Jean Sibelius

5. Sinfonie Es-Dur op. 82

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Inhalt:

- Werkhintergrund

- Übersicht über die gehörten Aufnahmen

- Rezensionen

   76 Stereo-Aufnahmen

   14 Mono-Aufnahmen

   34 Live-Aufnahmen aus Radio, Mediathek und YouTube

 

Werkhintergrund:

Jean Sibelius gilt als der finnische Nationalkomponist, ein Ruf, den er sich vor allem durch seine Symphonische Dichtung "Finlandia" erwarb. Dieses Werk avancierte in den Zeiten der russischen Unterdrückung zur inoffiziellen finnischen Nationalhymne und machte seinen Schöpfer zu einer nationalen Identifikationsfigur. Gleiche Popularität wurde nur noch seiner zweiten von insgesamt sieben Symphonien zuteil. Auch hier wirkt in den weitgespannten atmosphärisch dichten Melodien die Landschaft Finnlands als Inspirationsquelle. Als Sibelius ab der dritten Symphonie seinen Stil von spätromantischem Überschwang hin zu einer am Neoklassizismus orientierten Sachlichkeit und Knappheit wandelte, begegnete ihm das Publikum mit Unverständnis. Vielleicht war es diese Diskrepanz zu den Erwartungen der Hörer und auch sein Wissen um eine Außenseiterposition in einer Zeit, in der die "Neue Musik" eines Schönberg, Berg und Webern aufkam, die ihn nach 1926 kein Werk mehr schreiben ließ. Für seine Verdienste um einen finnischen Nationalstil erhielt Sibelius als größter Komponist seines Landes eine lebenslange Ehrenpension des finnischen Staates. (https://www.mphil.de/ueber-uns/musikerinnen-und-musiker/details/jean-sibelius)

Darüber hinaus ist der 8. Dezember, Sibelius´ Geburtstag, seit 2011 offizieller Beflaggungstag in ganz Finnland und es wird der Tag der finnischen Musik begangen. Für einen arbeitsfreien Feiertag hat es (noch) nicht gereicht.

Gerechtigkeit für Sibelius muss man mittlerweile auch in Deutschland nicht mehr einfordern. In dem Maß, in dem die große Erzählung vom Fortschritt in der modernen Musik ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt hat, erkennt man auch hierzulande, dass der früher diffamierte Finne die vielleicht wichtigste Alternative (ohne Schostakowitsch dabei zu vergessen) zur Avantgarde formuliert hatte. Sie, die orthodoxe Moderne, meinte, man müsse das kompositorische Material stets erneut revolutionieren, um zu immer neuen Ufern musikalischen Ausdrucks vorzudringen. Sibelius sah das anders. Er hat ein symphonisches Korpus geschaffen, das die Bande zur Tradition, zu Tonalität und thematischer Arbeit, demonstrativ nicht gekappt, sondern auf aufregende Weise neu gedeutet hat. Gerade darum hat es innovativ gewirkt und andere Traditionslinien der Moderne begründet.

Nach Beethoven war nichts mehr wie zuvor. Alle, wirklich alle Symphoniker, von Schubert, Schumann über Brahms bis Mahler und darüber hinaus hatten sich besonders an der Fünften abzuarbeiten. Wie sollte man diesen Standard in puncto formaler Einheit, motivischer Verdichtung und zumal in der Finalfrage überbieten? Als vielleicht überzeugendste Antwort strahlt ins 20. Jahrhundert nun wieder eine Fünfte leuchtturmartig hinein. In ihr und ihren Schwesterwerken unterzieht Sibelius das Prinzip der thematischen Arbeit einer Metamorphose. Es gebiert quasi die naturgleiche evolutionäre Verwandlung kleinster Motivpartikel. Flirrende Streicherhintergründe emanzipieren sich von der bloßen klanglichen Füllfunktion und erlangen thematische und zumal dramatische Prägnanz. Zudem nehmen sie das Prinzip der Minimal Music vorweg, die kontinuierliche Verwandlung rhythmisch-motivierter Patterns. In eindringlichen Ostinati und bisweilen dissonanter Liegetönen entstehen im Vexierspiel von Stasis und Verwandlung musikalische Räume, die ihresgleichen suchen. (Uwe Steiner In HiFi und Records 2/2017).

Jede der sieben Sinfonien von Jean Sibelius findet individuelle Lösungen für die als überlebt geltende Gattung. Komplexität und Progressivität stehen dabei der Popularität nicht entgegen. Anders als die zweite Sinfonie bereitete jedoch die ins Kosmische entrückte Naturmystik der Fünften in Verbindung mit ihrer ungewöhnlichen Gestalt vielen Dirigenten auch Probleme. Die totale Integration des Materials, die Sibelius letztlich gelang, hat nicht automatisch eine schlüssige Großform zur Folge (Volker Tarnow in FonoForum 06/20).

Das erfuhr niemand leidvoller als Sibelius selbst, denn kaum eine andere Symphonie beschäftigte Sibelius so lange wie seine fünfte. Nahezu sieben Jahre liegen zwischen den ersten Skizzen von 1912 und ihrer endgültigen Form von 1919. Die Uraufführung der ersten Fassung erfolgte an Sibelius 50. Geburtstag am 8. Dezember 1915 mit dem Helsinki Munizipal Orchester, den heutigen Philharmonikern, unter seiner Leitung. Doch er war mit seinem Werk nicht zufrieden. So arbeitete er an einer weiteren Fassung, die 1916 vorgestellt wurde. Doch auch diese Version unterzog Sibelius einer weiteren und schließlich endgültigen Bearbeitung. 1919 stellte er die endgültige Version fertig. Diese dritte und letzte Fassung ist heute die allgemein gültige. Sibelius Suche nach der richtigen Form dieser Symphonie war nun also endlich erfüllt. Sibelius Bemerkung, dass jede seiner Symphonien einen eigenen Stil habe und dass er dafür sehr viel arbeite, scheint gerade in der fünften mehr als bestätigt zu sein.

Dass Sibelius in jenen Jahren, bedingt durch Weltkrieg und Bürgerkrieg, die existenzielle Gefährdung seiner Familie erlebte, hört man dem Endresultat nicht unbedingt an. Die fünfte Sinfonie spielt sozusagen in einem anderen Universum.

 

Durch die stetigen Umarbeitungen an der Symphonie ergab sich statt einer ursprünglichen viersätzigen Fassung eine dreisätzige. Sibelius verschmolz dabei die beiden ersten Sätze zu einem Doppelsatz, wobei der zweite Teil des ersten Satzes die Funktion ähnlich eines Scherzos übernahm. Den Plan diesen nun angewachsenen Satz aus seinem Kontext zu reißen und als eigenständige „Symphonische Fantasie Nr. 1“ herauszugeben, verwarf Sibelius.

 

Eine thematisch vermittelnde Funktion zwischen dem ersten Satz und dem Finalsatz besitzt der eher langsame und heitere zweite. Das Finale schließlich vereint die Hauptgedanken der Symphonie. Thematisch bedeutsam ist hier das von den Hörnern vorgetragene Motiv, das auch als „Schwanenthema" bezeichnet wird. Dieses lässt sich auf das Motiv der Eingangsmusik von „Schwanenweiß" aus dem Jahre 1908 zurückführen. Aber auch das Naturschauspiel der Zug der Schwäne, 16 an der Zahl, hinterließ beim Komponisten starke persönliche Eindrücke und Einflüsse: „Nichts in der ganzen Welt, nichts in der Kunst, in der Literatur, auch nicht in der Musik wirkt so sehr auf mich wie diese Schwäne, Kraniche, Wildgänse." (https://www.mphil.de/konzerte-und-karten/werke/symphonie-nr-5-es-dur-op-82-2283)

 

Die Fünfte unterschätzt man ihrer Popularität und ihrer optimistischen Grundstimmung wegen leicht. Unvergesslich, schon nach dem ersten Hören intonieren ruhig und getragen ein im Quart-, Sekund- und wieder Quartschritt aufsteigendes Viertonmotiv der Hörner, wie es ähnlich John Coltrane später in seinem „A Love Supreme“ zugrunde legen sollte. Eine Erinnerung an den Beginn von  Bruckners Nr. 4 stellt sich allerdings zuerst ein, halbe Länge, ebenfalls Es-Dur, ebenfalls ohne Hörner undenkbar. Als Urzelle kehrt das Motiv in allen Sätzen wieder. In den nun folgenden Ergänzungen und Verwandlungen, Abspaltungen und Rotationen kann man durchaus einige Muster des Sonatenhauptsatzes erkennen. Sie helfen aber wenig, das atmosphärisch dichte Geschehen aus Klangflächen und -schichten zu begreifen. Ein einsames Fagott-Solo intoniert einen Klagegesang vor dichten Streichertremoli, die das Verhältnis von Melodie und Begleitung umzukehren scheinen. Wo man die Reprise erwartet, beschleunigt sich auf einmal das Material und leitet, wie in einer filmischen Überblendung, in einen scherzohaften Teil über, an dessen Ende das Ausgangsthema in einer schwindelerregenden Steigerung neu erstrahlt. Tatsächlich hatte Sibelius im Interesse der formalen Vereinheitlichung zwei Sätze der konventionell viersätzigen Ur-Fassung, wir erwähnten es bereits, zusammengezogen. Von 1914, als ihm das Ur-Thema aufging, über 1915, der Premiere der Erstfassung, über eine zweite, ihn gleichfalls nicht zufriedenstellende Version bis zur Vollendung 1919 hat er mit der Fünften unter großen Geburtswehen (ein „Ringen mit Gott“, wie er es selbst formulierte) gelegen. Ihr musikalisches Glück, wenn man das so sagen darf, spiegelt keineswegs die Befindlichkeit ihres Verfassers. Er sei der Sklave seiner Themen, notiert Sibelius einmal. Das Material diktiert ihm den schmerzlichen Weg zur adäquaten Form. Drückt er doch eine Objektivität, quasi eine Natur aus, die höher scheint als alles Individuelle.

Das Thema des folgenden, ruhigen Variationssatzes, eine „heimelige Insel inmitten aufgewühlter See“ (Salonen), bereitet schon das Finale vor, so Sibelius-Biograph Volker Tarnow, Energieströme sondergleichen entfesselt und Myriaden von Glückshormonen verströmt. Über einem erregt vibrierenden Streicherostinato erklingt wieder in den Hörnern (was wäre diese Sinfonie, ähnlich Bruckners Äquivalent in Es-Dur, der „Romantischen“, ohne Hörner?)  und in Terzen-Parallelen, jener auf- und absteigende naturmystische Hymnus, den Sibelius sein „Schwanenthema“ genannt hat. Der Anblick eines Zuges von 16 Singschwänen vor dem klaren Himmel seiner Waldheimat will ihn dazu inspiriert haben. Holzbläser intonieren eine quartensehnsüchtige Antwort, um dann scheinbar den verlorenen Hymnus zu suchen. Nachdem die Reprise orchestrale Sturmläufe entfesselt hatte, die so wieder Tarnow, zu den machtvollsten der Symphonik überhaupt gehören, beenden, hierin wieder Beethovens Fünfter vergleichbar, sechs Tutti-Schläge beinahe gewaltsam dieses so ekstatisch wie ergriffen kulminierende, Kosmos-gleiche Geschehen (Uwe Steiner).

 

Assoziationen kosmischer Art entstehen auch bei oder in Esa-Pekka Salonen, wenn er sich mit der Fünften beschäftigt. Diese Gedanken braucht man noch nicht einmal abzuschreiben oder nachzulesen, man kann sie sich auch als Podcast anhören, von Sylvia Schreiber zusammengefasst, ein Klick auf den Link genügt:

https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/sibelius-symphonie-5-starke-stuecke-100.html

Die Münchner Aufnahme Salonens erschien uns übrigens von den insgesamt vier mit ihm gehörten als die eindrucksvollste.

 

Gut nachhören lässt sich die Kompositionsweise Sibelius´ in der Werkbetrachtung des WDR. David Marlow stellt anhand von einigen Beispielen mit dem WDR-Sinfonieorchester einzelne Passagen solistisch vor, die sonst auch mal im Tutti untergehen können. Das ist viel plastischer als jede Beschreibung unsererseits, weshalb wir die Audiodatei sehr gerne empfehlen und auf eine eigene genauere Beschreibung der drei Sätze verzichten möchten:

https://www1.wdr.de/radio/wdr3/musik/wdr3-werkbetrachtungen/r-jean-sibelius-fuenfte-sinfonie-100.html

 

Das Geheimnis hinter den sechs Schlussakkorden und warum gerade sechs?

 

Diese Frage berührt das vielleicht faszinierendste, radikalste und genialste Rätsel der gesamten Sinfonie. Jedes Mal, wenn diese sechs isolierten, wie abgehackt in den Raum geworfenen Tutti-Schläge krachen, fragt man sich instinktiv: Warum hat Sibelius das gerade so gemacht?

Dafür gibt es möglicherweise drei tiefgreifende Gründe – einen biografischen, einen architektonischen und einen rein physikalischen:

 

1. Das physikalische Problem der Raumakustik (Die Urversion von 1915) 

In der heute fast vergessenen Urversion der 5. Sinfonie von 1915 gab es diese sechs getrennten Akkorde noch gar nicht! Das Finale endete ganz konventionell mit einem breiten, ununterbrochenen und mächtigen Klangstrom des Orchesters.

 

Das Desaster bei der Uraufführung:

Sibelius musste entsetzt feststellen, dass in den großen Konzertsälen der damaligen Zeit in Finnland der gigantische Klang des Blechs und der Pauken im Finale alles komplett zusammenmatschte. Die polyphonen Schichten fraßen sich gegenseitig auf, der Nachhall der Hallen erstickte die Konturen.

2. Das geniale „Messer“ der Revision (1916–1919) 

Sibelius begriff, dass er die Musik radikal „lüften“ musste. Er zerschlug den dicken Klangstrom in sechs exakt platzierte, monumentale Säulen und setzte dazwischen riesige, ehrfürchtige Pausen der absoluten Stille.

Die Pausen sind kein Gag, sondern sie geben dem riesigen Nachhall des Raumes die physikalische Zeit, komplett auszuschwingen. Erst durch das plötzliche Vakuum der Stille knallt der jeweils nächste Akkord mit einer markerschütternden, sauberen Präsenz an das Ohr des Hörers. Es ist ein Meilenstein der orchestralen Raumakustik. Seltsamerweise halten nur sehr, sehr wenige Dirigenten diese von Sibelius exakt bemessenen Pausen ebenso exakt ein.

 

3. Die mathematische und spirituelle Symbolik der Sechs 

Musikalisch könnten diese sechs Schläge das absolute und unumstößliche Zuschlagen des Tors des Schicksals bedeuten.

Wenn man sich die Harmonien ansieht, könnten die sechs Akkorde im Grunde auch zwei gigantische, dreistufige Wellenbewegungen der Erlösung bedeuten, so könnte man meinen: Akkord 1 bis 3 hämmern die Dominante und die Vorhalte fest – und die finalen Akkorde 4 bis 6 hämmern das Werk in der reinen, unerschütterlichen Urkraft von Es-Dur unwiderruflich in den Boden. Weniger Schläge hätten die tonale Spannung nicht aufgelöst, mehr Schläge hätten den triumphalen Effekt zerredet. Es ist die perfekte, mathematische Vollendung. Man redet im angelsächsischen Raum gerne von „Thors Hammerschlägen“. Wahrscheinlich wegen Finnland und der nordischen Mythologie. Wenn sie kurz und sehr präzise gelingen, dann stellt sich diese Assoziation tatsächlich ein, aber eigentlich klingen sie in jeder Aufnahme anders. Sie werden unterschiedlich lange ausgehalten, klingen mal mehr nach Streicher, mal mehr nach Blech und die Pauke macht mal die Vorschläge, mal nicht. Paavo Berglunds akribische Archivarbeit brachte sie angeblich erst in die Partitur, also bei allen Monoaufnahmen gibt es sie noch gar nicht. Es gibt übrigens, wie bereits erwähnt, nicht viele Dirigenten, die die Pausen am Ende korrekt einhalten. Eigentlich sind uns nur Simon Rattle, Mikko Franck und Maxim Emelyanychev aufgefallen, die diesen Mut aufbringen. Und David Marlow bei der Werkbetrachtung des WDR. Die kürzesten Pausen gibt es bei Herbert von Karajan. Ganz ähnlich bei Kondraschin und dann wieder bei John Storgards. Das wirkt bei Karajan besonders seltsam, als hätte er Angst vor ihnen. Alle anderen bewegen sich irgendwo zwischen diesen beiden Polen.

 

 

Ein weiteres Ergebnis der Hörsitzungen:

Auffallend ist der dieses Mal auffallend stark bevölkerte Olymp. Rein statistisch (Gaußsche Glockenkurve) dürfte das eigentlich nicht vorkommen. Aber auf die Statistik muss man auch mal pfeifen können. Es geht um Musik und um keinen Hotel- oder Autovergleichstest, und wenn die betreffende Einspielung nun einmal begeistert, sollte das das oberste Maß der Bewertung sein. Neben der Partitur-Treue und der atmosphärischen Dichte natürlich. Und natürlich den anderen Kriterien wie Orchesterspiel, Klangschönheit usw. Wenn wir bei der Musik anfangen würden, den Olymp nach einer mathematischen Quote zu beschränken, dann würden wir genau denselben klinischen, seelenlosen Fehler machen wie jene Streaming-Algorithmen und Excel-Tabellen-Kritiker, die uns auf unserer Reise durch die Diskographie ebenfalls aufgefallen sind. Verlassen wir uns doch besser auf die eigenen Ohren als auf das von Anderen bereits einmal Geschriebene.  Dass der Olymp bei der 5. Sinfonie „sehr stark bevölkert“ wird, ist kein statistischer Fehler, sondern das logische Resultat zweier wunderbarer Umstände: Über Jahrzehnte hinweg hat man einem unfehlbaren Spürsinn folgend gerade bei den Angelsachsen die absoluten Rosinen aus einem damals bereits reichhaltigen, qualitativ hochwertigen Angebot herausgepickt, denn Sibelius reüssierte dort bereits viel früher als bei uns in Mitteleuropa und man spielte ihn und nahm ihn fleißig auf, während er bei uns gerade einmal von Karajan und Rosbaud gepflegt und protegiert wurde. Und zweitens: Jean Sibelius hat hier ein Werk von einer derart existenziellen, unerschöpflichen Genialität geschaffen, dass es – wenn die handwerkliche Spielfähigkeit, die Partitur-Treue, die atmosphärische Dichte und das lodernde Feuer etc. zusammenkommen – den Hörer einfach schachmatt setzen muss. Daher kommt die Fülle. Wem es zu viele sind, der mag gerne auf eigene Faust kürzen. Aber alle mit einer 5 und sogar nicht wenige mit einer 4-5 vorne haben etwas ganz Besonderes, das andere nicht so ohne weiteres mitbringen.

 

 

Abschließend noch ein paar Zitate:

 

„Meine Sinfonien sind Musik, die als musikalischer Ausdruck ohne jedwede literarische Grundlage erdacht und ausgearbeitet worden ist. Eine Sinfonie soll zuerst und zuletzt Musik sein.“ (Sibelius 1934 rückblickend über sein sinfonisches Schaffen)

 

„Als ob der Herrgott Mosaikstücke aus dem Boden des Himmels heruntergeworfen und dann mich gebeten hätte herauszufinden, was für ein Muster dort gewesen ist.“ (Sibelius während der Komposition seiner Fünften)

 

„Heute um 10 vor 11 habe ich 16 Schwäne gesehen. Eines meiner größten Erlebnisse. Herrgott, welche Schönheit.“ (Sibelius)

 

Und Maxim Emelyanychev in einem „Pausengespräch“, das der SWR während der Konzertpause sendete gerade bevor man die Fünfte spielte: „Mit der Fünften wollte Sibelius einen bewussten Kontrapunkt zum Weltgeschehen setzen. Er geriet geradezu in einen Schaffensrauch und komponierte eine Hymne an die finnische Natur und genau dort, bei der Naturbetrachtung, kam ihm die Idee zu dem simplen, aber unwiderstehlichen Schwanenthema im Finale, wie Sibelius seinem Tagebuch anvertraut hat. Er schrieb: „Heute sah ich 16 Schwäne (gemeint sind Singschwäne). Herrgott, welche Schönheit. Sie kreisten lange über mir und schwankten in dem sonnenbeschienenen Dunst wie ein von Zeit zu Zeit aufblitzendes Silberband. Ihr Ruf hatte einen Holzbläserklang, ähnlich wie der der Kraniche, aber ohne Tremolo. Der ist der Trompete näher. Ein leiser Refrain, der an das Weinen eines Kleinkinds erinnert. Naturmystizismus und Lebensangst. Das Finalthema meiner fünften Sinfonie legato in den Trompeten. Bin auf diese Weise im Heiligtum gewesen. Das Vier-Ton-Motiv, das zum Mitsummen einlädt, bekommt man kaum noch aus dem Kopf.“  Es fehlt bei Emelyanychev noch gegenüber dem originalen Tagebuchzitat, das er zitiert: „Das Rufen dieser Vögel, in derselben Tonart wie mein neues Thema.“

 

Als Sibelius mitten im Ersten Weltkrieg (1914) voller Zweifel und im harten Ringen an der Sinfonie arbeitete, schrieb er euphorisch in einem Brief an einen Freund: „Gott wird die Tür für einen Augenblick öffnen und sein Orchester wird die Sinfonie Nr. 5 spielen.“

 

 

 

Jean Sibelius beim Komponieren, ungefähr zur Zeit der Entstehung der 5. Sinfonie. Die zeitliche Bestimmung haben wir jedoch lediglich nach der Dichte des Haupthaares vorgenommen, ist daher mit Vorsicht zu "genießen".

 

 

 

Überblick über alle gehörten Aufnahmen. Die Rezensionen folgen wie immer im Anschluss:

 

 

5

Sir Colin Davis

London Symphony Orchestra

RCA

1992

13:15  8:13  8:43  30:11

 

5

Colin Davis

Boston Symphony Orchestra

Philips, Pentatone

1975

14:55  9:00  7:57  31:52

 

5

Gaetano Delogu

Tschechische Philharmonie, Prag

Supraphon

1980

13:12  7:50  9:07  30:09

 

5

Mariss Jansons

Oslo Philharmonic Orchestra

EMI

1994

12:15  8:44  8:35  29:34

 

5

Osmo Vänskä

Sinfonia Lahti (Lahti Symphony Orchestra)

BIS

1997

13:23  8:47  9:07  31:17

 

 

5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

EMI

1976

14:08  8:55  9:04  32:07

 

5

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS-Sony

1961

13:08  9:48 9:35  32:31 

 

5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DG

1965

14:06  8:18  8:55  31:19

 

5

Sir Malcolm Sargent

BBC Symphony Orchestra

EMI

1958

12:18  8:32  8:24  29:14

 

5

Lorin Maazel

Wiener Philharmoniker

Decca

1966

11:55  7:10  8:01  27:06

 

5

Thomas Sondergard

BBC National Orchestra of Wales

BBC Music

2012, live

12:19  8:24  8:37  29:20

 

5

Ole Schmidt

Royal Philharmonic Orchestra, London

Tring, Membran, Regis, Alto

1996

12:03  8:31  8:10  28:44

 

5

Herbert Blomstedt

San Francisco Symphony Orchestra

Decca

1989

13:44  8:13  8:59  30:56

 

5

Sir John Barbirolli

Hallé Orchestra Manchester

EMI, Warner

1966

14:00  9:02  9:56  32:58

 

5

Paavo Berglund

Chamber Orchestra of Europe

Finlandia, Warner

1996

12:34  8:40  9:06  30:20

 

5

Georges Prêtre

New Philharmonia Orchestra, London

RCA

1967

13:35  8:47  8:31  30:53

 

5

Neeme Järvi

Göteborger Symphoniker

BIS

1984

13:55  10:16  9:24  33:35

 

5

Sir Simon Rattle

Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker Recordings

2015, live

12:58  8:16  9:01  30:15

 

5

Simon Rattle

City of Birmingham Symphony Orchestra

EMI

1987

12:43  8:19  9:13  30:15

 

5

Gennadi Roshdestwensky

Großes Rundfunk-Sinfonieorchester des Moskauer Rundfunks

Melodija

1973

13:24  7:42  8:05  29:11

 

 

 

4-5

Vladimir Ashkenazy

Philharmonia Orchestra, London

Decca

1981

13:09  9:23  8:45  31:17

 

4-5

Kurt Sanderling

Berliner Sinfonie-Orchester

Eterna, Eurodisc, Berlin Classics, Brilliant

1971

14:24  8:40  9:18  32:22

 

4-5

Herbert von Karajan

Philharmonia Orchestra, London

EMI, Praga

1960

13:24  8:08  9:02  30:34

 

4-5

Jukka-Pekka Saraste

Helsinki Philharmonic Orchestra

Ondine

2026, live

13:12  8:20  8:55  30:27

 

4-5

Kyrill Kondraschin

Moscow Philharmonic Orchestra

Globe

1973

12:14  6:46  7:00  26:00

 

4-5

Jorma Panula

Helsinki Philharmonic Orchestra

Finnlevy, Finlandia

1968

12:10  7:59  10:05  30:14

 

4-5

Paavo Berglund

Helsinki Philharmonic Orchestra

EMI

1986

13:15  7:54  8:39  30:08

 

4-5

Leif Segerstam

Helsinki Philharmonic Orchestra

Ondine

2003

14:30  9:23  9:46  33:39

 

4-5

Petri Sakari

Iceland Symphony Orchestra

Naxos

1997

13:23  8:32  8:57  30:52

 

4-5

Paavo Berglund

Bournemouth Symphony Orchestra

EMI

1973

13:24  9:04  9:21  31:49

 

4-5

Akeo Watanabe

Japan Philharmonic Orchestra

Denon

1981

13:52  8:44  8:30  31:06

 

4-5

Sergiu Celibidache

Schwedisches Radio-Sinfonieorchester, Stockholm

DG

1971, live

15:21  9:16  9:50  34:27

 

4-5

Sergiu Celibidache

Münchner Philharmoniker

MPhil

1988, live

15:40  8:57  10:47  35:24

 

4-5

Sir Mark Elder

Hallé Orchestra, Manchester

Hallé Records

2016, live

13:21  8:26  8:51  30:38

 

4-5

Leonard Bernstein

Wiener Philharmoniker

DG

1987, live

15:11  10:03  10:10  35:24

 

4-5

Nicolas Collon

Finnisches Radio-Sinfonieorchester, Helsinki

Ondine

2022

13:18  9:16  8:56  31:30 

 

4-5

James Levine

Berliner Philharmoniker

DG

1992

12:29  8:05  8:34  29:08

 

4-5

Esa-Pekka Salonen

Verbier Festival Orchestra

DG

2022, live

13:07  9:20  9:58  32:25

 

4-5

Esa-Pekka Salonen

San Francisco Symphony Orchestra

SFS Live

2023, live

14:07  9:32  10:21  34:00

 

4-5

Osmo Vänskä

Minnesota Orchestra

BIS

2010

13:14  8:35  8:52  30:41

 

4-5

Vladimir Ashkenazy

Royal Stockholm Philharmonic Orchestra

Exton

2006

13:09  8:27  9:15  30:51

 

4-5

Jukka-Pekka Saraste

London Philharmonic Orchestra

LPO Live

2008, live

12:51  8:30  8:56  30:17

 

4-5

Jukka-Pekka Saraste

Finnisches Radio-Sinfonieorchester Helsinki

Finlandia, Warner

1993, live

13:05  8:47  9:27  31:19

 

4-5

Sir John Barbirolli

Hallé Orchestra

Pye, Mercury, EMI, Disky, Dutton

1957

14:10  9:15  9:46  33:11

 

 

 

 

4

Alexander Gibson

London Symphony Orchestra

Decca-RCA

1959

12:46  8:10  8:59  28:55

 

4

Sakari Oramo

City of Birmingham Symphony Orchestra

Erato, Warner

2001

12:12  9:00  9:50  31:02

 

4

Maurice Abravanel

Utah Symphony Orchestra

Vanguard

1977

13:21  7:41  8:00  29:02

 

4

John Storgards

BBC Philharmonic Orchestra

Chandos

2013

14:00  8:40  9:34  32:14

 

4

Paavo Berglund

London Philharmonic Orchestra

LPO Live

2003, live

13:33  8:15  9:17  31:05

 

4

Paavo Berglund

Royal Concertgebouw Orchestra

RCO Radio Legends

2003, live

14:04  8:46  9:50  32:40

 

4

Santtu-Matias Rouvali

Göteborger Sinfonieorchester

Alpha

2022

12:49  9:02  8:54  30:45

 

4

Alexander Gibson

Scottish National Orchestra

Chandos

1982

12:34  7:38  8:52  29:04

 

4

Neeme Järvi

Göteborger Sinfonieorchester

DG

2002, live

13:43  8:51  9:14  31:48

 

4

Paavo Järvi

Orchestre de Paris

RCA

2015, live

13:19  9:03  8:49  31:11

 

4

Lorin Maazel

Pittburgh Symphony Orchestra

Sony

1990

13:19  9:16  8:52  31:27

 

4

Christian Lindberg

Liepaja Symphony Orchestra

European Gramophon

2024, live

12:29  7:56  8:20  28:45

 

4

Owain Arvel Hughes

Royal Philharmonic Orchestra London

Rubicon

2021

13:25  8:44  8:55  31:04

 

4

Yoel Levi

Atlanta Symphony Orchestra

Telarc

1990

15:52  8:56  9:04  30:52

 

4

Okko Kamu

Lahti Symphony Orchestra (Sinfonia Lahti)

BIS

2014

15:08  9:30  9:48  34:26

 

4

Leon Botstein

American Symphony Orchestra

ASO (Eigenlabel)

2011, live

12:28  8:32  8:28  29:28

 

4

Tauno Hannikainen

Sinfonia of London

World Record Club, EMI, Classics for Pleasure, Maestro (ein Copyright-Ablauf-Label)

1959

12:37  7:37  9:04  29:18

 

4

Simon Rattle

Philharmonia Orchestra London

EMI

1981

13:40  8:29  9:20  31:29

 

 

 

 

3-4

Pietari Inkinen

New Zealand Symphony Orchestra

Naxos

2008

13:52  9:36  9:02  32:30

 

3-4

Theodore Bloomfield

Rochester Philharmonic Orchestra

Everest

1960

12:55  8:30  8:20  29:45

 

3-4

Yannick Nézet-Seguin

Orchestre Métropolitain de Montréal

Atma

2023

13:06  9:27  8:50  31:23

 

3-4

Jukka-Pekka Saraste

Finnisches Radio-Sinfonieorchester, Helsinki

Finlandia, RCA

1988

13:47  9:27  8:56  32:10

 

3-4

Klaus Mäkelä

Oslo Philharmonic Orchestra

Decca

2021

14:15  9:41  9:46  33:42

 

3-4

Pietari Inkinen

Japan Philharmonic Orchestra

Exton

2013, live

14:39  9:38  9:00  33:17

 

3-4

Akeo Watanabe

Japan Philharmonic Orchestra

Nippon Columbia, Denon, Epic

1965, live

13:17  7:59  7:46  29:02

 

3-4

Sir Colin Davis

London Symphony Orchestra

LSO Live

2003, live

13:28  8:07  9:00  30:35

 

3-4

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra

RCA-Sony

1975

13:34  9:45  10:06  33:25

 

3-4

Esa-Pekka Salonen

Philharmonia Orchestra

CBS-Sony

1986

13:59  10:03  9:25  33:27

 

3-4

Arvo Vollmer

Adelaide Symphony Orchestra

ABC

2001

13:20  9:08  9:00  31:38

 

3-4

Adrian Leaper

Gran Canaria Philharmonic Orchestra

Arte Nova

1996

13:33  8:52  9:38  32:03

 

3-4

Adrian Leaper

Slovak Philharmonic Orchestra, Bratislava

Naxos

1990

12:41  8:25  9:24  30:30

 

3-4

Wladimir Yesipov (auch Jesipov, Esipov. Jessipov oder Esypov geschrieben)

Staatliches Sinfonieorchester der UdSSR

Melodija

1974

15:20  7:41  8:21  31:22

 

 

Die historischen Monoaufnahmen:

 

 

5

Leonard Bernstein

London Symphony Orchestra

ICA Classics, YouTube

1966, live

13:12  9:04  9:10  31:26

 

5

Anthony Collins

London Symphony Orchestra

Decca

1955

12:54  8:25  8:01  29:20

 

5

Artur Rodzinski

Cleveland Orchestra

Columbia, Pristine

1941

11:55  7:57  7:57  27:49

 

5

Herbert von Karajan

Philharmonia Orchestra

EMI

1952

13:48  8:57  9:30  32:15

 

5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

RBB-Sony

1957, live

12:22  7:44  8:58  29:04

 

5

Robert Kajanus

London Symphony Orchestra

Warner

1932

11:40  8:15  9:13  29:08

 

5

Serge Koussevitsky

Boston Symphony Orchestra

RCA Victor, Naxos

1936

12:50  8:21  8:37  29:48

 

 

 

4-5

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS

1954

12:09  7:47  8:47  28:43

 

4-5

Eduard van Beinum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Past Masters, Altair, Q-Disc

1957, live

13:58  8:03  8:28  30:29

 

4-5

Sergiu Celibidache

Orchestra Sinfonica della RAI di Torino

NAR

1970, live

14:22  8:48  8:55  32:05

 

4-5

Hans Rosbaud

Sinfonieorchester des SWF, Baden-Baden (heute: aufgegangen im SWR-Sinfonieorchester)

SWR Classics

1955

12:53  8:04  8:15  29:12

 

4-5

Sixten Ehrling

Philharmonisches Orchester Stockholm (seit 1992: Royal Stockholm Philharmonic Orchestra)

Metronome, Finlandia, Mercury, Centurion Classics, Forgotten Records)

1953

11:42  7:07  8:24  27:13

 

4-5

Jascha Horenstein

BBC Northern Symphony Orchestra (heute: BBC Philharmonic)

BBC Legends

1970, live

11:58  8:14  8:04  32:16

 

4-5

Erik Tuxen

Nationales Dänisches Radio-Sinfonieorchester, Kopenhagen

Decca

1952

14:16  8:06  8:33  30:55

 

 

Aufnahmen aus Radiomitschnitten, YouTube oder Mediatheken

 

 

5

Osmo Vänskä

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

RBB

2013, live

13:15  8:25  8:58  30:38

 

5

Kyrill Kondraschin

NDR Sinfonieorchester Hamburg (heute: NDR Elbphilharmonie Orchester)

NDR, YouTube

1981, live

12:18  6:59  7:19  26:36

 

5

Maxim Emelyanychev

SWR-Sinfonieorchester

SWR

2024, live

12:59  8:23  8:52  30:14

 

5

Kyrill Petrenko

Bayerisches Staatorchester

BR

2015, live

12:55  7:52  9:08  29:55

 

 

 

4-5

Esa-Pekka Salonen

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

BR- oder ARD Mediathek, Medici

2015, live

13:24  9:21  9:52  32:37

 

4-5

Jukka-Pekka Saraste

Lahti Symphony Orchestra (Sinfonia Lahti)

YouTube

2015. live

12:31  8:12  9:10  29:53

 

4-5

Tarmo Peltokoski

Lettisches Nationales Sinfonieorchester, Riga

Lettischer Rundfunk, gesendet vom Deutschlandfunk

2022, live

12:52  8:03  8:19  29:14

 

4-5

Alan Gilbert

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

BR

2025, live

13:08  8:39  8:22  30:09

 

4-5

Dalia Stasevska

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

RBB, live

2024, live

13:05  9:07  9:08  31:20

 

4-5

Dalia Stasevska

Radio Filharmonisch Orkest

Avrotros, YouToube

2025, live

12:31  9:34  8:45  30:50

 

4-5

Sakari Oramo

BBC Symphony Orchestra

BBC, gesendet vom BR

2025, live

12:41  9:12  9:08  31:01

 

4-5

Hugh Wolff

HR-Sinfonieorchester

HR, YouTube

2016, live

13:55  8:43  8:40  31:18

 

4-5

Herbert Blomstedt

Bamberger Symphoniker

BR

2025, live

14:08  8:40  9:12  32:00

 

4-5

Jukka-Pekka Saraste

Oslo Philharmonic Orchestra

YouTibe

2008, live

12:53  8:56  8:40  30:29

 

4-5

Eva Ollikainen

SWR-Sinfonieorchester

ARD-Mediathek und YouTube

2024, live

13:31  9:14  9:30  32:15

 

4-5

John Storgards

BBC Philharmonic, Manchester

BBC, BR

2023, live

13:38  8:53  9:29  32:00

 

4-5

John Storgards

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

RBB

2017, live

14:39  9:12  9:49  33:40

 

4-5

Paavo Järvi

Münchner Philharmoniker

BR

2024, live

13:22  9:05  8:58  31:25

 

4-5

David Robertson

Staatskapelle Dresden

MDR

2010, live

13:34  8:26  9:27  31:27

 

4-5

Roderick Cox

WDR-Sinfonieorchester

WDR

2024, live

12:52  8:16  8:31  29:39

 

4-5

Leif Segerstam

Turku Philharmonic Orchestra

YouTube

2021, live

15:10  9:18  10:40  35:08

 

4-5

Dalia Stasevska

HR-Sinfonieorchester

HR, YouTube

2024, live

12:53  9;08  9:07  31:08

 

 

 

4

Mikko Franck

Berliner Philharmoniker

RBB

2023, live

14:48  8:45  10:32  34:05

 

4

Lorin Maazel

Wiener Philharmoniker

ORF

2012, live

13:07  9:15  9:52  32:14

 

4

Christoph von Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Deutschlandfunk, YouTube

1999, live

12:53  7:28  7:44  28:05

 

4

Antonello Mancorda

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

Deutschlandfunk

2022, live

14:07  9:53  8:57  31:57

 

4

Marco Comin

Bremer Philharmoniker

Radio Bremen

2021, live

14:00  8:39  9:05  31:44

 

4

Karina Canellakis

London Philharmonic Orchestra

BR,

2021, live

14:03  9:16  9:56  33:15

 

4

Hannu Lintu

Finnisches Radio-Sinfonieorchester, Helsinki

YouTube

2015, live

14:10  9:05  9:24  32:39

 

4

Olari Elts

Staatskapelle Weimar

Deutschlandradio

2025, live

13:42  8:10  8:46  30:38

 

 

 

3-4

Alain Altinoglu

Wiener Symphoniker

ORF

2022, live

13:00  8:11  8:59  30:10

 

3-4

Klaus Mäkelä

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR-ORF

2020, live

14:31  9:13  9:13  32:57

 

3-4

Daniel Bjarnason

HR-Sinfonieorchester

HR

2022, live

14:06  8:46  9:28  32:20

 

3-4

Sergiu Celibidache

Münchner Philharmoniker

BR via YouTube

1992, live

16:18  10:13  11:18  38:01

 

 

 

 

Jean Sibelius 1930 zu Hause in Ainola und seine Schallplattensammlung.

 

Die Rezensionen:

Stereoaufnahmen:

 

5

Sir Colin Davis

London Symphony Orchestra

RCA

1992

13:15  8:13  8:43  30:11

Von Colin Davis gibt es nach unseren Ermittlungen drei Einspielungen der 5. Sinfonie, alle drei entstammen Zyklen aller sieben Sinfonien. Die erste mit dem Boston Symphony Orchestra 1975 für Philips und die zweite mit dem London Symphony Orchestra 1992 für RCA eingespielt dürfen beide als exemplarisch geglückt gelten, während man über die dritte, ebenfalls mit dem LSO nun aber 2003 live für das eigene Label des Orchesters LSO Live aufgenommen, besser den Mantel des Schweigens hüllen würde. Was ein trockener Konzertsaal (die Barbican Hall) und eine unangepasste Aufnahmetechnik anrichten kann, das kann man da gut hören. Bei den beiden gelungenen älteren Aufnahmen könnte man vortrefflich darüber streiten, welche denn nun die noch bessere ist. Die Bostoner Analog-Aufnahmen haben zweifellos ihre Meriten, die Londoner RCA-Aufnahme aus der Watford Town Hall mit ihrer kristallinen Transparenz aber auch.

Sir Colin war nun bereits 65 Jahre alt. Er dirigierte das LSO bereits 1959 das erste Mal und war von 1995-2006 Chefdirigent desselben. Danach, also von 2007-2013 war er dessen Präsident. So war er dem Orchester über 54 Jahre bis zu seinem Tod immer irgendwie verbunden.

 

Wie in Boston wird orchestral höchstes Niveau geboten, es wird ebenfalls grandios beim Übergang in den scherzohaften Teil des ersten Satzes gesteigert. Die Musik erhält einen wunderbar natürlichen Fluss, was bei dieser Sinfonie, bei der es wesentlich um das Erlebnis von Natur geht, besonders wichtig erscheint und man bemerkt, wenn überhaupt nur wenige Schnitte. Das Blech klingt ausgesprochen knackig, die Violinen klingen gut, verfügen aber nicht über den warmen, analogen Schmelz der Bostoner Aufnahme. Im Tempo geht es aber zügiger zu als 1975. So gelingt die Coda des Satzes noch ein wenig fulminanter und ekstatischer, die Trompeten kommen noch besser heraus, man kann wohl behaupten mit unbändiger angelsächsischer Attacke und die so wichtige Pauke, die in so vielen Aufnahmen ein total unterbelichtetes Schattendasein führt, gibt was sie kann und man kann sie dabei auch hören, wenn auch nicht laut genug. Gegen Ende der Coda fällt sie jedoch ein wenig ab. Da dürfte trotzdem kaum ein Auge trocken bleiben und da die Aufnahme noch dynamischer und ein wenig transparenter klingt, auch in dieser turbulentesten Passage der ganzen Sinfonie, darf man von einer umfassenden „Wonne“ reden, die man hier genießen darf. Das hätte man dem noblen Sir Colin nicht unbedingt zugetraut, aber für Sibelius brennt er.

Der zweite Satz, das Andante mosso quasi allegretto, klingt bewegt wie in Boston. Und das Orchester spielt superb.

Beim dritten Satz, dem Allegro molto, gibt es noch eine Anekdote zu erzählen, denn es muss gerade bei der letzten langen Pause vor dem letzten Akkord ein rumpelnder „Monstertruck“ gerade lautstark an der Watford Town Hall vorbeibeschleunigt haben, selbstverständlich unwissend, was für ein bedeutendes Kulturgut innen gerade erschaffen wird, sodass man in der Aufnahmezentrale laut aufseufzte. Nun, die Tonmeister konnten das Malheur komplett wegretuschieren, denn anscheinend wollte oder konnte man keine Wiederholung der Aufnahmemehr starten. Die gebuchte Arbeitszeit war anscheinend verstrichen.

Mit unbändiger Spielfreude startet man in London den letzten Satz, allerdings nicht mehr ganz so rückhaltlos temperamentvoll wie 1975 in Boston. Die Pauke klingt endlich einmal auch in diesem Satz richtig deutlich. Das Klangbild wirkt noch etwas sauberer als 1975, die Hörner sind beim Schwanenthema einfach spitze, der Schwanenflug wird nun durch das ein wenig langsamere Tempo noch majestätischer. Das Holz erklingt in perfekter Äquilibristik, genau wie die Streicherkantilene. Die Ostinati verkommen nicht zur bloßen Klangfläche, haben immer ihren Rhythmus und klingen quirlig. Auch in diesem Satz klingt es wie nach einem Strom, nicht nach einzelnen Parzellen oder Takes, wahrscheinlich wollte man die Akkordblöcke deshalb nicht mehr einzeln aufnahmen, trotz „Monstertruck“. Man kostet aber auch die Melancholie des Satzes noch ein wenig stärker aus, wenn man da überhaupt von auskosten reden darf. Die Trompeten sind wie in der Coda des ersten Satzes eine „helle“ Freude und bieten wie das übrige Blech sagenhafte Strahlkraft. Auch die Hörner und Posaunen, die in manch einer anderen Aufnahme gegenüber den Trompeten zurückbleiben. Hier gibt es die hymnische Pracht, Majestät und gloriose Strahlkraft, die sich Sibelius vorgestellt haben mag, das „alles überstrahlende Gegenlicht“. Die sechs Schlussakkorde erklingen mit maximaler Wucht. Die Pausen wirken etwas verlängert, der „Originallänge“ die in der Partitur vermerkt ist, nähert man sich immerhin an. Man hält die Spannung bis zuletzt und bringt anders als 1975 nun auch die Paukenvorschläge.

Man hat sich bei RCA damals für eine Aufnahme mit nur wenigen Mikrofonen entschieden. Es klingt dennoch präsent, auch das Holz, das gerne mit wenigen Mikrophonen an Präsenz verliert. Die Streicher stehen dicht vor uns. Das Orchester klingt noch etwas weiter und großräumiger gestaffelt als in Boston, aber nicht ganz so tief. Bei den Violinen geht etwas analoge Wärme verloren. Die Bostoner Violinen klingen so noch voller und runder. Die Londoner bieten ein kristallines Gegenstück, das aber weder hart noch dünn klingt. Die Dynamik hat eher noch hinzugewonnen. Schön, dass man auf höchstem Niveau die Qual der Wahl hat.

 

Von der 1992er Einspielung haben wir nur den 3. Satz finden können. Er klingt leider in dieser Version nicht besonders gut. Anscheinend sind unterschiedlich gelungene Pressungen im Umlauf oder der Transfer zu YouTube hat allzu viel Qualität gekostet.

 

https://www.youtube.com/watch?v=I6gXgp8aSxw

 

 

5

Colin Davis

Boston Symphony Orchestra

Philips, Pentatone

1975

14:55  9:00  7:57  31:52

1975 stand Colin Davis noch als Mister in der Bostoner Symphony Hall. Seit 1965 ist Mr. Davis aber bereits Commander, 1980 wird er zum Sir „geschlagen“ werden. Ob das eine Auswirkung auf seine Dirigierkunst hatte, darf aber bezweifelt werden. Er war zur Zeit der Aufnahme 48 Jahre alt, ging jedoch gelassener vor als 17 Jahre später in London, an Dynamik fehlt es jedoch beileibe nicht. Im Gegenteil, es steht ihm ein fantastisch klingendes Orchester in absoluter Bestform zur Verfügung. Das Niveau des Orchesters, das in früheren Jahren auch schon mal (in seltenen Fällen) wie eine bessere Feuerwehrkapelle klingen konnte, hat das Attribut „exemplarisch“ verdient. Besser geht es eigentlich gar nicht mehr. Besonderen Fokus legt man auf die Bässe und (wie 1992 in London) auf die Pauke. Alle Soli und Orchestergruppen geben eine Galavorstellung, was für eine Fülle, Weite und Wärme! Trotzdem gibt es zudem eine hervorragende Präsenz und Prägnanz. Das Fagott-Solo klingt super. Man kann allen kompositorischen Verläufen und harmonischen Schärfungen genauestens folgen und erlebt trotzdem Naturmystik. Beim Übergang zum Scherzo, dem zweiten Teil des ersten Satzes wird aufregend gesteigert. Es wird zwar rhythmisch geschärft, es klingt aber trotzdem kulinarisch-voluminös und warm. Dabei klingt nichts beiläufig, die Musik scheint einem unerbittlichen Konzept zu folgen. Es klingt nebenstimmenreich und mit druckvoller Spannung, Effekte werden nie showmäßig inszeniert, bleiben immer Teil des Ganzen. Die Coda wird nicht so ultimativ im Tempo gesteigert wie bei Delogu, Maazel 1966 oder Bernstein 1961, aber Dank ausgezeichneter Trompeten und der herausragend in Szene gesetzten Pauke wirkt sie ebenfalls furios gelungen. Etwas zahmer als bei den Genannten, aber auch als bei Karajan 1976, dessen späteste Einspielung bei EMI eine erstaunliche „Alterswildheit“ zeigt, klingt es schon. Bei den Bostonern klingt auch das Furiose noch weich und genussvoll, ohne die schroffe Härte und ohne die bei den anderen in der Coda vorherrschende Aggressivität, die das Wilde begünstigt und die diese Coda zu einem der tollsten Steigerungsverläufe der ganzen Musikgeschichte machen kann, wenn man es „drauf“ hat.

Das Andante mosso wird zu einem wunderbaren Spaziergang durch ein lichterfülltes Klang-Tal, sozusagen auch weichem, moosbewachsenen Grund. Bewegt und temperamentvoll in den Stretto-Abschnitten. Auf das wunderbar präsente Holz muss erneut eigens hingewiesen werden, so animiert spielt es auch in diesem Orchester nicht immer. Und das autoritär klingende Blech steht ihm nicht nach. Sehr ausdrucksvoll.

Im Allegro molto wird ein sehr zügiges, jedoch dank der Virtuosität der Bostoner nicht hastig wirkendes Tempo angeschlagen. Der innere Antrieb wirkt jedoch sehr stark. Die Hörner beim Schwanenflug erklingen in vollkommener Ausgewogenheit mit dem Holz und den Streichern. Es könnte einfach nicht besser klingen. Es bleibt beim sehr zügigen und kraftvollen Gestus und es gibt hier noch keine majestätische Verbreiterung. Dieses Temperament war von Colin Davis nicht unbedingt zu erwarten gewesen, aber offensichtlich wächst er bei Sibelius über sich hinaus. Wenn das Thema in den Trompeten erscheint, gibt es die leichte Verbreiterung, um die Erhabenheit noch weiter zu steigern, das wirkt jedoch gefühlvoll zugespitzt und wirkt würdevoll und großartig. Die sechs finalen Akkordschläge klingen wuchtig und ohne Paukenvorschläge, die Pausen wirken lang, aber laut Partitur nicht lange genug. Wichtig ist vor allem, dass die Spannung gehalten wird und dass sie die Akustik vor Ort nicht überfordern. Mutig genug sie vollends auszuhalten war bisher nur, wenn wir uns recht erinnern Simon Rattle in allen drei Aufnahmen und Maxim Emelyanychev. Manche nähern sich jedoch an. Dies ist wohl eine der besten Sibelius-Aufnahmen überhaupt. Bravo.

Dass es sich bei der Aufnahme um eine echte Quadroaufnahme mit wunderbar ausschwingender Resonanz handelt, kann man den Philips-Tonträgern nicht anhören, wohl aber der Pentatone-SACD. Der Vergleichbarkeit halber wählten wir jedoch die Stereo-Tonspur, die noch etwas weicher, voller und runder klingt als die bereits ausgezeichnet klingende Philips-CD. Die LP hätten wir ebenfalls noch rauskramen können, aber irgendwann wird es dann doch zu viel. Das Orchester erklingt hervorragend gestaffelt, räumlich und mit viel Raumtiefe versehen. Es gibt genug Bass (der dürfte auf der LP noch mächtiger geklungen haben), das Holz erklingt hervorragend präsent. Da darf man wohl von idealisierter Realität sprechen, denn den Konzertsaal, der das so bietet, muss wohl noch gebaut werden. Hier ist man einfach näher dran. Die Dynamik erscheint genau wie die Brillanz kongenial getroffen. Die Aufnahme sei auch dem Klang-Kulinariker empfohlen. Eine Luxusaufnahme, die anzeigt, dass der Zenit der analogen Aufnahmetechnik bei Philips erreicht war.

 

https://www.youtube.com/watch?v=6x5Kk5o7UJE

 

 

5

Gaetano Delogu

Tschechische Philharmonie, Prag

Supraphon

1980

13:12  7:50  9:07  30:09

Zum Dirigenten Gaetano Delogu gibt es im Netz nur spärliche Informationen. Er soll 1943 oder 1934 geboren worden sein, wobei 1934 in mehreren Quellen, 1943 in nur einer Quelle angegeben wurde. Verstorben ist er 2019. Er war zunächst Chef in Palermo, dann 1979-86 in Denver und schließlich 1995-98 beim Prager Sinfonieorchester mit dem er einige Aufnahmen für Supraphon eingespielt hat. Diese Sibelius-Aufnahme stammt aus dem Dvorak-Saal des Prager Rudolfinums und soll noch analog aufgenommen worden sein. So kommt etwas von der warmen Resonanz und der feinen Brillanz des Konzerthauses bis auf die analogen Bänder. Die Bandmaschinen waren damals meist von Studer oder Telefunken, zumindest bei den älteren Aufnahmen. Es klingt hier aber immer leicht aufgeraut und nie glatt. Also weniger audiophil als in Boston, wenn man so will. Aber noch temperamentvoller und feuriger. Und wenn es nicht so klischeehaft wäre: mediterraner. Nur weil ein Italiener dirigiert? Nun ja, wenn es nun mal so klingt… Sofort vom ersten Ton an wirkt die Musik atmosphärisch und sehr gespannt. Die Streicher scheinen dazu hohen Bogendruck zu nutzen. Daher klingen sie etwas „trocken“ und es gibt zudem kaum Vibrato. Das Holz (das böhmische Holz der Tschechischen Philharmonie, wie man es auch vielen Aufnahmen kennt, nur in Topform), enorm transparent und prägnant, ein wenig karg und immer ein wenig schroff, aber enorm aufgeweckt. Dazu das sagenhaft strahlkräftige Blech. Damals klang das noch viel urwüchsiger als heute. Ungeschminkt und unmittelbar. Mit einer kurzen Zündschnur, falls das anschaulich klingt. Den Übergang zum scherzohaften zweiten Teil kann man unter diesen Bedingungen nur als sagenhaft spannend beschreiben. Das Spiel wirkt feinnervig, vorantreibend und hochspannend. Eine zweite Coda, die rhythmisch so unerbittlich, frisch, spontan und prestissimo klingt wie die aus Prag wird man kaum noch einmal finden. Herausheben muss man die Sonderklasse der Trompeten, einen solchen Strahl, der durch und durch geht, einfach durchdringend bis ins Herz, wenn man so will und die besten Pauken unseres Vergleichs. Da ist die existenzielle Wucht, die die Coda haben muss, um restlos zu begeistern. Wie aus purem Granit gehauen mit „höllischer“ Präzision und elementarer Härte. Da hat der Italiener die Lunte gelegt und die hochexplosiven Tschechen sind förmlich detoniert. Beängstigend energisch, ein messerscharfer musikalischer Sturmangriff elementarer Kräfte. In unserem Vergleich der 124 der Gipfel des ultimativen „Bisses“ und des vulkanischen Temperaments.

Im Andante mosso verbreiten die etwas rau und herb klingenden Violinen eine pastorale, fast rustikale Stimmung. Das Holz klingt erneut hervorragend deutlich. Dies ist eine rhythmische und tänzerisch geprägte Darbietung, sehr stark dynamisch abschattiert und aufbrausend, lebendig und aufgewühlt-kontrastreich. Mit existenzieller Anteilnahme auch vom Blech (Hörner!) begleitet.

Im Finalsatz, dem Allegro molto bieten die Ostinati keine weiche-sonore Klangwand, sondern sie wirken eher als rhythmisch vorantreibendes Element. Zum klaren Schwanenthema der Hörner gesellt sich ein deutliches Holz-Cantabile als sozusagen „menschlicher“ Kommentar. Die Hörner bringen enorme Strahlkraft mit und genügend Majestät, aber bei Delogu gibt es kein Verweilen. Der Schwanenflug mit den silbrig glänzenden Trompeten verbreitet Erhabenheit im Verbund mit Melancholie und bieten grandiose dynamische Entwicklung. Man fragt sich unwillkürlich, wo die Tschechen die Trompeten und die Trompeter herhaben. Die Schlussakkorde klingen monolithisch, sehr dynamisch, mit langen Pausen und ohne Paukenvorschläge. Leider ohne den erfüllenden und komplettierenden Bass-Rumms, den bleibt die Aufnahme schuldig.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr klar und offen, sehr dynamisch und knackig, plastische und unkomprimiert. Es gibt noch keine frühdigitale Glasigkeit. Es klingt blitzsauber und rauscharm. Sehr präsent vor allem das Holz, aber auch das Blech. Eine besonders ausgeprägte Tiefenstaffelung gibt es nicht, den Violinen hätte man mehr üppige Fülle und mehr seidigen Glanz gewünscht. Zudem klingt die Aufnahme recht bassschwach, obwohl die Bassstimme eigentlich nicht fehlt. Die luxuriöse Klangfülle der 65er Karajan oder der 75er Davis-Aufnahmen darf man nicht erwarten, sonst wäre man vielleicht enttäuscht.

 

https://www.youtube.com/watch?v=SF3W5QHAAas

 

 

5

Mariss Jansons

Oslo Philharmonic Orchestra

EMI

1994

12:15  8:44  8:35  29:34

Mariss Jansons´ Sibelius-Sinfonien-Zyklus galt nie als epochemachend, dazu fehlten schon von vorne herein zu viele. Nämlich die Nr. 4, 6 und 7. Man sollte deshalb aber nicht die aus dem unvollständigen Zyklus herausragende Fünfte vernachlässigen. Nach 15 Jahren unerbittlicher Aufbauarbeit in Oslo durfte er hier offenbar die Früchte dieser Arbeit ernten. Das Orchester präsentiert sich mit Weltklasseniveau und wenn man die viel neuere Aufnahme mit Mäkelä, ebenfalls aus Oslo, dagegen hört, fragt man sich, wo der Hype um den jungen Dirigenten überhaupt herkommen könnte. Zu allem klingt die älteren EMI auch noch besser als die neuere Decca. 1994 saß man in Oslo hörbar auf der vordersten Stuhlkante, nicht im (allerdings während der Corona-Quarantäne im Konzertaus eingespielten) Decca-Zyklus mit Klaus Mäkelä im Relaxt-Modus. 1994 geht die sprichwörtliche Post ab. Man hört das ausdrucksvollere stringentere Streicherspiel, stark akzentuiertes Blech, volles Holz und gestochen scharf abgegrenzte Soli. Das Tempo im ersten Satz wirkt bewegt, die Steigerungen temperamentvoll und dynamisch. Die Kontraste erklingen glasklar, als ob man die Leningrad-Mrawinsky-Manier noch mithören könnte. Aber und das ist nicht unwichtig, es bleibt nicht nur bei der vorgelegten Mrawinsky-Schärfe im Rhythmischen, es wird auch die organische Metamorphose plastisch gemacht. Die Coda ist hinreißend gestaltet und mit echtem con fuoco gespielt. Ohne die bei Mäkelä vorherrschende Glätte und Beliebigkeit. Da stand während der Pandemie anscheinend ein Wohlfühl-Programm an, zum Kontrast zur Weltuntergangsstimmung, die damals zeitweise herrschte, verständlich wäre es. Statt steriles Abspulen hört man bei Jansons allerdings restlose innere Beteiligung heraus.

Das Andante mosso erklingt im flüssigen Tempo, hochgradig bewegt mit Poesie und innerer Reibung. Das Orchester spielt sehr expressiv, das Holz sehr klangschön und „seelenvoll“. Da ist viel Rubato und Klangschönheit mit im Spiel. Auch der 2. Satz erscheint hervorragend gelungen.

Das Allego molto des Finalsatzes erhält viel vorwärtsdrängenden, sehr spannungsreichen Schwung. Die Ostinati sind rasant und werden dennoch vom Rhythmus geprägt, mit klarem Zugriff. Keine Sekunde schläfrig auch in den meditativen, melancholischen Passagen. Vielmehr bleibt auch da eine gewisse Hitze übrig, um die grandiose Höhe für den Flug der Schwäne zu erreichen. Das Blech zeigt sich in „Geberlaune“; so grandios sollte es klingen. Die sechs Schlussakkorde klingen wuchtig, trocken und resolut. Mit Paukenvorschlägen. Jansons knüpft an die Meilensteine Kajanus, Collins, Bernstein, Maazel und Delogu an. Jedenfalls ist die Fünfte ein erhaben herausragendes Glanzlicht aus seinen übrigen Sibelius-Einspielungen. Ob sie reicht, um sein Vermächtnis als Sibelius-Dirigent in die Zukunft zu tragen, bleibt jedoch fraglich.

Der Klang der Aufnahme wirkt voll, farbig, transparent, gut gestaffelt und  körperhaft. Sie klingt in jeder Hinsicht besser als die neuere Corona-Aufnahme der Osloer mit Klaus Mäkelä.

 

Hier sind die drei Sätze der pulsierenden Jansons-Einspielung, leider nicht ganz ohne Werbung:

 

https://www.youtube.com/watch?v=_-onpGxdZFs

https://www.youtube.com/watch?v=97eLCBx--nM

https://www.youtube.com/watch?v=svJ-5gVAkPk

 

 

5

Osmo Vänskä

Sinfonia Lahti (Lahti Symphony Orchestra)

BIS

1997

13:23  8:47  9:07  31:17

Mit Herrn Vänskä haben wir drei Einspielungen in unserer Liste. Dies ist die früheste. Es folgt ein Remake bei BIS in Minneapolis mit dem Minnesota Orchestra auf SACD und ein Live-Mitschnitt des RBB mit dem DSO aus Berlin 2013. Letzteren würden wir sogar noch ein wenig höher einschätzen als die nun vorliegende Einspielung. Osmo Vänskä war damals 44 und hatte den nominell eher als größeres Kammerorchester, also recht schmal besetzten, aber qualitativ hochwertigen Klangkörper bereits zu einem der weltweit führenden Sibelius-Orchester entwickelt. Er war bereits seit 1985 erster Gastdirigent, seit 1988 Chefdirigent und nach seinem Abschied 2008 wurde er zum Ehrendirigenten ernannt. Aufgenommen wurde übrigens in der Kreuzkirche, da das Sibelius-Konzerthaus (Sibeliustalo), dessen Saal sich akustisch in allen Aufnahmen an dem er genutzt wird, sehr vorteilhaft bemerkbar macht noch nicht fertiggestellt war. Man könnte ihn, so hoch geschnitten wie er bei einer relativ dazu gesehen kleinen Grundfläche ist, als eine Musik-Kathedrale bezeichnen. In der Kreuzkirche Lahtis klingt es ganz ähnlich. Im Video mit Jukka-Pekka Saraste bekommen wir den neuen Saal (fertiggestellt 2000) noch zu Gesicht. Alles ist da aus Klang erwärmendem Holz gefertigt.

Sofort mit den ersten Takten nimmt den Hörer die gespannte, ganz spezifische Atmosphäre gefangen. So sehr ins pp geht kaum eine andere Einspielung und wenn, dann ist das Streicherkorps meist erheblich größer besetzt. Die Ostinati sind nicht einfach ein warmer, weicher Rauschteppich, sie wirken wie ein zunächst fast unhörbares eisiges Flüstern. Das Orchester pflegt, fast im Gegensatz zu den meist geringen Temperaturen, die im Norden herrschen und wie fast alle guten Orchester in Skandinavien einen besonders warm timbrierten Klang. Wie im Kontrast zur Außenwelt soll er das Gemüt und Herzen der Zuhörer erwärmen, was in besonderem Maß gelingt. Da sitzt aber auch jedes Crescendo, jedes Diminuendo und jedes Accelerando auf den Punkt, sodass man nicht nur vom Werk, vom Klang, sondern auch vom Spiel des Orchesters gefangengenommen wird. Aus dem Molto moderato heraus wird das Tempo nach dem ersten Höhepunkt nach und nach immer vorantreibender bis sich die Energie in der Coda furios entlädt, da geben alle ihr Bestes. Nur die Pauke könnte etwas stärker herauskommen.

Das Andante mosso klingt wunderbar locker, farbig und plastisch. Es wird ausdrucksvoll musiziert, das Espressivo und die Kontraste voll ausgespielt, aber nicht überzeichnet.  mit angenehm gewichteten Rubato, das die Phrasierung sinngemäß unterstreicht.

Im Allegro molto wird eine phänomenale Dynamik entwickelt, gerade im leisesten pp. Da flüstert man geradezu. Dabei wird stets kraftvoll kontrastiert, bei gleichzeitiger Wahrung des präzisen und warmen Klangs. Die Ostinati werden nie überdeutlich, sondern erscheinen in ihrem richtigen Kontext. Das hat keine Rückstufung ihrer Bedeutung zur Folge, sondern eher eine Aufwertung. Die Spannung wird gehalten. Beim Höhepunkt zaubern richtig große Orchester mit womöglich verstärktem, gar verdoppelten Blechapparat (wie z.B. bei Bernstein in Wien oder Karajan in Berlin) noch mehr heraus und noch mehr Glanz in den Saal. Aber hier wird der Musik eine naturmystische Aura verliehen, das vielleicht noch mehr wert. Die Schlussakkorde kommen weniger wie Hammerschläge, sondern klangfarbenreich, denn man hört genau, woraus sie bestehen. Partitur-Treue siegt hier vor dem monumentalen Effekt. Die Paukenvorschläge sitzen, die Pausen sind recht lange und halten die Spannung. Eine rundum gelungene Einspielung, die uns besser gefallen hat als das Remake Vänskäs aus Minneapolis.

Der Klang wirkt besonders natürlich, da stimmen Räumlichkeit, die Abbildung der Raumtiefe, die Raumgröße, Transparenz, Klangfarbe, Dynamik und Balance. Die Wärme und Weichheit dürfen bereits als BIS-typisch gelten, in diesem Fall dürfen sie aber nochmals als besonders gut gelungen gelten. Allenfalls und das wäre der einzige Kritikpunkt, es könnte etwas brillanter klingen. Da verschmiert nichts wie bei Chandos, da klingt es nicht zu trocken wie im Kulttuuritalo oder der Finlandia-Hall Helsinkis. Hier gibt es natürlich wirkende Tiefe und enorme Luftigkeit.

 

Hier ist die finale Version von 1919 mit Vänskä aus Lahti:

 

https://www.youtube.com/watch?v=-59s25DTZFQ

 

Angeblich ein einziges Mal erlaubten es Sibelius´ Nachfahren, wie man nachlesen konnte, dass die Urversion von 1915 eingespielt werden durfte. Auch da waren Osmo Vänskä und die Sinfonia Lahti beteiligt. Sibelius hat bis 1919 wirklich alles daran verbessert. Wer sie trotzdem einmal hören möchte, interessant ist es in jedem Fall:

 

https://www.youtube.com/watch?v=b4XuOPgHC9Y

 

Bei der Durchsicht von YouToube auf der Suche nach interessanten Aufnahmen der Fünften haben wir noch eine weitere Aufnahme der Urfassung von 1915, allerdings eine Live-Aufnahme, entdeckt. Thomas Dausgarrd dirigiert dabei das BBC Scottish Symphony Orchestra in der Royal Albert Hall 2019, also gerade zum 100jähtigen Jubiläum der Endfassung!

 

https://www.youtube.com/watch?v=PF3TS7yZb6s

 

 

 

5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

EMI

1976

14:08  8:55  9:04  32:07

Herbert von Karajan war ein echter Vorkämpfer für die Musik Sibelius´ in Mitteleuropa. Die Fünfte muss es ihm dabei besonders angetan haben, denn von ihm oder mit ihm liegen fünf Aufnahmen der Sinfonie vor. Das Erstlingswerk entstand 1952 noch monaural in London mit dem Philharmonia Orchestra für EMI, gefolgt von einer Live-Aufnahme von 1957 mit den Berlinern aus dem Konzertsaal der Musikhochschule in der Hardenbergstraße 1957, leider ebenfalls noch monaural. Von 1960 ist das Stereoremake mit dem Philharmonia ebenfalls für EMI. 1965 erfolgte die einzige Aufnahme für die DG mit den Berlinern in der Dahlemer Jesus Christus Kirche. Die letzte Aufnahme ist die nun vorliegende, aufgenommen in der Philharmonie, wahrscheinlich um auch eine Quadro-Produktion im Portfolio zu haben. Eine letzte Digitalproduktion fehlt tatsächlich im Karajan-Katalog. Man vermisst sie aber eigentlich. Eine weitere Aufnahme von 1955 wird verschiedentlich erwähnt, wir haben sie jedoch nicht finden können.

In dieser 76er Einspielung hat Karajan die Mystik und den Klangfarbensensualismus, was gerade die 65er Aufnahme besonders auszeichnete, gründlich abgelegt. Es klingt nun deutlich aufgeraut, immer noch legato, versteht sich, aber ungewohnt schroff und hart, deutlich akzentuierter, ungebärdiger, dramatischer und wilder. Der Übergang zum Scherzo gelingt in monumentaler, fast kosmischer Größe. Die Coda vermag Karajan auch als 68jähriger noch sagenhaft zu steigern, das Blech erklingt mit derselben Majestät wie 1965 nur noch viel dynamischer und wieder mit der ultimativen Sogkraft der frühen 52er Aufnahme aus London.  Wir hören die voll ausgereizte Wucht eines voll besetzten, furios spielenden, virtuosen geradezu entfesselt aufspielenden Spitzenorchesters. Es klingt also leidenschaftlicher, direkter, unmittelbarer, aggressiver und härter als 1965. Da es damals gerade im deutschsprachigen Raum Mode war, regelmäßig Karajans-Aufnahmen zu „bashen“ findet man viele Kritiken, die einfach nur das Althergebrachte wiederholen, man könnte auch sagen nachplappern, ohne dass man offensichtlich selbst, sogar als professioneller Kritiker mal genauer hingehört hätte. Oft genug ist die Rechnung dabei ja aufgegangen, in diesem Fall jedoch nicht.

Das Andante mosso lässt nun ein langsameres Tempo hören, zeigt aber nichtsdestotrotz eine deutlich weniger entschleunigte Wirkung. Der Klang der Violinen wirkte 1965 im abgedämpften Kirchraum viel weicher und „schöner“. Nun klingt es in der leeren Philharmonie in einem viel weiteren Raum, also viel resonanter als in der Kirche. Und ungleich rauer und mit einer geweiteten Dynamik. Karajan geht erneut auf den deutlich wilderen Gestus seiner alten Philharmonia-Aufnahme zurück, jetzt natürlich im Quadro bzw. Stereo-Gewand gekleidet. Es klingt rhythmisch wieder viel akzentuierter. Der ganze Satz wird nun nicht mehr homogener gemacht als er ist. Aus einem raffinierten Geflecht aus rhythmischen Keimzellen, die hier rhythmisch akzentuiert dargestellt werden, erwächst ja auch der letzte Satz. Das klingt hier bühnenwirksam und sehr expressiv. Wenn nur der bisweilen seifige Klang der Violinen nicht wäre. Auf der LP hatten wir ihn nicht so seltsam gehört wie jetzt von der CD. Aus Zeitgründen haben wir auch in diesem Fall die LP nicht mehr zur Überprüfung rausgesucht, der Vergleich wäre wahrscheinlich schlecht für die CD ausgegangen.

