland und Szell das passt irgendwie schon ziemlich optimal auch im Vergleich zu New York und Mitropoulos.

https://www.youtube.com/watch?v=T-V1O6NAoO8

 

 

4-5

Monique Haas, Ina Marika

Hans Müller-Kray

Südfunk-Sinfonieorchester Stuttgart (heute: SWR Sinfonieorchester)

SWR Classic Archive

1953, live

9:28  7:35  6:30  23:33

Diese Aufnahme fand im Waldheim Degerloch statt. Da gab in der Nachkriegszeit die wichtigste Spielstätte des Orchesters, bevor 1956 der neue Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle zur Verfügung stand. In den Trümmerjahren wurde der Auftritt der beiden Pianistinnen aus dem ehemals verfeindeten Frankreich als eine echte Sensation empfunden.

Wir sind nun wieder voll drin in der französischen Klavierschule, da klingt es klar und schnörkellos. Beide Pianistinnen spielten bereits häufig im Duo zusammen, ohne dass man von einem festen Klavierduo reden könnte. Dazu war die Solokarriere von Monique Haas zu ausgeprägt. Madame Haas spielt klar mit einem beinahe kristallinen Anschlag und bildet einen perfekten Kontrast und doch zugleich ideale Ergänzung zu Ina Marikas feinsinnigen, runden und etwas sonoreren Begleit- und Wechselspiel. Irgendwie bekommen es die beiden hin, extrem homogen und zugleich spritzig und lebendig zu spielen. Wenn man jetzt gedacht hat, dazu würde das damals noch mitunter biedere deutsche Spiel des Stuttgarter Klangkörpers sich nicht so recht passen, der wird eines Besseren belehrt. Es spielt straff und sauber, zwar nicht so perfekt wie das Cleveland Orchestra, aber alle Achtung. Es gibt zwar immer noch den typischen, etwas blassen und mageren Klassizismus-Klang der Rundfunk-Nachkriegsära, aber mit so viel Geschmeidigkeit, Rücksichtnahme und manchmal sogar federnder Eleganz war nicht zu rechnen. Die beiden Französinnen werfen sich die Bälle sehr beschwingt zu, besonders in der rasanten Kadenz, und ihre Läufe und Triller sind eng verzahnt. Da ist viel französischer Esprit nach Degerloch gekommen. Vielleicht ließ man sich von der Eleganz aus Paris bezaubern? Die beiden Damen waren bei ihrem Auftritt 44 bzw. 42 Jahre jung.

Im Andante nehmen wir das Duo als gleichwertig wahr, da klingt es ganz zart und bestens abschattiert. Der klare Klang der Fügel ist völlig frei von wohliger Schönfärberei, doch weich und nie auch nur ansatzweise teigig im Anschlag. Wir hören eine Art klassizistischer Noblesse in Reinkultur, schlank und strukturiert. Da ist schon ein Unterschied zu hören zum schmelzenden und ein bisschen wehmütigen Klang der Wiener Schule und zum Klang der russischen mit dem farbigen, dunklen, sonoren Klang sowieso.

Das Rondo bringt ein gefühlvolles Orchesterintro, zügig aber nicht überhastet, doch bereits wieselflink. Wir hören zumeist eine nahtlose, perfekt ausbalancieret, enorm präzises und synchrones Spiel der Pianistinnen. Zudem gibt es eine „Deutungsgleichheit“, die allerdings Grundvoraussetzung für ein gutes Duo-Spiel ist. Hier wirkt so ziemlich alles perfekt getimt. Wie aus einem Guss, Das Orchester hatte sich erfreulicherweise auf das Event im Walde mit den beiden Gästen aus Frankreich sehr gut vorbereitet.

Das Monoklangbild ist ganz exakt auf die Mitte ausbalanciert, daran merkt man, dass beim Remastering der alten Aufnahme Profis am Werk und keine „Automatik“ die Arbeit gemacht hat. Es klingt sehr präsent und sehr trocken (d.h. resonanzarm). Eine gewisse Wärme im Klang ist vorhanden. Mitunter sind deutliche Huster während der Darbietung zu hören. Der Saal war übrigens eine solide Holzkonstruktion, die das Bombardement der Landeshauptstadt wahrscheinlich durch die abseitige Lage im Wald schadlos überstanden hatte, ein eigentlich provisorisch umfunktioniertes Ausflugslokal, das es übrigens heute noch gibt.

 

4-5

Jörg Demus, Helmut Brauss

Hans Müller-Kray

Südfunk-Sinfonieorchester Stuttgart (heute: SWR-Sinfonieorchester)

SWR Classic Archiv

1964

9:46  7:53  6:52  24:31

Anders als die vorherige Einspielung, die wahrscheinlich direkt über den Sender ging, war diese Aufnahme eine Studioaufnahme für das Archiv des Senders. In Stuttgart wurde auch 1964 immer noch in Mono aufgenommen, obwohl bereits 1963 auf der Berliner Funkausstellung die Stereophonie offiziell als eingeführt vorgestellt wurde. Der damalige Intendant des SWR, d.h. damals hieß der Sender ja noch SDR war jedoch ein scharfer Stereo-Gegner und lehnte den Umbau strikt ab. Er hätte ca. zwei Mio. DM gekostet und er vermutete zurecht, dass das gerade erst aufgebaute Mono-Archiv dadurch entwertet worden wäre. Bis Ende der 60er Jahre konnten erst zwölf Prozent der deutschen Radiohörer Stereoton empfangen. Flächendeckend gab es ihn erst in den 80er Jahren. Und da wundert man sich jetzt, dass sich die deutsche Autoindustrie nicht schnell genug auf neuen Gegebenheiten einstellt…Nun, wir weichen vom Thema ab und zwar ganz gehörig.

Jörg Demus, damals ungefähr Mitte 30, gehörte mit Friedrich Gulda und Paul Badura-Skoda zur sogenannten „Wiener-Dreifaltigkeit“. Wir hatten vielleicht in einem vorherigen Vergleich Alfred Brendel ebenfalls zu den damaligen Wiener Top-Pianisten gezählt, dabei gehörte er offiziell gar nicht dazu, denn er wurde nicht in Wien geboren, sondern in Mährisch-Schönberg (Tschechien, bis 1918 zu Österreich-Ungarn). Zudem wuchs er auch noch in Jugoslawien und Graz auf. Er kam also zu spät nach Wien, um als echter Wiener zu gelten. Ihm fehlte der rechte „Stallgeruch“ der gemeinsam in Wien verbrachten Kindheit, der wohl von den anderen drei ausgeht, so mussten wir uns belehren lassen. Die drei genannten gingen zu Bruno Seidlhofer in die Klavierklasse bei dem auch Margarita Höhenrieder später noch studierte. Brendel soll dagegen im Wesentlichen Autodidakt gewesen sein, studiert zwar später noch bei Edwin Fischer und Eduard Steuermann, soll aber nicht den einen prägenden „Über-Lehrer“ gehabt haben. Das Nostalgische war ihm fremd und er siedelte schließlich 1970 nach London über. Doch nun wieder zurück zu Jörg Demus und seinem Partner am 2. Flügel.

Wer kennt heute noch Helmut Brauss? Er war Deutscher (wichtig zu nennen bei all den Wienern und Fast-Wienern) und damals wie Demus ebenfalls erst Anfang 30. Schüler von Elly Ney und Edwin Fischer. Er machte später in Kanada Karriere, wurde Professor in Alberta und Gastprofessor in Tokio. Man kannte ihn also einmal. Er ist Verfasser des Buches „der singende Klavierton“.

Beide spielen das Werk mit glasklarer Phrasierungskunst, glasklarem Stil und glasklarem Anschlag. Der erste Satz wirkt klassisch kontrolliert und präzise. Das Orchester übernimmt diesen Stil. Insgesamt klingt es recht frisch und dem Werk angemessen. Müller-Kray lässt trotz des zügigen „Rundfunktempos“ den beiden Solisten genügend Freiheiten, damit sie ihre natürlich wirkende Eleganz verbreiten können. Das Orchester bleibt aufmerksam und nicht metronomisch starr. Immer wieder seltsam mutet die Gesprächssituation an, wenn das Gespräch der beiden Flugel gemeinsam aus der Mitte kommt. So wird aus dem Zwiegespräch ein Selbstgespräch. Rhetorisch bleibt es vielsagend, also eloquent. Das spricht für die beiden Könner an den Flügeln. Gegenüber den beiden Französinnen elf Jahre zuvor wirken die beiden Herren eher rhetorisch interessiert und weniger perlend.

Das Rondo erklingt beschwingt und tänzerisch.

Die Aufnahme ist also eine sehr späte Monoproduktion aus der großen grauen Rundfunk Archiv-Kiste. Sie klingt bereits offen, aber immer noch monoaural. Auch sie ist ganz exakt in der Mitte zentriert. Es gibt ein „Einheitsklavier“ mit 20 Fingern.

 

4-5

Emil Gilels, Yakov Zak (auch Sak geschrieben)

Kyrill Kondraschin

Staatliches Sinfonieorchester der UdSSR

Melodija, Hänssler

1949

9:39  7:32  6:37  23:48

Von Emil Gieles gibt es drei Aufnahmen des Stückes, dies ist die erste. Zwei weitere hat er mit seiner Tochter eingespielt bei der ersten in Wien mit Karl Böhm spielt es noch Klavier 1, bei der zweiten überlässt er Elena diese Stimme. Man kann es sehen, da es obwohl aus den 80er Jahren in mono, einen Film dazu gibt. Davon später mehr. Jetzt geht es erstmal in die Nachkriegsjahre. Zu Emil Gieles baucht man nun wirklich nichts zu schreiben, aber vielleicht zu Yakov Zak. Er war (wie sehr viel später noch Radu Lupu) Schüler von Heinrich Neuhaus. Genau wie Emil Gilels. Da lernte man sich sicher bereits kennen und bildete in den 40er und 50er Jahren ein Klavierduo. Einige Aufnahmen zeugen davon. 

Kondraschin lässt in allen Sätzen schneller spielen als Karl Böhm in Wien, zupackender und direkter. Wir hören zwei Alpha-Pianisten, die sich gegenseitig anfeuern und sich in einen hochvirtuosen Wettstreit begeben, ganz anders als wir es in der Zusammenarbeit mit Tochter Elena hören können. Man befindet sich auf Augenhöhe und lässt sich von viel Energie mitreißen, allerdings bei gleichzeitiger rhythmischer Prägnanz. Feinsinnigkeit und liebevolles Geben und Nehmen gibt es 1949 weniger. Gespanntes Interagieren dominiert, ohne auch nur einen Hauch zu verkrampfen. Ein Duell von zwei Klavier-Titanen, so würde es in der Bild-Zeitung stehen.

Im Andante herrscht große Eintracht, klanglich hören sich die beiden zum Verwechseln an, beide spielen gleichermaßen differenziert, sogar die Oboen bemühen sich um Schönklang. Das will im Moskau des Jahres 1949 viel heißen. Das hebt den Satz in seiner gesamten Ausstrahlung beträchtlich an, denn er ist ja sowas wie eine verkappte Sinfonia concertante.

Im Rondo hören wir wieder „großes“ Mozartspiel russischer Provenienz. Das klingt dann dramatischer wie üblich und sehr dynamisch. Klanglich hat die russische Aufnahme keine Chance gegen den Klang der DG-Aufnahme, weshalb man sich sogar bei Melodija die Lizenzrechte an der Gilels-Böhm-Zusammenarbeit gesichert hat. Die Spielweise des Pianisten hat sich über die Jahre (nicht nur durch Hinzunahme der Tochter als Duopartnerin) beträchtlich geändert.

Wir hören einen störungsfreien, unverzerrten Monoklang, der sich auch heute noch ganz passabel hören lassen kann. Es gibt kein rauschen, kein knistern, es gibt gegenüber der Wiener Aufnahme von 1973 aber eigentlich auch kaum eine klangsinnliche Komponente.

https://www.youtube.com/watch?v=T-V1O6NAoO8

https://www.youtube.com/watch?v=UytK3OI7nWo

https://www.youtube.com/watch?v=G4EwwS-cOBQ

 

 

4-5

José Iturbi, Amparo Iturbi

José Iturbi

Rochester Philharmonic Orchestra

Columbia-Sony

1940

9:41  7:09  7:11  24:01

In der ersten Einspielung des älteren Bruders mit der jüngeren Schwester wurde das digitale Master noch durch die Überspielung von drei Schellackplatten hergestellt. Es klingt im Orchestervorspiel bereits spannender und dynamischer als beim Ehepaar Schnabel. Das Spiel ist nun noch etwas nähmaschinenhaft von der Motorik der Komposition (wie beim Ehepaar Schnabel) geprägt, eine Eigenschaft, die man in der zweiten Einspiekung 1951 minimieren konnte. Aber bereits 1940 klingt es dynamischer, vitaler und risikobereiter als bei den Eheleuten Schnabel. In Sachen Perfektion und „blindem“ Zusammenspiel unterscheiden sich die beiden Paare kaum. Beide sind eingespielte Duos. José war bereits Amparos Lehrer.  Und prägte ihre musikalischen Instinkte mit. Er war übrigens zu seiner Duokarriere mit Amparo auch 1935-44 Chefdirigent des Orchesters aus Rochester und ein zu seiner Zeit berühmter Hollywood-Schauspieler. Heute sind uns seine Filme vielleicht nicht mehr so gegenwärtig, vielleicht auch nur wegen der englischsprachigen Titel. José behauptete übrigens immer und trotz seiner Berühmtheit, dass seine Schwester die bessere Pianistin sei. José hat eigene Kadenzen verfasst, die auch in der zweiten Einspielung noch einmal zu Ehren kommen. Einfallsreich, leidenschaftlich und ohne mit Mozart zu brechen.

Das Andante wird zu einem rubatoreichen, intimen Zwiegespräch. Hier fließt die Musik nicht starr und unbeweglich dahin, sie atmet und die Antworten im Duo wirken wie spontane Reaktionen. Da helfen vielleicht sogar die Erfahrungen als Schauspieler. Es klingt empfindsam und romantisch mit warmer Tongebung. Im Mittelteil klingt es deutlich zupackender, sodass der Satz als Ganzes deutlich weniger Oase der Ruhe als vielmehr emotionales Herzstück des ganzen Konzertes wird.

Das Rondo klingt weniger höfisch als dramatisch, zupackend und vorwärtsdrängend. Mit der Lust auch mal an die Grenzen zu gehen. Da wird nicht steril synchronisiert, sondern mit spontaner Risikobereitschaft. Ob tatsächlich ein Risiko bestanden hat, darf allerdings bezweifelt werden, es wirkt nur so. Die Kadenz wirkt virtuos und feurig. Dass da feurige Spanier am Werk sind, ist also kein Klischee. Winzige Beschleunigungen und federnde Verzögerungen verhindern den Uhrwerk-Charakter und verstärken eine tänzerische, etwas wilder als üblich anmutende Darbietung.

Die Schellackplatten wurden gut „entstört“, ohne dem Klang viel Lebendigkeit zu rauben. Die Klaviere könnten gegenüber dem Orchester besser (d.h. besonders: lauter) zur Geltung kommen. Die Flügel klingen leider im ff oder/und im Diskant verklirrt und etwas hart. Das Holz bleibt undeutlich. Für eine Aufnahme von 1940 ist die Aufnahme noch gut anzuhören, wobei sie nicht an die Deutlichkeit der EMI mit Vater und Sohn Schnabel von 1937 herankommt.

 

4-5

Thierry de Brunhoff, Reine Gianoli

Louis Auriacombe

Orchestre de Chambre de Toulouse

Vega

1961

11:02  8:23  7:37  27:02

Reine Gianoli ist uns bereits durch ihre Aufnahme des 2. Klavierkonzerts f-Moll von Chopin bekannt. Sie war bei dieser Aufnahme 45 und hatte ihren 26jährigen Schüler an ihrer Seite. Wie in ihrer ersten Aufnahme mit Paul Badura-Skoda spielt sie selbst das 2. Klavier. Thierry de Brunhoff lernte außer bei Reine Gianoli, die mehr seine Mentorin war bei Alfred Cortot und Edwin Fischer. Brunhoff ist übrigens der Sohn von Jean de Brunhoff, dem wir die weltberühmte Kinderbuchfigur “Barbar der Elefant“ verdanken. Seine Karriere als Pianist entwickelte sich gut bis er 1974, auf dem Höhepunkt seines Pianisten-Ruhms die Musikwelt verließ und als Benediktinermönch in die Abtei En-Calcat in Südfrankreich eintrat. Die langjährige Schüler-Lehrerin/Mentorin-Verbindung steht für den vertrauten, symbioseartigen Ausdruck des Spiels dieser Einspielung, die leider nur monaural vorlag.

Der erste Satz erklingt zügig, hochvirtuos und behände. Auffallend aber gut erklärbar ist die Verwendung der Kadenz von Edwin Fischer statt der Originalkadenz Mozarts. Sie erklingt als spätromantisches Kraftpaket mit chromatischen Modulationen, die man bei Mozart nicht erwarten würde, sodass aus der glasklaren, französischen Spieltechnik plötzlich ein rauschhafter, dichter Dialog wird. Da weht wieder der Geist Edwin Fischers (denken wir nur an seine „schräge“ 12-Ton-Kadenz von KV 491), wenn auch nicht ganz so extrem. Er war Lehrer von Gianoli und Brunhoff. Er nutzt einfach den ganzen Klang des modernen Flügels aus. Fischer war kurz vor der Aufnahme 1960 gestorben und beide Schüler wollten ihm so sicher ein kleines Denkmal in Musik setzen. Die Kadenz macht einen monumentalen Eindruck, wie bereits in Fischers eigener Aufnahme (und einigen anderen) und ist immer wieder was Besonderes.

Das Andante erklingt ruhe- und stimmungsvoll doch innig und intensiv. Klar und perlend, hell und zumeist sonnig, doch nicht gänzlich ungetrübt, nicht serenandenhaft-leichtgewichtig. Klanglich hören wir eine ideale Partnerschaft.

Im Rondo ist das Musizieren auf Augenhöhe wieder sehr präsent, ungemein stilvoll aber mit gebremstem Feuer. Mit der zweiten Kadenz Fischers greift man im Rondo wieder die harmonische Kühnheit der ersten auf und fliegt mit ihr ins nächste Jahrhundert. Darin wird das spritzige Rondo-Thema in einem dichten, fast dramatischen Gewebe verwandelt. Durch die Kadenzen kommt der Einspielung ein besonderer Repertoirewert zu.

Warum die Aufnahme nur als Mono-Aufnahme vorliegt ist uns nicht bekannt. Sie klingt aber offen, die Violinen etwas drahtig. Der räumliche Dialog unterbleibt leider aus technischen Gründen. Immerhin lässt sich die Basslinie ganz gut verfolgen. Störungen gibt es keine.

 

4-5

Paul Badura-Skoda, Reine Gianoli

Hermann Scherchen

Orchester der Wiener Staatsoper

Archipel

1951

9:48  7:47  7:26  25:01

Dies ist bereits die zweite Aufnahme von Paul Badura Skoda. Die erste Live-Aufnahme datiert von 1949 und erfolgte mit Dagmar Bella am 2. Klavier und Wilhelm Furtwängler, der die Wiener Philharmoniker dirigierte.

Die Flügel klingen in dieser Aufnahme viel weicher, voller und runder als in Gianolis späterer Aufnahme. Das liegt wahrscheinlich an den in Wien favorisierten Bösendorfer-Flügeln. Auch wenn man eine andere Aufnahme der französischen Schule noch im Ohr hat, die mit Monique Haas und Ina Marika, wird der Unterschied deutlich. Der Vortrag wirkt so gesanglicher, wobei sich die Cortot-Schülerin mit ihrem feinsinnigen Spiel nur wenig aber hörbar von Badura-Skoda absetzt. Gerade bei Monoaufnahmen ist das wichtig, denn sonst kann man die Stimmen kaum unterscheiden. Sie hat sich dem vollen, runden, Wiener Klang aber weitestmöglich auch in der Spielweise angepasst. Vom ansonsten weitgehend identischen Bösendorfer-Klang mal ganz abgesehen. Paul Badura-Skoda war damals der Vorzeigepianist bei Westminster und galt mit Brendel als die große Klavierhoffnung für die Zukunft. Das Orchester unter Hermann Scherchen klingt analytisch und kantig, doch wie von Scherchen gewöhnt sehr durchzugskräftig. Der Orchesterpart wird durchaus im stilistisch möglichen Rahmen expressiv und modern aufgeladen. Klanglich macht das Orchester einen authentischen Eindruck. Die Instrumentenwahl bedingt jedoch den stärksten Unterscheid beim Klangeindruck gegenüber Stuttgart oder Toulouse. Während die Steinways obertonreich strahlen und kraftvoll, präsent und perlend durch die trockene Akustik hervorkommen, klingen die Bösendorfer dunkler, singender. Besonders Reine Gianoli, die ja die meistens tiefere Stimme ausführt wurde dabei besonders gefordert um gegen die schroffen Orchestereinsätze Scherchens anspielen zu können.