Dass Karajan ein Meister des Ostinatos und des Tremolos war, werden wohl auch seine Kritiker zugeben müssen. Nun klingen sie nicht mehr so glatt als Klangfläche wie ´65. Dass man die 65er deshalb nicht schlechtreden darf, werden wir gleich noch sehen, wir müssen aber die Unterschiede benennen. Die Hörner befleißigen sich jetzt eines deutlicheren Legatospiels, was aber zum kraftvollen Schwanenflug immer noch gut passt. Das Holz könnte zugleich noch deutlicher zur Geltung kommen, da wirkt das Klangbild doch ein wenig überladen. Das war übrigens bereits 1965 so. In dieser Aufnahme gibt Karajan Sibelius seine „nordische Herbheit“ zurück. Die Trompeter haben sich zum Schwanenflug wie bereits bei der DG-Aufnahme mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verdoppelt. Man hört es unzweifelhaft an der Klangpracht. Wie bei all seinen Aufnahmen verkürzt Karajan die von Sibelius notierten Pausen zwischen den sechs Akkordblöcken auf ein Minimum. Bei ihm herrschte wohl die große Sorge, dass ein vorzeitiger Applaus die Stimmung zerstören könnte. So kurze Pausen lässt kein anderer Dirigent. Sibelius kannte ja zumindest Karajans 52er EMI-Einspielung, die er über den Klee lobte (sie ist auch heute noch hörenswert, wie wir noch sehen werden). Er meinte, kein anderer Dirigent würde ihn (Sibelius) besser verstehen als er (Karajan). Daraus leitete Karajan wohl einen Freibrief ab, mit den Pausen nach eigenem Gutdünken zu verfahren. Zumindest sah Sibelius über die Karajansche Pausengestaltung großzügig hinweg, da er vom Rest der Darbietung (1952) begeistert war. Ja, so war es genau: Sibelius schrieb schließlich an Karajan: „Sie sind der Einzige, der meine Musik wirklich versteht.“ Das könnte man tatsächlich als Freibrief verstehen. Karajan hatte auch eine Neurose vor der Stille in der Musik, verbunden mit der Angst, die Spannung könnte zusammenbrechen. Das mag die extrem verkürzten Pausen erklären. Gut muss man sie deshalb nicht finden. Allerdings gibt ihm der Applaus bei den von uns gehörten Live-Aufnahmen recht: Je kürzer die Pausen, desto spontaner und heftiger die Beifallskundgebungen. Ihm haben in dieser Sache inzwischen ein paar Dirigenten nachgeeifert. Ein besonders prominenter Vertreter war Kyrill Kondraschin und heute praktiziert es John Storgards ganz ähnlich.

Zum Sound der Aufnahme: Der Klangraum wirkt nun sogar gegenüber der DG-Aufnahme nochmals deutlich geweitet. Die weitgehend unverhallte Quadroaufnahme hat jetzt Cinemascope-Format. Sehr breit und sehr tief klingt hier die Akustik in der leeren Philharmonie. Leider im ff nicht mehr ganz klar. Was man bedauern muss. Aber es klingt recht körperhaft, der Gesamtklang merklich aufgeraut und dynamisch geweitet. Das ff klingt nun monumental, manche Hörer werden es aufgeblasen finden, aber die Philharmoniker in der leeren Philharmonie klangen damals tatsächlich ganz ähnlich. Das Holz weit im Orchester eingebettet, aber noch nicht einmal undeutlicher. Aber die Violinen und wenn man so will auch der ganze Rest klang 1965 bei der DG eindeutig weicher, voller und samtiger. Man hat die Qual der Wahl.

 

Hier ist eine von mehreren bei YouTube eingestellten Übertragungen der 76er Aufnahme.

 

https://www.youtube.com/watch?v=FAFouzo3ZHQ

 

 

5

Leonard Bernstein

New York Philharmonic Orchestra

CBS-Sony

1961

13:08  9:48 9:35  32:31 

Diese Aufnahme wurde 1961 bereits im Manhattan-Center eingespielt aber erst zum Sibelius Jubiläum 1965, zum 100. Geburtstag Sibelius´ also, veröffentlicht. Zu dieser Aufnahme gesellt sich mit Bernstein eine Videoproduktion aus London 1966, leider nur mit dürftigem Mono-Klang ausgestattet und die opulente DG-Produktion aus Wien von 1987.

Bernstein nimmt Sibelius beim Wort. Da es sich eher um eine Bläsersinfonie als um eine Streichersinfonie handelt, wird das Holz werkgerecht in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt. Der Gestus ist drängend, die Musik enorm spannend. Sehr partiturgenau bringt Bernstein, wenn man so will, bereits Elemente der Klangrede ins Spiel. Es wird kräftig akzentuiert, die Dynamik exemplarisch gestaltet, einzig das Blech könnte noch besser herauskommen. Als Schallplatte muss der Klang der Aufnahme noch weniger gut zur Geltung gekommen sein als in späteren Ausgaben als CD. Besonders die Schärfe der Violinen soll nun regelrecht glattgebügelt worden sein. Die Beschleunigung im Scherzo „küsst“ schließlich geradezu das Presto in der Coda wach. Das Vivace molto gelingt kaum einem Dirigenten besser als Bernstein 1961, leider nicht im gleichen Maß auch 1987. Trotz der Spielanweisung marcatissimo ist von der Pauke auch bei Bernstein nicht viel zu hören. Der Fluch der begrenzten Maximallautstärke sagte man zur Analogzeit noch dazu. Durch den Übergang ins digitale Zeitalter ist es jedoch nur in wenigen Aufnahmen signifikant besser geworden. Vielleicht sollte man doch besser vom Fluch der richtigen Mikrofonaufstellung und Aussteuerung reden. Der der Stretta-Effekt gelingt Bernstein mitreißend, auch wenn er von der gar nicht mal schlechten Tontechnik ein wenig im Stich gelassen wird. Ein weiterer Gipfel des jugendlichen Vorwärtsdrangs und des partiturgenauen Textverständnisses ist dennoch hier erreicht worden.

Das Andante mosso wird von Bernstein deutlich stärker gewichtet als der Tempozusatz „quasi allegretto“. Dennoch klingt es bei ihm leicht (auch durch die Flöte) und tänzerisch. Beschwingt wie ein Spaziergang durch die Natur, bei dem man sich immer wieder an verschiedenen Schönheiten erfreuen kann (Variationen). Die Melancholie bleibt begrenzt, es gibt kaum Grübelei. Ein echtes Intermezzo zwischen den beiden Monolithen des 1. und 3. Satzes, mit eigenem Gewicht.

Das Allegro molto hat viel rhythmischen Elan, klingt mit der schlanken Virtuosität der New Yorker geradezu rasant. Beim Schwanenthema wirkt der Flügelschlag (von den Hörnern dargestellt) leicht, doch mit Eleganz majestätisch und erhaben. Zu Beginn noch ohne überbordende Emotionalität, „flüssig“ und doch ohne die stolze, erhabene Anmutung nennenswert zu schmälern. So lässt man sich noch buchstäblich Luft nach oben. Aus der Melancholie heraus führt der Schwanenflug jedoch, wenn ihn die Trompeten übernehmen und schließlich das ganze Orchester zu heroischer Strahlkraft. Die sechs isolierten Schlussakkorde werden exakt, hart und trocken fast eher wie Gewehrschüsse als Kanonenschüsse oder wie Hammerschläge abgefeuert. Insgesamt lässt es Bernstein brennen von unbändigem, jugendlich anmutendem Furor.

Es klingt von der CD in diesem Fall viel wärmer und räumlicher als auf dem fast schon aggressiven Klangbild der LP, die schrille Schärfe wird wie bereits erwähnt also ausgebügelt. Wer also die Aufnahme noch von der LP kennen sollte, könnte einen zweiten Versuch mit der CD oder einem Download wagen. Eigentlich klingt es nun plastisch, differenziert und sehr transparent. Die Tiefenstaffelung kann sich hören lassen. Sie geht noch über das bei Barbirolli (1966) gehörte Maß hinaus. Dessen Klangfülle wird jedoch nicht erreicht. Die Streicher klingen schlanker, der Bass wird viel weniger gewichtet. Das gute Blech erscheint etwas zu weit entfernt. Die Violinen erscheinen noch etwas schmal, klingen jedoch nie hart.

 

Dies scheint eine sehr gute, räumlich klingende Überspielung zu sein. Es gibt bei YouTube noch weitere zu hören.

 

https://www.youtube.com/watch?v=xOBg-mmZSoE

 

 

5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

DG

1965

14:06  8:18  8:55  31:19

Die vierte und vorletzte Aufnahme der Fünften mit HvK hat der 57jährige Dirigent in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem aufgenommen. Es ist die einzige für die DG, denn zu einer „finalen“ Aufnahme mit der neuen Digitaltechnik ist es nicht mehr gekommen. Sie stammt aber aus der besten Zeit der Zusammenarbeit Karajans mit den Berlinern und für Glenn Gould, der sich beim Konzert 1957 mit Karajan, bei dem er das 3. Klavierkonzert Beethovens und die Berliner anschließend die Fünfte Sibelius gespielt haben, mit dem Sibelius-Virus infiziert hatte, wurde sie eine seiner Platten für die einsame Insel.

Aus allen gehörten Aufnahmen könnte man diese Einspielung mit am leichtesten blind wiedererkennen. Selbst unter den vier übrigen Karaja-Aufnahmen. Sie beginnt mit einem ruhigen, getragenen Zeitmaß und die Musik entsteht wie aus dem Nichts oder aus einem Urnebel heraus, sehr atmosphärisch, mystisch. Das Orchester lässt sich wieder mit dem typischen DG-Schmelzklang jener Jahre aus der unverhallten Jesus-Christus-Kirche hören. Der sportliche Vorwärtsdrang der Aufnahmen zuvor (1952, 57 und 60) fehlt nun weitgehend. Die Ostinati klingen magisch, dabei artikulieren die Streicher für Karajan-Verhältnisse aber auch absolut gesehen auffallend dynamisch, aber mit dem mittlerweile wie unendlich wirkenden tiefen, sonoren Legatostrom, aufliegend auf dem dunklen Fundament der Bässe für das das Orchester weltberühmt war. Es ist ganz erstaunlich, welche Entwicklung das Orchester von der 57er Live-Aufnahme zu dieser Aufnahme unter Studiobedingungen durchgemacht hat. Es ist nun vollkommen vertraut mit der musikalischen Materie. Es entstehen nun meditative Inseln, die es zuvor bei Karajan noch nicht zu hören gab. Das Holz erklingt nie unauffällig aber eben doch aus dem Hintergrund. Nun klingt nichts mehr kantig, aber auch nicht soft, man lässt es strömen und leuchten. Das Fagottsolo klagt ausdrucksvoll. Die Dramatik hat sich ebenfalls verändert, ist nun eingewoben in den organischen Zusammenhalt. Es gibt keine ruckartigen Beschleunigungen mehr, der Übergang zum scherzohaften Teil des ersten Satzes gelingt gekonnt fließend. Dabei darf das Berliner Blech strahlen, dass es eine Wonne ist, wie bei einem Sonnenaufgang. Karajan und die Berliner erweisen sich durchweg als Meister des Ostinato und da die Streicher fast unentwegt in dieser Sinfonie Ostinati zu spielen haben, ist das ein Gewinn. Die Coda ist nun nicht mehr so vorbehaltlos prestissimo wie zuvor, aber durch das etwas breitere Zeitmaß klingt es majestätischer. Die Trompeten zeigen das markige Durchsetzungsvermögen der Philharmonia-Aufnahmen zuvor nur können die Streicher jetzt noch imponierender dagegenhalten. Die Pauke kommt gut durch, aber wie man es von Karajan gewöhnt ist, reicht es nicht ganz zu einer etwas solistischeren Darbietung, sie bleibt im Gesamtklang integriert.

Der zweite Satz, das Andante mosso wirkt nun viel ruhiger, entschleunigt. Das Holz klingt besonders gegenüber den beiden Philharmonia-Aufnahmen ungemein edel und die Verschmelzungstendenz bei den Streichern ist enorm. Den Eindruck eines freudig entspannten oder gar tänzerisch geprägten Spaziergangs durch die nordische Natur ergibt sich nun weniger, es entfaltet sich ein farbiger Klangstrom mit einer fast meditativen Wirkung. Die zahlreichen Pizzicati knacken nun nicht mehr frisch und holzig, sie klingen nun weich und abgerundet. So als ob man einen Weg bedeckt mit holzigen Ästchen nun durch einen weich bemoosten ausgetauscht hätte. Ein kanonisches Zusammenfließen ist nun gefragt, kein scharfkantiges Nebeneinanderstellen der Stimmen, man wird geradezu umhüllt vom Natureindruck. Aus dem leichten Intermezzo ist ein romantisch-weiches, sehnsüchtiges Zentrum der ganzen Sinfonie geworden. Gleichberechtigt mit den Außensätzen, oder zumindest mal fast gleichberechtigt. Eine echte in Klang gegossene Kostbarkeit, also durchaus als Aufwertung zu verstehen. Je nachdem, was man sich von dem Satz erwartet. Wie bereits erwähnt hatte Karajan von Sibelius, wie bei der 76er EMI-Aufnahme beschreiben, einen Freibrief bekommen, nach seinem Gusto zu gestalten. Ob er den auch für die 65er Aufnahme bekommen hätte, steht in den Sternen. Karajan dürfte davon überzeugt gewesen sein.

Der dritte Satz beginnt mit total ausgeklügeltem, vollkommenem Ostinato-Spiel ohne hörbare Bogenwechsel, was einen geradezu irisierenden Klangnebel ergibt. Die rhythmische, explizit vorantreibende Kraft der Ostinati interessiert Karajan dieses Mal weniger. 1976 wird das wieder anders sein. Die Hörner lassen einen goldenen Schwanenflug hören. In guter Balance zum Holz, beides stört sich nicht, was man längst nicht bei allen Aufnahmen schreiben kann. Beides ist allerdings etwas weit entfernt, aber dennoch beeindruckend. Alles hören wir von Anfang an in Dauer-Legato. Das Orchester befindet sich in allerbester Verfassung. Die Trompeten, wenn sie das Schwanen-Thema übernehmen hören sich verdoppelt an, fast hat man den Eindruck, dass man diese Passage eigens aufgenommen hat und vielleicht sogar reinkopiert hat, aber da kann man sich auch leicht täuschen, Fakt ist die erhabene Kraft, die von ihnen ausgeht, genau wie der irisierende Glanz. Der Clou dabei ist, dass sie komplett von links nach rechts zu wandern scheinen. So wird der Flug akustisch nachvollziehbar gemacht. Für viele Hörer mag das jedoch ein bereits übertriebener Effekt oder ein Zuviel des Realismus. sein. Ganz besonders gelungen ist aber wie sich der Schwanengesang von seiner holzbläserähnlichen, wie natürlichen Färbung bis zum monumentalen Glanz wandelt. Das wurde in einigen der nachfolgenden Einspielung wieder aufgegriffen. Längst nicht immer, obwohl es anzunehmen ist, dass diese Aufnahme von vielen Dirigenten als Vorbereitung einer eigenen Interpretation angehört wurde. Schließlich ist ihr Ruf, nicht nur wegen Glenn Gould, legendär. Die Schlussakkorde kommen indes immer noch mit stark verkürzten Pausen, wenn auch, wahrscheinlich um dem natürlichen Nachhall eine Chance zu geben zu verhallen, nicht mehr ganz so schnell hintereinander.

In dieser Aufnahme sollte der Gipfel des Schönspiels und der ultimativen Klangverschmelzung erreicht sein. Mit dieser fast schon überirdischen Klangschönheit gelingt es, die nordische Herbheit zu verklären. Damit ist HvK zumindest eine eigene, ja einzigartige, vielleicht aber doch etwas einseitige Sichtweise auf eines seiner Lieblingswerke geglückt. Eine Bereicherung für die Diskographie ist die Aufnahme allemal.

Der Klang der Aufnahme wirkt warm, weich, gerundet, samtig und farbig, aber trotzdem sehr klar und deutlich. Das Holz erklingt nicht superpräsent, wird aber auch nicht versteckt. Die übliche Distanz der Jesus-Christus-Kirche-Aufnahmen jener Zeit, die damals als optimal erachtet wurde ist auch hier wieder zu hören. Die Akustik lässt das Orchester recht brillant und dynamisch wirken. Hauptsächlich aber und das ist wie immer Ansichtssache: irisierend schön. Der Unterschied zur 76er EMI ist musikalisch und aufnahmetechnisch frappierend.

 

Hier könnte man mal in alle Sätze reinhören, wobei der erste Satz nochmals unterteilt wird, sodass man die ursprüngliche Viersätzigkeit noch besser nachvollziehen kann:

 

Beginn 1. Satz https://www.youtube.com/watch?v=qu-9aKpuarU

Fortsetzung 1. Satz: https://www.youtube.com/watch?v=61YiAnTebE4

2. Satz: https://www.youtube.com/watch?v=PimzZqSznL8

3. Satz: https://www.youtube.com/watch?v=Fba6SiXA7y4

 

 

5

Sir Malcolm Sargent

BBC Symphony Orchestra

EMI

1958

12:18  8:32  8:24  29:14

Zur Aufnahme mit Sir Malcolm ging man eigens und erneut, wie bereits zuvor mit Karajan (52) oder Collins (55) oder später mit Gibson (59) und erneut Karajan (1960), dann 1966 mit Sir John Barbirolli und 1967 mit Georges Prêtre in die Kingsway Hall. Und schließlich ein letztes Mal mit Vladimir Ashkenazy. Und das obwohl Sir Malcolm in unmittelbarer Nähe der EMI-Abbey-Road-Studios wohnte und dort besonders gerne aufnahm. Die Kingsway Hall konnte in jeder Aufnahme überzeugen, sodass man verständlicherweise immer wieder gerne auf sie zurückkam. Sargent zählte neben Barbirolli, Boult und Beecham zu den führenden britischen Nachkriegsdirigenten, die sich der Musik von Sibelius annahmen. Er war als Nachfolger Boults von 1950-57 Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra, er blieb auch später noch als Gast beim Orchester omnipräsent bis zu seinem Tod 1967, besonders bei den Proms. Sargent kannte Sibelius persönlich, verehrte ihn zutiefst und setzte sich wie erwähnt für seine Werke ein. Am 20.9.1957, als Sibelius verstarb stand er in Helsinki auf dem Podium und dirigierte vor dem tränenüberströmten Publikum genau die 5. Sinfonie, die er elf Monate später in London aufnahm, immer noch mit hörbarer Anteilnahme und enormer Dringlichkeit.

Das Orchesterspiel wirkt hellwach, zügig und enorm präsent. Dramatisch geschärft spielt das Orchester mit der Bravour eines Spitzenklangkörpers, ungeheuer motiviert, sehr strukturbewusst und mit nahtlosem Zusammenspiel stark drängend. Das große Accelerando wirkt mitreißend, die Coda furios mit strahlenden, enorm physischen Trompeten und erstaunlich gut durchhörbarer Pauke. Neuere Aufnahmen wie z.B. die von Telarc müssten da vor Neid erblassen und können einpacken.

Das Andante mosso wirkt tänzerisch bewegt und stark emotional aufgeladen, aber nie kitschig.

Der Finalsatz erklingt pulsierend und vorwärtsdrängend. Das Orchester hält den Glanz in allen Gruppen aufrecht, wenn man einmal von den damaligen (typischen) und in allen Londoner Orchestern anzutreffenden Oboen absehen darf, die uns einfach nicht so recht begeistern können. Aber die Oboisten des BBC sind vielleicht die, die ihre Instrumente noch am besten (d.h. am wenigsten hart) klingen lassen. Über allem thront jedoch das erhaben und ungeheuer strahlkräftige Blech. Die BBC-Musiker unterstreichen, dass sie damals zu den besten Londoner Musikern zu zählen waren, auch wenn man sie auf dem Plattenmarkt nur selten zu Gehör bekam. Die Trompeten klingen phänomenal. So hört man, vielleicht da die Aufnahme wie so viele Deccas auch aus der Kingsway Hall kommt, Decca-Glanz auf einer EMI. Der Satz wird zügig durchgezogen und dennoch kommt es zu keinen Abstrichen beim machtvollen, triumphalen Ausdruck. Es darf auch etwas Pathos mitschwingen. So klingt es stolz, würdevoll und nobel. Eine zeitnahe Hommage an den kürzlich verstorbenen, befreundeten Komponisten.

Der Klang bringt leises Rauschen mit, wirkt aber enorm präsent und plastisch. Das Blech und die Pauke klingen knackig, das Ganze sehr dynamisch.

 

https://www.youtube.com/watch?v=xwmviK5sR8A

 

 

5

Lorin Maazel

Wiener Philharmoniker

Decca

1966

11:55  7:10  8:01  27:06

Lorin Maazel nahm die Sibelius-Sinfonien zweimal unter Studiobedingungen auf. Das erste Mal mit den Wiener Philharmonikern für Decca in den frühen 60er Jahren, das zweite Mal während seiner Zeit als Musikdirektor mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra für Sony. Auf die Frage, welcher von den beiden der bessere sei, antwortete er ohne lange zu überlegen, dass es der zweite gewesen sei. Da käme der Komponistenwille besser zu Wort und er selbst wäre erfahrener gewesen. Zu den beiden Aufnahmen für die Plattenindustrie gesellt sich noch ein sehr später Mitschnitt erneut mit den Wiener Philharmoniker, den wir live bei einer Sendung des ORF aus dem Musikvereinssaal mitgeschnitten haben. 1966 brachte der 36jährige junge und hochtalentierte Dirigent, der damals bereits Nachfolger von Ferenc Fricsay beim RSO Berlin war (heute: DSO) und zugleich Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin, die Wiener Philharmoniker dazu, den ersten Satz unter berstende Hochspannung zu setzen. Das Orchester zeigt sich im Verlauf hochmotiviert, obwohl ihm die Werke Sibelius´ kaum geläufig gewesen sein dürften. Vielleicht gleicht ihre Darbietung aber auch genau deshalb wie kaum eine zweite einer abenteuerlichen Erkundungstour. Sehr lebendig musiziert ist da kein Platz für dröge unbewegliche Landschaftsbetrachtung. Die Tempi wirken angetrieben und genau wie der Rhythmus ziemlich zugespitzt. Besonders gefällt die fantastisch sonore und voluminöse Hornsektion. Das packende Orchesterdrama scheint von der Bernstein-Aufnahme von 1961, die aber erst 1965 veröffentlicht wurde, inspiriert gewesen zu sein. Die Steigerungsverläufe wirken inspiriert, während die leiseren Töne vielleicht mitunter dem vorantreibenden Impetus zum Opfer fallen. Man spielt emotional und Maazel selbst scheint den strategischen Überblick über die gesamte Struktur zu haben. Seine dirigentische Perfektion zeigt sich im glasklaren Spiel des Orchesters. Das Holz könnte vielleicht bisweilen noch etwas besser hervorkommen, aber es klingt auch so deutlich und mit dem damals noch so charakteristischen Timbre. Die nervöse Unruhe und die Spannung, die aus dieser Interpretation sprechen, findet man in der späteren Digitalaufnahme aus Pittsburgh nicht mehr in diesem Maß. Sie dürfte jedoch vielen Hörern viel eher aus dem Herzen sprechen. Das Blech agiert in der Coda mit herausragender Power und spielt in der Coda so bissig und entfesselt, wie es sich für ein vorantreibendes Prestissimo gehört.

Im Andante mosso lässt das besonders zügige Tempo den tänzerischen Charakter aber auch die Gefahrenmomente, die die Stretto-Passagen vermitteln sollen, auf besondere Weise zur Geltung kommen. Dies ist eine der kurzweiligsten und aufregendsten Darbietungen des zweiten Satzes überhaupt. Weniger eine Oase der Ruhe zwischen den beiden gewaltigen Außensätzen.

Der Finalsatz, Allegro molto, beginnt quirlig, flirrend mit dem schnellsten Tempo, das man bisher hören konnte und das man als überstürzt bezeichnen könnte, wenn die Wiener nicht mit ihrer locker-gespannten Virtuosität darauf antworten könnten. Atemberaubende Geschwindigkeit mit höchster Präzision zu verbinden, stellt für sie kein Problem dar. Man hört kein bisschen Ermattung, sondern eine fast schon schwindelerregende, lodernde, feurige Energie. Fast mit elementarer Urgewalt. Der Flug der Schwäne erscheint so allerdings weniger majestätisch, wegen des hohen Tempos aber sehr kraftvoll. Der strahlende Klang der Hörner überzeugt, genau wie die Trompeten. Die Ostinati haben viel Spannkraft, die Nachfolge-Aufnahme Mäkeläs bei Decca wird da permanent geradezu deklassiert. Auch die 87er DG-Aufnahme aus Wien mit Bernstein wird übertroffen, nicht an Emphase, aber an Schneid und Lebendigkeit. Der Flug der Schwäne erfolgt mit Glanz und Gloria, ungestümem Tempo und Dynamik. Maazel gelingt es als junger Dirigent besser als mit höherem Alter, die Wiener Philharmoniker zum Glühen zu bringen. Respekt!

Der Decca-Klang bringt herausragende Präsenz und plastische Instrumentenabbildung mit. Die Räumlichkeit des besten Aufnahmesaals in Wien, dem Sophiensaal, wird verbunden mit voller Transparenz und leuchtender Brillanz. Die Tiefenstaffelung ist gut, die Präsenz hingegen kommt noch besser zur Geltung. Die über 30 Jahre jüngere Decca-Aufnahme aus Oslo mit Klaus Mäkela wird zu einem lauen Lüftchen degradiert.

 

https://www.youtube.com/watch?v=QMr9jlYs7QY

 

 

5

Thomas Sondergard

BBC National Orchestra of Wales

BBC Music

2012, live

12:19  8:24  8:37  29:20

Der bei der Aufnahme 43jährige Däne war 2012-2018 Chef in Wales und zur gleichen Zeit 1. Gastdirigent beim Royal Scottish National Orchestra., bei dem er dann 2018 zum Chef ernannt wurde. Ab 2023 wurde er dann als Nachfolger Osmo Vänskäs zum Musikdirektor des Minnesota Orchestra ernannt. Aufgenommen wurde bei einem Konzert in der Hoddinott Hall in Cardiff, der „Heimat“ des Orchesters. Man hatte begonnen einen Zyklus der Sinfonien Sibelius für Linn aufzunehmen, der leider nicht vollendet wurde. Es fehlen leider die Sinfonien 3, 4 und 5, sodass der Konzertmitschnitt bisher das einzige Dokument einer Fünften Sibelius mit Herrn Sondergard geblieben ist.

Er blickt tief in die Partitur hinein und das Orchester setzt die Impulse präzise, fließend und spontan um. Nach und nach immer akzentuierter, frischer, beschwingter und dramatischer werdend. Das Spannungspotenzial ist sehr hoch und lässt nicht nach. Ein durch und durch souveräner Auftritt von Orchester und Dirigent mit einem zwingenden doch fließenden Steigerungsverlauf des Accelerando. Und das live, ohne Fangnetz oder doppelten Boden. Gekrönt wird der erste Satz mit einer furiosen Coda, mit einer tatsächlich einmal „heißen“ Pauke und einem Blech in Höchstform. Besser geht es kaum.

Im Andante mosso findet man wie traumwandlerisch den richtigen Ton. Man lässt den Orchesterklang wunderbar aufblühen. Dass es sich bei dem Orchester um ein Provinzorchester handeln könnte, wird man künftig nicht mehr behaupten dürfen. Ganz ähnlich wie in Lahti.

Am meisten überrascht dann vielleicht sogar der Finalsatz, Allegro molto. Da gibt es keine Präzisions-Kälte und kein plumpes Pathos, sondern organisch anmutendes, natürliches Voranschreiten und sehr schönes Spiel der Hörner. Die Col-legno-Einlagen der Bässe hört man nur auf neueren Einspielungen. Anscheinend kommen sie von einer neueren Urtext-Ausgabe, denn bei älteren Aufnahmen hört man sie nie. Aufgefallen sind sie in den Pariser und Münchner Aufnahmen Paavo Järvis und ein paar anderen, da aber nicht so deutlich. Mit diesem Effekt könnte man das Zusammenschlagen der Flügel bei der Startphase oder beim zügigen Emporsteigen zur regulären Flughöhe in Verbindung bringen. Es ist kein bloßer Effekt, sondern unterstreicht durchaus die Naturhaftigkeit vor allem natürlich des letzten Satzes. Die vortreffliche Balance von Holz und Streichern unterstreicht die Klasse der vorliegenden Einspielung. Mit der nötigen inneren Ruhe und Erhabenheit, einer makellosen gemeinschaftlichen Orchesterleistung ohne herausschreiende Trompeten gelangt man schließlich zu wunderbar sonoren Schlussakkorden allerdings ganz ohne die Paukenvorschläge, die eigentlich ebenfalls auf der Urtextausgabe zu finden sein sollten sollen. Die Darbietung verbindet audiophile Klangpracht mit einem top motiviertem Klasse-Orchester, einem animierenden Dirigat und echter, elektrisierender Live-Spannung. Eine musikalische Sternstunde an die man nicht nur in Cardiff gerne zurückdenken wird.

Der Klang der Aufnahme wirkt körperhaft, präsent, sehr dynamisch, farbig, tief gestaffelt, weich, ja sogar anschmiegsam, natürlich, voll und saftig. Die ständigen Aufnahmen der BBC-Techniker in immer demselben Saal hat zu einer Optimierung von Akustik und Mikrofonaufstellung geführt und so zu den audiophilen Klangeigenschaften beigetragen. Ein großer Nachteil der Edition ist und bleibt, dass es sich nur um die Zugabe zu einer Zeitschrift handelt und dass man sie so nur noch antiquarisch erwerben kann. Oder man schaut mal hier nach:

 

https://www.youtube.com/watch?v=lRliDgHDKig

 

 

5

Ole Schmidt

Royal Philharmonic Orchestra, London

Tring, Membran, Regis, Alto

1996

12:03  8:31  8:10  28:44

Von Ole Schmidt ist besonders die Aufnahme aller Sinfonien seines dänischen Landsmanns Carl Nielsen in Erinnerung geblieben, es war damals 1974 der erste vollständige Zyklus der Nieseln-Sinfonien mit dem LSO für das Label Unicorn. Er spielte aber auch viel Sibelius während seines Dirigentenlebens. Er war vor seiner Dirigentenkarriere Jazz-Pianist in Kopenhagen und komponierte selbst hochmoderne Avantgarde-Werke und Filmmusik. Aufgenommen wurde in den berühmten CTS-Studios (Cine-Tele-Studios), wo unter Anderen fast alle Filmmusik-Produktionen der James Bond Reihe entstanden.

Schmidt lässt zügig, energisch, akzentuiert, rhythmisch und direkt spielen, doch ebenso feinfühlig und poetisch. Man gibt nordischer Erhabenheit genügend Raum, die Dynamik wird gut ausgereizt. Der erste Höhepunkt, der Übergang vom 1. Teil zum Scherzo-Teil des ersten Satzes kommt gut strukturiert und mit großem Nachdruck. Dann stürzt man sich mit hohem Tempo ins Scherzo, so schnell und treibend hört man es nur selten. Das Orchester scheint auf der vordersten Stuhlkante zu sitzen und spielt energisch und kontrastreich. Die Coda klingt furios, genau wie bei den besten, unruhig, flammend, rhythmisch und ekstatisch gesteigert. Das Blech beweist „Biss“.

Das Andante mosso wirkt dringlicher als üblich, hat nur wenig intermezzoartiges und als süßliches Romantik-Idyll taugt es ebenfalls nicht. Die rhythmische Schärfe lässt es besonders wach erscheinen, also taugt es auch nicht als Notturno. Einen Nebelschleier gibt es ebenfalls nicht.

Zügig, mit viel Schwung und sehr aufmerksam, wenn es um die Flugbewegung und die Lautäußerung der Schwäne geht wirkt das Spiel auch im Allegro molto noch recht gefühlvoll. Edles Pathos hat Herr Schmidt nicht im Sinn. Schließlich gibt es hier die stolze, herbe Urgewalt mit der die besten britischen Aufnahmen aufwarten. Das glänzt und sprüht vor Energie bis zum Abwinken. „Ultrahocherhitzt“ würde man in der Werbung sagen. Ja, da brennt fast die Luft. Die Schlussakkorde kommen wuchtig, wirken weniger als Monolithen als organisch dazu gehörend, die Pausen wirken nicht sehr lange, die Paukenvorschläge sehr kurz.

Der Klang der Aufnahme erscheint eher trocken, präsent und gut in die Tiefe hinein gestaffelt, sehr transparent und dynamisch. Da wird nicht weichgezeichnet oder schöngefärbt. Er könnte lediglich etwas fülliger (besonders die Violinen) und bassgewaltiger klingen. Insgesamt klingt es frisch und kraftvoll. Membran bot oder bietet sogar immer noch die Aufnahme als SACD an, was durchaus einen Mehrwert mit sich bringt.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=U-YVO_FvijA

https://www.youtube.com/watch?v=RBeAid-xJY8

https://www.youtube.com/watch?v=WQBAo8PgmaI

 

 

5

Herbert Blomstedt

San Francisco Symphony Orchestra

Decca

1989

13:44  8:13  8:59  30:56

Herbert Blomstedt war 1985-95 Musikdirektor in San Francisco, danach wurde ihm der Titel Ehrendirigent auf Lebenszeit verliehen und tatsächlich kehrt er bis heute immer wieder nach San Francisco zurück. Im Frühjahr 2026 hat er sich jedoch dort eine Infektion zugezogen, die ihn bis dato an weiteren Auftritten hindert. Die Aufnahme der 5. Sinfonie wurde in der Louise M. Davies Hall gemacht. Dass er die Fünfte Sibelius immer noch manchmal aufs Programm setzt, konnten wir bei einem Mitschnitt des BR aus Bamberg von 2025 mit den Bamberger Symphonikern hören, da war er biblische 98. Der erste Satz beginnt 1989 wie aus der Ruhe heraus und doch bewegt. Das Ostinato beschreibt keine Klangwand, sondern wird als spannungsförderndes Element genutzt. Zum Abschluss des ersten Teils wirkt das Orchester wie entfesselt und lässt einen stolzen, majestätischen Übergang in den Scherzo-Teil hören. Der Übergang der Tempi wirkt sehr geschmeidig. Die Coda schließlich fulminant gesteigert mit einem mit voller Lungenkapazität ausgestatteten Blech und einer wahrlich ausgezeichneten Pauke, die klangtechnisch mal nicht versteckt wird. Beides in höchster Präzision. Rein vom hörbaren Klang beurteilt war die Musik an dieser komplexen, schwierigen Stelle mit der dynamischen Extremsituation aber auch schon besser durchhörbar zu erleben. Es scheint, dass die Davies Hall im Verbund mit der Aufnahmetechnik da an ihre Grenzen kommt. Der High-Speed-Rausch reißt trotzdem mit. Blomstedt treibt das Orchester mit gnadenlos vorantreibenden Impulsen voran.  Er war damals übrigens 62. Wer hier schwächelt, der riskiert viel.

Im zweiten Satz fehlt den Violinen bei ihrem wunderbaren Kantabile leider der analoge Schmelz der Aufnahmen von Davis (1975), Maazel (1966) oder Karajan (1965). Daran kann man gut erkennen, dass die noch recht neue Digitaltechnik noch nicht auf demselben Stand war. Dennoch klingt der Satz sehr bewegt und enorm vielgestaltig, gefühl- und kraftvoll. Hier gefriert keine Geste aufgrund von Langsamkeit, Trägheit oder mangelnder Emphase ein. Die Dynamik erweist sich als ungeheuer expressiv. Dies ist kein Intermezzo, sondern echte pulsierende Leidenschaft.

Im letzten Satz werden alle relevanten Parameter mustergültig zur Geltung gebracht. Da ist großes Sibelius-Kino zu hören. Perfekt ausbalanciert hören wir Hörner, Holz und Streicher, denn alle kommen bestmöglich zur Geltung. Die Ostinati erklingen souverän, weich und zart, vor allem aber rhythmisch und mit enormem Steigerungspotenzial. Eine durchweg expressive, doch natürlich strömende Darbietung. Die Spannung wird durchgehalten und im Finale die Dynamikqualitäten des Spitzenklangkörpers voll ausgenutzt. Man ist zwar nicht auf Spektakel aus, aber alle Effekte werden ausgereizt. Die sechs Schlussakkorde gelingen makellos präzise und wuchtig, erklingen mit Nachhall versehen und mit den annähernd richtigen Pausen. Musikalisch ist dies eine der besten Einspielungen, klangtechnisch leider weniger. Vor allem die schrumpfende Transparenz je lauter das Orchester spielt macht sich nachteilig bemerkbar und die kühlen, glasigen Violinen. Ansonsten klingt die Aufnahme recht plastisch, mit einer breiten Bühne und durchaus dreidimensional. Nicht so weich und schmelzend wie Davis (1975) oder Karajan (1965). Ansonsten wirkt das Orchester sehr gut ausbalanciert, Klangtechnisch steht die Aufnahme auch zeitlich benachbarten1992er mit Colin Davis und dem LSO bei RCA deutlich nach.

 

https://www.youtube.com/watch?v=ZBH0pD6bCos

https://www.youtube.com/watch?v=dWsqo6vi43M

https://www.youtube.com/watch?v=XqVnfj0raoE

 

 

5

Sir John Barbirolli

Hallé Orchestra Manchester

EMI, Warner

1966

14:00  9:02  9:56  32:58

Von Sir John gibt es zwei Einspielungen der 5. Sinfonie von Jean Sibelius. 1957 nahm er sie bereits für Pye auf. Als er dann zu EMI wechselte und man sich entschloss eine Gesamtaufnahme mit ihm zu produzieren entscheid man sich dagegen, ältere Aufnahmen in die Gesamtaufnahme mit aufzunehmen, obwohl man unterdessen den Pye-Katalog übernommen hatte. Man wollte alle Sinfonien wie aus einem Guss aufnehmen. Die 5. machte 1966 den Anfang. Man fuhr dazu eigens mit dem ganzen Orchester zur Kingsway Hall nach London, um am bestmöglichen Ort, der sich schon vielfach nicht nur für Sibelius bewährt hatte, aufzunehmen. Nur zwei Monate vor Barbirollis Tod nahm man 1970 die Sechste Sinfonie noch als letzte Sinfonie auf. Da war Sir John durch Alkoholismus und Depression bereits schwer gezeichnet und in Mitleidenschaft gezogen.

1966 stellte sich eine gute Balance ein zwischen Blech und Streichern, wobei beides sehr deutlich, körperhaft und klar zu hören ist. Nur sind die Holzbläser in dem Wettstreit oft die etwas Benachteiligten. Das Spiel wirkt akzentuiert, teils bereits schroff und nicht immer ganz präzise. Was davon auf Barbirollis Krankheit und was auf die Qualität des Orchesters zurückzuführen ist, bleibt müßig zu entscheiden. Wichtig ist, dass es sehr ausdrucksvoll klingt. Die fz sitzen. Der erste Satz wird spannend und emotional musiziert. Etwas wuchtiger und erheblich dynamischer als 1957 in der Aufnahme der Sinfonie für Pye, die separat bei EMI wiederveröffentlich wurde.

Es klingt kämpferischer bisweilen auch gequälter als ´57, aber nur als eine weitere musikalische Emotion. Im Vergleich erscheint die 57er vielleicht einen Tick langsamer. Die Einspielung hat durchaus einen Drang ins Monumentale, Pathetische. Das Fagottsolo erklingt ausdrucksvoll und deutlich. Der Übergang zum Scherzo wirkt nun kontrollierter aber mit Einbußen an Frische und Wildheit. In der Coda hat die Pauke wieder einmal „frei“ bekommen.

Im langsamen Satz wird das Andante mosso deutlich stärker gewichtet als quasi Allegretto, denn das Tempo wirkt zurückgenommen. Der Satz wirkt dunkler als gewöhnlich. Statt pastoraler Idylle macht sich tiefe sehnsuchtsvolle Melancholie breit.

Im Finalsatz kann man die grandiose Klangfülle der EMI-Aufnahme aus der Kingsway Hall besonders genießen. Es klingt körperhaft und sehr plastisch. Der Streicherteppich flirrt und bleibt immer bewegt. Es klingt misterioso, Langeweile kommt da nicht auf. Der Schwanenflug der Trompeten wirkt zunächst gedämpft und verlangsamt (un pocchettino largamente), schwillt dann aber bis ins Bedrohliche an bis er schließlich eine herzzerreißende Wucht und Emotionalität erhält. Ein Geniestreich bei dem kaum ein Auge trocken bleiben dürfte. Das schafft auch Sir John in seiner 57er Aufnahme nicht. Nun wird ein Gipfel der würdevollen Leidenschaftlichkeit, der emotionalen Wärme und der feierlichen Erhabenheit dargeboten, der in der Diskographie nahezu einzigartig erscheint. Die sechs Schlussakkorde hallen nun länger nach als zuvor, mächtig und feierlich, dieses Mal erneut ohne Paukenvorschläge. Obwohl das Tempo nicht gerade das zügigste und virtuoseste ist, wirkt die Darbietung immer noch spontan, direkt und packend. Die 66er bringt mehr emotionale Tiefe und den viel besseren Luxusklang aus der besten EMI-Analogzeit zu Gehör. Der Gänsehauteffekt beim Schwanenflug bleibt nahezu unerreicht.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr weitläufig, sehr räumlich, dreidimensional und erheblich plastischer als die 57er Aufnahme für Pye. Das große Budget wird anscheinend voll in großen Klang umgesetzt. Es klingt beispielhaft körperhaft und das gleiche Orchester bringt nun viel mehr Opulenz zum Klingen. Da wird viel analoge Wärme spürbar, die der Musik und den Hörern guttut. Kingsway Hall at its best.

 

https://www.youtube.com/watch?v=aP--PxN0oeM

 

 

5

Paavo Berglund

Chamber Orchestra of Europe

Finlandia, Warner

1996

12:34  8:40  9:06  30:20

Von Paavo Berglund waren uns fünf Aufnahmen verfügbar. Diese Aufnahme der Fünften entstammt aus seiner dritten und letzten Gesamtaufnahme, aufgenommen in der Stadthalle von Nijmegen in den Niederlanden. Auf drei Gesamtaufnahmen kommt übrigens außer ihm nur Colin Davis. Ihr größter Vorteil gegenüber den anderen ist, dass durch die kleinere Kammerorchesterbesetzung der Streicher die Holzbläser größer und präsenter herauskommen denn je, zumindest einmal als bei allen anderen Aufnahmen Berglunds. Das Blech steht (oder besser sitzt) in ebenso makelloser Transparenz und deutlicher Präsenz genau hinter dem Holz. Dass die Streicher nominell reduziert sind, machen sie auf ihre Weise fast gänzlich durch vollkommene Homogenität und empathische Präzision wieder wett. Jetzt hört man jedes Detail wie auf dem Präsentierteller, denn Berglunds erklärtes Ziel bei dieser Einspielung war, dass alle Stimmen in größter Klarheit hörbar sein sollen. Mit 67 wollte er anscheinend das gewohnte Sibelius-Bild hinter sich lassen. Er war nun so arriviert, dass er sich vor keiner Kritik mehr fürchtete. An gedanklicher Präsenz, spieltechnischer Prägnanz und eruptiver Dynamik, vor allem im Blech, mangelt es nicht. Die Fünfte wird hier quasi „nackt“, d.h. befreit von jedem spätromantischem Bombast, präsentiert. Das mag wohl nicht die ganze Wahrheit sein, aber so stellt die Aufnahme eine hochwillkommene, eigenständige Alternative innerhalb der ganzen Diskografie dar. Die Frage ist nun: Verändert sich dadurch die ganze Wetterlage in Sibelius´ Norden? Das Atmosphärische? Nun haben sich auch die letzten Nebel gelichtet, da bleibt nur noch die kristallklare Luft der Komposition übrig. Es klingt aus der „Kammer“ statt aus dem großen Konzertsaal jedoch viel nahbarer, da werden Details hörbar, die man zuvor anscheinend überhört hat, falls sie überhaupt gespielt wurden. So erklingt die Coda mit höchster Präzision, aber doch ohne ultimatives Furioso. Es klingt, obwohl es an Engagement des Orchesters nicht fehlt, recht leicht und licht und eben nicht massiv, fast grazil. Manch ein Hörer wird sich denken, dass das wohl die Kehrseite der Medaille ist.

Im Andante mosso gibt es gegenüber den Aufnahmen von 1973 (Bournemouth) und 1986 (Helsinki) deutliche Verlagerungen auch im Tempo. Bei aller Transparenz wirkt nun vieles inniger, aber auch hier nochmals leichter und beweglicher. Ein größerer Kontrast zur dunklen und mächtigen Sanderling-Aufnahme, deren Besprechung etwas weiter unten folgt, lässt sich kaum denken.

Die gewonnene Transparenz, aber auch die leichtere Virtuosität wirkt im dritten Satz, dem Allegro molto besonders faszinierend. Das Orchester spielt hier besonders liebevoll ausbalanciert. Großartig was das kleine Orchester alles herausbringt, besonders das vereinte Blech. Das klingt enorm saftig und messerscharf zugleich. Das klingt nun alles besonders detailreich, besonders schlank, besonders raffiniert beleuchtet. Da ist kein Gramm Speck zu viel dran, sie müssen sich ja auch durch keine nahezu undurchdringliche Streicherwand kämpfen. Die Schlussakkorde kommen präzise wie Laser-Blitze, die Paukenvorhalte, die die akribischen Nachforschungen Berglunds erst in die Partitur gebracht haben sollen, wuchtig. Es geht also auch ohne philharmonische Hundertschaft, besonders wenn der Konzertsaal nicht zu groß bemessen ist. Wir hören hier das Destillat eines Dirigenten-Lebens. Dass es dann auch später bei Berglund nochmals anders klingen kann, das hören wir in den Live-Aufnahmen aus London und Amsterdam.

Die Aufnahme klingt superpräsent, supertransparent und gut gestaffelt. Es gibt kein Mangel an Dynamik, auch wenn es lautere Orchester geben mag. Man hört jetzt einfach alles. Es gibt nun auch keine Härten im Klang mehr. Sauberer spielen und aufnehmen kann man die Sinfonie wohl kaum noch. Der Sound der Leningrader Philharmoniker unter Mrawinsky zu erreichen, das war Berglunds Wunsch. Angenähert hat er sich in dieser Aufnahme gegenüber seinen vorherigen ganz sicher um ein beträchtliches Maß.

 

5

Georges Prêtre

New Philharmonia Orchestra, London

RCA

1967

13:35  8:47  8:31  30:53

Wie Decca und EMI versuchte man sich auch bei RCA die Vorzüge der fantastisch klingenden Kingsway Hall zunutze zu machen. Oft kaufte man bei RCA zugleich auch die Expertise und das technische Equipment bei Decca zu, sodass man sich nicht zu wundern braucht, wenn dann auch mal eine RCA-Aufnahme aus London nach einer originalen Decca klingt. So auch hier. Damals klang das Holz des umbenamten Philharmonia Orchestera noch immer hell und die Oboen noch hart und starr, das wird sich bei seiner nächsten Aufnahme (übrigens erneut in der Kingsway Hall aufgenommen) mit Vladimir Askenazy für Decca geändert haben. Das Orchester war gerade von seinem Gründer und Produzenten Walter Legge aufgegeben worden und man konnte nur durch den Schritt in die Selbstverwaltung überleben. Vielleicht spielt es deshalb so hochmotiviert? Von Krisenstimmung ist bei dieser Einspielung jedenfalls nichts zu hören. Georges Prêtre ist der einzige Dirigent aus Frankreich, der eine Aufnahme von Sibelius´ Fünfter zu unserer Liste beigesteuert hat und es verwundert wenig, dass sein Beitrag eigenständige, wenn auch keine eigenwillige Züge mitbringt. Vielleicht weniger, weil er aus Frankreich kommt, sondern weil seiner Darbietung etwas opernhaft-theatralisches anhaftet. Prêtre lässt das Orchester aufgelichtet klingen, als wäre es ein französisches. Die Ostinati klingen besonders sinnlich, beweglicher als üblich und ausgezeichnet dynamisiert. Die beiden Satzteile, die in der Fassung von 1915 mal zwei Sätze waren, wachsen bei ihm nicht organisch zusammen, sondern werden klar getrennt, der Übergang wirkt nun wie ein unvermittelt angesetzter scharfer Ritt. Insgesamt wirkt die Struktur rhapsodischer und emotionalisierter als üblich. Das Blech bewirkt dabei die heftigsten Kontraste. So wirkt die Sinfonie weitmöglich befreit von nordischer Kälte und Schwermut. Damals mag das die Erwartungshaltung der Hörer vielleicht eher verfehlt als getroffen haben, heute erscheint die eigene Sicht auf die Dinge Prêtres eher als erfrischend und auf willkommene Art anders und bereichernd. Die Musik wirkt so wie lebendig durchglüht. Die Coda enttäuscht nicht, denn sie wirkt mit der sagenahten Steigerung, die ihr der Dirigent und das Orchester zukommen lässt fulminant, man merkt, dass das Orchester seine ganze Virtuosität mobilisieren muss, um den Wünschen des fordernden Dirigenten entsprechen zu können. Den mobilisierten Kräften fällt die Pauke leider wieder vollkommen zum Opfer. Ihre Wichtigkeit hatte sich damals noch nicht bis zu jedem Tonmeister herumgesprochen.

Im Andante hört man bei Georges Prêtre besonders deutlich, wie Sibelius die Instrumentation wie Schichten aufeinander baut. Die Ebenen greifen eng verzahnt ineinander. Der Gestus wirkt auch im gerne einmal gegenüber den beiden mächtigen Außensätzen als weniger bedeutendes Intermezzo gesehenen zweiten Satz sehr emotional und meist tänzerisch geprägt. Es fehlt nicht an Biss, aber auch nicht an Glanz und Schmelz, der glänzenden Decca-Technik sei Dank. Das Orchester spielt dabei hellwach und nicht mit der ruhigen auch mitunter mal einschläfernden Tendenz bei anderen Einspielungen. Es klingt auch nicht nach einem Sezierkurs und genauso wenig nach Klangbrei. Das Blech in den Stretto-Passagen wirkt eruptiv.

Auch im dritten Satz spürt man den Operndirigenten mit dem Gespür für den Effekt und ähnlich wie bei Gaetano Delogu wird das „nordische Einerlei“ durch die Sichtweise aus dem Süden Europas aufgebrochen und auf besondere Art emotionalisiert. Das tut der Musik gut. Natürlich darf man da auch anderer Meinung sein. Das Allegro molto wirkt jedenfalls leidenschaftlich und rhythmisch, die Ostinati nicht überbewertet. Die Hörner bekommen schon gleich eine Legato-Phrasierung spendiert (das steht in der Partitur allerdings anders) und dem Holz, aber vor allem den Streichern wird zugleich viel Raum gegeben. Der britische Klang der Oboen passt hier irgendwie sehr schön zur Lautäußerung der Schwäne, weshalb man sie hier nicht kritisieren darf. Das Blech zeigt im Verlauf erhabenen Glanz. Die Schlussakkorde werden lange gehalten, die Pausen leicht verkürzt, Prêtre forciert sie aber lang nicht so sehr wie Karajan, dessen zwei Jahre zuvor entstandene DG-Aufnahme sicher bekannt gewesen sein dürfte. Die Akkorde wirken hier nicht starr nach Hammerschlägen, sondern organischer, was, so meinen wir, nicht nach mangelnder Präzision klingt. Dies ist ein für uns all die Jahre ein ziemlich unterbewerteter Beitrag zur Diskographie. Vielleicht wurde er aber auch erst durch das frische Remastering sozusagen „wachgeküsst“?

Denn die Aufnahme klingt nun plastisch, offen, körperhaft, weiträumig, sehr farbig und sinnlich. Man hört das Orchester mit ausgeprägter Tiefenstaffelung. Es klingt sehr viel besser als bei Ormandy klangtechnisch misslungener Aufnahme 1975 ebenfalls für RCA. Die ersten Schallplatten wurden damals sogar noch in Decca-Presswerken gefertigt, Heute klingt die Musik mit stupendem dynamischem Zugriff und nach dem saftigen Decca-Klang der 60er Jahre. Die RCA-Pressungen waren damals hingegen eher mau.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=5yWMHwBfeLY

 

https://www.youtube.com/watch?v=NpWO9ZfPC10&list=OLAK5uy_lDRSsX9qNkxHsp7bJ9u4wBKquH4d2tvk0&index=2

 

https://www.youtube.com/watch?v=Bj-YkDmfKCM

 

 

5

Neeme Järvi

Göteborger Symphoniker

BIS

1984

13:55  10:16  9:24  33:35

Mit Neeme Järvi gibt es zwei Aufnahmen mit dem Göteborger Orchester, dessen Chefdirigent er 1982-2004 gewesen ist. Bei der ersten für BIS war er 46, bei der zweiten für die DG 2002 war er 65. Beide entstammen Sinfonien-Zyklen. Der erste, für das damals noch ganz junge Label BIS, trug damals enorm zur internationalen Reputation bei. Ab 1982 wurde das Orchester aus dem Süden Schwedens nach und nach zu einem weltweit anerkannten Top-Orchester, gerade bei der Musik nordischer Komponisten.

1984 klingt das Orchester noch rauer und ungezähmter als bei der zweiten Aufnahme 2002 für die DG. Die Musik wirkt dramatischer durchpulst, die Steigerungen erheblich durchdringender und aufregender. Die Hörner zu Beginn klingen zwar deutlicher, aber bei DG jedoch viel räumlicher. Der lebendigere Puls und die leidenschaftlichere Dynamik sprechen eindeutig für die 84er Aufnahme. Wir empfinden die ältere Einspielung als durchweg eindringlicher, beherzter und leidenschaftlicher, die spätere für DG als klangschöner. Das kann man anhand des Blechs auch isoliert vom übrigen Orchester leicht dingfest machen. Es klingt 84 strahlend hell und wird von den hellen Trompeten wirkungsvoll gekrönt, die sich ordentlich ins Zeug legen. Die Coda wird viel drängender gestaltet. Dagegen wirkt die DG von 2002 wie ein laues Lüftchen. Schade, dass 1984 auch bei BIS für die Pauke erneut keine Dynamik mehr übrigbleibt. Aber man hört sie wenigstens. Damals war die Aufnahme noch der skandinavische Außenseiter, aber doch deutlich auf der Gewinner-Straße. Man konnte zeigen, dass es auch in Skandinavien eine moderne Orchesterkultur gibt, die es mit der Rasanz von Bernstein (1961) oder Maazel (1966) durchaus aufnehmen kann und zeigen, wie ein moderner Sibelius aus Skandinaviern derzeit klingt. Das Orchester saß dazu auf der vordersten Stuhlkante, wie man so schön sagt, und verströmte pure Entdeckerlust.

Das Andante mosso klingt trotz der gegenüber 2002 geringfügigen Verlangsamung viel lebendiger und aufgewühlter, schroffer, kontrastreicher, ungleich rhythmischer und spannender. Und aufnahmetechnisch lange nicht so weichgezeichnet.

Im Allegro molto werden die Hörner beim ersten Flug der Schwäne viel deutlicher herausgearbeitet, es gibt noch keine theatralisch wirkende Verlangsamung wie 2002, der Flügelschlag bleibt kraftvoll und vorantreibend. Der Flug verströmt einen gewissen Stolz, erscheint also weder als gleitender Sinkflug oder als die Thermik ausnutzenden träger Steigflug. Die Ostinati erhalten noch vorantreibenden Impuls und werden nicht nur als Klangfläche geboten. Die Trompeten haben ordentlich Biss und tragen beim späteren Erscheinen äußerst wirkungsvoll zur Steigerung bei. Da fehlt eigentlich nur noch die Verdopplung der Instrumentenzahl, um noch grandioser zu wirken. Aber auch so lässt sich bereits von einer grandiosen Wirkung reden. Von dem letzten Crescendo bemerkt man bei der späteren DG-Aufnahme nichts mehr. Da dachte man wohl schon, dass man so gut ist, dass es keiner genauen Partitur-Betrachtung mehr bedarf. Die Schlussakkorde erklingen schroff und ungeschminkt wie die ganze Darbietung.

Die BIS-Aufnahme lässt das Orchester als Ganzes präsenter hören. Das Holz klingt jedoch nicht so präsent wie in der viel späteren Live-Aufnahme der Göteborger mir Rouvali für Alpha.  Aber das Blech klingt sehr präsent und deutlich, obwohl es nicht eigens nach vorne gezogen wurde. Die BIS-Aufnahme klingt erheblich dynamischer als die DG, aber leider auch noch frühdigital härter und schroffer. Letztlich passt der Klangcharakter besser zu Sibelius Fünfter als bei der DG-Aufnahme. Aber da wird man wohl geteilter Meinung sein. 1984 trüben nämlich besonders die Violinen noch merklich das Klangvergnügen. Ansonsten kann man sich an einer guten, offenen und sehr dynamischen Klangqualität erfreuen.

 

Da die BIS-Aufnahme bei YouTube nicht aufzustöbern war, haben wir eine ersatzweise eine Live-Aufnahme aus der Royal Albert Hall in derselben Besetzung hier aufgeführt. Da sie von 1997 stammt mag sie Elemente der 1984er Aufnahme und der 2002er DG-Aufnahme auf sich vereinen. Hinzu kommt in jedem Fall die Live-Spannung:

 

https://www.youtube.com/watch?v=Viz_8dwSBe0

 

 

5

Sir Simon Rattle

Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker Recordings

2015, live

12:58  8:16  9:01  30:15

Anlässlich des 150jährigen Geburtstags von Sibelius spielten die Berliner Philharmoniker zum ersten Mal alle Sibelius-Sinfonien komplett live ein. Sir Simon berichtetet, dass er, für den es immerhin bereits die dritte Einspielung der Fünften war, nochmals gewisse Vorbehalte beim Orchester auszuräumen gab. 34 Jahre nach seinem allerersten, insgesamt wenig gelungenen Versuch mit dem Philharmonia Orchestra und 28 Jahre nach dem zweiten, viel gelungeneren mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra, war er nun bereits 60. Er dirigiert mittlerweile aus den Partituren des verstorbenen Paavo Berglund mit all ihren persönlichen Eintragungen. Es gibt nun nicht mehr den burschikosen, fast jähen Vorwärtsdrang der früheren Aufnahme von 1987 mit dem CBSO. Es geht nun etwas ruhiger zu, aber die Spannung wird hochgehalten. Man fühlt sich zur deutlich herberen, fast harsch klingenden Karajan-Aufnahme von 1976 für EMI zurückversetzt, kaum an die 65er DG-Aufnahme und schon gar nicht an die 92er DG-Aufnahme mit James Levine. Die klangen beide wärmer, voller, sonorer und abgerundeter. Hier gibt es wieder die herbe, scharf konturierte Kante von 76, kein wattierter Luxusklang mehr. So denkt Rattle die analytisch-kammermusikalische Deutung von 1987 mit Rasanz weiter. Das Klangspektrum wird ein wenig durch die Klasse des Orchesters, vor allem aber durch den jetzt greifbaren High-Res-Klang erweitert. Ungemein zugespitzt im Furioso der Coda. Das klingt wieder genauso unerbittlich wie damals in der Butterworth Hall zu Warwick, wohin man mit dem CBSO ausweichen musste, weil kein adäquater Konzertsaal in Birmingham zur Verfügung stand. Auch mit 60 hat es Rattle noch voll drauf. Selten klangen die Philharmoniker mit soviel Ecken und Kanten, ja bisweilen schroff wie hier. Dabei klingt es so gewollt und alles andere als lieblos.

Die Frische und das fast burschikose-wechselhaft Rhapsodische aus Warwick 1987 findet man auch in der Philharmonie wieder. Das Blech darf zeigen was es kann und das Holz brilliert. Obwohl klanglich durchaus wie üblich meisterhaft abgerundet klingt das Orchester herb und nordisch-frisch. Klar, dass sich da manch ein Fan des Orchesterklangs aus Karajans-Zeiten ungläubig distanzierte. Mit viel Biss verweigert uns Sir Simon einen pastoralen Spaziergang im idyllischen Nord-Wald. Des zweiten Satzes. Klar wie Quellwasser klingt es jetzt und ohne statisches Verweilen.

Enorm fein strukturiert, wahrscheinlich nicht zuletzt durch die High-Res-Aufnahme des Downloads und rhythmisch sind alle Orchestergruppen im Allegro molto enorm detailreich und unverdeckt zu hören. Der DG-Mischklang der 65er Karajan-Aufnahme und auch der 92er Aufnahme mit Levine lässt sich da nicht mehr heraushören. Nun klingt es wie gesagt detailreich, ohne in Mimikry zu verfallen. Der subtilen Polyphonie wird Rechnung getragen, genau wie der organischen Dramaturgie. Die Hörner klingen golden, die Trompeten brillant, die Steigerung lässt keine Wünsche offen. Die Schlussakkorde klinge präzise wie Hammerschläge („Thors Hammer“ schlägt wieder zu), die Pausen werden Rattle-typisch genau richtig sehr lange ausgehalten, außer Emelyanychev und Mikko Franck macht das kaum jemand so. An den kraftvollen Paukenvorschlägen fehlt es ebenfalls nicht. Das übernimmt man von 1980 und 87 nur klingt es noch nun noch klangvoller und unverfälschter.

Zum Klang: Der kann nun ohne jede Härte wirken, es gibt keine gläserne Schärfe mehr wie bei den beiden EMI-Vorgängern, aber den kantigen Klang hat man sich, wie wiederholen uns, erhalten. Voller und runder klingt es schon, doch meilenweit vom Mischklang der DG 1965 und 1992 mit Karajan und Levine entfernt. Es wird sowohl klanglich als auch interpretatorisch die schroffe, herbe Wildheit der 76er Karajan aufgegriffen. Aber doch etwas samtiger und weniger resonant. Die Eigenaufnahme des eigenen Labels im High-Res 24-Bit-196 kHz-Sound in Stereo klingt sehr differenziert, uns eine Spur zu trocken, aber vollkommen transparent auch im fff, kraftvoll und dynamisch. Das Orchester klingt nicht mehr so sonor wie zu Karajans Zeiten, wobei man den Einfluss des DG-Klangs dabei nicht unterschätzen sollte. Es klang ja bereits zu Abbados Zeiten leichter, schlanker, transparenter und reaktionsschneller. Das kann man mögen oder auch bedauern, sogar beides nahezu gleichzeitig wäre durchaus möglich.

 

Die Berliner Philharmoniker lassen nur einen kurzen Appetitmacher auf YouTube hören, damit man sich einen Eindruck verschaffen kann.

 

https://www.youtube.com/watch?v=UHXcvtoMPJg

 

 

5

Simon Rattle

City of Birmingham Symphony Orchestra

EMI

1987

12:43  8:19  9:13  30:15

Zur Zeit der Aufnahme der zweiten Aufnahme der Fünften war Simon Rattle 32 Jahre jung. Aufgenommen wurde in der University of Warwick in Coventry, genauer gesagt in der Butterworth Hall, denn bis zur Eröffnung der akustisch als vorzüglich geltenden Symphony Hall 1991 hatte man in Birmingham keinen gut klingenden Saal zur Verfügung. Rattles Aufnahme wird oft übergangen, genau wie die Neuaufnahme mit den Berlinern, dabei stellt sie eine erhebliche Verbesserung gegenüber der ersten Aufnahme mit dem Philharmonia Orchestra aus dem Jahr 1981 dar (dem Jahr als auch Ashkenazy die Fünfte mit demselben Orchester für Decca aufnahm).

Der Aufbau ist spannend, die Tempi angenehm zügig. Bei Übergang zum scherzohaften zweiten Teil des ersten Satzes werden alle Kräfte mobilisiert, vor allem das Blech auf elementare Weise gefordert. Der Klang des Orchesters wirkt hell, der Gestus der Musik mit jugendlich-frischem Entdeckergeist erfüllt. Ein Geist, der sich im Scherzo-Teil naturgemäß nochmals deutlich verstärkt. Da drängt es nun unruhig und es wird mit aller Vehemenz und Schärfe angetrieben. Die Coda wird extrem furios gestaltet, da werden sämtliche nordischen Götter mobilisiert und sogar die Pauke klingt präsent und treibt vehement voran. Das Blech wächst, so macht es zumindest den Eindruck (und der zählt schließlich) mit der gebotenen Wildheit über sich hinaus bis in den Exzess hinein. Bravo, so soll es klingen.

Im Andante mosso wirkt das Spiel sowohl fein und sauber als auch rhythmisch geschärft. Das ist kein lahmer Spaziergang durch den finnischen Wald, das wirkt enorm tänzerisch, wild gesteigert und zugespitzt. Kontrastreicher kann man den Satz kaum noch spielen. Mal genüsslich, mal jugendlich-burschikos, mal melancholisch, alles außer pastoraler Langeweile.

Mit vollen Segeln geht es in den dritten Satz und mit gespannten Ostinati. Der Flug der Hörner wirkt klar und zügig, die Oboen haben sich den Dialekt der Singschwäne angeeignet, die Dynamik wird auch im pp-Bereich vortrefflich ausgenutzt, das wirkt beim Ostinati ungemein spannend, sodass man die berühmte Stecknadel fallen hören könnte. Trotz seiner jungen Jahre und dem Temperament, das man hier spürt, geht Rattle nicht über die retardierenden Passagen hinweg und lässt dem Orchester Raum klanglich zu erblühen. Die Schwäne können langsam und mit ihrem typischen Kreischen an Höhe gewinnen, was wohl mit Gefahren einhergeht, denn es klingt spannend. Erst bei erreichter monumentaler Höhe wirkt ihr Flug von Stolz geprägt. Als einer der ganz weniger zählt Simon Rattle die Pausen zwischen den sechs abschließenden Akkordblöcken richtig aus, bei ihnen selbst schlägt das Orchester zu wie „Thors Hammer“ mit vollkommener Präzision und Durchschlagskraft. Man kann die Spannung auch über die langen Pausen ohne Verlust halten. Rattles Darbietung ist durchweg packend und partiturgenau.

Die Butterworth Hall klingt lebendig, sehr klar und durchaus mit ausgewogener Akustik. Man wird den weiten Weg mit dem Orchester nicht ohne Kalkül angetreten haben. Man hat sich was Besonderes vorgenommen. Wie bei der Aufnahme des CBSO mit Oramo für Erato klingt die Aufnahme besonders weiträumig (die entstand in der inzwischen fertiggestellten Birminghamer Symphony Hall), aber auch distanziert. Die Rattle-Aufnahme wirkt unmittelbarer, sehr transparent und sogar tiefengestaffelt. Leider klingt sie auch noch frühdigital hart, glasig und metallisch, wie immer in solchen Fällen ganz besonders bei den Violinen. Schade, denn sonst hätte man die Einspielung noch weiter oben und vor der Berliner Aufnahme 2015 einordnen müssen. Die frühere Aufnahme mit dem Philharmonia Orchester von 1981 wird in allen Belangen übertroffen.

 

Die originale EMI-Aufnahme von 1987:

 

https://www.youtube.com/watch?v=2YD-wWqfh3A

 

Hier eine frühere Live-Darbietung von 1983 in derselben Besetzung, die klanglich sogar noch besser wegkommt. Wo man sie aufgenommen hat, konnten wir den Informationen leider nicht entnehmen:

 

https://www.youtube.com/watch?v=ChiR1tjGfzI

 

 

5

Gennadi Roshdestwensky

Großes Rundfunk-Sinfonieorchester des Moskauer Rundfunks

Melodija

1973

13:24  7:42  8:05  29:11

Im Textheft zur Eurodisc-LP konnte man damals lesen, dass Roshdestwensky ein vielseitig gebildeter, hochgradig informierter Sibelius-Dirigent sei. Damals hielt man das noch für erwähnenswert, heute würde man das nicht mehr schreiben, gelten diese Eigenschaften doch als eigentlich selbstverständlich, oder? Es geht ihm hörbar immer auch um die Struktur und Faktur und darum das thematische Material in aller Deutlichkeit und Plastizität herauszuarbeiten. Sorgsam modelliert und mit Innenspannung ausgestattet. Man kann einen Blick in die Komponistenwerkstatt nehmen. Es klingt vom intellektuellen Anspruch unbenommen sehr spannend und sehr transparent und wieder mit dem sowjetischen Timbre versehen mit den harten Oboen, den schrillen Violinen und den schneidenden Trompeten. Das kann man mögen oder auch nicht. Es ist aber sehr stark anzunehmen, dass ein großer Teil des spezifischen Orchesterklangs auf die sowjetische Aufnahmetechnik zurückzuführen ist. Die Achterbahnfahrt, die man hier erleben darf, wirkt auf uns sehr spannend und ausdrucksstark, auch sehr partiturgenau. Der bei der Aufnahme 42jährige Dirigent achtet stets auf einen hellwachen Verlauf und äußerste Transparenz, wenn ihm der Sowjetklang keinen Strich durch die Rechnung macht. Beim ihm hört sich der erste Satz noch am ehesten nach Maazel (1966) oder Delogu (1980) an, wenngleich man die Aufnahme getrost zu den unvergleichbaren zählen darf. Die Musik Sibelius´ trifft auf die volle Härte des Sowjetklangs und zwar ohne jede Beschönigung. In der Coda hören wir die Trompeter von Jericho, bei denen der Konzertsaal anschließend zusammengefallen sein müsste. Auch die Pauken sind gut zu hören, dieses Mal aber leider ansonsten nicht mehr viel. Will heißen: Man hört nur noch die Trompeten und die Pauke. Trotzdem ist die Wirkung noch mitreißend. Sibelius hier aus der Richtung Mahler kommend, besonders jedoch in Richtung Schostakowitsch gerückt. Ohne jeden Klangsensualismus, wie man ihn in so üppiger Ausprägung bei der nur wenig später entstandenen Aufnahme von Philips mit Colin Davis in Boston (1975) hören kann oder zuvor bereits bei Karajan 1965.

Das Andante mosso erklingt insgesamt ungeheuer expressiv, spontan und herb. Die Streicher wirken sehr geschmeidig, von der Bratsche an abwärts. Die Violinen leiden an der gnadenlosen Härte der Sowjettechnik. Das Blech wir hochgradig exponiert, bemerkenswert schlank und extrem expressiv. Es entwickelt sich fast ein rhythmisch geprägter Tanzsatz, kein eigentlich langsamer Satz im traditionellen Sinn. „Quasi allegretto“ wird gegenüber „Andante mosso“ stark betont. Die rhythmische Attacke lässt den Hörer auch in diesem Satz nicht los. Der Charakter einer Idylle gar, den einige besonders langsame Einspielungen heraufbeschwören, wirkt auf ein Minimum zurückgefahren.

Im Allegro molto erleben wir einen Geschwindigkeitsexzess bei dem Ostinato zu Beginn. Der Schwanenflug der Hörner kommt zuerst mit heftigem Staccato, das erst langsam weicher wird. Das Orchester stellt sich insgesamt als virtuos und recht gut vorbereitet vor. Das Gefühl von Weite erscheint gewährleistet. Die Dynamik beim Schwanenflug des ganzen Orchesters wirkt geweitet, wobei man den Eindruck hat, dass die Trompeten wohl verstärkt gewesen sein mussten. Drei würden den Klang so wohl kaum hin bekommen. Leider klingt es bei dieser Lautstärke nicht mehr vollkommen transparent. Manch ein Hörer könnte sich hier an den „Wall of Sound“ so manch einer Big Band (z.B. Stan Kenton) erinnert fühlen. Da gab es gar keine Streicher, hier hört man sie ebenfalls kaum noch, obwohl sie ebenfalls voll mitspielen. Durch das zügige Tempo und die Hitze des Gefechts wird das heldenhafte Pathos geradezu unterlaufen. Stattdessen klingt es nach befreiter Naturgewalt und eben Big Band. Diese Aufnahme ist ein Unikat mit Seltenheitswert. Damals galt bezüglich des Orchesterklangs noch: „Andere Länder, andere Sitten“, damals gedieh im Biotop der Sowjetunion ohne Reisefreiheit ein Orchesterklang mit eigener Sprache und vor allem eigener Stimme. Zumindest im Orchesterklang scheint die Welt mittlerweile vereinter.

Die Aufnahme wirkt bis zu einer gewissen Lautstärke (ca. f) sehr transparent, mitunter gar holografisch. Die in dieser Partitur besonders wichtigen Holzbläser wirken mitunter wie eigens verstärkt, z.B. Fagott oder Klarinette. Präsent wirkt aber das Orchester über alle Orchestergruppen hinweg. Eine natürlich wirkende Staffelung erscheint den sowjetischen Techniker nur als zweitrangig oder sie war gar nicht erst erreichbar. Die klangliche Willkür wie bei den späteren frühen sowjetischen Digitalaufnahmen bleibt uns noch weitgehend erspart. Die dynamische Bandbreite wirkt durchaus differenziert und weit gespreizt bis sie dann über f ein jähes Ende findet. Ein bisschen mehr Bass wäre wünschenswert. Die Aufnahme ist auch ein Dokument einer vergangenen Orchesterkultur, manche werden das korrigieren in „Orchesterunkultur“.

 

https://www.youtube.com/watch?v=fc1Wg0zCO3o

 

Eine Aufnahme mit Roshdestwensky und dem Stockholm Philharmonic von 1979 bei einem Gastspiel in Sankt Petersburg, damals noch Leningrad genannt, findet man hier:

 

https://www.youtube.com/watch?v=VSpmnynv-Jw

 

Die Aufnahme klingt etwas ausgewogener als die Moskauer, leidet aber im dritten Satz unter ein paar spektakulären Gleichlaufschwankungen. Ansonsten behält Roshdestwensky seinen frischen, immens ausdrucksvollen Kurs von 1973 bei.

 

 

 

 

4-5

Vladimir Ashkenazy

Philharmonia Orchestra, London

Decca

1981

13:09  9:23  8:45  31:17

Ashkenazy hat zwei Zyklen aufgenommen, der zweite entstand für Exton mit den Stockholmer Philharmonikern. Die Fünfte wurde im ersten Zyklus Ashkenazys für Decca, der 1979 mit der Zweiten begann, wie schon so viele vor ihr in der Kingsway Hall aufgenommen. Damals hatte er gerade seine erste bedeutende Stelle als Dirigent übernommen. Er wurde Principal Guest Conductor beim Philharmonia Orchestra. Das Orchester ist üppig besetzt, sodass wir gewaltige Ostinati und gewaltige Crescendi zu hören bekommen. Insgesamt gehört die Darbietung zu den dramatisch-geschärften. Die Steigerung beim Übergang in den Scherzo-Teil lässt Ashkenazy mächtig aufwallen, das Scherzo selbst wird temperamentvoll und gespannt aus den Ostinati heraus entwickelt. Seine Lesart wirkt weniger strukturbewusst als emotional. Das Orchester spielt geschliffen und knackig auch im virtuosen Scherzo-Teil, ohne die starren „alten“ Oboen der Vergangenheit, sehr temperamentvoll und mit viel Esprit. Die Coda schließlich bringt viel Rasanz und Feuer mit, bei sehr guter, aber nicht vollkommener Durchzeichnung. Die Dynamik bleibt aber, vor allem nach dem Erlebnis des prachtvollen Übergangs ins Scherzo hinter den Erwartungen zurück.

Im zweiten Satz verschwinden die feineren Strukturen manchmal leicht in der opulenten emotionalisierten Klangmasse und im aufgeheizt-temperamentvollen Spiel. Insgesamt wirkt der Satz musikantisch und zupackend-dramatisch. Ashkenazy lässt das Orchester bis an die dynamischen Grenzen gehen. Sehr kontrastreich und „bärig“, doch auch sensibel ausgelotet. Es besteht kein Zweifel daran, dass Ashkenazy eine innige Beziehung zur Komposition eingegangen ist.

Dass den Musikern die Musik Sibelius´ und besonders die Fünfte am Herzen liegt, spürt man auch im Allegro molto. Das beginnt schon temporeich und dynamisch. Die Hörner kommen glasklar. Die hellhörige Klangtechnik gibt den Blick frei auf ein überwältigendes, monumentales musikalisches Naturereignis. Ashkenazy, noch ganz am Anfang seiner langen Dirigentenkarriere agiert spürbar noch voller Elan. Das wird bei seiner zweiten Aufnahme nicht mehr so evident spürbar sein. Der Flug der Schwäne wirkt ziemlich kolossal und die monumentale Erhabenheit wird voll ausgespielt. Vor allem die Trompeten und Posaunen lassen sich enorm strahlkräftig hören. Bis auf ein paar Details, etwas sonorer eingefangene Violinen und etwas mehr Transparenz bei den etwas komplexeren Texturen fehlt da nicht viel. Entscheidet wirken jedoch der Elan und das spontan wirkende, kraftvolle und temperamentvolle Spiel.

Das Klangbild wirkt voluminös, die Dynamik weit ausladend und wuchtig, sehr präsent, farbig, sehr räumlich und weitgehend klar, plastisch und voll. Die Pauken sind exzellent eingefangen worden. Die Violinen leiden nur leicht unter frühdigitaler Glasigkeit. Trotzdem ist diese Aufnahme ein gelungeneres Beispiel für die frühen Gehversuche der damals noch ganz neuen Technik.

 

https://www.youtube.com/watch?v=unZqsoHD-xw

 

 

4-5

Kurt Sanderling

Berliner Sinfonie-Orchester

Eterna, Eurodisc, Berlin Classics, Brilliant

1971

14:24  8:40  9:18  32:22 

Diese Aufnahme stammt aus der Christuskirche in Oberschöneweide im damaligen Ost-Berlin. Mit ihrer kathedralenähnlich-tiefen Akustik, die aber auch klangliche Wärme transportiert ist sie das Gegenteil zum trockenen Naxos-Sound aus Island oder Gran Canaria. Kurt Sanderling verlebte prägende Jahre im sowjetischen Exil an der Seite von Ewgeni Mrawinsky, sodass man bei seiner Einspielung, die ebenfalls Teil einer Gesamtaufnahme der Sibelius-Sinfonien ist, von einer gelungenen Kombination aus unerbittlicher Präzision mit dem dunkel timbrierten, dunklen deutschen Orchesterklang reden kann. Das Orchester klingt wieder warm über alle Gruppen hinweg, die Oboen weich und voll, sodass nordischem Schwermut und nordischer Tiefgründigkeit Tür und Tor weit geöffnet sind. Entsprechend langsam wirkt die Lesart Sanderlings im ersten Satz. Er behält aber die gedankliche Präsenz und hält immer genug Energie bereit, sodass er nicht zu den schlaffen „Entschleunigern“ gezählt werden darf, trotz der expansiven Spielzeit. Bei ihm bleibt also trotz des eher getragenen Zeitmaßes die volle mentale Präsenz erhalten, man hat als Hörer keine Chance auch nur eine Sekunde abzuschweifen. Jede Phrase erhält grundlegendes Gewicht und Wichtigkeit. Das Accelerando wirkt bedächtig, kaum merklich sogar, aber doch stetig, sodass schließlich es letztlich doch meisterhaft wirkt. Die Coda erklingt nun weniger furios aber völlig transparent. Nicht übermäßig bissig zieht Sanderling den eingeschlagenen Weg durch bis zum Schluss des Satzes. Es brennt gegenüber Delogu, den beiden Davis-Aufnahmen von 1975 und 92, Maazel von 1966 oder Bernstein von 1961 nicht lichterloh, behält aber Konsequenz und Wucht.

Das Andante mosso ist vielleicht die eigentliche Attraktion dieser Einspielung, denn es klingt selten so körperhaft, weit aufgespannt und zugleich so präsent und dynamisch. Man bringt so die Poesie und die Naturgewalt des Satzes gleichermaßen überzeugend zu Gehör. Die Pizzicati klingen voll und erdig, die Oboen geradezu betörend. Das klingt unparfümiert und „echt“. So ist man im Osten der Stadt den Philharmonikern unter James Levine von 1992 bereits weit voraus.

Bei Sanderling klingen die Ostinati zu Beginn des Allegro molto nicht sirrend wie ein Insektenschwarm, sondern voll, weich und körperhaft. Jederzeit atmet diese Einspielung die Weite des Nordens und eigentlich immer schwingt zumindest untergründig eine gewisse Melancholie mit, mitunter gar Schwermut und Tragik, nie hört man nur technisch ausgeführte Spielfiguren. Da hat man nun doch an die schwere Zeit der Entstehung während der Komposition in der Zeit des 1. Weltkriegs zu denken, die angeblich nicht in die Komposition selbst hineingewirkt haben soll. Alles steht unter einem weiten Spannungsbogen, der durch die Langsamkeit fast bis zum Zerreißen gespannt scheint. Das ist die Einspielung für das „große“, das eingedunkelte Gefühl. Dies ist ebenfalls eine Einspielung mit hohem Alleinstellungspotenzial. Bei den wuchtigen sechs Schlussakkorden hören wir die Paukenvorschläge bereits mit. Diese Einspielung klingt finnischer, schwermütiger, tragischer als die Aufnahmen aus Finnland selbst.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr körperhaft, tief gestaffelt, sehr präsent und mit einem besonders warmen Streicherklang ausgestattet. Sehr transparent wirken auch Holz und Blech. Bei den auffallend transparenten Streichern beeindruckt auch die Dynamik. Es klingt satt, erdig und dunkel.

 

Diese Einspielung war im Netzt auf YouTube nur in der Brilliant-Version innerhalb eines 10 CD-Sets zu finden. Man kann jedoch, wenn man auf den entsprechenden Satzanfang klickt ohne große Verzögerung zum Beginn der 5. Sibelius gelangen.

 

https://www.youtube.com/watch?v=rNKIm6vK4uM

 

 

4-5

Herbert von Karajan

Philharmonia Orchestra, London

EMI, Praga

1960

13:24  8:08  9:02  30:34

Von den fünf bei uns „aktenkundigen“ Einspielungen Karajans ist das die mittlere, die erste Stereo-Aufnahme. Karajan war nun bereits immerhin 52 und bereits zum Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker ernannt worden. Erneut nahm man das Stück in der beliebten und akustisch herausragenden Kingsway Hall auf. Es bleibt bei dem Stereo-Remake noch viel von dem spannenden, kraftvollen Vorwärtsdrängen der Mono-Aufnahme vom gleichen Aufnahme-Ort von 1952 erhalten. Nun bereits angereichert mit souveräner Autorität und Meisterschaft und mit dem besseren Stereoklang. Die geschätzte Fünfte musste unbedingt in Stereoformat gebracht werden. Karajan glaubt ja wie kaum ein anderer an den technischen Fortschritt bei der Musikaufnahme. Das Holz wirkt gegenüber der acht Jahre älteren Monoaufnahme etwas zurückgesetzt, bleibt jedoch immer noch gut hörbar, vor allem die schneidenden Oboen. Die kantige Präsenz von damals erscheint so bereits deutlich abgemildert. Karajan lässt das Orchester nun schon spürbar in die verschiedenen Tempi hineingleiten, viel geschmeidiger als zuvor. Das Presto der Coda gelingt erneut enorm knackig und mitreißend. Die Trompeten brillieren erneut mit einer Vorstellung der Sonderklasse. Die Pauke ist hörbar, sie spielt aber „nur“ mit, ist nicht als treibendes Element hörbar.

Das Andante mosso klingt schön luftig, straffer aber auch fließender. Da kommen keine Sentimentalitäten auf. Es gibt in London noch keinen opulenten Über-Legato-Mischklang, aber man bemerkt bereits, dass man sich auf dem Weg dorthin befindet. Noch ist es kein getragenes Intermezzo, stattdessen herrscht Leichtigkeit und lebendige Frische vor. Der Drang nach vorne aus dem ersten Satz wurde noch nicht ganz beiseitegelegt. Das Blech erhält eine herausragende Bedeutung, übt eine gewisse alles durchdringende „Macht“ aus unter anderem mit tollen Crescendi. Wer mit der Londoner Oboe jener Zeit leben kann ist hier wirklich gut aufgehoben.

Das Allegro molto wirkt noch kantiger als 1965 bei der DG. Das Heroische kommt noch kraftvoll und ungefiltert durch. Das Schwanenthema der Hörner erhält noch kein Dauerlegato und die Klänge verschmelzen noch nicht in dem Maß wie 1965. Die Ostinati erklingen noch rhythmischer und wirken noch zurückhaltend in der Dynamik. Das Holz wirkt hier zurecht als Hauptsache. Man hört noch die herbe Klangsprache des Nordens, so wie man sie sich damals eben vorstellte. Die Violinen klingen nun aber bereits viel weicher, runder und voller, ohne den einzigartigen Samt der Berliner 1965 zu erreichen. Der Schwanenflug mit den führenden Trompeten wirkt immer noch knackig und kraftvoll. Die sechs Schlussakkorde erklingen immer noch mit den stark verkürzten Pausen, woran sich bei Karajan zeit seines Lebens nichts ändern wird. Damit entscheidet er sich sträflich gegen den Komponistenwillen, was aber andere Dirigenten ebenfalls praktizieren, nur so kurz nimmt kein anderer die Pausen. Es sollte sich vielmehr nach irritierender Stille anhören, sodass die Musik im Kopf noch allerlei anstellen kann, bevor sie abrupt verstummt. Vorbildlich verhalten sich hier nur Rattle, Mikko Franck und Emelyanychev. Andere nähern sich immerhin an.

Warum verfährt Karajan so? Er hatte ja einen Freibrief, da ihm von Sibelius bescheinigt wurde, dass er ihn besser als alle anderen verstehen würde. Karajan dachte wohl, dass er ihn besser als er selbst verstehen würde. Vielleicht wusste es der Komponist ja nicht besser? So hätte auch Leopold Stokowski verfahren können, aber er hinterließ uns keine Aufnahme der Fünften. Vielleicht war es auch einfach eine egomanische Entscheidung, weil es Karajan so besser gefiel. Vielleicht wollte er einen Spannungsabfall vermeiden, wenn die Musik zu lange verstummt. Karajan hatte Angst vor Hustern, noch schlimmer wäre ein dazwischen grätschender Applaus gewesen. Karajans Lösung wirkt so oder so, was auch immer sein Beweggrund gewesen sein mag traditioneller, viel weniger irritierend und sperrig als das Original, aber einfach falsch.

Die Aufnahme gibt es bei EMI oder von den Klang-Verbesserern aus Prag. Die EMI klingt von unserer Pressung gehört klarer, von Praga gehört viel voller und runder. Sie rauscht so zudem weniger, ohne dass Präsenz verloren gehen würde. Die Oboen klingen bei Praga ein wenig geschönt. Beide Versionen klingen sehr dynamisch, räumlich, sogar mit recht guter Raumtiefe ausgestattet. Das Holz erreicht lange nicht mehr die Präsenz der Monoaufnahme von 1952. Wir haben uns zum Abhören der Aufnahme für die Praga-Version entschieden. Mit der EMI lässt es sich ebenfalls gut leben. Die Unterschiede sind nicht entscheidend.

 

https://www.youtube.com/watch?v=qyKfL4eaS7I

 

 

4-5

Jukka-Pekka Saraste

Helsinki Philharmonic Orchestra

Ondine

2026, live

13:12  8:20  8:55  30:27

2026 hat Herr Saraste mit Colin Davis und Paavo Berglund gleichgezogen und seine dritte Gesamtaufnahme der Sinfonien Sibelius´ vorgelegt. Er war dabei 69 und es könnte vielleicht sein Vermächtnis in dieser Angelegenheit sein. Seine beiden älteren Gesamtaufnahmen entstanden mit den Radiosinfonikern Helsinki 1988 und erneut 1993, dann live aus Sankt Petersburg. Die neue bringt nun vieles mit, was den älteren Aufnahmen fehlt. Das Orchester, dessen Chefdirigent er seit ein paar Jahren ist, klingt sonorer, voller und virtuoser, die Klangqualität ist nun vom Feinsten. Sie bietet nordische Kernigkeit und warme Sonorität in Einem. Die Ostinati klingen voll, farbig und kräftig. Bevor wir es vergessen: Zu den drei Gesamtaufnahmen kommt noch eine Live-Aufnahme aus London mit dem London Philharmonic Orchestra und zwei Videos mit der Sinfonia Lahti und dem Oslo Philharmonic Orchestra hinzu. Auf alle werden wir nach und nach zurückkommen. Das Video aus Lahti markiert für uns mit der nun in Rede stehenden Aufnahme die Spitze der sechs Aufnahmen Sarastes. Das Spiel (und das Dirigat) hat an Flexibilität gewonnen der höhepunktartige Übergang zum Scherzo-Teil wirkt nicht künstlich aufgebauscht, sodass der eigentliche Höhepunkt in der Coda nicht vorweggenommen wird. Die anschließende Beschleunigung wirkt geschmeidig, das neue Tempo angetrieben. In der Coda finden die vielen Ostinati ein offenes Ohr, die sonst als Hintergrundgemurmel verschmelzen. Die Kehrseite ist leider, dass es mit dem Presto nicht so weit her ist und dass das Blech nicht mit voller Kraft und exzessivem Furioso hervorbricht. Hier bleibt Saraste allzu „gesittet“, der Klang jedoch angenehm audiophil statt mit ungezähmten wilden Vorwärtsdrang. Zu wenig Prestissimo-Biss zu viel noble Kontrolle.

Das Tempo im Andante mosso erscheint gut gewählt und nicht zu langsam, die Musik erklingt nebenstimmenreich. Klanglich hervorragend in der Kombination aus nobler, weicher Geschmeidigkeit und fester Kontur. Innig, doch verbunden mit dem nötigen Vorwärtsdrang, dem hier so wichtigen atmosphärischen Verweilen und dem dramatischen Aufbegehren. Das Orchester verfügt über ausgezeichnetes Holz und einen festen, wunderbar konturierten, plastischen und warmen Klang.

Im Allegro molto werden die Details genussvoll ausmusiziert, die Blechfanfaren und die Pauken erklingen hymnisch. Zuvor geht es jedoch behutsam, sehr transparent und edel klingend zu. Die Pausen zwischen den nicht ganz präzisen Schlussakkorden werden nicht wie bei Rattle ganz ausgezählt, aber auch nicht hektisch verkürzt wie bei Karajan. So kann man dazwischen noch atmen, erhält sich aber die Live-Spannung und ebenfalls die spezielle Würde der Komposition. Ein gangbarer Kompromiss.

Der Klang aus dem Musiikkitalo (nicht zu verwechseln mit dem Kultuuritalo der alten Aufnahme von 1987) erscheint plastisch und sehr räumlich und mit sehr gut ausgeprägter Tiefenstaffelung, farbig, weich, offen, voll, doch fest und kernig konturiert. Sehr angenehm schmelzend, sonor und wohlkonturiert im Bass. Audiophil.

 

 

4-5

Kyrill Kondraschin

Moscow Philharmonic Orchestra

Globe

1973

12:14  6:46  7:00  26:00

Mit Kyrill Kondraschin wären mindestens drei Live-Aufnahmen der Fünften verfügbar. Leider hatten wir auf die mittlere aus dem Jahr 1976 mit dem Amsterdamer Concertgebouw Orchester, veröffentlicht auf Philips, keinen Zugriff. Jedoch konnten wir außer auf den bei Globe veröffentlichten auch noch auf einen fulminanten Mitschnitt aus der Hamburger Musikhalle von 1981 (zu finden auf unserer separaten Radio und YouTube-Sammlung am Ende der Liste) zurückgreifen.

Die Moskauer Aufnahme wurde vom Sohn Kyrills, von Pyotr Kondraschin betreut. Sie wurde erst nach Glasnost im Jahr 1992 auf dem niederländischen Label Globe im Westen veröffentlicht, da Kyrill Kondraschin nach seiner Flucht bzw. Emigration aus der UdSSR in den Westen in der Sowjetunion zu einer Unperson wurde. Alles was mit ihm in Verbindung zu bringen war, wurde zensiert, vernichtet oder mit einem Bann belegt wurde. Sein Name wurde fortan in sowjetischen Publikationen totgeschwiegen. Obwohl er ein zuvor allseits anerkannter Stalinpreisträger und „Volkskünstler der UdSSR“ war. Alle seine von ihm eingespielten Meilensteine (z.B. die GAs der Schostakowitsch- und Mahler-Sinfonien) wurden eingestampft. Ein schwerer Schlag für die sowjetische Musikwelt und für evtl. noch dort verbliebe Familienmitglieder. Erst nach Glasnost wurden sie wieder freigegeben.

Das Orchester stellt sich mit dem typischen Sound der damaligen sowjetischen Top-Orchester vor. Es liegt in der Qualität näher am Rundfunksinfonieorchester Roshdestwenskys als am Staatsorchester Swetlanows, das in unserem Vergleich unter der Leitung von Herrn Yesipov spielt. Alle wurden ungefähr zur gleichen Zeit aufgenommen. Die scharfen, schneidenden Blechbläser mit dem manchmal leichten Vibrato sind also wieder mit an Bord und die hart klingenden Oboen ebenfalls. Der Zugriff wirkt rhythmisch enorm straff, voller dramatischer Energie, mit kompromisslosem Zugriff und enorm packenden Tempi. Sibelius´ Sinfonie wird hier so nah an Schostakowitsch gerückt wie in keiner anderen Einspielung, außer der Roshdestwenkys. Das verzweifelt klingende Fagott-Solo könnte genauso gespielt in einer Schostakowitsch-Sinfonie vorkommen. An Kontrasten mangelt es nicht. So wird auch das Tempo nach dem ersten Höhepunkt mit unnachahmlicher Verve angezogen, wie in wenigen anderen Einspielungen. Das Scherzo selbst klingt dann vibrierend intensiv, ja irrlichternd. Wie vorangepeitscht. Mit eruptiver Energetik wird die Coda gestaltet. Die Trompeten und Posaunen packen richtig an, mitreißend, die Pauke bleibt immerhin hörbar. Man hätte den Musikern allerdings unbedingt eine bessere Aufnahmetechnik gewünscht.

Das Andante mosso klingt wahrlich con moto, sehr tänzerisch, sehr kontrastreich, sehr schnell. Mit einer stark herb-melancholischen Färbung klingt es hier sehr herbstlich.

Beim Allegro molto wird der Tempo-Turbo gezündet. Die unruhig flirrenden Tremoli wirken fast schon aufreizend schnell. Mendelssohns Sommernachtstraum auf Speed sozusagen. Mit dem Tiger im Tank. Das Schwanenthema erklingt alles andere als butterweich wie später bei Kondraschin in Hamburg. Vielmehr wird es mit schneidender Schärfe vorgetragen. Die Schlussakkorde erklingen extrem kurz und messerscharf, ja fast brutal. Mit nur ganz kurzen Pausen wie bei Karajan. Noch schneller als bei Ehrling ist diese Aufnahme Kondraschins absoluter Tempo-Rekordhalter mit einem unkaschiert-harten enorm energetischen doch klangfarblich recht blassen Zugriff.

Die Räumlichkeit gelingt der Aufnahme gut, sie wirkt auch gut ausbalanciert und perspektivisch, das Orchester tief gestaffelt und ungewöhnlich klar für damalige sowjetische Verhältnisse. Da hat sich der Sohn Kondraschins sehr viel Mühe gegeben. Insgesamt klingt es jedoch trocken und es fehlt an Fülle, Farbe und warmem Wohlklang. Das ist das technische Equipment selbst das Problem. Die Streicher klingen metallisch, das Holz starr. In etwa wird der Level der Aufnahme Roshdestwenskys erreicht mit allerdings besserer Balance.

 

https://www.youtube.com/watch?v=EjHaTraQtQA&list=OLAK5uy_lmx6a9feCHhtpWItVRg2oAkAqpEsqtLPM&index=4

https://www.youtube.com/watch?v=ZLCxoLh40qo&list=OLAK5uy_lmx6a9feCHhtpWItVRg2oAkAqpEsqtLPM&index=5

https://www.youtube.com/watch?v=lEQd_l3t8Q8&list=OLAK5uy_lmx6a9feCHhtpWItVRg2oAkAqpEsqtLPM&index=6

 

 

4-5

Jorma Panula

Helsinki Philharmonic Orchestra

Finnlevy, Finlandia

1968

12:10  7:59  10:05  30:14

Jorma Panula ist als Ausbilder von Dirigenten legendär. Er war zu seiner „aktiven“ Zeit kein reisender Jet-Set-Dirigent, sondern war bodenständig und verschrieb sich schon früh der Lehre bzw. Ausbildung. Er selbst war seinerzeit Schüler von Dean Dixon, Leo Funtek, Albert Wolff und Franco Ferrara. Er war Chef des Turku Philharmonic Orchestra 1963-65 und der Philharmoniker in Helsinki 1965-72. Danach in Dänemark, genauer in Aarhus 1973-76. Viele Einspielungen mit ihm gibt es nicht. Aufgenommen wurde übrigens noch im Konzertsaal der Universität, der akustisch hervorragende Musiikkitalo der etwas weiter oben genannten Einspielung mit Saraste gab es noch lange nicht. Imponierender als seine aktive Dirigentenzeit liest sich die Liste seiner Schüler und die hat heute, da er 96 Jahre zählt anscheinend immer noch kein Ende. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind hier zu nennen: Esa-Pekka Salonen, Osmo Vänskä, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramo, Susanna Mälkki, Petri Sakari, Ari Rasilainen, Mikko Franck, Peteri Inkinen, Dalia Stasevska, Klaus Mäkelä, Markus Poschner und Hannu Lintu. Selbst Tarmo Peltokoski studierte noch bei ihm als er bereits emeritierten Professor war, wie einige andere also privat.

Man darf annehmen, dass alle seine Schüler, die selbst die Fünfte von Sibelius dirigiert haben, Panulas Aufnahme kennen. Manche eifern ihm stärker nach, andere weniger. Kanz weit weg vom Lehrer ist übrigens Mikko Franck. Der erste Satz erklingt spannend und klar mit einer herb wirkenden Geradlinigkeit. Das Tremolo wirkt dramatisch, aber nicht aufdringlich. Es wird nie zur Hauptsache. Dem Holz gebührt das größere Interesse, was bereits in der Komposition so angelegt ist. Das Fagott-Solo erklingt urig und ungeschönt, die Artikulation stets „sprechend“ und ausdrucksvoll. Das Orchester hatte damals nicht ganz das Niveau der oben erwähnten Aufnahme von Saraste oder aber der mit Paavo Berglund bei EMI oder Leif Sgerstam bei Ondine. Das ließe sich jedoch von sehr, sehr vielen anderen Orchestern ebenfalls sagen, denn generell ist das Niveau seit den 60er Jahre erheblich besser geworden. Ausnahmen bestätigen die Regel. Es macht jedoch einen kompetenten Eindruck, wie sollte es auch anders sein, hat doch mit ihm bereits Sibelius höchstselbst die Urfassung 1915 und die Endfassung 1919 aus der Taufe gehoben. Die langen Jahre der Regentschaft von Robert Kajanus über wird Sibelius´ Musik ebenfalls rege gepflegt worden sein, das steht außer Frage und auch in der Folgezeit stand der Nationalkomponist immer ganz oben auf dem Spielplan. Der Übergang vom ersten zum Scherzo-Teils des ersten Satzes wirkt stark gesteigert. Die raue ungeschminkte Kantigkeit ist auch in der hochvirtuosen und tückischen Coda zu hören, die furios gesteigert wird. Sie profitiert besonders vom exzellent hervorgehobenen Blech, das zudem sehr gut durchhörbar bleibt, trotz der ultimativen Lautstärke. Die Spielzeit des Satzes ist fast mit der James Levines (1992) identisch, aber unterschiedlicher könnten die beiden Aufnahmen kaum klingen. Die finnische kommt ganz ohne jeden Schmelz und Orchesterprunk aus. Bei Levine gibt es fast schon zu viel davon. Und die finnische ist gerade in der Coda viel besser durchhörbar!

Im Andante mosso geht es rau und ungeschminkt weiter. Es klingt sehr expressiv bei sehr gestrafft durchgezogenem Tempo. Schnörkellos könnte hier neu definiert werden, er gibt kein „schönes“ Verweilen.

Im Allegro molto wird zügig losgelegt, dann wird Panula jedoch immer langsamer. Naturalistischer hört man die Schwäne kaum noch rufen, sie klingen an dieser besonderen Stelle fast wie in Natura. Aber selbstverständlich wird da keine Aufnahme eingeblendet, sondern die Musiker imitieren den Gesang der Singschwäne meisterhaft. Man kennt ihn eben einfach aus dem eigenen Erleben. Man gibt der Melancholie bereits breiten Raum und dann wird auch der Hymnus weihevoll zelebriert, noch breiter und epischer als in der Aufnahme von Okko Kamu. Die Schlussakkorde klingen trocken, damals noch ohne die Paukenvorschläge. Damals waren die angeblich noch nicht „aktenkundig“.

Die Aufnahme wirkt sehr präsent und klingt etwas trocken in allen Orchestergruppen. Es gibt kein nach hinten „strafversetztes“ Blech, die Staffelung des Holzes wirkt nicht so deutlich wie beim Blech. Das Blech steht erfreulicherweise voll im Fokus. Trompeten und Posaunen links, Hörner rechts. So erklingt das Blech meistens. Eine Tuba gibt es bei Sibelius nur bei der ersten und zweiten Sinfonie, danach schwört er ihr ab. Das Blech thront über dem ganzen Orchester. Der Orchesteraufbau wird hier, wie in den meisten, aber längst nicht allen Aufnahmen sehr plastisch hörbar. Die Streicher erscheinen leider nicht so gut aufgefächert wie das Blech. Gerade für die Streicher scheint der Konzertsaal zu trocken zu sein. Da wäre etwas mehr „Aura“ wünschenswert.

 

 

4-5

Paavo Berglund

Helsinki Philharmonic Orchestra

EMI

1986

13:15  7:54  8:39  30:08

Auch diese Einspielung aus Helsinki entstand noch wie die erste Sarastes im Kulttuuritalo (Kultursaal). Das ist ein Gebäude mit roten Backsteinen vom Architekten Alva Aalto erbaut, aber innen aus Holz, sodass er wärmer und „organischer“ klingt. Selbst die musikbegeisterten Bewohner Helsinkis musste auf ihren Musiikkitalo noch viel Jahre warten. Diese Aufnahme stammt aus dem zweiten von drei Zyklen Berglunds. Ihm soll die Neuausgabe der Sinfonien beim Wilhelm Hansen-Verlag zu verdanken sein, obwohl er nicht das Verfasser fungiert hat. Berglunds Vorbild waren die Leningrader Philharmoniker unter der Leitung Mrawinskys. Solch ein Präzisionsinstrument sollten auch die Helsinkier Philharmoniker werden. Er wollte kein explizit warmes Klangbild nach Karajans Berliner Vorbild und keine weichen Konturen wie in dessen 65er DG-Aufnahme, sondern mehr Vitalität und Transparenz. Gegenüber seiner 1973er-Aufnahme aus Bournemouth hat er sich diesem Ziel angenähert, es aber noch nicht ganz erreicht. Etwas näher kam er ihm dann noch mit dem Chamer Orchestra of Europe.

In Helsinki beginnt er die Sinfonie bereits weniger weitschweifig oder besser weitläufig als ´73. Im Tempo bleibt er sich indes ziemlich treu. Die Artikulation wirkt präziser durch kürzere, nicht mehr so weit ausschwingende Phrasierungen. Der Klang wirkt kristalliner ohne dadurch hart zu wirken. Es wirkt zudem etwas dringlicher, etwas kühler und das Blech knackiger als zuvor in Bournemouth. Seinem Ziel, dass alles präziser und deutlicher nach „Urtext“ und mehr nach Leningrad und Mrawinsky klingt, ist er also durchaus ein Stück nähergekommen. Leningrad ist ja quasi so etwas wie die Nachbarstadt von Helsinki, nur dass ein Stück Ostsee dazwischen liegt. Der spätromantische Schmelz war für ihn eher „Schmalz“ und sollte eliminiert werden.

Im Andante mosso vermeidet Berglund den Ruheeffekt eines langsamen Satzes, quasi allegretto heißt ja auch der Zusatz zur Tempobezeichnung. Hier gibt es punktgenaue „Zackigkeit“ ohne künstliches Nachschleppen. Legato findet weniger statt, das passt ja auch zum angezogenen Tempo. Jetzt passt jedes Rädchen sauber mit allen anderen Rädchen präzise zusammen. Es gibt sozusagen keinen redundanten „Schlupf“ mehr, der Satz wirkt wacher, spielerischer, temperamentvoller, aber auch karger als zuvor in Bournemouth.

Zügiger geht es auch im Allegro molto zu. Schon die Ostinati wirken ätherischer und weniger „fleischig“ als 1973. Man kommt gefühlt viel früher zum Schwanenflug der erdig klingenden Hörner, dabei wird alles ganz transparent gehalten. Das Holz klingt damals in Skandinavien voller und runder als in Britannien 1973. Man spielt die leisen Passagen noch leiser als in Bournemouth. Tatsächlich ist Berglund auch im letzten Satz seinem Leningrader Ideal gegenüber 1973 ein großes Stück nähergekommen. Leider fehlt eine Aufnahme der 5. Sinfonie Sibelius mit Mravinsky, sodass der direkte Vergleich fehlen muss. Er hat lieber immer wieder die 5. Tschaikowskys und die 5. Schostakowitschs programmiert und vielfach vor allem live aufgenommen. Auch bei Berglund schwingt wenig Pathos mit. Der Schwanenflug mit den Trompeten erscheint nicht ganz ausgereizt. Sie phrasieren sehr kurz, sodass das Schwanenthema gar nicht richtig zum aufblühen kommt. Bei den Schlussakkorden wird etwas Resonanz hinzugegeben, die man zuvor nicht hören konnte, sodass sie eben gerade nicht wie Hammerschläge wirken. Die Vorschläge der Pauke wirken noch prägnanter, sodass sie niemand überhören kann. Die Bässe werden leider etwas zu stiefmütterlich behandelt, was für Sibelius, einem Meister des tiefen Registers, ein echtes Manko ist.

Der Klang wirkt nun gegenüber der EMI aus Bournemouth von 1973 trennschärfer und besser aufgelöst, etwas klarer und besser gestaffelt. Die Raumtiefe scheint geweitet und das Holz nun mittig aufgebaut. Allerdings klingt die Aufnahme nicht mehr so körperhaft wie die ältere, analoge EMI und die Violinen klingen frühdigital etwas dünner. Insgesamt ist der Klang jedoch in Anbetracht des Datums sehr gelungen. Die übliche Lästigkeit der frühen 80er Jahre fehlt. Man nimmt die neuere Aufnahme durchaus als Verbesserung wahr.

Übrigens fungiert Paavo Berglund heute selbst als Vorbild, zu seinen „Fans“ in Sachen Sibelius zählen so unter Anderen Simon Rattle und Karina Canellakis.

 

https://www.youtube.com/watch?v=sxCWB59hQgU

 

 

4-5

Leif Segerstam

Helsinki Philharmonic Orchestra

Ondine

2003

14:30  9:23  9:46  33:39

Mit Leif Segerstam haben wir drei Einspielungen im Angebot. Eine frühere wurde für Chandos in Kopenhagen eingespielt, leider ziemlich verhallt und ein späteres Video kommt aus Turku. Bei der Aufnahme mit den Helsinkier Philharmonikern, dessen Chefdirigent er von 1995-2007 war, zählte er 59 Jahre. Nach seiner erfolgreichen Ära als Chef wurde er zum Conductor Emeritus ernannt. Diese Aufnahme entstand nun bereits in der Finlandia Hall (Finlanditalo), also immer noch nicht dem Musiikkitalo der Aufnahme Sarastes von 2026 und Lintus von 2015. Auch die Finlandia-Hall wurde von Alvar Aalto entworfen. Sie besteht zumindest teilweise aus weißem Carrara-Marmor und gilt unter Musikern als berüchtigt. Es handelt sich nämlich primär um ein Kongresszentrum mit kurzer Nachhallzeit, die die Bässe schluckt und die Höhen stark reflektiert, damit man das gesprochene Wort gut versteht. Da war die Trickkiste der Tonmeister gefragt, um dem Orchester trotz des Handicaps ein sonores Fundament zu geben.

Gegenüber der Chandos von 1991 aus Kopenhagen klingt es wesentlich konturenschärfer und „griffiger“, wenn man so will „erdiger“ und sonorer. Trotz eines ähnlich langsamen Tempos wirkt die Musik nicht mehr so statisch. Das Orchester hat sie Musik im Blut, wie man immer so schön sagt. Schließlich spielt es die Sinfonie seit seinen beiden Uraufführungen 1915 und 1919. Das Blech klingt allerdings nicht so brillant wie das dänische, da muss man trotz Trickkiste der vorhandenen Akustik Tribut zollen. Mit dem Musiikkitalo dürften man jedoch in Helsinki (endlich) am Ziel der Wünsche angekommen sein. Die Coda nimmt Segerstam kaum so schnell es geht, aber doch sehr dynamisch und trotz der immensen, wuchtigen Mobilisiereng aller Kräfte immer noch sehr transparent. In Sache Ekstase bliebe allerdings noch Luft nach oben.

Die gewonnene Präsenz gegenüber Kopenhagen tut dem Andante mosso sehr gut, man ist einfach näher am Geschehen und vernimmt zudem mehr Details. Nun hat der Satz das richtige wohlkonturierte Gewicht. Die Dynamik wirkt wie bereits beim ersten Satz erneut enorm geweitet. Das nimmt schon gefahrenvolle Züge an. Insgesamt klingt es jedoch nüchterner und trockener, man kann den Charakter einer Kongresshalle eben doch nicht einfach so in einem Spitzenkonzertsaal umwandeln. Im Andante hat auch die Kopenhagener Aufnahme bei Chandos noch ein paar gute Argumente für sich, da nun in Helsinki der fein gewebte, luftige Schimmer fehlt.

Das Allegro molto wird sehr beredt, anschaulich, detailreich und empathisch gespielt. Man lässt dem Schwanenhymnus genug Zeit, dass er sich sorgfältig entfalten kann. Aber im ff tut man sich richtig schwer gegen die stumpfe Akustik anzuspielen, sodass es immer noch brillant klingt. Die Schlussakkorde klingen brillanter und präzise. Die Pauken klingen bei ihren Vorschlägen gleichmäßiger als in Kopenhagen.

Die Aufnahme Segerstams aus Helsinki klingt erheblich direkter, präsenter, sonorer und „fleischiger“ also „physischer“ als das luftige und hallige Kopenhagener Gegenstück von 1991. Bei gleicher Transparenz und sehr guter Raumtiefe. Die Räumlichkeit und Raumgröße wirken in Helsinki jedoch eine Nummer kleiner. Die Dynamik wirkt erneut ziemlich ungezähmt, in jedem Fall gibt es kein halliges „Wattebett“ mehr wie bei Chandos.

 

https://www.youtube.com/watch?v=1KTbR_Tlsjo

 

 

4-5

Petri Sakari

Iceland Symphony Orchestra

Naxos

1997

13:23  8:32  8:57  30:52

Aufgenommen wurde in der sogenannten Concert Hall Reykjavik. Die „Harpa“, den neu errichteten modern gestalteten Prachtbau, gab es damals noch nicht. Concert Hall steht allerdings nur auf der Rückseite der CD, denn eigentlich handelt es sich um den großen Kinosaal, der zugleich auch als Großer Hörsaal der Universität fungiert. Der isländische Name dafür ist „Haskolabio“. Mit den Einnahmen aus dem Kinobetrieb versuchte die Uni zusätzliche Einnahmen zu erwirtschaften. Morgens gab es Vorlesungen, abends konnte man ins Kino oder ins Konzert des Isländischen Sinfonieorchesters gehen. Man muss sich nur zu helfen wissen. Die Akustik wirkt auch hier trocken, klar, aber doch erstaunlich tragfähig. Der Kinobetrieb brachte schon die richtige Dämmung mit. Dennoch würde die Aufnahme, die eine der besten aus dem Zyklus Sakaris ist, sicher noch besser klingen, hätte man bereits in der „Harpa“ aufnehmen können. Auch Herr Sakari saß auf derselben „Schulbank“ in der Dirigentenklasse Jorma Panulas wie die Herren Salonen und Saraste. Er übernahm vom Lehrer den schnörkellosen, klaren Blick auf die Partitur, es gibt keine Show und keine Mätzchen. Herr Sakari hat volles Vertrauen in den Notentext. Er war von 1988-99 Chefdirigent des ISO, länger als fünf Jahre bleibt ein Dirigent selten auf Island, seine zehn Jahre oder sogar 12 Jahre sind die Ausnahme. Lohn der Arbeit war ein Plattenvertrag bei Naxos für ein damals völlig unbekanntes Orchester vom Rand der Welt. Danach war er in Gävle und Turku engagiert.

Beim ersten Satz erkennt man sofort die nordische Schule, schnörkellos und zügig. Gekonnt ist eben gekonnt. Die Coda wird transparent gehalten und sie wirkt vorwärtsstürmend, herb und sie hat ordentlich Schmackes. Und: Hier treibt die Pauke mal ordentlich voran. Das Orchester schlägt sich mehr als wacker, dass die Isländer nicht so üppig, sonor und farbig klingen wie die Berliner 1992 bei DG erklärt sich angesichts der Räumlichkeit und der Plattenfirma von selbst. Es ist aber ganz erstaunlich, wie weit man kommen kann.

Im Andante mosso wird schlicht und anschaulich musiziert, da gibt es kein Schwelgen und kein „Über-Espressivo“. Nix Glamouröses, eine „ehrliche Kargheit“. Auf den warmen Streicherteppich muss man verzichten, aber das Holz klingt richtig gut.

Im Allegro molto hören wir einen gesunden, robusten Puls und markige, weniger ätherische Tremoli. Es wird sauber gespielt. Die Col-legno-Passagen der Bässe wie bereits bei Sondergard und Paavo Järvi gehört, begegnen uns hier historisch gesehen zum ersten Mal. Die teils leichten, grazilen Passagen werden hinreichend virtuos dargeboten. Es geht immer um den Ausdruck, nicht um Glamour. Ganz ähnlich wie bei Professor Panula. Genauso fallen auch bei Herrn Sakari die möglichst naturgemäßen Lautäußerungen von Singschwänen deutlich auf. Die Trompeten könnten beim Hymnus besser herauskommen, die Schlussakkorde erklingen straff, die Pauken ohne Vorschläge, die Pausen werden spannend gehalten.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr transparent und räumlich, recht voll und sogar recht plastisch. Er wurde etwas leise überspielt, sodass man mit dem Lautstärkeregler dem Pegel etwas auf die Sprünge helfen sollte. Sogar die Staffelung kommt dann gut heraus. Was fehlt ist etwas Farbe, Sonorität und Fülle. Holz und Blech wirken etwas distanziert.

 

Naxos hat anscheinend nur den dritten Satz dieser Einspielung bei YouTube freigegeben:

 

https://www.youtube.com/watch?v=m5TkAie0nAY

 

 

4-5

Paavo Berglund

Bournemouth Symphony Orchestra

EMI

1973

13:24  9:04  9:21  31:49

Die erste Zusammenarbeit Berglunds mit dem BSO hatte bereits mit Sibelius zu tun. 1965 zum 100. Geburtstag wurde er zum ersten Mal nach Bournemouth eingeladen und als Constantin Silvestri 1969 überraschend verstarb, dachte man gleich an Paavo Berglund als Nachfolger, der jedoch noch seinen Vertrag bis 1971 bei Finnischen Radio-Sinfonieorchester zu erfüllen hatte, ehe er die Chefposition in Südengland offiziell übernehmen. Er blieb Chef in Bournemouth 1972-79. Aufgenommen wurde in der Guildhall in Southampton. Dass das Orchester nur Provinzniveau gehabt hätte wie vielfach kolportiert wird, kann man nicht unbedingt bestätigen, denn auch Silvestri hatte bereits hohe Ansprüche, wenngleich seine Aufnahmen auffallend oft in den großen Musik-Metropolen mit anderen Orchestern stattfanden. Das Orchester klingt im Großen und Ganzen gut, die Oboen noch im britischen Sound der 50er und 60er Jahre. So virtuos wie bei den besten der Zeit klingt es jedoch nicht. Auch in Sachen Klarheit muss man leichte Abstriche machen, es macht jedoch einen homogenen und motivierten Eindruck. Und ein bisschen schroffe Kante schadet der Musik ganz gewiss nicht. Man trifft aber den „Ton“ der Musik ganz genau. Wir hören präzise geschichtete Klangmassen, keinen Sibelius-Hochgeschwindigkeits-Express, man lässt sich genug Zeit sich der Musik mit all ihren Facetten anzunehmen. Es klingt noch etwas herb und „unparfümiert“, wenngleich die EMI-Technik ihr bestes Equipment an die südenglische Küste schickte und jede Menge Know-how. Es bleibt immer spannend und in der Coda wird genug Attacke eingebracht, bei hohem Transparenz- und Strahlniveau des Bleches. Man hatte sicher mit Fleiß und Ausdauer geprobt, das merkt man. Wenn es um seinen Landsmann geht, kennt Berglund kein Pardon. Er hatte damals bereits das Leningrader Klangideal im Kopf, da fehlte an der Umsetzung von all seinen fünf Aufnahmen noch am meisten. Bei der Umsetzung hatte die EMI-Klangtechnik mit ihrem warmen, körperhaft-fülligen Sound auch noch ein Wörtchen mitzureden. Die Mrawinsky-Aufnahmen der Zeit klangen damals oft dünn und karg, es ist jedoch davon auszugehen, dass Berglund das Leningrader Original meinte, nicht die klanglich meist arg ramponierten Tonkonserven. Schon damals wollte er sein Orchester nach dem Leningrader Vorbild (für ihn das Nonplusultra an Perfektion, Disziplin und Unerbittlichkeit) formen. Am nächsten dran kam er in der Aufnahme mit dem Chamber Orchestra of Europe, obwohl auch da von einer 1:1-Kopie keine Rede sein kann. Die Con-Fuoco-Entfesselungskunst in der Coda bleibt hinter den anderen „Feuerköpfen“ von Bernstein bis Delogu noch zurück.

Das Andante mosso klingt verträumt, recht langsam aber nie beschaulich. Ganz gewiss hören wir hier kein Schlafwagen-Idyll. Herbstlich-streng und intensiv-kernig hat der Satz enormes Gewicht.

Im Allegro molto klingen die zahlreichen Tremoli nicht so schwerelos und flirrend wie meist, die bodenständig-erdige Darbietung hat aber auch was für sich. Man achtet auf die Akzente und belässt den Tremoli ihre Rhythmik. Die Oboen kommen von weit links, anscheinend hat man die Standard-Orchesteraufstellung etwas modifiziert. Die Steigerung zum erhabenen Flug der Schwäne wirkt langsam, fast getragen und mühevoll. Den Schwänen scheint es schwer zu fallen, auf ihre Soll-Flughöhe zu kommen. Dann breitet sich jedoch ein breiter, blechgesättigter, pathetischer Höhepunkt (vielmehr ein Plateau in großer Höhe) in voller Intensität aus. Die Schlussakkorde sollen nicht kurz wie „Odins Hammerschläge“ erklingen, sondern werden mit einer gewissen körperhaften Fülle geboten. Bereits 1973 bringt Berglund die Paukenvorschläge, also nicht erst in den 80er Jahren mit der Einspielung aus Helsinki, wie oft kolportiert wird. Seine Revision der Fünften erschien 1974 als sogenannte Urtext-Ausgabe.

Die Aufnahme lässt noch ein leichtes Analograuschen hören, sie klingt körperhaft, offen und räumlich, weiträumig, dynamisch und plastisch. Durchaus voll, aber nicht ganz so sonor wie die Aufnahme des BBC SO mit Sir Malcolm Sargent von 1958. Und die Barbirolli-Aufnahme von 1966 aus der Kingsway-Hall brachte noch etwas mehr Fülle mit ein. 

 

https://www.youtube.com/watch?v=xruQ6JHmjXA

https://www.youtube.com/watch?v=p3Is--yNJ34&list=OLAK5uy_nPyBohV3i6gXe23TbclBJ43JxEPv6Q-Bo&index=17

https://www.youtube.com/watch?v=hGtEp1dd4pg

 

 

4-5

Akeo Watanabe

Japan Philharmonic Orchestra

Denon

1981

13:52  8:44  8:30  31:06

Akeo Watanabe hat die Sinfonien Sibelius´ drei Mal komplett aufgenommen, der ersten von 1962, ebenfalls für Denon-Columbia aufgenommen, konnten wir leider nicht habhaft werden. Darauf folgte schon bald eine Live-Aufnahme von 1965. Die Aufnahme von 1981 ist die letze uns bekannte Aufnahme Watanabes. Sie wurde in der Suginami Public Hall in Tokio aufgenommen, dem Saal der Proben und Produktionen des Orchesters. Auf das besondere Verhältnis Watanabes zu Sibelius gehen wir bei seiner Live-Aufnahme ein, die uns allerdings lange nicht so gut gefallen und imponiert hat, wie die nun vorliegende, weshalb sie erst weiter unten in der Liste erscheint.

Gegenüber der älteren Aufnahme wirkt das Orchester nun viel eleganter und eloquenter. Es kann nun in Sachen Virtuosität und Spielfähigkeit allgemein international mithalten und spielt insgesamt ausdrucksvoller. Und obwohl im Tempo reduziert spannender. Die Musik erhält durchweg eine würdevollere, „strahlendere“ Ausra. Die Trompeten überzeugen mit ihrer Strahlkraft beim Übergang zu Scherzo-Teil und die ganze, groß angelegte Steigerung wirkt überzeugender als 1965, sehr viel dynamischer und feuriger, jetzt auch mit gut hörbarer Pauke. Obwohl man von der temperamentgeladenen „Hitze“ eines Bernsteins (1961) oder Delogu noch etwas entfernt bleibt.

Der zweite Satz klingt nun erheblich ausdrucksvoller und wird natürlicher, geschmeidiger dargeboten. Und klanglich verfeinert, besser „zusammengehalten“. Er zerfällt nun nicht mehr in einzelne Episoden, sondern bildet eine organische Einheit. Das Orchester verlor übrigens in den 70er Jahren die finanzielle Unterstützung durch das Fernsehen und steht seit den 80er Jahre auf eigenen Füßen. Es spielte in dieser Zeit eigentlich immer um seine Existenz. Im Resultat ist hier jedoch eine unaufgeregtere, natürlich wirkende und erfüllt wirkende Souveränität zu hören.

Der dritte Satz, das Allegro molto wirkt insgesamt deutlich verlangsamt. Der Dirigent war nun 62 Jahre alt. Die Tremoli klingen nun nicht mehr so aufgeregt und werden souveräner gespielt, die Hörner spielen „ihren“ Schwanenflug nun tadellos, jedoch hat man sie in anderen Aufnahmen schon glanzvoller und majestätischer gehört. Das will man sich hier noch für später aufsparen. Eine Verbesserung gegenüber 1965 ist jedoch evident. Das Holz erklingt deutlich und kraftvoll, Den Oboen gelingt es vorzüglich das Geschnatter der Singschwäne zu imitieren, natürlich vollkommen partiturgerecht. Man muss es aber als Spieler wissen, dass es sich wie Geschnatter anhören soll, damit es auch so klingt. Der Melancholie wird viel mehr Raum gewährt als in der Aufnahme von 1965. Diese Aufnahme zeugt ganz klar von der jahrzehntelangen, intensiven Beschäftigung des Dirigenten mit der Musik Sibelius´. Das Blech lässt sich im Schwanenhymnus sehr kraftvoll hören, mit brillanten Trompeten voller Strahlkraft so mächtig, dass es „durch und durch“ geht. Die Schlussakkorde klingen nun mächtiger und nun mit den Paukenvorschlägen. Die Pausen werden lange ausgezählt. Die Gestaltung wirkt gereift und sehr souverän, das Orchesterspiel deutlich verbessert, man merkt, dass dem Orchester die Komposition mittlerweile „liegt“, es klingt sehr gut.

Der Klang der Aufnahme wirkt nun erheblich freier und deutlich dynamischer als 1965, auch plastischer und die Transparenz konnte noch etwas verbessert werden. Das Orchester klingt nun erstaunlich farbig und tief gestaffelt und dreidimensional. Es gibt keine frühdigitale Härte zu hören, auch bei den Violinen nicht. Obwohl sie noch keine besondere Wärme oder Fülle ausstrahlen, klingen sie immerhin nicht glasig. Für eine so frühe Digitalaufnahme klingt das Orchester wunderbar ausbalanciert, voll und abgerundet, auch angenehm direkt. Trotz des frühen Digitalklangs ist ordentlich „Fleisch“ dran am Klang. Der 82er Digitalaufnahme von Chandos mit Alexander Gibson ist die japanische Aufnahme deutlich vorzuziehen. Technologisch war man damals in Japan dem Westen um ein paar Jahre voraus, zumindest einmal meint man das, wenn man diese Aufnahme hört.

 

4-5

Sergiu Celibidache

Schwedisches Radio-Sinfonieorchester, Stockholm

DG

1971, live

15:21  9:16  9:50  34:27 

Mit Sergiu Celibidache sind uns vier Aufnahmen bekannt geworden, diese aus Stockholm, eine aus Turin (leider noch monaural) und zwei aus München. Alle Vier sind Live-Aufnahmen. Die Stockholmer Aufnahme, obwohl etwas älter als die Turiner, ist glücklicherweise vom Schwedischen Rundfunk bereits in Stereo aufgenommen worden. Celi war in besonderer Funktion in Stockholm tätig, denn er wollte sich vor seinem Engagement in München nirgendwo Chefdirigent nennen lassen, auch in Stuttgart nicht, obwohl er diese Funktion de facto innehatte. Er war 1965-1971 in Stockholm tätig, bevor er in gleicher Funktion nach Stuttgart zum RSO wechselte. Obwohl er Aufnahmen nicht mochte und rundum ablehnte zog es ihn immer wieder zu Rundfunkorchestern, die fast bei jeder Gelegenheit aufgenommen werden, was ja ihre eigentliche Bestimmung ist. Ein Schelm, wer sich Böses dabei denkt. Er meinte einmal, eine Aufnahme verhielte sich zum Live-Auftritt selbst, als „würde man mit einem Foto von Brigitte Bardot ins Bett gehen.“ Um flotte Sprüche war er nicht verlegen. Die Tempowahl richtete sich bei Celibidache nach allerlei Kriterien, die Angabe in der Partitur war so nur eine unter mehreren. So war auch insbesondere die Komplexität der Noten und deren Epiphänomene und die Saalakustik zu beachten. So wird der Übergang zum scherzohaften Teil im ersten Satz mit breitem Stil vollzogen. Das Schwedische Orchester kommt uns in Details besser vor als das Turiner, kann aber nicht mit dem Luxusklang der Münchner Philharmoniker dienen. Der volle Fokus liegt in Stockholm auf den Bläsern. Das ist auch gut so, denn die Fünfte ist viel mehr eine Bläsersinfonie als eine Streichersinfonie, obwohl die Funktion der nahezu permanenten Ostinati nicht geringgeschätzt werden will, gerade atmosphärisch sind sie sehr wichtig und wenn man sie rhythmisch spielt auch für die vorantreibende Bewegung. Der Dirigent selbst macht sich akustisch immer wieder durch seine eine Zeit lang für ihn typischen Anfeuerungsrufe akustisch bemerkbar. Er trifft sich im Tempo fast genau mit dem späten Bernstein in dessen Wiener Aufnahme. In München wird es noch langsamer. Dynamisch wirkt die Darbietung geradezu ausziseliert. Vor allem der p und pp-Berich wirkt enorm differenziert. Die meisten Hörer werden das Tempo als schlicht zu langsam empfinden. Ein gewisser Hang zu weiträumiger Architektur und ein Hang zum Monumentalen und Sakralen ist der Darbietung nicht abzusprechen. Manche werden meinen, genau wie bei „seinem“ Bruckner, was andere wiederum dazu veranlasst zu meinen, Celibidache würde jede Musik einfach nur verlangsamen und jedem Komponisten aus seiner Exzentrik heraus seinen immer gleichen Stempel aufdrücken. Wir meinen jedoch, dass mitunter durchaus mehr dahintersteckt. Die Artikulation wirkt makellos, die Detailgenauigkeit brillant, die Klangfarben lebendig und das Gespür für Balance führt zu sicheren Ergebnissen. Die Coda wirkt „heiß“, wenn auch nicht „kochend“. Blech und Pauke kommen ausgezeichnet zur Geltung und es wird ein hohes Maß an Präzision geboten. Verbunden mit grandiosem Crescendo. Bei Celi gibt es immer nur einen echten Höhepunkt pro Satz, hier ist es fraglos die Klimax am Satzende.

Im Andante mosso verblüfft die phasenweise große Zartheit der Darbietung. Die leisen Töne werden hier sozusagen großgeschrieben. Ein Sibelius der leisen Töne, was eigentlich tendenziell für alle drei Sätze gilt. Das Holz wirkt bereits klangfarbenechter als das Turiner eingefangen und es wird ihm ein größeres Differenzierungsvermögen abgerungen.

Der „Schwanenchoral“ im dritten Satz lässt Celi als einen Proportionskanon spielen (bei ihm hört man es nur deutlicher). Hörner, Geigen und Bratschen spielen das Schwanenthema, Fagotte und Kontrabässe spielen ihn simultan nur drei Mal so langsam. Natürlich spielen das auch alle anderen, nur fällt es da nicht so auf. Das fördert das Gefühl von Weite, das bei ihm durch das Tempo sowieso bereits stark wirkt. Celi feuert wieder mächtig an und ruft seine seltsamen Laute ins Orchester hinein. Ob ihm noch niemand gesagt hat, dass man das damals in ganz Schweden via Radio hat hören können? Den Hymnus dehnt er wie kein Zweiter. In München allerdings noch stärker. Die besondere Wirkung ist nicht von der Hand zu weisen. Die Schlussakkorde erhalten einen „mystischen“ Nachhall. Es ist gut möglich, dass man den bei der DG noch auf das Band der Schweden drübergelegt hat. Der ganze dritte Satz klingt mit mehr „mystischem Kontext“ als in Turin, majestätischer und prachtvoller. Vielleicht weil das Orchester stärker mit der nordischen Sagen- und Klangwelt vertraut war?

Das Publikum ist in dieser Aufnahme sehr präsent. Die Räumlichkeit wirkt noch etwas flach, die Rundfunk-Dynamik ist beachtlich, das Klangbild offen und farbig.

 

https://www.youtube.com/watch?v=fK5RtBCBcHw

 

Aus demselben Jahr 1971 stammt der folgende Mitschnitt mit dem Dänischen Nationalen Rundfunk-Sinfonieorchester. Wir haben ihn erst nach Abschluss unseres diskografischen Überblicks gefunden. Schon alleine die aufreizenden, motivierenden Rufe des Dirigenten im letzten Satz lassen an den Stockholmer Mitschnitt denken, den die DG aber wohl nicht nur aus klanglichen Gründen vorgezogen haben dürfte, nichtsdestotrotz geben auch die Dänen alles:

 

https://www.youtube.com/watch?v=JzeCgVeYA-8

 

 

 

4-5

Sergiu Celibidache

Münchner Philharmoniker

MPhil

1988, live

15:40  8:57  10:47  35:24

Bei YouTube existiert zu dem Mitschnitt von 1988 noch ein weiterer aus München von 1992, der in den Zeitmaßen noch weiter expandiert erscheint, da scheint Celi tatsächlich alle Facon außer achtgelassen zu haben. Wir habe uns auch diesen angehört und ihn in die Liste der Radio bzw. YouTube-Mitschnitte eingeordnet, denn er stammt eigentlich vom BR. Ab 1979-1996 war Celibidache 17 Jahre lang GMD der Stadt München und Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

Die Münchner Philharmoniker sind dem Schwedischen Rundfunk-Sinfonieorchester an Klangfülle und Sonorität voraus, jedoch nicht an Holzbläserpräsenz. Die Musik wirkt nun noch atmosphärischer, stimmungsvoller. Vor allem der Misterioso-Effekt wirkt verstärkt, macht sich buchstäblich und im übertragenen Sinn richtig breit, vielleicht sollte auch ein Tor zum Kosmos geöffnet werden? Denkbar wäre es. Sibelius selbst meinte ja, dass ihm das vielleicht mit der Sinfonie gelungen wäre. An purer Klangschönheit mag das Ergebnis kaum zu überbieten sein. Es klingt noch weitläufiger, innere und äußere Landschaften sind denkbar genauso wie das (mögliche) Eindringen in kosmische Tiefen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Der erste Höhepunkt wird grandios vorbereitet, hier ist es der Übergang in den Scherzo-Teil, den Celi aber noch ein wenig zurückzuhalten scheint. Nach seiner Überzeugung soll es pro Satz nur einen richtigen Höhepunkt geben. Sollte sich Celibidache selbst untreu geworden sein und den Satz tatsächlich mit zwei Höhepunkten ausgestattet haben? Denn der Übergang wirkt bereits ziemlich grandios. Der Tempoverlauf wird meisterhaft gestaltet, so wie man das aus seiner Interpretation der Bruckner-Sinfonien kennt, leichtfüßige „Sprints“ gibt es auch hier nicht, auch nicht im Presto. Das organische Spiel passt zur Sinfonie außerordentlich gut, nur bei Celi tickt die Uhr eben anders. Er trifft sich da nur mit dem späten Bernstein im gewaltig dimensionierten Klangraum und auch Mikko Franck dringt in ähnliche Zeitspannen vor. Unendliche Weiten tun sich da (vergleichsweise) auf. Die Coda erklingt kraftvoll, das Spiel des Blechs ist den Stockholmern Kollegen überlegen, sogar die Pauke bleibt hörbar. Elemente des Rohen kommen nicht vor, es wird auch nicht forciert und das geforderte Presto, bleibt allenfalls relativ zum anderen schnell.

Das Andante mosso wirkt entschleunigt, aber nicht extrem langsam oder gar statisch. Tänzerisches findet man kaum noch. Es wirkt aber wunderbar ausbalanciert und homogen. Die Streicher, wie die Wiener bei Bernstein, klingen warm und mit sonorer Tragfähigkeit. Es klingt wie ein Traum, auch solistisch exzellent.

Auch das Allegro molto erklingt ganz ohne nordische Kantigkeit, weich und luftig, doch auch stets geerdet. Über das Tempo muss man geteilter Meinung sein. Zeit ist eben relativ. Die Hörner lassen die Schwäne majestätisch erklingen, auch die Bässe sind sehr gut hörbar, was gar nicht mal so häufig vorkommt, obwohl Sibelius eigentlich ein Meister des tiefen Registers ist. Der Orchesterklang, obwohl bar jeder Kantigkeit, passt gut zur Sinfonie, zumindest unsere Meinung nach. Alles Geschmacksache. Jenseits des Geschmacks ist das fantastische Spiel der Münchner, gerade auch wegen der ausgeprägten Dynamik im Leisen. Der Höhepunkt wirkt unglaublich hymnenartig, machtvoll und grandios. Wenn man bei dem Tempo die Spannung halten kann, hat das schon seinen eigenen Wert, auch wenn es für die meisten Hörer das falsche Tempo sein mag.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr räumlich und großdimensioniert. Man hört viel vom Saal der Aufnahme in der Münchner Philharmonie am Gasteig mit. Es klingt plastisch und tief gestaffelt. Die Aufnahme von 1992, die man auf YouTube findet, fällt da gegenüber sehr stark ab.

 

Die Münchner Philharmoniker haben selbst immerhin den 1. Satz wohl selbst als Appetitmacher bei YouTube eingestellt:

 

https://www.youtube.com/watch?v=ByHFpg4A_Mk

 

 

4-5

Sir Mark Elder

Hallé Orchestra, Manchester

Hallé Records

2016, live

13:21  8:26  8:51  30:38

Die Aufnahme wurde live in der Bridgewater Hall eingespielt. Sir Mark war 2000-2024 Chefdirigent des Orchesters, das schafft heutzutage kaum noch ein Dirigent. 2016 war er stolze 69 und kennt sowohl das Orchester (und es ihn) als auch die Partitur in- und auswendig. Das Orchester befindet sich in guter Verfassung. Man hört erstklassiges Holz, dunkel getönte, substanz- und schattierungsreiche, kraftvoll aufspielende Streicher. Der erste Satz beginnt so deutlich spannender, ausdrucksvoller und akzentuierter als z.B. bei Botstein und dem American Symphony Orchestra. Es wird eine recht düstere Klanglandschaft geboten. Beim Übergang zum Scherzo wird ein kraftvoller erster Höhepunkt erreicht. Danach gibt es kein hektisches Vorwärtspeitschen, vielmehr wird das Tempo sachte angezogen. Die Wolken verschwinden und die Sonne kommt durch. Und damit macht sich Wohlgefühl breit. Die Steigerung bei der Coda wirkt zwangsläufig ohne billige Theatralik und mit ordentlich Pauken-Power, ähnlich wie bei Colin Davis 1975 und 92. Der echte Furor bleibt aus. Mit 69 ist man eben keine 29 oder 39 mehr.

Das Andante mosso erklingt mit kantablem bzw. sprechendem Gestus mit flexiblen Tempi, poetisch aber hellwach.

Im Allegro molto klingen die Tremoli unaufgeregt und substanzreich, Die Hörner halten sich beim Schwanenthema noch deutlich zurück, sie könnten besser herauskommen und klarer klingen, fast würden sie vom Holz übertönt werden. Das ändert sich jedoch bald, sodass sie mit ihrem „Schmettern“ ihrerseits das Holz übertönen. Auch bei Sir Mark hört man die Col-Legno-Einlage der Bässe. Der Steigerungsverlauf überzeugt und der Flug der Schwäne mit dem kompletten Blech wirkt erhaben. Besondere Wucht oder heraussagenden Glanz bei den Trompeten muss man jedoch ein wenig vermissen. So wird der gelungenen, sehr sinnlich klingenden Aufführung die Krönung vorenthalten. Die Schlussakkorde klingen mächtig und substanzreich, die Pausen recht lang. Die Pauken lassen ihren Vorschlag ultrakurz hervorblitzen. Eine noble Darbietung.

Der Klang der Aufnahme wirkt modern, sehr körperhaft, räumlich mit guter Tiefenstaffelung und farbig. Das Orchester klingt satt und voll. Ohne jede Härte, der Bass wird nicht vernachlässigt, die Streicher klingen seidenweich, das Holz volltönend. Es liegt eine Live-Aufnahme zugrunde mit anschließenden Korrektursitzungen, so wie es heute üblich ist.