Das Andante erklingt nobel, warm, in den Höhen gedeckt und gefühlvoll. Man vermeint manchmal schon historisch orientierte Ausrufezeichen zu erkennen. Der Melancholie wird Raum gegeben. Sehr ausdrucksvoll.

Leider konnte man eine passagenweise leichte Verzerrung im Diskant der Bösendorfer und im Orchester bei den Violinen gerade im Rondo nicht verhindern.

Die Klangqualität entspricht in etwa der Stuttgarter von 1953, Die Flügel klingen etwas runder und nicht so kristallin wie dort. Es klingt wie dort präsent und intim, an Raumklang kommt in Wien noch weniger rüber. Man erhält einen dichten „Blick“ auf die eng verzahnten, verschmolzenen Flügel.

 

Von dieser Aufnahme haben wir leider nur den 1. Satz bei YouTube gefunden:

https://www.youtube.com/watch?v=w00SKvKq9kU

 

 

4-5

Elena Gilels, Emil Gilels

Vyacheslav Ovchinnikov

Moscow Academic Symphony Orchestra (nicht wie oft behauptet: UdSSR State Symphony Orchestra)

YouTube

1983, live

10:40  8:15  7:12  26:07

Diese Aufnahme wurde offensichtlich für das Fernsehen der UdSSR aufgenommen, denn der Klang erscheint an den Monoklang der damaligen Fernseher angepasst zu sein. Es gibt ihn zumindest in unserer Quelle YouTube nur in Mono. Wie in Wien spielt das Orchester in großer Streicherbesetzung, sodass es im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums sattes, großsinfonisches Spiel mit einem wuchtigen Fundament gibt. Ganz weit von den Erkenntnissen der HIP entfernt. Gegenüber Wien gab es eine Rochade bei den Klavierstimmen. Tochter Elena hat nun das 1. Klavier übernommen. Emil übernimmt nun die Antwort-Rolle. Elena legt vor. Die beiden Flügel werden trotz des Monoklangs sehr gut vom Orchester abgehoben, leider gibt es keine räumliche Dialogsituation, wodurch allein die ganze Aufnahme bereits hinter die Wiener Aufnahme von 1973 zurückfällt. Elena spielt enorm kraftvoll, fast wie der Vater, der jetzt die majestätischen Antworten beisteuert. Er sitzt zwar jetzt am 2. Klavier, das heißt aber nicht, dass er kleinbeigibt. Das hat Elena aber 1972 auch nicht gemacht. Man befindet sich in dieser Konstellation immer noch auf Augenhöhe. Elena studierte bei Yakov Flier, aber auch bei ihrem Vater. Wir hören nun eine gereifte Pianistin von Weltrang, die allerdings zumindest im Westen diskographisch nicht weiter hervorgetreten ist. Das Duo hat immer noch Weltklasseformat. In audiophiler Hinsicht müssen wir jedoch einen krassen Rückschritt gegenüber der Wiener Aufnahme hinnehmen, allerdings gibt es im Tausch dafür die Filmaufnahme. Das Bild wirkt jedoch sehr unscharf. Es wird übrigens nach wie vor die Salzburger Instrumentierung gespielt, bei der Besetzungsstärke hätte man dann ja auch gleich die Wiener Fassung wählen können. Pauken, Klarinetten und Trompeten fehlen also weiterhin. Samtene Wucht klingt bei Bedarf hervor, nach wie vor kein metallischer Glanz. Die Tempi der Böhm-Aufnahme werden beibehalten. Das Klischee einer nur zart spielen könnenden Frauenhand wird von Elena Gilels wirksam durchbrochen.

Im Andante klingt das Orchester warm und voll, es dient jedoch weitgehend als „Begleitbett“. Das blinde Verständnis von Tochter und Vater mündet in innig-ernsthaftem Musizieren ohne jeden Showeffekt. Da klingt nur Mozart allerdings im Gewand des frühen 20. Jahrhunderts.

Im Rondo gibt es keinen Unterschied im Gestus zu Wien 1973. Es klingt jedoch weniger glanzvoll und undifferenzierter. Die Wahl der Aufnahme fällt also ganz leicht, wenn die beiden Gilels bestmöglich hören möchte. Nur wenn man sie sehen möchte geht es auf nach Moskau.

Die Aufnahme in Mono bietet naturgemäß keine Ortung der beiden Flügel, wirkt ansonsten noch recht transparent und einigermaßen gut ausbalanciert mit leichtem Übergewicht bei den Flügeln gegenüber dem Orchester. Das Bild ist unscharf, HD-Qualität darf man nicht erwarten. Übrigens war Emil bei dieser Aufnahme 67 Jahre, Elena 35 Jahre alt.

 

Bei „Vladivostok 1969“ erhält man noch die beste Bildqualität:

https://www.youtube.com/watch?v=WKFMFWxih2g&t=387s

 

 

4-5

Edwin Fischer, Harry Datyner

Edwin Fischer

Orchestre Municipal de Strasbourg (heute: Orchestre Philharmonique de Strasbourg)

Tahra, Mangora, Maestro

1953, live

10:44  6:22  7:20  24:26

Harry Datyner ist ein Meisterschüler Edwin Fischers, der durch die Mitwirkung beim „Projekt“ KV 365 sozusagen musikalisch zum Ritter geschlagen wurde. Das Konzert wurde anlässlich des Strasbourg-Festivals im Palais des Fêtes mitgeschnitten. Es ist das einzige Dokument bei dem Edwin Fischer KV 365 spielt. Seine Kadenz ist verschiedentlich insbesondere von Schülern übernommen worden.

Im ersten Satz geht es nicht ganz ohne charmante Wackler zwischen den beiden Flügeln ab. Das Musizieren wirkt spontan und zwischen den beiden Generationen wirkt das Zuwerfen der musikalischen Bälle spannend. Selbstverständlich spielt auch Edwin Fischer seine eigene Kadenz. Das Orchester leitet der Pianist musikantisch, sehr lebendig, mitunter gar forsch.

Im Andante kommt es beim ff der Flügel durch die übersteuerte Aufnahme zu einem Scheppern. Es wurde damals angeblich auf Acetatplatten aufgenommen. Der Vortrag wirkt frei und poetisch, pianistisch nicht ganz makellos, was jedoch gegenüber dem musikalischen Gewicht zu einer eher unwichtigen Bagatelle wird. Der Satz wirkt arios-opernhaft ausgesungen, dramatisch, doch nicht ohne zarte Lyrik. Was sich in knapp über sechs Minuten alles singen lässt, ist schon erstaunlich! Nicht immer gelingt das Zusammenspiel der beiden Pianisten ganz synchron.

Das Orchester spielt im Rondo eher nur solide, wenngleich enthusiastisch. Allerhöchste Qualität hat es nicht und Edwin Fischer musste vielleicht dirigentisch mehr leisten als ihm recht war. Am Ende hört man einen nahezu frenetischen Applaus, so sehr, dass der dritte Satz wiederholt werden musste. Leider hat man die Wiederholung nicht mit aufgezeichnet, damit hatte man wohl nicht gerechnet, denn sie soll der Überlieferung nach noch freier, gelöster und feuriger gelungen sein.

Der Klang wirkt mulmig, er bietet nur wenig Höhenklang, sodass er weder brillant noch transparent erscheint. Das Klavier 1 klirrt mitunter.

https://www.youtube.com/watch?v=OdWqi8dcR_I

https://www.youtube.com/watch?v=eawwNkybDz0

https://www.youtube.com/watch?v=k_d-HgkaLYk

 

 

4-5

Vitya Vronsky, Victor Babin

Dmitri Mitropoulos

Robin Hood Dell Orchestra of Philadelphia (anderer Name für das Philadelphia Orchestra in seiner Sommerresidenz)

Columbia-Sony

1945

9:27  7:25  6:45  23:37

Das bei der Aufführung bereits seit 12 Jahren verheiratete ukrainisch-russische Klavierduo lernte sich beim gemeinsamen Studium bei Artur Schnabel und Franz Schrecker in Berlin kennen. Vitya spielt das 1. Klavier. Es gibt noch eine zweite Einspielung des Duos mit den gerade erst gegründeten London Mozart Players unter Harry Blech auf EMI. Wir konnte sie nirgends ausfindig machen.

Mitropoulos stürzt sich schnell, unruhig und vortreibend in den ersten Satz. Das Klavierduo gliedert sich dynamisch differenziert abgestuft mit klarem, doch recht warmem Klang ein und trifft sich mit der expressiven, hochromantisch wirkenden Haltung Mitropoulos´: frisch und unbändig virtuos. Es gibt eine eigene Kadenz, kurz, prägnant und stilvoll. Die Mozart-Kadenz wurde erst 1937 offiziell entdeckt sodass sie viele Pianisten anscheinend noch gar nicht kannten. Der historisch bereits stark interessierte Artur Schnabel kannte sie jedoch bereits 1936 durch eigenes Quellenstudium. Dann kam aber auch noch der Krieg dazwischen.

Das Andante wirkt dann als Ruhepol, verspielt und zart mit besonders schönen Trillern. Die Oboen klingen leider noch dünn und recht spitz. Ihr Klang lässt sich kaum mit der Stimmung des Satzes vereinbaren.

Im Rondo wird der Kehrauscharakter durch beschwingtes, federnd-virtuoses Spiel sehr deutlich gemacht. Leider stören auch hier die Oboen-Einsätze öfter mal. Das Orchester macht ganz schön Druck und spielt geradezu frontal drauflos. Kultiviert, nicht hemdsärmelig, schließlich handelt es sich um eines der besten Orchester Amerikas. Allerdings sucht man vielleicht doch etwas einseitig sein Heil in der Offensive. Die Babin-Kadenz im dritten Satz wirkt weniger kreativ als die im ersten.

Der Klang wirkt noch etwas dumpf, ähnlich wie die erste Aufnahme der Iturbis, die allerdings bereits von 1940 stammt. Es gibt jedoch weniger Verzerrungen. Durch das neue Remastering von 2022 klingt es recht frisch und dynamisch. Der Klang der Flügel wirkt plastisch, doch es fehlt an Fülle.

 

https://www.youtube.com/watch?v=cpdVvDkoiho 

 

 

 

4

Karl-Ulrich Schnabel, Helen Schnabel

Bernhard Paumgartner

Wiener Symphoniker

Epic, Fontana, Philips, Forgotten Records, Astory Classical

1955

8:37  8:35  5:56  23:08

Karl-Ulrich Schnabel hatte das Werk bereits durch das Studium und die intensive Zusammenarbeit mit seinem Vater Artur verinnerlicht. Diesen vom Vater geprägten strukturbewussten, textreuen und virtuos-schlanken Stil wurde von ihm und seiner Ehefrau übernommen, allerdings nicht 1:1. D.h. es gab weiterhin Verzicht auf romantischen Überschwang oder zeitspezifische Experimente. Man spielt nach wie vor die Mozart-Kadenzen. Aus der Vater-Sohn-Hierarchie mit mitreißend-angetriebener, energischer Vitalität wird nun ein eher kammermusikalisch verfeinerter aber auch erheblich glatterer Verlauf. Aus dem impulsiven Austausch von zwei verschiedenen Pianisten bei vollkommenem Zusammenspiel wird nun ein Spiel aus einem Herz, einer Seele und nur einem Klavierklang allerdings mit vier Händen. Es geht jetzt, so wäre es zu hoffen, noch demokratischer aber auch schnörkellos und gerader durch, fast wie miteinander verschmolzen. Das Orchester klingt 1955 noch richtig nach Wien und somit vielleicht doch authentischer als das LSO 1936, es phrasiert vielleicht noch geschmeidiger und weicher und es harmoniert gut mit dem Ehepaar Schnabel, aber es geht alles sehr gleichförmig und glatt durch. Ob das der „aufgeklärte Mozart“ der 50er Jahre war? Dazu klingt es doch zu brav und glattpoliert. Uns gefallen die Frische und die stürmische Art von Vater und Sohn dann doch entschieden besser. Da klingt es viel sanguinischer, spontaner, entdeckungsfreudiger und vitaler. Und der Klang war erstaunlicherweise 1936 nur unwesentlich schlechter, allerdings wurde er auch frisch restauriert.

Das Andante gefällt besser als der erste Satz, der betont motorisch und schnell leicht monoton wirkende erste Satz weicht einer hörbaren Klangrede. Während der erste Satz schneller genommen wurde, erklingt der zweite jetzt im langsamen Tempo etwas „romantischer“. Nach wie vor hören wir ein pianistisch perfekt eingespieltes ausgewogen klingendes Klavierduo, das sich blind versteht.

Im Rondo wird das Tempo von 1936 nochmals angezogen. Es klingt nun impulsiv aber auf Dauer hastig und distanziert wie im ersten Satz und ergeht sich in purer Perfektion und glatter Virtuosität. Diese Interpretation ist besonders in den Sätzen 1 und 3 schlecht gealtert.

Klanglich ist sie etwas klarer und nicht mehr ganz so auf die mittleren Frequenzen fixiert als die 1936er Aufnahme. Ein Gewinn ist aber am ehesten noch der etwas wärmere Orchesterklang. Der Klang ist aber insgesamt immer noch trocken und beim ff der Flügel auch mal minimal verzerrt.

 

4

Paul Badura-Skoda, Dagmar Bella

Wilhelm Furtwängler

Wiener Philharmoniker

Music and Arts

1949

9:44  7:56  6:40  24:20

Bei dieser Aufnahme liegt anscheinend kein offizieller Rundfunkmitschnitt vor, sondern ein privates Tondokument. Vielleicht ist da mehr oder weniger heimlich oder mit Billigung der Künstler mitgeschnitten worden. Schließlich befand sich der Mitschnitt im Privatbesitz von Paul Badura-Skoda. Es soll ihn sogar über Jahrzehnte in seinem Archiv aufbewahrt haben, bevor er ihn zur Restauration zur Verfügung stellte. Über die Jahre stellten sich jedoch sogenannte Kopiereffekte ein, manchmal glaubt man sogar ganz leise eine Sängerin zu hören, und auch Höhenverlust stellte sich ein. Aber selbst für 1949 ist die Klangqualität schlecht, es klingt ziemlich verzerrt und im Auditorium (Großer Musikvereinssaal) herrscht große Unruhe.

Dagmar Bella ist eine Tochter Wilhelm Furtwänglers aus einer der zahlreichen Affären Furtwänglers in dem Fall mit Mariska Bella. Wie man hören kann war sie eine sehr gute Pianistin. Badura-Skoda am 1. Klavier war erst 21 Jahre jung und startete mit diesem Konzert zu seiner internationalen Karriere. Die Aufnahme lässt das Orchester wie eine pürierte Gemüsesuppe klingen, während die beiden Flügel sehr deutlich zu hören sind. Da hat, wir nehmen es mal einfach an, Badura-Skoda zum Zwecke der nachträglichen Selbstüberprüfung wahrscheinlich selbst aufgezeichnet. Denn der Orchesterklang war dem Aufnehmenden nur wenig wichtig. Wilhelm Furtwängler selbst kann seine hochromantische Ader bei diesem Stück nur in kleinen Ansätzen einbringen. Er tut ihm jedenfalls keine Gewalt an, so viel kann man hören.

Im Andante ist die formgebend Dirigierweise Furtwänglers durchaus spürbar. Die konzertierenden Oboen und die beiden Klaviere gehen jedenfalls eine hingebungsvolle Liaison miteinander ein. Eine lieblich einlullende Ménage-à-trois, sozusagen. Nicht immer völlig synchron, wenn man das richtig hört.

Das Rondo erklingt angenehm zügig, sogar schneller als bei Scherchen. Ein kluges Gespräch unter Erwachsenen, mit frechen lausbubenhaften Ausbrüchen, viel Temperament und einigem Schneid.

Der Klang der Aufnahme kann keine Preise gewinnen. Er wirkt dicht, verrauscht, verzerrt und ungenau. Doch der Rahmen stimmt noch halbwegs, denn die beiden Klaviere klingen erstaunlich brillant. Dennoch ist das Hören kein (ungetrübter) Genuss. Das Bruzzeln ist meist genauso laut wie die Musik.

 

4

Bracha Eden, Alexander Tamir

Walter Süsskind

BBC Symphony Orchestra

YouTube

1978

10:45  7:41  6:59  25:25 

Auf der Suche nach einer Aufnahme, die das Decca-Klavierduo der 70er und 80er Jahre von KV 365 gemacht haben könnte sind wir bei YouTube auf zwei Aufnahmen gestoßen. Die erst war diese BBC-Aufnahme von der wir dachten, sie wäre sicher damals als Schallplatte veröffentlich worden. Das war allerdings eine Fehlannahme. Auf YouTube wurde sie von den Nachlassverwaltern des Duos, des Eden-Tamir Center in Jerusalem eingestellt, leider nur in Mono. Aus derselben Quelle stammt ein Live-Mitschnitt von 1985 aus dem Kölner Gürzenich mit dem damaligen Gürzenich-Kapellmeister Yuri Ahronovitch. Der klingt schon viel besser. Weil er schon stereophon eingestellt wurde haben wir ihn in der Radio- und YouTube-Liste untergebracht. Die einzige Schallplatte wurde übrigens anscheinend mit dem Haifa Symphony Orchestra aufgenommen mit Sergiu Comissiona. Für Pye ca. 1964-65 eingespielt. Die konnten wir leider unserer Sammlung nicht zuführen, sodass wir mit den beiden inoffiziellen Fundstücken vorliebnehmen müssen.

Das Duo war eine jahrzehntelang bestehende, platonische, künstlerische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Genauer gesagt bestand das Duo sage und schreibe 51 Jahre bis zum Tod Bracha Edens. Bei der Einspielung war Bracha Eden (Klavier 1) 50, Alexander Tamir 47 Jahre alt. Damals musizierten sie bereits seit 23 Jahren gemeinsam. Sie studierten übrigens zuletzt beim Duo Vronsky-Babin (siehe oben). Die Aufnahme soll angeblich im Maida Vale Studio im BBC Broadcasting House entstanden sein. Warum man dann nur eine Mono-Aufnahme erstellt hat, ist uns ein Rätsel. Vielleicht hat man dem Eden-Tamir-Center aber auch nur eine minderwertige Kopie zur Veröffentlichung zugespielt und selbst eine gloriose Stereoversion im Archiv behalten, damit sich keine Raubkopien breitmachen? Wie dem auch sei, wie nehmen es wie es nun einmal ist. Das Orchester spielt leicht drängend und straff. Leider klingt es leicht verzerrt. Das Spiel des Duos erklingt ebenmäßig und in vollkommener Ergänzung. Die festen Duos kennen das Stück in und auswendig. Schließlich ist die Literatur für Klavierduo und Orchester denkbar schmal. Die Kadenz klingt allerdings sehr unüblich. Stilistisch könnte sie, so chromatisch wie sie sich anhört sowohl von Brahms sein. Busoni oder Reineke kämen ebenfalls in Frage.  Sie ist anscheinend nicht eingespielt worden, jedenfalls können wir uns nicht an sie erinnern. Die spätromantischen Steigerungen und die blockhaften Akkorde würden eher zu Brahms passen, aber Reinecke der tatsächlich eine offizielle Kadenz zu KV 365 geschrieben hat, käme ebenfalls in Frage. Es würde aber auch nichts gegen eine Modifikation des Duos sprechen, es gibt leider kein Beiheft und auch sonst haben wir keine Informationen finden können.

Im Andante lässt sich Süsskind und das Duo Zeit. Schade, dass der unzeitgemäße Monoklang den eigentlich beredten Dialog der beiden Solisten zunichtemacht. Es wäre unvorstellbar, wenn die BBC 1978 noch monaural produziert hätte, noch nicht mal, wenn nur eine einmalige Sendung geplant gewesen wäre. Dazu wäre doch die Verpflichtung der Gäste viel zu teuer, sollte man annehmen. Beide Flügel klatschen genau in der Mitte zusammen, wie schade.

Zügig und schwungvoll erklingt das Rondo. Leider wird dem spritzigen Dialog sozusagen die Luft zum Sprechen geraubt. Der Monoton muss da als der größtmögliche Unfall gelten. Im dritten Satz gibt es nur eine Kurz-Kadenz, vermutlich aus eigener Feder des Duos.