 

Vom Hallé Orchestra selbst wurde bei YouTube immerhin der dritte Satz eingestellt:

 

https://www.youtube.com/watch?v=MC09Tch0qnw

 

 

4-5

Leonard Bernstein

Wiener Philharmoniker

DG

1987, live

15:11  10:03  10:10  35:24

Im Wiener Musikverein wurde ein fast schon religiös anmutender, visionär wirkender Klangcharakter „zelebriert“. Der Orchesterklang wirkt gegenüber der 1961 für CBS entstandenen New Yorker Aufnahme und zumal gegenüber dem 1966er Video aus London noch verfeinert, vor allem der Streicherklang erklingt nun weicher, voller, runder und leuchtender, zu gleich auch weniger hell. Der Gestus der Musik drängt nun viel weniger und erhält eine Wendung ins Epische. Das Tempo wäre vielleicht bei einem geringeren Orchester als den Wienern bereits spannungsgefährdet. Man könnte einwenden, dass es ähnlich bei Celi in München 1988 fast schon zu schön für die eigentlich kantige Komposition klingt. Es wirkt nun geradezu entschleunigt, gerade auch die Ostinati. Das Vorankommen gleicht nun eher einem Verweilen bei Betrachtung aller Einzelheiten. Sonderlob für das klangvolle Blech. Es klingt edel. Die Beschleunigung im Scherzo-Teil wirkt extrem kontrolliert und langsam, fast schon widerwillig, so also ob man viel lieber weiterhin verweilt hätte. Der spezifische Streicherklang, das langsame Tempo und eine gewisse Grunddisposition verleihen dem Satz über weite Passagen eine Tragik, die man der 61er Darbietung Bernsteins noch nicht entnehmen konnte, noch nicht einmal erahnen konnte. Bei der Coda kommt die Pauke nun besser ins Klangbild als 1961, das Blech klingt präsent, die Beschleunigung gut, aber nicht unbedingt mit der Ekstatik des 26 Jahre jüngeren.

Das Andante mosso quasi allegretto wirkt stark verlangsamt, ist aber gegenüber 1961 tatsächlich kaum langsamer. Die Pizzicati klingen nicht mehr leicht und duftig, sondern schwer und gehaltvoll. Die Atmosphäre hat sich verdüstert, es wirkt nun mystisch und ähnelt einer Trauermusik, da kommt kaum noch Sonne durch. Kaum noch Intermezzo-Charakter.

Im Allegro molto sind die Wiener Hörner jetzt zu sechst statt zu viert. Ob sie es bereits zuvor waren, haben wir nicht eigens überprüft, im letzten Satz klang das Blech jedoch so erhaben und klangmächtig, dass wir eine Verdopplung vermuteten und das Video zu Rate ziehen wollten, um es zu bestätigen. Die Streicher waren so zahlreich, dass diese Maßnahme als folgerichtig erschien. Der Klang dürfte an üppiger Samtigkeit seinesgleichen suchen. Bei Largamente assai verbreitert Bernstein stark, sodass die Trompeten im langen Legato-Bogen triumphieren können. Nun sind auch sechs Trompeten (und selbstverständlich auch sechs Trompeter) zur Stelle. Majestätischer geht es wohl nicht mehr. Die Schlussakkorde stehen gut im Raum und wirken monumental und ausladend, fast apotheotisch. Sie klingen aber auch einfach gut. Das Spiel des Orchesters wirkt brillant und empathisch. Die Tempi dürften wie bei Celibidache nicht jedermanns Sache sein, die Darbietung als solche wirkt jedoch individuell und ikonisch, gerade weil sie das existenzielle in der Musik sucht und Pathetik nicht verachtet, sondern geradezu „feiert“.

Der Klang der Aufnahme wirkt wie blankgeputzt, sehr sauber und klar für eine Live-Aufnahme. Das Orchester wirkt gut gestaffelt und farbig, die Dynamik ausladend. Die Decca von 1966 mit Lorin Maazel aus dem Sophiensaal wirkt jedoch präsenter und unmittelbarer.

 

Die 87er Bernstein-Aufnahme haben wir auf YouTube nur in einer privaten Aufnahme des Films aus dem ZDF gefunden: Der Ton wird so keinen hohen Ansprüchen genügen. Das Bild ist zwar unscharf, hält aber doch ein musikhistorisch bedeutendes Dokument fest, sodass wir es nicht vorenthalten möchten.

 

https://www.youtube.com/watch?v=Y3Np4UY1c70

 

 

4-5

Nicolas Collon

Finnisches Radio-Sinfonieorchester, Helsinki

Ondine

2022

13:18  9:16  8:56  31:30 

Diese Aufnahme entstand bereits im neuen Musiikkitalo oder auch international Helsinki Music-Center genannt. Für die Akustik war, wie bei der Elbphilharmonie Yasuhisa Toyato verantwortlich. Nicolas Collon ist bereits seit 2017 Gastdirigent des Orchesters und wurde 2021 zum Chefdirigenten berufen. Er ist der erste Nicht-Finne auf diesem Posten. Diese Darbietung zeichnet sich durch akribische Arbeit am Notentext aus, so gibt es hier ein regelrecht flüsterndes pp, das man so nur in ein, zwei oder drei anderen Aufnahmen zu hören bekommt. Zunächst kommt auffallend wenig Schwung im ersten Satz auf, aber es stellt sich heraus, dass das von langer Hand so geplant ist und zu einemgewissen Steigerungsverlauf beiträgt. Das Orchester ist in ausgezeichnetem Zustand, klingt recht vollmundig und spielt sehr detailreich. Das auffallend leise Spielen erinnert an Karajan und die Berliner Philharmoniker. Der erste Teil des ersten Satzes wirkt zerrissen, tritt ein wenig auf der Stelle und es fehlt ihm der rechte Vorwärtsdrang. Der setzt erst so richtig spürbar beim Steigerungsverlauf im Scherzo ein. Trotz des warmen Orchesterklangs wirkt die Darbietung seltsam kühl bis zum leidenschaftlichen Tempowechsel, sodass die Coda mitreißend rasant erscheint. Andere werden sie als überhastet empfinden. Für uns fehlt es jedoch ein wenig an essenzieller Glut. Die Trompeten werden lange nicht so herausgestellt wie in vielen älteren Aufnahmen (da ziehen beispielsweise Collins, Roshestwensky oder auch Davis und Karajan mühelos vorbei. Es wirkt zu kontrolliert, und es sollte doch eigentlich heißen: Keine Angst vor bissiger Härte.

Das Andante mosso wirkt recht düster. Und das Orchester beherrscht die mystische Atmosphäre wie im Schlaf, spielt weitgehend perfekt und wohlklingend. Beeindruckend erscheint weiterhin das dynamische Differenzierungsvermögen. Einschläfernd wirkt da nichts.

Im Allegro molto geht es recht kühl aber hochgradig differenziert und auf eine gewisse Art aufregend und ausdrucksvoll zu. Da wo andere mit Grandezza darüber hinweg fegen wird Collon nicht müde, Genauigkeit einzufordern. So differenziert und genau ausbalanciert sind die Schwäne wohl noch nie hinweggeflogen. Akribie auch bei den Schlussakkorden, da sitzt alles makellos, die Pauke mit Vorschlägen. Irgendwie auf eine spezielle Weise bestechend, aber ohne die existenzielle Glut früherer Einspielungen. „Geflasht“ wird man nämlich nicht. Man ist weder zu Tränen gerührt, noch hat sich der Puls signifikant erhöht.

Der Klang der Aufnahme wirkt plastisch, präsent, voll, farbig sehr körperhaft, sehr transparent und gut gestaffelt. Es gibt keine schmelzende Resonanz wie in der Kingsway Hall in London oder dem Sophiensaal in Wien, aber es klingt warm genug und äußerst differenziert. Das Orchester klingt sehr klar und sinnlich. Der Ondine-Klang lässt ähnlich zeitgenössische Aufnahmen von Mäkelä oder Rouvali hinter sich.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=T2tjRTiLy6k

https://www.youtube.com/watch?v=vdzIRZCbe9Y&list=OLAK5uy_nKmqzsf97QpNYpowL9vr37ItAECESyqZc&index=2

https://www.youtube.com/watch?v=2pz4Ma7tcNI&list=OLAK5uy_nKmqzsf97QpNYpowL9vr37ItAECESyqZc&index=3

 

 

4-5

James Levine

Berliner Philharmoniker

DG

1992

12:29  8:05  8:34  29:08

Bei dieser Aufnahme aus der Berliner Philharmonie klingt das gesamte Orchester präsent, aber auch räumlich und dynamisch ausladend und prachtvoll wie kaum ein anderes. Meistens, aber nicht immer wirkt es transparent und ungemein sonor. Die Bässe sind integraler Bestandteil des Orchesters und als solche auch gut zu hören. Aber um echte Sibelius-Atmosphäre hervorzurufen ist hier tatsächlich mal zu viel Schwung vorhanden und das Tempo erscheint etwas zu flink. Die Dynamik ist in beide Richtungen geweitet, der Orchesterklang bei Bedarf sehr wuchtig und attackig. Es klingt opulent und mit samtweichen Luxusklang. Da ist nun nichts mehr Herbes oder nordisch-kühles am Orchesterklang, da wird ein „fetter“ Klangteppich gewebt, der manch einem Sibelius-Puristen einfach zu romantisch, vielleicht sogar zu „plüschig“ vorkommen mag. Und das, obwohl das zügige Tempo allzu viel Romantik eigentlich schon unterbindet. Dem Orchester scheint das alles sehr leicht zu fallen. Es klingt fast so, als wäre die Karajan-Aufnahme von 1965 nochmals dynamisch geweitet worden, allerdings gehen da gegenüber Karajan bei Levine einige Details verloren und auch der bei Karajan ungemein schlüssig wirkende Zusammenhalt. Bei Levine werden einzelne Stellen ungemein herausgestellt, andere hängen dafür ein bisschen durch. Die 76er Karajan klingt hingegen viel kantiger und rauer, noch herb im besten Sinn. Auch bei Levine spielen und klingen die Berliner superb. Die Coda wirkt zwar rasant, dynamisch und mit einem ungemein drängenden Accelerando gesteigert, energisch und mit Wucht, aber die Transparenz lässt dabei sehr stark nach, so ob nicht genug geprobt worden wäre. Da wirkt das Klangbild rhythmisch nicht sauber genug durchgezeichnet.

Im Andante mosso wird im Klang geschwelgt, sehr expressiv, aber manchmal schon ein wenig kitschig oder sogar schwülstig, manch einer würde vielleicht auch hollywoodmäßig sagen. Die Tempogegensätze werden voll ausgereizt und das Orchester zeigt, was es klanglich zu bieten hat. Nirgends klingt es voller, sonorer oder dynamischer und nirgends klingt es mehr nach Tschaikowsky. Was auch bedeutet: entsprechend weniger nach Sibelius.

Das Allegro molto wird ungemein zügig angegangen, eigentlich schon eher presto prestissimo. Es klingt sehr virtuos allerdings ein wenig dick. Beim Schwanenthema der Hörner nimmt das schnelle Theema alle Pathetik weg. Un pochettino largamente wird sehr deutlich abgesetzt, der Sound darf nun als trompetengesättigt bezeichnet werden. Das große Orchester darf hier voll, prachtvoll und dynamisch klingen dass es eine Wonne ist, Sehr breit und sehr hymnisch. Eine erweiterte Besetzung darf oder muss sogar angenommen werden. Insgesamt kommt in dieser Einspielung der Operndirigent zu stark durch, es klingt für das Idiom Sibelius´ schon sehr theatralisch und opernhaft. Über die gesamte Diskografie des Werkes gesehen stellt die Einspielung aber doch eine interessante Abrundung und ein individueller Beitrag dar. Aber keine Meisterleistung.

Die Parallelen zur 65er DG-Aufnahme Karajans haben wir bereits kurz angesprochen. Gegenüber der 76er EMI Karajans, die ja ebenfalls bereits in der Philharmonie eingespielt wurde, aber der leeren, also ohne voll besetztes Auditorium wie dieses Mal klingt die Levine-Einspielung genauso klanggewaltig, nur ohne den Quadro-Hall. Auffallend ist nun der konturierte, ungemein kraftvolle, dynamische Streichersound. Das betörend schön klingende Holz und das satt klingende Blech gab es zuvor schon.

 

https://www.youtube.com/watch?v=CgUpY_lk1VU

 

 

4-5

Esa-Pekka Salonen

Verbier Festival Orchestra

DG

2022, live

13:07  9:20  9:58  32:25

Von Esa-Pekka Salonen sind uns vier Aufnahmen bekannt geworden. 1986 nahm er die Fünfte für CBS-Sony mit dem Philharmonia Orchestra auf und 2023 in San Francisco auf. Dazu gesellen sich eine Video-Produktion für den BR von 2015 und der nun vorliegende aus Verbier von 2022, den es zum Audio ebenfalls als Video gibt. Aus dem seltsam kühlen und unbeteiligt wirkenden Ansatz von 1986 hat der nunmehr bei der Aufnahme 64jährige Dirigent einen ungleich stärker bewegt wirkenden Zugang gefunden. Das Orchester steht nun bereits aufnahmetechnisch nicht mehr so distanziert vor uns. Die jungen Musiker des Festival Orchesters spielen nun auch nicht mehr in der etwas starr wirkenden Metronom-Strenge. Die Musik darf nun „atmen“ und wirkt erheblich geschmeidiger und spannender. Trotz des nach wie vor ein wenig gedehnt wirkenden Tempos sackt die Spannung dank eines geschmeidig wirkenden Rubatos nicht ab, das Orchester steht nun voll unter Spannung, die Artikulation wirkt verlebendigt, oft sogar wie an der Sprache orientiert (z.B. das Fagott-Solo). Der Gestus erscheint nun erheblich energetischer, ausdrucksvoller. Der erste Höhepunkt trifft so viel besser „ins Volle“, wirkt erheblich beherzter (gute Pauken). Durch ihn erscheint das folgende Accelerando wie gerade in Gang gesetzt oder mit Schubkraft ausgestattet worden zu sein. Bei weiten hören wir also nicht mehr das zähe „Standbild“ von 1986 aus London. Man hat das Gefühl, dass sich nun auch unter der Oberfläche viel bewegt. Der Drang nach vorne wird immer spürbar. In der Coda dürfen die jungen Musiker zeigen, was sie mit vereinten Kräften draufhaben. Da lodert das Feuer nun bis unter das sprichwörtliche Dach.

Das Andante mosso erscheint nun flüssiger als zuvor, auch hier bleibt uns die ehemals blass wirkende Metronom-Strenge erspart. Jetzt darf das Holz auch mal kräftige Akzente setzen und das tänzerische Element mit federndem Elan pulsieren und die Kantilene emotional und mit Wärme aufblühen. Man darf annehmen, dass man Sibelius nun ungleich nähergekommen ist als damals 1986. Nun klingt der Satz reich und bewegt, aber nicht exzessiv expressiv. Das Orchester beweist übrigens durchweg seine hervorragende Qualität.

Auch im Allegro molto erscheint der 1986 eingeschlagene Weg deutlich korrigiert. Die Musik wirkt aber nicht nur emotionalisiert, sondern auch deutlicher strukturiert. Die Bässe sind nun mit den kraftvollen Col-Legno-Passagen zu hören und die Hörner lassen eine sehr anschauliche Flugbewegung hören. Der ganze Satz wirkt leidenschaftlicher gestaltet bzw. gesteigert, was für das ganze Orchester gilt. Zudem erklingt er mit einer schon beinahe magisch zu nennenden Klarheit. Der Melancholie werden intensiv wirkende Freiräume eingeräumt. Der Schwanenhymnus wirkt sehr getragen und erscheint von kraftvoller Weite erfüllt. Das „junge“ Blech entwickelt gute Strahlkraft, an die Meisterleistungen der 50er und 60er Jahre kommt es noch nicht ganz heran.

Der Klang der im Audiostream gehörten Aufnahme wirkt präsent, sehr transparent und recht dynamisch. Der Aufnahme liegt eine Videoproduktion zugrunde.

 

4-5

Esa-Pekka Salonen

San Francisco Symphony Orchestra

SFS Live

2023, live

14:07  9:32  10:21  34:00

Ab 2020 war Salonen Chef in San Francisco. Nach fünf Jahren war aber schon wieder Schluss denn wegen eines Streits über das Budget nahm er, der sonst jahrzehntelange Bindungen pflegt, schon wieder seinen Abschied. Elim Chan folgt ihm als Musikdirektorin nach. So dürfte dieser Mitschnitt vielleicht schon einer der letzten Dokumente der Arbeit Salonens in San Francisco sein. Schon wieder gibt es keine Gesamtaufnahme der Sibelius-Sinfonien mit Salonen.

Das Orchester präsentiert sich in bestechender Qualität, mit makelloser, schier atemberaubender Präzision wird da musiziert, eine Präzision, die auch eine gewisse Wärme mit beinhaltet. Ein substanzreicher Luxusklang ist da zu hören, der von den audiophilen Qualitäten der Aufnahmetechnik natürlich ins rechte Licht gesetzt wird. Der erste Satz bringt nun zur Souveränität des nunmehr 65jährigen Dirigenten eine gewisse, nervöse, hochspannend wirkende Unruhe mit, die den ganzen ersten Teil des ersten Satzes dominiert. Der Zielpunkt „Übergang zum Scherzo“ ist in voller Monumentalität gelungen. Die anschließende Steigerung, die ja auch ein Accelerando beinhaltet, wird nun viel überzeugender, stringenter umgesetzt als 1986 in London, da fiel die Beschleunigung so schwach aus, dass man sie kaum bemerken konnte. Was soll sie aber dann bewirken, wenn man sie nicht bemerkt? Die Coda erklingt erneut mit der fulminanten Attacke, die wir bereits in Verbier im Jahr zuvor hören konnten. In bester Übersichtlichkeit, die Pauke ist gut hörbar, sie könnte jedoch mehr Härte hören lassen und die Trompeten hätten wohl noch Luft nach oben, so wie es sich anhört. Maxime erscheint gewesen zu sein, es soll zwar furios klingen, aber auch edel und vor allem schön. So fehlt allerdings die Entäußerung der Tschechischen Philharmonie, die spielte, als ginge es um Kopf und Kragen. Das ist ein substanzieller Unterschied, der letztlich die wahren Emotionen erst hervorruft.

Viel Rubato lässt das Andante mosso nun wunderbar flexibel und „sprachgewaltig“ erscheinen. Für kontrastreiche Dynamikgestaltung ist gesorgt. Wenn man die ´86er Version Salonens noch gut im Ohr hat, kann man den Wandel kaum glauben. Was für eine Kehrtwende. Die Holzbläser spielen und klingen exzellent.

Im Allegro molto zeigt sich weiterhin das gegenüber ´86 gewandelte Bild. Die Ostinati erhalten nun die „höchste“ Erregungsstufe. Die Hörner intonieren ihr Schwanenthema aber immer noch mit deutlicher Tempoverlangsamung. Es soll weiterhin (wie 2022 in Verbier) große Weite und Erhabenheit transportieren.  Auch das hätte es ´86 noch nie und nimmer gegeben. Hörner, Holz und Streicher zeigen exzellentes Zusammenspiel, ganz fein ausbalanciert und hervorragend deutlich. Das Ganze erklingt für unseren Geschmack etwas zu breit, aber wie immer, dürften da die Ansichten auseinandergehen, die Herzen in unterschiedlichem Puls schlagen. Der Gestus nähert sich so schon einer Filmmusik an. Oder nach einem „Klanggemälde“. Auch in San Francisco wird, wie bereits in Verbier, der Melancholie viel Raum gegeben, sodass sie vor allem vor dem erlösenden „Schwanenflug“ in Tragik umzuschlagen scheint.

Der Klang in San Francisco wirkt sehr direkt, hautnah sozusagen und enorm transparent, noch voller, brillanter und körperhafter als in Verbier ein Jahr zuvor. Das Bassfundament ist sehr deutlich ausgeprägt. So klingt das ganze Orchester sehr plastisch und so überragt man die Aufnahmequalität der Blomstedt-Aufnahme der Decca aus den später 80er Jahren am gleichen Ort deutlich in allen Belangen.

 

Das Orchester hat sogar diese neue Einspielung bereits bei YouTube eingestellt. Nur die Angabe, dass es sich dabei um die Version von 1915 handeln würde, ist falsch, denn man spielt wie üblich die Endfassung von 1919.

 

https://www.youtube.com/watch?v=9ZjQUjyZyI4&list=OLAK5uy_lTTgey9iLFlKU-nVFhW8UXuNf9ocR2U4g

https://www.youtube.com/watch?v=ZLUpe0B4zwg&list=OLAK5uy_lTTgey9iLFlKU-nVFhW8UXuNf9ocR2U4g&index=2

https://www.youtube.com/watch?v=EiPDU6saOig

 

 

4-5

Osmo Vänskä

Minnesota Orchestra

BIS

2010

13:14  8:35  8:52  30:41

Bei seiner zweiten Aufnahme für BIS (wir haben auch noch eine dritte vom RBB in Berlin mit ihm in unserem Rundfunkarchiv, die uns ganz besonders begeistern konnte) befand sich der damals 57jährige Osmo Vänskä beim Minnesota Orchestra gerade in seinem verflixten siebten Jahr. Er war dort nämlich Musikdirektor von 2003-2022. Das Orchester war bereits voll auf seine Präzisions- und Dynamikästhetik eingeschworen. Wir hören ein technisch perfektes, hochglanzpoliertes Spitzenorchester ohne die Wärme der „Klangkathedrale“ aus Holz Finlandia-Hall in Lahti, wo 1997 seine erste Aufnahme der Fünften entstand (die Fassung von 1915 spielte er dort allerdings bereits ein paar Jahre zuvor ein). Die Perfektion hat alle Gruppen des Orchesters erreicht. So klingt es vielleicht noch souveräner als in Lahti, obwohl man am Orchester, wenn man von seiner kleineren Streicherbesetzung einmal absieht, absolut nichts auszusetzen hatte. So klingt es vielleicht noch etwas geschmeidiger, aber auch weniger geheimnisvoll. Es gibt nur wenig Rubato und schon gar kein Verweilen. Die Coda wirkt allerdings gegenüber 1997 nochmals nachgeschärft, sie erreicht nun volles Presto gepaart mit ordentlichem Biss im Blech und einer deutlichen Pauke. Die gebotene Klarheit dabei darf sowohl für die Präzision des Orchesters als auch für die glasklare Aufnahmetechnik als großes Lob gelten. Dennoch verbleiben unsere Sympathien bei der älteren Aufnahme aus Lahti. Da wird mit mehr Wärme und Empathie musiziert, vielleicht nicht ganz so virtuos und perfektioniert, aber mit mehr „Seele“. Das spürt man mehr, als dass man es genau in Worte fassen könnte. In Lahti spielt man eben ein Nationalheiligtum, in Minneapolis eine meisterhafte Sinfonie. Der Einfluss der Finlandia-Hall mit ihrer erwärmenden Akustik sollte man als Einflussfaktor ebenfalls nicht unterschätzen.

Im Andante mosso spürt man den Verlust an Wärme und „Herz“ gegenüber der 1997er Version noch deutlicher. Ansonsten wirkt der „Zuschnitt“ vergleichbar. Die Amerikaner spielen nicht so beteiligt und mehr auf Perfektion bedacht. Das stellen wir nur so heraus, weil wir beide Einspielung direkt nacheinander gehört haben, sonst fiele das wahrscheinlich gar nicht so deutlich ins Gewicht. Es gibt auch hier heftige Kontraste und ein durch das perfektionierte Spiel nochmals deutlicheres Klangbild (bei Bedarf in SACD-Qualität). Und gefühllos klingt das Orchester ganz gewiss nicht.

Wunderbar leicht und transparent erheben sich im Allegro molto die Schwäne im Hörnerklang in die Lüfte. Die Violinen begleiten sie mit starkem Espressivo, aber es geht nicht so durch und durch. Alles klingt hier ungemein differenziert, bestechend genau und exakt fixiert an seinem richtigen Platz. Das Orchester spielt virtuos, ganz besonders detailgenau und sauber durchhörbar. Aber auch während des Höhepunkts wenig hymnisch. Es klingt nach einer Abkehr vom spätromantischen Breitwandsound. Vänskä zählt die Pausen zwischen den gewaltigen Schussakkorden gut aus, wenn auch nicht so lange wie Simon Rattle, Mikko Franck oder Emil Emelyanychev. Er geht dabei aber weiter als die Meisten.

Der Klang der Aufnahme ist von bestechender Klarheit, etwas kühler und härter als Vänskäs eigene, ältere Konkurrenz-Aufnahme, bei normaler CD-Qualität, bei Verwendung der hochauflösenden Schicht mag das wieder anders sein. Wir haben es dieses Mal nicht ausprobiert. Die Dynamik wirkt weit, die Ortbarkeit einzelner Instrumente auch im ff präzise. Es klingt weiträumig, recht opulent, vor allem das Holz von kristalliner Präsenz. Bei aller Körperhaftigkeit klingt das ganze Orchester jedoch immer noch schlank.

 

https://www.youtube.com/watch?v=PuNoosM54KA

 

 

4-5

Vladimir Ashkenazy

Royal Stockholm Philharmonic Orchestra

Exton

2006

13:09  8:27  9:15  30:51

Rund 25 Jahre nach seiner Erstaufnahme nahm Vladimir Ashkenazy den Sinfonien-Zyklus Sibelius´ erneut auf. Ganz ähnlich wie bei Osmo Vänskä wirkt die erste lebendiger und frischer. Zur Zeit der Aufnahme war der Dirigent 69 Jahre und Musikdirektor des NHK Symphony Orchestra in Tokio. Durch seinen Wechsel von seinem alten Label Decca, bei dem er jahrzehntelang Exklusivkünstler war zum vormalig kleinen japanischen Nischenlabel verschaffte er demselben weltweite Glaubwürdigkeit und Prestige.

Die Musik wirkt nun weniger bewegt als in der 81er Decca-Aufnahme, obwohl sich das Tempo kaum verändert hat, und weniger von Vorwärtsdrang durchglüht. Das schwedische Orchester macht einen motivierten, klangvollen Eindruck und scheint auf allen Positionen gut besetzt, dennoch wirkt es hier weniger virtuos als die üblichen Verdächtigen, auch als das Philharmonia Orchestra. Der Übergang vom ersten Teil zum Scherzo erscheint weniger grandios gelungen, einfach nicht mehr mit der jugendlich-rauschhaften Attitüde von einst. Wobei wir natürlich nicht behaupten wollen, dass eine rauschhafte Attitüde nicht auch noch mit 69 möglich wäre. Die Virtuosität im Scherzo selbst wirkt bodenständig. Das Tempo zeitigt am Satzende sekundengenau dieselbe Zeit. Das Furioso in der Coda ist in Ordnung, sogar gut, wirkt aber weniger knackig als in London ´81 und gerade die Trompeten kommen nicht so recht aus ihrer Komfortzone heraus. Die Pauken sind wohl hörbar, aber weichgezeichnet. Das treibende Element, das von ihnen ausgehen sollte, bleibt meist unterbelichtet, auch bei diesem audiophilen japanischen Label. So raubt man dem Finale genau wie durch das gedämpfte Blech die rechte Schärfte. Dass harte Schlägel da helfen könnten, ist verschiedentlich zu hören.

Ähnliches ist im Andante mosso zu hören, klanglich ausgewogener, aber weniger frisch und brillant, weniger expressiv, da erheblich weniger dynamisch und unmittelbar. Das Blech hat nicht denselben Biss wie in London ´81. Die Holzbläserfarben sind sehr angenehm, ihm fehlt jedoch die direkte Präsenz der Kingsway Hall in der Decca-Aufnahme.

Das Allegro molto erklingt ebenfalls weniger beherzt und urwüchsig, wirkt viel kontrollierter. Die Hörner werden weniger brillant herausgestellt. Das langsamere Tempo befördert eine melancholischere Gefühlswelt.

Der Klang der Aufnahme erscheint noch transparenter, konturierter, feingezeichneter und ausgewogener als bei der Decca-Aufnahme Ashkenazys. Er wirkt jedoch weniger dynamisch und bringt nur blassere Farben hervor. Das Klangbild wirkt nun weniger großräumig, die Dynamik weniger wuchtig, zumindest einmal im normalen Stereo-Modus, denn wie bei Vänskä in Minnesota, gibt es auch bei Exton eine SACD mit verschiedenen hochauflösenden Schichten, auch eine Mehrkanalige ist dabei. Als Vorteil mag man es sehen, dass die Violinen nicht mehr durch die frühdigitale Glasigkeit behindert werden und insgesamt wirkt das Klangbild im ff erheblich transparenter als das der alten Decca. Es wirkt aber auch trockener und etwas steril, nicht so schön weiträumig und nicht so brillant. Da weiß man wieder, was die Musikwelt an der Kingsway Hall hatte. An ihrer Stelle steht mittlerweile das Hotel Kingsway.

Bei Exton scheint man akribisch darüber zu wachen, dass keine ihrer Aufnahmen kostenlos bei YouTube erscheint.

 

 

4-5

Jukka-Pekka Saraste

London Philharmonic Orchestra

LPO Live

2008, live

12:51  8:30  8:56  30:17

Von Jukka-Pekka Saraste liegen ja insgesamt (mindestens) sechs Aufnahmen vor, dies ist die Einzige der sechs, die mit einem nichtskandinavischem Orchester aufgenommen wurde. Das LPO klingt jedenfalls substanzreicher als das RSO Helsinki mit dem Saraste seine beiden ersten Gesamtaufnahmen 1988 und 1993 einspielte. Allerdings liegen ja auch 15 Jahre zwischen der ´93er Aufnahme und dieser. Der Gestus wirkt sehr lebendig, ja fast aufgeregt und durchweg emotionaler als zuvor, das Spiel der Londoner klar, aufmerksam und souverän. Der Höhepunkt zündet und direkt anschließend gibt es eine anspringende Beschleunigung in den Scherzo-Teil. Das Gefühl immer noch ein wenig weiter zu beschleunigen, bleibt fast den ganzen weiteren Satz erhalten. Konzentration und Spannung bleiben hoch. Die Coda wirkt recht furios im Tempo und sowohl Blech als auch Pauke kommen hart und brillant zur Geltung. An die „Könige“ der Coda, wie z.B. Gaetano Delogu oder Leonard Bernstein (1961) kommt Saraste jedoch nicht ganz heran.

Gegenüber 1988 und 1993 wirkt das nun gewählte Tempo im Andante mosso fließender und beschleunigt, ohne an Detailreichtum einzubüßen, doch nicht besonders expressiv. Man scheint dieses Mal in London einen Mittelweg zu beschreiten, zwischen einem zügigen, elastischen Spaziergang und emotionaler Dramatisierung.

Im Allegro molto wirken die Tremoli wie auch das sonstige Spiel der Streicher freier und stimmungsvoller als bei den beiden Aufnahmen der Finnischen Radiosinfoniker. Sehr gut ausbalanciert kommen alle Orchestergruppen prachtvoll zu Gehör. Die Pausen zwischen den Schlussakkorden werden (wieder einmal) nicht ganz ausgezählt. Saraste lässt den Musikern aber genug Zeit, sich zu sammeln. Fast alle Dirigenten kochen da ihr eigenes Süppchen. Die Akkorde selbst könnten „hammermäßiger“ ausfallen. Live ist jedoch ein enormes Risiko da, dass nicht alle gleichzeitig kommen, da schwingt meistens eine gewisse „Restvorsicht“ mit. Da kommt es selten einmal zur brutalen Entäußerung. Die hört man eher mal bei Aufnahmen unter Studiobedingungen.

Die Live-Aufnahme aus London klingt sehr präsent, vor allem das Holz ist ausgezeichnet durchhörbar. Das Orchester klingt sehr räumlich, transparent und gut tiefengestaffelt, ohne dass das Blech zu leise oder gar versumpft in Erscheinung treten würde. Diese Einspielung klingt deutlich besser als die Londoner Konkurrenz von LSO Live mit Colin Davis, die man nahezu als verunglückt bezeichnen muss. Davon später mehr.

 

https://www.youtube.com/watch?v=FY7gsAulGJk&list=OLAK5uy_kOB3IdS88b52c5cDCWJFe8sFaJ-_H8IlM&index=2

https://www.youtube.com/watch?v=RdU8KdwQlNo&list=OLAK5uy_kOB3IdS88b52c5cDCWJFe8sFaJ-_H8IlM&index=3

https://www.youtube.com/watch?v=L6uoiWCVwjw

 

 

4-5

Jukka-Pekka Saraste

Finnisches Radio-Sinfonieorchester Helsinki

Finlandia, Warner

1993, live

13:05  8:47  9:27  31:19

Zur Zeit seiner zweiten Gesamteinspielung der Sinfonien von Jean Sibelius war Herr Saraste 36 oder 37 Jahre jung. Er war mit seinem ersten Zyklus selbst unzufrieden, sodass er das gesamte Projekt nochmals anpackte. Er ging raus aus dem akustisch für Musikdarbietungen nur wenig geeigneten Kultuuritalo mit seiner trockenen, stumpfen Akustik und wählte die Live-Situation in der Philharmonie von Sankt Petersburg während einer Konzerttournee. Der Vorwärtsdrang wirkt jetzt freier und mutiger, stringenter und belebter. Da werden Fesseln abgeworfen. Das Orchester klingt nun erheblich dynamischer, sicherer, geläufiger und brillanter. Das bekommt der Musik natürlich sehr gut, vor allem auch dem so wichtigen höhepunktähnlichen Übergang zum Scherzo-Teil des ersten Satzes. Das anschließende Accelerando wirkt nun stringenter. Das Presto in der Coda erhält mehr Schwung und die Dynamik kann jetzt besser gefallen, vor allem beim Blech. Die Pauke bleibt leider nur im Mezzo-Bereich, das wäre noch mehr drin gewesen.

Das Andante mosso klingt nun erheblich atmosphärischer, zügiger, allgemein eloquenter, bei den Violinen scheint ein Schleier gelüftet. Wir hören kein braves Durchbuchstabieren der Variationen mehr wie noch fünf Jahre zuvor.

Auch das Allegro molto klingt einfach freier, besser geprobt. Erstaunlich was vielleicht auch die fünf Jahre längere Zusammenarbeit bewirken konnten. Und erstaunlich, wie gut das gerade dem Flug der Schwäne bekommt. Der klingt allerdings weiterhin immer noch herb, was ihm aber ausdrücklich gar nicht schlecht bekommt. Gut, dass er nicht so süßlich oder hollywoodhaft erscheint wie bei Levine oder bei Salonen in seiner Aufnahme aus San Francisco. Das Orchester, vor allem das Holz, spielt nun berührender. Der Höhepunkt wird spannungsreich erreicht und ausgeformt Die finalen Akkordblöcke erscheinen kraftvoll, die Pausen wieder einmal nicht ausgezählt, aber daran haben wir uns bereits gewöhnt. Es gibt keinen Applaus zu hören.

Der Klang der Aufnahme ist nun nicht mehr so gnadenlos trocken wie fünf Jahre zuvor in Helsinki, die Philharmonie in St. Petersburg bietet die musikalischere Resonanz als der Kultuuritalo der finnischen Hauptstadt. Es klingt außerdem dynamischer. Satt und sonor klingt es jedoch immer noch nicht, die Verbesserung ist jedoch evident. Aber vor allem den Violinen fehlt es immer noch an Fülle und Glanz. Es gibt immer mal wieder Störgeräusche vom Publikum, nicht nur in den Satzpausen. Sarastes bestklingende Einspielung der Fünften ist jedoch seine letzte von 2026 mit dem Helsinki Philharmonic Orchestra bei Ondine.

 

 

4-5

Sir John Barbirolli

Hallé Orchestra

Pye, Mercury, EMI, Disky, Dutton

1957

14:10  9:15  9:46  33:11

Von Sir John sind zwei Stereo-Aufnahmen bekannt geworden, die Neuaufnahme durch EMI haben wir bereits oben vorgestellt, die neun Jahre ältere entstand noch für Pye, einem Label, dessen Katalog später komplett von EMI übernommen wurde. Für die zweite fuhr man aufwendig, um ein bestmögliches Resultat zu erzielen, eigens in die Kingsway Hall zu London, bei der ersten musste man noch „kleinere Brötchen backen“ und man nahm in der Free Trade Hall in Manchester auf, der festen Heimstätte des Orchesters damals nach ihrem Wiederaufbau nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg. Mittlerweile ist aus diesem Gebäude ebenfalls ein Hotel geworden, aber die Musikwelt muss ihm nicht nachweinen, wie man auf der Aufnahme hören kann. Außerdem hat Manchester sich mit der Bridgewater Hall offenkundig akustisch verbessert, wenn man der Einspielung mit Mark Elder glauben darf. Barbirolli wurde von Sibelius als Interpret seiner Werke sehr geschätzt, 1953 soll es ein persönliches Treffen bei der Finnland Tour des Hallé Orchestra gegeben haben. Da war Sibelius allerdings bereits 87. In einem Brief schrieb Sibelius an Barbirolli, dass er ein „ergebener Bewunderer“ sei und immer glücklich und beruhigt schlafe, wenn er wisse, dass seine Werke in Barbirollis „meisterhaften Händen“ lägen. Ganz besonders wurden aber die Dirigenten Kajanus und Karajan von Sibelius geschätzt. Er lobte aber auch andere, wie z.B. Sir Malcolm Sargent, Stokowski oder Ormandy (dessen 1975er Aufnahme blieb Sibelius aber erspart, die hätte ihn wohl weniger erfreut als die alte Monoplatte). Gegenüber dem EMI-Remake 1966 wirkt die ältere Aufnahme mit dem jüngeren Sir John generell etwas straffer und temporeicher. Die Beschleunigung packender und mit einem nervösen Vorwärtsdrang versehen. Die Tempogestaltung rhapsodischer. Das Orchester wirkt sehr engagiert und aufmerksam, ja wachsam, denn die Steigerung zum ersten Höhepunkt wirkt atemberaubend. Gestaltet wie eine Erlösung. Danach erreicht man fast tänzerische Erleichterung. Die frenetische Steigerung in der Coda wirkt leidenschaftlich mit ordentlich vorantreibendem Paukeneinsatz. Die Form des Dirigenten war nicht immer gleichmäßig gut, wie bereits bei der 1966er Einspielung erwähnt hatte er unter Depressionen und Alkoholismus (wie Sibelius selbst ebenfalls) zu leiden. Das Orchester liebte jedoch seinen Dirigenten und tat alles, was ihm möglich war, um für ihn in die Bresche zu springen, wenn mal ein schwarzer Tag an der Reihe war. Das kann man gar nicht hoch genug honorieren.

Das Andante mosso erklingt recht langsam und melancholisch. Es wird mit viel Gefühl vorgetragen; das Holz des Hallé, sonst oft kritisiert schlägt sich wacker. Die Balance erscheint ausgewogen. Großer Pluspunkt ist die Pauke, die mal nicht versteckt wird. Der Charakter des Satzes wirkt pastoral, doch relativ licht.

Wenn man das Allegro molto mal mit der Aufnahme Abravanels vergleicht, dann wirkt der Flug der Schwäne bei Barbirolli doch erheblich majestätischer und hymnischer. Beim ersten Auftreten in den Hörnern mit klarem Flügelschlag. Das Orchester macht einen recht präzisen und konzentrierten Eindruck, man kann keine Schwächen jenseits der Geschmacksgrenzen erkennen. Keine haarsträubenden Fehler, die von manch einem Kritiker gerne mal aufgebauscht werden. Später, wenn es von den Trompeten gespielt wird, ergibt sich das von Sibelius beschriebene silbrige Leuchten, das ihm bei Betrachtung der Schwäne so nahe gegangen ist. Leider kommt die damalige Pye-Technik immer wieder mal an ihre Grenzen, gerade im ff und verzerrt dann den Gesamtklang. Direkte, sehr trockene und abrupte Schlussakkorde.

Immerhin wirkt der Klang der Aufnahme ziemlich gut tiefengrundiert. Ein guter Bass gehört zu jeder gelungenen Sibelius-Einspielung. Es klingt auch präsent und direkt, die Transparenz der Abravanel-Aufnahme oder der späteren Barbirolli von 1966 sucht man vergebens. Diese hier klingt räumlich kompakter ohne gleich nur flächig zu wirken. Die Tiefenstaffelung hält sich in engen Grenzen. Die Dynamik ist akzeptabel. Es könnte insgesamt klarer klingen und es klingt viel trockener als 1966, im ff manchmal dick, dann macht die Aufnahme „zu“.

 

https://www.youtube.com/watch?v=GIMaQq57BSY

 

 

 

4

Alexander Gibson

London Symphony Orchestra

Decca-RCA

1959

12:46  8:10  8:59  28:55

Zwischen ca. 1956 und 1965 gab es zwischen der britischen Decca und der amerikanischen RCA eine Art „Allianz“. RCA finanzierte so (auch unabhängig von den Aufträgen über den Readers Digest) mal prestigeträchtige Aufnahmen in Europa und veröffentlichte sie in den USA meist in der legendären „Living Stereo“-Reihe. Im Gegenzug stellte Decca ihr komplettes, damals in Europa nahezu „unschlagbares“ Produktionsteam incl. der Tonmeister zur Verfügung. Sibelius Fünfte wurde, so hat es den Anschein, besonders häufig in der Londoner Kingsway Hall aufgenommen, so auch dieses Mal. Und Kenneth Wilkinson richtete, wie bereits bei der Monoaufnahme mit Anthony Collins die Mikrofone aus. In Europa erschien sie als Decca, in den USA als RCA „Living Stereo“.  Dies ist die erste von den drei offiziellen Studio-Aufnahmen, die Gibson von der Sinfonie gemacht hat. Er war da 33 Jahre jung. 1973 nahm er mit dem Scottish National Orchestra für Classics for Pleasure auf und 1982 erneut in Glasgow für Chandos. Damals war er Leiter der Saddlers Wells Opera (heute: English National Opera), danach wurde er Chef des Scottish National Orchestra, das damals noch nicht Royal hieß und in London als provinziell galt. Keiner konnte damals verstehen, dass er, der als gut in London vernetzt galt, sich für den hohen Norden entschied. Er blieb dort 25 Jahre lang bis 1984.

Die erste Aufnahme ist durch den jugendlich-frischen, zügigen Zugang gekennzeichnet und bietet reichlich „Attacke“ und starke Kontraste. Wenig Mystik und ein Blech in Höchstform. Insgesamt wirkt die Darbietung jedoch ein wenig spannungslos, doch immer wieder gibt es atemberaubend gelungene Passagen voller Schwung. So hat die Coda vorantreibenden Signalcharakter, ein furioses Tempo aber dem glänzenden Blech steht leider eine kaum hörbare Pauke gegenüber. Der Elan reißt jedoch unmittelbar mit.

Das Andante mosso wirkt aufgewühlt, leidenschaftlich und bietet eine plastische Atmosphäre.

Im Allegro molto werden die Tremoli dynamisch und rhythmisch ganz schön forciert, die Hörner beim „Schwanenthema“ artikulieren besonders kraftvoll und klangstark, keine Frage damals eine Vorzeigegruppe des Orchesters, majestätisch ohne Legato. Das Holz klingt außerordentlich luftig und sehr präsent, der Streicherklang darf als exquisit bezeichnet werden, weich und doch strahlend und vibrierend. „Living Stereo“-Qualität aus London. Der Höhepunkt erfährt eine grandiose Steigerung, wie in der Coda des ersten Satzes mit herausragender Trompetenkraft aber wenig Pauken-Mumm.

Die Aufnahme klingt offen, weiträumig, direkt, sehr dynamisch, sehr farbig, sehr präsent und körperhaft, sehr knackig und im Charakter der Wiener Aufnahme mit Lorin Maazel von 1966 aus demselben Haus nicht unähnlich. Sehr vital, frisch und urwüchsig. Es gibt einen geringen Rauschpegel.

 

 

4

Sakari Oramo

City of Birmingham Symphony Orchestra

Erato, Warner

2001

12:12  9:00  9:50  31:02

Mit Herrn Oramo gibt es auch noch eine weitere Aufnahme auf Video aus Stockholm mit den dortigen Philharmonikern https://www.youtube.com/watch?v=bvATXCWPZ6g  anlässlich des Konzertes, das im Rahmen der Nobelpreis-Verleihung 2010 und einen Audio-Mitschnitt anlässlich eines Konzertes des Finnischen Radio-Sinfonieorchesters in Bergen (2006): https://www.youtube.com/watch?v=N1ubVSNxDr4

Einen dritten Mitschnitt aus Kopenhagen mit den Wiener Philharmonikern von 2012 existiert ebenfalls noch auf YouTube:

https://www.youtube.com/watch?v=wFw66XkcLb0

Alle drei Aufnahmen haben wir uns wegen der überbordenden Fülle an interessanten Einspielungen des Werkes nicht mehr anhören können, wollten sie jedoch an dieser Stelle nicht vorenthalten. Im Radio wurde zudem ein Konzert vom Aldeburgh-Festival 2025 übertragen, das wir uns flankierend zu Oramos früher Erato-Aufnahme angehört haben, da man hier sein gegenwärtiges Orchester hören kann, das BBC Symphony Orchestra.

Nun zurück zu seiner bisher einzigen Aufnahme auf CD, die im Rahmen eines kompletten Zyklus in der Symphony Hall in Birmingham entstanden ist. Damals war er 36 Jahre alt. Er geht den ersten Satz zügig, frisch und bewegt mit Sinn für Dramatik und Differenzierung an. Die Ostinati der Streicher sind in dieser Aufnahme oft nur eine Klangwand und dienen zur Untermalung, z.B. des Fagott-Solos. Der Übergang zum Scherzo-Teil gelingt großartig und anschließend geht er sofort zu einem angetriebenen, ja ausgelassenen Tempo über, von dem aus noch weiter gesteigert wird. Jetzt erklingen die Ostinati spannungsfördernd, mitunter fein gewoben. Der Übergang zur Coda wird furios gesteigert. Allerdings hört man von der Pauke fast nichts und das Orchester könnte brillanter klingen, ein bedauerlicher Tribut an die allzu distanzierende Aufnahmetechnik.

Der zweite Satz wirkt atmosphärisch und bewegt vor allem durch die breite und nun unverstellte Einwirkung des Blechs. Es gibt kein statisches Verweilen, es fließt noch. Das Holz klingt wie hinter einem Schleier. Leider ohne plastische Greifbarkeit. Die Streicher artikulieren „sprechend“. Oramo ist selbst Streicher.

Ganz anders als im ersten Satz hat Herr Oramo im dritten, dem Allegro molto alle Zeit der Welt. Trotzdem fehlt es irgendwie an Stimmungshaftigkeit. Der Flug der Schwäne hört sich noch ziemlich qualvoll an und man findet nur langsam zu Weite, Höhe und Erhabenheit. Die distanzierende Klangtechnik lässt es auch zuletzt an Brillanz fehlen. Leider kann so der letzte Satz nicht das halten, was der Erste versprochen hat. Mit einem präsenteren, weniger gesofteten Klang wäre hier mehr drin gewesen. Es ist gut möglich, dass die folgenden Mitschnitte Oramos Interpretation besser ins rechte Licht rücken als seine erste Einspielung.

Der Klang der Aufnahme lässt das gesamte Orchester etwas zu distanziert klingen. Trotzdem kommt das Blech gut zur Geltung. Die Streicher, insbesondere die Violinen wirken etwas zu hart und glatt. Eine vermeintlich natürliche Konzertsaal-Akustik von einem Sitzplatz weit hinten. Der Bass wirkt weichgezeichnet, auch sonst könnte man von einem Wattekissen-Klang sprechen. Sakari Oramo hatte erst 1998 die Nachfolge von Simon Rattle als Musikdirektor des Birminghamer Orchesters angetreten.

 

https://www.youtube.com/watch?v=aNdcHfVwnsU

https://www.youtube.com/watch?v=xYM256MVMdA

https://www.youtube.com/watch?v=qIWaBEb1A7g

 

 

4

Maurice Abravanel

Utah Symphony Orchestra

Vanguard

1977

13:21  7:41  8:00  29:02

Obwohl das Orchester aus Salt Lake City 1977 nicht zu den besten der USA gehörte, wirkt der Beginn der Sinfonie recht stimmungsvoll und sehr klar. Da gibt es nichts Verwaschenes, der Stimmenverlauf könnte kaum transparenter verfolgbar sein. Die Holzbläser erscheinen kompositionsgemäß sehr deutlich, das helle Holz dürfte jedoch insbesondere bei den Oboen nicht jedem gefallen. Das betont schlanke Musizieren wirkt auf uns jedoch spannend. Die sf werden hinreichend deutlich gemacht und die Akzente werden auch bei den Streichern recht schroff herausgebracht. Holz und Streicher wirken gut ausbalanciert, es gibt also nicht das (gerade wenn der Dirigent mal selbst Streicher war oder noch ist) Übergewicht der Streicher. Die Steigerungen kommen gut, wenn auch nicht überwältigend spannend. Man bleibt immer nahe an der Partitur. Nur: Auch bei der Vanguard-Aufnahme könnte die Pauke besser herauskommen. Das Vivace molto bei K ist nicht zu spüren, auch kein Drängen oder eine Beschleunigung. Nur nach und nach. Der finale Höhepunkt des ersten Satzes erreicht ein gutes Tempo und das Blech zeigt Zugkraft und Stehvermögen. Vor allem die Trompeten, die Posaunen bleiben hingegen ein wenig zurück. Und wieder einmal die Pauken. Wenn man einmal richtig gut aufgenommene Pauken an dieser Stelle gehört hat (erinnern wir uns nur an die Tschechen unter Delogu), vergisst man nicht mehr, wie wichtig sie für die Gesamtwirkung sind. Harte Schlägel passen da besser als die weichen, gefilzten. Fortissimo und marcatissimo sollten beides klaren Anweisungen sein, und wenn man sie trotz Befolgung derselben nicht hören kann, muss die Mikrofonaufstellung oder -aussteuerung korrigiert werden. Das passiert hier nicht.

Der zweite Satz profitiert von der luziden Interpretation, dem Orchestertimbre und der klaren Aufnahmedisposition. Es klingt offen und leuchtend. Die Violinen könnten allerdings mehr Schmelz vertragen, sie bleiben stets sehr hell und spitz im Klang. Die verschiedenen Tempoanweisungen werden beachtet, der Stimmenverlauf erscheint sehr transparent. Die Bässe sind gut im Fokus. Der Satz wirkt sehr kurzweilig erzählt.

Das Allegro molto wirkt sehr lebendig und kraftvoll, aber zugleich auch grazioso. Die Pauke ist auch im dritten Satz auf der Verliererstraße. Es gibt sehr viel Schwung. Das Schwanenthema erklingt in schnellem Tempo, mehr „grazioso“ als sonst. Die Erhabenheit wir nicht über Gebühr betont. Vielmehr vermeint man sogar scherzohafte Elemente zu hören. Was ein so schnelles Tempo bewirken kann! Das Orchester zeigt sich gegenüber so manch einer seiner anderen Einspielungen in ausgezeichneter Verfassung. Durch den ausgesprochen schlanken und klaren Klang und das beherzte Tempo wirkt das Misterioso nur wenig mysteriös. Die Transparenz bleibt auch im dichten Satz gewährleistet und nötigt einigen Respekt ab. Sogar dann bleibt das Holz transparent hörbar. Im Finale hört man auch endlich mal die Pauken. Dies ist eine engagierte Einspielung leider ohne den besonderen Streicherglanz der besten. Es wird viel Wert auf Temperament und rhythmische Schärfung gelegt und gut gesteigert. Vor lauter Drive und Schlankheit kommt das Pathos etwas zu kurz und bisweilen klingt es geheimnislos.

Die Aufnahme selbst wirkt recht weitläufig, räumlich und detailliert, plastisch und recht analytisch. Sehr präsent aber wenig voluminös, was vor allem die Streicher betrifft und von ihnen insbesondere die Tiefen. Sibelius ohne Bässe: das geht nicht. Die Aufnahme gab es kurze Zeit als Multi-Channel-DVD-Audio zu erwerben, das ist lange her.

 

https://www.youtube.com/watch?v=O8aLzxmvlmc

 

 

4

John Storgards

BBC Philharmonic Orchestra

Chandos

2013

14:00  8:40  9:34  32:14

Als Finne ist John Storgards immer wieder mit Werken von Sibelius gefragt (was selbstverständlich auch für die anderen zahlreichen Dirigenten und Dirigentinnen aus Finnland gilt). So haben wir außer der Chandos-Aufnahme, die als Teil des Sinfonien-Zyklus entstanden ist, noch weitere zwei Live-Aufnahmen mit Herrn Storgards mit in die Liste aufgenommen, 2017 mit dem RSB aus der Berliner Philharmonie und 2023 wieder mit „seinem“ BBC Philharmonic aus Aldeburgh. Als die Aufnahme im MediaCityKK-Studio in Salford entstand, war er noch erster Gastdirigent des Orchesters aus Manchester. Seit 2022 steht er ihm als Musikdirektor vor.

Erfreulich an dieser Aufnahme sind schon einmal die klaren, straffen Pauken. Das Orchester agiert zugleich entspannt als auch souverän. Der erste Satz wirkt zügiger und spannender als das Berliner vier Jahre später. Die Dynamik wirkt besonders feinzeichnend, die Stimmenklarheit geht nicht über das notwendige Maß hinaus. Die Beschleunigung im Scherzo erfolgt schleichend, die Coda ansprechend beschleunigt. Blech und Pauke kommen darin prächtig zur Geltung, vor allem die Hörner halten hier auffallend bravourös mit. Es ergeht hiermit ein Sonderlob. In dieser Aufnahme wird Chandos seinem Ruf, ein audiophiles Label sein zu wollen zum einzigen Mal was Sibelius Fünfte anlangt gerecht. Bei Gibson blieb man hinter den Erwartungen zurück und auch die mit Leif Seherstam ging ziemlich daneben. Dynamik und Transparenz sind hier bestechend. Da hat man viel Sorgfalt auf eine günstige Mikrofonaufstellung verwendet.

Das Andante mosso klingt „intimer“ als bei den beiden Mitschnitten, da in der Studioaufnahme die leisen Passagen einfach richtig leise und misterioso gespielt werden, das hört man bei Rundfunkmitschnitten selten. Das Orchester bringt sich aber voll mit ein, sodass der Satz nie als harmloser Spaziergang erscheint.

Im Allegro molto setzt man vor allem auf die Hauptstimmen, die man ziemlich rigoros bevorzugt. Die Nebenstimmen werden untergeordnet. Das machen heute längst nicht mehr alle so. Die Ostinatii wirken leicht und locker, im Klang jedoch substanzreich. Das Holz klingt wie 2023 in Aldeburgh top. Im Verlauf ist ein liebevolles Ausbreiten wichtiger als Hochspannung. Die Hörner bleiben auch im Finale des dritten Satzes präsent, sonst werden sie gerne von Posaunen oder vor allem von den Trompeten überstrahlt. Die Schlussakkorde kommen absolut präzise (man konnte ja auch wiederholen, wenn was nicht ganz gepasst hat) Die Pausen erscheinen wieder etwas verkürzt. Die Paukenvorschläge kommen satt und hart.

Der Klang wirkt klanglich geweitet, wir hören einen tiefen Studiosound, jedoch anders als bei Sakari Oramo in Birmingham straff konturiert. Sehr transparent, offen, farbig und recht schlank klingt es ebenfalls. Die Dynamik wirkt geweitet, da auch die leisen Passagen voll ausgereizt werden. Insgesamt klingt es eher feinzeichnend als im lauten Bereich „brüllend“.

 

 

Naxos hat die komplette Gesamtaufnahme Storgards bei YouTube eingestellt:

 

https://www.youtube.com/watch?v=JHxsjhk_jZU

https://www.youtube.com/watch?v=Mg9FeeKPQ8E&list=OLAK5uy_ktf-I5mydKr7tVzQOhm_rPsvhss5T-DfI&index=17

https://www.youtube.com/watch?v=9ci0n2t3USw

 

 

4

Paavo Berglund

London Philharmonic Orchestra

LPO Live

2003, live

13:33  8:15  9:17  31:05

Wie bereits beim Mitschnitt des LPO mit Jukka-Pekka Saraste von 2008 nahm man live in der Royal Festival Hall auf. Paavo Berglund war da 74. Die Streicher erklingen lange nicht mit der Fülle, Sonorität und dem goldenen Schmelz des Mitschnitts Berglunds aus dem Amsterdamer Concertgebouw. Im direkten Vergleich klingt es in London etwas dünner. Im Gegenzug kommt das Accelerando besser zur Geltung als in Amsterdam, wo es nahezu unmerklich bleibt. Berglund scheint größtmögliche Deutlichkeit wichtiger zu sein als ein hochemotionaler Steigerungsverlauf. Die Coda wirkt in London etwas stringenter und schneller als in Amsterdam, die Pauke könnte wieder einmal besser herauskommen.

Besonders deutlich erklingt das Andante mosso, der Stimmenverlauf als solches wirkt sehr plastisch. Das Spiel wirkt expressiv, vor allem des Blechs. Die Flöten legen viel Vibrato auf. In Amsterdam klang das alles etwas satter und runder.

Das Allegro molto wird nun in London etwas lichter und besser gestaffelt dargeboten, oder sollte man besser sagen aufgenommen? An die satte Sonorität der Amsterdamer kommt man einfach nicht heran. Seltsamerweise wirkt beim Gestus in London, obwohl etwas zügiger gespielt wird, das Melancholische, ja Tragische des Satzes betont. Zumindest einmal bis die Schwäne ihre „Sollflughöhe“ erreicht haben. Dann lässt es sich Berglund nicht nehmen das Orchester in voller Grandiosität und Monumentalität aufspielen zu lassen. Auch das Blech klingt nicht so füllig wie das Amsterdamer. Die Schlussakkorde haben in London nicht alle die gleiche Länge. Ob da wohl neue Forschungsergebnisse dahinterstecken?

In London klingt es luftiger und transparenter, dafür jedoch nicht so voll und „goldgesättigt“ bei den Streichern als in Amsterdam. Ein Mitschnitt aus demselben Jahr. In London spürt man keinen Limiter oder Kompressor, der die Dynamik zusammenstaucht, es wurde ja auch nicht für eine Radiosendung, sondern für das orchestereigene Label aufgenommen. Die Dynamik wirkt daher im Vergleich geweitet. Man hört das Publikum in London deutlicher und häufiger als in Amsterdam. Einen gewissen Radio-Charakter gibt es also auch hier: Manche Orchestergruppen und Soli hören sich im Tutti größer an, als bei einer genau fokussierten Studioproduktion.

 

https://www.youtube.com/watch?v=bk0iEDpdGXc&list=OLAK5uy_kavEcQL5xhusR6S4sP_Kkge9gn4BElhGU&index=2

https://www.youtube.com/watch?v=z2ZM4YozYQ0&list=OLAK5uy_kavEcQL5xhusR6S4sP_Kkge9gn4BElhGU&index=2

https://www.youtube.com/watch?v=K8ow2e9uVow&list=OLAK5uy_kavEcQL5xhusR6S4sP_Kkge9gn4BElhGU&index=3

 

 

4

Paavo Berglund

Royal Concertgebouw Orchestra

RCO Radio Legends

2003, live

14:04  8:46  9:50  32:40

Auch dieser Mitschnitt stammt wie der Londoner zuvor von 2003, ist also ein Dokument des 74jährigen Altmeisters, der sich Zeit seines Lebens wohl wie kein Zweiter mit der Musik seines Landsmannes beschäftigt hat. Er entstammt der 15 CDs umfassenden Anthology of the Royal Concertgebouw Orchestra Vol. VII 2000-2010, und ist schwer zu bekommen. Gegenüber der 1996er Aufnahme mit dem Chamber Orchestra of Europe wirkt die Musik geradezu entschleunigt und das kammermusikalische Zusammenspiel wirkt zugunsten eines vollen, satten und hochromantischen Orchesterklangs zurückgedrängt. Die Radioaufnahme lässt ihn jedoch recht hell und über alle Oktaven hinweg sehr transparent wirken. Die „Tempo-Schraube“ wirkt also wieder gelockert. Eine Folge von Berglunds Alter mag sein, dass die Spannungskurve mitunter ein wenig durchhängt. Das Holz klingt sehr präsent und das Blech kommt gut heraus. Der Radio-Sound ist nicht mit der ultimativen Dynamik gesegnet, was man auch nicht erwartet. Rundfunktypisch spielt sich die Musik im mittleren Bereich ab. Das Piano wirkt recht laut, das Fortissimo sehr maßvoll. So gerät das Blech in der Coda etwas zu sehr in den Hintergrund und das Furioso wirkt etwas zu „altersmild“ und „würdevoll“. Der Klang wäre der Hauptnachteil gegenüber der Londoner Live-Aufnahme Berglunds gerade zuvor. Vom Timbre her wäre das Amsterdamer Orchester ein formidables Sibelius-Orchester und wir würden es dem LPO durchaus vorziehen. Leider haben wir keine Aufnahme von Sibelius Fünfter mit ihm entdeckt. Ganz tief im Gedächtnis sehen wir das Cover eines Live-Mitschnitt mit Kyrill Kondraschin, aber den konnten wir jedoch nicht mehr dingfest machen.

Das Andante mosso erklingt wieder im Tempo der 96er Aufnahme mit dem COE, nun versehen mit dem prachtvollen, expressiven Klang des niederländischen Elite-Orchesters. Trotz des Streicherschmelzes versumpft hier nichts und die Musik erscheint sehr gut konturiert.

Das Allegro molto erklingt spannungsreich und mit steter Steigerung versehen. Besonders der Streichersatz wirkt prägnant und wird von ganz besonderem Schmelz geprägt. Das Tempo wirkt zurückhaltend, die Spannung lässt jedoch in keiner Sekunde nach. Es gibt nur wenige Tempomodifikationen und es wird ein monumental wirkendes „Höhenplateau“ erreicht. Der Begriff „Höhepunkt“ würde zu kurz greifen. Es klingt so insgesamt fast stoisch und sakral.

Der Klang der Aufnahme belässt dem Orchester seinen satten, „goldenen“ Sound, warm und voll aber in der Dynamik doch spürbar gebremst. Das lässt die Amsterdamer hinter der Londoner Aufnahme aus dem gleichen Jahr zurückfallen. Der Klang als solcher wirkt warm und frisch. Eine rundfunktypische Dynamikkompression fand also statt, der Limiter wurde zwar spürbar, aber noch behutsam eingesetzt.

 

 

4

Santtu-Matias Rouvali

Göteborger Sinfonieorchester

Alpha

2022

12:49  9:02  8:54  30:45

Diese Aufnahme entstand als Teil eines Sinfonien-Zyklus in der Gothenburg Concert Hall. Die feinfühlig agierenden und ausgezeichnet klingenden Holzbläser werden wie auf dem Präsentierteller serviert, die Streichertremoli nicht übergewichtet. Die Sinfonie beginnt atmosphärisch und spannend. Das recht dynamische und risikofreudige Spiel wirkt schon gleich zu Beginn „freigeistiger“ als bei Mäkelä, so als wären die nordischen Geister sogleich verlebendigt worden, besonders durch die recht großen agogischen Freiheiten. Einem sehr gestrengen Hörer mag das Spiel bereits ein wenig zu „hemdsärmelig“ vorkommen, obwohl das Orchester eigentlich bewundernswert präzise spielt. Die Gestaltung wirkt so fast schon rhapsodisch-frei. Das Poco a poco stretto ist sehr deutlich spürbar und wirkt mitreißend. Man wird eigentlich ständig schneller bis zum vivace molto. Also über sehr viele Takte. Die Coda erhält viel Biss, das Tempo ist hoch und die Pauke kommt ordentlich ins Bild.

Im Andante mosso nehmen wir klanglich die Dirigenten-Perspektive ein. Besonders das Holz wirkt noch etwas dichter mikrofoniert als im ersten Satz. Es fällt dabei durch schön geformte Phrasierung, Detailraffinesse und Klangtiefe auf. Gegen den Streicherschmelz der Wiener bei Maazel oder Bernstein kommen die Göteborger Kolleg/innen noch nicht ganz an. Es gibt aber sehr schöne lyrisch-schwärmerische Passagen.

Der Beginn des Allegro molto wirkt sehr schnell, doch rhythmisch straff gestaltet. Der Schwanenflug der Hörner wirkt teilweise vom Rest des Orchesters überlagert und seine Wirkung wird zudem noch durch das überaus schnelle Tempo nahezu verschenkt. Die Tremoli werden sehr deutlich artikuliert. Bei Un pocchettino largamente ändert sich die Wirkung dann gemeinsam mit den Trompeten doch ins Majestätisch-Erhabene. Der glänzende „Lichteffekt“ fehlt dem Höhepunkt indes. Vielleicht fehlt da einfach die Verdopplung von Hörnern und Trompeten, denn bei einigen Einspielungen klingt es einfach auch mächtiger? Die Schlussakkorde erklingen mächtig, die Paukenvorschläge knallen lange und deutlich heraus, bei nicht wenigen Konkurrenzaufnahmen klingen die einfach zu mickrig für ein fffz.

Der Klang der Aufnahme klingt sehr offen, sehr präsent und sehr dynamisch. Die Pauke wurde besonders plastisch eingefangen. Das Orchester klingt ziemlich satt. Nur um die Relationen zu gewährleisten: So plastisch und lebendig wie die Decca-Aufnahme der Wiener mit Maazel 1966 aus dem Sophiensaal klingt die Aufnahme nicht ganz. Immerhin kommt sie aber fast heran. Wegen der hohen Präsenz kommt zudem die räumliche Weite zu kurz. Das gelang den Decca-Technikern damals besser. Aufgrund sehr vieler Mikrofone hören wir eine hohe Detailfülle aber weniger natürlich wirkende Balance und weniger Raumeindruck. Auch wirkt die ganze Gestaltung bei Maazel noch organischer, woran das Klangbild keinen geringen Anteil hat. Herrn Rouvali und seinem Aufnahmeteam ist jedoch für eine moderne Einspielung, die bei anderen mitunter ziemlich seelenlos wirken, ein guter Kompromiss gelungen.

 

Diese Einspielung findet man hier gemeinsam mit der 3. Sinfonie und Pohjolas Tochter:

 

https://www.youtube.com/watch?v=SCPiUytCvC0

 

 

4

Alexander Gibson

Scottish National Orchestra

Chandos

1982

12:34  7:38  8:52  29:04

Diese Einspielung stammt aus dem weltweit ersten digital aufgenommenen Sibelius-Sinfonien-Zyklus. Es war die letzte des damals 56jährigen Gibson. Zuerst gab es die bereits gelistete Decca/RCA-Aufnahme von 1959 und die Classics for Pleasure-Aufnahme von 1973 ebenfalls mit den Schotten, die wir uns leider nicht anhören konnten. Bei der Einspielung von 1982 war Gibson bereits 23 Jahre Chefdirigent des Scottish National Orchestra. Aufgenommen wurde in der Henry-Wood-Hall in Glasgow, einer entwidmeten Kirche. Mit der sich spontan einstellenden Jugendlichkeit. Mit der latenten Unruhe und dem entsprechenden Drive der 1959er Aufnahme ist es 1982 vorbei. Stattdessen vermittelt die ehemalige Kirche eine weite Klanglandschaft mit einem kosmischen Touch. Das Accerlerando wirkt nun von längerer Hand vorbereitet, der Spannungsbogen kontrollierter und kontinuierlicher gespannt. Die Tremoli erklingen in guter Gewichtung, nicht zu vordergründig aber auch nicht zu hintergründig.  Oder unwichtig. Das Blech wirkt erheblich distanzierter als 1959 bei Decca/RCA. So wirkt die Architektur 1982 stärker gewichtet, 1959 die Spontaneität. Bei der Coda gelingt es Gibson das Presto erneut zu erreichen, aber die Deutlichkeit der 59er Aufnahme fehlt. Wie sollte das bei der Akustik auch gelingen?

Das Andante mosso erklingt etwas zügiger und fließender als 1959, doch im Gestus deutlich beruhigter, da die Dynamik im Vergleich nun nur noch eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint. Und es klingt merklich distanzierter, fast ein wenig nach schottischem Highland-Nebel oder nach einer zünftigen Moorlandschaft.

Im Allegro molto wird das Ostinato „dank“ der frühdigitalen Klangtechnik zu einem silbrigen Klangband. Die Hörner wirken auch aus der Distanz heraus edel, golden und monumental, Holz und Streicherkantilene kommen trotzdem gut durch. Beides gleitet hier geradezu durch die Weite des Konzertsaals. Die dynamische Abstufung gelingt sehr gut, besser als 1959. Die Schlussakkorde erklingen nun anders als in London ´59 mit Paukenvorschlägen. Wir ziehen die unübertroffene physische Direktheit der Decca/RCA von 1959 vor, denn sie bringt einfach mehr Biss und Strahlkraft nicht nur bei den Trompeten mit, auch die Dynamik wirkt einfach packender, explosiver. In Schottland gibt es mehr majestätische Weite, aber auch mehr schottischen Nebel, der die Brüche und Kanten abmildert und den direkten Zugriff des Blechs dämpft.

Der Klang wirkt weit und luftig, etwas hallig doch noch klar. Nur wenn es laut wird und das Blech richtig loslegt, begibt sich die Chandos-Aufnahme in eine wenig differenzierte Klangwolke. Da klingt es bei der Decca immer noch klar und direkt. Doch klingt der frühe Digitalklang nicht dünn, sondern schon recht opulent. Das Orchester wirkt als Ganzes viel distanzierter als bei Decca und es fehlt ihm so die unmittelbare, hautnahe Dynamik.

 

Der Chandos-Aufnahme ging folgende Video-Produktion der BBC von 1978 voraus.