Außer dass der Klang nur in Mono vorliegt klingt es staubtrocken, kontrolliert, detailliert und so glasklar wie ein Monoton nur sein kann. Vielleicht ist auch nur beim Hochladen zu YouTube ein Fehler passiert. Es bleibt bedauerlich.

 

Zum Nachhören:

https://www.youtube.com/watch?v=VdLPYORPaqI

 

 

4

Carl Seemann, Andor Foldes

Fritz Lehmann

Berliner Philharmoniker

DG

1954

9:49  7:27  7:22  24:38

Aufgenommen wurde in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem. Carl Seemann übernahm Klavier 1, der glühende Mozart-Verehrter Andor Foldes Klavier 2. Wir hören einen ruhigen, gemessenen Ansatz, intellektuell beherrscht und klar. Ein Musterbeispiel für ein Jeu perlé bei Mozart, ein Kristallkügelchen folgt völlig lupenrein dem nächsten, genau gleich geformt. Da gibt es kein romantisches Verschmieren mit dem Pedal, kein Aufbrausen aber auch wenig dynamische Differenzierung. Nach dem Pathos der Vorkriegs- und der Kriegszeit hielt eine neue Sachlichkeit Einzug, ähnlich wie es bereits beim Ehepaar Schnabel zu hören war. Das wirkt sehr wenig emotional. Man kommt sich vor wie im Glasperlenkabinett. Seemann und Foldes führen homogen, sauber und aufgeräumt durch die Partitur, sodass man ohne die Stimmen zu kennen nicht wüsste, wer was spielt. Es wirkt, wie man sich nun denken kann, weniger dialogisch wie möglich. Der Monoklang gibt der Sache den Rest. Das erinnert auch an eine Spieluhr, allerdings perfektioniert, ohne jede Unwucht. Makellose Linienführung.

Das Andante wirkt gefühlvoller, aber so richtig aufgetaut scheinen die beiden noch nicht. Es klingt aber nicht mehr so geziert und brav, erinnert jedoch immer noch an Rokoko und seine Porzellanfigürchen. So sieht man sich dem Musizierelan Mozarts weit entfernt gegenüber, es könnte einfach lebendiger klingen und glutvoller vorgetragen werden.

Das Rondo klingt wieder geziert und puppenhaft. Klaviertechnisch klingt alles makellos und sehr sauber „getaktet“. Ästhetisch wirkt die Darbietung mittlerweile überholt, wenn man da an die Aufnahme mit Schnabel und Sohn 18 Jahre zuvor denkt.

Der Klang betont den mittleren Frequenzbereich, wirkt aber dennoch klar und deutlich. Es gibt relativ wenig Höhen und noch weniger Bass. Den Flügeln und dem Orchester fehlt so die Brillanz. Die Aufnahme wirkt älter als sie ist, hat Patina angesetzt.

https://www.youtube.com/watch?v=QNi55IAOLec

https://www.youtube.com/watch?v=SphVcTUeHv0

https://www.youtube.com/watch?v=0w2AbYXLKFc

 

 

4

Lucas Jussen, Arthur Jussen

Ivan Fischer

Budapest Festival Orchestra

Molto Piano VOF, YouTube

2022, live

10:38  7:29  7:15  25:12

Aufgenommen wurde im Müpa (Palast der Künste) innerhalb des Festivals „Bridging Europe“. Eingestellt wurde das Video erneut von den Jussens selbst. Es wäre sicher ihre beste der frei zugänglichen Aufnahmen gewesen, wenn man sie nicht nur in für das Jahr 2022 vorsintflutlichen Monoton hören könnte. Vielleicht soll der Verdruss über die Klangqualität zum Kauf des Originalvideos verleiten? Das wäre denkbar und verständlich. Vielleicht ist einfach beim Hochladen des Tons zu YouTube ein Malheur passiert oder man hat den Jussens nur eine Monokopie überlassen, um ein vollwertiges Kopieren zu unterbinden? Wir wissen es nicht. Die Bildqualität ist jedenfalls hervorragend, detailreich und knackscharf.

Das Budapester Orchester scheint etwas größer besetzt als das WDR-Sinfonieorchester. Man spielt die Wiener Instrumentierung. Holz und Trompeten kommen sehr gut zur Geltung. Das Orchester wird temperamentvoll und sehr differenziert geleitet. Schade um die Klangpracht der beiden Flügel, denn für sie bleibt im Klangbild nur wenig Körperhaftigkeit und Brillanz übrig. Es klingt ausgedünnt. Wahrscheinlich hat man den HD-Ton des Originals auf eine minimale Datenrate runtergerechnet. Aber sind wir doch froh, dass uns das Konzertdokument überhaupt vorliegt. So können wir das weiter ausgereifte Concertare verfolgen, nun noch musikantischer als bei Macelaru. Ivan Fischer scheint die Jussens zu noch mehr Musikalität zu animieren. Man bringt noch mehr Humor und Witz ins Spiel. Nun hat man die Debutaufnahme der 13 bzw. 10jährigen Brüder wieder eingeholt, wenn nicht überholt. Das war bei der Einspielung mit Marriner nicht der Fall. Schade, dass die Pauken im Klangbrei fast untergehen.

Das Andante erklingt ohne jede sonore Fülle, auch der Steinway-Klang wirkt ausgedünnt. Die Oboen klingen sehr schön, ein Spitzenorchester könnte sich heute keine dünn und hart klingenden Oboen mehr erlauben. Sie klingen jedoch zu schwach, dass man ihnen eine „Memento mori“ Ermahnung abnehmen könnte. Der Gestus ist lebendig, wie bei einer Opernszene mit zwei Sängern. Man reagiert feinfühlig aufeinander. Die Jussens waren gut drauf oder/und haben in dem Jahr seit dem Kölner Gastspiel noch freier geworden. Oder waren die Probenarbeiten mit Herrn Fischer intensiver? Feine klangliche Nuancen kann man kaum würdigen, so ausgedünnt klingen die luxuriösen Klangkörper, die man eigentlich hören müsste.

Auch im Rondo klingen die Steinways unwürdig ausgezehrt. Das Orchester klingt sogar recht transparent, die Pauke geht wieder im Brei der unteren Frequenzen unter. Die Gebrüder Jussen spielen lebhaft, auch nachdenklich und werkdienlich. Viel ausgereifter, spielerischer, inspirierter als 2015 als sie sich noch im Marriner-Korsett befanden. Zurecht gab es in Budapest großen Jubel und Beifallsbezeugungen auch vom Orchester. Wir mussten in diesem Fall bei unserer Bewertung eine Quersumme aus musikalischer Darbietung und Klang vornehmen.

Durch die hohe Komprimierung klingen vor allen die Violinen etwas kratzig. An die Brillanz der WDR-Aufnahme mit Macelaru oder die HR-Aufnahme mit Altinoglu kommt der Klang natürlich nicht heran. Der Saalakustik wird die Aufnahme natürlich ebenso wenig gerecht wie dem Klang der beiden Steinways, vom Budapester Weltklasseorchester ganz zu schweigen. Es klingt etwas breiig und typisch Mono: eine räumliche Differenzierung besonders der beiden Flügel um die es ja eigentlich geht, ist nicht möglich. So wird aus dem Gespräch zwischen zwei Individuen ein Selbstgespräch zwischen zwei.  Hört sich fast schizophren an.

 

https://www.youtube.com/watch?v=NCBCRZ5A-K4

 

  

Die 10 Aufnahmen, die in irgendeiner Form einen mehr oder weniger höheren Anteil HIP zeigen.

 

 

5

Alexei Lubimov, Ronald Brautigam

Manfred Huss

Haydn Sinfonietta Wien

BIS

2006

10:17  6:35  6:42  23:34

Diese Aufnahme wurde in der offensichtlich ziemlich kleinen, akustisch exzellent für die Mozart-Besetzung geeigneten Akustik der Floriani-Kirche in Straden/Steiermark. Es handelt sich um die einzige Einspielung, die sowohl die Salzburger als auch die Wiener Instrumentierung hören lässt. Dadurch alleine hätte sie sich schon einen ganz besonders hohen Repertoire-Wert verdient. Hinzu kommt noch die exzellente musikalische und klangliche Umsetzung der beiden Fassungen. Wir haben uns zunächst die Wiener Instrumentierung angehört. Da fühlt man sich sofort an das Es-Dur von Beethovens Eroica erinnert. Das klingt nicht nur festlich, sondern heldenhaft-triumphal. Da werden die Pauken und Trompeten nicht schamhaft versteckt, sondern gerade besonders rhythmisch und hart die Paulen und fanfarenartig herausschleudernd die Trompeten präsentiert. Das klingt von allen Einspielungen deutlich am aufgewühltesten. Oder auch revolutionär-aufbegehrend. Die Musiker der Haydn-Sinfonietta nutzen Darmsaiten, historische Bogenformen sowie barocke und klassische Holz- und Blechblasinstrumente ohne modernes Ventilsystem. Die Solisten Ronald Brautigam und Alexei Lubimov spielten bei dieser Aufnahme auf dem Hammerklavier (Fortepiano bzw. Hammerflügel), dem historischen Vorläufer des modernen Flügels. Gegenüber dem durchdringenden äußerst dynamischen, geradezu adrenalingesättigten Orchesterklang wirken die beiden Hammerflügel zwergenhaft und ausgemergelt. Die scheinen doch besser zur Salzburger Instrumentierung zu passen, das werden wir ja noch in ein paar anderen HIP-Einspielungen überprüfen können. Hier scheinen geradezu zwei Welten miteinander zu kollidieren. Vielleicht ist genau das aber auch genau die Absicht der Musiker. Der Furor des Orchesters begeistert. Bei Bavouzet in seiner Chandos-Einspielung in Manchester wird ebenfalls die Winer Instrumentierung geboten, nur dass man kaum etwas davon hört und mit modernen Flügeln gespielt wird, die aber nur wenig zum Glänzen gebracht werden.  In Straden hören wir dazu das Kontrastprogramm. Technicolor gegenüber Schwarz-Weiß. Pralle Beleuchtung gegenüber Unterbelichtung. Die pralle Abenteuergeschichte gegenüber der blassen Nacherzählung.

Im Andante sind die beiden kleinen Instrumente sehr eng miteinander verwoben, es scheinen beide von der Mitte aus zu klingen. Leider erscheint die Gesprächssituation so buchstäblich geschmälert. Beide scheinen sich nah gegenüber zu sitzen und es wurde keine künstliche Kanaltrennung herbeigeführt.  Wenn im Konzert beide Flügel zusammengestellt werden, lässt sich ebenfalls kaum noch ermitteln von wo und sogar wann welcher Flügel spielt. Deshalb wäre diese Aufstellung nicht unsere favorisierte. Es klingt jedoch natürlich. Da wir nur die Stereoversion der SACD gehört haben, können wir nicht sicher sagen, ob im Mehrkanalton die Flügel besser zu differenzieren sind. Es wäre anzunehmen. Das heben wir uns noch für später auf.

Im Rondo trumpfen die Instrumente der Wiener Instrumentierung erneut groß auf. Mit Glanz und Gloria sozusagen. Da donnert und und trompetet man mächtig um die Wette. Der Ideenaustausch zwischen beiden Pianisten wirkt quicklebendig. Sie scheinen sich vom gewaltigen Orchestersound mächtig beflügeln zu lassen An purem Rhythmus, an Impulsivität und an rasant-virtuoser Eleganz ist aus dem Satz und aus dem Instrumentarium wohl nicht mehr rauszuholen. Die Spielfreude ist ansteckend.

 

Die Salzburger Fassung wirkt in dieser Besetzung sensibler, zarter aber keineswegs gebremst oder weniger dramatisch. Allerdings nicht heldenhaft-triumphal. Die Fortepianos wirken hier adäquater. Man bleibt gewissermaßen in derselben Akustik. Huss hat das Orchester 1984 selbst gegründet. Er betätigt sich auch als Publizist. 

Im Andante variiert man die Spielweise gegenüber der Wiener Fassung etwas. Man spielt nun fließender, elastischer, spielt weniger verhalten und ein bisschen eloquenter. Bei der Wiener Fassung musste im Andante ein stärker ausgeprägter Ruhepol her, damit man sich vom im ersten Satz Gehörten besser erholen kann. Man hört die Oboen nicht als „Memento mori“. Sie sind nur einfach konzertierende Bläser. Man variiert also sogar die Spielweise in den beiden Fassungen, bietet nicht zwei Mal das Gleiche.

Im Rondo dürfen die beiden Fortepianos befreit aufspielen, sie wirken nicht so eingeschüchtert wie in der Wiener Fassung. Sie müssen dem Heroismus hier nicht mehr Paroli bieten. Hier brauchen sie sich nicht als Zwerge gegen Riesen zu fühlen. Da spielt es sich doch gleich noch lockerer, weniger gezwungen, entspannter. Nun sind wir wieder im Salzburger Heim bei einem lockeren Plausch mit Musikern, die man kennt, aus der kleinen kurfürstlichen Kapelle, da gelangt man zu selbstbewusster Heiterkeit. Im Wiener Konzertsaal herrschte dagegen schon so etwas wie beethovenscher Ernst und vor allem: revolutionärer Geist.

Zum Glück hören wir keine Kirchenschiff-Akustik. Es klingt außerordentlich dynamisch, farbig, sehr räumlich. Die Wiener Instrumentierung wird in dieser Aufnahme am besten von allen zur Wirkung gebracht. Die keinen Fortepianos werden zwar nicht vom schlank aber eben auch extrem dynamisch aufspielenden Orchester erdrückt aber doch in die Zange genommen, der Kontrast ist beträchtlich. Beide Hammerflügel scheinen leicht von links zu kommen, sind aber gerade noch so räumlich zu unterscheiden, aber nicht so gut, wie wenn man es von der Aufnahmetechnik explizit darauf angelegt hätte. Oft meint man aber auch, dass nur ein großer, relativ mächtiger Hammerflügel spielt. Die Salzburger Instrumentierung wirkt zwar abgemildert aber ebenfalls bestechend klar und immer noch exemplarisch dynamisch.

 

5

Ya-Fei Chuang, Robert Levin

Laurence Cummings

Academy of Ancient Music

AAM (Eigenlabel)

2022

9:47  6:53  6:43  23:23

In den 90er Jahren begann Robert Levin mit einer Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte Mozarts, damals noch für L´oiseau lyre/Decca. Sie musste leider aus wirtschaftlichen Gründen 2001 abgebrochen werden. Die großen Labels sahen sich zu drastischen Sparmaßnahmen gezwungen. So fiel auch die geplante GA der Haydn-Sinfonien mit Hogwood und der AAM den Sparmaßnahmen zum Opfer. Das abgebrochene Projekt“Mozart: Klavierkonzerte“ wurde Jahrzehnte später aber doch noch vollendet. Angestoßen durch die Konzertpause während der Corona-Pandemie beschloss die Academy of Ancient Music im Jahr 2021, die fehlenden Konzerte über eine eigene Crowdfunding- und Spendenkampagne unabhängig aufzunehmen. Unter der Leitung von Richard Egarr und Laurence Cummings wurde die historische Gesamteinspielung mit Robert Levin schließlich fertiggestellt.

Für KV 365 konnte Mr. Levin, zur Zeit der Aufnahme 74 oder 75 auf die Mitwirkung seiner Ehefrau zählen, die zur Zeit der Aufnahme 51 oder 52 Jahre zählte. Aufgenommen wurde in St. Jude on the Hill in London. Es handelt sich um die zweite Einspielung von Robert Levin nach 35 Jahren. Die erste entstand mit Malcolm Bilson und John Eliot Gardiner für DG-Archiv. Nun spielt Robert Levin erneut das 2. Klavier, aber dieses Mal sitzt er selbst auf den linken Seite, wo sonst das erste Klavier zu stehen pflegt. Übrigens sind die beiden Eheleute zur Zeit der Einspielung in Boston als Professoren beschäftigt gewesen, Robert in Harvard, Ya-Fei am New England Conservatory.  Da konnte man sicher noch genug gemeinsam üben. Mittlerweile sind beide als Professoren am Mozarteum in Salzburg tätig. Es gab wieder neue Nachbauten von Andreas-Stein-Hammerflügeln von Chriss Maene. Der Diskant hat zwar immer noch ein fast cembaloartiges, knackiges Timbre, sie verfügen aber über einen erstaunlich tragfähigen, singenden Ton. Er „verhungert“ nicht so schnell wie noch bei den früheren Nachbauten, z.B. in der ersten Aufnahme Levins mit Bilson und Gardiner.

Das Orchesterspiel lässt immer noch sehr schlanke Violinen hören, dank Darmseiten überhaupt nicht drahtig. Levin spielt immer noch so temperamentvoll und fordernd wie 1987 mit Bilson, trotz der 35 Jahre, die zwischen den beiden Aufnahmen liegen. Sein 2. Klavier tritt nun (ob es was mit seiner Position auf der linken Seites zu tun hat?) deutlicher in den Fokus als zuvor. Das Ohr hat sich vielleicht schon so daran gewöhnt, dass alles besonders Wichtige etwas links von der Mitte herkommt. Alle Solisten (bei Konzerten mit einem Instrument) stehen ja immer links von der Mitte. Er spielt aber generell trotz oder wegen seines Alters etwas lauter und bewusst profilierter als seine Frau. Will er sich seinen Rang vielleicht nicht nehmen lassen, obwohl er ja „nur“ am 2. Klavier sitzt? Solche kleingeistigen Überlegungen oder unbewusste Eingebungen sind ihm aber wahrscheinlich vollkommen fremd. Sein Hammerflügelchen hat aber den weniger harmonischen Klang, oder er lässt seinen Klang forcieren. Er geht anscheinend auch mal über die Grenzen der Belastbarkeit des Instruments hinaus, der Ausdruckswille scheint es zu fordern. Jedenfalls hat seine Frau mit ihrem Klang deutliche Vorteile. In jedem Fall zeigt er, dass immer noch ein kräftiges Feuer in ihm lodert. Der erste Satz erklingt voller Verve.

Wie bereits 1987 bei den English Baroque Soloists klingen die Oboen der AAM im Andante hervorragend und sie spielen berückend schön. Cummings lässt sie im richtigen Licht erscheinen, denn sie haben in dieser Aufnahme des Andantes die Oberaufsicht. Das „Memento mori“ nimmt man ihnen fraglos ab. Sie überspannen das weltliche „Gezirpe“ wie eine übergeordnete Instanz. Sie neuen Stein-Nachbauten von Chris Maene fügen sich harmonischer in den Orchesterklang ein als die Instrumente, die 1987 zur Verfügung standen. Besonders gefällt das das extrem feine, elastische und sensible Spiel im p-Bereich, aber auch die hohen Töne im Diskant wirken nicht mehr so aufdringlich. Es klingt ausgewogener als bei den älteren Nachbauten. Allerdings sind sie immer noch keine barocken Kraftprotze, an die Durchschlagskraft der modernen Steinways oder Faziolis und wie sie alle heißen werden sie bauartbedingt niemals herankommen. Das Andante wird zum Höhepunkt dieser Einspielung, besonders durch die (genialen) Oboen erreicht man eine fast metaphysische Tragweite.

Levin lässt im Rondo wieder ein paar kleine Improvisationen hören. Dafür ist er bekannt und hochgeschätzt. Das Orchester ist in jeder Hinsicht überragend besetzt. Weder zu schlank wie bei Gardiner, nicht so rau wie bei Immerseel und mit einer traumhaft weichen Intonation. Es bettet die Hammerflügel ungemein tragend ein. Die kleinen Hammerflügel werden immer wieder an ihre maximale Klangstärke gebracht, besonders Robert will es nochmal wissen. Er drückt der Aufführung vom 2. Klavier aus, nicht von ungefähr aber von der Pole Position aus, seinen Stempel auf. Über 50 Jahre solistische Tätigkeit, seine didaktischen Erfahrungen und seine Autorität in der genauso über 50jährigen Mozart-Forschung bleiben so nicht verborgen.

Die Aufnahme klingt knackig, plastisch, frisch, sehr transparent, sehr dynamisch dreidimensional und körperhaft. Die beiden Flügel sind extrem klar zu unterscheiden.

 

Von der Einspielung sind der erste und der dritte Satz bei YouTube zu finden:

https://www.youtube.com/watch?v=9G-ycQzYRlA

https://www.youtube.com/watch?v=R-4tTfrTUdc

 

 

5

Jos van Immerseel, Yoko Keneko

Jos van Immerseel

Anima Eterna

Alpha, ZigZag, Outhère

2005

9:52  7:14  6:69  24:05 

Yoko Kaneko ist Jos van Immerseel langjährige Duopartnerin, sie hat rechts am 2. Klavier Platz genommen. Aufgenommen wurde im Concertgebouw Brügge. Man spielt ohne Vibrato, die Streicher mit Darmsaiten und allseits auf historischen Originalinstrumenten oder originalgetreuen Kopien davon. Die Hammerflügel sind Nachbauten des Walter-Modells, das auch von Mozart selbst gespielt worden sein soll. Sie klingen obertonreicher aber auch etwas rauer als die von Christiopher Clarke. Die Hämmer wären mit Leder, statt mit Filz versehen und sie zeichnen sich durch eine leichtgängige Mechanik aus. Die Töne schwingen aber kaum nach, weshalb man besonders in den langsamen Sätzen gerne zu eher schnelleren Tempi greift um noch ausreichend kantabel zu klingen.

Man spielt mit viel Herzblut und temperamentvoll. Immerseel nutzt die Wiener Instrumentierung voll aus statt sie schamhaft zu verstecken. An die revolutionär-heldenhafte Gestik der Aufnahme mit Lubin, Brautigam und Huss kommt sie jedoch nicht heran. Der Dialog der beiden völlig gleich klingenden Instrumente wirkt befeuert und angetrieben um nicht zu sagen bisweilen fast aggressiv. Das Orchester zeigt beste Spiellaune, die Pauken treiben an und sorgen für einen ordentlichen Pulsschlag, so dass der Blutdruck bereits zu einer ordentlich geröteten Farbe im Gesicht führt. Das klingt wie bei Huss, aber nicht ganz so aufwieglerisch. Das Orchestergewebe wirkt nichtsdestotrotz sehr transparent, plastisch und spannend. Die beiden Hammerflügel klingen dagegen nicht mehr ganz so wie zwei schrumpelige Datteln inmitten eines Obstkorbs mit saftigen Pfirsichen und geben tüchtig Gas. Es klingt sehr transparent und eigenständig.

Im Andante sind die Probleme die die kleinen Hammerflügel einmal mit dem dynamischen Spektrum hatten minimiert, anders als im ersten Satz. Die Oboen wirken in dieser Aufnahme groß und mächtig. Sie entfalten ihre volle Wirkung und werden auch entsprechend schön und dynamisch geblasen werden. Die maximal mögliche Kantabilität muss ausgereizt werden um das langsame Tempo auszufüllen. Es klingt sehr transparent und auch im Andante eigenständig.

Das Rondo klingt schraff und schwungvoll, vielleicht sogar etwas stramm. Durch die zusätzlichen Trompeten erhält man viel zusätzlichen Glanz, der Klang der Hammerflügel wirkt im schnellen Tempo in der hohen Lage cembalohaft. Es wird weniger gesungen als vielmehr im rhetorischen Sinn gesprochen. Das Orchester erfreut mit strak akzentuiertem, pointiertem Spiel. Man könnte sich in dieser Aufnahme sehr gut Herrn Mozart mit Familie oder Gästen in einer fröhlichen Runde beim Bölzelschießen vorstellen. Das ist das Schießen mit einer Art Luftgewehr auf zuvor selbst bemalten Holzscheiben. Man schreckt vor Derbheit und äußeren Effekten nicht zurück.  Hier sind wir nun wirklich ganz weit weg von der klassischen Erhabenheit, wie wir sie in der Einspielung Gilels-Böhm genießen konnten. Die belgische Einspielung zündet auf ihre Weise und macht viel Spaß.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr transparent und genau fokussiert, dynamisch und gut gestaffelt. Ein wenig trocken, aber das passt sehr gut zur kraftvollen, etwas rustikalen Darbietung. Die Balance zwischen Solisten und Orchester ist gelungen und beide Solisten sind gut unterscheidbar, was den Dialogcharakter fördert.

https://www.youtube.com/watch?v=daIQPyYr-58

https://www.youtube.com/watch?v=Jxs16N8aVao

https://www.youtube.com/watch?v=own4HAwMB5A

 

 

5

Malcolm Bilson, Robert Levin

John Eliot Gardiner

English Baroque Soloists

DG Archiv

1987

9:44  7:45  6:58  24:27

Die Einspielung entstand in St. Johns, Smith Square in London. Die beiden Freunde und geschätzten Kollegen spielen auf Walter-Nachbauten von Philip Belt. Levin übernimmt zudem den Generalbass. Um das Fundament des Orchesters abzustützen. Das Orchester ist ebenfalls bis an die Zähne mit Originalinstrumenten oder deren Nachbauten bewaffnet, die Violinen sind mit Darmsaiten bespannt und man vermeidet es vibrato zu spielen. Die Hammerflügel sind im Bass etwas schlanker und im Dikant noch etwas silbriger als die Nachbauten von Clarke, die bei der Einspielung mit Immerseel genutzt wurden. Diese wirken holziger und haben mehr perkussiven Punch oder werden von ihren Spielern in diesem Bereich stärker gefordert.

Bilson und Levin neigen dazu bei Wiederholungen ein wenig auszuzieren, weil es bereits Mozart so gemacht haben soll, weshalb es legitim ist und für uns speziell wirkt es als auflockernde Abwechslung, zumal man es nicht damit übertreibt. Im Ganzen spielt man elegant und geschliffen und so stellt man das ideale Pendant zur urwüchsigeren, frecheren Einspielung von Immerseel und Kaneko dar. Levin war damals bereits der weltweit führende Experte für Mozart-Improvisation. Er wirft Bilson immer wieder die Bälle zu, auf die er zu antworten hat und vice versa. So entspinnt sich ein akademisch fundierter Dialog auf Augenhöhe. Gardiner leitet das Orchester frisch und akzentuiert, was eigentlich für alle fünf „Hardcore“-HIP-Einspielungen unserer Liste gilt, denn drisch und akzentuiert klingen alle Fünf.  Das Non-vibrato wird dramatisch und vorantreibend eingesetzt, wobei das Orchester schon erheblich mehr „Fleisch“ um die Knochen mitbringt als die beiden Hammerflügel. Das Spiel ist von großem Enthusiasmus geprägt, wirkt aber nicht ganz so sanguinisch und temperamentvoll wie in der belgischen Einspielung zuvor. Eben „British Made“.

Im Andante kommen die kleinen Flügel bei ihrer Fähigkeit den Ton lange ausschwingen zu lassen schnell an ihre Grenzen. Das geht fast so schnell wie bei einer Mandoline. Da ist noch ein recht dünner Resonanzboden von hoher Elastizität verbaut und die Saitenspannung ist noch recht gering. Das sorgt u.a. für die klaren Einzeltöne und den nur kurz nachklingenden Ton. Der Ton selbst klingt durch die meist mit Leder bespannten Hämmerchen (statt mit Filz) noch etwas perkussiver und knackiger. Aber man kann mit viel weniger Aufwand viel leiser spielen als mit dem großen, moderneren Flügel. Bei Immerseel klang auch das Orchester voller und sinnlicher. Da liegen aber auch fast 20 zumeist hochproduktive Jahre der Weiterentwicklung der HIP dazwischen. 1987 wurde jedenfalls kein warmer Klangteppich ausgerollt. Die Oboen machen es auch in diesem Fall grandios vor, wie überlegen die Holzblasinstrumente in gesanglichen Dingen gegenüber den Hammerflügeln sind. Im Andante wäre somit eine reichere Auszierung durch die Solisten durchaus wünschenswert gewesen, aber Mr. Levin und Mr. Bilson sahen das anders. Streng und präzise, wie man es von Robert Levin gewöhnt ist. Das Orchester bietet ja noch kaum Deckung für die „hungernden“ Hammerflügel.

Im Rondo fällt der nur kurz nachschwingende Ton nicht mehr nachteilig ins Gewicht. Wir hören temperamentvolles Hammerklavierspiel auf höchstem Niveau und mit kultiviertem Feuer, aber keinesfalls akademisch-trocken. Alle Rändchen greifen perfekt ineinander. Wenn Bilson und Levin mit dem Florett fechten, holen Immerseel und Kaneko die Säbel heraus.

Die Aufnahme klingt angesichts der Tatsache, dass die neue Digitaltechnik noch gar nicht so viel Zeit hatte weiterentwickelt zu werden, bereits sensationell offen, sehr transparent und sehr dynamisch. Das Klangbild wirkt sehr plastisch, ausgezeichnet ausbalanciert und prima fokussiert. Die beiden Hammerflügel sind einzeln sehr gut herauszuhören. Es gibt trotzdem kein akustisches Loch in der Mitte der Klangbühne.

Universal lässt uns Andante und Rondo hören:

https://www.youtube.com/watch?v=v_hEpWdO8PA

https://www.youtube.com/watch?v=4vPMWiNxiC8

 

Ein Video mit „für einige Nutzer evtl. ungeeignetem Inhalt“ bietet das komplette Konzert:

https://www.youtube.com/watch?v=o6dxOilNVeQ

 

 

5

Viviana Sofronitsky, Linda Nicholson

Tadeusz Karolak

Musiqua Antiqua Collegium Varsoviense

Fundacja Pro Musica, Etcetera Records

2005

9:52  7:13  7:07  24:12

Bei dem Orchester handelt es sich um das Early Music Ensemble der Warschauer Nationaloper. Viviana Sofronitsky ist die Tochter des russischen Pianisten Vladimir Sofronitzky. Ihr Ehemann Paul McNulty spielt dieses Mal nicht einen der beiden Kammerflügel, sondern hat die Walter-Nachbauten angefertigt auf den die beiden Pianistinnen spielen. Man spielt die Salzburger Instrumentierung, was übrigens immer dann der Fall ist, wenn wir die Wiener Instrumentierung nicht eigens erwähnen. Trotzdem klingt das Orchester im Vergleich zu den Hammerflügeln eigentlich zu groß und mächtig, aber man kann sich genauso gut an ihm erfreuen, denn es steht präzise im Raum und es spielt und klingt sehr gut. Die Mittellage der beiden McNultys klingt sehr schön warm, in den höheren Lagen eher wieder ein bisschen mickrig. Bei den beiden Solistinnen scheint Frau Sofronitsky immer etwas die Nase vorn zu haben, sie spielt lauter, rhythmisch betonter und feuriger. Frau Nicholson, rechts zu hören, wirkt dagegen etwas abgeklärter, eleganter, eber wieder einmal britisch distinguierter.

Sehr gut gefallen wieder einmal (eigentlich bei allen fünf „Hardcore“-HIP-Aufnahmen unserer Aufstellung) die beiden Oboen im Andante.  Mit ihrem sehr schön singenden, tragenden und sanften Ton. Sie üben ihre „Memento mori“-Rolle selbständig aus, wirken aber weniger bedrohlich. Eher machtvoll als rücksichtsvoll, wie ein weiches, bettendes Polster, dass den Sturz sogleich auffangen könnte. Der glockiger, weiche Mittenbereich der Flügel macht sich im Andante positiv bemerkbar, zeigen sie sich doch weniger cembalolastig, weniger spröde und etwas seidiger abgestimmt. Die beiden Pianistinnen müssen anscheinend weniger angestrengt gegen das allzu schnelle Verklingen der Töne ankämpfen. Im Gespräch gibt es keine Siegerin, man pflegt die bereits in manchen anderen Einspielungen beschriebene makellose Partnerschaft auf Augenhöhe.  Im Fokus aber auch die akustisch wunderbar über dem Geschehen stehenden Oboen. So wahrt man auch wunderbar die Symmetrie. Der Klang vom warm klingenden Orchester trägt aber auch besonders gut. Ein Lob an die Aufnahmetechniker. Mit dem Orchester gemeinsam scheint sogar den kleinen Flügel ein kleines, warmes Cantabile möglich. Aber bei Levin, Chang und der AAM ging es im Andante leidenschaftlicher und existenzieller zu. Auch da gekrönt von zwei herausragenden Oboen.

Im Rondo wird ein beschwingtes Tempo eingeschlagen. Das Orchester legt seinen weichen, schwebenden Klang vor, auf dem sich die beiden Hammerflügel vortrefflich entfalten können. Nun können sie sich weitgehend vom Orchester unbedrängt davontragen lassen. Ingesamt hinterlässt der Satz einen ein wenig höfischeren Eindruck als bei Anima Eterna mit Immerseel und Kaneko. Dafür klingt es nun charmanter.  Und weniger streng als bei AAM mit Levin und Chuang. Es klingt vor allem exquisit, musikalisch und mit sprühender, aber stets kontrollierter Energie.

Die Aufnahme klingt großräumig, weit, weich, schwebend und offen. Sehr gut gestaffelt, sehr transparent, körperhaft nur ein wenig zu resonant. Die beiden Flügel sind in ihrer räumlichen Platzierung lediglich hinreichend gut zu unterscheiden, Klavier 1 führt im Klangbild vielleicht etwas zu stark. Der Klang der Hammerflügel wirkt zerbrechlicher als der Orchesterklang.

Bei YouTube war immerhin das Rondo zu finden:

https://www.youtube.com/watch?v=TBuBKVDG6HY

 

 

5

Katia Labèque, Marielle Labèque

Maxim Emelyanychev

SWR-Sinfonieorchester

SWR

2024, live

10:15  6:39  7:38  24:32

Der vorliegende Mitschnitt aus der Stuttgarter Liederhalle zeigt die Schwestern Labèque 35 Jahre nach ihrer ersten Aufnahme in unserer Liste, der Berliner Philips-Aufnahme. Trotz jahrzehntelanger Bühnenpräsenz hören wir dieser Einspielung keinerlei Abnutzungserscheinungen an. Das mag auch am Dirigenten liegen, der viel Frische mitbringt und sich in anderen Aufführungen des Werkes zu seiner Tätigkeit als Dirigent auch als Spieler des 2. Klaviers betätigt.

In Stuttgart hören wir einen Dialog in Gesangsform wie in der Oper. Die Labèques meinten im Gespräch, dass der Anfang ganz leicht sein müsse, das Trennen und wieder Zusammenkommen das hat alles seine Bedeutung, man müsse eine Geschichte erzählen, die mal traurig, mal heiter ist und man muss mit den unterschiedlichen Charakteren spielen. Sonst wäre es kein Mozart. Sie spielten gerne auf historischen Flügeln, hier sind jedoch wieder zwei Steinways auf dem Podium und im Orchester findet die Wiener Instrumentierung Verwendung. Und wie zu Zeiten des seligen Roger Norrington werden Hörner, Trompeten und Pauken mit historischen Instrumenten besetzt. Die Wiener Fassung, damit es festlicher klingt, war explizit von Herrn Emelyanychev gewünscht. Die HIP-Elemente bei Artikulation, Phrasierung und Dynamik sind deutlich hörbar. Die anderen Musiker spielen auf den ihnen gewohnten modernen Instrumenten. Die Labèques spielen freier als zuvor, klingen mittlerweile jedoch erheblich weniger straff, was aber auch am weichen Klangbild des SWR liegen mag. Das Orchesterspiel wird dramatisch zugespitzt und wirkt bereits so, als wäre es in die Klangwelt der späten Klavierkonzerte gerückt. Man empfindet es jedoch als frisch und fast wie neu. Das Zusammenspiel wirkt hellwach und man geht deutlich aufeinander ein, die Pianistinnen untereinander sowieso, aber auch mit dem Orchester. Regelrecht „atmungsaktiv“. Die Kadenz profitiert vom vollen Dynamikbereich der großen Steinways, das Orchester kann im Übrigen in jeder Phase voll mithalten, gerade mit dem bekannt dynamischen Stuttgarter Blech.

Im Andante geht es spürbar dramatischer, aufgewühlter, aber auch unruhiger zu als 1989 bei der Philips-Aufnahme. Das Abwechseln von rezitativischen und ariosen Teilen wirkt hier nochmals deutlicher, immer kann man sich ein großes Opernduett vorstellen. Die Oboen wirken stark involviert und klingen prägnant. Sie erfüllen ihre „Memento mori“-Funktion voll un ganz. Die beiden Schwestern zeigen erneut ihre wie von Telepathie geprägtes vollkommenes Zusammenspiel.

Im Rondo erfreuen die enorm kraftvolle Pauke und die stark akzentuierten Hörner und Trompeten. Man möchte Mozart zu seiner Entscheidung das Instrumentarium aufzustocken nur danken, wenn es so zur Geltung gebracht wird wie hier in Stuttgart. Besonders gut wirkt es, wenn man es auch richtig herausstellt mit jugendlich-frischem Zugriff. Da macht das Orchester ganz schön Lärm, auf höchstem Niveau versteht sich. Bei den beiden Damen kann keine Rede von fortgeschrittenem Alter sein. Das tolle Zusammenspiel zeugt nach wie vor von hoher Spielfreude. Beim Orchester fühlt man sich in die Norrington-Zeit zurückkatapultiert. Da hat der Brite doch bis jetzt andauernde Spuren hinterlassen.

Der Klang der Aufnahme wirkt etwas distanzierter als in Gstaad, wo wir uns ebenfalls noch einen Mitschnitt mit den Labèques anhören können, die Liederhalle wird erheblich größer und resonanter gewesen sein als der Saal in der Schweiz. Die Akustik vor Ort hört man ja mitunter mit. In Stuttgart ist die Transparenz hoch, die Staffelung ausgeprägt. Es klingt sonor und sehr dynamisch.

 

5

Katia Labèque, Marielle Labèque

Sir Simon Rattle

Orchestra of the Age of Enlightenment

BBC, gesendet vom HR

2011

9:37  6:27  7:23  23:27

Sir Simon wurde bereits 1992 zum Principal Guest Conductor (Erster Gastdirigent) des Londoner Orchesters ernannt, aktuell führt er den Titel Principal Artist („Ausgewählter Hauptkünstler des Kollektivs“). Das Orchester hat traditionell ähnlich wie die Philharmoniker aus Wien keinen Chefdirigenten. Mit dem Konzert in der Royal Festival Hall in London war damals mit einer großen Europa-Tournee verbunden. Das Orchester dürfte mittlerweile das einzig verbliebene Originalklangensemble der britischen Hauptstadt sein. Nen, die English Baroque Soloists treten ebenfalls immer wieder in Erscheinung. Und die Academy of Ancient Music ebenfalls. Früher spielten in all den Orchestern meist dieselben Musiker aus dem großen Londoner Pool. Die Pianistinnen spielen auf eigens für sie von originalen Wiener Anton Walter Flügeln angefertigten Nachbauten McNultys. Sie klingen leicht, klar, sonor unten und oben im Frequenzbereich hell. Leider hat man es bei der Salzburger Instrumentierung belassen, eigentlich ja auch keine schlechte Idee, wenn man die kleinen historischen Flügel benutzt. Das Spiel der Labèques wirkt flink, eher leise und differenziert. Die Hammerflügel klingen trotz ihrer eigentlichen Klangcharakteristik in der Royal Festival Hall dünn und schwach, obwohl die beiden Schwestern alles aus den Instrumenten rausholen was drinzustecken scheint. Es wird mit allen Errungenschaften der HIP gespielt. Das Zusammenspiel bei den Schwestern und mit dem Orchester wirkt vollkommen nahtlos wie eh und je. Man kennt das Stück in- und auswendig. Auch an Temperament mangelt es nicht.

Gerade in London gibt es im Andante hervorragend klingende „historische“ Oboen zu hören, daran mangelt es auch bei dieser Darbietung nicht. Das Andante erklingt ernsthaft und beide Pianistinnen dringen tief ins musikalische Geschehen ein, dieses Mal tun sie sich sogar durch gut hörbares mitsingen hervor. Der Walter-McNulty-Klang trägt einfach nicht lange, das bleibt nun einmal ein großer Nachteil, da kann man so gut spielen wie man will. Auch wenn es dieses Mal recht warm und rund klingt.

Das Rondo erscheint kammermusikalisch, flink und sehr geschmeidig. Da wird eine sehr große gegenseitige Anpassungsfähigkeit auch vom Orchester spürbar. Der Satz wirkt sehr abwechslungsreich und kurzweilig.

Die Aufnahme klingt sehr transparent und mit einem sehr prominent hervorgehobenen Bass (mitunter mit Generalbass-Funktion). Die beiden Flügel sind aufgrund der räumlichen Position gut zu unterscheiden, nicht am Klang, der ist nämlich gleich. Beim Silvesterkonzert 2005 in Berlin spielten die beiden das Konzert bereits mit Simon Rattle zusammen. Davon fehlt uns leider die Aufzeichnung.

 

4-5 

Due del Valle

Victor del Valle, Luis del Valle

Muriel Cantoreggi

Münchner Kammerorchester

BR Klassik

2005, live

11:30  6:35  7:40  25:45

Diese Aufnahme könnte man als „Grenzgänger-Einspielung“ bezeichnen, denn es gibt vor allem kurze Bögen, einen sehr schlanken, fast vibratofreien Streicherklang, es klingt weich, aber die Rhythmen pulsieren und es gibt scharfe Akzente. Man spielt aber auf dem modernen Instrumentarium und die beiden frischgebackenen Preisträger beim ARD-Musikwettbewerb (2. Preis ohne vergebenen 1. Preis) spielen auf den angestammten Steinways des Herkulessaals oder des BR. Frau Cantoreggi dirigiert als Konzertmeisterin. Seit 2009 ist sie Professorin in Freiburg.