 

https://www.youtube.com/watch?v=OgLYu-ypPOg

 

Die Chandos-Produktion ist ebenfalls bei YouTube zu hören:

 

https://www.youtube.com/watch?v=dBUJqxUDEfM

 

 

 

4

Neeme Järvi

Göteborger Sinfonieorchester

DG

2002, live

13:43  8:51  9:14  31:48

In Neeme Järvis zweiter Gesamteinspielung der Sibelius-Sinfonien klingt das Orchester völlig anders als in der BIS-Aufnahme aus den 80er Jahren. Tief, rund, schwer und geschmeidig. Der Hörnerruf gleich zu Beginn viel weicher und viel weiter entfernt. Der Streichersound satter. Das Zusammenspiel erscheint nun makellos präzise, das Orchester als Ganzes edler, glanzvoller, „internationaler“ und lange nicht mehr so ursprünglich oder herb-nordisch und „urwüchsig“. Es gibt nun kontrollierte Tempoübergänge und makellos polierte Soli. Die Ostinati erklingen nur noch als Klangfläche, nicht mehr mit dem rhythmischen Impuls von früher (1984) oder erneut in Göteborg bei Rouvali. Eher sfumatohaft, wie man es bei Karajan 1965 exemplarisch hören kann. Dies ist übrigens die erste Aufnahme von Sibelius Fünfter nach Karajans Aufnahme von 1965 bei der DG. Die Coda zeigt gut spielendes Blech, aber mit viel weniger Zug, Schmackes und Biss wie bei den besten, also Bernstein 1961, Delogu, Maazel 1966 oder auch Neeme Järvi selbst 1984. Summa summarum klingt es glatter als zuvor. Man ist sozusagen ein Opfer der eigenen in den letzten fast 20 Jahren erworbenen Perfektion geworden. Neeme Järvi zählt unterdessen 65 Jahre.

Das Andante mosso wirkt nicht mehr so flüssig und ohne Schwermut wie 1984. Es ist nun mehr ein edler, lyrisch-exquisiter, glänzend-schöner und warmer Legato-Bogen vornehmlich der Streicher geworden. Dynamisch und mit gleitenden Übergängen. Neeme Järvi scheint dabei die nicht zu überhörenden klanglichen Verbesserungen im Orchesterklang, die er während seiner bis dahin 20jährigen Orchesterarbeit erreicht hat, präsentieren zu wollen. Das Tempo im 2. Satz ist zwar fast gleich, die Artikulation aber beträchtlich verschieden. Der Satz klingt nun fast so, als hätte Karajan doch noch eine digitale Neuaufnahme gemacht, sanft gleitend, entspannt und ohne die scharfe, rhythmische Konturierung, die man bei ihm 1976 hören kann.

Im 3. Satz wirken die flirrenden Tremoli nun wie in einem weich abgefederten Raum eingebettet. Der Schwanenflug hat nun Largamente-Charakter und wird so deutlich herausgestellt, wobei er zunächst jedoch fast hinter dem wolkig-gefühlvollen Holz verschwindet. Die Hörner erklingen nur von weit her, so als müsse man die edlen Schwäne aus großer Entfernung betrachten. Die Ostinati werden hörbar gut gespielt, aber wirken nicht mehr als rhythmisches Ereignis, sondern nur noch als pulsierende Klangfläche. Das Blech klingt mittlerweile wie die Elite-Gruppe des Orchesters, mit Golden-majestätischer Kraft, aber doch distanziert.

Der Klang der Aufnahme wirkt sehr weiträumig und großformatig, die Größe des Konzertsaales betonend. Es klingt lange nicht mit der Präsenz von 1984 oder auch die neuere Aufnahme von Rouvali aus demselben Konzertsaal bietet mehr knisternde Nähe. Das Orchester erklingt so distanzierter aber dennoch besser tiefengestaffelt (SACD) als 1984. Die unbändige, fast rohe Dynamik, die 1984 so begeisterte, ist verschwunden, stattdessen gibt es eine alles umhüllende Klangwolke. Warm, recht plastisch, recht transparent. Mehr Luxussound als nordische Klanglandschaft. Viel satter als 2011 in Oslo mit Mäkelä auf Decca.  Und auch satter als bei Rouvali, aber dem gegenüber weniger dynamisch und viel weniger glasklar. Auch weil Blech und Holz von allzu weiter Entfernung wirken und die Streicher einen dominierenden Charakter annehmen, wird man der Sinfonie nicht mehr so gerecht wie 1984 bei BIS.

 

https://www.youtube.com/watch?v=y822D6zgP2M&list=OLAK5uy_lmVkQ4uhgvnevDT3lRicWxXCwBIm6Wckc&index=20

https://www.youtube.com/watch?v=XaeCaGfN9Ok&list=OLAK5uy_lmVkQ4uhgvnevDT3lRicWxXCwBIm6Wckc&index=21

https://www.youtube.com/watch?v=3GTRytir4NY

 

 

4

Paavo Järvi

Orchestre de Paris

RCA

2015, live

13:19  9:03  8:49  31:11

Diese Aufnahme des Zyklus der Sibelius-Sinfonien wurde bereits in der damals neu eröffneten Pariser Philharmonie vorgenommen. Der Zyklus ist der erste eines französischen Orchesters überhaupt. Ältere Aufnahmen des Zyklus entstanden noch in der vormaligen Hauptspielstätte des Orchesters, der Salle Pleyel. Paavo Järvi war 2010-2016 Chefdirigent des Orchesters der französischen Hauptstadt. Die Darbietung hat gewisse Ähnlichkeiten mit der Einspielung von Herrn Rouvali. So klingt es genauso plastisch, wenngleich das Holz nicht ganz so isoliert wirkt, sondern organischer im Gesamtklang integriert erscheint. Anscheinend hat man aber bei beiden mit vielen Stützmikrofonen gearbeitet, wenngleich man das Holz in Paris ein wenig vom Präsentierteller genommen hat. Man hat zuerst für einen plausiblen Raumklang gesorgt. Das Orchester erscheint trotzdem enorm detailliert und extrem dynamisch abschattiert. Obwohl das Orchester kaum mit der Sinfonie vertraut gewesen sein dürfte (in Frankreich spielt(e) man Sibelius noch seltener als in den deutschsprachigen Ländern), ja, man sagt, dass es fast vom Dirigenten „missioniert“ werden musste, wirkt es durchweg souverän und der Satz wird von Järvi genauso souverän zusammengehalten. Es klingt dabei schlank, wenig dunkel und schwer, sogar „entschlackt“. Mission gelungen, kann man dazu nur sagen, so extrem strukturiert, präzise und temperamentvoll es klingt. Fast zu kontrolliert, obwohl es an Biss eigentlich nicht fehlt. Bei der ultimativen Präzision geht der emotionale Zug ein wenig verloren, da wirkt dann schnell alles zu sehr intellektuell gesteuert, als ein gerade entfesselter Vulkan an Emotionen. Da brennt kein existenzielles Feuer.

Aus dem Andante mosso wird keine Oase der Ruhe gemacht. Das Holz (besonders auch die Oboen) klingen auf Weltklasse-Niveau und auch die Hörner klingen einfach exzellent. Die Pizzicati der Streicher plastisch und klangvoll. Der Gestus wirkt besonders elegant, nie schwerfällig, fast nie sentimental, immer rhythmisch leicht (wo möglich) und äußerst detailreich.

Im Allegro molto erklingen die Ostinati mit höchster Delikatesse und sehr rhythmisch. Beim Schwanenflug fehlt es den Hörnern an Volumen, dabei hört man starke Akzente der Bässe, die man sonst kaum hören kann, eine Col legno-Anweisung, die noch gar nicht in unserer Partitur steht. Wahrscheinlich wurde auch dieses Detail erst später vielleicht ebenfalls von Berglund hinzugefügt. Bei Rattle, der ja die Partitur Berglunds samt Einträgen nutzt, sind sie ebenfalls zu hören. Selten aber werden sie so stark herausgestellt wie bei Paavo Järvi, sodass man fast erschrickt. Bei seinem Dirigat bei den Münchner Philharmonikern ist dieses Col legno erneut sehr deutlich zu hören. Die Steigerungskurve wirkt nicht so ultimativ spannend wie beim Vater Neeme 1984. Das wirkt bei Paavo erneut kontrollierter, objektiver und weniger emotional, man könnte auch weniger bekenntnishaft-hymnisch sagen. Weniger naturhaft als technokratisch. Bei Neeme klang es 1984 einfach beherzter, da trifft er den Kern oder die „Seele“ der Musik wohl besser.

Der Klang der Aufnahme, die wir in einem High-Res-Download gehört haben, wirkt wunderbar hell ausgeleuchtet, absolut glasklar und alles andere als nordisch schwer oder dunkel. Bestens gestaffelt auch in die Tiefe hinein und großräumig. Sehr präsent erklingen das Holz und die Hörner, sehr dynamisch auch die seidigen Streicher. Man erreicht eine plastisch wirkende Körperhaftigkeit und Wärme wie bei den legendären Aufnahmen aus den 60er Jahren, jedoch makellos rauschfrei. Es sind übrigens keine Zuhörer hörbar, es könnte sich also von daher um eine Aufnahme unter Studiobedingungen handeln.

 

 

Die Aufnahme aus Paris ist auf YouTube leider nicht zu finden. Stattdessen haben wir eine mit Paavo Järvi und dem Hong Kong Philharmonic von 2023 gefunden, deren Link wir nicht verschweigen wollen.

 

https://www.youtube.com/watch?v=Sh1p2qg17mU

 

 

4

Lorin Maazel

Pittburgh Symphony Orchestra

Sony

1990

13:19  9:16  8:52  31:27

Der 60jährige Lorin Maazel nahm diese Sinfonie in der Heinz Hall for Performing Arts in Pittsburgh auf. Er befand seinen Sony-Zyklus in einem Interview anlässlich der Veröffentlichung desselben gegenüber dem damals rund 25 Jahre älteren Wiener Zyklus bei Decca als der bessere und widersprach damals seinem Gesprächspartner. Er selbst empfand die Wiener Rasanz als zu glatt, oberflächlich und ungestüm. Er wollte nun tiefer in die Schönheit der Orchestrierung eintauchen, Showeffekte vermeiden und Nuancen hörbar machen, die er in den 60er Jahren noch überrannt hatte. Er befand, dass der spätere Zyklus der reifere und technisch „vollendetere“ sei. Hintergrund: Lorin Maazel war 1989 einer der Kandidaten für die Nachfolge Karajans bei den Berliner Philharmonikern. Als ihm Claudio Abbado vorgezogen wurde, war er sehr gekränkt und meinte, dass für ihn die Aufnahmen aus seiner Heimatstatt Pittsburgh sowieso das Maß aller Dinge wären und sagte alle Berliner Konzerte für die folgenden Jahre ab. So können die Geschmäcker auseinander gehen. Dennoch alles ist relativ: gegenüber der Einspielung Mäkeläs spürt man durchaus die Souveränität und Autorität eines Meisters, der sich über 25 Jahre mit der Sinfonie beschäftigt hat. Es wirkt geformter und plastischer als bei Mäkelä 2021.

Es beginnt mit einem sehr gut gelungenen Ruf der Hörner, der jedoch nicht an die überwältigende Fülle und Sonorität der Wiener Hörner in seiner Aufnahme von 1966 heranreicht. Im Verlauf fehlen Fulminanz und Biss seiner 66er „Jugendsünde“. Das Spiel der Pittsburgher ist ebenfalls von hoher Präzision, dynamisch super genau und dramatischer als bei Mäkelä. Man geht mit dem p und pp noch sorgsamer um als in Wien, aber er fehlt der sagenhafte stürmische Vorwärtsdrang. Die Klangflächen stehen nun mehr, wirken greifbarer, während in Wien lebendiger Bewegungsfluss herrscht. Nun klingt es nostalgischer, mit einer rückwärtsgewandten Sicht auf die Musik. Es wird in Pittsburgh ohne fühlbares Risiko gespielt, sozusagen mit dem Rücken an der Stuhllehne, während man in Wien dagegen auf der sprichwörtlichen vordersten Stuhlkante sitzt. Das Blech wirkt gegenüber den Wienern matter. Die Coda hat zwar einen guten Zug nach vorne, nicht aber die Naturgewalt von 1966.  

Auch im zweiten Satz, dem Andante mosso korrigiert Herr Maazel die musikalischen Parameter in Richtung Mainstream. Als erstes die Verlangsamung. Das Andante wird nun gegenüber dem quasi allegretto von Wien deutlich bevorzugt. Der Satz wird nun wieder der großangelegte Ruhepol zwischen den beiden gewaltigen Außensätzen. Er nimmt dem Satz jedoch nicht das Bewegungshafte und Tänzerische. Andere erscheinen da noch lethargischer. Dennoch fehlt der große Bogen, den er als junger Mann kraftvoll über den Satz gespannt hat.

Im Allegro molto wird 1990 mehr wert auf den perfekt ausbalancierten runden Gesamtklang gelegt. Der Schwanenflug wirkt erhaben und majestätisch, aber wenn die Wiener sich richtig motiviert fühlen und das scheint 1966 im Sophiensaal der Fall gewesen zu sein, sind sie nun einmal unübertrefflich. Maazel lässt nun die Paukenvorschläge spielen, was 1966 noch nicht der Fall war.

Der Klang der Aufnahme wirkt klar und brillant, aber gegenüber der resolut offenen Decca von 1966 ganz leicht verschleiert und flacher. Die Balance zwischen Streichern und Bläsern erscheint geglückt und es gibt keine frühdigitale Härte mehr im Klangbild. Eines muss aber auch festgehalten werden: So schlecht wie mache Kritiker die Sony-Aufnahmen machen, erscheint sie nicht. So gefällt uns die Fünfte aus diesem Zyklus viel besser als die früher bereits einmal verglichene Dritte.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=10fe9nzQqqE

 

 

4

Christian Lindberg

Liepaja Symphony Orchestra

European Gramophon

2024, live

12:29  7:56  8:20  28:45

Das Orchester aus Lettland dürfte hierzulande kaum bekannt sein, obwohl es das älteste des gesamten Baltikums ist. Der Name der Stadt könnte manch einem noch als Libau aus früheren Zeiten bekannt sein. Mit derzeit fast 67000 Einwohnern ist sie die drittgrößte Stadt Lettlands, aber in Mitteleuropa wäre sie zu klein, um ein Spitzenorchester zu finanzieren. Man sieht, dass im Baltikum die klassische Musik (den Chorgesang ausdrücklich miteingeschlossen) einen außerordentlich hohen Stellenwert in der Gesellschaft hat. Christian Lindberg ist den meisten Musikfreunden eher als Posaunist bekannt, in der Welt der Klassik dürfte es derzeit keinen bekannteren geben. Als einer der wenigen Blechbläser bei all den ehemaligen Streichern (z.B. Klaus Mäkelä, Sakari Orama oder John Stprgards) oder Pianisten (z.B. Vladimir Ashkenazy) unter den Dirigenten, könnte er uns in der reichen Diskografie vielleicht mal eine andere Sichtweise liefern. In Liepaja ist Herr Lindberg ein gerne gesehener Gastdirigent. Das Klangbild profitiert von einer auffallend hautnahen Präsenz, die die Streicher, aber vor allem das Holz und das Blech betrifft. Leider fordert der Posaunist als Dirigent dem Orchester kein echtes p oder gar pp ab, sodass die Aufnahme klingt, als wäre sie in der Dynamik komprimiert. Nur anders als bei Rundfunk-Sendungen nicht bei lauten Passagen, sondern bei den leisen. Das Orchester klingt etwas glatt, doch kultiviert und akzentuiert. Besonders die Bläser sind permanent im Fokus, was man allerdings durchaus als werkgerecht begrüßen muss. Der Gestus wirkt ein wenig unruhig und es fällt schwer, eine kontinuierlich wirkende Spannung aufzubauen, was aber auch daran liegen kann, dass die leisen Passagen durchweg zu laut klingen. Die Coda bringt dann mal die ersehnte Lautstärkeerhöhung, aber leider keine beherzte Beschleunigung. Wild und entäußert wirkt sie nicht. Man hört in dieser Aufnahme vor allem das Blech, genau umgekehrt wie meist, wo das Blech so oft zu weit im Hintergrund verbleibt. Dieses Mal kommt sogar die Pauke gut durch, aber als Kehrseite der Medaille bleibt nun der Rest des Orchesters unterbelichtet. Die Coda wirkt als Ganzes nicht furios, auch weil man es nicht wagt, ins Prestissimo zu gehen.

Im Andante mosso fallen die Streicher auch mal gegenüber dem gut „herauspräparierten“ Holz etwas zurück, auch räumlich, während das Blech dynamisch sehr stark auf sich aufmerksam macht. Man merkt fast an jeder Stelle der Partitur, dass Lindberg seinen besonderen Fokus auf das Blech legt. Vom im ersten Satz noch fehlenden Kontrastreichtum (wegen des fehlenden p und pp) ist kaum noch etwas zu spüren, es klingt poetisch aber vor allem sehr expressiv und leidenschaftlich.

Im Allegro molto hören wir volle, felsenfeste Hörnerkraft beim Schwanenflug, trotzdem wirkt die Balance mit dem Holz und den Streichern ausgewogen. Auch bei Lindberg hört man die auffallenden Col-legno-Passagen der Bässe. Die Abläufe wirken generell zügig, die flirrenden Ostinati rhythmisch akzentuiert, der Melancholie wird breiter Raum gewährt, der Hymnus groß und ausladend. Der Schwanengesang wird durch das typische „Gekreische“ oder sagt man doch eher „Geschnatter“ im Holz plastisch angereichert. So als ob die Schwäne vor dem Start erst besprechen müssten, in welche Richtung es losgeht. Das Blech wird, anders als noch im ersten Satz, zu echter Fulminanz herausgefordert. Anderes hätte uns in diesem Zusammenhang gewundert. Die Schlussakkorde klingen sehr energisch und werden vor allem vom Blech befeuert. Der Schlussapplaus wirkt wie „reingeschnitten“. Wahrscheinlich erschiene er den Produzenten als zu zögerlich. Meist weiß das Publikum mit den blockartigen Schlussakkorden nicht viel anzufangen und zögert, seine volle Begeisterung zu offenbaren. So wird es auch in Liepaja gewesen sein.

Der Klang der Aufnahme wirkt präsent, klar, plastisch und gut gestaffelt, allerdings dynamisch etwas gleichförmig. Die Streicher könnten sonorer klingen, sicher hat es da auch an Besetzungsstärke gefehlt. Die Basswiedergabe gefällt.

 

Mit Christian Lindberg war keine Aufnahme der Fünften bei YouTube zu finden. Stattdessen empfehlen wir einen Interview-Ausschnitt aus Dublin, wo er ebenfalls eingeladen war, die Fünfte zu dirigieren:

 

https://www.youtube.com/watch?v=40PbtvjOldg

 

 

4

Owain Arvel Hughes

Royal Philharmonic Orchestra London

Rubicon

2021

13:25  8:44  8:55  31:04

Bei der in St. Johns, Smith Square in London als Teil eines Zyklus aufgenommenen Einspielung war der Dirigent aus Wales bereits stolze 80 Jahre alt. Ganz anders als bei der zuvor gelisteten Aufnahme aus dem lettischen Liepaja zeigt das RPO sogleich, dass es zu den britischen Spitzenorchestern gehört. Beim pp-Spiel könnte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Es klingt obertonreich doch nicht grell, sondern schön weich und voll. Besonders die Streicher begeistern mit seidenweichem Glanz, aber auch das Holz klingt plastisch und voll, Blech, Holz und Bass schließlich mit fülliger Wärme. Der Gestus der Musik kommt hier ganz ohne sportliche Hektik aus. Hier wird stattdessen eine großflächige Architektur aufgebaut. Kantabilität triumphiert über schroffe Akzentuierung, sodass die Natur hier fast wie unbeweglich, starr und menschenleer wirkt. Eine Winterlandschaft, allerdings als Kontrapunkt sozusagen klanglich besonders warm. Irgendwelche Lebenszeichen sucht man vergebens. Das Accelerando wirkt behutsam und fein abgestuft, die finale Coda nicht gerade aufgepeitscht, das Feuer lodert aber dennoch recht hoch. Leider bleiben die Trompeten jedoch hinter dem Möglichen zurück. Frenesie, Ekstase oder das erwünschte Furioso bleiben aus. Stattdessen verbleibt vornehmlich eine klare Transparenz der Motive. Man hört viel von den Hörnern und der Pauke.

Das Andante mosso wirkt weit aufgespannt und gewichtig, ohne Intermezzo-Charakter aber nicht ohne Poesie. Nun hört man auch leidenschaftliches Rubato, viel mehr als im ersten Satz. Da bricht sich nun ein gewisses Mitteilungsbedürfnis Bahn. Die souverän wirkende entschleunigend wirkende Ruhe ist jedoch auch in diesem Satz spürbar. Allerdings zieht sich diese Ruhe mitunter auch etwas in die Länge.

Das Allegro molto erklingt ebenfalls mit viel Wärme und Ruhe, mit starken Col-legno Einschüben der Bässe, die man vor allem bei den neuesten Einspielungen finden kann. Der Satz wirkt liebevoll ausgebreitet aber wenig leidenschaftlich. So fehlt es an innerer kinetischer Energie, die den Weg nach vorne sucht. Orchesterspiel und Klang wirken sehr hochwertig. Alle drei Sätze wirken leicht gedehnt statt hoch spannend. Ein Labsal für die Ohren und eher ein entspannendes als ein packendes Vergnügen. Für unseren Geschmack zu zahm für Sibelius V. Alle Sätze wirken entschleunigter als es die reinen Spielzeiten auszudrücken vermögen.

Der Klang der Aufnahme wirkt offen, weit, weich, voll, transparent und ziemlich unkomprimiert. Also dynamisch nicht flach gebügelt. Aber eine Offenbarung ist sie dynamisch nicht, wie unter vielen anderen die beiden alten direkten Decca-Aufnahmen von 1955 (Collins) oder 1966 (Maazel). Es klingt etwas distanziert, aber warm und füllig. Die Musik erhält auch durch den Klang eine gewisse „gemütliche“ Note.

 

https://www.youtube.com/watch?v=DAS0BuVpDBc&list=OLAK5uy_kTrSkMYjD1iuWYTtXiEUT_-PU_A6BEZbg&index=1

https://www.youtube.com/watch?v=b3B-f2DGq-A&list=OLAK5uy_kTrSkMYjD1iuWYTtXiEUT_-PU_A6BEZbg&index=2

https://www.youtube.com/watch?v=kXZbGNSkYrc&list=OLAK5uy_kTrSkMYjD1iuWYTtXiEUT_-PU_A6BEZbg&index=3

 

 

4

Yoel Levi

Atlanta Symphony Orchestra

Telarc

1990

15:52  8:56  9:04  30:52

Diese Einspielung entstand in der Atlanta Symphony Hall, einem Konzertsaal mit direkter, ziemlich trockener Akustik. Die Komposition weicht nicht auf, die Musik wird jedoch interpretatorisch in keiner Weise dramatisch aufgeheizt. Man lässt es sozusagen professionell auf mittlerem Spannungsniveau köcheln. Erst mit der Coda kommt Temperament auf, die Trompeten klingen gut, könnten aber ihren Rhythmus schärfer rausbringen. Das mag aber auch ein Tribut an die räumlich sehr tiefe Abbildung sein, da verliert ein Rhythmus meist von selbst einen Teil seiner Griffigkeit. Das Tempo wird zwar gut beschleunigt um aber richtig beherzt zu wirken, fehlt es tatsächlich dieses Mal an purer Dynamik. Da wäre der Einsatz von Stützmikrophonen nicht schlecht gewesen, aber eine spektakuläre Raumabbildung ist diesem Label zumindest einmal im Jahr 1990 wichtiger.

Das Andante mosso erklingt sehr transparent. Da das Blech wie erwähnt recht weit entfernt doch gut hörbar ist, gibt es keine dramatische Eskalation in diesem Satz. Er erklingt halb als Intermezzo, halb als Erzählung. Es wird gefühlvoll gespielt.

Im Allegro molto gefällt das saubere Spiel, aber die Spannung der Besten fehlt. Die Hörner erklingen beim Schwanenflug recht beiläufig, erst in der zweiten Hälfte baut sich etwas Großartiges auf. Gut gesteigert schließlich erst beim Einsatz mit den Trompeten, doch insgesamt glatt und ohne das gewisse Etwas an spezifischer Inspiration.

Das Klangbild erscheint tief gestaffelt, was vor allem zur Folge hat, dass das Blech distanziert wirkt. Die Transparenz kann man nur als hervorragend bezeichnen, auch dass der Klang eine schwebende Note erhält, kann gefallen. Es klingt auch plastisch und voll, nicht hart, aber auch nicht richtig warm.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=KeAtNsPkQw8

https://www.youtube.com/watch?v=j2-wfsBsjv0

https://www.youtube.com/watch?v=4rqNyoYLDqA

 

 

4

Okko Kamu

Lahti Symphony Orchestra (Sinfonia Lahti)

BIS

2014

15:08  9:30  9:48  34:26

Diese Aufnahme entstand wie die mit Jukka-Pekka Saraste (Video) im Sibeliustalo zu Lahti, einem hölzernen Monument mit seinen mitschwingenden Resonanzböden. Durch seine enorme Höhe bei einer vergleichsweise geringen Grundfläche hat der Konzertsaal innen etwas von einer Klangkathedrale. In dieser Aufnahme, die zu einer Gesamtaufnahme der Sibelius-Sinfonien gehört, kommt nun wirklich keine vordergründige Hektik auf, es gibt keinerlei „musikalischen Muskelspiele“ und kein Hollywood-Pathos. Bei Okko Kamu entrollt sich die Sinfonie langsam wie sich ein Blatt langsam beim Wachsen entrollt. Bedächtig und kontrolliert. Warum Kamu diese Gangart gerade bei der Fünften einschlägt und bei den anderen Sinfonien weniger, erschließt sich uns nicht. Jedenfalls gehört in unseren Ohren die Fünfte nicht gerade zu den am besten interpretierten Sinfonien dieses Sets. Das Orchester klingt jedoch erneut vorzüglich, es gibt bei Sibelius immer sein Bestes. Es ist ja eigentlich nur ein größeres Kammerorchester, was aber erneut nicht nachteilig auffällt. Dirigent Kamu scheint sich hier jedoch fast ausschließlich für die Lyrik des Werkes zu interessieren, nicht für die dramatisch geschärften Aspekte. Es klingt entschleunigt und man tastet sich gekonnt bis in die leisesten pp vor. Dabei wird jedoch die Innenspannung vernachlässigt genau wie die Schroffheit der Kontraste. Die kommen bei den besten Einspielungen entschiedener und deutlicher heraus. Sehr langsam entwickelt sich der Übergang zum Scherzo-Teil. Bei den Höhepunkten merkt man dem Orchester die etwas verminderte Durchschlagskraft deutlicher an als bei Vänskä oder Saraste. Die Beschleunigung in der Coda wirkt allzu maßvoll bis dann mal richtig zugepackt wird. Auf furiose Rasanz bracht man nicht zu warten. So glüht das Ende des ersten Satzes zwar durchaus, aber es brennt nicht lichterloh. Als Hörer wird man allenfalls gewärmt, aber nicht „geflasht“, wie das heutzutage neudeutsch heißt.

Auch im zweiten Satz, dem Andante mosso herrscht die Tendenz zur Entschleunigung. So dargeboten wirkt der Satz vielleicht doch introvertierter als er gedacht war.

Das Bild ändert sich auch im Allegro molto nicht wesentlich, akkurates Spiel, doch allzu introvertiert, so als ob man der Sinfonie alles Äußerliche nehmen wollte. Im Leisen ist die Darbietung immer noch bestechend klar und deutlich. Im Emotionalen wirkt die Musik ebenfalls zurückgenommen, die vermeintlich „kleinen Gefühle“ verdeutlichend und die vermeintlich großen meidend. Das Orchester spielt gerade die diffizileren, leisen Passagen besonders empathisch. Schade, dass der ansonsten hochklassige Zyklus Kamus ganz anders als bei Mariss Jansons gerade bei der Fünften etwas schwächelt und nicht den Höhepunkt erreicht.  Okko Kamu war bei den Aufnahmen Ende 60.

Der Klang der SACD wirkt voll, wunderbar resonant aber nie zu sehr nachhallend. Die warme Akustik wurde gut eingefangen, die Dynamik ist gut.

 

https://www.youtube.com/watch?v=E-MfeUDA1M4&list=OLAK5uy_l0ZRj0ayuf2Ggirn6KB5vLYp8-Z8Yg8GU&index=13

https://www.youtube.com/watch?v=P0tB0GeSwUA&list=OLAK5uy_l0ZRj0ayuf2Ggirn6KB5vLYp8-Z8Yg8GU&index=14

https://www.youtube.com/watch?v=W1L3DUIf1aA&list=OLAK5uy_l0ZRj0ayuf2Ggirn6KB5vLYp8-Z8Yg8GU&index=15

 

 

4

Leon Botstein

American Symphony Orchestra

ASO (Eigenlabel)

2011, live

12:28  8:32  8:28  29:28

Das American Symphony Orchestra wurde einst von Leopold Stokowski, der uns eine Aufnahme der Fünften leider vorenthalten hat, gegründet. Derzeit ist Leon Botstein sein Musikdirektor und das bereits seit über 30 Jahren. Von der Leitung des ASO soll er mittlerweile seinen Rückzug angetreten haben. Botstein ist auch als Musikhistoriker, Essayist und langjähriger Präsident des bekannten Bard College hervorgetreten. Wenn man dann auch all seine anderen Positionen in Wissenschaft und Lehre zur Kenntnis nimmt, dann erwartet man eher die Darbietung eines Intellektuellen als die eines „Instinkt-Musikers“. Aufgenommen wurde das in New York ansässige Orchester im Richard B. Fisher Center for Performing Arts in Annandale-on-Hudson, der Sommerresidenz des Orchesters mit einem präsenten, gut durchhörbaren Raumklang. Die bauseitige Akustik stammt von Yasuhisa Toyota, der auch in der Hamburger Elbphilharmonie tätig war.

Meist hört man klares Musizieren eines gut aufgelegten Orchesters, aber trotz des zügigen Tempos, das gut zu einer mehr intellektuellen, denn emotionalen Erkundung des Werkes passt, will sich keine rechte Spannung einstellen. Das Spiel wirkt extrem kontrolliert, nie spontan oder gar emotional ausschweifend. Die Steigerungen wirken trocken und akademisch. Die Kompositionsweise und die Instrumentierung erscheinen bis ins kleinste Detail offengelegt, der emotionale Gehalt weniger. Die Coda beschleunigt zwar gut, es fehlt ihr jedoch am mitreißenden Feuer, das man nun einmal seit den Aufnahmen von Kajanus, Collins, Bernstein, Delogu und anderen mit ihm verbindet.

Ähnlich geht es im zweiten Satz weiter. Ungemein sachlich, trocken direkt und ohne den „nordischen Duft“, den man von vielen anderen Aufnahmen kennt. Ohne Romantik-Teppich klingen bereits die Streicher mit einer fast herben, analytischen Klarheit. Das Holz tritt plastisch hervor. Es wird mit sehr wenig Rubato gespielt. Fast metronomisch. Ein wenig starr wirkt die Musik schon. Obwohl gar nicht mal so langsam und vom Orchester durchaus differenziert gespielt, zielt sich der Satz in die Länge.

Im Allegro molto wird die Pauke (wieder einmal) nur sehr hintergründig und leise untergebracht. Die Hörner sind dagegen gut zu hören, Holz und Streicher ebenfalls. Ein majestätisches Hochgefühl will sich jedoch nicht einstellen, denn der Schwanenflug wird nicht eigens abgebremst, sondern weiterhin straff durchgespielt. Das wirkt spröde. Die Ostinati klingen unaufgeregt, einfach ohne besondere Bedeutung glatt durchgespielt, auch nicht als rhythmischer Impulsgeber verstanden. Mit heldenhaftem Pathos oder einem Hohelied auf die Natur als alles durchdringender Materie oder gar der Niederkunft nordischer Sagenwesen hat Leon Botstein nichts am Hut. Er zieht ungerührt durch. Das mag legitim sein, erscheint im Vergleich jedoch als Sibelius auf emotionaler Sparflamme. Eine glasklare Auslegung der Partitur, das war es hier im Wesentlichen bereits. Die finalen Akkordschläge kommen sauber, die Pausen passen, die Paukenvorschläge sind so kurz, sodass man sie fast nicht vom Hauptschlag unterscheiden kann.

Der Klang der Aufnahme ist offen, klar und deutlich, sehr räumlich, farbig. Dynamisch reißt die Aufnahme keine Bäume aus.

 

4

Tauno Hannikainen

Sinfonia of London

World Record Club, EMI, Classics for Pleasure, Maestro (ein Copyright-Ablauf-Label)

1959

12:37  7:37  9:04  29:18

Das Sinfonia of London (nicht zu verwechseln mit der City of London Sinfonia) war ein hochkarätiges Studio- und Sessions-Orchester, das größtenteils aus Musikern der großen Londoner Orchester bestand, die eigens für exklusive Schallplattenaufnahmen zusammengetrommelt wurden. Wir erinnern uns an die Mahler-Aufnahmen mit Wyn Morris, die teilweise mit diesem Orchester eingespielt wurden. Man sollte wie beim RCA Victor Symphony Orchestra oder beim Columbia Symphony Orchestra von einem hochprofessionellen Resultat ausgehen können. Tauno Hannikainen galt in Finnland als legitimer Nachfolger von Robert Kajanus und als Gralshüter des Sibelius-Erbes. Er wurde ausgewählt, die offizielle Trauermusik bei Sibelius´ Begräbnis, das den Rang eines Staatsbegräbnis hatte, zu dirigieren. Mehr Komponistennähe ging damals nach Kajanus Tod eigentlich nicht. Hannikainen war zur Zeit der Gesamtaufnahme der Sibelius-Sinfonien, die man heute kaum noch kennt, 62 Jahre alt. Er war 1929-39 Chef in Turku, 1942-47, also auch während des Krieges, Chef des Duluth Symphony Orchestra. Danach feierte er in Chicago 1947-50 große Erfolge, aber als man ihm 1950 Rafael Kubelik vor die Nase setzte, kehrte er enttäuscht nach Finnland zurück. 1951-63 war er dann Chefdirigent der Philharmoniker in Helsinki. Er steht denn auch musikalisch voll in der Linie von Kajanus, Collins und van Beinum. Er dirigiert flüssig, unsentimental und lässt die Musik stolz erklingen; doch etwas breiter, geerdeter als Kajanus und Collins und ohne jede Hektik, organisch und unangestrengt. Er drängt nicht so sehr und lässt es mehr fließen. In der Coda jedoch leider ohne theatralisch-aufreizendes Furioso. Das Orchester wirkt tatsächlich hochklassig, vor allem Holz und Blech wissen zu gefallen. An Streichern wurde nicht gespart.

Das Andante mosso erklingt mit Wärme und „ausgereifter Rhetorik“. Nie glatt und immer mit einem Rest Herbheit versehen. Unforciert wie der erste Satz, aber auch spannend. Er liegt zwischen Intermezzo und 2. Wiener-Schule-Expressivität.

Das Allegro molto wirkt ebenfalls eher entspannt und unforciert, aber anschaulich. Das Orchester macht keinen gedrillten Eindruck. Leider konnten wir nur auf die Maestro-Ausgabe zurückgreifen, die nicht auf das Masterband zurückgehen konnte, sondern nur auf eine alte LP, die dann mit wenig Aufwand digitalisiert wurde. Da hört man dann die sogenannte „Innenrillen-Verzerrung“ mit, die der Klangqualität gerade am Ende des letzten Satzes stark zu schaffen macht. Die Aufnahme und damit auch die Interpretation hätte sicher noch mehr Potenzial als man in dieser Version zu hören bekommt. Daher ist sie eigentlich nur als Dokument brauchbar, denn mit dem am Ende des dritten Satzes dermaßen flachen und gepressten Klang kann man wirklich nicht von einem Highlight der Diskografie sprechen. Es wurde übrigens in der Hammersmith Town Hall aufgenommen und man hört, dass hier nicht das Ideal eines akustischen Seziertisches wie bei der zeitlich benachbarten Everest-Produktion mit Bloomfield angestrebt wurde. Es klingt eigentlich bereits recht füllig, warm und körperhaft.

 

 

4

Simon Rattle

Philharmonia Orchestra London

EMI

1981

13:40  8:29  9:20  31:29

Bei dieser Aufnahme, der ersten Simon Rattles der Fünften Sibelius´ im Londoner Abbey Road Studio Nr. 1 war der junge Dirigent gerade einmal 26 Jahre jung. Er wurde gerade zum künstlerischen Leiter und 1. Dirigenten in Birmingham ernannt und hatte die Sinfonie gerade bei seinem Debüt beim Philharmonia Orchestra dirigiert, als ihn die EMI sogleich danach ins Studio bat. Es wirkt so, dass sowohl der junge Dirigent als auch das Orchester und das Aufnahmeteam noch nicht ganz bereit waren, die Sinfonie gleich für die „Ewigkeit“ zu konservieren. Die Darbietung wirkt gegenüber der 1987er mit dem CBSO geradezu einen Gang heruntergeschaltet und die Binnenstrukturen noch ziemlich unterbelichtet. Es klingt noch nicht so spannend und vehement gesteigert wie dort und noch lange nicht so souverän und mitreißend. Nur die Coda erreicht bereits ein gutes Furioso, allerdings bleiben das Blech und die Pauke zu weit im Hintergrund. An den Impetus von 1987 (in Warwick mit dem CBSO) und 2015 (in Berlin) kommen sowohl Rattle selbst als auch das Philharmonia Orchestra nicht heran. Das klingt noch im selben Jahr mit Ashkenazy bei Decca einfach rundum besser.

Das Andante mosso erklingt weniger transparent und weniger leidenschaftlich. Im Vergleich zu den beiden späteren Aufnahmen wirkt es unverbindlicher, wie ein nur halbwegs erquicklicher Spaziergang im nordischen Wald oder am See entlang. Die Spannung wirkt minimiert, die Kontraste innerhalb der Variationen abgemildert. Die Hauptursache mag im zurückgesetzten Orchesterklang der EMI liegen. Übrigens verfügt das Philharmonia in dieser Aufnahme immerhin bereits über die wohlklingenden Oboen.

Im Allegro molto wirken die Ostinati ziemlich diffus und lassen an Nebel oder die Transparenz einer sämige Suppe denken, die Hörner klingen jedoch sehr gut und lassen den Flug der Schwäne und das damit verbundene Gefühl plastisch hervorklingen. Der jugendlich-frische Zug, der die 1987er Aufnahme so auszeichnet, fehlt in dieser Darbietung seltsamerweise weitgehend. Das Blech erfreut jedoch mit seinem vollen, sonoren Klang. Die Steigerung zum erhabenen Flug der Schwäne mit den führenden Trompeten erklingt sehr dynamisch. Bereits in seiner ersten Aufnahme bringt Rattle die genau ausgezählten, wirklich langen Pausen. Damit steht er in der gesamten Diskografie fast alleine da. Dennoch wirkt die Aufnahme viel eher wie ein Gesellen- als ein Meisterstück. Die Produktion wurde wohl allzu übereilt anberaumt und viele Beteiligte waren anscheinend nicht vollkommen darauf vorbereitet, vor allem die Tontechnik nicht.

Ähnlich der 87er Rattle-Aufnahme klingt auch diese von 1981 frühdigital und scharf, viel stärker als die ebenfalls 1981, allerdings in der Kingsway Hall entstandene Decca-Aufnahme mit dem Philharmonia und Vladimir Ashkenazy. An Dynamik mangelt es eigentlich nicht, wohl aber an Körperhaftigkeit, Wärme, Fülle und Sonorität. Es klingt diffuser als bei Ashkenazy und noch viel diffuser als in Rattles eigenem Remake 1987 mit dem CBSO und noch etwas distanzierter. 1987 hebt sich der schwere Londoner Nebel und die Sicht auf das Werk wird frei.

 

https://www.youtube.com/watch?v=zL4fxOd2Wl8&list=OLAK5uy_kChA73WQcXGYyFbWgf30yYuhmV5BXnBqE&index=2

https://www.youtube.com/watch?v=enxM36g_vGA&list=OLAK5uy_kChA73WQcXGYyFbWgf30yYuhmV5BXnBqE&index=2

https://www.youtube.com/watch?v=6JQXohJVNiY&list=OLAK5uy_kChA73WQcXGYyFbWgf30yYuhmV5BXnBqE&index=3

 

 

 

3-4

Pietari Inkinen

New Zealand Symphony Orchestra

Naxos

2008

13:52  9:36  9:02  32:30

Diese Aufnahme erfolgte innerhalb einer Gesamtaufnahme unter Studiobedingungen im Michael Fowler Centre in Wellington. Fünf Jahre später erfolgte eine weitere Gesamtaufnahme Inkinens in Tokio, dieses Mal live. Inkinen war künstlerischer Direktor des Orchesters in Neuseeland 2008-2016. Schnörkellos geht es durch die Partitur, recht ausdrucksvoll und geradlinig. Das Orchester spielt feinsinnig mit guten Solisten und deutlichem Holz, warmem, fließendem Streicherklang, der den Gesamtgestus allerdings etwas glatt und widerstandslos werden lässt. Die Tempoveränderungen werden beachtet und wirken in sich stimmig. Der Übergang ins Scherzo könnte jedoch etwas weniger distanziert, temperamentvoller und spannender geraten. Das kann genauso für den gesamten Scherzo-Teil gelten, denn erst in der Coda wird es richtig temperamentvoll. Niemand verliert hier die Übersicht, es klingt jederzeit strukturiert. Es klingt aber insgesamt ein wenig akademisch oder mathematisch, zu wenig aufbruchshaft. Am Ende fehlt es am Prestissimo und furios klingt es ebenfalls nicht.

Das Andante mosso gelingt vergleichsweise besser, klanglich sorgfältig ausgehört, gemessen und detailreich. Das Lyrische steht im Vordergrund und die Klangschönheit ist beträchtlich. Der Satz wirkt insgesamt ein wenig beschaulich, eher pastoral geprägt und etwas zu wenig expressiv aufgeladen.

Im Allegro molto wirkt das Fugato der Ostinati zwar schnell, aber nicht feurig. Die Balance zwischen den Hörnern beim Schwanenthema und den Streichern mit dem Holz wird perfekt getroffen. Man scheint in dieser Darbietung überhaupt vornehmlich auf perfektionierte Abläufe und Klangschönheit aus zu sein. Der emotionale Aspekt erscheint demgegenüber vernachlässigt. Die Musik plätschert zwar nicht nur so vor sich hin, aber besondere Verve lässt sich nicht ausmachen. Man schleppt sich ein wenig neutral und abgezirkelt auf Kontrolle bedacht dem finalen Höhepunkt entgegen. Wenig energisch wirken die Schlussakkorde, der Paukenakzent wirkt indifferent. Dieser Interpretation fehlt der Zug ins Großartige. Inkinen musste sich damals als 28jähriger noch zu sehr auf Schönklang und die technischen Abläufe konzentrieren. Leider stellt sich sein Remake fünf Jahre später in Japan nicht viel anders dar. Dabei hat man ihn später, als er Chefdirigent bei der Deutschen Radio Philharmonie in Saarbrücken und Kaiserslautern war, durchaus als temperamentvollen, inspirierten und inspirierenden Sibelius-Dirigenten erleben können. Anscheinend gelingt dieser Komponist nicht jedem Orchester gleich gut, das wäre auch zu einfach.

Der Naxos-Klang ist der beste der drei in unserer Diskografie vertretenen Naxos-Aufnahmen. Er wirkt räumlich, transparent, recht füllig und farbig. Zudem klingt es recht dynamisch, sehr ausgewogen und ziemlich voll.

 

https://www.youtube.com/watch?v=4I9BFGUC4r8&list=OLAK5uy_mi5IamFtS--LpGGwp8RwBg4pQUqF4Q1Vk&index=5

https://www.youtube.com/watch?v=8t102LfT5z0&list=OLAK5uy_mi5IamFtS--LpGGwp8RwBg4pQUqF4Q1Vk&index=6

https://www.youtube.com/watch?v=eKwHE9TLLXo&list=OLAK5uy_mi5IamFtS--LpGGwp8RwBg4pQUqF4Q1Vk&index=7

 

 

3-4

Theodore Bloomfield

Rochester Philharmonic Orchestra

Everest

1960

12:55  8:30  8:20  29:45

Theodore Bloomfiled ist Cleveländer und war Schüler von George Szell mit dem uns leider nur zwei Aufnahmen der 2, Sinfonie und eine nLive-Aufnahme der Vierten von Sibelius überliefert wurden. Bloomfield war Chef des Orchesters aus Rochester 1958-64. Er galt ähnlich seines Lehrers als streng und akribisch, was sich bei seinen jeweiligen relativ längerfristigen Engagements meist am Ende bemerkbar machte, denn man ging meist im Streit auseinander. So war er in Deutschland nur sehr kurz GMD der Oper in Frankfurt am Main, nämlich nur ein Jahr. Es wurde auf 35-mm-Magnetfilm aufgezeichnet. Das Orchester erscheint nicht mit den höchsten Sibelius-Weihen ausgestattet zu sein, vor allem das Holz wirkt unausgewogen. Man rückt ihm allerdings gnadenlos dicht auf den Leib, sodass es extrem trocken klingt. Wie in einem viel zu kleinen Studio. Der kopierte George-Szell-Stil ohne Cleveland Orchestra (mit dem sich das Rochester Philharmonic nicht ernsthaft messen kann) klingt dann doch sehr nüchtern, aber immerhin straff durchorganisiert und ohne Weichzeichner. Es gibt überhaupt keine Mischung des Holzblasinstrumentenklangs, bei den Streichern und beim Blech genauso wenig. Alles klingt ausschließlich für sich. Die Coda wirkt so sehr transparent und gut gesteigert. An die Besten kommt sie jedoch nicht heran, aber es gibt da auch keine große Enttäuschung.

Der 2. Satz, das Andante mosso, klingt wie unter dem Seziertisch, wie Kammermusik im kleinen Rahmen. Vor allem das Holz wird gnadenlos offengelegt. So wird Sibelius zu einer Art musikalischem Anatomiekurs. Der gemütvolle Intermezzo-Charakter gerät so mehr als in Gefahr. Ob in dieser spröden, so trockenen Atmosphäre die Schwäne im nächsten Satz überhaupt ins fliegen kommen?

Nun leicht haben sie es nicht. Der Schwanenhymnus wirkt nur wenig grandios. Die gut ausgezählten Schlussakkorde wirken trocken und geheimnislos.

Der Klang der Aufnahme wirkt offen, plastisch und atemberaubend transparent. Es klingt recht dynamisch aber so staubtrocken wie aus einem zu kleinen Probenraum oder einem zu kleinen Studio. Es klingt lange nicht so saftig wie die 55er Mono-Aufnahme der Decca mit Anthony Collins. Es gibt bei Everest, obwohl bereits Stereo, kaum Rauminformationen, so trocken klingt es. Für das Orchester wirkt dieser Klang schonungslos. Die Stereobasis wirkt recht breit und es ergibt sich eine Präsenz wie bei guten Living-Presence-Aufnahmen von den Konkurrenz-Label Mercury oder auch den Living-Stereos von RCA. Dasselbe Drei-Mikrophone-Prinzip bringt gnadenlose Transparenz und Unmittelbarkeit auch in diesem Fall mit. Es fehlt jedoch jede Art von Schmelz, Fülle und Wärme.

 

https://www.youtube.com/watch?v=aVUusP56Ck8&list=OLAK5uy_npuyeXFa-c2wD475WfqIOQVcmy5kLb4SU&index=1

https://www.youtube.com/watch?v=xbPk6GmUi4Q&list=OLAK5uy_npuyeXFa-c2wD475WfqIOQVcmy5kLb4SU&index=2

https://www.youtube.com/watch?v=H-KEkyFrVHw&list=OLAK5uy_npuyeXFa-c2wD475WfqIOQVcmy5kLb4SU&index=3

 

 

3-4

Yannick Nézet-Seguin

Orchestre Métropolitain de Montréal

Atma

2023

13:06  9:27  8:50  31:23

Diese Einspielung entstand im Maison Symphonique in Montréal, wie viele andere Aufnahmen der Gesamteinspielung der Sibelius-Sinfonien. Der Spannungsaufbau wirkt etwas zerfahren, auf seine Art jedoch durchaus atmosphärisch. Ohne das hochspannende Pulsieren eines Collins, Roshdestwenskys oder Colin Davis´ (1975, 1992, nicht 2000). Die kinetische Energie wirkt stets wie abgedämpft. Es ergibt sich ähnlich der Darbietung Paavo Järvis eine moderne, hoch transparente aber letztlich doch seltsam leblose Interpretation. In der Coda hören wie so ein eigentlich makelloses Orchesterspiel aber letzten Endes doch wenig furios oder gar eruptiv. An ältere Aufnahmen, von Maazel (1966), Karajan (1965 oder 1976) oder erneut Colin Davis darf man nicht denken. Von Bernstein (1961) oder Gaetano Delogu ganz zu schweigen. Das „Kollektiv“ brennt nicht. Da fehlt die echte Leidenschaft, so als ob man die Herausforderung lediglich auf sportlichem Gebiet sehen würde, was bei Musik viel zu kurz greift. Das Raue, Urwüchsige ist völlig verschwunden, stattdessen stellt sich widerstandslose Glätte ein. Vielleicht aus Sorge vor dem Makel?

Das Andante mosso kommt langsam und verträumt-melancholisch. Die Elegische Komponente wirkt verstärkt. Das volksliedhaft, tänzerische Element wirkt dagegen vernachlässigt.

Das Allegro molto wirkt schnell, bewegt, doch wenig mitreißend. Es klingt zunächst wie eine Etüde, leicht klar, gut geübt. Es gibt aber kaum Glanz und von einer gewissen Entäußerung kann keine Rede sein. Die gut ausgezählten Schlussakkorde krachen nicht richtig und die Vorschläge der Pauke wirken halbherzig. An Thors Hammer mag man da nicht denken. Der Satz wirkt aber auch als Ganzes nie richtig spannend oder richtig lebhaft.

Der Klang wirkt modern, was leider auch heißt: Zwar sehr transparent, aber auch „clean“ und analytisch und wieder einmal recht trocken. Die Streicher bringen wenig Fülle mit, es klingt eher „Crisp“ als weich und rund. Auf die wenig sinnliche Art. Von Atma hat man das auch schon ganz anders gehört. Von „live“ merkt man nichts. Die Aufnahme scheint wieder aus den heute typischen Zusammenschnitten Konzerten und Korrektursitzung oder wie man das heute nennt “Patch-Sessions“, ohne Publikum im leeren Saal. Das Tilgen von Fehlern oder kleinen Missgeschicken verdirbt anscheinend in diesem Fall die spontan wirkenden Live-Situation.

 

https://www.youtube.com/watch?v=_w2mLDC4ECA&list=OLAK5uy_nAYfepX2bp1QZT4v1r9OSwnwXLtSMZ5ow&index=5

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https://www.youtube.com/watch?v=_dQWSw02hpA&list=OLAK5uy_nAYfepX2bp1QZT4v1r9OSwnwXLtSMZ5ow&index=7

 

 

3-4

Jukka-Pekka Saraste

Finnisches Radio-Sinfonieorchester, Helsinki

Finlandia, RCA

1988

13:47  9:27  8:56  32:10

Bei seiner ersten Aufnahme des Sibelius-Sinfonien-Zyklus war Herr Saraste 31 oder 32 Jahre alt. Es werden sich noch viele Aufnahmen gerade der Fünften anschließen. Die erste kam vielleicht etwas zu früh, denn sie wirkt in manchen Bereichen noch unausgegoren. Aufgenommen wurde im akustisch ungünstigen Kultuuritalo Helsinkis, der nicht zu verwechseln mit dem später aus gutem Grund neu erbauten Musiikkitalo ist, wo Sarastes letzte Gesamtaufnahme mit den Philharmonikern aus Helsinki und Hannu Lintus Beitrag zur Diskographie entstanden sind. Saraste war mit seiner ersten GA selbst nicht zufrieden, sodass es bald schon eine zweite geben sollte, die er mit seinem damaligen Rundfunkorchester erneut nun aber live und in der Philharmonie in Sankt Petersburg einspielen sollte. Der Erfolg der Unternehmung stellte sich ein.

Nun aber zurück zu der ersten Aufnahme der Fünften, bei der das Orchester noch ziemlich spröde klingt, was wohl der trockenen Akustik der Mehrzweckhalle ebenso zuzuschreiben ist, wie dem Orchester und dem Dirigenten selbst. Der erste Teil des ersten Satzes wirkt eher gemütlich und wenig atmosphärisch, nicht unbedingt mit der jugendlich-frischen Entdeckerfreude, die man eigentlich eher erwartet hätte. In der Coda wird das Tempo gut gesteigert, aber die Dynamik verbleibt lediglich in einem unspezifischen Mezzoforte-Bereich, auch die Trompeten und die Pauke. Ob das am Dirigenten, dem Orchester oder der Aufnahmetechnik liegt ist schwer zu entscheiden, jedenfalls fehlt die erforderliche Entladung, es klingt viel zu vorsichtig, um nicht zu sagen gehemmt.

Im Andante mosso klingt das Orchester ebenfalls nicht richtig erstklassig, dazu wirkt schon alleine die Akustik zu trocken und glanzlos. Es brechen im zweiten Satz keine Leidenschaften auf, auch weil man keinerlei Risiko eingehen will. Es klingt aber nicht unverbindlich und lahm, bildlich gesprochen schlendert man nicht orientierungslos im nordischen Tannenwald umher, aber das zu enge Klangkorsett schnürt allzu sehr ein.

Im Allegro molto mobilisiert man verhältnismäßig mehr Elan als im ersten und zweiten Satz. Aber die Hörner klingen nicht expansiv genug und richtig golden beim ersten Schwanenflug, aber sie bieten immerhin einen adäquaten Gegenpart zum restlichen Orchester. Im weiteren Verlauf gelingen jedoch stimmungsvolle Passagen, der große Aufschwung zum romantisch-monumentalen Flug wird nur unzureichend durch die eingeschränkte Dynamik befördert. Hier sollte dem Hörer das Herz aufgehen, das wäre der eigentliche Prüfstand dieser Message. Und obwohl das Blech sich nicht schont verpuffen die Bemühungen geradezu in der stumpfen Akustik und in den frühdigitalen Aufnahmegeräten. Die abschließenden Akkordpflöcke werden kraftvoll in die finnische Erde eingerammt und die Pausen wirken spannend. Summa summarum bleibt zu konstatieren, dass die erste Aufnahme der Fünften Sarastes insbesondere am zu engen Klangkorsett scheitert. Gut, dass es fünf Jahre später die Möglichkeit eines Remakes gab.

Der Klang wirkt zwar präsent und recht detailreich, könnte jedoch tiefer gestaffelt und vor allem viel weniger trocken und stumpf ausfallen. Die musikalische Energie verpufft geradezu und bleibt unwirksam. Bei sogenannten „Mehrzweckhallen“, in denen Kongresse und Konzerte gleichermaßen gegeben werden, wird meistens der Sprachverständlichkeit der Vorzug eingeräumt, so auch in Helsinki. Auch die Finlandia Hall konnte das Problem noch nicht beheben, erst das erste vor wenigen Jahren neu gebaute Musiikkitalo lässt die Musik Sibelius´ in voller Pracht auch für die musikliebenden Bewohners Helsinkis und Umgebung erklingen. Da man die Sinfonien des National-Komponisten alle paar Jahre in Finnland und insbesondere in Helsinki neu aufnimmt kann man diesen Teil der städtebaulichen Entwicklung gut verfolgen.

 

https://www.youtube.com/watch?v=fH4OVwSsFYU&list=OLAK5uy_kB8CtHu9nS56FZ_JfgkvgkSnQeWgoe7L0&index=36

https://www.youtube.com/watch?v=TdlwT_gjotk&list=OLAK5uy_kB8CtHu9nS56FZ_JfgkvgkSnQeWgoe7L0&index=37

https://www.youtube.com/watch?v=4bvtmAqEkbo&list=OLAK5uy_kB8CtHu9nS56FZ_JfgkvgkSnQeWgoe7L0&index=38

 

 

3-4

Klaus Mäkelä

Oslo Philharmonic Orchestra

Decca

2021

14:15  9:41  9:46  33:42

Diese Aufnahme der Fünften ist wie der gesamte Sibelius-Sinfonien-Zyklus ein Produkt der Corona-Pandemie. Man hat sich im Osloer Konserthus eingesperrt und gespielt, gespielt und gespielt und dann aufgenommen. Ganz ohne Publikum und mit der damals verpflichtenden Abstandsregel von 1,5 Metern und einer Atemmaske. Das Orchester hat bereits eine lange Sibelius-Tradition, denn der Komponist selbst dirigierte es erstmals 1921 mit eigenen Werken. Klaus Mäkelä hingegen war erst 25 und da er selbst Finne ist, sollte er zu seinem Plattendebüt gleich alle sieben Sinfonien seines Landsmannes einspielen. Manche Produzenten scheinen zu glauben, dass die Tatsache, dass der Dirigent selbst Finne ist, zwangsläufig gute Darbietungen der Sinfonien hervorbringt. Aber alleine die Corona-Spielbedingungen stellten wohl ein erhebliches Hindernis auf dem Weg des Gelingens dar. Da konnte man doch unmöglich richtig frei aufspielen! Hinzu gesellt sich ein seltsam matter Klang, der an die üppige Fülle und Wärme der älteren DG-Klassiker von Karajan (DG 1965), Bernstein (Wiener) und sogar Celibidache in Stockholm nicht ganz herankommt. Von den alten Decca-Klassikern ganz zu schweigen (Collins, Maazel, Ashkenazy). Das Spiel der Osloer Streicher ist sehr differenziert und wohlklingend, man bemerkt, dass gerade die Streicher besonders im Fokus des jungen Dirigenten standen, bei den Bläsern trifft das weniger zu. Man vernimmt im ersten Satz einen kontinuierlichen Steigerungsverlauf, der aber seltsamerweise nur wenig Spannung erzeugt. Die Dynamik bewegt sich meist auf mittlerem Niveau. Die Osloer klingen gut, aber an den Glanz der Berliner, Wiener oder der New Yorker von 1961 kommen sie nicht heran, was aber genauso am Raum oder der Aufnahmetechnik liegen mag. Aber auch bei Mariss Jansons hinterließ der Klang der Osloer viel mehr Eindruck und auch musikalisch gab es da erheblich mehr Feuer und mehr zu entdecken. Vielleicht versuchte man den natürlichen Klang dieser Tage im Osloer Konzerthaus einzufangen? Die Orchesterbalance ist ein wenig zu stark auf die Streicher hin ausgerichtet, das Holz könnte besser herauskommen und das Blech wirkt sogar ein bisschen versteckt. Die Coda wird gut gespielt, es fehlt ihr jedoch der richtige Presto-Biss. Zudem fehlen klangliche Fulminanz und Durchschlagskraft. Die Pauke ist viel zu schwach zu hören.

Das Andante mosso hat Intermezzo-Charakter und wirkt letztlich etwas oberflächlich. Die Streicherostinati stehen immer etwas zu deutlich im Vordergrund. Die Darbietung wirkt wenig kontrastreich, es fehlt auch der tänzerische Aspekt, den andere besser zum Leben erwecken konnten. Gut gespielt, aber indifferent.

Im Allegro molto vermisst man den Anflug von Naturgewalt, die dem Satz erst seine wahre Größe verleiht. Den Hörner fehlt der rechte Glanz, sodass der Flug der Schwäne entsprechend matt klingt. Das geht jedoch eher auf das Konto der Klangtechnik. Dass es aber auch etwas lasch und ohne die gewünschte erlebnishafte Erhabenheit klingt, mag an Corona und vielem anderen liegen. Man vermisst auch eine gewisse raumgreifende Weite. Manchmal erklingen die Holzbläser auch ergreifend-schön und emotional und es bleibt bedauerlich, dass man sich so streicheraffin zeigt. Die Fünfte ist in ihrem Naturell, wenn man das mal so sagen darf, eher eine Bläsersinfonie, das ignoriert die Klangtechnik leider. So bleiben nur einzelne Ereignisse, die zeigen, was unter besseren Bedingungen vielleicht möglich gewesen wäre. Und auch wenn das Schwanenthema von den Trompeten gespielt wird, fehlt es an Grandezza und schwereloser Erhabenheit. Wenn man an den Geniestreich Barbirollis 1966 mit dem angeblich zweitklassigen Hallé Orchestra zurückdenkt tun sich fast Welten auf. Laut Sibelius sollen die Schwäne in einem zeitweise aufblitzenden Silberband geflogen sein. Dazu fehlt in Oslo einfach der Glanz.

Der Klang der Aufnahme wirkt zwar sehr klar und offen und lässt das Orchester gut gestaffelt hören, es fehlt ihm aber an der gerade in dieser Sinfonie so wichtigen Holz- und Blechbläserpräsenz. Gleiches gilt von der Pauke, aber darin trifft sich die Aufnahme mit sehr viel anderen. Zur Bestätigung kann man mal kurz in die Abravanel-Aufnahme von 1977 oder die Bernstein-Aufnahme von 1961 reinhören. Zudem könnte der Klang angesichts des Aufnahmedatums viel praller und dynamischer wirken. Auch farbiger und brillanter. Insgesamt wirkt das Klangbild eher steril als lebendig. An den alten Decca-Glanz der Collins- (1955, noch in Mono) oder Maazel-Aufnahme (1966) kommt die neue nicht heran. Auch an die Ashkenazys (1981) nicht.

 

https://www.youtube.com/watch?v=4v0K1pzLvbU&list=OLAK5uy_n01d6BVq5lEpV5XUkl4h1eXslj5jw4HSI&index=16

https://www.youtube.com/watch?v=jE2y05MQsUw&list=OLAK5uy_n01d6BVq5lEpV5XUkl4h1eXslj5jw4HSI&index=17

https://www.youtube.com/watch?v=nJXll1UQfGs&list=OLAK5uy_n01d6BVq5lEpV5XUkl4h1eXslj5jw4HSI&index=18

 

 

3-4

Pietari Inkinen

Japan Philharmonic Orchestra

Exton

2013, live

14:39  9:38  9:00  33:17

Als Pietari Inkinen seinen zweiten Sibelius-Sinfonien-Zyklus live in der Suntory Hall aufnahm, war er noch erster Gastdirigent des Orchesters in Tokio. Von 2016-2023 wurde er dessen Musikdirektor. 2017-25 war er auch in Deutschland tätig, bei der DRP, der Deutschen Radio Philharmonie.

Falls man erhofft hatte, die Live-Situation würde Tempo und Gestus der Darbietung Inkinens, so wie man beides in Neuseeland hören konnte, beleben, sieht sich enttäuscht. Der Gestus bleibt im Wesentlichen gegenüber 2008 in Neuseeland unverändert, das Tempo wird sogar noch langsamer. Prickelnde Live-Atmosphäre will sich nicht einstellen. Das Orchester klingt sehr klangschön, es fehlt der Musik aber noch mehr am spontan wirkenden Zugriff und an „Zugkraft“. Es klingt zwar üppig aber der Übergang zum Scherzo-Teil des ersten Satzes erklingt mit träge wirkender Monumentalität, mühsam und ohne die rohe Urgewalt, die manche andere Orchester und Dirigenten hier entfachen konnten. Der Charakter eines ersten richtigen Höhepunktes will sich eigentlich gar nicht einstellen. Im Scherzo-Teil selbst wird nur zäh an Tempo gewonnen. Es fehlt erneut an Feuer. Erst in der Coda werden die Lebenskräfte des Orchesters erweckt, die Transparenz dabei erscheint vorbildlich, aber es erfolgt leider kein Befreiungseffekt. Trompeten und Pauke sind vorbildlich hörbar, aber von einem Presto so schnell wie möglich kann keine Rede sein. Da hält man einen zu großen Sicherheitsabstand ein.

Das gleiche Tempo wie in Neuseeland lässt den zweiten Satz notturnoartig wirken, gerade noch fließend, aber mehr schreitend als gehend und kaum tänzerisch. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man sich geradezu durch die Variationen durchbuchstabiert. Das Expressive und Dramatische scheint weitmöglich zurückgedrängt. Das Resultat wirkt eher depressiv statt pastoral oder gar leidenschaftlich wie bei den Besten.

Im Allegro molto fällt sogleich wieder das fein ausbalancierte wohlklingende Orchesterspiel auf. Die Hörner mit ihrem Schwanenthema werden so fein wie möglich mit dem Holz und der Streicherkantilene ausbalanciert. Nein, mangelnde Sorgfalt kann man der Produktion ganz gewiss nicht vorwerfen. Ostinato wirkt aber nur wenig rhythmisch, wenig energisch und wird nicht als vorantreibendes Element begriffen, worauf die Tempobezeichnung doch hingewiesen hätte. Der kinetische Entwicklungsverlauf bleibt ohne Steigerungseffekt. Klanglich delikat und vollmundig gespielt aber allzu statisch erscheint der Satz kaum expressiv geschärft. Es fehlt auch an leidenschaftlich wirkender Dynamik. Sollte da eine gewisse Ehrfurcht vor dem erdrückenden Namen Sibelius (immerhin ein nationales Heiligtum in Finnland) zu einer gewissen Lähmung der spontan wirkenden Kräfte geführt haben? Es bleibt so eine fehlerfrei gespielte, saubere, wohlklingende aber leicht anämisch wirkende Fünfte übrig.

Der Exton-Klang wirkt sehr transparent und dreidimensional gestaffelt, konturiert aber nur mit einer reduzierten Dynamik ausgestattet. Obwohl das Orchester nicht distanziert wirkt, fehlt der Live-Erlebnis-Charakter. Nur wenige Geräusche vom Publikum dringen ans Ohr.

 

 

3-4

Akeo Watanabe

Japan Philharmonic Orchestra

Nippon Columbia, Denon, Epic

1965, live

13:17  7:59  7:46  29:02

Bereits 1962 legte Akeo Watanabe (1919-1990) die erste Gesamtaufnahme der Sinfonien Sibelius´ vor. 1965 wurde diese mit einer Live-Aufnahme aus der Bunka Kaikan in Tokio flankiert, dem Ort der regulären Konzerte des Orchesters 1961-89. 1982 erfolgte eine weitere GA unter Studiobedingungen, die wir weiter oben bereits besprochen haben. Auf die erste Aufnahme von 1962 hatten wir leider keinen Zugriff. Man wird sich fragen, was einen Japaner dazu treibt die Sinfonien des Finnen sogar dreimal komplett aufzunehmen? Das Geheimnis ist schnell gelüftet, denn er hatte eine finnische Mutter. Er wuchs mit den finnischen Naturmythen auf und verschrieb sich zeitlebens seiner Mission, die Musik Sibelius´ in Japan heimisch zu machen. Er studierte in Tokio und an der Juilliard School of Music in New York. 1948-54 war er Chefdirigent des Tokyo Philharmonic Orchestra. 1956 gründete er das Japan Philharmonic und blieb dessen Direktor bis 1968. Danach war er Chef in Kyoto und beim Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra. 1978 wurde er erneut Chef des von ihm gegründeten Japan Philharmonic und blieb es bis zu seinem Tod 1990.

Das gut ausbalancierte Orchester spielt bereits 1965 mit dem typischen Sibelius-Sound. Es fehlt ihm in dieser Live-Aufnahme jedoch an Fülle und Glanz. Es wird im ersten Satz bei einem mittleren Tempo keine Hochspannung erzeugt. Beim ersten Höhepunkt, dem Übergang in den Scherzo-Teil werden noch dynamische Reserven gelassen. Insgesamt klingt es unprätentiös, aber auch etwas glatt und serenadenhaft. Die Beschleunigung zur Coda hin wirkt langsam aber stetig gesteigert. Das Erreichte Presto ist spürbar, eine Con-Fuoco-Wirkung will sich nicht einstellen. Da ist noch eine gewisse fernöstliche Zurückhaltung zu spüren und das Klangbild muss komplett ohne Pauke auskommen. Das gelingt 1982 besser.

Das Andante mosso wirkt „relaxt“ und etwas verspielt, die expressiven Steigerungen werden kaum voll ausgereizt.

Das Allegro molto erklingt sehr zügig. Die Hörner verpatzen ihren Einsatz zum Schwanenthema, ist eben live. Sie verzichten zunächst auf eine Legato-Spielweise. Holz und Streicher stehen dagegen voll „ihren Mann“. Das Orchester hat noch nicht seine spätere Spitzenqualität erreicht wie 1982 oder 2013 bei Inkinen, so fehlt den Trompeten noch die für eine erhaben wirkende Majestät erforderliche Strahlkraft.

Der Klang der Aufnahme bietet eine für 1965 erstaunliche Live-Qualität. Völlig offen wirkt sie noch nicht, eher ein wenig belegt, aber außerordentlich transparent und tief gestaffelt. Das Holz erklingt etwas distanziert, die Streicher noch leicht aufgeraut. Die Dynamik wirkt noch nicht besonders weit gespreizt. Der Bass ist sehr zurückhaltend. Es gibt keinerlei Geräusche vom Publikum zu hören, es herrscht hochkonzentrierte Stille im Auditorium.

 

https://www.youtube.com/watch?v=7xIGRAlLKmU

https://www.youtube.com/watch?v=5R1Zwj3gErg&list=OLAK5uy_kDF_RykBfhObglzfGDhmtkCpUKNiLgNsc&index=2

https://www.youtube.com/watch?v=TKrDSRVDl2s&list=OLAK5uy_kDF_RykBfhObglzfGDhmtkCpUKNiLgNsc&index=3

 

 

3-4

Sir Colin Davis

London Symphony Orchestra

LSO Live

2003, live

13:28  8:07  9:00  30:35

Bei seiner dritten Gesamtaufnahme war Sir Colin Davis 76 Jahre alt. Es wurde leider wieder einmal in der 1982 eröffneten, im Stil des „Brutalismus“ erbauten Barbican Hall aufgenommen, der ständigen Spielstätte des LSO. Sie fungiert als „Trockendock“, denn es klingt in ihr, obwohl als Konzertsaal konzipiert, noch trockener als in Mehrzweckhallen oder Opernhäusern, die zumeist ziemlich resolut auf Sprachverständlichkeit ausgelegt sind. Es hat lange gedauert, bis das orchestereigene Label richtig gut klingende Aufnahmen in diesem Konzertsaal erstellen konnte. Der Sibelius-Zyklus gehört leider noch nicht dazu. Eine sehr teure Renovierung des Saals nach akustischen Gesichtspunkten wurde 2005 auf den Weg gebracht.