Die Brüder, Victor, 1. Klavier, damals 25 und links zu hören und Luis damals 22, am 2. Klavier und  rechts zu hören, wie in der späteren Aufnahme aus Valladolid, die wir in der „Stereo-Liste“ untergebracht haben, weil die HIP-Anteile nur noch sehr gering ausgeprägt waren. Es handelt sich um das Preisträgerkonzert, mitgeschnitten im Herkulessaal und vom BR auf die CD gebracht, d.h. die Entscheidungen waren gefallen und man konnte vielleicht schon etwas befreiter aufspielen. Die Valles spielen mit höchster Präzision, jeder Lauf, jede Phrasierung wirkt klar umrissen, es gibt keinerlei Pedal-Matsch. Ganz passend zum Orchesterspiel, das ebenfalls klar und straff anmutet. Es perlt bei den Beiden, klingt brillant, transparent und ebenfalls recht trocken. Der Wettbewerbsstress war vielleicht noch nicht ganz von den beiden jungen Männern abgefallen, in Valladolid klang es jedenfalls, lockerer allerdings war das fast 20 Jahre später. Es fehlt aber nicht an Nuancen, man traute sich auch leise zu spielen. Übrigens hatte man auch 2005 die Kadenz von Edwin Fischer gewählt, womit man sich sicher von der Konkurrenz im Wettbewerb absetzen konnte. Sie klingt spätromantisch, aber noch ziemlich subtil, bewegt, sehr erfrischend und einfallsreich. Nach Dutzenden von Originalkadenzen für uns immer wieder eine schöne Abwechslung. Für die Juroren beim Wettbewerb sicher auch.

Im Andante gibt es beim Orchester ein paar ordentliche HIP-Drücker zu hören und die del Valles lassen es ordentlich aufwallen. Die Oboen zeigen zumindest, dass sie sehr wichtig für den Satz sind, wenn man auch nicht unbedingt an ein „Memento mori“ denken muss. Das emotional packende Spiel wird vom Münchner Kammerorchester vortrefflich unterstützt.

Das Rondo wird klavieristisch stark in Szene gesetzt. Es wirkt vollkommen gelöst und vom Orchester zusätzlich angefeuert. Es gibt erneut die Fischer-Kadenz zu hören, nun natürlich die zum dritten Satz, der pianistische und humoristische Höhepunkt des Satzes. Man spielt sehr kraftvoll, wie man es von zwei jungen Wettbewerbssiegern erwartet hätte. Am Ende wirken alle Schleusen geöffnet, es klingt nun einfach fantastisch, enorm gelöst und mit erfrischender Power.

Die Aufnahme klingt sehr offen, frei, räumlich, farbig und „saftig“. Sehr präsent und fast hautnah.

 

4-5

Dmitry Ablogin, Maxim Emelyanychev

Maxim Emerlyanychev

Scottish Chamber Orchestra

BBC, gesendet vom SWR

2024, live

11:29  6:45  7:00  25:14

Bei diesem Mitschnitt handelt es sich um einen Teil des Konzerts, das das SCO anlässlich seines eigenen 50. Geburtstags in der City Hall Glasgow gegeben hat. Beide Pianisten sind ausgewiesene Fachmänner in Sachen HIP, entsprechend schlank und historisch informiert hört es sich auch an, obwohl das SCO nicht auf historischen „Originalinstrumenten“ spielt. Man nutzt aber zwei Fortepianos, also nicht die nahezu weltweit inzwischen üblichen Steinways. Maxim Emelyanychev ist derzeit Leiter von „Il pomo d´oro“ und dem Schottischen Kammerorchester.

Zu Beginn überrascht Herr Emelyanichev von seinem 2. Klavier aus indem er Material aus dem 5. Klavierkonzerts von Beethoven präludiert. Immerhin ebenfalls in Es-Dur. Gewisse Gemeinsamkeiten sind ja durchaus vorhanden. Im Verlauf wird klar, dass er die ganze Solokadenz aus diesem Konzert spielt, ein majestätischer Wink mit dem Zaunpfahl, dass KV 365 Beethoven vielleicht als Vorbild gedient haben könnte. Man kann sich nicht zurückhalten und spielt dann auch noch ein bisschen auf den Flügeln mit, als das Orchester die Introduktion zum Doppelkonzert spielt, bei der die Flügel eigentlich zu schweigen hätte. Das wirkt natürlich super-spontan. Für Überraschungen zum Geburtstag war also gesorgt. Fortepiano 1 soll hinter den 1. Violinen gestanden haben, Fortepiano 2 genau in der Mitte, da Maxim von dort dirigierte. Und zwar hinter den Celli und vor den Bläsern. Das hört man am Radio nicht in allen Details heraus. Gut hörte man indes die räumliche Trennung der beiden Flügel. Und natürlich hatten die beiden Solisten so das Gefühl mitten drin statt nur davor zu sein. Musikalisch ging es temperamentvoll-drängend voran. Das Orchester scheint klein besetzt zu sein, verzichtet aber nicht auf die zusätzlichen Instrumente der Wiener Fassung. Maxim hatte sie ja auch in Stuttgart favorisiert. So wird auch die Assoziation mit Beethovens Klavierkonzert unterstützt. Es klingt kammermusikalisch klar. Optisch mag diese Anordnung sicher gewöhnungsbedürftig gewesen sein (zumal asymmetrisch), klanglich brachte sie zumindest als Radiosendung keine Nachteile mit sich. Da klang sie allerdings ebenfalls ein bisschen asymmetrisch. Die Mozart-Kadenz gelingt trotz der räumlichen Trennung nahtlos.

Die Geburtstagsüberraschungen hörten noch nicht auf, denn vor dem Andante musste Maxim sein Fortepiano stimmen, eine Saite hatte die Kontenance verloren. Das Stimmen ging nicht ohne Gepolter ab. Ob bei den Oboen nur zum Geburtstag Robin Williams wieder am Pult der ersten Oboe platzgenommen hatte? Er spielt jedenfalls wieder bzw. immer noch sehr schön. Den beiden Flügelchen fehlt mal wieder die rechte Kantabilität und das klangliche Fundament. Sie sind eben doch eher für kleinere Salons, weniger für den großen Konzertsaal geeignet. Aber vieles kann durch die an der Sprache orientierten Gestaltung wieder wettgemacht werden, gerade wenn man zu Zweit ist und ohnehin in einer Art Gespräch verwickelt ist. Uns gefiel die Darbietung der beiden Labèques in Stuttgart mit Emelyanychev als nur als Dirigent jedoch noch besser. Viel besser sogar. In Glasgow wirkte die Darbietung doch reichlich improvisiert, auch da, wo man es vielleicht gar nicht wollte.

Im Rondo hören wir ein lebhaftes Katz- und Mausspiel in Musik. Da werden sich die Bälle anschaulich im heiteren Spiel zugeworfen. Mit spontan wirkenden Verzierungen, vor allem von Ablogin. Nicht immer ganz intonationsrein, anscheinend hat sich das Fügelchen schon wieder leicht verstimmt. Die Übertragung wurde leider bereits abrupt nach der Kadenz beendet. Was für eine Panne! Das passt aber zu dem Geburttagsständchen voller Überraschungen ganz gut. Die Zeitangabe des Rondos ist also nicht ganz korrekt, denn da hätte die Uhr noch fast ein Minütchen weiterlaufen müssen. Die Zugabe, der „Schwan“ (für 2 Hammerklaviere und Cello) aus dem Karneval der Tiere kam dann wieder in allerbester Präsenz zu Gehör. Der „Hammer“ ist aber, dass die Sprecherin es noch nicht einmal bemerkt hat, dass ein Stück der Übertragung gefehlt hat. Anscheinend hört man gar nicht mehr mit, was den Sender verlässt.

Maxim Emelyanychev will ja nur einer unter vielen sein. Das gelingt ihm nicht ganz, denn seine Klavierstimme und die seines Duo-partners ist räumlich deutlich getrennt voneinander zu hören. Die Transparenz und die Basslinie sind deutlich. Es klingt nicht karg aber alles andere als üppig.

 

 

 

4

Jean-Efflam Bavouzet, Andrea Nemecz

Gábor Takács-Nagy

Manchester Camerata

Chandos

2024

9:487:06  6:59  23:53 

Bei dieser in der Stoller Hall in Manchester aufgenommenen Einspielung hört man erweiterte Kammermusi statt eines Konzertspektakels. Kleine Besetzung, schlanker, transparenter Orchesterklang, flink, gut nach HIP-Kriterien artikuliert aber mit modernen Instrumenten. Bavouzet und seine Frau spielen zwei Yamaha CFX mit unauffälliger „klassischer“ Rhetorik, wenig Pedal, ebenfalls schlankem Klang und wenig Glanz. Obwohl man sogar die Wiener Instrumentierung wählt, wirkt das durchaus lebhafte Orchesterspiel klein dimensioniert. Die Zusatzinstrumente der Wieser Instrumentierung Klarinetten, Trompeten und Pauken werden überaus dezent eingesetzt. Das ist schon ein bisschen enttäuschend. Der dramatische Aspekt bleibt ebenfalls zurückhaltend. Beide Pianisten zeigen eine leicht verschiedene Spielweise und einen leicht unterschiedlichen Klang, sodass sich beider ähnliche noch halbwegs individuelle Stimmen noch ganz gut unterscheiden lassen. Vom Spielerischen her fehlt der Darbietung nichts, da geht man locker, frisch und pointiert zu Werke, mit einer lebendig-knackigen Artikulation und sparsamen Pedaleinsatz, feinsinnig. Der Aufnahme fehlt aber nicht nur das Fundament (man hört keinen Bass), es fehlt ihr Brillanz und jede Es-Dur-Attitüde.

Das Andante beinhaltet einen organisch wirkenden, geradezu antiromantischen Dialog. Das Orchester klingt trocken, nahezu vibratofrei. Auf einen warmen Klangteppich à la Chandos muss man verzichten. Die Bässe hat man anscheinend ganz vergessen. Ohne Fundament fällt es dem Klang schwer „abzuheben“, da schwebt nichts. Die Töne werden anscheinend nur kurz angeschlagen, so wie angerissen, dass sie gar keine Zeit haben, eine gewisse Körperhaftigkeit zu bilden.

Das Rondo wirkt angenehm, sogar recht liebenswert, ganz leicht angetrieben und vital, aber ebenfalls sehr zurückhaltend in Lautstärke und Artikulation. Wie auf „Söckchen“, aber klanglich sehr ausgedünnt, gerade was die linke Hand anlangt. Das Orchester passt zum Klavierspiel, es klingt schmal. Wozu dann die große Instrumentierung, wenn doch überall abgedämpft wird? Wiener Besetzung trifft auf HIP-Askese. Das passt zumindest für unsere Ohren dieses Mal nicht zusammen. Da fehlt das herzhafte Element völlig. Timing und Musikalität sind top, aber das klangliche Endergebnis bleibt unserer bescheidenen Meinung nach weit unter den Möglichkeiten.

Gegenüber den zahlreichen Aufnahmen mit dem Steinway klingt es nur sehr wenig brillant, gegenüber den Bösendorfer-Aufnahmen fehlt der warne Körper. Es klingt jedoch transparent, bietet nur wenig Wärme und kaum Bass. Die Flügel sind noch gut unterscheidbar. Die Wiener Instrumentierung wirkt wie unter den Teppich gekehrt; damit hätte man auch ordentlich damit hausieren gehen können, wie bei Lubimov-Brautigam und der Wiener Haydn Sinfonietta und Manfred Huss. Die Komposition hätte es hergegeben.

 

 

21 Fundstücke aus Radio, Mediathek und von YouTube:

 

 

5

Kate Liu, Eric Lu

Marek Mos

London Mozart Players

YouTube

2023, live

10:08  7:50  6:50  24:48

Dies ist eine Aufnahme aus der Warschauer Philharmonie von einem Konzert, das anlässlich des Festivals „Chopin und sein Europa“ stattgefunden hat. Kate Liu ist in Warschau wohlbekannt, denn sie hat 2015 beim Chopin-Wettbewerb den 3. Platz belegt. Mit ihrem Duo-Partner hat sie bereits gemeinsam am Curtis Institut in Philadelphia studiert. Eric Lu hat zwei Mal am Warschauer Wettbewerb teilgenommen, 2015 belegte er hinter Kate Liu den 4. Platz, was ihm anscheinend nicht ganz gereicht hat, der vierte Platz ist ja auch bei Olympia der, über den man sich am meisten ärgern kann. Deshalb hat er 2025 noch einmal teilgenommen und siehe da, gewonnen. Wer hat nochmal 2015 gewonnen? Richtig, das war Seong-Jin Cho. Alle Gewinner werden ja anschließend für einige Zeit DG-Exklusiv-Künstler. Von daher könnte man sie kennen. Alle fünf Jahr gibt es daher neue DG-Exklusivkünstler. 2021 (wegen Corona um ein Jahr verschoben) war es übrigens Bruce Liu, ebenfalls DG-Exklusiv-Pianist. Also in Sachen Chopin macht den beiden niemand was vor. Dass beide Solisten unseres Konzertes eine lange Freundschaft verbindet glaubt man zu spüren. Da spielt kein frisch zusammengewürfeltes Star-Duo. Da findet ein feiner, hochsensibler, lyrischer Austausch statt auf allerhöchstem Niveau. Kein Beethoven-Gehämmer wie beim Geisterduo. Das ist eine Klangfarben-Kultur, ein edel-singender Ton und eine Poesie, die wir bis dahin in unserem Vergleich noch nicht gehört hatten. Und die beiden spielten bei uns als 88ste auf. Ein Teil des Rätsels löste sich schnell, wenn man nämlich (für uns ausnahmsweise) mal zwischendurch auf das bewegte Bild schaut. Da erkennt man nämlich schnell die gigantisch großen Flügel aus dem Haus Fazioli, die sich als echter Gewinn gegenüber den bisher gehörten Standard-Flügeln aus allen andern Häusern erweisen. Sie klingen farbenreicher, superklar, bieten mehr natürlich wirkende Resonanz, klingen superklar und superbrillant ohne je kalt zu wirken. Selbst im lauten ff. Das klingt natürlich nur so gut, weil die beiden das Beste aus den Faziolis herausholen können. Die Anschläge sind bestens fokussiert, der Klang selbstverständlich auf audiophilem Niveau aufgenommen. Die gut gematchten Steinways beispielwiese in der DG-Aufnahme der Jussen-Brüder beispielsweise fallen demgegenüber stark ab. Die London Mozart Players bieten klassisch schlanken, farbigen Klang und temperamentvolles Spiel. Da wird jenseits des fantastischen Klangs eine hochkonzentrierte Darbietung geboten ohne Showeffekte, mit toller klanglicher und musikalischer Tiefe und „poetischer“ Freiheit dargeboten. Kein Meißeln, kein Donnern, da schwebt der Klang sinnlich und schwerelos dahin. Da stimmt einfach alles. Manch einem wird es vielleicht etwas zu sehr nach Chopin klingen, was solls.

Der Dirigent, über ihn haben wir ja noch kein Wort verloren, war übrigens lange Primgeiger des Schlesischen Streichquartetts und gründete das AUSKO-Kammerorchester, das wahrscheinlich in Polen bekannter sein wird als bei uns. Dass er Geiger ist, könnte man dem Orchesterspiel wohl anhören, besonders vielleicht an der fließenden Artikulation. Das Orchester klingt fast wie ein stark besetztes Streichquartett. Flexible HIP-Elemente sind auch dabei, aber klanglich klingt es weich, voll und rund. Sehr transparent und kammermusikalisch. Dieselbe Meisterschaft bei der Aufnahmetechnik, die den beiden Pianisten zugutekam, wurde natürlich auch dem Orchester zuteil. Ob Herr Mos seine Mütze während seines Auftritts im Sommer trägt, damit ihm die Klimaanlage nichts anhaben kann, oder ob er sich als Outsider und Garderobe-Rebell oder als Freigeist inszenieren möchte? Auch Friedrich Gulda hatte ja gerne sein Haupt bedeckt. Dass man empfindlich gegen Zugluft oder Kälteströme sein kann, ist uns sehr wohl geläufig. Es ist bekannt, dass der Dirigent schon einige gesundheitliche Probleme zu bewältigen hatte.

Auf das Andante darf man nach dem ersten Satz wohl gespannt sein. Der enorm verfeinerte Chopin-Anschlag und -Klang könnte sich da womöglich als noch segensreicher erweisen, gerade in Verbindung mit den beiden edlen Instrumenten. Und tatsächkich, so schwerelos schwebend kann man den Satz kaum noch einmal hören. Da resoniert es im genau richten Maß. Flügel und Konzertsaal scheinen sich im vollkommenen Einklang zu befinden. Da wird der Vorsprung des Fazioli geradezu mit Händen greifbar. Und dann sind da auch noch zwei davon und dann auch noch wirklich exzellent aufgenommen. Da müssen wirklich echte Spezialisten am Werk gewesen sein, die die akustischen Eigenheiten der Warschauer Philharmonie genaustens gekannt haben müssen.

Im Rondo könnte man sich ja dann zu einem schönklingenden Schaulaufen veranlasst sehen, nachdem bisher alles so toll geglückt ist, aber so ist es nicht. Es gibt keine blank geputzte Perlenschnüre, keine sportliche Jagd und kein Ping-Pong. Da wird schwerloser, aristokratischer Esprit geboten, ein Schimmern und Tanzen, da klingt alles vollkommen, auch live.

Es klingt in der Warschauer Philharmonie ungemein räumlich, sonor und vollmundig. Möglicherweise wurde der Klang ein klein wenig zugunsten der beiden Faziolis abgestimmt. Das Holz kommt etwas zu kurz. Die Bässe werden nicht ignoriert, sie dürfen das Ganze fundamentieren. Die Faziolis hätten dabei zwar keine Hilfe gebraucht, aber ein ordentliches Fundament gehört doch zu einem guten Orchesterklang und einer audiophilen Aufnahme unbedingt dazu.

 

Derzeit kann man sich das kleine Wunder kostenlos bei YouTube anhören und anschauen. Um dem Klang gerecht zu werden, sollte auf den Sound den ein Laptop oder Handy bietet möglichst verzichtet zu werden:

https://www.youtube.com/watch?v=-jKH_koYNgs

 

 

5

Maria Joao Pires, Martha Argerich

Daniel Harding

Orchestre de la Suisse Romande

RTS, gesendet vom SWR, Mezzo auch auf YouTube

2021, live

10:14  7:31  7:01  24:46

Dieses Konzert wurde in der Genfer Victoria Hall unter Corona-Bedingungen aufgenommen. Wie bereits bei der Aufnahme mit Alexandre Rabinovitch nahm Frau Argerich am 2. Klavier Platz. Man hat die Wiener Instrumentierung gewählt, das Orchester spielt aber dennoch schlank, klar und deutlich und macht so, als wäre diese Instrumentierung nichts Besonderes. Wir hören zwei Pianistinnen, die sich genau abgestimmt haben, aber dennoch charakterlich verschiedenartig sind. Argerich verbindet Leidenschaft mit feuriger Brillanz und mitreißender Virtuosität. Frau Pires wirkt eher als eine Oase der Ruhe und Poesie. Pires ist in ihrer bisherigen Karriere stärker mit Mozart hervorgetreten, Argerich eher mit anderen Komponisten, die ihrem extrovertierteren Spiel besser entgegenkommen. Gegenüber der 26 Jahre älteren Einspielung mit ihrem damaligen Lebenspartner Alexandre Rabinovitch zeigt sie sich aber nicht mehr so rücksichtslos virtuos, sondern zeigt eine souveräne, gelassene Intensität, immer noch energisch, aber jetzt offensichtlich durch die Mitwirkung von Frau Pires oder die Erfahrung der Jahre kanalisiert. Hier hatte man die Aufgabe zu bewältigen, sich anzunähern. Man spielte das Konzert aber nicht zum ersten Mal gemeinsam, kannte sich also bereits. Es klingt stiller und introvertierter als 1995 mit Rabinovitch, eher die subtile Geste suchend, statt nach einem Versuch einen Sturm zu entfachen. Beide bieten immer noch höchstes Niveau. Pires perlt graziler, Argerich leuchtet brillanter und klingt sonorer, nur durch Nuancen voneinander getrennt. Man feuert sich im Rahmen des stilistisch möglichen an. Es klingt nun viel ausgewogener als 1995. Von Frau Pires fehlt eine Vergleichsaufnahme aus früheren Jahren, anscheinend hat sie KV 365 zuvor nicht aufgenommen.

Das Andante klingt kammermusikalisch intim mit zwei flexibel ineinander verwobenen Stimmen. Als dritte im Bunde gesellen sich wieder die wunderbar leicht, doch farbstark klingenden Oboen. Es klingt besonders nuancenreich, wie sich die beiden Pianistinnen nachahmen. Nicht immer genau dem Metronom nach. Ein klein wenig wie improvisiert.

Im Rondo legt Harding eine temperamentvoll-feuriges Tempo vor, was von beiden Pianistinnen freudig aufgenommen wird. Es ergibt sich ein feuriges Geben und Nehmen, wobei es oft Martha Argerich ist, die vom 2. Klavier aus immer mal vorlegt. Uns erschien sie immer eine Winzigkeit brillanter im Klang. Mit ihren damals 77 (Pires) und 80 Jahren klingen die beiden immer noch ganz schön frisch und jugendlich. Stilistisch erscheint diese Aufnahme gegenüber Argerichs ersten von 1995 mit Alexandre Rabinivitch deutlich gereift und stimmiger.

 

Das Orchestre de la Suisse Romande zeigt sich großzügig und hat gleich das gesamte Konzert incl. Mahler 1 bei YouTube hochgeladen:

https://www.youtube.com/watch?v=7fzYOtaJcxU

 

 

5

Güher Pekinel, Süher Pekinel

Sir Colin Davis

English Chamber Orchestra

YouTube

2007, live

10:11  7:03  6:54  24:08

Diese Aufnahme stammt wieder aus der Cadogan Hall, die sich nun schon mehrmals als akustischer Glücksfall für dieses Konzert erwiesen hat. Nach zwei eher misslungenen Versuchen der Pekinels ist der letzte der mit Abstand gelungenste. Hier stimmt das geflügelte Wort einmal wirklich: „Aller guten Dinge sind Drei.“

Colin Davis wählt ein klassisches Zeitmaß, ein wenig drängend im Ausdruck und ohne zu jagen. Bei den Damen hat jeder Anschlag immer noch Kontur und Brillanz, die Äquilibristik erscheint nun auch aufnahmetechnisch vollkommen. Das Orchester erklingt mit federnder Leichtigkeit und mozartgerechter schlanker Phrasierung. Da klingt nun nichts mehr monumental verhallt wie in der Chandos-Aufnahme und nicht mehr ausgezehrt und hart wie in Bratislava. Die Bestzungsgröße erscheint stimmig und in der akustisch in London führenden Cardogan Hall, der Heimstatt des Royal Philharmonic Orchestra, darf es frei und warm ausschwingen. Bei den Pekinels sitzt jeder Akzent punktgenau, wir würden gerne mal wissen, auf wie viele Aufführungen sie bei KV 365 kommen. Bei den Labeques wäre das auch mal interessant zu wissen. Es klingt insgesamt voll und warm, sonor, farbig und vor allem stimmungsvoll, brillant im richtigen Maß. Vor allem der nun so richtig warme Grundton, ein besonderes Kennzeichen von Colin Davis, wenn man sich seine letzten Aufnahmen, nicht unbedingt bei LSO Live, Revue passieren lässt. Da wird sozusagen noch genügend Fett beim Kochen verwendet, der Mann weiß, wie es zu schmecken hat. Die Steinways stehen da nicht nach, klingen voll und sonor, nicht überbrillant und ebenfalls mit warmem Grundton ausgestattet. Viel besser kann man das nicht aufnehmen. Nur die Mimik der beiden Solistinnen könnte Geschmacksache sei. Da wir uns sowieso auf den Audioteil konzentrieren ist das für uns kein Problem.

Im Andante scheint man bei den Steinways noch eins draufgesetzt zu haben, lässt sie noch etwas voller und sonorer klingen, ob Sir Colin da mitgemischt hat? Die beiden Pianistinnen spielen recht akzentuiert, übertreiben aber nicht, die Oboen klingen seit längerem auch beim ECO spitze. Es gibt keine Legato-Orgie, die HIP hat auch in diese Interpretation in Maßen hineingewirkt. Die Phrasierung wirkt sprechend und bringt den Satz dazu menschlich und lebendig zu werden. Dazu brummt Sir Colin in der tiefen Lage motivierend (?) mit. Die Oboen gehen nun nicht mehr trennend wie des Vater Leopold Stimme dazwischen. Hören wir da eher den Zuspruch der Mutter? Hier gibt es keinen Disput mehr, hier geht es um Versöhnung und die Umarmung ist nah. Leeres Geplänkel gibt es nicht mehr, die Darbietung wirkt gegenüber 1993 und 1998 merklich vertieft.

Das Rondo klingt wie ein nobles, zurückhaltendes Feuerwerk. Nicht zu hart und knackig, aber glücklicherweise nicht mehr verhallt. Es wird außerordentlich klar und gefühlvoll gespielt. Es gibt kein kühles und auch kein sportlich-kämpferisches Ping-Pong-Spiel.  Und vor allem kein Blindflug im Londoner Nebel wie 1998. Eher ein spritziges Geben und Nehmen, Hier wird eine jahrzehntelange Duo-Partnerschaft locker und souverän ausgelebt. Lächelnd und ohne Ermüdungserscheinungen. Je nach Zählweise sind die Zwillinge nun 56 oder 54 Jahre. Es klingt nun nicht mehr nach jugendlichem Sturm und Drang, sondern nobel und abgeklärt, insgesamt sehr erfreulich.

Die Zwillinge spielen nach wie vor ohne gegenseitigen Blickkontakt. Der Klang der Steinways wirkt sonor, brillant und körperhaft und sie sind gut voneinander zu unterscheiden aufgrund der Position auf der heimischen Hörbühne. Die Akustik der Cardogan Hall ist erneut zu loben. Sie erlaubt eine präzise Abbildung des Kammerorchesters, das räumlich und körperhaft klingt und natürlich abgebildet wird. Präsent und weiträumig zugleich. Eine sehr gelungene Aufnahme in Bild und Ton.

 

 

Die Pekinels haben den Film auf ihrem Youtube-Kanal eingestellt, er ist aber dennoch nicht leicht zu finden gewesen:

 

https://www.youtube.com/watch?v=l9Stk9VJazo

 

 

5

Katia Labèque,

Marielle Labèque

Semyon Bychkov

Wiener Philharmoniker

ORF

2012, live

10:05  6:47  7:38  24:30

 

Bei diesem Konzert im Wiener Musikvereinssaal waren die beiden Schwestern 62 bzw. 60 Jahre jung, wobei Herr Bychkov genauso alt wie seine Ehefrau Marielle ist. Die beiden versuchen immer wieder einen neuen Zugang zu den Werken, die sie aufführen zu gewinnen. So steckte man damals in einer Art Umorientierungsphase, in der sie sich intensiv mit der HIP beschäftigten (heute fahren sie komplett „zweigleisig“). Die Wiener Philharmoniker mit dem offensichtlich wenig an der HIP interessierten Semyon Bychkov legen groß, traditionell, warm und samtig vor. Dieses Mal scheinen jedoch keine Bösendorfer zugegen, es klingt nach den angestammten Steinways. Die Labèques antworten mit federnd-leichter Artikulation und der bekannten Delikatesse. Das Zusammenspiel ist in allen sechs Aufnahmen, die wir von diesem Duo zusammengetragen haben, traumwandlerisch sicher und finessenreich. Das kommt zum verschwenderisch-opulenten Mozartklang der Wiener hinzu. Nirgends hört man das mit volleren Mitten oder einem voluminöseren Bass. Außer in Berlin in der Philips-Aufnahme von 1989. Man höre dagegen nur einmal die ein Jahr zuvor entstandene Aufnahme aus London mit dem OAE und Simon Rattle. Einen ausgeprägteren Kontrast lässt sich nicht denken. Das Zusammenspiel mit dem Ehemann bzw. Schwager erscheint immer noch nahtlos. Man versteht sich auch nach 23 Jahren immer noch blind. Die Schmetterlinge flattern allerdings nicht mehr ganz so schwärmerisch oder sogar stürmisch wie 1989 in Berlin.

Das Andante klingt einfach herausragend und es wird wirklich beseelt gespielt. Das klingt immer noch ein bisschen nach Karl Böhm. Man pflegt die Tradition, aber akzentuiert in diesen Grenzen etwas deutlicher. Es klingt immer noch warm, füllig und seidig. Die beiden Klaviere werden vom Orchester geradezu sinnlich betörend „umwölkt“. Das „lebt“ und trifft das Herz. Die Labèques verhindern allerdings wirksam jede Überzeichnung.

Das Rondo wirkt nun gelassener und gereift. Doch nicht temperamentlos. Wie mitunter häufiger bei Herrn Bychkov zu beobachten werden die schnellen Tempi etwas getragener als üblich, auch da wo man es spritziger erwartet hätte. Erneut gibt es den stark in die Länge gezogenen Schlusstriller in der Kadenz (übrigens absolut synchron!). Den kann man inzwischen als Markenzeichen der Labèques in KV 365 ansehen. Glätte wurde zumindest in unseren Ohren komplett vermieden.

Damals gab es über den Satelliten auch in Deutschland noch einen vollen, runden Dolby-Digital-5.1-Klang. Wie zumeist klingt es eine Spur distanziert, aber sehr gut gestaffelt. Schade, dass man den 5.1-Klang eingespart hat. Deutsche Klassik-Sender der ARD sind leider diesem Beispiel gefolgt, sogar der BR.

 

5

Pierre-Laurent Aimard,

Tamara Stefanovich

Pierre Laurent Aimard

Chamber Orchestra of Europe

ORF

2013, live

10:10  7:26  6:50  24:26

 

Diese Aufnahme entstand im Rahmen der Styriate im Stefaniensaal zu Graz. Fünf Jahre zuvor hatte man es bereits in Salzburg mit der Camerata Salzburg unter der Leitung von Jonathan Nott aufgeführt. Dieses Konzert kann man auf Youtube sehen und hören. Wir haben es erst jetzt entdeckt, als wir nach dem Styriate-Konzert des Duos bei YouTube gesucht haben, Da es nicht zu finden war, haben wir das Salzburger Konzert als ausgezeichneten Ersatz verlinkt:

 

https://www.youtube.com/watch?v=N-L4l9DC8Uo

 

Frau Stefanovich besuchte bei Monsieur Aimard in Köln einen Kurs (ausgerechnet) über Pierre Boulez und aus dem Unterrichts-Verhältnis wurde schließlich eine Ehe. Man merkt sofort, dass hier ein perfekt eingespieltes Paar zusammenspielt, höchste Präzision ist selbstverständlich und muss nicht eigens präsentiert werden. Man kann sich voll und ganz der Musik widmen und der eigenen Freude beim Musizieren. Es klingt spielerisch-leicht, doch mit vollem, warmem, anschmiegsamem Klang. Das Orchester wirkt agil, beschwingt, transparent und klangschön, aber nicht spritzig. Monsieur Aimard nahm seinerzeit mit dem COE einige Mozartkonzerte für Warner auf. Warum hat man KV 365 verschmäht? Ein Rätsel.

Auch im Andante klingt es für eine Kammermusik-Besetzung auffallend warm und auch gefühlvoll. Das Holz ist von erlesener Qualität. Es entspinnt sich ein intimer Dialog mit Herzenswärme dargeboten. Fast taucht man in eine zarte, romantische Gefühlswelt ein. Es macht den Eindruck, als seien sich beide Solisten sehr zugetan. Man begegnet sich auch pianistisch auf Augenhöhe.

Das Rondo ist ebenfalls von Harmonie und hoher Differenzierungskunst geprägt. Man lässt sich durch nichts vorantreiben, man bummelt aber auch nicht. Die Perfektion ist hier nur Mittel zum Zweck und wird nie zur Schau gestellt. Eine herrlich „runde Sache“.

Auch 2013 übertrug man noch im 5.1.-Sound über Satelliten. Es klingt so noch wunderbar räumlich und ohne zu viel Nachhall. Und überhaupt nicht trocken, noch direkt, voll, rund, präsent, sehr transparent und auffallend warm. Ein ausgezeichneter Mitschnitt vom ORF, der es mehr als verdient gehabt hätte auf CD zu erscheinen. 

 

 

 

4-5

Lucas Jussen,

Arthur Jussen

Alain Altinoglu

HR-Sinfonieorchester

HR

2025, live

10:07  7:21  7:11  24:39

 

In der Saison 2025/26 waren die Jussen-Brüder Artists in Residence beim HR-Sinfonieorchester. In Frankfurt griff man wie in Budapest ebenfalls zur Wiener Instrumentierung. In größeren Sälen ist sie einfach empfehlenswert, Mozart hat sie ja nicht ohne Hintergedanken eigens verfasst. Die Pauken erhalten knackige Kontur, die Trompeten dürfen immerhin edel leuchten. Chefdirigent Alain Altinoglu lässt das HRSO flexibel und elegant spielen, präzise doch keineswegs sklavisch metronomisch, ohne die starre Strenge Marriners von 2015. Das Spiel der Brüder wirkt nun gelöster und freier als vor zehn Jahren. Der Klang der Steinways wirkt brillant.

Im Andante wirkt das Spiel der Jussens sehr geschmeidig und gefühlvoll. Entweder man hat sich vom Orchester und seinem Dirigenten inspirieren lassen oder man hat die eigene Gefühlswelt tiefer erkundet und vertieft. Es gibt nun kein Jugend-Status mehr. Der Reifeprozess macht anscheinend auch vor Klavierstars nicht halt. Da war der Übergang in eine erwachsener wirkende, tiefere Gefühlswelt vollzogen.

Ohne die hinzugewonnene tiefere Schicht gänzlich wieder freizugeben wirkt das Rondo sehr beschwingt. Aud den Jugendlichen von 2015 und den Kindern von 2006 sind nun ernsthafte Spitzenpianisten geworden. Man hört es auch an der gewonnenen Gelassenheit und an der gewonnenen Flexibilität. Die Virtuosität wirkt nach wie vor hoch, zudem jetzt verfeinert. Die Tonproduktion wirkt nun schattierungsreicher. Gerade in der Kadenz. Es klingt nun einfach gefühlvoller und vielschichtiger. Goßer Jubel auch in Frankfurts Alter Oper.

Ungleich viel besserer Klang als beim kläglichen Mono-Klang aus Budapest mit der Kompression des Grauens wahrscheinlich des YouTube-Uploaders. Seltsamerweise griff der beim Budapester Video nur in den Klang, nicht aber in die Bildqualität so herzhaft ein. In Frankfurt klingen die Flügel (zumindest bei uns beim Hören der Radioaufnahme) ungezwungen natürlich, brillant, voll, rund bei sehr guter rechts/links Verortung und ohne das gefürchtete Stereo-Loch in der Mitte. Das Orchester klingt räumlich, farbig, dynamisch und gut gestaffelt.

 

 

Der HR hat, wahrscheinlich aus Rücksicht auf das bereits vorhandene Video aus Köln mit dem WDRSO und Cristian Macelaru kein Video des Konzerts hochgeladen. Aber auf einen Audiomitschnitt kann man zurückgreifen:

 

https://www.hr2.de/programm/klassik-oper/konzertsaal--mittagskonzert-mit-dem-hr-sinfonieorchester,epg-konzertsaal-2754.html

 

 

4-5

Lucas Jussen,

Arthur Jussen

Jaap van Zweden

Nederlands Radio Kamer Filharmonie

Radio 4, NPO Klassiek

2006, live

10:03  7:18  6:39  24:00

 

Dies scheint der erste Mitschnitt der Gebrüder Jussen auf größerem Parkett zu sein. Lucas war 13, Arthur ganze 10 Jahre jung. Und es soll der erste gigantische Durchbruch der beiden auf großer Bühne (immerhin die Bühne des Concertgebouw in Amsterdam) gewesen sein. Da brillieren die beiden mit kindlicher Unbekümmertheit lange vor dem DG-Exklusivvertrag. Die Streicher klingen silbrig und da man die Wiener Instrumentierung gewählt hat geht es mit Pauken und Trompeten so richtig kraftvoll zu und man prescht ordentlich voran. Davon lassen sich die beiden nicht beeindrucken, auch vom Dirigenten und dem Orchester nicht. Van Zweden lässt sich aber auch von den beiden „Lausbuben“ nicht beeindrucken und spendiert eine vollgültige, „große“ Orchesterbegleitung. Da werden viele Effekte der Instrumentation voll ausgereizt, die sonst unters Podium fallen. Den beiden Pianisten fehlen noch ein wenig Kraft und Brillanz, wenn man sie später hört, technisch ist schon alles da und musikalisch stellen die beiden die etwas zugeknöpfte Serioso-Version aus London von 2015 mit Sir Neville in den Schatten.

Im Andante hört man erneut die absolute Furchtlosigkeit vorm großen Konzertsaal und Fehler zu spielen. Da ist bereits eine Tiefe zu hören, die die beiden eigentlich unmöglich erlebt haben können. Das errechnete Alter ist eigentlich gar nicht zu glauben, angesichts der reifen Höchstleistung, die da zu hören ist. Auch dieser Satz gelingt gelöster und ausdrucksvoller als 2015 mit Marriner im Studio. Absolute Präzision wird bei den beiden 2006 bereits zur Nebensache, ohne dass sie im „Autopilot“ wären.

Im Rondo kommen wir wieder in den Genuss eines instinktiven Musikanten-Muts. Die beiden wilden Lausbuben werden von Jaap van Zweden lange nicht so an die kurze Leine gelegt wie bei Sir Neville im Studio. Frei, flexibel, virtuos. In Sachen Kraft, Anschlagskultur und Brillanz werden sie noch besser werden. Die Live-Atmosphäre muss sie gegenüber der dem Studio-Druck deutlich beflügelt haben. Allerdings dirigierte van Zweden auch mit erheblich mehr brennendem Feuer als Marriner. Großartiger Triumpf der beiden Brüder. Fast ein Natur-Wunder.

Diese Aufnahme haben auch wir von der Webseite von NPO Klassiek gestreamt. Übrigens eine Fundgrube für viele Konzertmitschnitte aller niederländischen Orchester zumeist in Topbesetzungen. Auch mit dem Concertgebouw Orkest. Seit der Sender Radio 4 nicht mehr in Deutschland empfangbar ist ein Ersatz-Eldorado. Es klingt in diesem Fall sehr gut, sonor, brillant, nur ein wenig distanziert, Die beiden Flügel sind sehr gut räumlich zu unterscheiden.

 

Das kostbare „historische“ Dokument war gar nicht leicht im www. zu finden und hätte vielleicht auf der Website des Radios einen etwas prominenteren Ort und eine liebevollere Aufmachung verdient:

 

https://www.npoklassiek.nl/componisten/04ba4127-e1af-4d80-9c32-8eb115c62005/mozart-wolfgang-amadeus

 

 

4-5

Anthony Paratore,

Joseph Paratore

Oleg Caetani

Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken (heute: Deutsche Radio Philharmonie)

SR

1995, live

9:52  6:58  6:45  23:34

 

In diesem Gebrüder-Duo ist es mal anders als gewöhnlich, da gilt der jüngere Bruder Anthony als der extrovertiertere mit dem explosiveren Anschlag, während der ältere, die feinsinnige Präsenz der Strukturen beisteuert. Diese Aufnahme fand in der Congresshalle Saarbrücken statt. Das Klavierduo hat übrigens im Jahr 1974 im Fach Klavierduo den ARD-Musikwettbewerb München gewonnen, mit dem 1. Preis. Den gibt es nur selten (wahrscheinlich nur, wenn man besser als die Juroren ist), gerade in dieser Disziplin. Allerdings waren sie nicht die ersten, denen das gelang. Diese Ehre gebührt den Brüdern Kontarsky 1955. Von diesem Klavierduo scheint es keine reguläre Einspielung von KV 365 zu geben. Da sollten die Anstalten der ARD vielleicht doch einmal in ihren Archiven stöbern. Die beiden Kontarskys haben zwar später besonders mit moderner und zeitgenössischer Musik Furore gemacht, was aber nicht bedeuten muss, dass man bei KV 365 nichts Besonderes erwarten dürfte.

Bei den Paratores, die in diesem Konzert, was selbst für Saarbrücker Verhältnisse sehr ungewöhnlich war, zuvor bereits Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ in der Version für zwei Klavier boten (Caetani wiederholte das Stück dann mit dem Orchester nach KV 365), hört sich das Doppelkonzert klassisch ausbalanciert und feinsinnig an. Mit dem Orchester agiert man völlig bruchlos und geschmeidig. Die Brüder, wirken wie ein Organismus mit vier Armen und 20 Fingern und präsentieren einen Dialog eines über Jahrzehnte zusammenarbeitenden Duos, der ARD-Wettbewerb war gerade etwas über 20 Jahre her. Dirigent (der Sohn von Igor Markevitch) und Orchester sind sehr aufmerksame Begleiter und bieten ihrerseits einen abgerundeten Klang in einem durchaus vitalisierenden Gestus. Stilistisch vorbildhaft für ein modernes RSO. Vor allem klingt es nie zu wuchtig.