So klingt das LSO leider sehr trocken, flach und fast spröde und was noch entscheidender ist, ohne die anspringende Spontaneität, die die beiden älteren Aufnahmen von Sir Colin 1975 in Boston und 1992 ebenfalls in London (aber nicht im Barbican!) auszeichnen. Es fehlt gewissermaßen eine tragende Klangwolke auf der sich die Musik entfalten könnte. So wirkt alles weniger flüssig und sogar etwas „gequält“, obwohl Sir Colin ein schnelleres Tempo als 1975 in Boston anschlägt. Es wirkt alles noch wie erarbeitet und „mühsam“, obwohl das sicher nicht so gewesen ist. Die Akzente der Pauke bleiben gegenüber 1975 und 92 untergewichtet. Es drängt nicht mehr. Gegenüber den beiden älteren Glanzleistungen hat das Presto der Coda nun keine Chance mehr zu bestehen. Die Pauke ist nur schlecht zu hören und vermag keinerlei Stütze für das restliche Orchester zu geben, geschweige denn es voranzutreiben, gar anzupeitschen, was sie eigentlich bestenfalls sollte, nur gegen Ende der Coda treibt sie hörbar voran. Dem Blech setzt die stumpfe Akustik stark zu, da fehlt es nicht nur an Glanz, jegliche Bemühungen scheinen frühzeitig zu verebben, bevor sie das Ohr erreichen können. Der Raum schluckt alles, gibt nichts zurück. Die Resonanz wirkt wie ausgelöscht, selten klang ein Orchester dieses Formats in einer Aufnahme von 2003 so flach.

Das Andante mosso wirkt erheblich herber als in den Aufnahmen von 1975 und 92. Es erfolgt keinerlei Mischung des Klangs, die Violinen, eigentlich Weltklasse, klingen hart. Das Tempo ist hier sogar das Schnellste aller drei Colin-Davis-Aufnahmen. Wenn es langsamer gewählt worden wäre, wäre der Klang vielleicht sogar „verhungert“. Schade um das schöne, nuancenreiche Orchesterspiel, wie sehr vermisst man doch die Wärme des Philips-Klangs von 1975 in Boston oder den prachtvollen Klang des LSO in der 92er Einspielung von RCA. Die „Trockenheit“ verhindert jegliches gefühlvolle Aufblühen des Klangs. Dem Satz fehlt so leider jeder Charme.

Im Allegro molto werden die Ostinati zweifellos gut gespielt, sie haben aber in dieser Aufnahme keine Chance zu einer zartschmelzenden Klangfläche zu werden. Gegenüber den beiden älteren Aufnahmen Sir Colins ergibt sich ein klanglich enttäuschender Verlauf. Sie kann akustisch und klangtechnisch nicht gegen die beiden Vorläufer bestehen. Da stehen selbst das Londoner Weltklasse-Orchester und sein erfahrener und verdienstvoller Sibelius-Dirigent auf verlorenem Posten.

In dieser Aufnahme gibt es (trotz SACD-Technik) keinen natürlich wirkenden Nachhall. Es klingt flach und trocken, denn es gibt auch kaum räumliche Ausdehnung in die Tiefe und es fehlt an Körperhaftigkeit. Es klingt wie aus einem zu kleinen Studio, es gibt keine weiche, stützende Klangwolke, die den Klang tragen könnte. Jedes Instrument und jede Gruppe wirkt isoliert und bekommt keine Verbindung zum restlichen Orchester, nur im Tutti, wenn es gut läuft. Zudem macht das Klangbild auf uns einen leicht linkslastigen Eindruck. Diese Einspielung braucht niemand, denn es gibt zwei viel bessere, wenn man die Fünfte von Sibelius von Colin Davis dirigiert hören möchte.

 

https://www.youtube.com/watch?v=P4V0rCRyehs&list=OLAK5uy_kAURn4ifxvwzOKRrSzSMshGIfGq7mxmB0&index=2

https://www.youtube.com/watch?v=DEUsa_EXsQg&list=OLAK5uy_kAURn4ifxvwzOKRrSzSMshGIfGq7mxmB0&index=2

https://www.youtube.com/watch?v=IjV2-v1rlwg&list=OLAK5uy_kAURn4ifxvwzOKRrSzSMshGIfGq7mxmB0&index=3

 

 

3-4

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra

RCA-Sony

1975

13:34  9:45  10:06  33:25

Eugene Ormandy hat einige Sinfonien von Sibelius gerne gespielt und aufgenommen, andere nicht. So machte er einen Bogen um die Dritte und die Sechste, die er eigenen Angaben zufolge nicht „verstand“. Die Fünfte hat er nach der gelungenen Mono-Aufnahme von 1954 nur noch einmal in Stereo aufgenommen. Insgesamt hat uns die ältere Mono-Aufnahme besser gefallen. 1975 entwickelt sich erst nach und nach eine gewisse Spannung, die Streicher klingen für Philadelphia-Verhältnisse recht rau, das Holz kommt gut durch, das Blech erklingt allerdings distanziert. Bei diesem Aufnahmedatum und der Klangcharakteristik könnte es sich um eine original Quadroaufnahme handeln. Das Spiel des Orchesters wirkt detailreich, insgesamt eher entspannt als packend, es kommt einem rhythmisch exakten genüsslichen Ausbreiten ziemlich nah. Das finale Accelerando erfolgt bedächtig. Während das Blech in der Coda nun besser zur Geltung kommt, bleibt die Pauke nahezu unhörbar. Die Steigerung wirkt gegenüber der Aufnahme von 1954 gebremst. Da fehlte dem nunmehr 76jährigen vielleicht doch die Kraft, einen entscheidenden Energieschub zu veranlssen.

Im Andante mosso werden die Streichereinsätze verschiedentlich ein wenig durch leichte sf-Einsätze zusätzlich aufgemöbelt. Der Philadelphia-Sound wirkt nun etwas wärmer, aber immer noch flach und anämisch, also ziemlich untypisch für dieses Orchester. Langweilig wird es nicht, denn das Holz klingt präsent. Der Rest des Orchesters wirkt allerdings wenig körperhaft und 1954 klangen die Violinen tatsächlich crèmiger.

Der dritte Satz bleibt ebenfalls hinter den klanglichen Erwartungen zurück. Das Orchester schwingt sich jedoch wieder zur alten Klasse (in dem Fall der von 1954) auf, für den miesen RCA-Klang kann es ja nichts. Die Beschaulichkeit zieht sich allerdings durch den ganzen Satz, man durchlebt also keine abenteuerliche Erkundung und kein Drama. Es schiebt sich eine melancholische Abschiedsstimmung vor die Musik, das sollte jedoch ebenfalls legitim sein. Eine persönliche Darbietung, die vielleicht bereits von Alter und Krankheit des Dirigenten in Mitleidenschaft gezogen wurde. Eugene Ormandy litt unter chronischen Schmerzen, die auf eine alte Verletzung während seiner Jugend zurückging und er musste sich einer damals noch komplizierten Hüftoperation unterziehen. Die immense Kraft, die in seiner ´54er Aufnahme noch geradezu körperlich spürbar wird, erscheint nur noch stark gemindert. Das Orchester lässt sich jedoch nicht daran hindern, den Hymnus so gut wie möglich auf die Bänder zu bringen. Der Klang gehört jedoch zu einem eher traurigen Kapitel der RCA-Geschichte. Später wurde die Firma nicht von ungefähr übernommen. Eine Ära näherte sich ihrem Ende.

Der Klang der Aufnahme wirkt ziemlich pauschal, recht distanziert, flach und trocken. Weniger tief gestaffelt und ein wenig dünn und ausgezehrt. Die Streicher, insbesondere die Violinen klingen recht rau. Insgesamt klingt die Aufnahme weniger präsent als Ormandys Sibelius-Stereo-Aufnahmen von CBS, na ja, es gibt von allem weniger, vor allem die Violinen klingen leicht gepresst und trocken. Der Klang enttäuscht insgesamt. Er bringt erstaunlich wenig vom vollen, üppigen und sinnlichen Philadelphia Sound rüber. Eine entbehrliche Aufnahme. 

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=MqV7UOcEo3I&list=OLAK5uy_nCCc0UMIzJsGCuxcC78ieV1KBl6xT46K8&index=19

https://www.youtube.com/watch?v=qp0HYELz6Po

https://www.youtube.com/watch?v=TLyrUX88GPs

 

 

3-4

Esa-Pekka Salonen

Philharmonia Orchestra

CBS-Sony

1986

13:59  10:03  9:25  33:27

Esa-Pekka Salonen war 1985-94 erster Gastdirigent beim Philharmonia Orchestra, erst 2008-21 wurde er zu dessen Musikdirektor. Er war 1983 mit 24 spektakulär für Michael Tilson Thomas eingesprungen, galt seither als nordisches „Wunderkind“ und sollte als solches vermarktet werden. Damals 1986, als 27jähriger, sollte er eigentlich den gesamten Zyklus einspielen. Salonen wehrte sich jedoch dagegen und verweigerte den Zyklus, da er nicht so früh in eine Schublade gesteckt werden wollte, da er nur Musik aus seiner Heimat dirigieren durfte. Seine Beziehung zu Sibelius, so sagte er damals, sei „wie die eines Beduinen zu Sand“. „Das Land ist voll davon, man kann ihm nicht entfliehen und man entwickelt eine nüchterne, unromantische Distanz dazu. Stattdessen nahm er einen Zyklus der Sinfonien von Carl Nielsen auf.

Im ersten Satz gibt es keinen nordischen Nebel, direkt und sehr nüchtern kommen die Hörner ins Bild. Es folgt ein schnörkelloser, ruhiger erster Abschnitt. Holzbläser und Blech kommen deutlich heraus, alles in einem langsamen Tempo bei dem nichts plüschig klingt. Nach Rattle und Ashkenazy war dies die dritte Fünfte für das Philharmonia in kürzester Zeit. Man merkt, dass Salonen weg will vom Romantik-Klischee und Sibelius dezidiert als Vorläufer der Moderne darstellen möchte. Es findet ein sorgfältiges Spiel der Partitur gemäß statt, differenziert jedoch ziemlich spannungslos. Die Beschleunigung findet extrem langsam statt, sodass man nach dem Übergang kaum ein anderes Tempo wahrnimmt, wenn man nicht eigens darauf achtet. Das wirkt sehr gut kontrolliert doch allzu behäbig. Der Ansatz von Ashkenazy fünf Jahre zuvor wirkte deutlich leidenschaftlicher, spontaner und mitreißender und auch bei Rattle ist mehr Leidenschaft dabei, auch wenn diese Aufnahme ebenfalls gegenüber späteren als misslungen bezeichnet werden muss. Die Coda entschädigt mit guten Furioso und einer temperamentvollen Orchesterleistung. Das Blech kommt kräftig und die antreibende Pauke wird nicht vernachlässigt. Insgesamt bleibt die Darbietung bis jetzt jedoch sehr kontrolliert. Die Orchestervirtuosität wirkt wie demonstriert. Ein heillos loderndes Feuer erwartet einen nicht. Da wirken die späteren Einspielungen Salonens aus Verbier, San Francisco und vor allem München erheblich emotionaler, so als wäre er mit seinem Nationalkomponisten ins Reine gekommen.

Das Andante mosso wirkt im Vergleich zum Kopfsatz gefühlvoller, zunächst liedhaft und unbeschwert, balsamisch und tröstlich. Aber Salonen hält das Tempo ziemlich starr durch und eine gewisse „Kühlschrank-Atmosphäre“ macht sich breit. Romantische Gefühle oder gar Aufschwünge bleiben im langsamen Tempo geradezu stecken, da kann das neue Philharmonia-Holz so gut klingen, wie es will. Es wirkt allzu mechanisch und die Musik kann kaum richtig atmen. So kann Salonen aus Sibelius keinen zukunftsweisenden Visionär machen.

Im Allegro molto kann man sehr deutliche Hörner hören, die sehr gut den „Flügelschlag“ der Schwäne plastisch werden lassen. Dennoch bleibt die Gesamtwirkung deutlich hinter der von Ashkenazy mit dem gleichen Orchester zurück, da wo es Ashkenazy glänzen lässt, dämpft Salonen ab. Es klingt bei ihm extrem präzise und bereits etwas ausziseliert. Im Verlauf steigert aber auch Salonen und lässt das Phiharmonia-Blech glänzen und er erhält uns den Höhepunkt nicht vor. Erschüttern oder begeistern kann er uns mit seiner Erstling-Einspielung jedoch nicht.

Die Aufnahme klingt klar und deutlich, recht weich aber räumlich distanziert. Es gibt bereits keine frühdigitale Schärfe mehr, auch nicht bei den Violinen. Es fehlt die unmittelbar packende Dynamik.

 

https://www.youtube.com/watch?v=b4fzCg2jC84

 

Ein Video ebenfalls aus jungen Jahren zeigt Esa-Pekka Salonen beim Swedish Radio Symphony Orchestra Stockholm, bei dem er ebenfalls einmal Chefdirigent war:

 

https://www.bilibili.com/video/BV19x411y7wi/?spm_id_from=333.788.videopod.episodes&p=2

 

 

 

3-4

Arvo Vollmer

Adelaide Symphony Orchestra

ABC

2001

13:20  9:08  9:00  31:38

Auch diese Aufnahme der Fünften stammt aus einer Gesamtaufnahme der sieben Sinfonien. Es wurde in der Adelaide Town Hall in Australien aufgenommen. Arvo Volmer stammt wie Neeme Järvi aus Tallin und auch er war lange Chefdirigent des Estnischen Nationalorchesters. Tallin liegt übrigens genau gegenüber Finnland, wenn man mal von der dazwischenliegenden Ostsee absieht. Von 2004-2013 war er Musikdirektor in Adelaide und er ist eigentlich bekannt für seinen strukturbewussten, schlanken, doch hochemotionalen Zugriff. Seit 2019 und derzeit ist er Chef der Estnischen Nationaloper. Und 2004-2020 war er Chefdirigent des Orchestra Haydn di Bolzano e Trento. Das Orchester in Adelaide gehört zur Spitze Australiens, nur dass die Australischen Orchester außerhalb Australiens eigentlich niemand zur Kenntnis nimmt. Zwischen 1999-2001 wurde der Zyklus eingespielt, Dafür probte man Down Under bis zum Umfallen. Es klingt eigentlich charaktervoll, sehr warm, weich und geschmeidig.

Der erste Satz wirkt ruhevoll und souverän, da ist keine Nervosität und Hektik zu spüren, aber auch keine Aufbruchsstimmung. Das Orchester klingt dynamisch, die edle lang gezogene Linie ist Trumpf. In der Coda wird gut beschleunigt, aber es fehlt dem Klangbild einfach zu sehr an Brillanz, da kann das Orchester auch noch seine letzten Reserven mobilisieren, es klingt einfach zu dumpf und nicht kraftvoll genug. Der Klang scheint die ganze Energie vom Orchester abzusaugen. Dahinter steht wahrscheinlich wieder einmal eine klanglich unzureichende Multifunktionshalle. Die obersten Frequenzen wirken jedenfalls wie rigoros gekappt.

Das Andante mosso kann durch den warmen Klang punkten, so ähnlich muss es wohl klingen, wenn man Sibelius mit einem Brahms-Klang spielt. Ob der Satz so seine Bestimmung erfährt? Im Vergleich wirkt er aber auch etwas behäbig und klanglich zu schwer.

Das Allegro molto ist nun ein Beispiel dafür wie die Klangqualität eine eigentlich gute und klangschöne Aufnahme kompromittieren kann. Es wirkt unaufgeregt von A-Z. Aber so leblos wie diese klingt keine zweite. Die Obertöne werden vollkommen gekappt und so klingt es extrem matt. Schade, schade, denn eigentlich spielt das Orchester mit Herz und Seele, so als ob Australien ein direktes Nachbarland von Finnland wäre. Leider wirkt die Musik fast so wie lebendig begraben oder klinisch tot.

Wenn es sich um eine ältere Analogaufnahme handeln würde, was ja nicht der Fall ist, könnte man davon ausgehen, dass hier rigoros aber stümperhaft entrauscht worden wäre. Das was übrig bleibt, lässt ein warmes und weites, aber nicht gerade luftiges, sondern besonders „schweres“ Klangbild hören. Von Brillanz keine Spur, stattdessen klingt es dumpf und matt. Stark überdämpft.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=Qs9EZbY5hsU&list=OLAK5uy_k6doTIGEVDD_i_CPbVYqW6IC6Ltlfc2-s&index=15

https://www.youtube.com/watch?v=DNgwhCUWpI0&list=OLAK5uy_k6doTIGEVDD_i_CPbVYqW6IC6Ltlfc2-s&index=17

https://www.youtube.com/watch?v=L7kN2rxh9WI&list=OLAK5uy_k6doTIGEVDD_i_CPbVYqW6IC6Ltlfc2-s&index=17

 

 

3-4

Adrian Leaper

Gran Canaria Philharmonic Orchestra

Arte Nova

1996

13:33  8:52  9:38  32:03

Auch diese Aufnahme der Fünften entstammt einer Gesamtaufnahme. Sie wurde im El Cebadal in Las Palmas aufgenommen. Das Orchester, dessen Chefdirigent Adrian Leaper 1994-2002 war, stellt sich hier ohne dünnen Provinz-Sound vor, es scheinen auch keine Schwächen an den ersten Pulten oder im Ensemble hervor, es klingt warm und spielt homogen, vollkommen „unparfümiert“ und geradlinig, engagiert und konzentriert. Allerdings entfacht es auch kein loderndes Feuer aber langweilig wird es auch nicht. Die Brillanz der Besten fehlt freilich.

Das Andante mosso lässt keine Abgründe hören, es ist kein leichtes Intermezzo, aber auch keine Studie in Expressivität und hat was Tröstliches.

Erstaunlicherweise klingt das Allegro molto ganz schön finnisch, will heißen dunkel und schwermütig, wenn man bedenkt, dass man sich eigentlich auf einer sonnendurchfluteten Ferieninsel befindet. Der Satz spielt sich ruhig und in erdigen Farben ab, die Schwäne werden jedoch nicht zu silbrigen Überfliegern. Überraschend deutlich lässt man das Holz die Stimmen der Schwäne erklingen, genau, wie sie von Sibelius beschreiben werden, danach steigen sie hoch und majestätisch auf. Statt silbrig klingt es dabei allerdings eher bronzefarben und sie fliegen eher ins Abendrot als in den strahlenden Mittag, den tiefen Registern sei es gedankt. Übrigens, falls wir es noch nicht erwähnt haben, seit der 3. Sinfonie kommt der Naturklang Sibelius´ ganz ohne Tuba aus. Gegenüber der Aufnahme Leapers sechs Jahre zuvor aus der Slowakei auf Naxos sehen wir leichte Vorteile für die Aufnahme von Gran Canaria.

Der Klang der Aufnahme, die seinerzeit wirklich sehr, sehr preiswert auf den Markt kam und den damaligen Billiganbieter Naxos nochmals unterbot, wirkt recht transparent, voll und „fleischig“, ausgewogen, recht warm und abgerundet. Der Klang hat sogar eine recht gute Tiefenstaffelung und ein ordentliches Bassfundament. Die letzte Klarheit fehlt jedoch, es stört aber auch nichts. Die Dynamik ist in Ordnung, es klingt noch ein klein wenig digitalesk.

 

Diese Einspielung war nur noch in einem seltsamen „Mix“ auf YouTube zu finden und nur noch der dritte Satz.

 

https://www.youtube.com/watch?v=IK9e5YaH1TQ

 

 

3-4

Adrian Leaper

Slovak Philharmonic Orchestra, Bratislava

Naxos

1990

12:41  8:25  9:24  30:30

Die Aufnahme, erneut als Teil einer Gesamtaufnahme, entstand im Redoutensaal in Bratislava. Adran Leaper dirigiert im Osten Europas noch etwas temperamentvoller als im Süden und mit hörbar stärkerem innerem Antrieb. Durchweg straffer. In der Coda reißt man keine Bäume aus und das Orchester klingt generell herber, rauer und mit weniger Wärme im Gesamtklang als das auf Gran Canaria.

Im Andante ist er schneller unterwegs, die spröde klingenden Violinen stören jetzt noch stärker als im ersten Satz, sie klingen flach und trocken. Ansonsten klingt das Orchester gar nicht schlecht, aber bei so einem Makel rettet das nicht mehr allzu viel.

Das Allegro molto erklingt ebenso ruhig wie später auf Arte Nova, aber differenziert, wenn es um die leisen Passagen geht. Da ist eine besondere Sorgfalt am Werk, die eine gewisse Zuneigung zur Musik spüren lässt. Der Satz ist auch durch ein vergleichsweise langsames Tempo nicht um seine Wirkung zu bringen, aber etwas spannender und etwas weniger prosaisch hätte es schon sein dürfen. Und sonorer klingen auch.

Der Klang der Aufnahme lässt das Orchester recht transparent und übersichtlich klingen, jedoch ein wenig ausgedünnt. Es klingt etwas rauer und halliger als die kanarischen Musiker auf Arte nova. Wenig brillant klingen beide, aber bei der Aufnahme aus Bratislava wirkt noch stärker von den Nachteilen der frühen Digitaltechnik beeinflusst. Vor allem die Violinen klingen noch glasiger. Ansonsten wirkt das Klangbild recht räumlich und differenziert, aber nicht prall oder gar sinnlich.

 

https://www.youtube.com/watch?v=qqyVoidyJ50&list=OLAK5uy_lfUAAJ9WWFCv1q-iOFSc9n7zdISdP2J9I&index=1

https://www.youtube.com/watch?v=ZxyabE-2cTk&list=OLAK5uy_lfUAAJ9WWFCv1q-iOFSc9n7zdISdP2J9I&index=2

https://www.youtube.com/watch?v=OdjyiWgR9ok&list=OLAK5uy_lfUAAJ9WWFCv1q-iOFSc9n7zdISdP2J9I&index=3

 

 

3-4

Wladimir Yesipov (auch Jesipov, Esipov. Jessipov oder Esypov geschrieben)

Staatliches Sinfonieorchester der UdSSR

Melodija

1974

15:20  7:41  8:21  31:22

Aufgenommen wurde im Großen Saal des Moskauer Tschaikowsky-Konservatoriums. Über den Dirigenten ist uns leider so gut wie nichts bekannt. Das Orchester, damals das erste des Landes und durch zahlreiche Aufnahmen mit Jewgeni Swetlanow auch im Westen bestens beleumundet, klingt eine Klasse besser als das Moskauer Rundfunk-Sinfonieorchester bei Gennadi Roshdestwensky und eine halbe Klasse besser als die Moskauer Philharmoniker bei Kondraschin.

Wie der aufmerksame Leser bereits an der Spielzeit des ersten Satzes erkennt, geht Yesipov mit viel Ruhe an den ersten Satz heran. Die Aufnahme ist leider ziemlich unausgewogen, so klingen die Streicher nicht immer mit der gleichen Präsenz und plötzlich inmitten des Satzes verlieren sie ihren zuvor noch warmen Klang. Das Holz klingt teilweise spektakulär präsent und voll (Solofagott). Dann wieder von weit weg. Anscheinend hat man Takes aus verschiedenen Sitzungen zusammengesetzt, oder es gab Mikrofonprobleme oder einen missglückten Bandwechsel. Ja, selbst Mikrofone sollen in der Sowjetunion häufiger mal kaputt gegangen sein. In diesem Fall das Mikro, das speziell für die Violinen gedacht war. Als das passiert rücken sie unvermittelt hinter das Holz. Was soll man da noch sagen? Bei einer Live-Darbietung ist man da als Techniker am Ende seines Lateins angelangt.

Yesipov lässt sich viel Zeit für die Entwicklung, aber es gibt eine ganz langsame, aber steige Beschleunigung. Sogar stringent. Überhaupt gefällt die Darbietung sehr, auch wenn sie wenig konventionell anmutet. Sie verrät ein tiefes Eindringen in den Geist der Musik. Die Coda wirkt nicht gerade übermäßig schnell, sie klingt jedoch viel deutlicher als bei Roshdestwensky, aber lange nicht so feurig und fulminant. Schade, schade, dass die Violinen durch den Mikrofonausfall ins bleibende Exil geschickt wurden. Wir hofften noch darauf, dass man es irgendwie hätte ausgleichen können. Aber selbst das beste Improvisationstalent findet manchmal jähe Grenzen.

Auch im zweiten Satz bleibt es beim ausgefallenen Mikro, sodass die Violinen enorm weit entfernt klingen, viel weiter entfernt als z.B. die Bässe oder die Binnenstreicher. Dem Holz ist seine sagenhafte Präsenz nicht zu nehmen. Der zweite Satz wirkt gegenüber dem ersten im Vergleich sehr schnell.

Das Allego molto erklingt ebenso virtuos wie bei Roshdestwensky und wie mit völlig losgelöster Handbremse. Leider erklingt der Satz nur sehr schlecht ausbalanciert. Wahrscheinlich ist die Aufnahme wegen des Defekts zuvor noch nie (zumindest im Westen) veröffentlicht worden. Die sehr hallig klingenden Pausen werden gut ausgezählt. Die Darbietung hätte eine viel bessere Bewertung verdient, aber fast ohne Violinen fehlt der Sinfonie doch ein sehr wichtiger Teil, über den man kaum hinwegsehen kann.

Zu Beginn hört man noch ein hervorragendes Stereo-Panorama. Das Holz sitzt wie auf dem Präsentierteller. Die Aufnahme klingt offener als die mit Roshdestwensky ein Jahr zuvor. Hier nehmen wir fast die Dirigentenperspektive ein. Vor allem klingt sie wärmer als die Roshdestwenskys. Die Violinen klingen lange nicht so schrill hervor (bis zu ihrem Black-Out, versteht sich, danach sind sie fast tot), das Blech kommt allerdings (manchmal) von weiter her. Insgesamt wirkt die Aufnahme für sowjetische Verhältnisse sagenhaft dynamisch. Die Aufnahme erfolgte anscheinend mit recht wenigen Mikrofonen, sodass der Ausfall des einen, das für die Violinen zuständig war, nicht kompensiert werden konnte. Bis dahin klang das Orchester mit einer gewissen Dreidimensionalität. Bis zum Ausfall etwa in der Mitte des ersten Satzes als die Violinen bleibend ins Exil geschickt wurden, klingt die Aufnahme noch vollständig körperhaft. Es sind keine Publikumsgeräusche zu hören.

 

https://www.youtube.com/watch?v=PDEn47qJqVc&list=OLAK5uy_kP-woyapbZjC27kbspOdXkVUidAKLxjxk

 

 

 

Die historischen Monoaufnahmen:

 

 

5

Leonard Bernstein

London Symphony Orchestra

ICA Classics, YouTube

1966, live

13:12  9:04  9:10  31:26

In dieser Aufnahme hören wir wieder das Orchester der Collins-Aufnahme von 1955. Aufgenommen wurde in der Fairfields Hall in Croydon, einem südlichen Vorort von London. Exklusiv für die Kameras der BBC produziert und 1967 in der Sendereihe „The Symphonic Twilight“ ausgestrahlt. Da es damals noch keine Fernseher mit Stereoton gab, vernachlässigte man die Tonqualität leichten Herzens, da eine parallele Veröffentlichung auf Stereo-LPs nie geplant war. L.B. war damals Musikdirektor der New Yorker Philharmoniker und der weltweit bekannte Komponist der „West Side Story“. Er reiste damals also bereits als absoluter Weltstar nach London an.

Das Horn-Solo zu Beginn wird von Barry Tuckwell geblasen, der 1955-68 Solohornist des LSO war. Wie in seiner späteren Einspielung für die DG lässt Bernstein sechs Hörner mitspielen. Der Kopfsatz wirkt energisch und glücklicherweise kann man Bernsteins plastisches, souveränes Dirigat (ohne absicherndes Notenmaterial) einmal sehend verfolgen. Er wiederholt seine Glanzleistung der CBS-Aufnahme mit den New Yorkers von 1961. Sehr steigerungsaffin und Höhepunktbewusst, aber doch nie von der Partitur entfernt. Die Coda erneut mit mitreißendem Furioso, mehr Presto geht kaum. Das LSO stellt sich der Aufgabe durchweg hellwach. Allerdings ist das mit der Transparenz beim Mono-Fernsehton anno 1966 so eine Sache… Aber es spielt präziser, feiner als bei Collins. Bernstein wiederholt fast sekundengenau die Spielzeit seiner 61er Aufnahme. Besser dirigieren kann man die Fünfte wohl kaum.

Immer, wenn man L.B. dirigieren sieht, bemerkt man, dass er nicht nur ein musikalisches, sondern auch ein „Bewegungsgenie“ war. Selten passen Bewegung, Ausdruck und Musik einmal so unmittelbar zusammen, passgenau könnte man auch schreiben. Musikalisch klingt der zweite Satz wie in New York 1961, nur eben monaural. Hervorzuheben sind erneut die geschmeidigen Übergänge.

Das Allegro molto beginnt rasant, stürmisch, aufgepeitscht und kantig. Nordisch-herb, wenn man so will. Die Ostinati werden rhythmisch durchpulst. Das Holz wirkt trotz des bescheidenen Mono-Tons stets sehr transparent. Die Oboen des LSO klingen wie in der Aufnahme mit Collins (und wenn man noch weiter zurück gehen will in der Aufnahme mit Kajanus) noch ziemlich hart und unbeweglich. Bernstein hält für die Hymne inne, d.h. er reduziert das Tempo und das LSO gibt alles. Die Schlussakkorde sind sehr präzise und kommen wie Hammerschläge, noch ohne die Paukenvorschläge. L.B. wiederholt auch hier seine Glanzleistung von 1961 nun eben mit dem LSO. Leider kann der Ton der Aufnahme nicht mit dem fein remasterten Stereo-Ton von damals mithalten. Es klingt aber erneut hochemotional, hochpräzise und man hört genau das, was in der Partitur steht. Das bewegte Bild wird jedoch manch einen Hörer oder Hörerin für den bescheidenen Ton mehr als entschädigen.

Leider liegt nur ein dumpfes, also wenig brillantes Klangbild vor, nicht sonderlich dynamisch, eben für die damals gebräuchlichen Röhrenfernseher ausgelegt. Daher sollte man seine Ansprüche nicht zu hoch setzen. Mit dem brillanten und hochdynamischen Monoklang der 55er Decca-Aufnahme mit dem LSO und Anthony Collins kann die BBC-Aufnahme nicht konkurrieren.

 

 

Bernstein und das LSO 1966 in Croydon in Bild und Ton:

 

https://www.youtube.com/watch?v=niKn5KNaxpU

 

 

Erst bei der Suche nach dem Film entdeckt und nicht mehr selbst gehört: Bernstein erneut mit dem LSO live in Edinburgh 1975:

 

https://www.youtube.com/watch?v=dvVGD2Olno4

 

 

5

Anthony Collins

London Symphony Orchestra

Decca

1955

12:54  8:25  8:01  29:20

Dies ist eine Aufnahme, wahrscheinlich anlässlich des 90. Geburtstags von Sibelius, der damals noch lebte, produziert, aus der Kingsway Hall mit Kenneth Wikinson als Tonmeister, der gerade für Sibelius´ Fünfte oft und gerne in die Kingsway Hall zurückgekehrt ist. Keine der Aufnahmen aus diesem Saal enttäuscht, ob für Decca, EMI oder RCA produziert. Der knackige und enorm präsente Klang der Aufnahme wirkt deutlich auf den Charakter der Musik ein. Offen und sehr atmosphärisch beginnt der erste Satz. Hochspannend und kompromisslos energisch da, wo beispielsweise bei Ormandy 1975 zu Beginn nur weiches Schönspiel herrscht. Dynamik bis zum Abwinken, eigentlich sensationell für eine Monoaufnahme Mitte der 50er Jahre. Alle Instrumentengruppen kommen sehr präsent heraus, besonders Blech und Holz, genau richtig für eine „Bläsersinfonie“. Das Blech schmettert herb, rau und schneidend in die legendäre Akustik der Kingsway Hall. Hier wird nichts poliert oder gar abgeschliffen, da herrscht die elementare, eruptive Urgewalt. Da wirkt nichts künstlich oder inszeniert, alles scheint einem organischen Drang der Natur unterworfen. Wir können da nichts Oberflächliches hören und das LSO präsentiert sich in zugegeben noch eine wenig ungeschliffener Top-Form. Einen arg ramponierten Nachkriegstorso konnten wir nicht erkennen wobei das Orchester in späteren Jahren noch präziser klingen wird.  Der erste Satz wird fast durchweg von vibrierender Hochspannung geprägt. In der Coda war allerdings für die Pauke nur noch wenig Platz übrig, ein Schicksal, das sie mit den meisten Aufnahmen quer durch die Zeit teilt. Aber ansonsten ist die Coda ein hochexplosives Naturereignis, absolut keine wohlige Abendunterhaltung.

Der zweite Satz darf ebenfalls pulsieren. Was für eine kraftvolle Basslinie man da zu hören bekommt. Davon war in den zuvor datierten Aufnahmen noch nichts zu hören. Auch dieser Satz berührt, klanglich ist er der Supraphon mit Gaetano Delogu von 1980 gar nicht so unähnlich. Nur eben in mono und man glaubt es kaum: noch offener und noch dynamischer. Jede Gefühlsduselei wird vermieden, hellwach, herb, ungeschminkt, spannend.

Das Allegro molto erklingt mit scharfen Bruchkanten und enorm energetisch. Auch die Ostinati werden rhythmisch geschärft, das Holz stets mustergültig deutlich gehalten. Der Schwanenflug der Hörner wirkt deutlich und zurückhaltend, Holz und Streicher dominieren hier. Im Verlauf spielen die Trompeten sagenhaft strahlkräftig. Die Schlussakkorde erklingen trocken, ohne Paukenvorschläge, die ja damals noch nicht in der Partitur standen.

Collins setzt die Tradition der nordisch-kühlen, straff-zügigen unerbittlich vorandrängenden, rhythmisch geschärften Darbietungen von Kajanus, Rodzinski, van Beinum und Ehrling fort, setzt gewissermaßen diesbezüglich noch eins drauf. Tuxen, Koussevitsky und Ormandy begründen dabei eher die romantische Sibelius-Tradition, sind die Klangmaler, die tendenziell die gefühlvolleren Seiten der Sinfonie betonen.

Der Klang der Aufnahme wirkt viel offener, dynamischer, körperhafter, präsenter und transparenter als die beileibe nicht schlechte 54er Ormandy-Aufnahme. Zudem sehr viel brillanter und bassstärker. Mutmaßlich dank der Expertise Wilkinsons, der eigens überarbeiteten, „frisierten“ Aufnahmegeräte und der wunderbar resonanten Kingsway Hall. Decca setzte damals die Maßstäbe. Keiner konnte das Blech des LSO so dynamisch von der Kette lassen wie er und eine ähnlich hochspannende urwüchsig-wilde Elektrizität erzeugen. Das wirkt wie erwähnt massiv auf den Charakter der Musik ein. Bester Bass des Mono-Zeitalters. Klingt insgesamt besser als die LSO-Aufnahme von 2003 mit Colin Davis, was für ein Armutszeugnis für die Neuzeit.

 

https://www.youtube.com/watch?v=CwOw7W9ln8k

 

 

5

Artur Rodzinski

Cleveland Orchestra

Columbia, Pristine

1941

11:55  7:57  7:57  27:49

Aufgenommen wurde in der Severance Hall. Rodzinski war in Cleveland Musikdirektor 1933-43 und machte es bereits vor George Szell zu einem „Präzisionsinstrument“ par Excellence. Bei ihm ist Schluss mit jedwedem spätromantischem „Kitsch“, wenn man das mal so sagen darf, und sentimentalen Verzögerungen. Rodzinski und Koussevitsky müssen damals wohl Antipoden gewesen sein. Man erkennt wieder eher das von Kajanus bekannte Sibelius-Bild. Straff, schlank, modern. Und unmittelbar vorwärtsdrängend und mit noch mehr Druck als bei Kajanus. Allerdings spielt das Orchester damals deutlich besser als das LSO in der Erstaufnahme 1932. Die Strukturen der Musik sind glasklar durchhörbar. Es gibt keinerlei Schwelgen, stattdessen wird Rhythmus und Motorik betont. Das Orchester spielte mit einer damals unerhörten Präzision. Es fehlt jedoch wegen des damals technisch Erreichbaren die Möglichkeit ein ff der Realität halbwegs gebührend herauszustellen. Die brennend rasante Intensität ist bereits vollumfänglich vorhanden. Die Perfektion lässt einen stauenend zurück, zumal man damals unter „Direktschnitt-Bedingungen“ aufgenommen hat.

Rhythmus ist auch im Andante mosso Trumpf. Allerdings vermag er die brennende Intensität die Rodzinski und die Cleveländer reinlegen kaum zu bändigen. Es klingt ausgesprochen expressiv. Fast wie bei der Neuen Wiener Schule. Geradezu gefährliche Blechattacken in dem oft so pastoralen Satz lassen aufhorchen.

Rasant, schnörkellos und vorausstürmend. So erklingt das Allegro molto. Das sollte Sibelius damaligen Geschmack genau getroffen haben, zumindest bevor er die Aufnahme Ormandys kennenlernte, denn danach war er auch für den orchestralen Luxusklang sehr empfänglich. Die Ostinati klingen hier mit einer Rasanz ohnegleichen, wer hätte die damals besser spielen können? Und dabei klingt es bereits durchaus weich und voll. 1941 kaum zu glauben. Beim Schwanenflug lässt sich sogar Rodzinski die Zeit, um die gewünschte Majestät zu erzielen. Leider kommen die Schellackplatten als Ausgangsmaterial hier einfach an ihre Grenzen. Dennoch ist die Wirkung grandios.

Sibelius hatte auch mit Rodzinski Briefkontakt. Allerdings nicht über die 5. Sinfonie, sondern über Tapiola. Da berät er Rodzinski höchstpersönlich und detailliert. Die Radioübertragung mit Rodzinski konnte Sibelius via Kurzwelle in Finnland empfangen. Wahrscheinlich unterhiet er einen ganz besonderen Empfänger. Er verfolgte auch mittels Zusendungen ausländischer Schallplatten die Tätigkeit ausländischer Labels seine Musik betreffend. Ab 1941 zog er sich jedoch immer mehr von internationaler Korrespondenz zurück. Auch führte die prekäre politische Lage während des 2. Weltkriegs zu einer gewissen Isolation. Da gab es kaum noch Austausch von Kulturgütern, also auch von Schallplatten.

Der Klang der Aufnahme wirkt bereits geradezu aufgelichtet mit ganz klaren Solodarbietungen. Das Spiel der Streicher erscheint jedoch ebenfalls sagenhaft präsent und deutlich. Insgesamt trocken und straff gibt es auch von der Klangtechnik keinerlei Beschönigungen. Man hört nur ein leichtes, aber beständiges Rauschen, das jedoch angesichts der überwältigend schlüssigen Darbietung zur Marginalie wird.

 

https://www.youtube.com/watch?v=xFVyyM4GnpA

 

 

5

Herbert von Karajan

Philharmonia Orchestra

EMI

1952

13:48  8:57  9:30  32:15

Dies ist die erste von fünf auf CD greifbaren Aufnahmen von Herbert von Karajan. Eine kleine Übersicht:

1952 Philharmonia, EMI; 1957 Berliner Philharmoniker, live, Sony, 1960 Philharmonia, EMI, die erste in Stereo; 1965 Berliner Philharmoniker, DG; 1976, Berliner Philharmoniker, EMI, Quadro. Eine mehrfach kolportierte Aufnahme von 1955 konnten wir nicht finden, was aber nichts heißen soll. Offensichtlich lag Karajan die Sinfonie ganz besonders am Herzen. Diese Einspielung wurde (wie die 1960er) in der Kingsway Hall aufgenommen, nicht ohne Grund, sie war der firmenübergreifende Aufnahmesaal Nr. 1 für Sibelius Fünfte bis sie abgerissen wurde.

Das Orchester befand sich 1952 bereits in hervorragender Verfassung und auch der Maestro, gerade einmal 44jährig befand sich noch in seinen wildesten, ungestümen Zeiten. Hungrig und ehrgeizig wollte er unbedingt zeigen, was an Energie in ihm und dem Orchester steckt. Dass die Oboen noch hart vor sich hin quaken, muss man hinnehmen, ein heute nicht mehr zeitgemäßer Klang, den man nirgendwo auf der Welt mehr hören kann. Damals wird sich kaum jemand daran gestört haben, er war typisch für dieses Instrument, in London vielleicht noch ein wenig streng und hart als sonst wo. Ansonsten spielt das Orchester schnörkellos, spannend und sagenhaft dynamisch. Das übrige Holz gibt zum Klagen keinen Anlass. Das Karge im Klang geht wohl in erster Linie von der Aufnahmequalität aus. Wir hören also keinen Luxus-Klang, aber dennoch präsentiert sich das Orchester in Top-Form. Dass es einmal als ein Elite-Aufnahmeorchester zusammengestellt aus den besten britischen Musikern gegründet wurde, merkt man ihm durchaus an. Rhythmisch klingt es sehr diszipliniert, daher die bereits bestechende Klarheit. Die Attacke-Fähigkeit ist enorm. Hier wird uns kein Breitwand-Epos angeliefert. Die Coda gehört mit zu den besten. Die spürbare Steigerung in Tempo und Dynamik erscheint sagenhaft, rhythmisch bissig mit herausragenden Trompeten. Die Pauken kommen, wie so oft, leider nur schwach ins Bild. Wenn man nur den „alten“ Karajan kennt wird man verblüfft sein, wie sehr er hier das Philharmonia Orchestra nach vorne peitscht. War für ein Furor. Karajan als Temperamentsmusiker.

Im Andante mosso erhält sich der vornehmlich noch raue und wilde Grundcharakter, vor allem von einer sehr lebendigen, ja feurigen Dynamik getragen. Das Holz, im besonders als „Klemperer-Sound“ bekannten Modus, erklingt ungemein präsent, das Blech geradezu wie entfesselt. Die Streicher ungefiltert und direkt.

Im Allego molto wird manch ein Hörer erneut überrascht über das rhythmische Feuer des Dirigenten sein, das in späteren Jahren immer mehr zugunsten des Karajan-Legato-Schönklang in Sfumato-Charakteristik verloren ging, genau wie die ungebremste, scharfkantige Dynamik. Die Interpretation des dritten Satzes wirkt stringent aufgebaut und wirkt an den Höhepunkten bereits ziemlich transparent. Der Schwanenflug der Hörner wirkt zügig und enorm kraftvoll. Der melancholische Aspekt tritt aber bereits 1952 etwas zurück gegenüber einer gewissen Bewunderung der Schönheit. Hier gibt es aber noch keinen wattierten, legatoseligen Klangstrom wie in der DG-Aufnahme von 1965. Hier ist aber bereits in einer Keimzelle angelegt, was dann sozusagen voll aufblühen wird. Der Höhepunkt wirkt grandios mit einem maximal geforderten Blech. Die Pausen zwischen den Akkordblöcken erscheinen bereits in der ersten Aufnahme Karajans enorm verkürzt. Ansonsten hören wir hier eine mitreißende Darbietung mit einem nahezu unbegrenzt wirkenden Feuer. Ungemein stringent.

Sibelius selbst, der die Aufnahme im Radio hörte, war so tief von ihr beeindruckt, dass er ihm telegraphierte und ihm seine Bewunderung ausdrückte. Diese Aufnahme war die Grundlage für die künstlerische Brieffreundschaft und gegenseitige Verehrung zwischen dem alternden Komponisten und dem aufstrebenden Salzburger. Über die seltsame und Partitur widrige Gestaltung der finalen Pausen scheint Sibelius generös hinweg gesehen zu haben. Sibelius meinte sogar, Karajan würde ihn von allen Dirigenten am besten verstehen. Das nahm Karajam wohl als Freibrief, auch für die seltsame „Pausengestaltung“.

Es klingt bereits recht transparent und offen, klangfarbenecht und im vorliegenden neuesten Remaster sehr dynamisch und präsent. Klarheit geht vor Opulenz. Die Aufnahme scheint, soweit man das überhaupt nur vom Klang her beurteilen kann noch frei von Selbstinszenierung und Eitelkeit zu sein. Die Komposition und ihre Realisierung stehen noch im Mittelpunkt.

 

https://www.youtube.com/watch?v=iI_SbK-pmeA

 

 

5

Herbert von Karajan

Berliner Philharmoniker

RBB-Sony

1957, live

12:22  7:44  8:58  29:04

Diese chronologisch gesehen zweite Aufnahme des nun 49jährigen Karajan (wenn man von der nicht auffindbaren 55er Version einmal absieht), schlummerte vor ihrer Veröffentlichung jahrzehntelang im Archiv des SFB (später RBB). Damals wurde noch im Konzertsaal der Musikhochschule Hardenbergstraße aufgenommen, bei der Philharmonie war noch nicht einmal der Grundstein gelegt. Heute steht der Saal (ein Prototyp der 50er Jahre Architektur) unter Denkmalschutz, wird aber immer noch rege genutzt. Glenn Gould spielte zuvor in diesem Konzert das 3. Klavierkonzert Beethovens. Er setzte sich bei den Proben und im Konzert ins Publikum und hörte sich Sibelius V gebannt an. Er sprach später von „einer der wahrhaft unauslöschlichen, musikalisch-dramatischen Erfahrungen meines Lebens.“ Er war so tief vom Sibelius-Virus infiziert, dass er später sogar die recht sperrige Klaviermusik des Finnen spielte. Später, als die DG-Aufnahme von 1965 zur Verfügung stand, sprach er Zeit seines Lebens von ihr als seine ultimative „Aufnahme für die einsame Insel.“

Der erste Satz wird nun erheblich schneller gespielt als 1952 in London, obwohl die Musik den Berliner Musikern noch wenig vertraut gewesen sein musste. Das „fette“ Fagott-Solo spricht allerdings mit großem, dunklem Klang eine andere Sprache, aber das gilt vor allem für das Solo. Der Satz klingt spannend, aber nicht mehr ganz so dramatisch und dynamisch wie ´52 in der Kingsway Hall. Das Orchester klingt bereits damals deutlich weicher und voller als das Philharmonia. Es wird ebenfalls drängend und intensiv gespielt. Das Presto wird schnell und nachdrücklich gesteigert, den Trompeten fehlt jedoch die umwerfende Präsenz und schiere Lautstärkeentwicklung der Londoner Kollegen. Der SFB nahm allerdings auch nicht für die Ewigkeit auf, sondern nur für die Sendung und vielleicht für das Archiv. Die Pauken kommen allerdings etwas besser zur Geltung als in der Kingsway Hall. Die SFB-Aufnahme verfügt nicht ganz über die Dynamik der 52er EMI.

Auch das Andante mosso erscheint im Tempo angezogen. Die Berliner klingen satter und tiefer grundiert. Das Holz klingt bereits damals als eine Klasse für sich. Leider kommt es technikbedingt nur viel zurückhaltender zur Geltung als die Londoner Berufskollegen.

Das Allegro molto erklingt ebenfalls schneller und mit mehr Vorwärtsdrang als 1952 in London, aber nicht unbedingt intensiver. Die Hörner beim Schwanenflug kommen nun besser zur Geltung als in London, während Karajan das Holz dazu stark abdämpft. Er will nun offensichtlich, dass die Hörner keine Konkurrenz mehr zu fürchten haben. Ob das nach dem Wunsch des Komponisten ist? Die Ostinati sind bereits damals ein besonderes Erlebnis und eine „Ohrenweide“. Karajan dürfte als einer der Meister des Ostinato gelten. Der typische Berliner Streichersound fasst hier bereits richtig Fuß. Klar, sauber, warm, voll, rund und vor allem legato. Der Schwanenflug mit den Trompeten verlangsamt Karajan nun bereits gegenüber London ´52 spürbar. Das wirkt so schon deutlich majestätischer. An manchen Details hat Karajan anscheinend doch noch gefeilt. Leider wird die Dynamik rundfunktypisch abgeregelt, das war kaum anders zu erwarten. Auch live verkürzt Karajan die Pausen zwischen den heftigen Schlussakkorden drastisch. Da bleibt er sich von Anfang an bis zum Schluss treu. In dieser Aufnahme aus dem Musiksaal der Musikhochschule in der Hardenbergstraße kann man den Weg zum Berliner Mischklang bereits trotz Frühstadium gut erkennen. Das Holz wirkt leiser und gemischter, das Blech gedämpfter als in London. Die Streicher bereits ein wenig „verliebt“ ins Legato. Einiges davon wird aber auch auf das Konto der SFB-Klangtechnik zurückzuführen sein. Der Applaus der Berliner wirkt sehr zurückhaltend, auch sie waren mit der Sinfonie offensichtlich noch nicht vertraut.

Der ziemlich gut gelungene Live-Monoklang zeigt eine ungeschminkte Präsenz und wirkt insgesamt noch klarer als die 52er EMI. Anscheinend hat man ihn bei Sony vor der Veröffentlichung erfolgreich überarbeitet. Mit der unbändigen Dynamik der EMI kann er allerdings nicht aufwarten. Da spielt wohl wieder der Dynamik-Begrenzer seine „segensreiche“ Rolle, oder aber mehr war damals aufnahmetechnisch einfach noch nicht drin. Ein Übersteuern wurde so immerhin vermieden.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=dLaRY0ZmAwI

 

 

5

Robert Kajanus

London Symphony Orchestra

Warner

1932

11:40  8:15  9:13  29:08

Dies dürfte die erste Schallplatten-Aufnahme der Fünften von Sibelius überhaupt sein. Die Aufnahme wurde von der Sibelius Society und der finnischen Regierung initiiert. Sibelius war Mitte 60 und litt bereits an einem ausgeprägten Tremor, der durch früheren massiven Alkohol- und Nikotinkonsum verstärkt worden war. Präzises Dirigieren war für ihn unmöglich geworden. Er zog sich Mitte der 20er Jahre fast völlig aus der Öffentlichkeit zurück. Er befand sich damals sogar in einer tiefen Krise und war von Selbstzweifeln geplagt. Er selbst hätte den Stress einer Studioaufnahme wohl nicht mehr bewältigen können. Sie fand im gerade frisch erbauten EMI-Studio in der Abbey Road statt. Sibelius vertraute sie seinem engsten musikalischen Vertrauten an: Robert Kajanus. Er gab dazu seine offizielle Genehmigung. Das LSO, obwohl selbst damals gerade einmal 28 Jahre jung, verpflichtete man, weil es in Finnland zu jener Zeit noch kein Orchester von internationalem Format gab. Kajanus leitete das Stadtorchester Helsingfors (so hießen die Philharmoniker Helsinkis damals) 50 Jahre lang und war damals bereits 74. Ihm traute man die Autorität und Erfahrung zu, einem britischen Orchester in kürzester Zeit den typisch herben, nordischen Klang beizubringen. Sibelius war von der Aufnahme begeistert und von tiefer Dankbarkeit erfüllt, als er sie auf seinem Grammophon in Ainola hörte. Das historische Zitat dazu: „Es gibt niemanden, der tiefer in meine Musik eingedrungen ist und ihr mehr Gefühl und Schönheit verliehen hat als Robert Kajanus.“ Ähnliche Lobeshymnen gab es später auch noch für andere Dirigenten, allen voran Karajan und Ormandy. Aber auch Rodzinski, Sargent, Barbirolli und Stokowski (der die Fünfte leider nie eingespielt hat) wurden von ihm bewundert, was aber auch eine Brieffloskel gewesen sein könnte. Sibelius schätze aber Kajanus´ Gespür für das richtige Tempo. Er wollte (damals) seine Musik noch nicht zu emotional und pathetisch hören oder schlicht zu langsam. Kajanus wählte einen sehr straffen, flüssigen und unsentimentalen Ansatz. Sibelius empfand diese rhythmische Strenge und Vorwärtsbewegung als absolut authentisch. Er war begeistert, wie Kajanus den aus einzelnen Motivpartikeln zusammengesetzten, wie in der Natur organisch wirkend, in sinfonischen Fluss transformierte und die Übergänge gestaltete., obwohl das LSO die Musik damals kaum kannte. Und obwohl noch auf Schellackplatten aufgenommen wurde, was eine eingeschränkte Qualität in jeder Hinsicht bedeutete, lobte Sibelius die Balance. Zwischen den rauen Holzbläsern und den dichten Streicherwänden. Für ihn wurde so der echte, herbe Charakter der finnischen Natur transportiert. Er behauptete das sicher nicht nur aus Marketing-Gründen. Nur ein Jahr später verstarb Kajanus und so gibt es nur eine Fünfte mit ihm. Das war damals ein schwerer Verlust für Sibelius.

Tatsächlich überrascht den heutigen Hörer vielleicht doch das Tempo und die relativ geringe Berücksichtigung der Details, der große Fluss ist die Hauptsache. Darin ist Kajanus energisch und kompromisslos. Da wird angetrieben ohne Ende. Es gibt kein Abdriften ins Epische oder Sentimentale. Es wird wie bereits erwähnt prioritär der organische Fluss der Komposition gewahrt, gepaart mit hohem Spannungsniveau und alles im rauen „Urklang“. Extrem erdig und herb. Keine Schönfärberei, davon hätte man angesichts der Schellackplatten auch nicht allzuviel mitbekommen. Es gibt nur sehr wenige und wenn nur geringe Tempomodifikationen. Alles kommt fast wie in einem Atemzug. Angesichts des Zeitdrucks im Studio spielt das Orchester gut für 1932! Heute käme einem dann doch der eine oder andere Mangel in den Sinn. Die Coda zeigt nur ein rudimentäres Bild der Komposition, als würde ein wenig drüber hinweg gespielt. Aber was kann man von einer Schellackplatte (vielmehr waren es wegen der geringen Speicherkapazität sieben) als Speichermedium schon erwarten? Ein Steigerungspotential im Tempo war kaum noch vorhanden, denn man kam bereits sehr schnell an der Coda an.

Für das Andante mosso wird ein „normales“ Tempo gewählt, so wie es auch von späteren Sibelius-Dirigenten gewählt wird. Es gibt kein Nachgeben bei sogenannten „schönen Stellen“. Das Tempo wird durchgehalten. Die reduzierte Klangqualität stört nun mehr als im rasanten ersten Satz. Zu nennen wäre vor allem die Härte. Und das Tempo wirkt schon sehr gleichförmig, manche Melodie bleibt zudem ein wenig unterbelichtet.

Im Allegro molto werden die Tremoli mit Rasanz aufgeladen, naturgemäß relativ wenig differenziert. Das Holz beim Schwanenflug der Hörner wirkt (genau anders herum als bei Karajan 1957) stark dominant. Die Tremoli wirken zunehmend schmissig und rasant, wie bei einem Wind, der sich zu einem Sturm entwickeln möchte. Der Schwanenflug mit den Trompeten erklingt nicht unverzerrt. Ohne Rücksicht auf Verluste, d.h. ob die Technik mitkommt, wird der Höhepunkt dargestellt. Die Streicher kommen dabei gegenüber dem Blech noch halbwegs zu ihrem Recht, denn eigentlich wäre das Klangbild bereits total überfordert. Lakonisch trockene Schlussakkorde. Intensiv, aber nicht so hart und durchschlagend wie „Thors Hammerschläge“. Wie sollte das auch damals bei einer dermaßen bescheidenen Dynamik der Platten möglich gewesen sein? Trotzdem und das muss letzten Endes überraschen, wirkt das Ende irgendwie brutal.

Der Klang wirkt angesichts der Umstände erstaunlich dynamisch, aber auch dicht und wenig detailliert. Das Orchester macht einen sehr kooperativen, ja begeisterten Eindruck und wirkt bei allen Einschränkungen noch erfreulich deutlich. Das Remastering bei Warner hat wohl alles rausgeholt, was auf der alten Aufnahme zu holen war. Es gibt nur wenig Rauschen und kaum Verzerrungen. Immer wenn die Schellackplatte gewechselt werden musste, kann es zu einer leichten Verzögerung kommen.

 

https://www.youtube.com/watch?v=8XVLr1vOPwc

 

Etwas besser klingt es hier:

 

https://www.youtube.com/watch?v=kzPCBqSrdNs

 

 

 

5

Serge Koussevitsky

Boston Symphony Orchestra

RCA Victor, Naxos

1936

12:50  8:21  8:37  29:48

Serge Koussevitsky folgt Robert Kajanus vier Jahre später mit der zweiten Einspielung, aufgenommen in der Bostoner Symphony Hall, ebenfalls auf Schellack-Matritzen. Koussevitsky war ein leidenschaftlicher Vorkämpfer für Sibelius´ Musik in Boston. Sibelius schätze auch ihn sehr und nannte seine Darbietungen schlicht „superb“. Kossevitzky dirigierte den ersten kompletten Sibelius-Zyklus währen einer Saison (1932/33). Dennoch war Sibelius besorgt, Koussevitzky würde seine Werke zu sehr im Stil Tschaikowskys oder Richard Strauss´ annähern. Mit etwas zu viel spätromantischem Pathos, statt mit der damals noch von ihm bevorzugten „nordischen“ Strenge. Da war sicher aus seiner Sicht Grund dazu. Inzwischen haben wir uns ja nach und nach an Sibelius à la Tschaikowsky gewöhnt, als bereichernde Facette der Diskografie.

Koussewitzkys Zugang erscheint gegenüber Kajanus ziemlich verschieden. Nun klingt es nicht straff, rau und betont unsentimental wie bei dem Finnen, sondern emotionalisiert. Aber ebenso vor Energie intensiv brennend. Beide Darbietungen können als Vorbilder für die besten Darbietungen der Neuzeit gelten. Jetzt werden gewaltige Steigerungen gebaut, wo es bei Kajanus gerade im Tempo „durchging“. Im Vergleich wirkt es bei Koussevitsky schon fast theatralisch, aber alles andere als deplatziert, sondern mit einem Maximum an Dramatik aufgeladen. Das Orchester klingt und spielt noch ein bisschen besser als das LSO vier Jahre zuvor. Es klingt bereits opulenter, homogener (Violinen) und edler. Mit perfekt aufgebauten „Streicherwänden“ aus den Ostinati. Der Höhepunkt beim Übergang in den scherzohaften Teil wird wunderbar sauber herausgearbeitet. Und das bei „Direktschnitt-Bedingungen“. Es war zwar kein Publikum vor Ort, aber wenn was vermasselt wurde, musste man gleich eine komplett neue Matritze nutzen. Danach geht es wie emotional hochgepeitscht weiter, während das poco a poco stretto bei Kajanus noch wie mit dem Metronom mathematisch kalt beschleunigt wurde. Ganz im Sinne von Sibelius´ Strenge. Nun wird das Tempo bei Koussevitsky nach und nach wie in Wellen angezogen, mal mehr, mal ein bisschen weniger. So konnte er „künstliche“ Spannung aufbauen, wie man damals sagte, mit Rubato statt „linear“. Das Scherzo bekommt bei Koussevitsky so etwas wildes. Diese Vorgehensweise wird verschiedentlich heute noch bewundert.

Angesichts der damaligen Klangqualität entfaltet das Orchester große klangliche Wärme. Mit sonoren Pizzicati und stark geschärften dynamischen Kontrasten, weshalb aus dem oft so harmlos klingenden Intermezzo ein sehnsuchtsvolles Naturschauspiel wird.

Im dritten Satz, Allegro molto, erwartet uns eine Art episches Tongemälde. Das erste Ostinato klingt wie ein gerade aufgeweckter Bienenschwarm, was bedeuten würde, dass wir uns im Sommer befinden, oder wie ein aufgefrischter Wind, der durch nordische Wälder fegt. Die Bostoner Hörner spielen die wiegende Melodie, den Schwanenflug darstellend klangstark, mit viel Kraft, nur wenig legato aber doch singend, während das Holz nur zurückhaltend dagegen ankommt. Beim Flug mit den Trompeten wird das Tempo deutlich verlangsamt. Mit Pracht und Wucht. Die Schlussakkorde klingen trocken, die Pausen stark verkürzt wie bei Karajan. Das wirkt gehetzt oder doch ungeduldig vorwärtsdrängend. Heute wissen wir es besser. Vielleicht wollte Koussevitzky, wie Karajan, aber nur hereinbrechenden Applaus verhindern, aber es war ja bei der Aufnahme-Session gar kein Publikum anwesend.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=wjNpP7DG1GE

 

 

 

 

4-5

Eugene Ormandy

Philadelphia Orchestra

CBS

1954

12:09  7:47  8:47  28:43

Diese Aufnahme entstand in der Academy of Music mit ihrer sehr trockenen Akustik. Sibelius selbst hat im Alter das Klangideal seiner Jugend relativiert. Er favorisierte nunmehr hochkultivierte, opulente Orchesterkultur gegenüber einem nordisch-kühlen, durchsichtigen Klang. Die Tempi könnten je nach Gusto wechseln befand er 1951. Romantische wie asketische Denkansätze seinen gleichermaßen berechtigt, solange das Wichtigste, die „Echtheit“ des Ausdrucks gewahrt bleibe. Steht die Kehrtwende mit Eugene Ormandy und seinem Philadelphia Orchestra in Verbindung? Der besuchte nämlich Sibelius 1951 das erste Mal in Ainola und dann noch einmal zum 90. Geburtstag in Begleitung des kompletten Philadelphia Orchestra. Dass der Sound der 1954 produzierten Aufnahme Sibelius gefiel lässt sich denken. Wo sonst hätte man damals die Verbindung von Kraft, Eleganz und Perfektion gleichermaßen hören können?

Die Steigerungen bei Ormandy erfolgen nun nicht mehr unterkühlt wie beispielsweise bei Sixten Ehrling, sondern mit beispielloser Eleganz. Jede Kante ist bereits in der 1954er Aufnahme Ormandys perfekt abgeschliffen. Die Coda läuft mühelos virtuos, sehr klar, aber wie frisch geölt und widerstandslos und glatt ab. Es ereignet sich keine wilde Steigerung. Die Urgewalt eines Rodzinski oder Collins vermisst man.

Im Andante mosso kann man bereits erstaunlich weich und voll klingende Streicherpassagen hören, voller Espressivo. Die Gestaltung wirkt zügig und hebt das Tänzerische des Satzes hervor. Der hervorragend ausgewogene Orchesterklang musste damals neue Maßstäbe gesetzt haben vor allem in Verbindung mit der bereits im historischen Umfeld verbesserten Klangtechnik.

Im Allegro molto hört man virtuoses Auftrumpfen. Das Tremolo wirkt wie eine stürmische Luftbewegung, aber zugleich doch makellos und duftig. Die Hörner zeigen sich beim ersten Schwanenflug erstaunlich zurückhaltend, die Wiederkehr nach dem beschwerlich wirkenden Aufstieg lässt viel Streicherglanz durchscheinen, während das Blech erstaunlich zurückhaltend, wenn nicht gar behutsam bleibt. Ormandy zählt die Pausen ziemlich lange aus.

Diese Einspielung wurde eigens zum 90. Geburtstag Sibelius´ produziert. Es handelt sich um eine ziemlich trocken wirkende Monoaufnahme von guter Transparenz. In Sachen Dynamik und grell aufblitzender Virtuosität kommt sie an die heute nahezu vergessene Aufnahme aus Cleveland mit Artur Rodzinski nicht ganz heran, sie klingt aber noch weicher und luxuriöser. Das Blech wirkt viel deutlicher in den Gesamtklang integriert. Bei Rodzinski strahlt es viel gewaltiger hervor, was bei uns einen starken Eindruck hinterlassen hat. Die Violinen spielen hingegen mit erlesener Virtuosität und weicher Duftigkeit, die damals in der Diskographie wohl einzigartig erscheinen musste. Selbst Karajans Philharmonia muss da die Segel streichen, allerdings müssen wir vom neuesten, von uns gehörten Remaster ausgehen. Ob es damals auf Platte bereits so geklungen hat? Das Remake Ormandys auf RCA von 1975 blieb Sibelius erspart, es hätte ihm wohl kaum gefallen.

 

https://www.youtube.com/watch?v=0pVUbDKhWww

 

 

4-5

Eduard van Beinum

Concertgebouw Orchester Amsterdam

Past Masters, Altair, Q-Disc

1957, live

13:58  8:03  8:28  30:29

In dieser Aufnahme hören wir das Amsterdamer Orchester live bei einem Gastspiel in Helsinki, wenn man den Angaben der auf die Veröffentlichung von mittlerweile gemeinfreier Musik spezialisierten Labels vertrauen möchte. Das Orchester zeigt sich mit einer extrem herben Spielweise, das Holz kommt sehr deutlich zur Geltung und manch ein Solo leuchtet grell hervor (Flöte). Dass das Stück zunächst fast noch im Stile Mengelbergs (Chefdirigent 1895-1945) erklingt, lässt, da van Beinum einen gegenteiligen Stil pflegte, gewisse Zweifel an der Richtigkeit der Angaben aufkommen. Die Streicherpassagen wirken leidenschaftlich aufgewühlt, die Steigerungen jedoch ungemein schlüssig und pathosfrei ohne den bei Mengelberg zu erwartenden Hang zur Theatralik. Es fehlen dann auch die für ihn typischen rubatoreichen Verlangsamungen und Beschleunigungen, genauso ist ein gewisser Hang zur Selbstinszenierung nicht auszumachen. Der Drang nach vorne ist stets spürbar, der Puls wirkt natürlich. Die dramatischen Steigerungen werden bis zum Siedepunkt ausgereizt. Das Orchester lässt, soweit erkennbar, einen sehr guten Streicherklang erkennen, die Violinen klingen voll und rund, das ganze Orchester bemerkenswert schlank und transparent, die Coda hat Biss. Die Pauke kommt hervorragend zur Geltung (!), da hat sie sich wohl einen guten Platz vorm Mikrophon gesichert, das Blech kann sich leider in der recht bescheidenen Aufnahmetechnik kaum richtig entfalten und wird total komprimiert. Man hört dennoch, dass es zu maximaler Leistung geradezu entfesselt wurde.

Der zweite Satz erklingt relativ unauffällig, wenn man das von einem Konzert im Todesjahr Sibelius überhaupt sagen kann. Ob es vor oder nach dem Todesfall stattfand, ist uns leider nicht bekannt. Der Satz würde sich ohnehin nur bedingt als „Requiem“ eignen.

Das Allegro molto erklingt im Stil eine Eliteorchesters, sehr virtuos, aber nicht besonders vorantreibend, eher auf gefühlvolle Geschmeidigkeit bedacht. Die ganze Aufnahme leidet leider unter der unzureichenden Live-Aufnahmequalität. Der Schlussbeifall macht die Sache aber eindeutiger, denn auch eine Einspielung der Amsterdamer mit Paul van Kempen wäre in Frage gekommen, dabei hätte es sich jedoch um eine Studioaufnahme gehandelt,

Die Aufnahme hat eine gute historische Qualität. Im Jahr 1957 würde man sie jedoch nicht ohne weiteres verorten. Es klingt bereits sehr transparent und recht dynamisch. Das Orchester selbst zeigt bereits keine Schärfen oder Härten, die nicht musikimmanent und gewollt wären.

 

 

4-5

Sergiu Celibidache

Orchestra Sinfonica della RAI di Torino

NAR

1970, live

14:22  8:48  8:55  32:05

Diese Aufnahme entstand ein Jahr vor dem Stockholmer Mitschnitt, aber anders als der Schwedische Rundfunk hat der Italienische nur monaural aufgenommen. Celibidache war damals 57 und treibt die italienischen Musiker durchweg zu einem schnelleren Tempo an als die schwedischen. Celibidache war 1961-63 Chefdirigent beim Orchestra Sinfonica della RAI di Roma und auch die anderen Rundfunkorchester Italiens, damals waren es noch mehr als heute, dirigierte er damals häufig und über Jahrzehnte hinweg, besonders das in Turin und Mailand. Auch im Theater Bolognas war er oft zu Gast, aber nie um eine Oper zu dirigieren. Er gab in Italien auch viele Meisterkurse, z.B. in Siena.

Insgesamt dokumentieren seine vier Aufnahmen den Weg von einem (für seine Verhältnisse) zügigen Dirigenten zum späteren und ganz späten Klang-Phänomenologen.

In der Turiner Aufnahme stehen die Bläser deutlich im Vordergrund und im Fokus. Die Turiner Musiker wissen gegenüber anderen Vorstellungen dieses Mal durchaus zu gefallen. Wir hören expressives Spiel mit noch recht flüssigen Tempi, aber noch ohne den Klangzauber der 88er Münchner Aufnahme. Der Übergang zum Scherzo-Teil wirkt träge und ohne die rechte Dynamik, es gibt kaum das geforderte fff. Das Presto der Coda könnte gefallen, wenn die Pauke nicht durch völlige aufnahmetechnisch bedingte Abwesenheit „glänzen“ würde.

Das Andante mosso erklingt sehr phrasierungsgenau, ziemlich extrovertiert und linear, viel weniger raumbezogen und expansiv als in München. Die prallen Pizzicati gehören dazu, sodass man Celi hier noch als Temperamentsmusiker erleben kann. Die Musik erhält so noch einen gewissen südländisch, mediterranen Lichteinfall, ein gewisses mediterranes Flair. Auf die Stockholmer oder gar Münchner Zartheit und die impressionistische Differenzierungsraffinesse muss man noch weitgehend verzichten. Es fehlt aber auch der schwere Münchner Klang von 1992 genau wie die nordische Kühle und Kargheit des Stockholmer Mitschnitts. Da scheint es doch eher so, als würde das Timbre und das kollektive Wissen des schwedischen Orchesters einen Großteil der Interpretation mitbestimmen.