Im Andante machen die klangschönen Oboen wieder auf sich aufmerksam, das Orchester gefällt mit federnd-schlankem Klang, hat aber genug „Fleisch auf den Rippen“, sodass man keine Sorge vor klanglicher Anämie zu haben braucht. Es macht aber den beiden Solisten ihre Rollen nicht streitig, vielmehr unterstützt es hervorragend und bringt die Solisten nur noch besser zur Geltung.

Mit der „Saarbrücker“ Ästhetik des Mozart-Klangs (die es offiziell nicht gegeben hat und auch heute nicht gibt, der Begriff dient nur als Zusammenfassung des Gehörten) bietet man dem Klavierduo Paratore im Rondo optimale Passgenauigkeit. Es klingt transparent und schlank, doch immer noch voll und warm genug und der Klang der Flügel trägt in der tendenziell trockenen Akustik der Saarbrücker Mehrzweckhalle wunderbar, singend und edel. Mozart klingt hier, zumindest einmal wenn man von dieser Einspielung ausgehen darf, besonders gut. Man erreicht trotz hoher Transparenz auch einen sehr guten Verschmelzungsgrad. Man kann so durchaus von einem hervorragend ausbalancierten, harmonisch-sinnlichen, fast schon balsamischen Hochgenuss sprechen. Überraschung: Man hört hier mal andere Kadenzen!

Der Klang der Aufnahme ist sehr klar, deutlich und offen, Wir hören zwei stattliche Steinways, die beide gut zu lokalisieren sind.

 

4-5

Murray Perahia,

Radu Lupu

Riccardo Chailly

RSO Berlin (heute: Deutsches Sinfonieorchester Berlin, DSO abgekürzt)

RBB

1984, live

10:07  7:59  6:56  25:02

 

Vier Jahre vor der Aufnahme zur Platte bzw. CD trafen sich die beiden Protagonisten bereits in der Berliner Philharmonie um KV 365 zu spielen. Eine seltene Gelegenheit einmal die Kunst Radu Lupus abseits seiner offiziellen Einspielungen zu hören. Meistens gab er Live-Aufnahme mit seiner Beteiligung nicht frei. Er spielte zunächst auch nur Kompositionen, die zu ihm passten, vielmehr, wie er sich auszudrücken pflegte, „die ihn besonders mochten“.  Es klingt gegenüber der CD von 1988 mit dem English Chamber Orchestra weiträumiger und die Berliner wirken zahlreicher besetzt. Das Orchester kann unter der Leitung seines damaligen Chefs sanft umschmeicheln. Perahia ist noch von der Dirigierverpflichtung entbunden und kann sich ausschließlich seinem Spiel und den Interaktionen mit seinem Duopartner und dem Orchester widmen. Es klingt bereits in Berlin wie aus einem Herz und einer Seele. Und man kann schreiben Lupu harmoniert mit Perahia am besten. Klanglich und musikalisch. Besser als mit Previn in jedem Fall. Und eigentlich noch besser als 1988 bei der Sony-Aufnahme.

Die Oboen leuchten im Andante voll und warm auf, sie klingen aber mehr nach einem liebevollen Erziehungsberechtigten als nach einem  „Memento mori“. Die beiden Steinways klingen eigentlich völlig gleich und da beide offenkundig eng in der Mitte beieinander stehen spürt man kaum so etwas wie einen in einem Raum sich abspielenden Dialog. Man war eben ganz eng beieinander.

Schöne Liegetöne beim Holz bilden den Hintergrund beim Rondo. Chailly und das RSO spielen die bei Mozart „erlaubte“ Dynamik voll aus. Vielleicht klingt es nach heutigem Geschmack doch etwas zu wohlig und groß angelegt und es könnte noch etwas spritziger klingen. Ein besonderer Genuss ist die vollkommen gleichgesinnte, perfekt synchrone und klanglich vollkommen ausgeglichene Kadenz.

Der Klang der Aufnahme ist diffuser als der der Sony-CD, In der Philharmonie wirkt das Orchester weiter entfernt, die Flügel wirken deutlich präsenter als das Orchester aber nicht ganz so brillant als auf der CD. Es wurde bassfreundlich aufgenommen.

 

4-5

Lucas Jussen,

Arthur Jussen

Cristian Macelaru

WDR-Sinfonieorchester

WDR

2021, live

10:14  7:17  6:58  24:29

 

Dieses Konzert fand in der Kölner Philharmonie noch unter den damals herrschenden speziellen Corona-Bedingungen statt. Der vom WDR aufgezeichnete Stream wurde von den Gebrüder Jussen bei YouTube eingestellt. In der ARD-Mediathek war er nicht auffindbar.

Das Orchesterspiel wirkt akzentuiert, allerdings hört man vom Holz nicht sehr viel und auch die Hörner werden integriert, nicht exponiert. Wenn man sich den Film anschaut wird man sie sicher besser „hören“, als wenn man nur den Ton verfolgt. Nach den sechs Jahren seit der Studioeinspielung mit Sir Neville Marriner für die DG wirkt das Spiel der Brüder freier und gelöster, im Concertare kommen die Oboen des WDR nun besser zur Geltung. Der Vortrag wirkt serös, aber nicht korsettiert. Man kann kein Grimassieren oder eine gesteigerte oder gar hyperaktive Körpersprache erkennen, die die beiden als junge Wilde ausweisen soll, aber wir haben nur selten auf den Bildschirm geschaut. Es klingt einfach elastischer und lebendiger als im Studio. Bei der Kadenz gibt es keine Experimente, man behält in allen Einspielungen die originale Mozart-Kadenz bei.

Im Andante bietet Macelaru und das WDRSO ein weiches, hochsolides Klangbett, die Oboen erscheinen darin nur als Hintergrund, nicht als „Memento mori“. Dazu hätten sie viel deutlicher herauskommen müssen. Dieses weiche Bett erlaubt den Solisten ein Spiel ohne Druck, es erdet gut und wirkt bodenständig. Der Satz strahlt noch keine besondere poetische Tiefe aus.

Im Rondo hören wir engagiertes Musizieren in einem spielfreudigen Wettstreit. Das liegt den Brüdern, auch ohne das passende Video-Bild zu sehen. Macelaru legt elastisch vor und gibt dem Rondo gleich den rhythmischen Schubs, um die Jussens auf den richtigen Weg zu bringen (was natürlich genau so geprobt war). Es wirkt einfach frischer und spontaner als bei Sir Neville. In Köln gab es einen sympathischen und mit viel Applaus belohnten Auftritt der beiden Niederländer.

Der Klang der beiden Flügel wirkt in Köln sogar etwas schwebender und freier als auf der Stdioaufnahme der DG aus London. Das Orchester hingegen etwas weniger präsent und etwas magerer, was wahrscheinlich an der geringeren Auflösung des YouTube-Materials liegen mag. Dennoch klingt es gut, allerdings im direkten Vergleich etwas spröder und glanzloser. Scharfes Bild.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=KM2WP4DztCo

 

 

4-5

Izabella Simon,

Dénes Varjon

ohne Dirigent(in)

Chamber Orchestra of Europe

YouTube

2020, live

10:03  7:35   7:04  24:42

 

Bei dieser im Großen Saal der Liszt-Akademie in Budapest aufgenommenen Darbietung gibt es keinen Dirigenten. Auch nicht Dénes Varjon vom zweiten Flügel aus. Nur ganz unscheinbar gibt Lorenza Borrani von ihrer Konzertmeisterposition aus ganz zart die Einsätze zu Beginn. Das Konzert war eines der letzten vor dem Corona Shut-Down. Mit Varjon gab es ja bereits eine Einspielung auf Naxos mit Jenö Jando. 2020 überlässt er seiner Ehefrau, mit der er seit Jahrzehnten im Duo zusammenspielt. Dieses Mal gibt es also reine basisdemokratische Kammermusik. Trotzdem ist es eine Aufführung wie aus einem Guss geworden, die mit höchster Vertrautheit, höchster Präzision und hoher Musikalität erfreut. Letzte Sicherheit gaben sicher auch die von den beiden Eheleuten aufgestellten Noten. Das sah man übrigens häufiger bei den abgefilmten Aufführungen von KV 365.

Im Andante kommen die Oboen hervorragend zur Geltung, überhaupt zeigt das Chamber Orchestra of Europe, dass es immer noch eines der besten seiner Art ist, auch wenn kaum noch CDs mit ihm produziert werden. Das Klavierduo reicht sich die Phrasen mit größter Vertrautheit, bruchlos, rubatoreich und gefühlvoll. Es klingt zutiefst human, wenn man so will, es geht also auch ohne Dirigenten.

Im Rondo blättert Frau Simon die Noten leider ziemlich robust und lautstark um, das wäre aber auch eigentlich schon der einzige Einwand von unserer Seite. An den Klang der fast schon dem Irdischen enthobenen der Warschauer Faziolis kommen die beiden Steinways in Budapest nicht ganz heran. Wir hoffen ja, dass wir da die Erinnerung nicht verklären. In Budapest geht es munter und stilvoll zu, nicht revolutionär.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr transparent, bestens gestaffelt, voll und rund. Man fragt sich, wieso die Budapester Aufnahme der Jussens mit Ivan Fischer so grandios dagegen abstürzt. Das Bild ist bei beiden Mitschnitten wunderbar klar. Also da wurde in beiden Fällen an nichts gespart. In dieser Aufnahme sind die beiden Steinways bestens zu unterscheiden, nur aufgrund der räumlichen Position, sonst nicht. Man hat höchste klangliche Übereinstimmung erreicht. Da gebührt ein besonderes Lob sicher auch dem „Intoneur“, wie man den „Klavierstimmer“ ebenfalls nennt. In diesem Fall gibt es teilweise auch Splitscreen-Aufnahmen zu sehen, sodass beide Pianisten je eine Bildhälfte gleichzeitig ausfüllen. Wenn beide gemeinsam spielen nicht uninteressant.

 

4-5

Katia Labèque,

Marielle Labèque

Jaap van Zweten

Gstaad Festival Orchestra

SWR

2023, live

9:51  6;19  7:21  23:31

 

Die beiden Schwestern waren 2023, mittlerweile 73 und 71 Jahre jung, beim Gstaad-Menuhin-Festival in der Schweiz zu Gast. Das Orchester dort soll sich aus den besten schweizerischen Profi-Orchestern rekrutieren.  Es klingt in dieser Aufnahme zwar voll aber doch etwas schlanker als die Berliner Philharmoniker 1989 oder die Wiener 2012. Man vernimmt einen gewissen HIP-Einfluss, der auch in Jaap van Zwedens 2006er Aufnahme mit den noch ganz jungen Jussen-Brüder zu hören war. Wie gesagt klingt das Orchester noch voll und rund und erscheint auch nicht zu schmal besetzt, aber man vermeidet es nicht ganz Vibrato zu spielen, wenngleich sehr zurückhaltend. Es klingt bei den beiden Labèques immer noch temperamentvoll, doch nicht mehr ganz so straff und geschmeidig wie 1989. Es liegen immerhin 34 Jahre zwischen dieser und der 89er Aufnahme. Es hört sich auch nicht mehr ganz so brillant an, so als hätte man für dieses Mal statt der gewohnten Steinways auf zwei Bösendorfern gespielt. Die Klangtechnik spielt dabei sicher auch eine gewisse Rolle. Die Kadenzen sind immer die von Mozart, über all die Jahre, all die Orchester und all die Dirigenten hinweg. Die passen natürlich immer noch am besten zum Konzert, es könnte aber sein, dass man selbst einmal etwas Abwechslung gebraucht hätte. Auch die Kadenz klingt in Gstaad etwas schlanker als in Berlin oder Wien. Am Tempo ändert sich nichts.

Im Andante klingt es nun weniger schwebend aber nicht mit weniger Ausdruck, im Gegenteil. Man phrasiert nun etwas kleinteiliger, aber auch differenzierter, eben „historischer“, etwas zügiger aber eher noch finessenreicher. Der Klang wirkt allerdings nicht mehr so „schön“ im herkömmlichen Sinn oder sinnlich.

Im Rondo geht es nun etwas langsamer zu und der recht warme Klang des Orchesters bettet den Klang der Flügel schön ein. Das Zusammenspiel der beiden Solistinnen ergänzt sich nach wie vor vorzüglich auch mit dem Orchester. Offensichtlich ist man auch durch die x-te Darbietung des Konzerts KV 365 gegenüber nicht abgestumpft. Es geht im Grunde immer noch quirlig und feurig im typischen Labèque-Stil durch das Stück. Spannend und perlend wie eh und je. Mittlerweile hat man sich allerdings durch Aufnahme von ein paar HIP-Elementen dem Zeitgeist angepasst. Es fehlt immer noch jeder Anflug von Biedermeier-Gemütlichkeit und Mozartkugel-Süße.

Die Aufnahme des Schweizer Rundfunks lässt die Flügel deutlich unterscheidbar hören. Das Orchester klingt klar und prägnant, aber etwas mehr aus dem Hintergrund als 1989 die Berliner bei der Philips-Aufnahme.

 

4-5

Nikolay Shalamov,

Alina Shalamova

Jun Märkl

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR, YouTube

2015, live

10:12  7:25  6:58  24:36

 

Wann immer „Klavierduo“ auf dem Wettbewerbsspielplan des ARD-Musikwettbewerbs steht ist KV 365 angesagt. Es ist Pflichtstück für alle Klavierduos, d.h. jedes Duo muss es spielen und meistens wird es dann auch noch einmal von einem der Sieger-Duos (Platz 3 bis 1 würden wir gerne als Sieger bezeichnen, falls es einen ersten Platz überhaupt gibt) beim Preisträgerkonzert dargeboten. Also der Wettbewerb ist eine Fundgrube für KV 365. Wir haben uns willkürlich ein paar der Beiträge rausgesucht. Da der BR alles, was im Wettbewerb gespielt wird streamt, gibt es noch viel mehr Aufnahmen bei YouTube zu sehen.

Das Duo Shalamov gewann 2015 den 1. Preis und was mindestens genauso wichtig ist: den Zuschauerpreis. Die Zuhörer haben nämlich meist ein sehr gutes Gespür, wie die Musik ankommt, aber auch bei ihm hört natürlich das Auge mit. Also wenn ein Duo schön anzusehen ist, könnte das schon einmal ein paar Pluspunkte geben. Ob das bei den Preisrichtern anders ist, lassen wir einmal dahingestellt. Diese Darbietung war vom Preisträgerkonzert, da hatten die beiden also den schlimmsten Druck des Wettbewerbs hinter sich gelassen. Sollte man meinen. Dennoch wirkten die Sulkanishvilis während des Wettbewerbs gelöster, freudiger bei der Sache. Zumindest einmal äußerlich. Deren Darbietung stammt also ebenfalls aus dem Wettbewerb 2015. Und der Klavierklang wirkte bei den Sulkanishvilis sogar brillanter, vielleicht aber nicht so differenziert.

Die Shalimovs bieten im Andante aber einen exzellenten Kompromiss aus dem Spiel des Geister-Duos und den Sakamotos; da perlt es sehr differenziert, nicht zu sanft (wie bei den Sakamotos) und nicht so lauthals (wie beim Geister-Duo, das sowieso sehr Beethovennah spielt, aber man reizt die Dynamikpalette dann doch sehr gut aus, wenn auch nicht so imposant. Aber jetzt vergleichen wir bereits verschiedene Jahrgänge, diese Möglichkeit hatte die Jury nicht. Wir hören mit den Shalimovs ein junges Ehepaar, das sich wirklich noch viel zu sagen hat, na klar, dass das bei Zwillingsschwestern oder zwei gestandenen Männern anders klingen muss. Das scheint tatsächlich kein Klischee zu sein. Man kann es selbst überprüfen, wie setzen den Link wieder drunter. Es hört sich intim an, ja zärtlich, aber nicht so wie bei den Sakamotos, bei denen es pastellener klingt. Und gewiss nicht so wie beim wie von Beethoven höchstselbst angehauchten Gespräch des Geister-Duos.

Das Rondo klingt reichhaltig und differenziert, spannend aber nicht abenteuerlich. Das Orchester lässt bei der heroischen Es-Dur-Geste der Wiener Fassung mit Pauken und Trompeten die Kirche im Dorf. Der Klassische, nicht der aufwieglerisch-revolutionäre Ton, wie wir ihn bei Lubimov-Brautigam-Huss exemplarisch hören können, herrscht hier vor. Es gibt die Mozart-Kadenzen zu hören.

Die Balance zwischen Duo und Orchester ist gut, Das Duo erklingt nicht so dominant wie beim Preisträgerkonzert des Geister-Duos 2021. Davon unten mehr.

 

4-5

Geister-Duo; David Salmon,

Manuel Vieillard

Radoslav Szulc

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR-YouTube

2021, live

10:00  6:41  7:04  23:45

 

Vom Geister-Duo (klar, dass man da sofort an Beethovens Geister-Trio denken muss und wenn man das Duo dann spielen hört wird die Assoziation zu Beethoven nicht unbedingt geringer) hätte es sogar zwei Darbietungen von KV 365 gegeben, einmal den Wettbewerbsbeitrag und dann das Preisträgerkonzert. Wir haben uns evtl. für das Preisträgerkonzert entschieden, man kann es leicht daran erkennen, dass der Zuschauerraum des Herkulessaals nun proppenvoll ist. Das ist auch für die Akustik nicht egal, denn nun klingt es vor allem vom Orchester gedeckter und etwas gedämpfter. Die beiden Franzosen haben in ihrem Jahrgang nicht nur den seltenen 1. Preis erhalten, sondern auch noch fünf Sonderpreise dazu.

Auch das Orchester erscheint nun im Preisträgerkonzert (?) vor vollem Haus frischer, die beiden Steinways klingen sogar gleich etwas größer und deutlicher gegenüber dem Orchester hervorgehoben, aber eigentlich handelt es sich nur um Nuancen. Gegenüber den drittplatzierten Sakamotos spielt man lustvoller, drängender und mit mehr Kraft. Das ist wirklich kein gefälliges Dahinplätschern, sondern ein beethovennahes Spiel mit Ecken und Kanten. Die herausragende Übereinstimmung der beiden Pianisten in Klang und Artikulation hat sicher genauso zum Erfolg beigetragen wie die Brillanz und der ausgefeilte Dialog. Da ist nun keinerlei barocke Schminke mehr im Gesicht zu finden.

Das Andante klingt nun immer noch ausgefeilt aber recht lautstark, generell aber nicht undifferenziert. Die beiden Franzosen nutzen das Dynamikspektrum nach unten und oben erheblich stärker aus als die Sakamotos. Der zärtlich-gefühlvolle Charakter der beiden elfenhaften Japanerinnen kommt den beiden Herren bei ihrem Gespräch unter Männern ziemlich abhanden. Es klingt schnörkellos und mit einem gewissen Ernst, dem verabsolutierten Schönklang bringt man keine besondere Wertschätzung entgegen. Da ist kein Platz für zärtliches Getuschel oder für eine romantische Liebeserklärung.

Das Rondo erklingt mit strammem Vorwärtsklang. So passt es auch zum Erscheinungsbild der beiden Herren. Ein bisschen grimmig und vielleicht auch mit einem gewissen ironischen Witz versehen klingt es ja schon. Da ist weniger ein lockeres Zuwerfen leichter Bälle zu hören als ein leidenschaftliches Match um den Turniersieg. Den hat man ja auch tatsächlich davongetragen. Mit leidenschaftlicher Wucht und ganz ohne die schwerelose Grazie der Sakamotos.

Die beiden Flügel wurden nicht künstlich klanglich weiter auseinandergenommen als sie im Konzert zu sehen und zu hören waren. Man kann sie dennoch auf der heimischen Klangbühne gut unterscheiden. Das Orchester wirkt weiter im Hintergrund als bei den Sakamotos.

 

Da muss man leider etwas suchen, ist ein sehr langes Video, nämlich das gesamte Finale: Das Geister-Duo spielt KV 365 im zweiten Viertel der ersten Hälfte des Videos.

 

https://www.ardmediathek.de/video/ard-klassik/finale-klavierduo/ard/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvL2Q4N2IyNWYyLTNiMmMtNGRjNC1hYjg2LTlmYjc3NGZhYmQzZQ

 

 

4-5

Ani Sulkanishvili,

Nia Sulkanishvili

Jun Märkl

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR-YouTube

2015, live

9:45  6:51  6:42  23:28

 

Wie immer aus dem Herkulessaal der Münchner Residenz. Dieses Mal eingestellt vom Klavierduo selbst. Wir hörten eine Aufnahme vom Wettbewerb, also nicht vom Preisträgerkonzert. Es wird die Wiener Instrumentierung gespielt. Der Anschlag der beiden Georgierinnen wirkt kernig und klar, kein zauberhaftes, leichtes Gleiten wie bei den Sakamotos. Sie scheinen mit einigem Frohsinn zu spielen und wirken unverkrampft (und das beim Wettbewerb!). Sind aber bei aller Musikalität und Temperament sehr fokussiert. Es gibt die Originalkadenz zu hören. Märkl lässt zügig spielen, wirkt jedoch von der HIP wenig beeinflusst, weniger als Radoslaw Szulc 2021. Es ist mehr Rundung, weniger Schärfe und ein traditionell satter Klang zu hören.

Im Andante hören wir wieder den hochpräzisen Anschlag und die sehr klare Artikulation, die beiden Zwillingsschwestern sind hochkonzentriert bei der Sache, was man allerdings eher sieht als hört. Die Oboen werden nicht mit aller „Memento mori“-Deutlichkeit herausgestellt. Das Zusammenspiel wirkt fast schon unheimlich präzise, wie Zwillingstelepathie.

Das Rondo klingt frisch und unverbraucht und wird mit viel Freude am Spiel dargeboten. Die beiden sind geradezu füreinander da und scheinen für die Musik zu brennen. Ein, zwei Tönchen bleiben mal weg, aber was soll´s.

Es klingt offen, rund und transparent, gut ausbalanciert. Die beiden Steinways sind einzeln gut heraushörbar, werden aber von der Technik nicht künstlich auseinandergezogen. Man hört was man sieht.

 

 

KV 365:

 

https://www.youtube.com/watch?v=R1g9VA9yvo0

 

 

4-5

Aya Sakamoto,

Risa Sakamoto

Radoslaw Szulc

Sinfonieorchester des BR

BR-YouTube

2021, live

10:10  7:08  7:07  24:25

 

2021 haben die Sakamoto-Schwestern, die mit der typischen Geschwister-Hierarchie spielen, d.h. die ältere Schwester Aya nimmt den Platz am 1. Klavier ein den 3. Preis und den Publikumspreis gewonnen. Eine Studioaufnahme von KV 365 beim ORF für das Label Alpha folgte alsbald (siehe oben). Das Orchester wirkt groß besetzt, doch es phrasiert sprachgewandt. Man hat nicht den Eindruck, dass es gerade das vierte Mal das gleiche Stück zu spielen hat. Bemerkenswert, wie es dieses letzte Mal noch engagiert und rhythmisch federnd, sehr schön dynamisch alles dazu beiträgt möglichst nichts bei der Entscheidung im Fach Klavierduo zu beeinflussen. Es musiziert immer noch mit, statt nur einen Teppich auszurollen, es agiert kraftvoll und „künstlerisch wertvoll“. Die Sakamotos lassen es nicht einfach durchfließen, in den synkopierten Passagen gibt es sogar etwas Swing (besonders im Rondo). Man spielt hochsensibel und etwas frischer und spannender als beim ORF im Studio mit einem HIP-Einschlag im Orchester.

Im Andante wirkt der Unterschied der beiden Aufnahmen (München und Wien) noch etwas größer als zuvor. Beim ORF klingt es tatsächlich weicher und runder, man möchte meinen wienerischer. Der HIP-Einfluss des BRSO wirkt in Wien deutlich abgemildert. In München klingt es spannender und akzentuierter. Nicht unbedingt so, als ob zarte Elfen gegen einen harten, markanten Orchesterapparat antreten müssten. Tendenziell werden sie im Wien etwas weicher gebettet. Aber in beiden Fällen ist es kein Samtteppich wie z.B. bei den Gebrüder Valle in Valladolid. Im Wiener Studio können sich die beiden Japanerinnen ohne Gefahr noch weiter zurücknehmen.

Im Rondo strengt sich das BRSO wieder richtig an, so spritzig und tänzerisch, kraftvoll und mitreißend wie es klingt. Die beiden Sakamotos können sich sicher fühlen und unbekümmert aufspielen. Von allen vier Klavierduos, die die Finalrunde unter sich ausgemacht haben, scheinen sie uns an diesem Abend oder Nachmittag (?) den meisten Jubel und die lautesten Bravos zu bekommen. Der Publikumspreis kam ja nicht von ungefähr. Ihre feenhafte, wohlgestaltete und angenehm anzusehende Erscheinung mit den strahlend weißen Kleidern mag da eine Rolle mitgespielt haben. Duo 1 und Duo 3 haben wir uns nicht angehört, irgendwann wird es einfach zu viel.

 

 

Die Sakamotos spielen im letzten Viertel dieses langen Videos, das KV 365 insgesamt 4x zeigt.

 

https://www.ardmediathek.de/video/ard-klassik/finale-klavierduo/ard/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvL2Q4N2IyNWYyLTNiMmMtNGRjNC1hYjg2LTlmYjc3NGZhYmQzZQ

 

 

4-5

Bracha Eden,

Alexander Tamir

Yuri Ahronovitch

Gürzenich Orchester Köln

WDR ?

1985, live

11:24  7:46  7:19  26:29

 

Dieses Konzert, das als eines der „Konzerte der Stadt Köln“ im Gürzenich aufgenommen wurde, hat das Eden-Tamir-Center in Jerusalem bei YouTube eingestellt. Es klingt sehr viel besser als die BBC-Aufnahme aus London, die nur in Mono zur Verfügung gestellt werden konnte. Nun klingt es voll, rund, weich, üppig und von der HIP vollkommen unbeleckt und durch eine stattliche Streicherbesetzung sogar ein bisschen schwer durch den üppigen Bass. Aber doch temperamentvoll, sogar leidenschaftlich. Die Holzbläser kommen gut heraus und die beiden Flügel ebenfalls. Sie klingen schön holzig und resonant. Man spielt erneut die seltsame Kadenz, die auch 1978 in London zu hören war. Ob es eine modifizierte Version von der Brahms-Kadenz sein könnte? Sie klingt wuchtig und hat sinfonischen Charakter. Busoni hätte ja auch eine geschrieben. Aber danach klingt es nicht. Vielleicht kennt sie ja der eine oder andere Leser des Klassik-Kompass und erweist uns die Ehre einer entsprechenden Mitteilung?

Das Andante klingt ausdrucksvoll und spannend wie von langer Hand geplant und „entwickelt“, aber mit flinken Fingern und kraftvoll gespielt. Überraschend wie voll, körperhaft und schwebend der Klang des WDR damals war, falls er tatsächlich aufgenommen haben sollte. Es hört sich nämlich so an, als wären nur wenige Mikrophone beteiligt gewesen und nicht ein ganzes Bataillon davon, wie heute. Mit einer natürlich wirkenden Resonanz.

Im Rondo hören wir wieder plastisch eingefangene Flügel, erneut beschwingt, doch gegenüber London 1978 deutlich nachdenklicher und eingedunkelt auch beim Orchester. Erneut spielen die beiden eine sehr kurze Kadenz in diesem Satz.

Der Klang lässt uns noch ein leichtes analoges Bandrauschen hören, was vielleicht doch gegen den WDR spricht. Die Flügel klingen resonant und üppig, recht brillant und voll. Sie sind gut ortbar. Ein schönes und sehr willkommenes Kontrastprogramm gegenüber der BBC-Aufnahme. Hier kann der natürliche Raum noch mitschwingen. Bei der BBC durch den Monoklang überhaupt nicht. In Köln wirkt alles organisch, schwebend und mit einer natürlichen Tiefenstaffelung.

 

Zum nachhören:

 

https://www.youtube.com/watch?v=LDXq4qY4cS0

 

 

 

 

4

Begoña Uriarte,

Karl-Hermann Mrongovius

Leopold Hager

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR

1980, live

9:45  7:12  6:40  23:37

 

Das Klavierduo bestehend aus der Baskin Begoña Uriarte und dem Münchner Karl-Hermann Mrongovius spielte seit 1962 gemeinsam im Klavierduo, d.h. beim vermeintlichen Live-Mitschnitt aus der Stadthalle Bayreuth 1980 musizierte man bereits seit 28 Jahren zusammen. Man stellt kompetent und im besten Einverständnis ihre eigene Attitüde (falls überhaupt eine vorhanden war) zurück und klingt auf eine unprätentiöse Art quirlig. Man spielt mit runden, weniger brillanten Anschlag und einem recht vollen, warmen Klang. Ansonsten gibt es keine besonderen Vorkommnisse. Auch vom Orchester nicht, das unter Herrn Hagers Leitung oder wegen anderen besonderen Bedingungen unter seinen Möglichkeiten bleibt.

Im Andante gibt es weite Spannungsbögen und besonders gelungene Oboen-Einsätze. Allerdings muss man davon absehen, dass die Oboen gegenüber den beiden Flügeln viel zu weit entfernt erscheinen. Ein „Memento mori“-Charakter wäre viel anschaulicher und nachvollziehbarer, wäre die Präsenz der Oboen besser gelungen. So wirken sie eher als starker Kontrast zur Spielfreude der Solisten.

Im Rondo klingt es weniger luzide, weniger leicht und weniger inspiriert als z.B. bei Einspielungen mit Pianisten der französischen Schule. Es gibt keine „Übervirtuosität“, aber frei wirkendes, sozusagen aufrichtiges und differenziertes Musikantentum, da darf es auch einmal klirren. Den Glanz der Besten erreicht man kaum, spielt aber ohne Fehl und Tadel. Man nimmt auch von den nachdenklichen, grüblerischen, ja sogar makabren Schattenseiten Kenntnis. Immer im Vergleich gehört.

Der Klang der Aufnahme wirkt plastisch, offen, transparent und sauber, es gibt einen leichten Ping-Pong-Effekt. Die Flügel klingen sehr präsent und werden groß abgebildet. Der Klang des Orchesters wirkt nicht so gelungen wie der der beiden Flügel. Es sind gar keine Geräusche eines Publikums zu vernehmen. Es könnte sich also um ein „kosmetisch“ bereinigtes Konzertdokument handeln oder vielleicht auch doch um eine Studioproduktion. Dafür wäre allerdings das Orchester für den vom BR gewohnten Standard ungewöhnlich mau aufgenommen worden. Allerdings ist die Aufnahme von 1980 und da war der Standard noch nicht der heutige. Da wir im ARD-Nachtkonzert mitgeschnitten haben, sind die Sprecher oft wegen der vorgerückten Stunde nicht sehr mitteilsam, sodass solche unwichtigen Details wie Aufnahmeort und -zeit gerne verschwiegen werden. Es gibt keinen hörbaren Husten, keinen Applaus.

 

4

Katia Labèques,

Marielle Labèque

Bobby McFerrin

Münchner Rundfunkorchester

BR

2000, live

9:44  6:37  7:39  24:00

 

Bei diesem Mitschnitt vom Münchner Klaviersommer in der Philharmonie am Gasteig waren die Pianistinnen 50 bzw. 48 Jahre jung. Wie der Dirigent sind die beiden einem musikalischen Crossover nicht abgeneigt, aber in Sachen Sturm und Drang wirkt der Gestus gegenüber der 1989er Philips-Einspielung reduziert. Das Orchester wirkt allerdings etwas leichter und „flockiger“, wahrscheinlich auch kleiner besetzt. Ein Gefühl von metronomischer Starre stellt sich nie ein, das wäre bei den beiden Schwestern auch verwunderlich. Die Kadenz bringt wieder das wunderbare Wechselspiel. Man spielt mit ausgewachsenen Flügeln, Hammerklaviere hätten weder zum Orchester noch zur Münchner Philharmonie so richtig gepasst. An rhythmischen Drive lässt man es nicht fehlen (die Pianistinnen sowieso nicht) und es klingt durchweg noch energisch, beim Orchester überwiegt jedoch der Eindruck des locker-flockigen.

Sehr gute Oboen und auch entsprechend gut aufnahmetechnisch als Element der Sinfonia Concertante in Szene gesetzt wertet das Andante zusätzlich auf. Hier weht noch weitgehend der Geist der Berliner Aufnahme, es wird schön ausgesungen wie bei einer Opernarie, nur etwas zügiger. Aufs Singen versteht sich der Dirigent ja besonders.

Das Rondo erklingt mit Maß und Ziel und im Temperament gegenüber der ´89er Berliner und auch gegenüber den anderen Aufnahmen der Labèques etwas gezügelt. Doch man spielt mit Charme und Esprit und erheblicher nachdenklicher und lieblicher als sonst. Mit dem sehr in die Länge gezogenen, geradezu ausschweifenden, wie improvisierten Triller in der Mozart-Kadenz. Den bringen sie später auch wieder ins Spiel.

Die Aufnahme klingt transparent und räumlich bei guter Präsenz. Man hört nur leise Publikumsgeräusche in den Satzpausen.

 

4

Alexander Wienand,

Sebastian Wienand

Nikos Athinäus

Brandenburgisches Staatsorchester Frankfurt (damals noch unter dem Namen: Philharmonisches Orchester Frankfurt)

RBB

1998, live

9:26  6:39  6:42  22:47

 

Bei dieser Aufnahme haben wir es erneut mit einem Brüderpaar zu tun. Aber nicht alle Klavierduos bleiben jahrzehntelang zusammen. Diese in Baden-Württemberg aufgewachsenen Brüder haben völlig verschiedene Richtungen eingeschlagen. Sebastian wurde zu einem „Barock-Papst“, studierte an der Schola Cantorum Basiliensis und gilt heute als gefragter Cembalist und Fortepianist der Originalklang-Szene. Er ist Mitglied des Freiburger Barockorchesters. Alexander dagegen ist heute ein gefragter Jazz-Pianist, der Bach und Mozart nahtlos mit Improvisationen verbindet. Die Aufnahme entstand im Konzertsaal C. P. E. Bach in Frankfurt/Oder, einer ehemaligen Klosterkirche der Franziskaner. Sebastian war gerade mal 14, Alexander 16 Jahre jung. Nikos Athinäus war Chefdirigent in Frankfurt/Oder 1990-2000.

Man verwendet die Wiener Instrumentierung und wählt einen sportlichen Einstieg, bei dem Pauke, Hörner und Oboen besonders gut herauskommen. Insgesamt klingt es etwas lärmend. Und beim Orchester geht es etwas zu sehr ohne Punkt und Komma durch. Energetisch, drängend und straff aber leider auch etwas undifferenziert und metronomisch. Genauso, wie es scheint, treibt der Dirigent die beiden jungen Pianisten an. Und die lassen sich tatsächlich ein, zweimal davon aus der Kurve tragen. Kommen aber meist gut mit und bringen sogar ein aufmerksames Konzertieren zuwege. Zeit für eine elastische Eleganz bleibt ihnen kaum. Das Orchester spielt nicht immer nied- und nagelfest.

Das Andante erklingt ebenfalls sehr zügig, wird aber von den jungen Brüdern federnd, volltönend und, das ist als Kompliment gemeint „erwachsen“. Das Tempo erscheint in diesem Zusammenhang bisweilen für einen gefühlvollen langsamen Satz als zu schnell und bisweilen ein wenig zu hektisch. Ohne dass die beiden jungen Männer oberflächlich spielen würden.

Wie im ersten Satz gibt Herr Athinäus im Rondo ein sehr straffes Tempo vor und betätigt sich als Antreiber vom Dienst. Für echte Poesie bleibt da weder Zeit noch Sinn. In der Kadenz holen die Wienands aber, soweit noch möglich, einiges nach.

Der Klang des Frankfurter Konzertsaals wirkt stark resonant. Ein stark besetztes Orchester wirkt darin schnell zu mächtig, um dem Esprit des Werkes vollumfänglich gerecht zu werden.

 

 

Instrumentale Kuriosität der Extraklasse: Statt zwei Flügeln übernehmen zwei Harfen die Rolle der Solisten und wie:

 

 

5

Marie-Pierre Langlamet,

Naoko Yoshino

Alondra de la Parra

Kammerakademie Potsdam

RBB

2010, live

10:48  6:45  7:45  25:18

 

Diese Darbietung von KV 365 ist ungewöhnlich, denn zwei Harfen übernehmen die Rolle der beiden Flügel. Marie-Pierre Langlamet ist die langjährige Solo-Harfenistin der Berliner Philharmoniker während Naoko Yoshino ohne feste Orchesterstelle als freie Solistin arbeitet. Beide verbindet ein langjährige Duo-Partnerschaft. Das Konzert fand im Nicolaisaal in Potsdam statt. Die KAP bietet für die beiden Harfen den schlanken, historisch informierten Rahmen. Das Arrangement wurde von Madame Langlamet selbst angefertigt. Man nutzt passenderweise die Salzburger Instrumentierung, denn die Harfen würden, wenn Pauken und Trompeten das Instrumentarium noch weiter bereichern würden, noch leichter von der Lautstärke des Orchesters im Klang „erdrückt“ werden. Das Holz erweist sich im Orchester nicht immer als vollkommen synchron. Die Klavierstimmen konnten fast 1:1 übertragen werden, Vereinfachungen waren angesichts der bei beiden Harfenistinnen vorhandenen Virtuosität nicht erforderlich. Allerdings mussten die spieltechnischen Grenzen der Harfe maximal ausgereizt werden. So müssen viele Saiten bei der Harfe aktiv mit den Handflächen abgedämpft werden, damit sie nicht unkontrolliert weiterschwingen, was beim Flügel von der Mechanik übernommen wird. Nur so können die beiden Solistinnen verhindern, dass das Arrangement im Klangbrei (oder besser bei den zarten Harfen: Klangschleier) versinkt. Die Orchesterbegleitung erfolgt auffallend licht und gedämpft, da hat man den leichten, eher leisen Klang der Harfen vortrefflich antizipiert. Die Harfen werden zumindest für die Radiohörer nie überdeckt. Auch die Aufnahmetechnik hat das Problem frühzeitig erkannt und gebannt.

Es klingt nun mit den beiden Harfen statt den Flügeln im ersten Satz einfach phantastisch. Das glitzert und perlt, dass es eine Wonne ist. Als ob Mozart diese Instrumente für sein Konzert statt der Tasteninstrumente vorgesehen hätte! Einen stärkeren Widerpart für das Orchester wie ihn die beiden Flügel zweifellos bieten, haben wir beim Hören zu keiner Sekunde vermisst. Das Concertare ist vollkommen; untereinander und auch in der Zusammenarbeit mit Dirigentin und Orchester, wenn man einmal von den etwas starken Holzbläsern absieht. Im Streaming gibt es auch eine Version des Langlamet-Arrangements bei dem das Orchester durch ein Streichquartett ersetzt wurde. Das erleichtert die Aufführbarkeit sicherlich. Mal sehen, ob es auch eine Version bei YouTube gibt, die wir verlinken können. Könnte sein, dass man nicht kostenlos darüber verfügen kann. Eine Version mit Harfen und Orchester findet man gar nicht, aber der RBB wiederholt den Mitschnitt recht häufig und auch im ARD-Nachtprogramm war er bereits zu hören.

Das Andante wird so gespielt zur reinen Poesie. Die Oboen geben ihr Allerbestes um das Arrangement zu bereichern, als „Memento mori“ erklingen sie allerdings nicht.

Im Rondo lässt sich das Tempo der virtuos aufgelegten Pianist/innen mit der Harfe nicht erreichen, das liegt auf der Hand. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn das Konzert bekommt mit den beiden Harfen nun gleichsam „goldene Flügel“, mit denen es sich noch leichter abheben lässt. Die beiden Damen spielen sehr gefühlvoll mit viel Rubato und in bester Abstimmung untereinander und zum Orchester. Zum bezaubernden Klang kommt dann auch noch die herausragende Meisterschaft der beiden Solistinnen. Alleine die Kadenz erscheint wie ein Kabinettstückchen an Intimität. Das Konzert dürfte jedoch für beide Harfenistinnen Leistungssport gewesen sein.

Klanglich wurden die beiden Harfen akustisch bestens vorne an der Rampe positioniert, Das Orchester schmiegt sich bestmöglich und etwas distanziert, wie es sich in diesem Fall gehört an den Harfenklang an. Als es der Branche noch besser ging, wäre diese Darbietung sogleich zu einer CD-Veröffentlichung geworden.

 

Der erste Satz der Fassung mit zwei Harfen und Streichquartett wurde sogar bei YouTube hochgeladen, sodass man sich zumindest was die Soloinstrumente betrifft einen guten Eindruck von dem Arrangement verschaffen kann.

 

https://www.youtube.com/watch?v=hyxDttAxNjg