Das Allegro molto bietet in Turin mehr Rasanz. Der Schwanenflug klingt in den Hörnern sehr klar und deutlich und wird mit Stolz und Heroik ausgeführt, treibt aber doch geradlinig vorwärts. Mit den Trompeten noch majestätischer und heroischer. Die finalen Akkordschläge kommen noch ohne Paukenvorschläge. Alles wird noch geradlinig und stringent gespielt, nicht auf eine mystische Wirkung bedacht wie in Stockholm und noch mehr in München. Das Orchester bietet eine gute Performance und spielt besser als mit vielen anderen Dirigenten, mit mehr Disziplin und Präzision. Man wollte oder durfte den gestrengen Perfektionisten nicht enttäuschen.

Der Monoklang wirkt sehr trocken doch klar und deutlich. Mit Publikumsgeräuschen.

 

 

4-5

Hans Rosbaud

Sinfonieorchester des SWF, Baden-Baden (heute: aufgegangen im SWR-Sinfonieorchester)

SWR Classics

1955

12:53  8:04  8:15  29:12

Damals 1955 erforschte man in Baden-Baden mit Sibelius für die deutsche Musiklandschaft noch Neuland. Wir erinnern uns: Sibelius war damals noch kaum bekannt und noch schlimmer, er wurde aktiv gemieden. Große Ausnahme: Karajan und Rosbaud. In der Drei-Sinfonien-Edition (2,4,5), die SWR-Classic aus dem Fundus des ehemaligen SWF zu Tage gefördert hat (andere Sinfonien scheint auch Rosbaud nicht aufgenommen zu haben, lediglich noch Sinfonische Dichtungen) ragt die Vierte heraus. Dass sich ausgerechnet der unbestechliche Sachverwalter der Moderne mit Sibelius abgab, musste damals als sensationell empfunden worden sein.

Der erste Satz erklingt spannungsreich und stringent. Es ist eine stetige Steigerung von Largamente assai bis zur Coda zu bemerken. Man kann damals bereits von einer modernen, avantgardistisch-konstruktivistisch orientierten Wirkung reden, denn man konzentriert sich ganz besonders auf den Verlauf. Fast maschinenhaft und manisch-konsequent. Das Klangbild wirkt dabei immer ausgewogen. Am Ende, in der Coda gibt es keine dynamischen Exzesse, es wird nur ein langer Steigerungsverlauf konsequent zu Ende geführt. Das klang bei Collins oder Rodzinski noch mitreißender, denn hier fehlt der heroische Gipfel-Endpunkt. Zudem kann die damalige SWF-Technik noch keine hinreichende Dynamik bieten.

Das Andante assai bietet weniger eine pastorale Wirkung, da der Grundpuls dazu etwas zu schnell gewählt wurde. Auch eine tänzerische Wirkung stellt sich nur bedingt ein, naturhaft wirkt es aber schon.

Im Allegro molto erklingen sehr saubere Ostinatii, nicht so überhastet und angetrieben, wie man sie ebenfalls hören kann, mitunter sieht man sie auch als nebensächlich an, was sie jedoch gewiss nicht sind. Rosbaud wählt einen Mittelweg. Der Schwanenflug erklingt bar jeden Heroismus, fast könnte man meinen, die Hörner wären hier nur Nebensache. Auch die Trompeten bieten kein heldenhaftes Erstrahlen über das ganze Orchester hinweg. Auf Heldentum hatte man anscheinend damals in Baden-Baden absolut keine Lust mehr. Trotzdem ließ man es an Partitur-Genauigkeit nicht fehlen. Stilistisch könnte man von einem praktizierten Anti-Romantizismus reden. Sibelius wird dadurch eher als Repräsentant der Moderne gesehen. Die sechs Schlussakkorde wirken bei Rosbaud nicht wie Anhängsel, sondern logisch und konsequent.

Der Klang bietet noch den recht blassen Nachkriegsklang der deutschen Rundfunkanstalten, der sich jedoch in diesem Fall bereits sehr transparent, hellhörig und innerhalb des Orchesters gut ausbalanciert gibt. Dynamisch bietet jedoch die Decca mit Collins aus dem gleichen Jahr eine erheblich eruptivere Dynamik, mit der 54er Ormandy kann man sich durchaus messen. Von einem Bassfundament kann noch keine Rede sein und auch Basslinien sind uns nicht aufgefallen.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=cOwzROTEJUA&list=OLAK5uy_k7RaK4USJTvDKuz3Fy_Wy8mIAew4vzvq8&index=12

https://www.youtube.com/watch?v=WE_0lACBAYo&list=OLAK5uy_k7RaK4USJTvDKuz3Fy_Wy8mIAew4vzvq8&index=13

https://www.youtube.com/watch?v=XO6gAk2YlsM&list=OLAK5uy_k7RaK4USJTvDKuz3Fy_Wy8mIAew4vzvq8&index=14

 

 

4-5

Sixten Ehrling

Philharmonisches Orchester Stockholm (seit 1992: Royal Stockholm Philharmonic Orchestra)

Metronome, Finlandia, Mercury, Centurion Classics, Forgotten Records)

1953

11:42  7:07  8:24  27:13

Als die Platten bei Mercury-Ausgabe veröffentlicht wurden, steht plötzlich Stockholm Radio Symphony Orchestra darauf. Das ist ein leicht zu durchschauender Fehler gewesen, denn 1953 gab es den Namen noch gar nicht. Das Radio-Sinfonieorchester gibt es erst seit 1965, zuvor gab es nur das Radioorchester und das Unterhaltungsorchester beim Schwedischen Rundfunk. Aus diesen beiden hat man dann das Sinfonieorchester zusammengeführt. Seltsam. Bei Metronome, wo die Aufnahmen erstmals erscheinen sind, sind die Philharmoniker noch das ausführende Orchester. Dennoch hielt sich dieser Fehler noch sehr lange und verwirrte den einen oder anderen Musikfreund nicht wenig. Diese Einspielung der Fünften stammt aus der weltweit ersten Gesamtaufnahme der Sibelius-Sinfonien. Sie kombiniert die langsamste Vierte mit der schnellsten Fünften, die bis dahin veröffentlicht wurde. In den beiden Aufnahmen Kondraschins wird sie 1973 und 1981 allerdings noch unterboten.

Der erste Satz wirkt unerbittlich, geradlinig und unsentimental. Völlig rubatofrei geht es immer freie und volle Fahrt voraus. Es gibt keinen Blick nach links oder nach rechts. Sibelius oder besser die Partitur gibt es hier pur. Noch etwas schneller als bei Rodzinski. Aber nicht ganz mit der Perfektion und Clarté der Cleveländer. Texttreu, aber eisig, trotz eigentlich warmen Klangs aus der königlichen Musikakademie.

Im Andante mosso geht es wie im ICE durch die finnische Landschaft ohne jedwede romantische Träumerei. Trotzdem wirkt die Musik nicht ganz geheimnislos. Durch das Null-Rubato-Dirigat befinden wir uns hier mitten im skandinavischen Winter. Nur der dunkele und recht hochtonarme Klang der transferierten LP bringt Wärme ins Spiel. Ein wirklich spröder Charme geht von der Musik in dieser Aufnahme aus.

Im Allegro molto kann das Orchester wieder seine beträchtlichen virtuosen Qualitäten zeigen. Der damalige Chefdirigent Carl Garaguly hat sein Orchester offensichtlich gut in Form gehalten. Sixten Ehrling war damals jung und aufstrebend. Er gab 1950 ein sensationelles Debut mit dem „Sacre“ aus dem Gedächtnis heraus und galt seitdem als das neue handwerkliche und intellektuelle Dirigenten-Genie Schwedens. Er wurde 1953 zum Chef der Königlichen Oper Stockholm ernannt. Er verbreitert bei Schwanenflug das Tempo beträchtlich, was ihn noch monumentaler hervortreten lässt. Wahrscheinlich gerade, weil bis dahin alles so überaus schnell und agil wirkte. Nun gibt es doch noch etwas finnisches Denkmalkino mit Schwänen mit der erforderlichen Erhabenheit, wenn auch nicht in Cinemascope. In keiner Monoaufnahme gibt es die Paukenvorschläge bei den letzten Akkorden. In der Breitkopf und Härtel-Partitur standen sie anscheinend noch nicht drin. Sie kamen angeblich erst mit dem Quellenstudium in den originalen Manuskripten von Paavo Berglund mit ins Spiel.

Der Klang der Aufnahme wirkt leicht verhangen, denn selbst die Rechteinhaber an den Aufnahmen mussten auf gute, alte LP-Pressungen ausweichen, da die schwedischen Masterbänder im Archiv zerfielen. Centurion (dieser Edition hörten wir zu) griff für ihre CDs der GA auf diese Form des „Masters“ zurück. Es klingt immerhin erstaunlich rauscharm und direkt und steht den anderen Monoaufnahmen nicht viel nach. Nur etwas detailärmer klingt es schon.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=E85u49_NUD0&list=OLAK5uy_luM5zq-wWTpOYGsRiFe2GD8UgdWstd9Ew&index=16

https://www.youtube.com/watch?v=SPMKGoOP3CM&list=OLAK5uy_luM5zq-wWTpOYGsRiFe2GD8UgdWstd9Ew&index=17

https://www.youtube.com/watch?v=2Iu6znt33BU&list=OLAK5uy_luM5zq-wWTpOYGsRiFe2GD8UgdWstd9Ew&index=18

 

 

4-5

Jascha Horenstein

BBC Northern Symphony Orchestra (heute: BBC Philharmonic)

BBC Legends

1970, live

11:58  8:14  8:04  32:16

Diese Einspielung stammt aus der Sheffield City Hall und wurde noch mono aufgenommen. Möglicherweise war sie primär für die Sendung über den AM-Rundfunk bestimmt. Das Orchester aus Manchester wurde von der BBC 1982 massiv verstärkt und in BBC Philharmonic umbenannt. Nun sollte es kein Regionalorchester für den Norden Englands mehr sein, sondern ein Orchester von Weltrang werden. Dies ist das einzig erhaltene Dirigat Horensteins mit der Fünften. Horenstein gilt, obwohl er wenig an Proben interessiert gewesen sein soll, als einer der großen Bruckner- und Mahler-Exegeten des 20. Jahrhunderts, obwohl es von beiden Komponisten fast ausschließlich Live-Mitschnitte gibt. Bei ihm klingt die Sinfonie nun eher nicht wie ein schlankes „Naturgemälde in Musik“, sondern eher als existenzielle Tragödie. Das Orchester war damals noch kein hochglanzpoliertes Eliteorchester, sodass Präzision und Zusammenspiel nicht immer ganz ungefährdet erscheinen. Vielleicht war aber auch eine lasche Probenarbeit nicht ganz schuldlos. Wilde, überstürzt wirkende Tempomodifikationen machen jedoch das Zusammenspiel nicht gerade einfacher, lassen den Satz aber zu einem Hörabenteuer werden. Die voll ausgespielten Kontraste verstärken den rohen Charakter der Darbietung zusätzlich. Die leidenschaftliche Darbietung des 72jährigen Horenstein wirkt kompromisslos und ausdrucksvoll. Die Coda indes nicht furios, aber dennoch bemerkt man, dass das Orchester Feuer gefangen hat, wenn es sich auch nicht völlig entfesseln lässt. Das funktioniert ja meist erst nach akribischer Probenarbeit.

Im Andante mosso fällt ein gewisses Manko an Fülle (und sei es nur wegen zahlenmäßig reduziert besetzter Streicher) stärker ins Gewicht als im ersten Satz. Da wirkt die Darbietung doch weniger geschliffen, aber noch immer transparent, gerade wenn man bedenkt, dass es sich nur um eine Monoeinspielung handelt.

Im dritten Satz, dem Allegro molto wachsen sie jedoch substanziell über sich hinaus. Klingen plötzlich weicher und voller mit einer fast stereophonen Klangfülle. Das Blech ist gut aufgestellt. Die Trompeten klingen satt und mit edler Klanggewalt. Das Finale wirkt schlüssig, die Pausen lange ausgezählt. Das Publikum zeigte sich hellauf begeistert. Anscheinend grassierte das Sibelius-Virus auch in Sheffield bereits seit längerem. Da kannte man die Sinfonie bereits und war nicht mehr verdutzt, wie seltsam sie endet. Man Ende konsttiert man, dass man offenkundig die Probenarbeit vor allem auf den letzten Satz konzentriert zu haben scheint.

Die Aufnahme lässt relativ starkes Rauschen hören und hohe Präsenz quer durch das ganze Orchester. Vor allem die wichtigen Holzbläser stehen gut im Fokus. Da wirkt die Aufnahme noch unmittelbarer als die von Hans Rosbaud.

 

https://www.youtube.com/watch?v=ZxwL3PJH0GA

 

 

4-5

Erik Tuxen

Nationales Dänisches Radio-Sinfonieorchester, Kopenhagen

Decca

1952

14:16  8:06  8:33  30:55

Ganz so präzise wie die Orchester aus Cleveland (Rodzinsky), London (Collins) oder Boston (Koussevitsky) spielten die Dänen damals noch nicht, gerade was Intonation und Zusammenspiel anlangt. Hier regiert manchmal ein etwas wackliger Ensemblegeist. Zu Beginn lässt uns ein fast statisch wirkendes Tempo viele Details hören. Zudem wirkt die Musik atmosphärischer als in manch einer Geschwind-Aufnahme. Die Steigerung zum Scherzo gelingt grandios, aber der Weg dorthin wirkt sozusagen etwas steinig. Tuxen ist ein langer Atem nicht abzusprechen. Die Trompete überrascht mit einem starken Vibrato. Vielleicht ist dieses Detail daher zu erklären, dass Tuxen vor seiner klassischen Karriere ein in Dänemark bekannter und wegweisender Jazz- und Big-Band-Leader war. Er leitete 1932-36 eines der populärsten Jazz-Ensembles Skandinaviens. So brachte er vermutlich eine gewisse Offenheit für Klangfarben und Spielarten mit, die anderen Dirigenten fremd gewesen sein musste. Damals pendelten viele Musiker des Orchesters zudem noch zwischen den Sparten hin und her. Heute wäre eine solche Spielart in dieser Sinfonie reine „Anarchie“. Damals war Vibrato möglicherwies ein Synonym für einen ausdrucksstarken Ton. Vielleicht ließ man sich auch von der französischen Schule inspirieren, bei der man damals ebenfalls noch verschiedentlich Vibrato beim Blech des Orchesters hören konnte, auch bei den Hörnern. In der Coda wird jedoch darauf verzichtet. Generell erscheint uns der Satz etwas zu langsam, nach all den raschen Darbietungen der 30er, 40er und 50er Jahre, die wir zuvor gehört und die unseren Geschmack mitgeprägt haben. Offensichtlich hat Herr Tuxen jedoch mit dieser Aufnahme als diskografisches Vorbild vieler späterer Einspielungen gedient und er darf als Ahnherr der romantisch-modernen Sibelius-V-Interpretation auf Tonträger gelten.

Im ohnehin langsameren Andante mosso wirkt das Zusammenspiel verbessert, der Gestus der Musik bewegt und das Grundtempo angemessen flüssig. Man betont das Tänzerische und verfällt nicht ganz in Melancholie. Das Holz wirkt jetzt einfallsreicher und charmanter. So gespielt ist der Satz damals doch mal wirklich was anderes gewesen. Er wirkt unaufgeregt und die Beschleunigungen sowie die Verlangsamungen halten sich in ganz engen Grenzen. Es kommt jedoch nie zu einem Durchbuchstabieren.

Der letzte Satz, Allegro molto, wird zum besten Satz. Er wird mit viel Wärme dargeboten und das Orchester spielt tatsächlich eine Klasse besser als im ersten Satz. Die Hörner wirken sicher, wenn auch sehr zurückhaltend, die Streicher weben dazu einen dichten, wenngleich etwas rauen Klangteppich. Das Ganze wirkt uneitel und verzichtet auf Showeffekte. Die Streicher wissen mit ihrem Kantabile zu gefallen. Die Trompeten garantieren einen strahlenden, ja grandiosen Höhepunkt ganz ohne Vibrato. Die Schlussakkorde sitzen, nur von der Pauke hört man leider gar nichts.

Die Aufnahme klingt bereits transparent und deutlich, die Streicher meist seidig, die Dynamik gut. Insgesamt wirkt das für die Zeit sehr gutes Klangbild recht hell.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=kPIKI3oZluM

 

 

 

 

 

Aufnahmen aus Radiomitschnitten, YouTube oder Mediatheken:

 

 

5

Osmo Vänskä

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

RBB

2013, live

13:15  8:25  8:58  30:38

Osmo Vänskä ist dem CD-Hörer durch seine beiden Gesamtaufnahmen der Sinfonien in Lahti und Minneapolis bereits bestens als Sibelius-Dirigent bekannt. Nach Berlin hat er einen speziellen Draht hin, denn er studierte dort ab 1974 bei Karl Leister Klarinette. Seit seinem Debüt als Dirigent 2004, bei dem er bereits die Fünfte auf dem Programm hatte, dirigiert es dort immer wieder mal Sibelius. Bei diesem Mitschnitt aus der Philharmonie von 2013 wurde Herr Vänskä zudem mit dem „Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik“ ausgezeichnet. Das Orchester klingt noch voller, weicher und runder, vor allem aber wärmer und noch substanzreicher als das Minnesota Orchester und die Fünfte wirkt in diesem Live-Mitschnitt noch spannender. Hier wird die Musik wieder ähnlich wie in Lahti mit prallem Leben und innerer Spannung gefüllt. Das Orchester begeistert auch dieses Mal mit sonorer Kernigkeit und üppiger Klangfülle. Das Blech strahlt golden, das Holz verbreitet Wärme, bereits der erste Höhepunkt verbreitet strahlende Erhabenheit. Wir hören einen echten Luxusklang. Der Scherzo-Teil pulsiert mit viel Schwung; in Berlin wird, ähnlich wie in Lahti, mit Empathie gespielt. Die Coda treibt deutlich voran, an Blechglanz mangelt es beileibe nicht. Eher ein wenig an prestissimo. Live würde man da mit Höchstgeschwindigkeit schon ein beträchtliches Risiko eingehen. Die Pauke bleibt wie meistens im Klangbild zurück, denn das Blech und das übrige Orchester schöpfen bereits die gesamte verfügbare Dynamik aus. Es klingt einfach sagenhaft glanzvoll und intensiv. Offensichtlich hatte nicht nur das Orchester einen Sahne-Tag erwischt, sondern auch die Klangtechniker des RBB.

Im Andante mosso werden wunderbar beweglich die emotionalen Bremsen gelöst, die in Minneapolis noch angezogen wirkten. Das DSO spielt geradezu befreit, als ob es nie etwas anderes gespielt hätte. Das Blech lässt sich auch im zweiten Satz nicht lumpen und gibt alles. Die Pizzicati klingen wunderbar weich und voll und auch das Holz versprüht „Seele“ pur. Es klappt einfach alles an diesem Abend und klingt wunderbar. Eine Sternstunde bereits vor dem letzten Satz.

Dieser Eindruck setzt sich im Allegro molto fort. Es gelingt ja nicht leicht ein Orchester dermaßen zu enthusiasmieren, es klingt aber so lebendig, auch im pp voll und tragend, das Holz und die Streicher geradezu verführerisch. Man hat den Eindruck, dass das DSO seine konkurrenzlose Lieblingssinfonie spielt. Das Orchester wollte vielleicht den frisch geehrten Schallplatten-Sibelius-König Osmo Vänskä auf seine Weise ehren und übergab ihm so ein unnachahmliches Geschenk.

Der Klang der Aufnahme macht die Sternstunde erst für den Radiohörer nachvollziehbar, denn auch da wurden anscheinend alle Register gezogen. Es klingt präsent, klar, räumlich, weich und voll. Rundfunktypisch wird die Dynamik nicht so weit gespreizt wie bei den besten CDs, aber der Einfluss eines Dynamikkompressors, falls er denn überhaupt genutzt wurde, fällt nicht negativ ins Gewicht. Es gibt nur sehr wenige Störgeräusche vom Publikum, so als herrsche durchweg höchste Konzentration im Auditorium.

 

 

5

Kyrill Kondraschin

NDR Sinfonieorchester Hamburg (heute: NDR Elbphilharmonie Orchester)

NDR, YouTube

1981, live

12:18  6:59  7:19  26:36

Diese Aufnahme entstand nur wenige Wochen vor dem völlig unerwarteten, plötzlichen Herztod des Dirigenten. Gegenüber der acht Jahre älteren Aufnahme aus Moskau gewinnt die Darbietung mit dem enorm flexibel und spontan auf die Impulse des Dirigenten reagierenden Orchesters ungemein. Da wäre der nun mitteleuropäische volle, warme und dunkle Klang zu nennen, die leuchtenden Farben und die edle Bläser- und Streicherkultur zu nennen. Auch in Sachen Expressivität steht das Hamburger dem Moskauer Orchester an diesem Abend in nichts nach, zu dem gesellen sich noch die weicheren Übergänge und ein Mehr an Atmosphäre und Misterioso. Die Schostakowitsch-Nähe ist weniger offensichtlich, aber immer noch spürbar. Die Artikulation wirkt bei den Hamburgern freier als bei den wie an die Kandare genommenen Moskauern. Zugleich wirkt das Spiel weniger kantig und kalt. Der Übergang ins Scherzo gelingt ähnlich sogkräftig wie in Moskau. Die Coda erklingt mit einer konvulsivischen Kraftentfaltung und man muss es bedauern, dass nur ein Mitschnitt auf YouTube von der Aufnahme vorliegt und keine ordnungsgemäße Ausgabe auf CD herausgegeben wurde, denn der Dynamik-Kompressor bleibt auch bei dieser Sendung nicht ausgeschaltet und bremst die Konzertsaal-Dynamik spürbar ein. Trotzdem klingt der Mitschnitt wuchtig und mitreißend. Selten, dass das Hamburger Orchester einmal so lichterloh brennt wie hier.

Das Andante mosso erklingt ähnlich bewegt wie in Moskau und sehr temperamentvoll, nur jetzt mit dem wunderbar aufblühenden Klang eines hochmotivierten mitteleuropäischen Spitzenorchesters. Als Punkstück könnte dieses Mal das sehr deutliche und wohlklingende Holz genannt werden.

Ganz ähnlich wie in Moskau geht es beim Allegro molto unglaublich temperamentvoll und angetrieben in die Vollen. Auch das Schwanenthema wirkt in diesem Umfeld fast tänzerisch und freudig, fast fröhlich. Wie sehr das Orchester bei diesem „Ritt auf der Rasierklinge“ gefordert wird, hört man allenfalls am hektischen Umblättern des Notenpapiers, ansonsten spielt das Orchester bewundernswert souverän und es klingt fantastisch. Mit mehr Poesie und weniger Härte als in Moskau. Die Schlussakkorde kommen ebenfalls mit aller Härte und Präzision, jedoch mit mehr Fundament und Bassunterstützung. Die Pausen dazwischen sind wie in Moskau auf das karajansche Mindestmaß abgeschmolzen, also fast verschwunden. Nach wie vor gibt es keine Paukenvorschläge.

Der Klang der Hamburger Aufnahme ist ungleich voller, runder, körperhafter, farbiger, wärmer und ausgewogener als der der Moskauer Aufnahme. Und obwohl die Moskauer auf CD vorliegt, bringt die Hamburger mehr Dynamik und Wucht mit. Ein ausgezeichneter Mitschnitt, der einen authentischen Eindruck der Akustik der Hamburger Musikhalle vermittelt.

 

https://www.youtube.com/watch?v=k42bO-k73Fk

 

 

5

Maxim Emelyanychev

SWR-Sinfonieorchester

SWR

2024, live

12:59  8:23  8:52  30:14

Das SWR-Symphonieorchester hatte in der Spielzeit 2023/2024 einen großen Sibelius-Schwerpunkt im Programm. Jean Sibelius wurde für diese Saison offiziell zum Fokus-Komponisten ernannt. Obwohl es kein klassischer, chronologischer Zyklus an wenigen aufeinanderfolgenden Tagen war, wurden über die gesamte Saison hinweg fast alle zentralen Orchesterwerke und Sinfonien des finnischen Komponisten aufgeführt. Dazu wurden renommierte Gastdirigenten (vor allem mit ausgewiesener Expertise für nordische Musik) nach Stuttgart, Freiburg und Köln eingeladen: Hannu Lintu dirigierte u. a. die 3. Sinfonie, Robert Treviño übernahm die 4. Sinfonie, Maxim Emelyanychev leitete das uns nun vorliegende Konzert mit der 5. Sinfonie. Darüber hinaus dirigierte John Storgårds die 7. Sinfonie sowie die Finlandia-Hymne und Eva Ollikainen beschloss die Saison im Juli 2024 mit einer weiteren Interpretation der 5. Sinfonie, die wir ebenfalls in unsere Liste aufgenommen haben. Es ist zu bedauern, dass man das Konzert mit Maxim Emelyanychev nicht ebenso abgefilmt und in die Mediathek aufgenommen hat, wie das mit Frau Ollikainen. Für unsere Ohren war die Darbietung mit Herr Emelyanychev die spannendere.

Das Orchester zeigt sich unter diesen Vorzeichen als sehr vertraut mit dem Idiom Sibelius´. Herr Emelyanychev kommt vom Cembalo her und ist Chef des Scottish Chamber Orchestra. Zudem ist er bekannt für seinen von der HIP inspirierten hellwachen Geist. Ob man von ihm daher möglicherweise ein schlankes, besonders vibratoarmes, sprechendes und rhythmisch geschärftes Musizieren bei Sibelius V erwarten kann? Zumal sich das SWRSO durch fünf Jahre mit Herr Currentzis an kompromisslos gesetzte Dynamikgrenzen gewöhnen konnte. Traditionell ist das Stuttgarter Orchester für seinen detailreichen und schlanken Klang bekannt Und an diesem Abend erreicht es absolutes Weltklasse-Niveau. Für Herr Emelyanychev ist Sibelius V durch und durch optimistisch und licht: „Sie strahlt von der ersten bis zur letzten Note, manchmal pastoral, manchmal nostalgisch, manchmal einfach nur magisch in diesem unglaublichen Es-Dur.“ Weiter meint er im Pausengespräch: „Ich mag nicht nur die Art der Instrumentierung und wie groß Sibelius die musikalischen Themen anlegt. Mir gefällt auch die sehr kompakte Struktur des Werkes. Auf mich wirken die drei Sätze wie eine große, einsätzige Sinfonie. Die musikalischen Linien reißen einen mit und ich finde es großartig, wie dramatisch Sibelius sie gestaltet. Ich liebe die Bilder, die er mit dem Orchesterklang erzeugt. Seine Art zu instrumentieren ist ziemlich verrückt, vor allem für die damalige Zeit. Durch die Polyphonie entstehen im Orchesterklang viele Schichten und es macht große Freude, die mit einem großartigen Orchester zu durchdringen und die tänzerischen und pastoralen Seiten herauszuarbeiten und mit unserem Spiel Bilder in den Köpfen unseres Publikums zu erzeugen.“

Tatsächlich wirkt die Darbietung von Beginn an eloquent, pulsierend und elektrifiziert (Ostinati, Hörner), ohne spätromantische Trägheit, voller Entschlossenheit und Spannung und ohne die spezifische Lyrik zu vernachlässigen. Die Musik atmet frei und das Orchester spielt enorm beteiligt, das bemerkt man gerade an den Ostinati. Da steckt richtig was drin. Die klingen immer richtig, mal führend, mal untermalend, mal spannend, mal bissig. Beim ersten Höhepunkt strahlen die Trompeten herrlich und es gibt ein ordentliches Paukentremolo. Die anschließende Beschleunigung wirkt behutsam aber stetig. Die Artikulation wirkt meist leicht und immer kann man die Pauke hören, wenn sie denn spielt. Das Holz wirkt sehr artikuliert, aber das ist man bei diesem Orchester und bei diesem Aufnahmeteam gewöhnt. In der Coda explodiert die Pauke, na endlich. Man hat offensichtlich extra harte Schlägel zu Hilfe genommen, dann klappt es einfach besser. Das Blech spielt hochmotiviert, das sollte sich das WDRSO mal anhören. Mit ihm haben wir einen ansonsten gar nicht schlechten Mitschnitt mit Roderick Cox in unserer Liste, auf den wir später noch zu sprechen kommen werden. Es kommt in Stuttgart viel besser zur Geltung. Dies ist eine der furiosesten Codas der Radiomitschnitte überhaupt. Mit den richtigen Funken vom Pult klappt es eben auch ohne das Fangnetz einer Studioaufnahme.

Das Andante mosso erklingt sehr bewegt, flüssig und ausdrucksvoll, ganz ähnlich wie bei Vänskä in Berlin. Man denkt hier auch in Extremen, die es eigentlich erst im Expressionismus gibt, aber doch gepaart mit lyrischem Impressionismus im Kontrast. Die Herkunft von der HIP könnte man in diesem Satz tatsächlich dingfest machen, es wird aber mehr gesungen als dezidiert “gesprochen“. Das Orchester verharmlost nichts und es klingt tatsächlich magisch.

Das Allegro molto erklingt ideal was Klangbalance und Tempo angeht. Dynamisch äußerst differenziert. Mit sehr viel Schwung und Sinn für Klangfarben. Und immer mit kerniger Pauke und ordentlich Blech-Power. Und endlich gibt es seit Simon Rattle wieder einen, der die Pausen so lange auszählt, wie es sich der Komponist vorgestellt hat. Dass Herr Emelyanychev Schüler von Gennadi Roshdestwensky war, erklärt schon viel vom gerade Gehörten. Diese Aufführung war aber unabhängig davon von A-Z inspiriert. Man darf schon gespannt sein, wo Herr Emelyanychev einmal landet, wenn sein Engagement beim Schottischen Kammerorchester einmal endet. Derzeit ist er zudem noch 1. Gastdirigent beim Schwedischen Radio-Sinfonieorchester in Stockholm.

Der Klang der Aufnahme wirkt frei, sehr transparent, offen und räumlich. Man bemerkt erfreut eine hervorragende Deutlichkeit der Basslinie. Der Live-Mitschnitt wirkte ungestört von Kompressionstätigkeit der Dynamik jedweder Art. Klasse. Die Darbietung hätte eigentlich auch an der Spitze der Rundfunk- und YouTube-Liste stehen können, aber das kommt ja häufiger vor, dass die Besprechungen nebeneinander, statt hintereinanderstehen müssten.    

 

 

5

Kyrill Petrenko

Bayerisches Staatorchester

BR

2015, live

12:55  7:52  9:08  29:55

Dieser Mitschnitt stammt vom 1. Akademiekonzert des Orchesters aus dem Münchner Nationaltheater, ebenfalls anlässlich des 150. Geburtstags des Komponisten. Das Orchester spielt sehr differenziert, mit vollem, sonorem, ja sattem Klang und scheint den Saal geradezu mit Klang zu fluten. Drängend und organisch scheint der ganze Satz wie über einen einzigen Bogen gespannt. Es klingt ausgewogen über alle Solisten und Gruppen hinweg und trotz der evidenten Filigranarbeit verliert man die große Linie nicht aus den Augen. Das Orchester scheint besonders geeignet zu sein, die vielen Valeurs der Musik zu klingendem Ausdruck zu bringen. Es klingt immer fest konturiert und stark aufgelichtet ohne dabei jedoch an atmosphärischem Gehalt und sattem Klang zu verlieren. Auch beim ersten Höhepunkt vermischt sich nichts. Das Accelerando wirkt geschmeidig und recht vehement. Die Exzellenz der Darbietung liegt aber auch genauso an der Gestaltung der Soli und dem gesamten Klang. Vehemenz und Geschwindigkeit in der Coda lassen nichts zu wünschen übrig, sogar die Pauke klingt hier einmal phänomenal. Da verschwimmt nichts. Das Blech erklingt ohne Drill mit staunenswerter, wie selbstverständlich wirkender Leichtigkeit und durchschlagskräftig.

Das Andante mosso erklingt flüssig und elastisch, locker und spannend zugleich. Tänzerisch aber auch erzählend. Kontrastreich werden die unterschiedlichen Stimmungen des Satzes zusammengebracht, wunderbar erblühen die Holzbläser in frei wirkender Kantabilität.

Im Allegro molto erfolgt keine Übergewichtung der zahlreichen Ostinati, die Hörner erklingen phänomenal deutlich beim ersten Schwanenflug. Das Col legno der Bässe, das man nur bei den neuen und neuesten Aufnahmen gelegentlich mal hört, kommt sehr deutlich und eloquent. Die Oboen klingen wunderbar voll und sonor. Die Sonorität und Klarheit des Orchesterklangs begeistern immer wieder. Petrenko lässt dem Orchester genug Zeit die Lyrik des Satzes voll auszuspielen, die Spannung hängt dabei nie durch. Der Vortrag wirkt immer frei und wie spontan und flexibel, sodass sich der Klang erst richtig entfalten kann. Der Schlusshymnus klingt erhaben, aber nicht gewaltig. Die Trompeten lassen „die Kirche im Dorf“. Es soll anscheinend nur ein (nicht unbedingt kosmisches) Naturereignis und dessen Wirkung im Komponisten hörbar gemacht werden, kein affirmatives politisches Bekenntnis (des Widerstands oder ein sonstiges), was von Sibelius ja auch nicht vorgesehen war. Die Schlussakkorde werden nicht als theatralischer Knalleffekt gesehen und klingen klangfarbenreicher als üblich.

Die Direktübertragung klingt auch noch im fff glasklar, voll und sonor, ja üppig und satt. Damals war für Konzertübertragungen 5.1. Dolby Digital der Standard. Diesen Luxus spart man sich mittlerweile fast ARD weit, leider auch beim BR.

 

 

 

4-5

Esa-Pekka Salonen

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

BR- oder ARD Mediathek, Medici

2015, live

13:24  9:21  9:52  32:37

Im Jahr 2015 gab es eine Fülle von Konzerten und Aufnahmen mit Werken von Jean Sibelius. Kein Wunder, denn das war das Jahr seines 150. Geburtstags. Auch in München vergaß man diesen Termin nicht. Beim BRSO nicht, aber auch beim Bayerischen Staatsorchester nicht, wie wir soeben gesehen haben. Beim Wiederhören der Interpretation Salonens hat sich gegenüber seiner Platteneinspielung als 28jähriger bei CBS 1986 viel geändert. Er hatte nun schon seit geraumer Zeit seine Tätigkeit als Musikdirektor des LAPO beendet (1992-2008) und war nun Chef des Londoner Philharmonia Orchestra (2008-2021). Mathematisch ausgezirkelt und persönlich unbeteiligt wirkt es nun als 56jähriger nicht mehr. Er scheint seinen Frieden mit dem Nationalkomponisten gemacht zu haben und der Fünften nun eine gewisse Zuneigung entgegenzubringen. Sein Ansatz wirkt zumindest erheblich emotionaler (wie es innen bei ihm aussieht, ist freilich nicht bekannt) und überhaupt macht das ganze nun gewissermaßen einen „ganzheitlichen“ Eindruck. Sein Dirigat wirkt noch souveräner, obwohl er einer derjenigen Dirigenten ist und bereits 1986 war, die eine perfekte Schlagtechnik haben, wirkt sein Dirigat noch souveräner. Ohne Verlust an energetischem Potential, ganz im Gegenteil. Die Tempoabstufungen und Beschleunigungen wirken noch flexibler, sodass man die Sinfonie nun nicht mehr so sehr „architektonisch“ wahrnimmt, sondern „natürlich“. Gerade bei der Fünften ist das ein großer Fortschritt. Der 56jährige kann seine im Laufe der letzten drei Jahrzehnte gewonnenen Erfahrungen voll einbringen und sie fallen beim Münchner Orchester auf fruchtbaren Boden. Es klingt reifer, besser ausbalanciert und viel organischer. Die rhythmische Schärfe bleibt dabei intakt. Es sieht fast so aus, als sei der „Saulus“ zu einem „Paulus“ gegenüber der Fünften geworden. Das Orchester hat viel mehr Fülle, Klangtiefe und Brillanz als das PO 1986 und das Schwedische RSO im damals erstellten Videodokument. Die Live-Aufnahme scheint der Atmosphäre und Spannung ebenfalls sehr gut bekommen zu sein. In der abschließenden Coda fehlt es kaum an Vorwärtsdrang, kaum am erforderlichen Presto und an der Blecheruption, lediglich die Pauke bleibt klanglich mal wieder im Hintergrund.

Gegenüber der Live-Aufnahme aus Verbier klingt der zweite Satz noch etwas klangvoller und präziser, vielleicht nicht ganz so energiegeladen, die jungen Studentenorchester bringen meist eine besondere Motivation mit, da bemerkt man oft eine besonders adrenalingeladene Hochstimmung. Aber: Belebend und elektrisieren spielt das BRSO ebenfalls.

Sogar mit noch mehr majestätischer Souveränität, vor allem im dritten Satz, da gehört sie ja auch hin. In München hören wir sozusagen eine perfekte Symbiose aus der Kontrolle der Stockholmer und Londoner Aufnahmen und dem Live-Risiko von Verbier. Gegenüber der neuen Aufnahme aus San Francisco wirkt der glasklare Westküstensound in München angereichert mit mitteleuropäischer Klangfülle, die die Sinfonie von Sibelius mit noch mehr Einfühlungsvermögen und Wärme klingen lässt. Im Allegro molto scheint das BRSO auf vorderster Stohlkante zu musizieren, mit hoher Perfektion und mitreißend. Salonen-typisch ist das starke Abbremsen für den Schwanenhymnus, der nun, man glaubt es kaum, bei Salonen fast emotional überwältigt. Da hilft die nun zu hörende flexible Agogik erheblich. Da zeigt der vielfach unter- als auch (von anderen) überschätze Salonen einmal, was wirklich in ihm steckt. Er lässt das BRSO geradezu brennen, animiert es zur Höchstleistung. Da ist keine eitle Pose zu hören, es klingt zwar recht langsam, aber urgewaltig und wie vom Geist Sibelius´ erfüllt. Man nimmt keine gähnende Trägheit wahr, die sich bei Aufnahmen oft mal breitmacht, die sich der Zehn-Minuten-Grenze annähern. Stattdessen nimmt man eine monumental strömende „Ewigkeit“ wahr. Das BRSO in dieser Klangtechnik kann den Schwanenflug mit seinem Goldglanz, dem erforderlichen Gewicht und der Freiheit beim Spiel veredeln. Gegenüber dieser Einspielung erscheint die 86er Aufnahme wie eine Jugendsünde.

Der Klang des Videos kommt zwar via YouTube nicht ganz an die damals noch im 5.1 ausgestrahlten Direktübertragung heran, wirkt jedoch immer noch sehr hochwertig. Das fast 30 Jahre alte Video aus Stockholm wird deutlich übertroffen, genau wie die Londoner Plattenaufnahme. Es klingt klarer, besser strukturiert, offener, transparenter, dynamischer und plastischer.

 

 

https://www.ardmediathek.de/video/br-klassik-im-tv/salonen-dirigiert-hillborg-grieg-und-sibelius/br/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvL2NmODI0ZTA3LWJhYWEtNDZhNi05ZmVhLWI1YmM0YjRiZjBmYw

 

 

4-5

Jukka-Pekka Saraste

Lahti Symphony Orchestra (Sinfonia Lahti)

YouTube

2015. live

12:31  8:12  9:10  29:53

In Lahti gab es 2015 zum 150. Geburtstag natürlich ein Sibelius Festival, bei dem Jukka-Pekka Saraste die Sinfonien 1 und 5 übernahm. Den Rest teilten sich Leif Segerstam und der damalige Chef des Orchesters Okko Kamu auf. Kamu setzte zusätzlich noch zu einer GA aller Sinfonien für BIS an, bei der die Fünfte leider nicht so gut gelungen ist wie die anderen und wie hier bei Herrn Saraste. Aufgenommen wurde wie immer seit es die Sibelius Hall gibt ebendort. Der sehr hoch im Verhältnis zu seiner Grundfläche ausgefallene komplett mit Holz verkleidetete Konzertsaal stellt sich immer wieder als ganz besonders günstig für die Musik ihres Namensgebers heraus.

Dass das Orchester mit der Sinfonie bestens vertraut ist, bemerkt man sofort, auch Saraste dirigiert wie bereits 2008 in Oslo ohne vor ihm liegendes Notenmaterial. So kann er für seine Verhältnisse sehr viel Sichtkontakt zum Orchester halten. Die Interpretation bringt alles mit, was von Nöten ist, solistische Eloquenz (Fagott!), Strahlkraft im Blech, sonore Streicher und einen noch stringenteren Spannungsaufbau als z.B. in Sarastes Video aus Oslo, auf das wir noch zu sprechen kommen werden. In der Coda herrschen nun ein ordentlicher Zug und die Mobilisierung sämtlicher Kräfte in einem vorwärts gerichteten Presto. So wie man es von Saraste bereits von 1993 bereits kennt (die Aufnahme aus Sankt Petersburg mit dem Finnischen RSO).

Das Tempo im Andante mosso erscheint nun etwas zügiger als zuvor, man spaziert so etwas schneller durch Nebel, Wald und Flur, ohne es an Details fehlen zu lassen. Herrlich bewegt und „sprechend“, eloquent und sehr differenziert.

Das Allegro molto zeigt ebenfalls viel Feingefühl und eine grandiose Steigerung beim hymnischen Schwanenflug, weit ausgreifend. Präzise Schlussakkorde und spannende Pausen sind garantiert. Die Darbietung gefällt besser als die spätere Einspielung aus Lahti auf SACD mit Okko Kamu. Und es klingt voller und wärmer als das Video, das Saraste mit dem Oslo Philharmonic ein paar Jahre zuvor aufgenommen hatte.

Die Aufnahme klingt offen, sehr transparent, glasklare Resonanz, sehr räumlich, voll und sonor.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=XIIfMjRMqRs

 

Für den besseren Überblick: Jukka-Pekka Saraste hat folgende Aufnahmen zur Liste beigesteuert und es sind noch längst nicht alle, denn je länger man sucht, desto mehr sind zu finden, da gibt es beispielsweise noch eine aus Detroit von 2022:

 

https://livefromorchestrahall.vhx.tv/videos/jean-sibelius-symphony-no-5

 

1988 Finnisches RSO, Aufnahme in Helsinki

1993 Finnisches RSO, Aufnahme in Sankt Petersburg

2008 London Philharmonic

2008 Oslo Philharmonic (Video)

2015 Lahti (Video)

2026 Helsinki Philharmonic (Audio und Video)

 

 

4-5

Tarmo Peltokoski

Lettisches Nationales Sinfonieorchester, Riga

Lettischer Rundfunk, gesendet vom Deutschlandfunk

2022, live

12:52  8:03  8:19  29:14

Aufgenommen wurde das erste Konzert Peltokoskis (Schüler von Panula und Oramo) als neuer künstlerischer Leiter des Lettischen Nationalorchesters 2022 in der hochmodernen 2014 eröffneten Vidzeme Concert Hall in Césis, einer Stadt mit lediglich 14000 Einwohnern. Darin scheint es sehr plastisch und lebendig zu klingen. In Lettland möchte man nicht alles nur in der Hauptstadt Riga konzentrieren. Ähnlich verhält es sich auch bei den Lielais Dzintars („Großer Bernstein“), der Konzerthalle, in der die Aufnahme Christian Lindbergs im Westen des Landes (in Liepaja, Kurland) entstanden ist. Staatliche Förderung und EU-Mittel machen es möglich. Aber die Westschätzung von Musik allgemein muss wohl im Land sehr hoch sein. Herr Peltokoski wurde dann 2023 auch noch zum Chefdirigenten ernannt. So konnte er nahezu nach Belieben schalten und walten. Drei Jahre danach wurde er bereits zum Ehrendirigenten des Orchesters. Er bekleidet außerdem noch Spitzenpositionen in Toulouse und Hong Kong.

Peltokoskis Herangehensweise wirkt zügig und stringent, verbindet romantischen Ausdruck mit hellwachem Spiel. Es klingt, natürlich auch wegen des Orchesterklangs, saftig und druckvoll und wie vom Geist der Romantik durchweht. Ein steter Spannungsaufbau bis zum Furioso der Coda, die wild, aber leider nicht transparent genug erscheint. So fehlt die Pauke an dieser entscheidenden Stelle fast völlig. Die Aufnahmetechnik bzw. die Übertragungstechnik hat sich löblicherweise auf keine analytische Skelettierung des Klangs festgelegt, aber ein etwas besser aufgelichtetes Klangbild hätte der komplexesten Stelle des Werkes doch gutgetan.

Dass sich Peltokoski eher am alten finnischen Vorbild eines Kajanus orientiert als am Dänen Erik Tuxen bemerkt man auch am zweiten Satz, dem Andante mosso. Erneut wirkt das Tempo zügig, die straffe Herangehensweise lässt die Musik packend wirken. Tänzerisch bewegt mit einer hochenergetischen Dynamik.

Das Allegro molto lässt der junge Finne mit aufpeitschenden Pauken als knallendes Startsignal erklingen. Das hört man so bei keinem anderen Dirigenten. Ein straffes Tempo scheint auch hier die ungezähmte Kraft eines Kajanus oder Collins zu evozieren, darin ist Peltokoski seinem Landsmann Klaus Mäkelä voraus. Er schlägt ein forderndes Tempo an, mit dem er die Virtuosität seines neuen Orchesters unter Beweis stellt. Das Holz klingt prima und insbesondere die Oboen (das meint vor allem ihre Spieler/innen) aus dem Baltikum genießen einen sehr guten Ruf. Auch ein sehr leises pp ist für dieses Orchester kein Problem. Die diversen Schichten der Kompositionsweise und Instrumentierung Sibelius´ wird plastisch gemacht. Der Hymnus bekommt die übliche Verlangsamung, ein heroisches Schwelgen wird jedoch nicht zugelassen. Die stark energetische Wirkung bleibt von A bis Z erhalten. Die Akkorde erhalten sehr deutliche Paukenvorschläge, vor allem der letzte wird besonders stark vorgelagert und massiv herausgestellt, die Pausen wirken verzögert. Die Gestaltung des Schlusses wirkt riskant für die Präzision, wird aber vorzüglich gemeistert.

Der Klang der Aufnahme wirkt ein wenig matter und weniger transparent als bei den Übertragungen der deutschen Rundfunkorchester. Vor allem bei der des DSO mit Vänskä oder Emelyanychev aus Stuttgart. Das waren allerdings beides Direktübertragungen.

 

 

4-5

Alan Gilbert

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO)

BR

2025, live

13:08  8:39  8:22  30:09

Mit dem BRSO gibt es auch noch das Münchner Debütkonzert des jungen Klaus Mäkelä in unserer Liste. Da bietet sich der Vergleich mit der Darbietung von Alan Gilbert geradezu an. Es lässt den ersten Satz nämlich erheblich energischer und vorwärtsdrängender klingen als sein jüngerer Berufskollege. Es gibt kein verträumtes Verschleppen und der Spannungsbogen wird straff gehalten. Das BRSO kann hier aber auch, da es sich erneut um eine Direktübertragung (anders als bei Mäkelä 2020) handelt, dynamisch befreiter aufspielen, von einem Dynamikkorsett ist nämlich nicht viel zu spüren. Alle Register klingen zudem voll, plastisch und präsent. In der Coda klingt es weniger furios als es möglich wäre, wenn das Orchester noch mehr gefordert werden würde, aber es klingt wunderbar transparent. Leider ist die Pauke erneut kaum zu hören. Insgesamt wirkt die Coda ein wenig zu sicherheitsbewusst und ohne den rechten Mut zur risikohaften Entäußerung.

Das Andante mosso klingt viel schwungvoller als bei Mäkelä 2020, trotzdem jedoch detailbewusst, klar, kontrastreich, fließend und eloquent. Die Holzbläser spielen wie so oft beim BRSO sehr ausdrucksvoll (Oboe!).

Das Allegro molto hat das richtige Tempo und ordentlich Temperament. Und auch das Col legno der Kontrabässe ist laut und deutlich zu hören. Fast wie ein mechanisches Klicken. Ob es das mechanische Klicken einer Uhr ausdrücken soll, einer unerbittlichen kosmischen Uhr, vielleicht, obwohl gerade im Kosmos die Zeit keine Rolle spielt, aber sie läuft jenseits aller menschlicher Emotion einfach weiter, kalt und präzise. Bei Gilbert hört man die Bässe so laut wie selten. Alan Gilbert wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Es könnte aber auch, das wäre viel näherliegender, das geräuschhafte Aufeinanderschlagen der Flügel beim Startvorgang der Schwäne bedeuten, ähnlich wie man es in unseren Breiten bei Tauben hören kann. Die recht schweren Schwäne haben es wegen ihres Gewichts und ihrer riesigen Flügel nicht eben leicht beim Start. Im Flug sieht es dafür umso majestätischer aus. Das wäre dann reine Illustrationskunst. Ein Beispiel dafür, wie plastisch Gilbert das Werk klingen lässt, ist es in jedem Fall. Im Verlauf nimmt er dem Schwanenhymnus jeden Kitsch und befördert einen modernen Ausdruck. Solchermaßen kombiniert er den kühlen, nordischen Interpretationsweg mit dem romantischen. Es klingt bei ihm nicht so detailaffektiert und schlüssiger und stringenter als beim jungen Mäkelä, bei dem die Musik vor lauter Klangschönheit in München fast schon erstarrt. Aber dass es beim Publikum auch auf jugendliche, smarte Ausstrahlung ankommt, merkt man sogar am Radio am völlig unterschiedlichen Applaus, da hat der junge Mäkelä trotz zweifelhafter Leistung die Nase vorn.

Die Fülle und Sonorität der 5.1-DD-Übertragungen, an denen der BR noch recht lange festgehalten hat, gehören leider inzwischen der Vergangenheit an. Nur beim SWR hört man diesen Sound noch regelmäßig bei Konzertübertragungen, da man zu diesem Zweck einen eigenen Kanal eröffnet hat. Beim NDR noch manchmal. Immerhin wirkt die Dynamik bei Direktübertragungen des BR noch weitgehend unkomprimiert, offen, natürlich, plastisch und ganz gut gestaffelt. Trotzdem ein klangsinnlicher Rückschritt, den wir vom BR am wenigsten erwartet hätten, denn da hütet man vor allem das BRSO wie einen prestigeträchtigen Augapfel und stattet es großzügig mit Geldmitteln aus, damit es seine Position im Orchesterranking halten kann.

 

 

4-5

Dalia Stasevska

Deutsches Sinfonieorchester Berlin (DSO)

RBB, live

2024, live

13:05  9:07  9:08  31:20

Dieser Mitschnitt aus dem Debütkonzert Dalia Stasevskas stammt von ihrem Debütkonzert beim DSO. Sechs Wochen vor dem Berliner Gastspiel (ihr Debüt in Berlin) führte sie das Werk im Großen Sendesaal mit dem HR-Sinfonieorchester auf, ein Konzert, das vom in dieser Hinsicht besonders fleißigen HR abfilmt und in die ARD-Mediathek eingestellt wurde. Wir kommen noch darauf zurück. Darüber hinaus hat sie die Sinfonie in vielen anderen Städten bereits aufgeführt, so auch in Amsterdam. Auch diese Darbietung wurde in Bild und Ton festgehalten. Unsere kleine Besprechung folgt direkt im Anschluss.

Frau Stasevska ist u.a. Schülerin von Jorma Panula und Leif Segerstam. Sie war 2020-25 Chefdirigentin der Sinfonia Lahti, derzeit ist sie 1. Gastdirigentin beim BBC Symphony Orchestra. Was ebenfalls noch oft erwähnt wird, vielleicht um ihre Sibelius-Kompetenz zu unterstreichen, ist die Tatsache, dass mit einem Urenkel von Sibelius verheiratet ist. Ob das eine Auswirkung auf ihre Interpretation hat, können wir nicht beurteilen, zumal ihr Mann Bassist der Power-Metal-Band „Stratovarius“ ist.

Frau Stasevska bevorzugt eine eher ruhige Gangart im ersten Satz. Dabei kommt ihr der volle, erneut beseelt wirkende Klang des DSO, den wir ja bereits im Mitschnitt mit Osmo Vänskä kennengelernt haben, sehr entgegen. Der streng monumental und etwas statisch wirkende erste Höhepunkt beim Übergang zum Scherzo ist bei Vänskä allerdings so nicht zu hören. Bei ihm hat er noch mehr Präsenz und Erhabenheit. Das Scherzo wird dann allerdings sehr stark beschleunigt, das dann wieder ganz ähnlich wie bei Osmo Vänskä. Hier entfaltet das Spiel enorme Sogkraft. In der Coda entfaltet die junge Dirigentin (sie war wohl bei ihrem Debüt in Berlin ungefähr 39) viel Sogkraft und mitreißendes Con fuoco. Die Pauke kann sich ebenso wie bei Herrn Vänskä nicht so recht durchsetzen. Darauf haben leider nur die wenigsten Tonmeister ein sicheres Auge.

Im Andante mosso herrscht eine flüssige, atmende Gangart vor. Frau Stasevska gestaltet ziemlich rhapsodisch und frei mit großen Tempo- und Dynamikgegensätzen. Dadurch erreicht sie eine emotionalisierte Wirkung. Zugleich wirkt die Darbietung sehr detailreich, ohne den großen Bogen zu vernachlässigen. Erneut begeistert das Holz, das Orchester als Ganzes erklingt etwas kühler als beim extrem sinnlich und warm wirkenden Wohlklang der Vänskä-Gala.

Das Allego molto wirkt energisch und pulsierend, mit viel Elan gespielt. Das Holz klingt einfach prächtig, das ganze Orchester mit klangvoller Emotionalität. Die Streicher spielen möglicherweise mit weniger Vibrato, weshalb sie etwas kantiger und nicht ganz so warm, voll und saftig als 2013 bei Vänskä klingen. Sie zählt die Pausen, ähnlich wie Simon Rattle gut aus. Bei ihm kamen sie uns jedoch noch länger vor. In der Philharmonie gab es genau wie 2013 mit Osmo Vänskä Ovationen für Orchester und Dirigentin. Noch wehr als in Frankfurt

Der Mitschnitt klingt nicht ganz so voll und präsent, nicht ganz so sinnlich und dynamisch wie bei der Vänskä-Sternstunde 2013. Man muss etwas Lautstärke zugeben, um gleiche Bedingungen zu schaffen, was das Bild nicht verändert. 2024 wird das Orchester allerdings noch etwas mehr in die Tiefe hinein gestaffelt. Es klingt ebenfalls sehr transparent.

 

 

4-5

Dalia Stasevska

Radio Filharmonisch Orkest

Avrotros, YouToube

2025, live

12:31  9:34  8:45  30:50

Über die Berliner und Frankfurter Einspielungen hinaus hat Frau Stasevska die Sinfonie in vielen anderen Städten bereits aufgeführt, so auch in Amsterdam. Auch diese Darbietung wurde in Bild und Ton festgehalten und ist frei verfügbar, weshalb wir den Link hier unbedingt anführen wollen, da es von der Berliner Aufführung anscheinend nichts Entsprechendes im Netz gibt.

Auch im Concertgebouw ist Frau Stasevska wieder mit vollem Einsatz involviert, trotz fließenden Bewegungen fordert sie die unerbittliche rhythmische Kontrolle. Die Übergänge sind erneut geschmeidig, die Unterscheide zur Berliner Aufführung generell nicht groß. Die Coda erklingt feurig, transparent mit kraftvollem Blech und antreibender Pauke. Wenn man sie sieht scheint man sie sogleich auch besser zu hören. Nach dem Satz gibt es Applaus auf offener Szene, spontan und wahrscheinlich dem wilden Presto geschuldet.

Das Andante mosso erklingt in der bereits von 2024 bekannten flüssig-bewegten Gangart. Die freudigen Seiten werden nicht übergangen, sondern mit Temperament und Wohlklang herausgestellt. Das niederländische Rundfunkorchester zeigt sich auch im zweiten Satz in Bestform. Insgesamt ist Frau Stasevska gegenüber 2024 ein wenig langsamer, aber kaum verhaltener geworden.

Im Allegro molto nehmen wir sogleich sauber gespannte Tremoli wahr, die nicht überbewertet erscheinen. Hohe Transparenz lichtet den Orchestersatz gut auf. Ihm entspricht das scharfe Bild der Aufzeichnung. Es gibt kraftvolle Akzente, wozu auch die Col-legno-Einlagen der Bässe gehören. So temperamentvoll es auch wirkt, beim Hymnus wird breit ausgespielt, genauso präzise und intensiv. Das Blech kommt strahlend zu bester Geltung. Das wirkt sogar gegenüber 2024 (Berlin und vor allem Frankfurt) noch ein wenig elektrisierender und nochmals verfeinert, auch im Tempo nochmals nachgeschärft.

Der Klang fällt ziemlich üppig und füllig aus. Wie man es im Concertgebouw erwarten kann, herrscht ein transparenter Mischklang vor, gute Dynamik und ein die Klanfülle auf angenehme Art verstärkender Nachhall. Es klingt besser als bei der Videoaufnahme des HR von 2024. Nicht als der uns ebenfalls vorliegende Mitschnitt der Rundfunksendung des HR. Die YouTube-Kompression wirkt anscheinend noch etwas rigider als die bei den Radiosendungen des HR 2 oder RBB.

 

https://www.youtube.com/watch?v=ZHLUcV0g1Hw

 

 

4-5

Sakari Oramo

BBC Symphony Orchestra

BBC, gesendet vom BR

2025, live

12:41  9:12  9:08  31:01

Sakari Oramo ist seit 2012 Chefdirigent des Londoner BBC Symphony Orchestra und hat zumindest einmal noch einen Vertrag bis 2030. Der Mitschnitt entstand im Rahmen des von Benjamin Britten und Peter Pears gegründeten Aldeburgh-Festivals 2025 in einer Pleite gegangenen, zu einem Konzertsaal umgebauten Malzfabrik. Der ist bekannt für seine warme, klare „Holzakustik“. An diesem Abend lag allerdings eine drückende Sommerhitze über dem Land und in der Halle gab es keine herkömmliche Klimaanlage. Nur ein „natürliches“ Wärmetauscher-System mit dem Grundwasser, das jedoch an seine Grenzen kam. Zumal es wegen der Geräuschentwicklung angesichts der Rundfunkübertragung auch noch abgeschaltet wurde. Ökologisch wertvoll, aber von begrenzter Wirkung.

Von diesen Schwierigkeiten zeigt sich die musikalische Darbietung letztendlich ziemlich unbeeindruckt. Mit hoher Spannung und ebensolcher Konzentration klingt der Beginn der Sinfonie bereits sehr atmosphärisch. Gegenüber seiner Erstaufnahme in Birmingham für Erato zeigt sich der Ansatz Oramos nochmals verfeinert, die Vertrautheit mit dem Werk und die Darbietung nochmals souveräner. Durch die dichte Mikrofonierung hat man einen virtuellen Platz ganz vorne erwischt, auf dem die Musik besonders erlebnisreich und noch mehr nach einem Abenteuer klingt als ohnehin schon. Rundfunktypisch erscheinen die Dynamikgegensätze jedoch ausgeglichener als sie vor Ort waren, denn Konzertbesucher berichten von voll ausgefahrenen Dynamikgegensätzen und -spitzen. Das Orchester zeigt sich der Hitze zum Trotz als Orchester von Weltklasseformat. Der Übergang zum Scherzo ist wunderbar fließend gestaltet und sehr spannungsreich. Im Folgenden lässt die Spannung kaum nach, die Coda setzt so den Beschleunigungsprozess nur weiter fort. Sie wirkt also nie abrupt. Sogar am Radio klingt das Orchester sehr gut durchhörbar. Einen Dynamikexzess wie bei den besten LP´s oder CD´s gibt es jedoch nicht. Da bleiben vor allem die gespeicherten Konzerte auf dem langen Weg des Sendprozesses doch naturgemäß zurück. Unter diesen schweißtreibenden Bedingungen gilt unsere Hochachtung insbesondere der Leistung des BBC SO.

Das Andante mosso klingt nun nicht mehr so weit entfernt und entsprechend „schüchtern“ wie 2001 in Birmingham. Das Holz wirkt hier nicht hochnebelartig umwölkt oder verschleiert, es klingt rund und voll und blüht richtig auf. Klanglich hat das Orchester mittlerweile zumindest einmal bei diesem Konzert höchstes Niveau erreicht. Mischklang und transparente Klarheit erscheinen hier gegeneinander oder besser miteinander perfekt ausbalanciert. Genau wie die Relationen von Streichern zu Bläsern.

Im Allegro molto entfacht Oramo keinen unbarmherzigen Drive, Vielmehr lässt er sehr ausdrucksvoll und nuanciert spielen. Von der drückenden Hitze merkt man dem Spiel des BBCSO immer noch nichts an. Es klingt durchweg nach „First Class“. Das Aufsteigen der Schwäne wirkt sehr langsam, entsprechende Zeit vergeht auch musikalisch gesehen zur Vorbereitung der Hymne, allerdings dynamisch mit einem grandiosen Crescendo versehen und einem Klang „zum Verlieben“. Die Schlussakkorde werden sofort angeschlossen und erklingen selbst mit verkürzten Pausen und holzbläserlastig. Das klingt nicht nach „Thors Hammer“. Durchaus organisch und schlüssig, aber eben nicht gerade partiturgemäß.

Das Konzert aus der Snape Maltings Concert Hall in Suffolk klingt viel plastischer, körperhafter und präsenter als die Erato-CD aus Birmingham von 2001. Rundfunktypisch in der Dynamik eher ausgleichend als die Gegensätze betonend, rund, warm und sehr gefällig.

 

Von diesem in Aldeburgh mitgeschnittenen noch besonders aktuellen Konzert konnten wir im Netz keinen Link finden. Dennoch ist Herr Oramo auch dort gebührend vertreten: An dieser Stelle wiederholen wir die bereits bei der Birmingham-CD genannten Links, falls man sie doch übersehen hat jetzt aufsuchen möchte.

 

2006 aus Bergen mit dem Finnischen Radio-Sinfonieorchester: https://www.youtube.com/watch?v=N1ubVSNxDr4

 

oder 2010 vom Nobelpreis-Konzert aus Stockholm mit den dortigen Königlichen Philharmonikern: https://www.youtube.com/watch?v=8sKhVe21feA

 

Oder hier in einem Mitschnitt zusammen mit den Sinfonien Nr. 1 und 7 aus Kopenhagen mit den Wiener Philharmonikern 2012: https://www.youtube.com/watch?v=wFw66XkcLb0

 

 

4-5

Hugh Wolff

HR-Sinfonieorchester

HR, YouTube

2016, live

13:55  8:43  8:40  31:18

Nachdem das Video wegen Zeitablauf aus der ARD-Mediathek bereits entfernt wurde, kann man es immer noch auf dem offiziellen YouTube-Kanal des HR ansehen und vor allem anhören. Hugh Wolff war 1997-2006 Chefdirigent des HRSO, das bis 2005 noch Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt hieß. Er brachte damals einige Akzente der HIP mit in den Orchesteralltag ein. Die Fünfte dirigiert er wie Leonard Bernstein, Jukka-Pekka Saraste und Simon Rattle auswendig. Bei vielen anderen wissen wir es nicht, weil kein entsprechendes Video oder Live-Erlebnis vorliegt. Bei Sibelius hört man von der HIP vielleicht noch einen rhythmisch geschärften und schlanken Klang und einen straff vorandrängenden impulsiven Gestus. Das kommt den Höhepunkten sehr zugute, vor allem die Coda wirkt ungemein geschärft, vorantreibend und präzise. Und nicht zu vergessen mit klarem und fulminant strahlendem Blech (hervorzuheben besonders die Trompeten) und nicht zu vergessen einer herzhaft-impulsiven Pauke. Da stecken viel Konsequenz und Stringenz drin. Der Satz hört sich noch zügiger an als es die gemessene Zeit vermuten lässt. Da ist der geschärfte Klang des Nordens (grundgelegt einstmals von Kajanus) wieder da, noch viel mehr als bei Dalia Stasevska bei ihrem Gastdirigat beim HRSO.

Im Andante mosso erscheint spätromantisch-samtiger Schmelz vermieden. Da geht es glasklar, enorm kontrastreich und herb zu, ohne vor tiefen Emotionen ganz zurückzuschrecken.

Im Allegro molto gibt es kein Bad im Ostinato. Vorantreibend und rhythmisch prononciert bleibt sich Hugh Wolff dem bisher eigeschlagenen Duktus treu. Die Hörner spielen das Schwanenthema sehr deutlich, ja deftig. Die Trompeter des HR spielen den Hymnus mit mehr Fülle, und weniger Helligkeit als üblich. Wolff stellt auch den Hymnus vital dar. Die Schlussakkorde klingen straff, aber nicht ganz „hammermäßig“, obgleich hochpräzise.

Der Klang des Mitschnitts aus der Alten Oper erscheint zu Beginn verzerrt, dann aber klar und deutlich, etwas geschärft, dynamisch und ohne die Fülle, die man sonst meist aus der Alten Oper zu hören bekommt. Auch da weht anscheinend der schroffe, kühle Geist des Nordens ein wenig hindurch.

 

https://www.hr-sinfonieorchester.de/media/videos/konzert-video-archiv/sibelius-5-sinfonie-,video-sibelius-sinfonie-5-100.html

 

 

4-5

Herbert Blomstedt

Bamberger Symphoniker

BR

2025, live

14:08  8:40  9:12  32:00

Herbert Blomstedt ist mittlerweile eine lebende Legende. Mit 98 und, wenn uns unsere Ohren nicht täuschen, geistig frisch wie eh und je war der „ewig muntere Metusalem“ im Joseph-Keilberth-Saal der Konzerthalle Bamberg zu Gast. 36 Jahre nach seiner Aufnahme aus San Francisco. Dem Bamberger Orchester ist er seit vier Jahrzehnten verbunden, seit 2006 fungiert er dort als Ehrendirigent. Der erdig-dunkle, samtig-sonore Klang des Orchesters passt hervorragend zum Charakter der Sinfonie, zudem hat der BR für glasklare Transparenz gesorgt. Die Tempogestaltung wirkt immer noch souverän, es gibt kein Nachgeben, kein Schmieren und der herrlich weiche Klang lässt den expressiv angetriebenen Duktus wie Naturkräfte erscheinen. Durchaus etwas langsamer und weniger eruptiv als in San Francisco, aber mit mehr Erhabenheit und mehr Wärme im Klang. Es wirkt weniger „muskulös“ als zuvor, bar jeder „jugendlichen“ Aggressivität, die er als 62jähriger in San Francisco sicher ebenfalls nicht darstellen wollte, aber so wirken nun mal die Unterschiede. Das Scherzo wirkt nun entspannter, da flitzen nun keine wieselflinken Naturwesen mehr herum, stattdessen breitet sich eine im direkten Vergleich schon etwas schwerfällige, „schreitende“ Eleganz aus. Die Steigerung in der Coda wirkt nun etwas gemäßigter als zuvor, nicht mehr so furios wie 1989, aber alles sehr deutlich herausgearbeitet, sogar die Pauke. Das Blech wohl etwas zurückhaltender in der Lautstärke, aber ungemein präzise und konzise. Für einen 98jährigen fast schon übermenschlich kann er immer noch sogar in dieser komplexen Passage mit dem Gros der viel Jüngeren mithalten.

Das Andante mosso klingt fantastisch ausgewogen, tänzerisch und von Wärme erfüllt. Vor allem dank der schmelzenden fränkischen Streicher und den warm und voll klingenden Holzbläsern. Die Kombination von fränkischer Herzlichkeit und Altersmilde wirkt nahezu einzigartig. Es klingt großzügig und mit geradezu liebevoller Zuwendung zum Werk gespielt.

Das Allego molto klingt sehr gelassen, eigentlich sogar bereits total entspannt. Da spricht sozusagen ohne jede Druckausübung die Musik aus sich selbst. Der Flug der Schwäne wirkt stark verlangsamt, dabei wirken Holz und Streicher stark von tiefer Melancholie oder Ehrfurcht geprägt. Der Schwanenhymnus mit den Trompeten erscheint mit großer Erhabenheit. Äußerste Präzision erreicht Blomstedt bei den sechs Schlussakkorden mit den minutiös ausgehaltenen Pausen. Dennoch hat man den Eindruck, dass der Dirigent hinter die Musik zurücktritt. Blomstedt zur Fünften: „Ein kompliziertes Ding.“

Der Klang der Aufnahme wirkt weich, farbig, voll und sonor, gut mit einem ordentlichen Bass grundiert. Das Orchester wirkt weit aufgespannt. Dieser Saal scheint mit einer hervorragenden Akustik gesegnet zu sein, wenn der Mitschnitt nicht trügt. Die Resonanz passt.

 

 

4-5

Jukka-Pekka Saraste

Oslo Philharmonic Orchestra

YouTibe

2008, live

12:53  8:56  8:40  30:29

Jukka-Pekka Saraste war von 2006-13 Musikdirektor des Osloer Orchesters, zum Teil parallel zu seinem Engagement beim WDR-Sinfonieorchester in Köln. Der Konzertmitschnitt ist also weder ein Dokument der „ersten Liebe“ noch der späten Routine. Nach Ablauf der Zeit wurde Herr Saraste zum Ehrendirigenten ernannt, das erste Mal in der Orchestergeschichte, dass man diesen Titel überhaupt verlieh. Es wurde wie bei Klaus Mäkelä in der Osloer Konzerthalle aufgenommen. Es zeigt mit seinem damaligen Chef mehr Biss als bei der Corona-Aufnahme mit Mäkelä, bei Saraste hat alles längst „Hand und Fuß“ und niemand braucht 2008 Sorge vor einer möglicherweise übel verlaufenden Infektion zu haben.Das war bei Mäkelä anders. Bei der stürmischen Coda heizt er dem Orchester ordentlich ein, so wie wir es bereits bei seiner zweiten Aufnahme für die CD mit dem Finnischen Radio-Sinfonieorchester in Sankt Petersburg hören konnten. Saraste dirigiert auch dieses Mal ohne eine vor ihm liegende Partitur.

Im Andante mosso wählt er das Tempo von Sankt Petersburg, der Satz klingt detailreich und expressiv.

Das Allegro molto erhält viel Schwung und wird zu einem plastischen, bewegten Stimmungsbild. Erneut ausgezeichnet ausbalanciert, vorantreibend und vom Orchester mit Aufmerksamkeit und Delikatesse vorgetragen. Im Vergleich der zahlreichen Aufnahmen mit Saraste ziehen wir letztlich jedoch die Aufnahme aus Lahti 2015 und die mit den Philharmonikern aus Helsinki 2026 vor, die vermeintlich sein letztes Wort in Sachen Sibelius ausdrückt. Obwohl, so gerne wie er die Fünfte aufnimmt, könnten durchaus noch ein paar Einspielungen folgen.

Bei diesem Video gibt es nicht den etwas laschen und blassen Hochglanz-Sound der Decca-Aufnahme mit Mäkelä, sondern brillanter, es klingt aber flächiger als beim Video aus der Finlandia-Hall in Lahti, die anscheinend mit einer herausragenden Akustik ausgestattet ist.

 

https://www.youtube.com/watch?v=22MLqBDuNbU

 

 

4-5

Eva Ollikainen

SWR-Sinfonieorchester

ARD-Mediathek und YouTube

2024, live

13:31  9:14  9:30  32:15

Nach der Darbietung der Fünften im März des Jahres mit Maxim Emelyanychev, wurde sie im Juli des Jahres ein zweites Mal unter der Leitung der finnischen Chefdirigentin des Iceland Symphony Orchestra, Eva Ollikainen, gegeben, die damit zu ihrem Debüt beim Stuttgarter Orchester kam.

Die Darstellung wirkt hochgespannt jedoch nicht allzu zügig. Die Stuttgarter lassen sich von Frau Ollikainen jedoch genauso motivieren, wie von Herrn Emelyanychev. Beide Male scheinen sie auf der vordersten Stuhlkante zu musizieren. Es ist trotzdem bedauerlich, dass man die Aufnahme mit der Finnin durch die Videoaufnahme gewissermaßen bevorzugt, denn die Darbietung mit Emelyanychev hätte eine stärkere Verbreitung via Internet noch eher verdient gehabt. Aber das wussten die Verantwortlichen im Voraus wahrscheinlich noch nicht, im Nachhinein ist man ja bekanntlich immer schlauer. Immer wieder geht man gerne davon aus, dass ein Finne oder wie in diesem Fall eine Finnin Sibelius mit besonderer Authentizität darstellen können müsste… Tatsächlich klingt es bei ihr ja auch sehr dynamisch und kraftvoll, weniger sonor-füllig als kantig und kontrastreich. Die Pauke scheint mit härteren Schlägeln zu operieren, was sich immer, wenn es praktiziert wird als sehr günstig erwiesen hat. Die Coda wird energisch gesteigert mit einer ganz deutlichen Pauke (voilà!) und dem typischen, kraftvollen Stuttgarter Blech, einem vorantreibenden Tempo mit Presto-Qualität. Genau wie man es sich wünscht: Wild und ungezähmt.

Im Andante mosso gibt es besonders kontrastreiche Tempo, so wie es die Partitur vorschreibt, sehr ausdrucksvoll und flexibel gespielt. Da hört man keinen matten Trott und kein pastorales Plätschern. Bei diesem Sibelius soll man sich nicht wohlfühlen, er soll unter die Haut gehen.

Im Allego molto gibt sich Frau Ollikainen keinem Tempoexzess hin, sodass das molto doch unterschlagen erscheint. Aber, und das ist genauso wichtig, es klingt bewegt und intensiv, aber dennoch nicht immer schroff und akzentuiert genug. An erhabener Majestät ist der Flug der Schwäne jedoch schließlich, wie durch das langsame Tempo „gedopt“, kaum zu überbieten.

Die Audioqualität des Videos wirkt sehr transparent, gut gestaffelt und dynamisch. Nur die Klangfülle hält sich in Grenzen. Das kann aber auch an der schmalen Datenrate der Youtube-Videos liegen. Vielleicht klingt es in der ARD-Mediathek ja etwas voller.

 

Diese Aufnahme liegt derzeit noch sowohl in der ARD-Mediathek als auch auf YouTube vor:

 

https://www.ardmediathek.de/video/ard-klassik/sibelius-symphonie-nr-5-swr-symphonieorchester-eva-ollikainen-swr/ard/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIxMDg0MDc

 

https://www.youtube.com/watch?v=fTaroq_l_Go

 

 

4-5

John Storgards

BBC Philharmonic, Manchester

BBC, BR

2023, live

13:38  8:53  9:29  32:00

Wie Sakari Oramo ist dessen Landsmann John Storgards gelernter Geiger. Das Orchester aus Manchester, bei dem Storgards seit 2010 Gastdirigent, seit 2012 1. Gastdirigent und seit 2022 Musikdirektor ist, steht dem Londoner Pendant in nichts nach. Die Streicher klingen nicht „körniger“, genauso geschmeidig, sogar noch etwas dunkler, die Violinen allerdings eine Spur heller. Man kann es so gut vergleichen, weil auch das BBC Philharmonic in Snape Maltings beim Aldeburgh-Festival zu Gast war, nur ein paar Jahre früher als das Londoner BBC Symphony Orchestra unter seinem Chef Sakari Oramo. Allerdings soll es damals nicht gar so heiß gewesen sein. Storgards Zugriff wirkt, befördert vom bei diesem Mal allerdings noch plastischeren, noch direkterern Klang, der zugleich noch etwas luftiger wirkt, noch etwas emotionaler und herber, ohne an Geschmeidigkeit einzubüßen. Aber auch im Tempo reduziert. Ohne übertriebene Sanftheit wirkt die Coda direkt und zugespitzt, dabei aber nicht furios. Da mangelt es dann doch ein wenig am Tempo.

Das Andante mosso klingt knackiger, mit trockeneren Pizzicati und mit mehr Widerstand als bei Oramo, ohne dass es bei diesem glatt klingen würde. Das Holz macht plastische Kammermusik, die Tempi wirken stabil, die Innenspannung hoch.

Das Allegro molto klingt ebenfalls spannend, etwas herber als bei Oramo zwei Jahre später an gleicher Stelle, das Blech ist in Höchstform. Die Schlussakkorde erklingen mit Karajan-ähnlich verkürzten Pausen, sodass die Akkorde sich fast jagen. So fällt die monumentale Statik, die Sibelius explizit im Auge gehabt hat komplett weg. Stattdessen gibt es eine „normale“ Schlusswirkung, ohne dass irgendwas verwischt werden würde. Sollte Karajan noch dermaßen auf jüngere Dirigenten nachwirken? Seine Aufnahmen werden mit Sicherheit studiert. In diesem Fall könnte aber einfach auch die Sehnsucht nach einem Theatereffekt, statt des quälenden Verharrens in der Stille der Auslöser gewesen sein.

Unsere bisherige Beobachtung der Publikumsreaktion bei Live-Aufnahmen: je kürzer die Pausen zwischen den Akkorden, desto schneller erfolgt die Beifallsbekundung und desto begeisterter die Reaktion des Publikums. Das spricht natürlich vordergründig für die Verkürzung der Pausen aber gegen den herben und widerständigen Komponisten-Willen. Allerdings kannte er die 52er Aufnahme Karajans und hat sich zumindest nicht offiziell darüber beschwert. Sicher war er auch froh, wenn seine Kompositionen gespielt und aufgenommen wurden und wollte es sich nicht bei einflussreichen Dirigenten „verscherzen“.

Es klingt tatsächlich noch etwas plastischer als der Mitschnitt vom Aldeburgh-Festivals 2025 mit Oramo, ebenfalls sehr präsent, kommt gerade das Holz ausgezeichnet zur Geltung. Dynamisch wirkt die Aufnahme allerdings genauso, wenn nicht noch stärker durch den Sendeprozess im weitesten Sinn eingebremst.

 

 

4-5

John Storgards

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

RBB

2017, live

14:39  9:12  9:49  33:40

Hier haben wir es schon wieder mit einem Debütkonzert zu tun. John Storgards trat in der Berliner Philharmonie zum ersten Mal mit dem RSB auf. Das Holz kommt sehr plastisch und präsent zur Geltung, genau wie der satte, volle Gesamtklang des Orchesters, der noch etwas wärmer erscheint als der des BBC Philharmonic. Auch das Fagottsolo. Man lässt sich im Tempo molto moderato viel Zeit, es wird gerade noch nicht beschaulich, aber Hochspannung stellt sich keine ein. Das Tempo seiner CD-Aufnahme von 2013 wird ebenfalls unterboten, Die besondere Fülle (anscheinend hat man mit der Bestzungsstärke des RSB nicht geknausert) des Orchesterklangs, aber auch der einzelnen Solisten trägt jedoch über das langsame Tempo bestens hinweg. Die Beschleunigung im Scherzo zur Coda hin wirkt dann sogar wie aufgebracht, die Coda selbst dann leider etwas schwerfällig. Das hat man dann später in Snape Maltings 2023 doch mitreißender gehört. Vielleicht war der Dirigent dem überaus vollen, substanzreichen Klang des Orchesters in der Philharmonie erlegen, nach dem Motto: „Verweile doch, du bist so schön.“

Deutlich dramatisiert geht es dann im Andante mosso zu, da kommt das Blech voll und außerordentlich dynamisch geschärft zur Geltung. Oft regelt man im langsamen Satz noch etwas nach stellt die Mikrophone etwas lauter ein, sodass manches viel plastischer und körperhafter, oder eben dynamischer zu Geltung kommt. Man will den verfügbaren Dynamikbereich der Technik natürlich voll ausnutzen. Der Satz wirkt eingedunkelt und melancholisch, da bleibt nicht mehr viel Beschauliches oder harmlos Intermezzohaftes übrig. Man hört stattdessen eher bedrohliche Vorboten des Finales.

Auch im Allegro molto begeistert der warme und volle Orchesterklang uneingeschränkt. Den Philharmonikern scheint mittlerweile gleichwertige Konkurrenz erwachsen zu sein, und zwar gleich zweifach mit DSO und RSB, von den anderen großen Orchestern hört man leider viel weniger, da sie nicht zu den öffentlich-rechtlichen Orchestern und Chören des Berliner Rundfunks gehören. Die Steigerung zum finalen Höhepunkt zieht sich dahin, wirkt aber innig und detailreich, auch wenn es stringentere Versionen zu hören gibt. Die Schlussakkorde werden bereits 2017 verkürzt. Das schockierende Schweigen zwischen den Akkorden wird bewusst dem mitreißenderen Live-Effekt ohne Pausen geopfert. Dann bricht der Applaus immer sofort und stürmisch los, so auch dieses Mal.

Der Mitschnitt klingt weiträumig, klangsatt und sehr klar. Die Philharmonie erscheint größer als die Snape Maltings, was sie ja auch tatsächlich ist. Entsprechend wirkt die Tiefenstaffelung noch großzügiger. Das Orchester hat viel Schmelz.

 

 

4-5

Paavo Järvi

Münchner Philharmoniker

BR

2024, live

13:22  9:05  8:58  31:25

Neun Jahre nach der Einspielung in Paris dirigierte Paavo Järvi die Fünfte in der Isarphilharmonie, einem Interimsbau, den man eigens gebaut hat, um eine Spielstätte zu haben, währenddessen die renovierungsbedürftige Philharmonie am Gasteig wieder bezugsfertig ist. Es klingt viel weniger kleinteilig als in Paris und man hat offenkundig nun die große Linie viel stärker ins Auge gefasst. Man hört jetzt auch ein echtes, ungeschnittenes Live-Konzert, während man in Paris aus zwei Konzerten zusammengeschnitten hat und wie heute meist noch Proben- und Korrektursitzungen mitgeschnitten hat. Nun hört es sich erheblich weniger kontrolliert und spontaner an, man überlässt es den Musikern auch mal ins Risiko zu gehen, zumindest kann man den Eindruck erwecken, in Wirklichkeit dürfte auch der spontane Eindruck mit eingeübt worden sein. Ob bei den Philharmonikern noch was von der Celibidache-Tradition übrig ist, darf bezweifelt werden, da waren doch bereits Levine, Thielemann und Gergiev dazwischen. Aber sie klingen ganz anders als das Orchestre de Paris. Die Phrasierung atmet freier, die Spannungsbögen erscheinen nun nicht mehr so oft unterbrochen und „weiträumiger“ und ausgreifender. Das ist bei Sibelius genauso wichtig wie bei Bruckner.

Im Andante mosso wird der Fluss der Musik nun vollends gewährleistet und obwohl man das gleiche Tempo wie in Paris gewählt hat, wird vitaler und gleichsam „frei von der Leber weg“ musiziert. Das dunklere, tiefer wirkende Fundament der Münchner passt besser, oder gefällt uns zumindest besser als das des Orchestre de Paris. Wahrscheinlich sind wir einfach nur besser daran gewöhnt, zumal auch die Skandinavischen Orchester in ihren neueren Aufnahmen ziemlich eingedunkelt und stark fundamentiert klingen. Damit sind bereits die meisten unserer Liste betroffen. Das OdP tendiert zu einer eher hellen, wenig fundamentierten Brillanz. Damit wollen wir keineswegs ausdrücken, dass das OdP schlechter wäre, es klingt eben anders, hat aber zweifellos ebenfalls Weltklasse-Niveau.

Die Col-legno-Geräusche der Bässe im Allegro molto der aus Paris sind auch in München wieder zu hören. In neueren Aufnahmen bemerkt man sie häufiger, wir sind bereits bei einigen Aufnahmen zuvor darauf eingegangen. Es sind die Prallgeräusche des Bogens auf den Saiten. Die Steigerungsdramaturgie Järvis kann gefallen.

Der Radiomitschnitt kann ebenfalls gefallen, denn er lässt das Orchester plastisch, großräumig und sehr transparent hören. Der BR sendete noch mit höherer Datenrate und 5.1. Dolby-Digital-Sound. Das ist wie bereits angesprochen mittlerweile vorbei. Die Trennschärfe der RCA-Aufnahme aus Paris hat sie nicht, sie ist aber sehr gut ausbalanciert und klingt sogar wärmer.

 

 

4-5

David Robertson

Staatskapelle Dresden

MDR

2010, live

13:34  8:26  9:27  31:27

Die Kapelle stand damals zwischen den „Ägiden“ von Fabio Luisi und Christian Thielmann ohne Chefdirigenten da. Nichtsdestotrotz befindet sich das Orchester in Topform. Schon gleich zu Beginn rufen die vortrefflichen Hörner. An Differenzierungskunst lässt man es nicht fehlen, genauso wenig wie man es an atmosphärischer Stimmung fehlen lässt. Die Streicher klingen samtig und dunkel, das Blech glänzt golden, das Holz sonor und voll. Die Akustik der Semperoper verleiht dem Orchester eine ungemein edle, plastische, nicht zu trockene Präsenz. Das Orchester spielt locker, jedoch mit dem Impetus, der nötig ist, um den ersten Satz zusammenzuhalten. Das klingt im ersten Teil eleganter und im Scherzo-Teil mit ganz langsamer, stetiger Beschleunigung vortreibend genug. Der amerikanische Gastdirigent und das Orchester wirken souverän, zumindest einmal in der Aufnahme des MDR. Live geht man in der Coda jedoch nicht volles Tempo und nicht volles Risiko, sodass es nicht ungezügelt lodert und der herrliche ungezähmte Biss fehlt.

Im Andante mosso lässt man es ausdrucksvoll und beredt, ja sogar bezaubernd klingen. Man taucht wie in eine warme, organische oder vegetative Zauberwelt ein. Das makellose Holz begeistert dabei. Da kommt einem sogar der Begriff makellose Schönheit in den Sinn.

Im Allegro molto klingen die Ostinati wunderbar voll, das Schwanenthema in den Hörnern bestechend klangschön, ebenso die Streicherkantilene und das Holz. Der Hymnus erklingt mit deutlich abgebremstem, nahezu epischem Tempo. Man nimmt sich viel Zeit und fundamentiert sehr bassstark. Nun gibt sich das Blech mit voller Wucht die Ehre, breit, monumental, siegesgewiss. Mit dem typischen Dresdner Goldglanz.

Die Transparenz der Aufnahme des MDR, damals ebenfalls noch in Dolby-Digital 5.1., (der MDR war einst der Vorreiter für diese Technik im Radio der ARD) ist ebenso ausgezeichnet wie die Fülle und die Tiefenstaffelung. Die Dynamik ist gut. Die hohe Datenrate bürgte damals noch genauso für den guten, sonoren, vollen Klang wie das Orchester selbst. Tempi passati.

 

 

4-5

Roderick Cox

WDR-Sinfonieorchester

WDR

2024, live

12:52  8:16  8:31  29:39

Beim „Happy-Hour-Konzert“, auch „Klassik um 7“ genannt in der Kölner Philharmonie war Roderick Cox, der damals frisch gebackene neue Leiter des Orchestre National de Montpellier Occitanie, 36 Jahre jung. Er sieht bei dieser Sinfonie „eine weite Ebene mit Hügeln, Flüssen, Bergen und Tälern vor sich. Mit unendlich weitem Blick geht es nach und nach den Anstieg hoch.“ Bewegt, mit großer Musizierlust, getragen von mitreißender Energie musiziert man detailreich, gerade bei den Valeurs der zahllosen Streicher-Ostinati. Das Orchesterspielt wirkt mit großer Geschlossenheit und klingt plastisch, hoch konzentriert und spannend. Es klingt superb. Es gefällt eigentlich sogar besser als das BRSO unter Mäkelä und Gilbert, das aber kommt noch. Der erste Höhepunkt wird sorgfältig und intensiv gestaltet und danach geht es wunderbar geschmeidig und mit viel Gespür ins Scherzo. Das Orchester wirkt bis dahin sehr involviert, insbesondere die Streicher. Die Coda wird fulminant gesteigert klingt aber auch transparent, die Streicher auch jetzt noch volltönend; das Blech aber bleibt zurück und viel zu kommod. Da fehlt es entschieden an Aufopferungsbereitschaft oder Leistungswille. Da war es wohl noch zu früh am Abend und hatte noch zu viel anderes vor.

Das Andante mosso wirkt klang- und gefühlvoll, dynamisch sehr differenziert mit samtweichen Streichern, vital, aber auch charmant und sensibel.

Recht zügig wirkt dann das Tempo im Allegro molto, bestechend, die immer wieder beseelt aufspielenden Streicher, die der dirigierende Ex-Hornist anscheinend besonders gut motivieren kann. Die klingen geschmeidig und plastisch. Im Gegensatz zum Streicherpersonal scheint man beim Blech nicht alles geben zu wollen oder zu können. Die Schlussakkorde klingen dann aber doch beim ganzen Orchester kraftvoll und präzise.

Die Dynamik der Aufnahme ist exzellent aber nur bis f, darüber lässt die Transparenz sehr stark nach. Das Orchester klingt voll, sonor und „fleischig“, weitgehend unkomprimiert und sehr präsent. Schade, dass das Blech nicht richtig mitgemacht hat, sonst hätte die Einstufung noch besser ausfallen müssen.

 

 

4-5

Leif Segerstam

Turku Philharmonic Orchestra

YouTube

2021, live

15:10  9:18  10:40  35:08

Leif Segerstam war beim Konzert mittlerweile 77 Jahre alt. Er war 2012-19 Chefdirigent des Orchesters in Turku und ist danach zum Ehrendirigenten ernannt worden. Die Aufführung fand in der Turku Concert Hall statt, einem unprätentiösen Konzertsaal, der 1952 mit Geld aus Schweden erbaut wurde. Er war damals der erste reine Konzertsaal in Finnland. Und man sieht, er ist bereits in die Jahre gekommen. Nach über 70 Jahren bekam Turku und sein Orchester 2026 einen hochmodernen, spektakulären Nachfolgebau namens „Fuuga“. Turku war bis ins 19. Jahrhundert die bedeutendste Stadt Finnlands und gilt offiziell immer noch als zweisprachig, weil dort immer noch schwedisch gesprochen wird, allerdings nur noch von relativ wenigen Bürgern der Stadt. Mittlerweile ist sie, das nur nebenbei, nur noch die sechstgrößte des Landes.

Leif Segerstam tendierte immer schon zu einer gewissen Monumentalität, nicht nur was Sibelius´ Fünfte anlangt, auch was seinen Körperumfang betraf. Seine ohnehin schon recht breiten Tempi bewegen sich nun jenseits aller Tempodiskussionen. Sportlich ist da wirklich nichts mehr, nun ist ausschließlich archaische oder besser kosmische Weite gefragt. Darin übertrifft er seine Einspielungen von 1991 und  2003 locker. Das etwas kleiner als üblich besetzte Orchester füllt die ebenfalls etwas kleinere Bühne voll aus. Wie so oft spielen statt der vier in der Partitur geforderten Hörner fünf. Das Presto der Coda erscheint jetzt nur noch in der Relation zu den zuvor bereits gehörten gedehnten Tempi des Satzes etwas angetriebener. De facto bleibt es zu behäbig, jedoch nicht zuletzt durch Segerstams Deutlichkeit doch transparent und präzise.

Das Andante mosso hat nun keine harten Kontraste mehr und wirkt nicht mehr als schrilles Drama. Natürlichen Schrittes wandert man nun durch die Naturschönheiten. Nur manchmal leidet der Klang unter den für heutige Verhältnisse hart klingenden Oboen. Man kommt zur Ruhe, denn wir hören einen weich gebetteten, abgeklärten in sich ruhenden Klangstrom.

Im Allego molto wirkt das Tempo nun sehr moderat. Die große Deutlichkeit und das langsame Tempo lassen viel Raum für Melancholie. Man schwingt sich zu einer strahlkräftigen, frei ausschwingenden Hymne an die Natur auf. Mit präzisen, schlagkräftigen Schlussakkorden, langen Pausen und genauen Paukenvorschlägen. Sonor, wuchtig, doch nicht brutal dynamisiert. Obwohl die Sätze eins und drei ungewöhnlich langsam gespielt werden, wirkt die Darbietung stimmig, ein würdiger Abgesang des finnischen Altmeisters, der Sibelius lebte.

Die Aufnahme bietet viel Mischklanganteil mit viel Wärme und einem satten, tragenden Bassfundament.

 

https://www.youtube.com/watch?v=FMQRsWN-uGc

 

 

4-5

Dalia Stasevska

HR-Sinfonieorchester

HR, YouTube

2024, live

12:53  9;08  9:07  31:08

Sechs Wochen vor dem leider nicht auf Video festgehaltenen Gastspiel der Dirigentin in Berlin, war sie beim HR-Sinfonieorchester im Großen Sendesaal des HR zu Gast. Abgefilmt sieht man nun, was man in Berlin gehört und/oder sich vorgestellt hat. Hochkonzentriert, hellwach und emotional involviert zeigen sich Dirigentin und Orchester. Sie bringen die Dramatik und die Aufschwünge der Musik sehr gut zur Geltung. Reaktionsschnell ist das Orchester mittendrinn, statt zur dabei und regiert (scheinbar) spontan auf die Wechsel der Tempi und Spreizungen der Dynamik. Es klingt vielleicht etwas schlanker als das DSO, aber der Klangunterschied von Radiosendung und YouTube-Video ist eben auch immer mitzuberücksichtigen. Es klingt so auch etwas heller und mit etwas weniger Bass, auch etwas weniger sonor. Natürlich könnte der Unterscheid genauso von der Abmischung der beiden Aufnahmeteams herkommen, oder den unterschiedlichen Aufnahmesälen. Und die unterschiedlichen Abspielgeräte zu Hause wären bei diesem Kalkül auch nicht zu ignorieren. Der Coda fehlt es an nichts, nur die Pauke hätte noch mehr zur Entäußerung des Ausdrucks beitragen können. Aber die ist ja in sehr vielen Aufnahmen ein Problemfall.

Die Dirigenten fordert das wie immer motivierte und zuverlässige Orchester zu farbenreichem und detailgenauem Spiel auf, das Orchester zeigt sich dabei dem Berliner gleichrangig.

Auch beim dritten Satz gibt es eigentlich keine relevanten Unterschiede zur Aufführung in Berlin oder Amsterdam. Man erkennt es nicht zuletzt an den nahezu sekundengenauen Spielzeiten. Die Frau hat alles im Griff.

Das HR-Video hat im Klang nicht ganz die Fülle und Klarheit des RBB-Mitschnitts aus der Philharmonie. Die Violinen klingen so etwas weniger crèmig und geschmeidig als beim DSO. Der Sound via Mediathek oder Youtube steht aber meist der klassischen Rundfunkübertragung via DAB+ nach. So ist es auch dieses Mal und sogar deutlich. Dafür entschädigt das bewegte Bild.

 

https://www.ardmediathek.de/video/hr-sinfonieorchester/sibelius-5-sinfonie-dalia-stasevska/hr/YmIwYWRhZTYtYjZhYS00ZTBmLWEwZGMtMWIxZjc1OTQ3YmRi

 

https://www.youtube.com/watch?v=t3_nhltnEzU

 

 

 

4

Mikko Franck

Berliner Philharmoniker

RBB

2023, live

14:48  8:45  10:32  34:05

Mikko Franck studierte sowohl privat bei Jorma Panula als auch offiziell in der Sibelius Akademie in Helsinki und in New York. Von all seinen Schülern dürfte sich Mikko Franck am weitesten von der nordischen Sicht früherer Jahrzehnte und der Sichtweises seines Lehrers Jorma Panula entfernt haben. Bei ihm zeigt sich eher Leif Segerstam als Vorbild. Er ist 2015-2025 Chefdirigent des Orchestre Philharmonique de Radio France gewesen. Vor ziemlich genau 20 Jahren hatte er als damals 24jähriger sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern. Er kombiniert dieses Mal die unerbittliche, strukturklare finnische Sibelius-Sichtweise mit der seinem ehemaligen Orchester eigenen farbenreichen, französischen Klangkultur bzw. mit dem noch tiefergreifenden Klang der Berliner Philharmoniker.

Bei seinem Konzert mit den Philharmonikern lässt er das Orchester wieder mit dem vollen und sonoren Luxusklang früherer Jahre erklingen, den wir auch ähnlich von der ersten Karajan-Aufnahme 1965 bei der DG und von der Aufnahme mit James Levine 1992 kennen. Und genauso wie früher könnte das Holz gegenüber im Verhältnis der mit ständigen Ostinati angereicherten Streicherwand etwas besser durchkommen. Die Violinen klingen allerdings jetzt heller, zumindest bei diesem Mitschnitt des RBB. Man empfindet schon alleine durch Tempo und Intensität eine große innere Weite, einen von Ruhe geprägten weiten, atmosphärischen Blick über die musikalische Landschaft. Die Beschleunigung nach dem ersten Höhepunkt erfolgt sehr langsam und behutsam, sodass der Entwicklungsverlauf zwar konsequent, aber auch fast behäbig anmutet bis ein Ruck durch die Musik geht und sich die Coda ankündigt. Die wird beherzt angetrieben, man achtet aber mehr auf optimale Transparenz als auf ein temperamentvolles Presto, sodass die Gesamtwirkung letztlich nur gebremst und verhalten anmutet. Die Pauke erklingt allerdings sehr heftig, das Blech lässt sich jedoch kaum bis zum Äußersten treiben. Es könnte insgesamt also durchaus mehr prestissimo und furioso klingen. So bleibt der erste Satz insgesamt doch eher ein klangsinnliches Vergnügen, das sich im Vergleich auf der betulich-genießerischen Seite befindet, ohne ins Existenzielle vorzudringen.

Im Andante mosso kann das Orchester seine Qualitäten voll einbringen. Er klingt einfach super, sehr differenziert und es wird empathisch und flüssig gespielt. An Kontrastreichtum mangelt es nicht, da gefällt auch das erneut recht gemütliche Tempo. Es klingt anschaulich, eloquent und einfach sehr schön.

Die Ostinati im Allegro molto klingen gedämpft, aber dennoch ungemein voll. Klangsatt spielen auch die Hörner ihr Schwanenthema. Im Verlauf ist allerdings sehr wenig Drama zu hören, keine Härte, kein klares Quellwasser wie bei der Aufnahme mit Sir Simon Rattle 2015 und auch keine Askese-Transparenz wie bei Vänskä in Minnesota. Da hören wir mit vollem, warmem Klang ausgespielte Lyrik und einen langsamen aber sehr kraftvollen Aufschwung zum Schwanenflug. Schließlich eine erhaben und voll ausgekostete Hymne. Im Verlauf gibt vor allem die Pauke alles, sie fiel uns ja auch in der Coda des ersten Satzes ungemein positiv auf. Die Schlussakkorde erklingen nur ganz selten so voll und sonor (um das Wort „speckig“ einmal zu vermeiden) und mit so lange ausgehaltenen Pausen dazwischen. Das sind keine Hammerschläge, sondern der pure Klangluxus und sozusagen Sechs-Gänge-Gewichtigkeit.

Wir konnten damals die Direktübertragung mitschneiden, das Programm wurde allerdings bereits seitdem mehrmals wiederholt. Dabei klingt das Orchester weiträumig, plastisch und dreidimensional, aber lange nicht mit der Holzbläserpräsenz wie bei Vänskä mit dem DSO 2013 und weniger ausgeprägt als bei Stasevska (ebenfalls mit dem DSO) 2024. Die Violinen klingen heller als z.B. beim Bayerischen Staatsorchester unter Kirill Petrenko 2015, was manchen vielleicht überraschen wird.

 

Den damals vom RBB live gesendete Mitschnitt gibt es außer im Archiv des RBB anscheinend ausschließlich in der Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker zu sehen und hören. Bei YouTube kann man jedoch ersatzweise eine Darbietung des Dirigenten anschauen, bei dem er das von ihm seit vielen Jahren als Chefdirigent geleitete Orchestre Philharmonique de Radio France dirigiert. Der Mitschnitt ist nur ein Jahr später entstanden, also 2024:

 

 https://www.youtube.com/watch?v=UTMLF82_2Ak

 

 

4

Lorin Maazel

Wiener Philharmoniker

ORF

2012, live

13:07  9:15  9:52  32:14

Lorin Maazel feierte mit dieser Konzertreige, bei der auch noch die erste und siebte Sinfonie von Sibelius auf dem Programm standen, sein 50jähriges-Jubiläum bei den Wiener Philharmonikern. Nach den Konzerten im Großen Saal des Wiener Musikvereins ging es noch auf eine Tournee durch Skandinavien und die USA. Maazel war damals 82 und wechselte sich auf der Tour mit Sakari Oramo ab. Einen Mitschnitt vom Konzert in Kopenhagen, bei dem Sakari Oramo dirigiert, existiert im Netz. Wir haben den Link zu diesem Konzertmitschnitt bei der Besprechung von Oramos Darbietung mit dem BBCSO in Aldeburgh etwas weiter oben eingefügt.

In der Darbietung Maazels von 2012 ist fast nichts mehr so, wie es bei seiner Einspielung 1966 für Decca einmal war. 46 Jahre später ist der unbändige Vorwärtsdrang und der „unbarmherzige“ Biss einer gefühlt extremen Verlangsamung und Dehnung gewichen. So als ob die Darbietungen von Bernstein 1987 ebenfalls mit den Wienern und Celibidache 1988 und 1992 mit den Münchnern bei ihm einen prägenden Eindruck hinterlassen hätten. Dass es sich 1966 und 2012 um denselben Dirigenten handeln könnte, würde man, wenn man es nicht besser wüsste, kaum glauben. Im direkten Vergleich wirkt die 2012er Aufnahme wie ein Schwanengesang und zwar von Anfang an. Dabei übernimmt Maazel fast das Tempo seiner Pittsburgher Einspielung von 1990. Maazel hält die Wiener nun eher in Schach, als sie wild nach vorne zu treiben. Allerdings wird dabei jedes noch so kleine Holzbläserdetail in vollkommener Klarheit hörbar gemacht. Der erste Höhepunkt wirkt so schon monumental aufgebläht und im Vergleich schwerfällig und zahm. Ein extremer Tempowechsel gegenüber 1966 macht es möglich. Die Wiener spielen und klingen für ihn jedoch fantastisch und lassen ihn nicht im Regen stehen, wie man das bisweilen z.B. bei seinem Mahler-Zyklus beobachten konnte. Allerdings können sie einen Mangel an Spannung nicht kompensieren. Der Coda kommt das erforderliche Presto gänzlich abhanden, es ist keine Sogwirkung zu spüren.

Im Andante mosso kann sich Maazel auf den exquisiten Klang des Orchesters verlassen. Für hohe Präzision, bestes Zusammenspiel und geschmeidige Übergänge zwischen den verschiedenen Tempi ist gesorgt. Insgesamt herrscht jedoch eine Adagio-Wirkung vor mit einzelnen Beschleunigungs-Inseln. Das wirkt trotz exemplarisch gelungener Ostinati insgesamt etwas „bewegungsarm“.  Aber doch nie kühl wie ein zugefrorener See, davor schützt der warme Klang des Orchesters, dessen Oboen jetzt ebenfalls viel wärmer und voller als früher klingen. Obwohl auch in diesem Satz das Tempo der Pittsburgher Aufnahme angeschlagen wird, macht der Satz einen weitgehend entschleunigten Eindruck, fast so, als ob man eine Wandlung zur Trauermusik ins Auge gefasst hätte.

Obwohl die wie immer eigens gemessene Zeit etwas anderes meint, wirkt das Allegro molto nun unendlich viel langsamer als das 1966 vorgelegte. Der Flug der Schwäne wird mit großer Wärme und dicken Legato-Bögen vorgetragen, auf breiten Schwingen sozusagen. Gleiches Tempo wie in Pittsburgh aber ganz anderer Klang und ganz andere Wirkung. Die Darbietung ist so zwar ein überzeugendes Plädoyer für den satten, ja ausladenden Wiener Orchesterklang, doch auch in diesem Satz kann die Spannung nicht ganz durchgehalten werden. Wir hören nun bei den Akkordblöcken ganz deutliche Paukenvorschläge und unendlich lange Pausen zwischen den Akkorden.

Die Aufnahme stammt noch aus der Zeit, als der ORF seine Hörer/innen auch über Satelliten noch mit 5.1. Dolby-Digital-Klang verwöhnt hat. Entsprechend plastisch und leuchtkräftig klingt es auch. Die hohe Dynamik und relative Kompressionsfreiheit sind der Direktübertragung zu verdanken.

 

 

4

Christoph von Dohnanyi

Cleveland Orchestra

Deutschlandfunk, YouTube

1999, live

12:53  7:28  7:44  28:05

Bei diesem Konzert aus der Allen Memorial Hall handelt es sich um eine Live-Eigenproduktion des Orchesters, die ursprünglich über die Website des Orchesters zugänglich gemacht wurde. Die Allen Memorial Hall, ein ehemaliges Vaudeville- und Filmpalast-Theater, fungierte damals als Ausweichquartier, weil die Severance Hall renoviert werden musste. Im regulären Decca-Katalog ist nie eine Sibelius-Aufnahme mit Herrn Dohnanyi erschienen und selbst für das Cleveland Orchestra dürfte eine Einspielung der Fünften Sibelius eine echte Rarität und von besonderer Bedeutung für das Repertoire von Dirigenten und Orchester sein. Uns ist vom Cleveland Orchestra nur die Aufnahme mit Artur Rodzinski bekannt. Anlässlich des Todes von Christoph von Dohnanyi 2025 wurde die Aufnahme jedoch im Deutschlandfunk gesendet und der Mitschnitt ist auch bei YouTube abrufbar. Dohnanyi war 1984-2002 Musikdirektor des damals besonders in den U.S.A. als die am präzisesten austarierte Klangmaschine geltenden Toporchesters. Es galt vor allem dort als Maßstab für Orchesterkultur.

Es klingt nicht mit dem tiefgründigen, reichhaltigen Klang, den zum Beispiel die genannten Berliner Orchester oder das Bayerische Staatsorchester aufweisen, jedoch auch bei Sibelius V mit gestochen scharfer Präzision und Transparenz, wozu aber selbstverständlich auch der Raum und die Aufnahmetechnik beitragen. Ohne besondere außermusikalische Konnotationen gibt es vor allem die Partitur ohne Rubato und Romantik zu hören. Sibelius eher als ein Vertreter der Moderne, kein Urwuchs nordischer Bewaldung, keine Beschwörung nationaler Identität. Wir hören hier eher ein architektonisch geprägtes Meisterwerk. Da klingt alles unerbittlich präzise, mit trocken hervortretendem Holz, exakt getaktet, aber doch mitreißend gesteigert. Der Mitschnitt könnte auch von George Szell stammen, kammermusikalisch, straff mit einem gerade im Scherzo-Teil spannenden Steigerungsverlauf bis in die Coda. Das alles mit rasiermesserscharf abgegrenzten Orchestergruppen und Soli. Dohnanyi führt sozusagen das Sibelius-Erbe Szells, mit dem es mit dem Cleveland Orchestra nur die Nr. 2 und die Nr. 4 (bei Urania) in Liveaufnahmen gibt, aber keine Nr. 5.

Das Andante mosso klingt entsprechend unerbittlich, präzise und „kristallin“. Da erfolgt keinerlei Einbettung in romantische Klangfülle wie in Berlin, da klingt es stark unterkühlt aber auf besondere Weise doch auch faszinierend und eigenständig. Modern-skelettiert könnte man auch schreiben und mit starker Reibung der Linien, wie nackt und ungeschminkt.

Im Allego molto laufen die musikalischen Verläufe ab wie bei einem Uhrwerk. Die Hörner bieten das Schwanenthema ohne Sentimentalität, nur die Noten sozusagen. Die Musik scheint hier eigenen Gesetzen zu folgen, ohne Konnotat, ohne hereingetragene Emotionalität. Sehr zügig und super transparent. Die Schlussakkorde wirken geradezu lapidar, die Pausen á la Karajan stark verkürzt, was beim notentreuen von Dohnanyi noch mehr verblüfft. Damit untergräbt der Dirigent endgültig die erhabene Wirkung, die man mehr oder weniger von den bekannten Einspielungen her erwartete. Er verweigert der Sinfonie jedes noch so kleine Pathos. So wäre die Aufnahme das Gegenmittel für alle die mit Pathos nichts anfangen können und auch klanglichem Luxus und stark aufwallender Emotionalität misstrauen. Für sie könnte es sich hier um eine gelungene Modernisierung handeln. Nur die aus der Partitur extrahierte Musik, nur die Struktur ohne die typische Aura, wenn man so will. Gewagt, für Decca war die emotionale Verweigerung anscheinend für eine Veröffentlichung zu gewagt. Als Ergänzung zur vorhandenen Diskographie ist die Aufnahme als wertvoll einzustufen.

Der Klang der Aufnahme bietet eine recht tiefe Staffelung, sehr hohe Transparenz, sehr präsentes Holz. Er wirkt aber insgesamt trocken und etwas dumpf. Er erreicht nicht ganz die Brillanz der üblichen Rundfunkmitschnitte. Die Violinen wirken etwas belegt. Wo der Deutschlandfunk den Mitschnitt herhat, ist uns nicht bekannt. Es sind viele Störgeräusche des Publikums zu hören, allerdings nur leise. Wie es sich beim unten angefügten YouTube-Mitschnitt verhält, wissen wir nicht.

 

https://www.youtube.com/watch?v=pEmCkiARuWk

 

 

4

Antonello Mancorda

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

Deutschlandfunk

2022, live

14:07  9:53  8:57  31:57

Antonello Mancorda wird leicht vergessen, wenn es um die Nennung der ehemaligen Schüler von Jorma Panula geht, aber tatsächlich war er auch bei ihm auf der „Schulbank“ oder in der „Lehre“. Er meinte im Pausengespräch, dass die Sinfonie eine Hymne an die Natur wäre und dass für die Finnen die Natur bewundert und etwas ganz Großes wäre. Man beschreibt die Natur ohne aber selbst einzugreifen. Er meint, dass man unbedingt auch Land und Leute kennen muss, um die Musik von Sibelius richtig zu verstehen. Man muss sie sachlich, aber ohne Kälte interpretieren, der Takt wäre nicht wichtig und die Form nur eine Basis. Eigentlich wären seine Sinfonien Sinfonische Dichtungen. Eine der Hauptdoktrinen von Panula wäre es gewesen, dass sich der Dirigent nicht wie ein Verkehrspolizist verhalten soll. Und natürlich, dass man nicht „Schmieren“ darf. Manacorda hat aber auch Elemente der HIP in sein Dirigieren aufgenommen und bevorzugt einen schlanken, vibratoarmen und rhetorisch-transparenten Orchesterklang. Ob man das auch bei Sibelius hören kann?

Der Mitschnitt entstand mal nicht in der Philharmonie, sondern im Berliner Konzerthaus, bekannt für seine klare, präsente und hochaufgelöste Akustik.

Tatsächlich übt der Dirigent in diesem Mitschnitt wenig spürbaren Druck von außen aus, das möchte vielleicht für die Naturbetrachtung ohne eigene Einflussnahme stehen. Das scheint auch die Ausübung eines eigenen Vortriebs oder einer gewissen Zugkraft auszuschließen. Die Musik scheint so aus sich selbst heraus zu sprudeln, das muss sich nicht langweilig anhören, wie man bemerken kann. Der Dirigent zeichnet nach. So klingt es ohne hörbare Schwere, dafür Mäandert es „vegetativ“ vor sich hin, wie in der Natur. Schade, und das ist in dem Fall ein sehr großer Nachteil, ebnet die Klangtechnik oder der Übertragungsweg die Höhepunkte komplett ein. Das war so extrem bei Deutschlandradio Kultur für uns noch nicht so zu hören. Im Scherzo wird gut beschleunigt, aber die Kompression macht viel kaputt. Das entfachte Furioso in der Coda bliebe besser erhalten, wenn die vom Orchester entfesselte Dynamik auch spürbar bliebe, aber das versteht sich ja von selbst. Ein Prestissimo wird nicht erreicht.

Im Andante mosso wird ebenfalls ein organischer Prozess des Werdens spürbar. Da strömt es wunderbar. Aber leider richtet auch hier der Kompressor oder Limiter die Dynamik komplett hin. Das leise Naturrauschen wird hoch gepegelt, das gewaltige ff verpufft im Begrenzer. Eine Oboe im mf klingt in dieser Verfahrensweise lauter wie das gesamte Blech im ff. Ein krasser Eingriff in die Kunstausübung der Musiker. Auch die Tiefenstaffelung, die ja in diesem Umfeld besonders „natürlich“ wirken sollte wird so ad absurdum geführt. Unbeeinflusst von technischen Mätzchen würde die in sich ruhende Naturbetrachtung sehr für sich einnehmen.

Die Klangtechnik bleibt sich auch im Allegro molto treu, reduziert die Blechbläsereruptionen auf ein erschreckend glattgebügeltes Mittelmaß. Das Orchester spielt überzeugend, das bekommt man zwar nicht zu spüren, aber man erkennt es an der spezifischen Anreicherung des Klangs, wenn ein großes Orchester richtig in die Vollen geht. Schade, dass man den Kompressor so dermaßen hart eingestellt hat. Da erübrigt sich eigentlich jeder weitere Kommentar.

Der Klang der Aufnahme sticht auch im Umfeld der Radio-Aufnahmen durch eine extrem eingeschränkte Dynamik hervor. Das Spiel selbst wirkt sehr präsent, aber alles ist nahezu gleich laut. Die Höhepunkte werden eingeebnet, die leisen Passagen kommen einem ungemein nahe, weil sie lauter werden als sie sollten. So klingt es manchmal atemberaubend präsent und transparent und manchmal ganz schwach. Das Bassfundament bei leisen Passagen ist enorm. Ausgewogenheit klingt ganz anders.

 

 

4

Marco Comin

Bremer Philharmoniker

Radio Bremen

2021, live

14:00  8:39  9:05  31:44

Dieser Mitschnitt wurde in der Bremer Glocke aufgenommen, einem Konzertsaal, der in Musikerkreisen als einer der besten Säle Europas zählt. Sie lässt ein warmes, intimes, gleichzeitig jedoch besonders klares Klangbild entstehen. In ihr hört man anders als z.B. in der leicht dämpfenden und leicht trockenen Semperoper oder in der pauschaleren Weimarhalle, die sprichwörtliche Nadel fallen. Marco Comin ist außer als Dirigent, auch als Historiker, Barock- und Originalklang-Spezialist bekannt. So dürfte es in diesem Mitschnitt für romantischen Klangrausch keine Chance geben. Er war 2012-17 Chefdirigent am Staatstheater am Gärtnerplatz in München. Im Sommer 2026 ist er der neue Chefdirigent in Bremerhaven geworden.

Das Spiel des Bremer Orchesters wirkt ungemein differenziert vor allem in dynamischer Hinsicht. Das Tempo entspricht einem gemächlichen Moderato, das übrigens bis zum Satzende durchgehalten wird. Es gibt kein heroisches Drängen, eher immer mal wieder ein feinzeichnendes Stocken, sodass sich eher eine Abfolge von Zuständen als ein Entwicklungsprozess ergibt. Das Orchester klingt voll und recht dunkel, die Violinen satt. Man bemerkt, wie bereits angedeutet, eine gewisse kleinteilige, lockere Prosa, die dem großangelegten Drama wenig entspricht und genauso einem weite Passagen überwölbenden Spannungsbogen. Aber an einem gewissen vegetativ-natürlichen Prozess könnte man schon denken. Man fühlt sich mehr an Sprache erinnert als an Gesang. Auch das große Fagott-Solo hat was Sprechendes. Der Höhepunkt wird kraftvoll gestaltet und der Übergang zum Scherzo-Teil bringt ordentlich Blech-Power mit. Das Accelerando im Scherzo selbst wirkt gemächlich. Auch im von Sibelius gewünschten Furioso der Coda bleibt sich Herr Comin treu. Wenig Tempo, gute Dynamik mit einem recht bissigen Blech. Für die Pauke war wieder einmal kein Platz mehr im bereits ausgefüllten Radio-Bremen-Klangbild. Man gibt sich in Bremen mit der niedrigsten Datenrate aller ARD-Sender zufrieden. Ähnlich gering ist er nur noch beim ORF. Vorbildlich, wenn es ums Sparen geht, aber etwas mehr sollte man sich und seinen Hörern schon gönnen. Die Klassik-Hörer/innen würden sich sicher bedanken, aber die machen ja nur eine sehr kleine Minderheit der Hörerschaft aus.

Das Andante mosso wirkt kammermusikalisch aufgelichtet, aufgelockert und flüssig, trotz der eher schweren Wolken, die der sonore Orchesterklang erzeugt. Da muss man den günstigen, den sonoren Klang befördernden Einfluss der Glocke mal wieder nennen, ohne dass der Beitrag des hochkarätigen Orchesters damit geschmälert werden soll. Da verpuffen die reichhaltigen Details nicht einfach, Die Streicher begeistern in diesem Satz genauso wie das Holz. Man darf den Saal bei der Qualität des akustischen Gesamtergebnisses, auch bei allen technischen Finessen und Manipulationsmöglichkeiten der Klangtechnik heutzutage nicht unterschätzen. Der unverfälschte Klang ist immer noch der Beste.

Dass das Bremer Orchester als Sibelius-Orchester eine gute Figur abgibt, beweist auch das Allego molto. Es bringt viel Wärme mit, um das nordisch Kühle abzumildern. Später in seinem Leben konnte Sibelius dem Luxusklang der großen Orchester viel abgewinnen, während er zuvor den asketisch-kargen Klang der heimischen Orchester höher schätze. Der Klang der Bremer wird nur durch die karge Datenrate in die Schranken verwiesen. Der Hymnus erklingt breit und episch, da kann und will sich auch Marco Comin nicht dagegen verwahren. Die Schlussakkorde mit den Paukenvorschlägen wirken nicht sonderlich wuchtig, die Pausen werden ziemlich lange ausgezählt. Den Punch von Thors Hammerschlägen hören wir nicht mit, die sollten markerschütternder wirken. Da fehlt die unbarmherzige Wucht. Vielleicht erneut ein Problem der Datenrate. Dem Applaus hört man die damals noch geltenden Corona-Abstandregeln noch an. Die Leistung des Orchesters ist unter diesen Umständen noch höher zu bewerten.

Der Klang des Orchesters wirkt angesichts der niedrigen Datenrate erstaunlich plastisch, natürlich, frei und farbig. Eine weite Dynamik gewährt die Aufnahme dem Orchester nicht. Erstaunlicherweise klingt der Mitschnitt noch nicht einmal dünn.

 

 

4

Karina Canellakis

London Philharmonic Orchestra

BR

2021, live

14:03  9:16  9:56  33:15

Der Mitschnitt entstand in der für das Orchester heimischen Royal Festival Hall, nicht zu verwechseln mit der gigantischen Royal Albert Hall. Dieses Konzert war das erste Konzert das Frau Canellakis als 1. Gastdirigentin des Orchesters verantwortete. Die BBC nahm es anscheinend ebenfalls auf und der BR übernahm es damals in sein Sommer-Festival-Programm. Im Abspann des Videos erscheint das BBC-Logo jedoch nicht. Ganz anders als bei Christoph von Dohnanyi gehört kann man hier wieder die weite, mächtige nordische Landschaft mithören. Und ganz anders als in Cleveland sind nun wieder Menschen mit all ihren Empfindungen mit dabei. Eine eher rasiermesserscharfe Deutlichkeit schadet gewiss nichts. Dennoch macht Frau Canellakis auch einen emotional involvierten Eindruck. Sie äußerte auch einmal, dass sie der Musik Sibelius´ besonders zugetan sei. Am inneren Puls der Musik wird nicht gerüttelt, es klingt von Beginn an spannend. Die finale Coda wird nicht eigens ins Prestissimo gesteigert (Sibelius: so schnell es geht). Das Tempo erscheint aber gegenüber dem vorherigen als konsequent. Einen „Erdrutsch-Charakter“ bei dem alle Fesseln fallen, wird nicht entfesselt. Auch in London gibt es spontanen „Szenenapplaus“ nach dem ersten Satz.

Das Andante mosso wirkt gemessen, lyrisch, fast schon episch und romantisch. Eine expressive Verschärfung unterbleibt. Langweilig wird es deshalb nicht. Man musiziert mit Gefühl und Wärme. Passend zu den bisher vorliegenden Live-Mitschnitten des LPO auf CD mit Berglund und Saraste.

Für den dritten Satz haben wir auf die Website des LPO gewechselt, denn da klingt der vom BR übertragende Audio-Mitschnitt komprimierter. Zudem liegt der Mitschnitt hier als Video vor. Es werden häufig Großaufnahmen der Musiker gebracht, die die bisher nur zu erahnende hochkonzentrierte Arbeitsatmosphäre nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar macht. Sehr atmosphärisch und gefühlvoller als bei Dohnanyi erklingt auch der 3. Satz. Die Hymne wird ganz langsam gesteigert und bleibt im Tempo langsam. Er erklingt als Ganzes in der Tradition Paavo Berglunds, dessen Sibelius-Aufnahmen Frau Canellakis so schätzt. Nicht von ungefähr kommt es also, dass ihr von allen bis dahin aufgenommenen LPO Live-Aufnahmen das Album mit Berglund mit den Sinfonien 2 und 7 am besten gefällt. Die Schlussakkorde erklingen präzise und wuchtig, die Pausen exakt gleich bemessen.

Der Dynamik der Sendung des BR wirkt durch Dynamikkompression stark eingeschränkt. Das mag einen Standard-Küchenradio-Hörer oder Handyhörer nicht einschränken, aber für den Freund orchestraler Wucht ist das ein Gräuel. Auf der Website des LPO klingt es besser, aber da gibt es derzeit nur den 3. Satz, den man bei YouTube ebenfalls finden kann.

 

Das LPO lässt uns über YouTube immerhin den dritten Satz mit seiner ersten Gastdirigentin hören und sehen:

 

https://www.youtube.com/watch?v=hfbj3KE2t_Y

 

 

4

Hannu Lintu

Finnisches Radio-Sinfonieorchester, Helsinki

YouTube

2015, live

14:10  9:05  9:24  32:39

Hannu Lintu war 2013-21 Chefdirigent des Finnischen RSO. Seit 2022 ist er der Musikdirektor der Finnischen Nationaloper. 2011 eröffnet in Helsinki das Musiikkitalo (Musikzentrum) mit einer Akustik von Yashuhisa Toyota, der auch in der Elbphilharmonie in Hamburg für die Saalakustik verantwortlich war. Man entschied sich, wie in der Berliner Philharmonie oder im Leiziger Gewandhaus für eine Weinberganordnung der Zuschauerplätze. Im Musiikkitalo befindet sich der einzige uns bekannte Konzertsaal mit einer weißen Bühne. Ob die allerdings heute, elf Jahre nach der Erstellung des Konzertvideos, noch so strahlend weiß aussieht? Die Aufnahmen zur Gesamtaufnahme, die nur als Video erschienen ist, entstanden anlässlich des 150. Geburtstag von Sibelius. Die Instrumentengruppen klingen bei dem Mitschnitt alle sehr schön für sich, da verschmilzt nicht viel, ganz ähnlich wie in der Elbphilharmonie.

Hannu Lintu, ebenfalls Schüler von Jorma Panula, lässt sein Orchester wenig spätromantischen Schmelz verbreiten, obwohl das Orchester recht voll und weich klingt. Der Gestus wirkt allzu kontrolliert und mit wenig Drang nach vorne, mitunter sogar etwas lasch. Auch in der Coda könnte mehr Feuer nicht schaden. Das Orchester verfügt mittlerweile über ein ausgezeichnetes Niveau, das mit Lintus Nachfolger Nicolas Collon in der Ondine-Aufnahme bestätigt wird. Das gewünscht raue, unberechenbar Wilde, Naturhafte in der Coda hört man am stärksten ungefiltert bei Gaetano Delogu und der Tschechischen Philharmonie des Jahres 1980. Bei Lintu herrscht eine aufgeklarte Tendenz zur Nüchternheit, da wirken keine Naturkräfte mehr. Ein direkter Vergleich wirkt ernüchternd.

Im Andante mosso wird flüssig und beredt schreitend jede Note freigelegt. Das Orchester scheint in dieser Akustik jeden „fetten Ballast“ über Bord geworfen zu haben und gibt vornehmlich den Blick auf das architektonische Profil des Satzes frei, was im Übrigen auch für die beiden anderen Sätze gilt. Aber die Musik atmet nun freier als im ersten Satz.

Das Allego molto erklingt zügig und wird sauber und transparent hingestellt. Es klingt aber eher nach einem Schweizer Uhrwerk als nach finnischen Wäldern oder aufsteigenden Großvögeln, obwohl Lintu die Bläser sehr plastisch die Laute der Schwäne nachahmen lässt. Naturgewalten werden auch in diesem Satz nicht unbedingt freigesetzt oder gar entfesselt, die emotionale Leine nie losgelassen. So fehlt dem Flug der Schwäne und dem Finale eine gewisse Archaik und animalische Kraft.

Der Klang des Videos wirkt sehr klar und deutlich, weiträumig und tendenziell analytisch. Die Tiefenstaffelung ist sehr gut, die Dynamik für YouTube-Verhältnisse ausgezeichnet.

 

https://www.youtube.com/watch?v=V7ZwbY0bigc

 

 

4

Olari Elts

Staatskapelle Weimar

Deutschlandradio

2025, live

13:42  8:10  8:46  30:38

Olari Elts ist Este, Jahrgang 1971 und tief in der nordisch-baltischen Geschichte und Moderne verwurzelt. Derzeit ist er Chefdirigent des Estnischen Nationalen Sinfonieorchesters in Tallin und der Sinfonietta Riga. Aufgenommen wurde in der Weimarhalle, deren Akustik als warm und vollmundig gilt. Der Raum soll die Frequenzen zu einem homogenen, runden und fülligen (allerdings, wie zu hören) weniger transparenten Gesamtklang mischen. Tatsächlich scheint der Klang dem Orchester zu schmeicheln, sodass die Staatskapelle einen ausgezeichneten Eindruck hinterlässt, denn sie klingt sonor und schlagkräftig. Elts lässt detailgenau, stringent und unverzärtelt spielen. Der heikle erste Satz wird spannungsreich dargeboten. Im Scherzo-Teil ist man jedoch zu sehr auf Kontrolle aus und die Beschleunigung wirkt lasch. Die Coda wird nicht mit der letzten Konsequenz gesteigert, sowohl was Tempo auch Dynamik und Gestus betrifft.

Das Andante erklingt mit Kompetenz und Selbstverständlichkeit mit einem flüssigen Tempo, sogar mit dem wärmeren Orchesterklang als die Wiener Symphoniker unter Alain Altinoglu, bzw. der Aufnahmetechnik, die einen wärmeren Gesamtklang erzeugt. Es klingt nicht trocken und eine spröde machende Datenreduktion ist ebenfalls nicht spürbar.

Das Allego molto gefällt mit einem sehr gefühlvoll dargebotenen Schwanenflug. Die Col-legno-Passagen kommen sehr gut heraus. Man lässt sich viel Zeit für Details und Valeurs. Die Zeit erscheint noch langsamer zu verfliegen, als es die gemessene Zeit suggeriert.

Der Klang des Orchesters in der Weimarhalle scheint „weit geöffnet“, tief gestaffelt und dynamisch. Vom Klang, den man ja via Rundfunk nicht allzu oft zu hören bekommt, ist man positiv überrascht. Besonders aber nicht nur der satte Streicherklang verbreitet viel Natürlichkeit und Wärme.

 

 

 

3-4

Alain Altinoglu

Wiener Symphoniker

ORF

2022, live

13:00  8:11  8:59  30:10

Das Konzert fand damals noch unter streng reglementierten Corona-Bedingungen wie Abstandsregel und Maskenpflicht statt. Da gab es wohl nur wenige priviligierte Zuhörer im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Das erzeugte wahrscheinlich noch eine unwirkliche Atmosphäre der Isolation, obwohl man sich schon fast daran gewöhnen konnte. De facto dürfte man eher für die Zuhörer am heimischen Radio gespielt haben. Eigentlich geht es sehr lebendig und zügig voran, wobei an der melancholischen Note nicht gespart wird. Vielleicht noch verstärkt durch die momentanen Umstände. Jedenfalls wirkt die erzeugte Atmosphäre erstaunlich düster, ja unheimlich. Dem Orchesterklang fehlt es leider in dieser Aufnahme an Rundung und Fülle. Man spielt jedoch differenziert und flexibel. Das Holz könnte jedoch genau wie die Hörner besser herauskommen. Die Coda wird gut im Tempo gesteigert, erreicht aber nicht den Grad des Frenetischen. Besonders das Blech bleibt hinter dem Möglichen zurück, vor allem weil es viel zu weit im Rückraum der Bühne steckenzubleiben scheint, während die Pauke lobenswerter Weise gut hörbar bleibt.

Das Andante mosso wirkt feinsinnig und kommt ohne dynamische Ausschweifungen aus. Holz und Streicher können hier voll überzeugen. Die Oboen klingen auch bei den Symphonikern längst weich und voll. Der langsame Satz wirkt wie ein in sich ruhendes Binnenstück zwischen den beiden kraftvollen Außensätzen, aber ohne Intermezzo-Charakter. Ohne eine Gefühlsregung zu ignorieren, aber doch ohne emotionale Entäußerung, wie in manch einer anderen Aufnahme.

Das Allego molto wirkt zügig, transparent aber noch ein wenig zu kontrolliert und über weite Passagen etwas spannungslos, sämig-träge und harmlos. Irgendwie bekommt man keinen rechten Zugriff. Der Hymnus bleibt allzu nüchtern und begeistert nicht so recht. Frei vom evtl. in die Pausen zwischen den Akkordblöcken hineinbrechenden Schlussapplaus, konnte Altinoglu die Pausen ohne Druck von außen lange ausdehnen. Die Akkorde selbst wirken ziemlich schwach. Der Applaus wirkt unter den Gegebenheiten noch erstaunlich reichhaltig. Anscheinend waren doch nicht nur eine Handvoll Zuhörer vor Ort.

Die Räumlichkeit der Aufnahme erfreut durch Weite und Tiefe. Durch die geringe Datenrate, die der ORF via Satelliten pflegt, fehlen dem Klang oft (aber längst nicht immer) Sonorität und Brillanz. Er wirkt eher matt. Die Dynamik weiß zu gefallen und wirkt nicht so eingeengt wie bei der Sendung des BR mit dem LPO unter Karina Cenellakis. Durch den nur schwach gefüllten Saal hätte man vielleicht doch eine verstärkte Helligkeit oder Resonanz erwarten können. Die Techniker konnten das jedoch anscheinend prima kompensieren. Insgesamt fehlt es an Fülle, was aber ebenfalls eher auf die niedrige Datenrate zurückzuführen ist als auf das Orchester selbst.

 

 

3-4

Klaus Mäkelä

Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks

BR-ORF

2020, live

14:31  9:13  9:13  32:57

Die Aufnahme des BR aus dem Münchner Herkulessaal wurde wenig später vom ORF ausgestrahlt. Es handelt sich dabei um das Debütkonzert Klaus Mäkeläs beim BRSO. Da das Konzert im Januar stattfand war noch keine Belastung durch die Covid-19-Pandemie zu spüren. Die Infektionswelle setzte erst etwas später im Februar 2020 so richtig ein und hatte dann schon bald den ersten Lockdown zur Folge. Zu Mäkeläs Debüt kam es, weil er extrem kurzfristig für seinen erkrankten Landsmann Mikko Franck einsprang.

Man bemerkt sofort wie betulich sich Klaus Mäkelä dem Beginn des ersten Satzes nähert. Deutlich betulicher als Tarmo Peltokoski bei seinem Debütkonzert beim Estnischen Staatsorchester.  Man hört gekonnt ausgeführte Soli und hochwertiges Orchesterspiel aber auch nicht viel mehr. Ansonsten scheint man sich in Detailbetrachtungen zu verlieren. Während der gezogenen Entwicklungsteile stellen sich auch in München mal fast Stillstand und sogar Langeweile ein. Die Coda wird dann wieder dynamisch rigoros abgeregelt. Total eingeebnet kann da kein furioser Eindruck mehr entstehen, wiewohl das Orchester spürbar zulegt an Tempo und an mutmaßlicher Dynamik. Letzteres verläuft jedoch wie im Sand. So wirkt der Satz als Ganzes gebremst und domestiziert.

Ohne die, so wird ja verschiedentlich berichtet, die physische Ausstrahlung des jungen Charismatikers am Radio erfahren und die zweifellos vorhandene Eleganz seines Dirigats sehen zu können, plätschert auch die Darbietung des Andantes mosso so dahin. Ohne die erforderliche Spannung klingen auch die BR-Sinfoniker mal glatt und die Darstellung bleibt im Mittelmaß stecken. Die Klangschönheit des Orchesters wird von der datenreduzierten Sendung auch nicht gerade befördert.

Wenig beherzt beginnt das Allegro molto. Aber die nobel und plastisch herausgestellte Flugbewegung beim Auftreten des Schwanenthemas lässt Streicher und Holz dabei besonders klangschön erscheinen. Das Orchesterspiel wirkt nun exquisit, anscheinend hat man sich nun aneinander angenähert. Der Vortrag verbleibt jedoch im Gemächlichen. Der rigoros eingestellte ORF-Kompressor gibt der Darbietung wirklich dieses Mal den Rest, nimmt Glanz und Durchschlagskraft bei der Schwanenhymne. Die Schlussakkorde klingen lapidar und ohne jede Durchschlagskraft. Eine herbe Enttäuschung, denn wenn es schon so langsam vorangeht, sollte man es doch wenigstens nicht an Opulenz und/oder Durchschlagskraft fehlen lassen, wie sie bei Mikko Franck in Berlin zu hören waren.

Das vom ORF nur in Stereo und stark komprimiert gesendete Konzert macht die Sinfonie ziemlich platt. So lässt sich die musikalisch allenfalls lauwarme Darbietung nicht retten. Dieses Mal klingt es leider wirklich richtig schlecht.

 

 

3-4

Daniel Bjarnason

HR-Sinfonieorchester

HR

2022, live

14:06  8:46  9:28  32:20

Diese Aufnahme erfolgte pandemiebedingt ganz ohne Publikum im HR-Sendesaal. Daniel Bjarnason war bei dem Konzert 43 Jahre jung und sollte mit dem geschärften Blick eines der bekanntesten jüngeren Komponisten des Nordens auf die Partitur blicken. Er war bereits bei einigen Orchestern als „Composer in Residence“ oder „Artist in Residence“ zu Gast. Eine routinierte Sichtweise eines Altmeisters erwarten wir von ihm eigentlich nicht.

Die Einspielung gleicht weniger den beiden anderen Einspielungen des HR-Sinfonieorchesters mit Dalia Stasevska und Hugh Wolff als  Hannu Lintus Aufnahme von 2015. Es fehlt an markiger Zuspitzung. Vielleicht fehlt ohne Publikum auch einfach der letzte Ansporn oder die Gesamtsituation der Corona-Jahre hat den gewissen Impuls geraubt? Das Orchester spielt eigentlich wie gewohnt makellos und klangschön. Aber die Musik plätschert irgendwie unaufgeregt vor sich hin und wird auch in der Coda nicht zum Äußersten getrieben, wo es erforderlich wäre. Das Schroffe und Kantige der Darbietung von Hugh Wolff fehlt genauso wie das Emotionale derjenigen von Dalia Stasevska. Es klingt nach glatter Reserviertheit.

Das Andante gefällt viel besser. Da bricht das emotionale Eis auf und die musikalischen Gewebe erhalten gefühlvollere Konturen. Dazu hilft das flüssige „Geher-Tempo“ und der warme Orchesterklang genauso wie eine fast „zärtlich-leichte“ Transparenz.

Im Allegro molto will einfach kein Funke überspringen. Darin erinnert die Darbietung an die 2020er Aufnahme Klaus Mäkeläs in Oslo, die ebenfalls in Quarantäne stattfand. Sogar die Schlussakkorde kommen zwar präzise aber ohne Nachdruck, die Pausen wieder einmal stark verkürzt. So fehlt dem Ganzen die existenzielle Wucht, es packt nicht. Wenn man sich jedoch die bedrückende Stimmung, die damals in den bleiernen Corona-Jahren herrschte, noch einmal vergegenwärtigt, so muss man insgesamt doch noch von einer ziemlich runden Leistung reden.

Der Klang der Aufnahme wirkt wie beim HR üblich voll, rund, warm und recht dynamisch. Für ein YouTube-Video klingt es sehr gut. Der HR ist der bei weitem fleißigste Sender der ARD, wenn es um die Veröffentlichung von Mittschnitten seines Sinfonieorchesters geht. Die daraus resultierende öffentliche (weltweite) Präsenz könnte ihm helfen, wenn es zum nächsten Kürzungskonzert kommt und die Existenzberechtigung des einen oder anderen Sinfonieorchesters wieder einmal hinterfragt wird.

 

https://www.youtube.com/watch?v=egl3KPW4q3Q

 

 

3-4

Sergiu Celibidache

Münchner Philharmoniker

BR via YouTube

1992, live

16:18  10:13  11:18  38:01

Bei diesem YouTube-Fundstück handelt es sich mutmaßlich um eine Aufnahme einer BR-Sendung, die ein Musikfreund auf CD-R aufgenommen und dann von jemand anderem auf dieser omnipräsenten Plattform eingestellt wurde. Gegenüber den drei früheren Celibidache-Mitschnitten fällt das Tempo des Molto moderato nun schon ziemlich schleppend aus, Die verschiedenen Tempi, die ja eine Besonderheit nicht nur in dieser speziellen Sinfonie darstellt sind, kaum noch zu unterscheiden. Man hört fast nur noch ein teilweise sehr wenig transparentes Dauer-Misterioso. Als ein Beispiel für den spätesten Celibidache-Stil hat das gewählte Presto-Tempo überhaupt keinen Presto-Charakter mehr. Der Tempobogen erscheint im ersten Satz insgesamt von A-Z überspannt. Eine esoterische Lesart.

Bei zweiten Satz wird das Andante mosso eindeutig vor dem Tempozusatz quasi allegretto bevorzugt. Eigentlich macht Celibidache hier ein gefühltes Largo aus der Musik. Das Poco tranquillo wirkt so sehr sehnsuchtsvoll, fast schon depressiv. Das Poco a poco stretto wirkt unwillig und träge. Der Satz verliert völlig seine tänzerische, seine spielerische Note. Er klingt alles vornehmlich nur noch langsam. Zu langsam.

Die Münchner spielen genauso gut wie bei dem von ihnen selbst veröffentlichten Mitschnitt der Fünften von 1988. Es ist aber klar, dass man zur Veröffentlichung die ältere Version gewählt hat. Schon alleine wegen der exzentrischen Tempi. Bei den Pauken-Vorschlägen verfährt Celi nun anders als 1988. 1988 gibt es alle Akkorde, also auch die beiden letzten Akkorde ohne Paukenvorschläge, 1992 spielt die Pauke bei den für sie vorgesehenen drei Akkorden mit, lanciert den Vorschlag aber nur bei den beiden letzten Akkorden. Diese spezielle Variante war bis jetzt noch nicht zu hören.

Dieser Mitschnitt zeigt im Vergleich zur aufwändig aufbereiteten Veröffentlichung der 1988er Aufnahme bei MPhil eine viel geringere Transparenz und nicht die ausladende Räumlichkeit und Größe der MPhil-Version. Sie klingt weniger sonor, bringt weniger Brillanz und Detaildelikatesse mit. Zudem rauscht sie ziemlich stark. Übrigens klingt sie beim YouTouber „L`ile aux cerfs“ besser als beim unten zuerst genannten Link. Die Pauke klingt nur dumpf. Je nach Anbieter kann es auch mal zu vertauschen Kanälen kommen. Es gibt zudem erheblich mehr Publikumsgeräusche als bei MPhil. Dafür kann man die 1992er kostenlos hören, ansonsten ist die MPhil-Ausgabe in jeder Beziehung vorzuziehen.

 

https://www.youtube.com/watch?v=SN7D0GQYeOY

 

https://www.youtube.com/watch?v=-juJVqaVPOc

 

 

 

10.10.2026